Das hl. Meßopfer

von Pater Anselm Schott, O.S.B.

(1960)

Zur Einführung

I. Vom heiligen Meßopfer

1. "Um die ewige Erlösung zu wirken (Hebr. 9, 12), wollte Christus sich einmal auf dem Altare des Kreuzes dem Vater zum Opfer darbringen. Sein Priestertum sollte aber mit seinem Tode nicht aufhören. Deshalb brachte er beim letzten Abendmahl seinen Leib und sein Blut unter den Gestalten von Brot und Wein Gott Vater dar und wollte damit seiner Kirche ein Opfer hinterlassen, durch welches das blutige, einmal am Kreuze darzubringende Opfer vergegenwärtigt, das Andenken daran bis zum Ende der Welt festgehalten und seine heilsame Kraft zur Nachlassung der Sünden zugewendet würde, die von uns täglich begangen werden" (Trid. Sess. XXII, c. 1).

So das Konzil von Trient. Es bringt das Opfer der heiligen Messe mit der Passahfeier im Abendmahlssaal und mit dem Opfer Christi am Kreuze in Verbindung. Es erklärt, daß die heilige Messe ein "wahres und eigentliches Opfer" ist. Die Opfergabe, die Gott in der heiligen Messe dargebracht wird, ist ein und dieselbe wie jene, die einst am Kreuze geopfert wurde, nämlich Christus, der Gottmensch, eine reine, heilige, unbefleckte, Gott vollkommen wohlgefällige Opfergabe, eine Opfergabe von unendlichem Wert. Darin liegt die überragende Würde des Opfers der heiligen Messe, daß wir in ihr Christus selbst, den lebendigen Christus mit Gottheit und Menschheit, mit seinem heiligen Innenleben, mit seinem Beten, Lieben, Lobpreisen und Sühnen, mit den unendlichen Verdiensten seines Erdenwirkens und mit der überschwenglichen Fülle der Güte und Werte seines verklärten Lebens im Himmel als unsere Gabe vor Gott bringen können. Die Macht dazu ist uns durch die heilige Taufe verliehen worden: dazu sind wir Getaufte, Christen, um diese erhabene Opfergabe Gott mit dem Priester darbringen zu können, ihm dadurch eine vollkommene, Gottes wahrhaft würdige Verherrlichung zu bieten und so den Zweck unseres Daseins ganz zu erfüllen.

Die Gestalten von Brot und Wein sind zum Vollzug des eucharistischen Opfers wesentlich notwendig, da sie das Opfer Christi in der heiligen Messe zu einem sichtbaren Opfer machen. "Die Natur des Menschen verlangt ein sichtbares Opfer" (Konzil von Trient).

(Christus der Opferpriester.) Christus ist in der heiligen Messe zugleich die Opfergabe und der Opferpriester. Am Kreuz und auf dem Altar haben wir "ein und dieselbe Opfergabe und ein und denselben Opfernden [Priester]" (Konzil von Trient). "Weil im Alten Testament wegen der Unzulänglichkeit des levitischen Priestertums die Vollendung (das Vollkommene) nicht erreicht werden konnte, mußte ein anderer Priester auftreten, unser Herr Jesus Christus" (Konzil von Trient). In der heiligen Messe steht der "heilige, schuldlose, reine Hohepriester, der nicht aus der Zahl der Sünder, sondern über alle Himmel erhaben ist" (Hebr. 7, 26), am Altar. Sein Beten und Opfern hat einen unendlichen, göttlich großen Wert. Jedes Opfern und Beten eines Geschöpfes im Himmel und auf Erden, das nicht in das Opfern dieses Hohenpriesters einbezogen und mit ihm eins geworden ist, wäre gehaltlos, eine Schale ohne Kern, vor Gott ohne Wert und Wirkung.

(Christus und der menschliche Priester.) Christus ist in der Feier der heiligen Messe der eigentliche Priester und Opferer. Aber er opfert durch den sichtbaren, d.h. durch den geweihten menschlichen Priester. Dieser besitzt in seinem Priestertum kein anderes Priestertum als das Christi selbst, er übt Christi unsichtbares Priestertum in sichtbarer Weise aus, ganz und gar abhängig vom Hohenpriester, als dessen Werkzeug und Stellvertreter. So ist und bleibt Christus der eigentliche Priester. Er ist dies in der heiligen Messe nicht etwa bloß dadurch, daß er sie eingesetzt und sie darzubringen befohlen hat; auch nicht bloß dadurch, daß sie ihre Kraft und Wirksamkeit von ihm hat, oder bloß dadurch, daß er Priester und Gläubige zur Feier und Mitfeier der heiligen Messe anregt, sondern vor allem durch die unmittelbare und persönliche Darbringung des eucharistischen Opfers. Christus opfert, indem er in jeder heiligen Messe, durch die Kraft seiner Gottheit und Menschheit, mittels des geweihten Priesters Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut verwandelt. In der Verwandlung (Konsekration) vollzieht sich die eigentliche Opferhandlung der heiligen Messe. Diese Verwandlung nimmt aber in jeder heiligen Messe Christus selber vor: "Das ist mein Leib. Das ist mein Blut". In jeder Messe betätigter seine priesterliche Gesinnung Gott und den Menschen gegenüber, die vollkommene Hingabe an den Vater zum Heile der Menschen. Mag der geweihte Priester, der Mensch, auch unvollkommen sein, mag er mit Schwachheiten und Sünden behaftet, ja mit unreinen Händen am Altare stehen, das Opfer, das er darbringt, bleibt doch immer rein: das Opfer Christi. Deshalb ist das eucharistische Opfer stets und überall das heilige, unbefleckte Opfer und, wie das Opfer am Kreuz, von unendlichem Wert und unendlicher Vollkommenheit.

(Opferhandlung = Konsekration.) Zum Opfer gehört außer der Opfergabe und dem Opferpriester die Opferhandlung. Die eucharistische Opferhandlung ist in der Konsekration des Brotes und Weines beschlossen. Die "Opferung" der Messe ist nicht die eigentliche Opferhandlung: sie ist die Überbringung der Opfergaben auf den Altar, die liturgische Zubereitung der Opfergaben und zugleich der sichtbare Ausdruck unserer Teilnahme am Opfer, da die Opfergaben auch ein Sinnbild von uns sind (Opfervorbereitung). Wahre und wirkliche Opferhandlung ist die heilige Wandlung. Gerade als Opferhandlung muß die Wandlung irgendwie der sinnlich wahrnehmbare, menschliche Ausdruck der innern Opfergesinnung Christi und der sich mit ihm opfernden Kirche sein.

