Aus: MARIA, die unvergleichliche Jungfrau und hochheilige Gottesgebärerin vom heiligen Kirchenlehrer Petrus Canisius aus der Gesellschaft Jesu aus dem Lateinischen zum erstenmal als Ganzes in das Deutsche übersetzt.
50. Kapitel
Katholische Verehrung Mariä und der Heiligen.
1. Götzendienst treiben heißt ein Geschöpf oder sein Bild dem Schöpfer, dem ewigen höchsten Wesen vorziehen oder ihm gleichstellen in Verehrung, Liebe, Anbetung. Das taten die Heiden, die Gebete, Opfer, Gelübde den Götzen darbrachten; von den Geschöpfen, sei es einem irdischen oder himmlischen, einem körperlichen oder geistigen, das Heil der Seele erhofften. Dieser Götzendienst war die Ursache, der Anfang und das Ende aller Übel unter den Heiden und oft auch bei den Juden vor Christus. Allein Christus hat die Teufel aus den Hainen, Tempelverstecken und Bildern herausgeworfen, wie Zacharias 13 und Ezechiel 30 voraussagten. Einer Kreatur oder seinem Bilde das zuschreiben oder erweisen, was Gott allein zukommt, ihm allein gebührt, das ist Götzendienst. Die Heiden glaubten, in diesem oder jenem Geschöpfe sei die Gottheit drinnen. Das erste Gebot Gottes befiehlt aber, daß wir Gott über alles schätzen, verehren, lieben, fürchten. Das tun die Rechtgläubigen, auch wenn sie die Heiligen und Maria verehren.
Zum Beispiel Opfer und anderes, was Gott allein gebührt, bringen sie ihnen nicht dar. Zwei Dinge machen Götzendienst aus: einem Geschöpfe das erweisen, ewas wirklich nur Gott gebührt, sei es kraft göttlicher Einsetzung oder durch Gewohnheit der Menschen oder wenn dies in der Art der Verehrung liegt, die man erweist; ferner die Absicht, diesen göttlichen Kult dem betreffenden Geschöpf zu erweisen, denn ohne diese Absicht ist es kein eigentlicher Götzendienst.
2. Wir verehren nun die Heiligen nur als Diener, Freunde und Kinder Gottes, nicht als Gott selber. Wenn wir die Heiligen um ihre Fürbitte anrufen, hören wir deswegen nicht auf, Gott anzurufen, denn Gott ist der Geber alles Guten, aller Gnaden und ihn muß man vor allem bitten und anflehen und unsere Gebete müssen sich auf die Verdienste Christi stützen, wir müssen also durch Christus zum Vater gehen. Die Heiligen rufen wir erst an zweiter Stelle an. Sie sind viel niedriger und wir bitten sie, ihre Fürbitte mit unsern Bitten zu vereinigen, Gott vorzutragen und von ihm, dem Spender alles Guten, durch ihre Fürbitte uns die Erhörung zu erflehen. Und wir vertrauen, daß sie es können, weil sie seine Kinder und Freunde sind, die Miterben Christi und Erben Gottes. Alles erbitten wir durch Christus, das Gegenteil tun, wäre eine große Sünde. Wir benützen also die Heiligen und Maria als Mittler bei Gott nicht so, daß wir den ersten und Hauptmittler, auf den alle andern Mittler sich stützen, übergehen und ausschalten wollten. Die von uns angerufenen Heiligen verstärken die Bitten Christi. Wenn wir aber über den Gräbern der Martyrer Altäre errichten und das Opfer darbringen, so wollen wir nicht den Martyrern das Opfer darbringen, sondern Gott, wir wollen die Martyrer dadurch nur ehren als heilige Menschen und als die größten Freunde Gottes und wünschen ihres Glaubens und ihrer Liebe teilhaft zu werden.