Wie bringt nun die heilige Wandlung die innere Opfergesinnung Christi, seine restlose Selbsthingabe an den Vater, sichtbar zum Ausdruck? Darüber bestehen unter den Theologen die verschiedensten Ansichten. Die Meßformulare der einzelnen Kirchen und Riten geben ebenfalls keine klare, unzweideutige Antwort auf diese Frage. Sicher ist, daß Christus, und zwar indem er als Haupt der Kirche und mit seiner Kirche opfert, im Opfer der heiligen Messe die Opfergesinnung, die er am Kreuze hatte, unverändert besitzt und zur Darstellung bringt, freilich nicht mehr in der Form eines blutigen, qualvollen Sterbens, sondern "in unblutiger Weise" (Konzil von Trient). Sicher ist, daß die heilige Messe wie das Kreuzesopfer ein wahres, in der Gegenwart sich vollziehendes Opfer ist. Bei diesem Opfer wird an der Opfergabe eine Handlung vorgenommen, in der der Heiland seine ewig bleibende, unendlich vollkommene Gesinnung gegen Gott, von der er am Kreuze beseelt war, zum Ausdruck bringt und für die Ehre Gottes und unser Heil fruchtbar macht.

2. (Messe und Kreuzesopfer.) Deshalb ist die heilige Messe in ihrem Wesen eine Nachbildung des Kreuzesopfers Christi, aber nicht ein leeres, schattenhaftes Bild, wie es etwa ein Passionsspiel ist, sondern eine wirkliche Darstellung, in welcher derselbe Christus, der sich am Kreuze opferte, lebendig, wenn auch nicht in blutiger Weise, im gleichen Geist und mit derselben innern Gesinnung sich opfert, wie ehedem am Kreuze. Die heilige Messe ist demnach ein lebendiges, die Wirklichkeit geheimnisvoll in sich schließendes Bild, eine lebendige Vorführung und in diesem Sinne eine wesenhafte Vergegenwärtigung oder Erneuerung (Röm. Katechismus) des Kreuzesopfers. Die heilige Messe schließt also eine innere und wesenhafte Beziehung zum Kreuzesopfer ein und ist nur in dieser Hinordnung auf das Kreuzesopfer ein wahres Opfer. So ist sie notwendigerweise ein relatives Opfer, d.h. ein auf das Kreuzesopfer bezogenes, von ihm abhängiges, es abbildendes und nachbildendes Opfer, ein Gedächtnisopfer, nicht ein bloßes Opfergedächtnis.

Darin liegt die Würde und Bedeutung der heiligen Messe, daß sie ein und dasselbe Opfer ist wie das am Kreuze, ebenso heilig, ebenso gottgefällig. Deshalb verschafft auch sie Gott unendliche Ehrung, bietet ihm unendlichen Lobpreis, unendliche Danksagung und Anbetung. Für uns aber zeitigt jede heilige Messe dieselbe Frucht wie das Kreuzesopfer: sie wendet uns die von Christus am Kreuze erworbenen Verdienste, Gnaden und Genugtuungen zu.

3. (Messe und Leben Christi.) Weil die heilige Messe ihrem innersten Wesen nach zum Kreuzesopfer in Beziehung steht, muß sie zuallererst aus diesem verstanden und erklärt werden. Das Kreuzesopfer ist der klarste Ausdruck der Opfergesinnung, des vollkommenen Gehorsams und der liebenden Selbsthingabe Christi an den Willen Gottes. Aber Christi Tod am Kreuz ist nicht das letzte. Zum Werke der Erlösung gehört nicht bloß das Sterben Christi, seine Erniedrigung, sondern auch die Auferstehung und die Himmelfahrt, seine Erhöhung und Verklärung. Tod und Auferstehung Christi gehören zueinander wie Erlösung von der Sünde und Mitteilung der Gnade. "Um unsrer Sünden willen ist er gestorben und um unsrer Rechtfertigung willen ist er auferstanden" (Röm. 4,25). Die Verklärung Christi ist eine Ergänzung und Vollendung seines Sterbens, sie gehört zur Vollständigkeit der Erlösung und bildet mit dem Leiden und Sterben Christi ein Ganzes. So steht geschrieben: "Christus mußte leiden und am dritten Tage auferstehen" (Luk. 24,46). Die Verklärung Christi ist nicht bloß Opferlohn, sie ist auch Opferziel. Deshalb ist die heilige Messe ein Gedächtnis nicht bloß des Leidens, sondern auch der Auferstehung und Himmelfahrt Christi, seines verklärten Lebens und Wirkens. Die ganze Erlösungstat Christi, die ihren Höhepunkt hat in Tod und Auferstehung, ist so der Inhalt der Feier der heiligen Messe (vgl. das Kanongebet Unde et memores nach der Wandlung).

(Messe und Kirchenjahr.) Trotz aller Verschiedenheit der im Opfer der heiligen Messe gefeierten Festgeheimnisse und trotz aller Abwechslung in den Lese- und Gesangsteilen bleibt das Meßopfer immer und notwendigerweise eine Abbildung und Darstellung des Kreuzestodes Christi, an Weihnachten ebenso wie an Ostern oder am Fest der heiligsten Dreifaltigkeit. Ob im Sinne der Liturgie Christus in der heiligen Messe als Herr und König oder als Mann der Schmerzen oder als Arzt und Totenerwecker auftritt, immer und überall erscheint er hier als der, welcher als Haupt seiner Kirche seinen Opfertod am Kreuze unblutig erneuert und opfernd uns dessen Früchte zuwendet; freilich wechseln diese Früchte und Gnaden, je nach dem Festgeheimnis und je nach der Verfassung unserer Seelen. Dabei ist aber der Christus, der in der heiligen Messe sein Opfer am Kreuze erneuert, dieselbe Person, die an Weihnachten im Stalle geboren wird, die beschnitten wird, die im Evangelium lehrt, tröstet, heilt, Tote erweckt, die von den Toten aufersteht und in den Himmel auffährt. Zudem zielen die Menschwerdung, die Geburt, das verborgene und öffentliche Leben Jesu auf den Höhepunkt der priesterlichen Tätigkeit Christi, auf das Opfer am Kreuze und dessen Vollendung in der Auferstehung von den Toten hin. Christi Verklärung und Erhöhung sind die Frucht der Selbsthingabe am Kreuze. So bewegen sich die Geheimnisse des Erdenlebens und des himmlischen Lebens Christi um das Sterben Christi am Kreuze und sind in ihm in einem gewissen Sinne enthalten, weil Christus in allen Geheimnissen derselbe ist, und weil die verschiedenen Geheimnisse und Werke Christi auf das Opfer am Kreuz hingeordnet sind, das in der Feier der heiligen Messe nachgebildet und erneuet wird.

4. (Opfer der Kirche.) Die heilige Messe ist nicht bloß das Opfer Christi, sie ist auch das Opfer der Kirche, sie wird von der Kirche und durch die Kirche Gott dargebracht. Im Opfer der heiligen Messe besitzt die Kirche ihr erhabenstes Gut, ihren größten Reichtum, die höchste Form ihrer Frömmigkeit. In ihr kann sie dem unendlichen Gott einen unendlichen Erweis von Liebe und Dankbarkeit darbieten, einen unendlichen Ersatz für jede Sünde und Schuld. In ihr wird Christi Opfern und Beten das Opfern und Beten, Lieben und Lobsingen der Kirche und ihrer einzelnen Glieder. In ihr wird die Kirche selbst die Priesterin der Menschheit und der Gesamtschöpfung und singt Gott durch Christus und mit Christus und in Christus den Hymnus des vollkommensten Lobpreises. In ihr erfüllt die Kirche ihren eigentlichen und ersten Beruf, für den sie geschaffen ist und in den Wassern der Taufe neugeboren wird. Heiligeres, Segensvolleres kann sie nicht vollbringen, als was sich in der Feier der heiligen Messe vollzieht. Heiligeres, Segensvolleres gibt es auch für den Christen nicht, als die heilige Messe im rechten Geist mitzufeiern.

Dies geschieht dadurch, daß wir in Christus und mit Christus unsrer Opfergabe, uns selbst mitopfern (siehe darüber S. 20*ff.). Die Opfergabe vertritt die Stelle dessen, der sie darbringt. In der Opfergabe dringt der Opfernde sich selbst zum Opfer; tut er dies nicht, so opfert er rein äußerlich und in hohen Maße unvollkommen.

5. (Messe und Erlösung.) In der ununterbrochenen Feier der heiligen Messe steht die Kirche gleichsam immer am Fuße des Kreuzes. Aus Christi Blut wird sie immerfort neu geboren, erhält sie neue Kraft, stetes Wachstum. Aus der heiligen Messe, die ja das Kreuzesopfer gleichsam verewigt und festhält, strömen der Kirche, und in ihr den einzelnen, alle Gnaden zu, die Kraft der heiligen Sakramente, die Kraft der heiligen Weihen, die Kraft zum Heldenmut in Opfer und Entsagung, die Kraft zur Erwerbung der ewigen Verklärung. So steht die heilige Messe im Mittelpunkt unsres ganzen religiösen Lebens.

Das Werk der Erlösung ist in der Kirche und in den einzelnen noch nicht vollendet. In der heiligen Messe und durch sie wird es stets weitervollzogen und seiner Vollendung entgegengeführt. Deshalb betet die Kirche: "So oft man das Gedächtnis dieses Opfers feiert, wird das Werk unserer Erlösung vollzogen" (Stillgebet vom 9. Sonntag nach Pfingsten). Die heilige Messe schöpft die erlösende, heiligende, gnadenspendende Kraft aus dem Kreuzesopfer; dieses wirkt sich aus im Opfer der heiligen Messe. In diesem Sinne kann die Liturgie sagen: "Wir opfern dir (in der heiligen Messe) jenes Opfer, von dem jedes Martyrium seinen Ausgang nahm" (Stillgebet vom Donnerstag in der 3. Fastenwoche). Jede Kraft zum Martertod und jede Gnade, für Christus den Tod zu erleiden, quillt ja aus dem Kreuzesopfer Christi, das in der heiligen Messe vergegenwärtigt wird, in ihr seine Kraft ausstrahlt und den Seelen einströmt. In diesem "einen Opfer" des Kreuzes, das in der heiligen Messe "erneuert" wird (Röm. Katechismus), sind alle Opfer des Alten Bundes zur Vollendung gebracht (Stillgebet vom 7. Sonntag nach Pfingsten). Dort war nur der Schatten, im Opfer auf dem Altar ist die Wirklichkeit, Christi Opfer.

6. (Opfermahl.) Die Opferfeier findet naturgemäß im Opfergenuß, Opfermahl, ihren Abschluß. Die "Kommunion" ist nicht ein Wesensbestandteil der Opferhandlung im strengen Sinne, gehört aber doch zur Vollständigkeit des Opfers, ähnlich wie die Auferstehung und Verklärung Christi zur Vollständigkeit des Erlösungswerkes Christi am Kreuze gehört. Der Vater hat unsre Opfergabe, Christus, wohlgefällig angenommen. Was wir in Form der Opfergabe durch Christus zu ihm empor trugen und vor sein Angesicht brachten, das steigt nun in Form der Gnade und des Segens auf uns hernieder, ein wirksamer Friedenskuß des Vaters für seine Kinder, eine liebevolle Umarmung der Kinder im Sohne seiner Liebe, an dem er sein ganzes Wohlgefallen hat. Als Sünder traten wir mit dem Priester an den Altar. Was konnten wir aus uns bieten? Christus wurde unsre Opfergabe. Jetzt empfangen wir in wunderbarem "Austausch" in der heiligen Kommunion den verklärten, geopferten Christus, unsre Opfergabe, damit sie uns mit göttlichem Leben, mit Christi Geist und Gesinnung erfülle und unsern Willen in seinen Opferwillen hineinziehe und für den neuen Tag, die neue Woche mit seiner Hingebung an den Vater verbinde (vgl. das Stillgebet vom 18. Sonntag nach Pfingsten).

So sind wir im Opfermahl Träger der Gesinnung Christi geworden. Nun soll der Opferduft in die Mühen und Beschwerden des Tages hineingetragen werden. Das Opfer, das Mitopfer mit Christus, da Opfermahl, hat uns stark gemacht, alles zu tragen, allem zu begegnen, alles zu einem Mitopfer zu machen, zu einer Ausstrahlung des großen Werkes, das wir in der heiligen Messe vollzogen haben. Das Morgenopfer will umgestaltend, segnend, heiligend das ganze Tun und Lassen des Tages ergreifen und es zu einer wohlgefälligen Opfergabe für Gott machen.

"Durch ihn (Christus) und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, dem allmächtigen Vater, alle Ehre und Verherrlichung" -- in der Feier der heiligen Messe, dem Wesenskern und Mittelpunkt des ganzen christlichen Glaubens.

7. (Wert und Wirkungen der heiligen Messe.) Jede heilige Messe ist ihrem Zwecke nach ein Anbetungs-, Dank-, Sühn- und Bittopfer und kann und soll deshalb für die verschiedenen Nöten der Kirche und der Einzelperson, zur Nachlassung der Sünden, zur Genugtuung für die Sünden, für die Lebenden und Toten dargebracht werden (Konzil von Trient).

Das Opfer der heiligen Messe umfaßt:

a) das Selbstopfer Christi; als solches ist es von unendlicher Reinheit, Heiligkeit und Würde, besitzt einen unendlichen Wert und überragt jede andere Form der Gottesverehrung (Frömmigkeit) unendlich;

b) das Opfer der Kirche als einer Gemeinschaft; unter diesem Gesichtspunkt ist das heilige Meßopfer ebenfalls immer und überall, selbst wenn der opfernde Priester und die Mitopfernden nicht rein und heilig sind, das eine heilige, unbefleckte Opfer der allzeit heiligen und gottwohlgefälligen Kirche, freilich nicht von unendlicher Würde;

c) das Opfer des Priesters und der Mitopfernden, insofern sie im eigenen Namen opfern. Unter dieser Rücksicht richtet sich die Würde, der Wert und die Wirkung der heiligen Messe nach dem Verdienst und Gnadenstand, nach der Reinheit, Frömmigkeit und Seelenverfassung des Priesters beziehungsweise der Mitopfernden.