3. Man unterscheidet einen dreifachen Kult: Latria ist eine Ehrenerweisung und ein Dienst, der Gott allein gebührt. Dulia ist eine Ehrenerweisung und Verehrung, die wir vorzüglichen Geschöpfen leisten, aber nicht so, wie wir sie Gott erweisen. Hyperdulia, das heißt eine größere Dulia, ist die Verehrung, die wir der Menschheit Christi und Maria erweisen. Das Wort latria wird in der Heiligen Schrift nur von der Verehrung gebraucht, die man Gott schuldig ist, nie von der einem Geschöpfe zukommenden Verehrung. Diese Worte und Unterscheidungen sind von den Theologen aufgestellt, um gewisse Wahrheiten auszudrücken, also gewiß mit Recht, weil man eben keine anderen Ausdrücke hat, sagt Hieronymus. Gott erweisen wir latria, den Bildern der Heiligen dulia. Diese Worte werden also gebraucht, um den Kult, den wir Gott erweisen, vom Kult, den wir den Heiligen erweisen, zu unterscheiden. Schon das allgemeine Konzil von Nicea (7. Verhandl.) wendet diese Unterscheidungen an, dann Beda,1 Johannes Damascenus, 2 Augustin,3 Basilius der Große.4 Dulia heißt der Kult, die Verehrung, die Geschöpfen erwiesen werden kann oder muß, seien es Heilige oder Vorgesetzte oder höhergestellte Persönlichkeiten oder Herren von ihren Dienern, denn das muß man tun wegen der Demut, Liebe und Gerechtigkeit, die befiehlt, jedem die gebührende Ehre zu erweisen; das will Gott und kann mithin dem Dienste, den wir ihm schulden, der latria nicht widersprechen. Auch Petrus und Paulus befehlen es den Christen, allen mit Ehre zuvorzukommmen, so Röm. 12; Ephes. 4; 1. Petr. 2. Zumeist aber versteht man unter dulia die Verehrung, die denen gebührt, die an Gnade und Glorie hervorragen, also den Engeln und Heiigen im Himmel.
Latria dürfen wir keinem Geschöpfe erweisen, d. h. eine solche Liebe, Verehrung, Ehre, Gehorsam, Unterwerfung, Furcht, Dienst usw., wie wir sie Gott erweisen. Von ihm bekennen wir nämlich, daß er alles kann, alles ihm gehört, mit höchstem Recht, daß er alles weiß, alles tut, von ihm alles abhängt als vom höchsten Herrn, und zu dem alles hinstrebt als seinem letzten Ziel und Ende und dem die Menschen mit Leib und Seele dienen müssen. Die Akte, durch die wir Gott mit dem Kult der latria verehren, sind nicht bloß innerliche Akte, sondern auch solche, die wir mit unserem Körper und seinen Gliedern ausführen, um ihm bereitwillig zu gehorchen. Sie umfaßt auch die treue Befolgung der Gebote Gottes, den andächtigen Gebrauch der Sakramente, überhaupt alles, was man sagen oder tun kann zur Ehre Gottes, wenn es auch nicht geboten ist. Dazu gehört Opfer darbringen, Gelübde machen, fasten und beten, wie es Anna im Tempel tat, das Einsiedlerleben in der Wüste, wie es Johannes der Täufer führte, die Füße Christi küssen und salben, wie es Magdalena getan, fasten und opfern vor den heiligen Weihen, wie die Apostel es in Übung hatten. Wir feiern die hl. Messe nicht für die Martyrer und Heiligen oder Engel, sondern wir bringen das Opfer nur Gott allein dar und wir richten unsere Gebete und Bitten immer an Gott und schließen sie: durch Jesus Christus, unsern Herrn. Auch Altäre errichten wir nur Gott, nicht den Heiligen und wenn wir auch in den Litaneien die Heiligen um ihre Fürbitte anrufen, so doch ganz anders wie Gott; auch rufen wir zuerst immer die heiligste Dreifaltigkeit an und zulezt wieder das Lamm Gottes: Agnus Dei: Lamm Gottes, erbarme dich unser, und alle Gebete sind immer so verfaßt, daß in den Gläubigen die Akte der latria zu Gott wachgerufen werden, zum Beispiel Ehre sei Gott dem Vater, und dem Sohn und dem Heiligen Geiste, dann Te Deum laudamus: Großer Gott, wir loben dich und wir danken Gott und weihen uns ihm und opfern ihm Geschenke.