Das Opfer der heiligen Messe bewirkt mittelbar, nämlich mittels der Gnade der Reue und Liebe, die es von Gott erwirkt, die Nachlassung der Sünden; unmittelbar, entsprechend der Seelenverfassung der Opfernden, den Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen, sowohl für die Lebenden als für die armen Seelen. Ebenso können alle Güter der natürlichen und übernatürlichen Ordnung durch die bittende Kraft des heiligen Meßopfers erwirkt werden, wenn alle Bedingungen des Bittgebetes erfüllt sind. Dasselbe gilt, wenn der Priester die heilige Messe andern zuwendet, für sie "appliziert".

 

 

II. Geschichte der heiligen Messe

A. Zur Geschichte der heiligen Messe im allgemeinen

Die heilige Messe schaut bereits auf eine Geschichte von neunzehn Jahrhunderten zurück. Grund und treibende Kraft der hehren Lebensdauer der heiligen Messe ist der Wille und das Wort ihres gottmenschlichen Stifters Jesus Christus. Er sprach bei ihrer Stiftung: "Tut dies zu meinem Andenken" (Luk. 22, 19); und beim hl. Paulus heißt es: "So oft ihr dieses Brot esset und diesen Kelch trinket, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er wiederkommt" (1 Kor. 11, 26). Die äußere, sichtbare Feier des heiligen Meßopfers hat in einzelnen Ländern und Zeiten manche Veränderungen und Zutaten erfahren, ist aber doch in den Grundzügen dieselbe geblieben: allüberall und zu allen Zeiten kehren die drei Haupthandlungen in ihrer Aufeinanderfolge wieder: die Darbringung des Brotes und Weines; die Verwandlung in Christi Leib und Blut; endlich die Darreichung zum Genuß in der heiligen Kommunion. Das sind die von Christus selbst gesetzten unverrückbaren Marksteine der neutestamentlichen liturgischen Opferfeier.

1. Christus hat das heilige Meßopfer im Zusammenhang mit dem israelitischen Ostermahle eingesetzt und gefeiert. Die Einsetzungsfeier war somit von manchen Nebengebräuchen und von Psalmliedern begleitet. So hat auch die Kirche Christi die heilige Opferfeier allmählich mit einem Kranz von Gebeten, Liedern, Lesungen und heiligen Gebräuchen umgeben.

2. In den ersten Zeiten nach dem Weggang des Herrn aus der Welt verblieb die Eucharistiefeier im Rahmen des letzten Abendmahles. Sie war nach gelegentlichen Andeutungen der apostolischen Schriften mit gemeinsamen, religiös gestimmten Mahlen der Christengemeinden verbunden, d.h. mit den "Liebesmahlen", die man griechisch "Agapen" nannte (vgl. z.B. 1 Kor. 11,18 ff. in der Epistel vom Gründonnerstag). Die Opferfeier war gemeinsam. Sie war die eigentliche Familienfeier der großen Gottesfamilien der Christengemeinden; sie vereinigte und einigte alle Gläubigen im geheimnisvoll gegenwärtigen und im Opfermahl genossenen Herrn. So war das heilige Opfer zugleich Quelle brüderlicher Liebe und Eintracht: "... ein Leib sind wir, die vielen, wir alle, die wir an dem einen Brote teilhaben" (1 Kor. 10,17). Ganz entsprechend führte die Opferfeier in dieser apostolischen Frühzeit meist den familiären, traulichen Namen "Brotbrechen".

3. Die heiligen Apostel und wohl die ältesten Christen überhaupt feierten und besuchten in jenen Übergangszeiten neben dem Opfer Christi, das ihnen eigen war, noch den Gebetsgottesdienst des Tempels von Jerusalem und der Synagogen (vgl. z.B. Apg. 3,1). Mit der Zeit erlosch dieser Zwischenzustand. Der gewohnte, überaus schöne Gebetsgottesdienst der Synagogen blieb aber nicht ohne Nachwirkung. Man paßte ihn unschwer dem selbständigen christlichen Gottesdienste an, verband ihn mit der rein christlichen Opferfeier und stellte ihr jenen Gebetsdienst sinnvoll als eine Art Vorbereitung voran. Damit war in den Grundzügen nun auch die Vormesse ins Leben getreten, die sich aus Gebet, Schriftlesung, Psalmengesang und Predigt aufbaute (Gebets- und Lehr-Gottesdienst). Die Vormesse bewahrte einen selbständigen Charakter, der deutlich hervortrat, wenn ihr die eigentliche Opfermesse nicht folgte. In den früheren christlichen Jahrhunderten wurde nämlich diese Vormesse oft für sich allein als selbständiger Gottesdienst gefeiert. Ihr durften Ungetaufte, vorab die Glaubensschüler -- die Katechumenen --, beiwohnen. Darum führt sie auch den Namen "Katechumenenmesse". Der heiligen Opferfeier hingegen durften nur die vollberechtigten Gläubigen anwohnen, und darum heißt sie "Gläubigenmesse". Wie die Gläubigen am Schluß der Opferfeier, der Opfermesse, entlassen wurden, so die Glaubensschüler am Ende der Vormesse. Diese feierliche Entlassung heißt in der lateinischen Kirchensprache missa. Von missa kommt die ins Deutsche umgelautete Wortform Messe. So wurde der lateinische Ausdruck für die Entlassung aus dem Gottesdienst der Name für die ganze Gottesdienstfeier. Dieser Name steht schon bei Ambrosius (+397) und wurde von Gregor d.Gr. an (+604) sehr häufig und vorwiegend.