Die dulia der Heiligen enthält auch ihre Nachahmung, das Betrachten und Preisen ihrer Tugenden. Dies gereicht aber wieder Gott zur Ehre, der in seinen Heiligen so groß und mächtig und gütig und wunderbar ist. Ferner umfaßt die dulia, die den Engeln und Heiligen gebührt, auch die Dankbarkeit gegen sie und ihre Verehrung, weil sie Gottes Freunde und Kinder sind, schrecklich unsern Feinden, und weil uns durch sie so viele Wohltaten zuteil werden, denn sie sind die Helfer der Menschheit und ihren Leibern wohnt oft eine große Wunderkaft inne. Daher kommt es, daß wir sie nicht bloß nachahmen, sondern ihnen auch Ehre erweisen durch Gebete, Anrufung, Hymnen, geistliche Lieder, Bilder und andere Übungen der Frömmigkeit. Dazu gehört auch die Nennung ihrer Namen in der heiligen Messe, aber nicht in dem Sinne, in welchem wir die Namen der Verstorbenen nennen, um für sie zu beten, sondern, daß sie für uns beten; ferner die Verehrung der Überreste ihres Leibes, indem wir die Kirchen besuchen, wo ihre Leiber ruhen.
4. Die hyerdulia, die geringer ist als die latria, das heißt der Gott gebührende Kult, aber größer als die dulia, ist die Christo dem Menschen und Maria seiner Mutter gebührende Verehrung, wegen ihrer innigsten Verbindung mit Gott, denn die menschliche Natur Christi ist hypostatisch mit Gott verbunden, das heißt so, daß dieser Leib wahrhaft der Leib Gottes selber ist und Maria hat ihm diesen Leib gegeben von ihrem Leibe, sie ist seine leibliche Mutter. Allein dieser geringere Kult ist nicht gebräuchlich, weil die Menschheit Christi ja auch angebetet, also mit dem höchsten Kult, der Latria, verehrt werden muß, denn kraft ihrer Verbindung mit dem Worte Gottes zu einer Person, durch die Christus, der Mensch, zugleich Gottt ist, gebührt ihr Anbetung. So lehren Origenes,5 Chrysostmus,6 Augustinus,7 Athanasius,8 Johannes Damascenus.9 Aber Maria gebührt hyperdulia, weil sie Christus seine ganze menschliche Substanz von ihrem Blute gab, neun Monate ihn in ihrem Schoße trug, das Kindlein Jesu ernährte, den Knaben aufzog, den Mann in seinem Leiden nicht verließ, also als Mutter ganz innig mit ihm immer verbunden war; deswegen ist sie nach Christus mit der größten Ehrfurcht zu verehren, wie schon der Erzengel Gabriel sie als Mutter des Herrn so ehrfurchtsvoll gegrüßt hat. Nach Gott gibt es nichts Größeres als sie. Sie ist erhaben über alle Chöre der Engel durch ihre Mutterwürde. Sie ist gleichsam das Kleid Gottes, weil er aus ihr die menschliche Natur angenommen hat. Maria und Gott haben die gleiche Natur, weil er die menschliche Natur von ihr hat, sie ist mit Gott blutsverwandt und wiederum: sie ist das mit der Sonne bekleidete Weib, weil sie so mit Gott vereint ist, wie es einem Geschöpfe nur möglich ist, abgesehen von der persönlichen Vereinigung. Wegen dieser innigen Verbindung mit Gott preisen sie alle Geschlechter der Erde selig, wie sie selbst sagt: "Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter der Erde", das heißt, weil sie das Leben und die Herrlichkeit geboren hat. Durch sie haben die Engel Freude, und alle Sünder Vergebung gefunden, in alle Ewigkeit. "Deshalb schauen zu dir alle Augen des Erdkreises", sagt Bernhard, "weil in dir und durch dich und von dir die gütige Hand des Allmächtigen, alles, was sie erschaffen hat, wieder erneuerte und erquickte",10 eben weil sie die Mutter Gottes ist, die Mutter des Erlösers. Weil sie die Mutter Gottes ist, ist sie höher, mehr zu verehren, als jede andere sichtbare oder unsichtbare Kreatur. Weil sie die Mutter Gottes ist, wird sie mit Recht genannt und verehrt als die Herrin und Königin aller, ist also unter allen Heiligen und Engeln die erste, größte, glücklichste. Allerdings ihrer Natur nach ist sie unter den Engeln, weil sie ein Mensch ist, aber als