4. Etwa 120 Jahre nach dem Tode Christi zeichnet der gelehrte heilige Martyrer Justin in seiner griechischen Schutzschrift für die verfolgten Christen gelegentlich auch den Verlauf der sonntäglichen eucharistischen Opferfeier. Er berichtet (Kap. 65 f.): Am ersten Tag der Woche, d.h. an jenem Tag, der von der Sonne seinen Namen hat, versammeln sich die Christen, die "Brüder", von Stadt und Land an einem und dem nämlichen Ort. Daselbst beginnt man den Gottesdienst mit Lesung aus den Schriften der Apostel und Propheten (Lesung, Epistel, Evangelium). Dann hält der Vorsteher der "Brüder" und der Versammlung dem Volke eine Predigt, um es zu ermahnen, so schönen Beispielen, wie man sie soeben in der Lesung vernahm, nachzueifern. Auf diese Vormesse folgt dann ein gemeinschaftliches Gebet der Gläubigen mit gegenseitigem Friedenskuß, d.h. der Anfang der Gläubigenmesse. Man reicht dem Oberhaupt (Bischof) der versammelten Gemeinde Brot und Wein und Wasser dar. Nach Empfang dieser Naturgaben (Opferung) beginnt er Gott feierlich zu preisen (Präfation) und verrichtet allein lange eucharistische Gebete mit den Wandlungsworten des Herrn (Kanon). Alle antworten mit Amen. Hernach wird die heilige Eucharistie zum Genusse dargereicht (Kommunion) und von Diakonen auch zu abwesenden, z.B. kranken oder gefangenen Brüdern gebracht. Niemand aber darf an diesem heiligen Mahle teilnehmen, der nicht zuvor alle Wahrheiten der christlichen Glaubenslehre glaubt und durch Abwaschung der Sünden (Taufe) und ein neues Leben rein geworden ist und sich völlig den Geboten Christi gemäß beträgt. So bezeugt ums Jahr 150 der hl. Justin, der aus Palästina stammte, nach Italien kam, in Rom lebte und lehrte, dann zwischen 163 und 167 Blut und Leben für Christus opferte, nachdem er einen bedeutenden Teil der damaligen Christenwelt persönlich kennen gelernt hatte.

In der Zeit der Martyrer, in den drei ersten christlichen Jahrhunderten, war Verlauf und Form der Meßfeier auch in untergeordneten Teilen in den verschiedenen Ländern und Kirchspielen gleich oder nur wenig verschieden. Das eucharistische Opfer war den Blutzeugen Trost, Kraft und Beispiel: als Denkmal des siegreichen Martertodes Christi und als "Speise vom Kreuz" (hl. Augustin). Es ist jenes Opfer, von dem der heilige Strom des Martyrerblutes wie von einer verborgenen Quelle seinen Anfang nahm (vgl. das Stillgebet vom Donnerstag nach dem 3. Fastensonntag).

5. Mit dem Frieden der Kirche unter Konstantin d. Gr. (von 313 an) kam eine Zeit der Blüte für die Weiter- und Ausbildung der Liturgie. Diese Bereicherung der Messe ging in den einzelnen Ländern und Zentren gottesdienstlichen Lebens verschieden vor sich. So entstanden einigermaßen gesonderte Meßordnungen oder Meßriten (die ambrosianische Meßordnung zu Mailand, die mozarabische in Spanien, die gallikanische in Frankreich). In dieser und in der folgenden Zeit bildete sich unter Wahrung der allen Meßordnungen gemeinsamen Grundlage auch der lateinische Ritus der Mutterkirche von Rom. Er wurde zunächst nur im Umkreis von Rom üblich, verbreitete sich aber bald auch in fernen Ländern, z.B. in England seit der Zeit Gregors d. Gr.; um 800 war er durch den Einfluß Karls d. Gr. im Abendland vorherrschend. Später fiel der römischen Meßordnung in der lateinischen Kirche beinahe die Alleinherrschaft zu, da nur Mailand (ambrosianisch), Toledo (mozarabisch) und einige alte Orden (Kartäuser, Dominikaner, Karmeliter) andern Riten folgen. Im europäischen Osten (namentlich bei den Slawen) dagegen herrscht weithin in verschiedenen Sprachen die alte Meßordnung (Chrysostomos-Liturgie) der griechischen Kirche.

 

B. Geschichtliches zu einzelnen Teilen der römischen Meßordnung

1. Vormesse

1. Die ältesten Bestandteile der Vormesse sind die belehrenden und erbauenden Schriftlesungen aus dem Alten und Neuen Testament mit der gelegentlich anschließenden Homilie oder Predigt. Das war schon ums Jahr 150 nach Christus feste Gewohnheit.

2. Etwa zwei Jahrhunderte später finden wir in Rom den Brauch verbürgt, zwischen die biblischen Lesungen Gesangstexte einzulegen (Zwischengesänge). An erster Stelle steht das Graduale, ein Wechselgesang, bei dessen Vortrag in der Zeit vor Gregor d. Gr. (+604) der Diakon, der dabei auf einer Stufe (Gradus), der Lesekanzel (Ambo), stand, die führende Stimme hatte. Das Alleluja sang man in Rom zuerst wohl nur am Ostertag als Siegesruf für den Siegestag Christi. Unter dem heiligen Papst Damasus (366 bis 384) wurde es aber für die ganze Osterzeit Übung. Die Mutterkirche von Rom entlehnte diesen Brauch der Erstlingskirche von Jerusalem, von der aus die Messe überhaupt den Gang in die Welt und nach der alten Welthauptstadt Rom angetreten hat. Ums Jahr 600 brachte der hl. Gregor das Alleluja für den größten Teil des Kirchenjahres zur Verwendung, was dem römischen Hochamt eine ungemeine Bereicherung an herrlichen und kunstvollen Choralmelodien eintrug. Das frohe Allelujalied vor dem Gesang der "Frohbotschaft" -- des Evangeliums -- ist ein feinsinniger Brauch der römischen Meßordnung. Ein anderes ihr gleichfalls von altersher eigentümliches Kleinod ist das Feierlied (Hymnus) des Gloria in excelsis. Rom hat es in sorgsamer Umarbeitung aus dem alten griechischen Tagzeitengottesdienst in die Messe übernommen. Vor dem heiligen Papst Symmachus (498-514) verwendete man in Rom das Gloria nur im Pontifikalamt der "Heiligen Nacht". Papst Symmachus dehnte den Gebrauch aus auf die Martyrerfeste und auf die Sonntage, vorab auf den Ostersonntag, dessen Abbild die übrigen Sonntage in gewisser Hinsicht sind. Das Gloria blieb lang ein Vorrecht der päpstlichen und bischöflichen Messe. Die gewöhnlichen Priester hatten ursprünglich nur am Osterfest und am Tage ihrer Aufnahme in den Priesterstand das Recht, das Gloria zu beten.

3. Dem Gloria geht das Kyrie voran. Sein allgemeiner Bittruf ist wie eine Vorbereitung zum folgenden Kirchengebet mit seiner besondern Bitte (Rabanus Maurus). Das wechselnde Kirchengebet war in Rom schon im 5. Jahrhundert eingebürgert. Dasselbe gilt vom Kyrie um 500. Noch zur Zeit des hl. Gregor sang man Kyrie eleison und Christe eleison in unbestimmter, aber gleicher Anzahl. Unser Kyrie -- auch Litanei genannt -- ist wohl der Überrest eines älteren ausführlichen Litaneigebetes.

4. Oft zog das Volk mit der Geistlichkeit prozessionsweise von einer Kirche zum Hochamt in eine andere (vergl. "Von der Statio", S. 35 * ff.) unter Absingen der Litanei mit dem Kyrie. Dieses galt dann als Einzugslied, und da entfiel der Gesang des Introitus; ähnlich ist es noch heute am Karsamstag und an der Pfingstvigil, wenn man in Prozession von der Taufwasserweihe in den Chor zum Hochamte zieht. Der Introitus ist wohl jener Gesang, den der heilige Papst Cölestin I. (422-432) eingeführt hat und für dessen Texte er als reiche Quelle das Psalmenbuch wählte. Der römische Introitus bestand ursprünglich aus einem ganzen Psalm mit wiederholter Antiphon. Dieser feierliche Eröffnungsgesang der Messe begleitete den Einzug (Introitus) des Papstes, Bischofs oder Priesters und der liturgischen Diener von der Sakristei aus an den Altar. Mit der feierlich einherschreitenden Schar wallten oft Wolken edelsten Weihrauchs, die mitgetragenen Rauchfässern entquollen. Aus diesem alten Gebrauche hat sich offenbar die jetzige, für Rom im 12. Jahrhundert bezeugte, erste Altarberäucherung entwickelt.

5. Im stillen Raum der Sakristei sprach der Priester vielfach Vorbereitungsgebete zum heiligen Opfer und ebenso auf dem Weg zum Altar. Später wurden diese Gebete an den Altar selbst verlegt. Daraus entstand unser Staffelgebet, der jüngste Teil der Vormesse. Innocenz III. (1198-1216) führte es in seiner Meßbeschreibung noch nicht auf. Hundert Jahre nach ihm ist es auch in Rom geltender Brauch.

6. An die Gläubigenbelehrung durch die biblischen Lesungen (und Predigt) reiht sich manchmal das damit sinnvoll zusammenklingende Glaubensbekenntnis (Credo). Dieses Glaubensbekenntnis der Messe ist das der zweiten allgemeinen Kirchenversammlung von Konstantinopel vom Jahre 381. Sein Wortlaut deckt sich beinahe mit der älteren Glaubensformel der ersten allgemeinen Kirchenversammlung von Nizäa im Jahre 325 (daher Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum genannt). In die Meßordnung Roms kam dies feierliche Glaubenslied für immer durch Papst Benedikt VIII. (1012-1024) auf Anregung des heiligen Kaisers Heinrich. In Spanien und in Deutschland war es schon lange Übung gewesen.

2. Opfermesse

1. Den Beginn der Gläubigenmesse bildet das Offertorium. Bereits um das Jahr 400 waren zu Karthago feierliche Opferungslieder aus dem Buche der Psalmen im Gebrauch, was um jene Zeit wohl auch in Rom der Fall war. Der alte römische Opferungsgesang bestand aus einer Antiphon und einem ganzen Psalm oder wenigstens einigen Psalmversen. Er begleitete nämlich die lange dauernde Handlung der Darbringung der Opfergaben von Brot und Wein (auch Öl, Wachs und Geld) durch die Geistlichen und das mitfeiernde gläubige Volk. Was von den geopferten Gaben für die Eucharistie nicht benötigt wurde, verwendete man für den Unterhalt der Kirche und der Geistlichkeit und zur Unterstützung der Armen. Der für die eucharistische Wandlung bestimmte Opferwein wurde, mindestens seit dem 2. Jahrhundert, mit etwas Wasser gemischt. Zu diesem sinnbildlichen Vorgang trat später als Begleitgebet das frührömische Deus qui humanae substantiae hinzu. Mit dem Aufhören der alten allgemeinen Gabenopferung schwand auch die alte Form des Opferungsliedes, und es blieb allein die Antiphon übrig. Das Offertorium als Eröffnungslied des erhabensten Teiles des christlichen Gottesdienstes hat hinsichtlich der Choralmelodie den reichsten und feierlichsten Ausbau erfahren und ist zum Höhepunkt der Meßgesänge des Chores geworden. Mit dem Beginn der Opferhandlung ist seit altchristlicher Zeit auch die Handwaschung verknüpft. Den später damit verbundenen Psalm 25 (Lavabo) teilt Rom mit einem sehr frühen morgenländischen Brauch, so wahrscheinlich mit dem von Jerusalem im 4. Jahrhundert.

Die Reihe der heute gebräuchlichen Opferungsgebete ist sehr alt. In Rom kam sie aber erst seit etwa 1200 nach und nach in Übung. Sie ist im Grunde spanisches Erbe. Um 1200 bestand im römischen Hochamt bereits auch die feierliche Beräucherung der Opfergaben und des Altares, die diesseits der Alpen über 300 Jahre früher üblich war. Das eigentliche und älteste Opferungsgebet der alten römischen Messe ist das Stillgebet (Sekret). Der Priester sprach es am Schluß der Gabeneinsammlung leise über die auf den Altar gebrachten Opfergaben. Es wurde eingeleitet durch das Orate fratres und führte mit dem lobpreisenden, laut gebeteten Schluß (per omnia saecula saeculorum) zur Präfation über. Diese wird eingeleitet durch einige Zurufe und Antworten. Dieses kurze, vierteilige Zwiegespräch zwischen Opferpriester und mitfeiernder Gemeinde oder ihrem Vertreter atmet den Geist der frühesten Kirche. Das tiefchristliche Sursum corda z.B. erklang schon in der Martyrerzeit an derselben Stelle aus dem Munde des hl. Blutzeugen Cyprian (+258) und ebenso die Antwort der Gläubigen Habemus ad Dominum.

2. Die Meßfeier heißt schon seit dem 2. Jahrhundert der Kirche häufig auch Eucharistia, d.h. sie ist vorzüglich auch Dankfeier für die Gottesgaben im Reiche der Natur, der Gnade und des ewigen Lebens. Solch feierlicher, gemeinsamer Gottesdank bildet den ursprünglichen Kern der Präfation. Um das Jahr 150 bestand die heilige Opferfeier eigentlich nur aus einer langen Präfation, in die die Verwandlung der Opfergaben mit den Wandlungsworten Christi hineinverwoben war. Gerade in diesen alten Zeiten der Verfolgung und Bedrängnis zeigte die Meßfeier den hervorstechenden Zug schwungvollen Gotteslobes und Dankes, besonders für die Großtat der Offenbarung und Erlösung. In den heutigen Präfationen der Hochfeste des Herrn, wie Weihnachten usw., vernehmen wir noch ganz verwandte Klänge; denn diese Präfationen gehören zum ältesten Bestand der lateinischen Liturgie Roms. In ihnen zeigt sich auch die volle Majestät der einstigen römischen Weltsprache.

3. Die Präfation mit dem Sanktus bildet den Eingang und den ersten Teil des eucharistischen Hochgebetes; sein zweiter und Hauptteil ist der Kanon, der mit dem Amen vor dem Paternoster abschließt und ursprünglich laut gebetet wurde. Der Kanon ist neben der Heiligen Schrift das kostbarste Kleinod des geschriebenen Erbgutes der heiligen Kirche. Er geht in seinem Kern und Mittelpunkt auf Christus selber zurück. Im ganzen Kanon wird stets der Vater als Ziel unsres Opferns und Betens angeredet, nie Christus; dagegen wird jeder größere Abschnitt mit "per Christum" (Christus ist als Gottmensch Mittler und Weg) geschlossen. Schon in frühester Zeit gliederten sich um den Mittelpunkt der heiligen Wandlungsworte Gebete von erhabener Schlichtheit, wie das vorbereitende Qui pridie und das abklingende Unde et memores. Mit der Zeit weitete sich der Kranz dieser den Abendmahlsbericht umgebenden Gebete; jetzt sind es in beabsichtigtem Gleichmaß vorausgehend und nachfolgend je fünf Gebete.