Mutter Gottes ist sie über allen Engeln, weil ihr Sohn Gott selber ist und weil sie eben wegen ihrer Mutterwürde auch unsere mächtigste Mittlerin ist und so staunenswerte Wunder durch sie an uns gewirkt werden. Also gebührt ihr Hyperdulia wegen ihrer ganz einzigen, hervorragenden Stellung, die sie mit keinem Engel und keinem Heiligen gemeinsam hat, sondern ihr allein zukommt. Denn sie ist die Mutter Gottes, Mutter Gottes ist aber nur eine, kein Cherub ist dies, kein Seraph, kein Engel, kein Mensch, und wird es nie sein und ist es niemals gewesen. Sie ist also mehr als Johannes der Täufer, ist über allen Aposteln, niemand ist oder war Gott so nahe wie sie. Die ganz einzige Verehrung, die ihr als Mutter Gottes gebührt, drückt Elisabeth mit den Worten aus: "Woher kommt es mir, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt"; sie sagte dies voll des Heiligen Geistes, also sagt es Gott selbst. Ihr gebührt ein ganz hervorragender Kult, weil nur Gott noch höher ist als sie und weil sie wegen ihrer Mutterwürde alle Engel und Heiligen an Gnade und Glorie übertrifft. Daher die vielen Festtage mit ihren Zeremonien ihr zu Ehren, die schon von alters her bestehen, der häufige Sakramentenempfang und alt und jung, Männer und Frauen neigen ihr Haupt, wenn ihr Name ausgesprochen wird, alle haben ihren Namen im Munde, alle denken gern an Maria und ihre Herrlichkeit, beten den Englischen Gruß und erinnern sich dabei an sie und an das Geheimnis der Menschwerdung, beten immer mit dem Vaterunser zugleich das Ave; daher die vielen Kirchen und Kapellen, die Maria geweiht und mit großem Aufwand geschmückt und dotiert sind, damit dort immer das Lob Mariä gesungen werde, daher die vielen Marienbilder in den Kirchen und Häusern, auf Wegen und Stegen, wo sie abgebildet ist, wie sie der Engl grüßt, das Jesukindlein gebiert, es auf ihrem Arme trägt, neben dem Kreuze steht, seinen Leichnam in ihrem Schoße hält, zum Himmel aufgenommen wird. Alle rufen sie an in allen Nöten und wie wirksam ihre Fürbitte ist, beweisen die tausend und tausend Votivtafeln, auf denen die Wunder verzeichnet sind, die sie gewirkt; daher die vielen Wallfahrten zu ihren Heiligtümern und die vielen Gelübde zu ihr.
5. Wenn wir aber die Bilder der Mutter Gottes und der Heiligen verehren, meinen wir nicht, daß in dem Bilde ewas Göttliches drinnen sei, wie die Heiden dies glaubten von den Bildern ihrer Götter; wir halten die Bilder nicht für Gott wie die Heiden, setzen nicht auf sie unser Vertrauen, sondern ehren sie als Gedächtnis und Erinnerung an die Heiligen, die sie darstellen. Freilich, die Heiden taten auch ähnliches, was wir Maria und den Heiligen gegenüber tun. Sie brachten ihren Göttern Opfer dar, bauten ihnen Tempel, machten Gelübde, verfertigten ihre Bilder, hielten Feierlichkeiten mit gewissen Zeremonien usw. Hieraus darf man aber nicht schließen und sagen: die Verehrung der Katholiken zu Maria und den Heiligen hat ihren Ursprung im Glauben der Heiden und ist um nichts besser als dieser. Wenn dies, dann könnte man auch sagen: die Christen essen und schlafen wie die Heiden es auch getan, sie waschen sich, singen, arbeiten, treiben Geschäfte und Handel, wie die Heiden es auch taten; also haben sie dies alles von den Heiden überkommen; die heidnischen Gebräuche sind der Ursprung, die Quelle von alle diesem, mithin sind alle diese Dinge heidnisch und ganz zu unterlassen. So wenig aber dies daraus folgt, so wenig jenes. Und dann antworte ich: Dieser Einwurf setzt voraus, daß das Heidentum die ursprüngliche Religion der Menschheit war und aus dieser die jüdische und daraus die chrisltiche entstanden sei. Das ist ganz falsch. Der heidnische Irrtum über Gott ist nicht das Ursprüngliche, er ist eine Abirrung der Menschheit vom wahren Glauben, den