Der Höhepunkt der Meßfeier mit den ihn unmittelbar umgebenden Begleitgebeten ist um das Jahr 200 in Rom unsrem heutigen Brauche nicht bloß wesentlich gleichartig, sondern schon überraschend ähnlich. Später kamen in Rom einige Gebete in den Kreis des Kanons, die vordem wohl an anderer Stelle gestanden hatten, wie die Fürbittgebete für Lebende und Verstorbene in den Mementogebeten. Inhaltlich reichen sie auch auf lateinischem Boden gewiß ins 2. Jahrhundert zurück. Unter dem heiligen Papste Damasus (366-384) wird ganz zufällig die Aufnahmebitte des Supra quae erwähnt. Um das Jahr 600 fand die Weiterentwicklung des römischen Kanons unter der Hand des berühmtesten Nachfolgers des hl. Petrus in der alten Kirche, des heiligen Mönches und Papstes Gregor d. Gr., Rundung und Abschluß.

So hat die römische Mutterkirche in ihrer Jugendzeit das eucharistische Vermächtnis und Geheimnis des Herrn mit dem ehrwürdigen Gewebe unsres Kanons umhüllt und für die heiligste und erhabenste Handlung, die es auf Erden geben kann, ein seelenvolles Gefüge geschaffen. Es ist ein Denkmal, aus dem der Glaube und die Liebe, die Einfalt und die Kraft herausleuchten, mit denen die Blutzeugen Roms vom gottesdienstlichen Leben hinweg in den Tod für Christus schritten. Unter Entsagungen und Gefahren suchte man damals die Teilnahme am Gottesdienst selbst in der Zeit der Verfolgung zu ermöglichen. Die Eucharistiefeier war den Chistgläubigen Licht und Kraft und Freude. Der Text des Kanons galt als ein Geheimnis, das Ungetauften nicht bekannt werden sollte.

4. Gleich an den Kanon schloß der hl. Gregor d. Gr. das Gebet des Herrn und schuf so für die römische Meßfeier eine tiefsinnige Überleitung von der Opferdarbringung voll heiliger Schauer zum lieblichen heiligen Opfermahl. Vor dem Paternoster hatte der Opfernde beim Gebet Per quem haec omnia das heilige "Brot des ewigen Lebens" und den "Kelch des immerwährenden Heiles" den Anwesenden durch Emporheben gezeigt. Das war im alten römischen Meßritus die einzige Erhebung der heiligen Gestalten; denn jene bei der Wandlung wurde in Rom erst im 14. Jahrhundert üblich und war vom Norden her übernommen. Nach dem feierlichen Vorzeigen der eucharistischen Speise folgte dann das Vaterunser mit seiner Brotbitte an den himmlischen Vater, die von altersher auf Grund des altkirchlichen Volksunterrichts leicht im eucharistischen Sinne verstanden wurde.

5. Nach dem Ausklang der letzten Vaterunser-Bitte im Libera nos (Embolismus=Einschiebsel), das auch auf den hl. Gregor d. Gr. zurückgeht, folgt das Zerteilen und Brechen des heiligen Lebensbrotes, die "Brotbrechung". Sie steht inmitten jenes Teiles der Meßfeier, der vom Gedanken des heiligen Mahles des Herrn beherrscht und von den traulichen Handlungen eines göttlichen Familienmahles gebildet wird. Von dieser Einzelhandlung, der Brotbrechung, bekam die heilige Messe in der Apostelzeit sogar einen ihrer Namen: fractio panis, und schon im 2. Jahrhundert wurde diese in der liturgischen Katakombenkunst im Bilde veranschaulicht. In der Brotbrechung, die früher notwendig war, weil man noch keine kleinen Hostien kannte, wie heute, legte der Opferpriester als Vater und Hirt der gesamten mitopfernden Familie der Gläubigen gleichsam die Himmelsspeise der Eucharistie auf dem Opfertisch zurecht. Die Brotbrechung gehört denn auch zum Urbestand der Eucharistiefeier und ist zugleich Vorbedingung für den uralten Brauch der Mischung und Vereinigung der beiden getrennten heiligen Gestalten im Kelche.

Gegen das Jahr 700 wurde das Agnus Dei unter dem heiligen Papst Sergius I. (687-701) gemeinsames Begleitlied zur Brotbrechung. Der Schluß lautete ursprünglich immer, wie noch jetzt in der Laterankirche zu Rom: miserere nobis. Schon für das 12. Jahrhundert ist indes in Frankreich der Brauch bezeugt, statt des dritten miserere nobis: dona nobis pacem zu beten, ein Brauch, der dann allgemein wurde.

6. Noch später als das Agnus Dei wurden in den römischen Meßritus die drei gedankengroßen und innigen Gebete vor der heiligen Kommunion aufgenommen. Zu allgemeinem und gleichmäßigem Gebrauch kamen sie erst 1570 durch das Meßbuch des heiligen Papstes Pius V. Das zweite Gebet (Domine Jesu Christe) findet sich in der Liturgie mancherorts schon im 11. Jahrhundert und dann im 14. auch in der maßgebenden Papstmesse, als fast gleichlautendes Privatgebet aber schon im 8./9. Jahrhundert. Es diente ebenso als Gebet nach der Kommunion. Das erste (Domine Jesu Christe) ist ein Begleitgebet zum Friedenskuß und findet sich z.B. in Frankreich im 13. Jahrhundert.

Der Friedenskuß selbst gehört zu den ältesten Bestandteilen der Meßordnung. Sein gewöhnlichster Platz war seit urchristlicher Zeit zu Anfang der Gläubigenmesse, wohl im Anschluß an die Mahnung Christi: "Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar und gehe zuerst hin, dich mit deinem Bruder zu versöhnen, dann komm und opfere deine Gabe" (Matth. 5,23 f.) Allem nach war es in der ältesten römischen, in griechischer Sprache gefeierten Liturgie ebenso. In der lateinischen Liturgie Roms haben wir, wie in Afrika, den Friedenskuß mindestens seit dem 4. Jahrhundert bedeutungsvoll vor dem Liebesmahl der heiligen Kommunion. Der Friedenskuß aller Opferteilnehmer greift hier augenscheinlich auf die aussöhnende Vergebungsbitte des Vaterunsers zurück. Den Übergang von der Brotbrechung zum Genuß der heiligen Eucharistie bildeten demnach in jener Frühzeit noch nicht bestimmte Gebete und Mahnworte, sondern vorab die Bekundung heiliger Eintracht und Bruderliebe im Friedenskuß. Solch heilig beseelte Handlungen waren indessen auch eine Art Gebet; sie entsprachen insbesondere dem ernsten und kernigen, praktischen und klaren römischen Volksgeiste.

7. Die Kommunion erfolgte in der ältesten Zeit während der Meßfeier durchweg unter beiden Gestalten. Das blieb auch im Abendland wohl allgemein so bis ins 12. Jahrhundert. Die gebräuchlichen kurzen Gebete bei der heiligen Kommunion, wie das Domine non sum dignus, werden im nächstfolgenden Jahrhundert mehr und mehr üblich. Aber erst nach etwa drei weiteren Jahrhunderten werden sie unter Pius V. im Meßbuch von 1570 endgültig der römischen Meßordnung einverleibt.

Uralt ist dagegen das Begleitlied zum Genusse der heiligen Opferspeise, die Communio. Um das Jahr 400 schon ist es für Karthago bezeugt. Vielleicht war der Gottesdienst der Mutterkirche in Rom hierin vorangegangen. Dieser heilige Gesang bestand aus Antiphon und Psalm. Ungemein beliebt und mancherorts dabei ständig verwendet war der 33. Psalm mit seinem 9. Vers als Antiphon: "Kostet und sehet, wie lieb der Herr ist" (vgl. 8. Sonntag nach Pfingsten). Beim allmählichen Verschwinden der lange dauernden allgemeinen Kommunionfeier verblieb vom Chorlied nur mehr die es ehemals eröffnende Antiphon.

Schon gegen die Neige des ersten Jahrtausends der Meßgeschichte war das Quod ore sumpsimus das ständige Gebet um die volle ewige Frucht der in dieser Zeitlichkeit genossenen Himmelsspeise. Es ist nichts anderes als ein an diese Stelle gekommenes Schlußgebet aus dem ältesten römischen Gebetsschatz (Sacramentarium Leonianum), nur wurde und wird es vom Priester allein verrichtet. Im zweiten Jahrtausend kam bald als zweites Gebet unmittelbar nach der Kommunion das Corpus tuum Domine quod sumpsi hinzu. Es ist in seiner Urgestalt und Urstellung auch ein Schlußgebet, und zwar des gotisch-gallischen Meßbuches aus dem 7. Jahrhundert.

Den feierlichen Abschluß der Kommunionfeier bildet nach altrömischer Meßordnung das wechselnde Schlußgebet. Es ist das letzte gemeinsame Gebet der Messe überhaupt. Ein Oremus ladet als Aufruf die Anwesenden zum Anschluß ein, und an seinem Ende sollen sie mit einem letzten Amen beipflichten. Das entspricht genau dem ersten Gemeinschaftsgebet der Messe, dem Kirchengebet. An beiden Stellen kannte der ursprüngliche Brauch nur je ein Gebet.

8. Ähnlich wie in feierlich gehaltenen Gerichtsversammlungen des so genau geordneten altrömischen Staatslebens folgte in der römischen Meßfeier nach dem Schlußgebet noch ein eigener Schluß- und Entlassungsruf: das Ite missa est. Den Schlußsegen spendete der Papst nach alter Sitte nicht vom Altar oder von seinem Sitze aus, sondern beim Vorüberziehen an den geordneten und nach Geschlechtern geschiedenen Gruppen der Anwesenden, auf dem Rückweg in die Sakristei. In diesem heiligen Raume pflegte später der Priester nach dem Verlassen der Opferstätte, des Altares, Gott die letzte Bitte um Opferaufnahme und Opferfrucht vorzutragen: im mittelalterlichen stillen Gebet Placeat. Später wurde dieses Gebet zugleich mit der Segensspendung -- diese sicher seit dem 11. Jahrhundert -- an den Altar verlegt. Nach zwei weiteren Jahrhunderten zeigen sich deutlich die Anfänge des Brauches, dem Segen den erhabenen Eingang des Johannesevangeliums folgen zu lassen, den man als ein heiliges und wirksames Segenswort auffaßte und behandelte. In den allgemeinen und festen Bestand der römischen Meßordnung wurde dieser Brauch erst 1570 durch den heiligen Papst Pius V. aufgenommen. Diesem erhabenen Schauen in das überzeitliche und in das geschichtliche Leben des geopferten Gottmenschen folgt seither allgemein und regelmäßig das Deo gratias als letztes Wort der römischen Meßordnung. So verklingt diese dem Geiste der Präfation entsprechend stimmungsvoll mit einem Dankwort an Gott.

Der heilige Papst Pius V. aus dem Dominikanerorden drückte überhaupt dem zu seiner Zeit neu überprüften und gesichteten römischen Meßritus das höchste kirchenamtliche Siegel auf. So gab er einer langen Entwicklung die endgültig verpflichtende Form, die seither unverletzt weiterbesteht. Dieser um die Liturgie hochverdiente Hirt der heiligen Kirche (1566-1572) hat in Bezug auf manche Nebenteile unsres Opfergottesdienstes eine ähnliche Aufgabe erfüllt, wie sie ein Jahrtausend vorher dem hl. Gregor d. Gr. hinsichtlich des ererbten Meßkanons zugefallen war.

 

III. Die innere Mitfeier der heiligen Messe

1. Im Mittelpunkt der katholischen Frömmigkeit muß die Opferfeier der heiligen Messe stehen. Das religiöse Leben des Christen ist eine Teilnahme am Geiste und Leben Christi. Vor allem durch die Mitfeier des Meßopfers soll Christi Geist und Leben in die Seelen der Christen übergeleitet werden. Hier werden wir zu Trägern der Gesinnung Christi und seiner Art, zu denken, zu wollen, zu leben; hier wird in uns der Geist der Huldigung und Hingabe an Gott, der Vereinigung mit seinem heiligen Willen, gefestigt; hier wird Gott der Mittelpunkt unsres Denkens, Wollens, Redens und Handelns, ähnlich wie dies bei Christus der Fall war; hier haben wir das große Erziehungsmittel der Kirche; hier erhalten wir die Kraft, ganze Christen zu werden, in dem Maße, als wir es verstehen, die heilige Messe richtig mitzufeiern.

(Bis hierher Stand 6. Januar 2006. Wird fortgesetzt!)


Aus: Anselm Schott O.S.B. Das Meßbuch der heiligen Kirche. Mit liturgischen Erklärungen und kurzen Lebensbeschreibungen der Heiligen. Neubearbeitet von Benediktinern der Erzabtei Beuron. Imprimi permittitur Beuron, den 20. Januar 1961 + Benedikt Reetz, Erzabt. Imprimatur Freiburg im Breisgau, den 27. Januar 1961. Der Generalvikar: Föhr

© Transkription von Paul O. Schenker, IMMACULATA-Verlag, CH-9050 Appenzell