sie anfangs festhielten. Im Judentum allerdings hat das Christentum und seine Gewohnheiten ihren Anfang, allein Moses schrieb das Gesetz, alles nämlich, was die Verehrung Gottes und der göttlichen Dinge betrifft, im Auftrage Gottes nieder, die Heiden aber haben das meiste von dem, was in ihrer Religion wahr ist, von den Juden bekommen, wie die Häretiker ihre Sakramente und ihre Zeremonien von der Kirche Christi haben. Allein bei den Heiden wurde es vom Teufel zum Schaden der Menschen verdorben, bei den Heiden äffte er die Synagoge, bei den Ketzern die Kirche Christi nach. Übrigens ist die Verehrung, die die Christen üben, doch eine ganz andere als die der Heiden, obwohl manches bei beiden ganz ähnlich zu sein scheint. Sind auch die Dinge dieselben, so werden sie doch von den Christen zu einem ganz anderen Zweck gebraucht und das Leben der Christen muß auch ein ganz anderes sein, weil es hervorgeht aus dem Glauben, aus der Hoffnung und der Liebe Gottes und dazu dient, die Liebe auszubilden, zu stärken und zu vollenden. Diese drei Dinge finden sich aber bei den Heiden nicht. Also. So Augustin: "Wer etwas anderes glaubt, etwas anderes hofft, etwas anderes liebt, der lebt auch anders."11 Zum Beispiel: Die Juden und Heiden in Babylonien gebrauchten beim Gottesdienst Musikinstrumente, aber beide ganz anders; jene zum Lobe Gottes, diese zum Dienste der Dämonen. So ist es auch mit den Bildern der Heiligen bei den Christen und bei den Heiden. Jene gebrauchen sie zur Ehre und zum Ruhme der Heiligen, diese zur Verehrung des Teufels. Die Heilige Schrift verurteilt jene, die die Bilder anbeten und die den Dämonen opfern. Die Heiden opferten, die Juden auch, aber die Heiden den Dämonen, die Juden dem wahren Gott. Also ist es nicht wahr, daß die Anrufung der Heiligen von seite der Katholiken sich nicht unterscheide von der Verehrung der Götzenbilder bei den Heiden. Niemand kann beweisen, daß wir das, was wir zur Ehre Mariens und der Heiligen tun, von den Heiden haben, daß es dort seinen Ursprung habe, wir von ihnen es angenommen und bei uns eingeführt haben und jetzt üben, um sie nachzuahmen. Der wahre Grund ist nach Johannes Damascenus dieser: "Seitdem die Gottheit mit unserer menschlichen Natur sich verband, und zwar unauflöslich sich verband und so gleichsam zum bleibenden Heilmittel geworden ist, wurde die Natur des Menschengeschlechtes herrlicher, besser, und zur Unsterblichkeit erhöht. Deswegen wird jetzt der Tod der Heiligen gefeiert, werden Temepl errichtet, die ihren Namen tragen, und Bilder von ihnen gemalt. Daß aber Bilder gemacht werden dürfen, das wissen wir nicht bloß aus der Überlieferung in der Kirche, sondern auch aus der Heiligen Schrift, weil Moses auch auf der Bundeslade Statuen von Engeln, nämlich von Cherubim, anbrachte."12 Schon Theodoret13 und der Dichter Prudentius14 sagen, die Gläubigen hätten in den den Heiligen geweihten Kirchen denselben Geschenke geopfert, um ihre Verehrung zu ihnen zu zeigen und nach empfangener Wohltat, um ihnen zu danken. Theodoret lobt diese Gewohnheit und sagt, Gott werde diese Gaben annehmen, so gering sie auch sein mögen. Und die Synode von Gangra verdammte sogar jene, die dies tadeln und verachten. Natürlich ein Gelübde im eigentlichen Sinne kann man nur Gott machen, weil es ein Akt der Gottesverehrung ist, indem wir durch das Gelübde Gottes höchste Oberherrlichkeit anerkennen und ausdrücken wollen. Aber man kann auch Maria und den Heiligen etwas versprechen, das ist kein Gelübde, obwohl es ein solches sein kann, wenn man nämlich Gott verspricht, halten zu wollen, was man Maria oder einem Heiligen versprochen hat. Auch kein Opfer darf man Maria darbringen, weil es auch ein Akt der Gottesverehrung, der Latria ist, die Gott allein gebührt; wir wollen nämlich dadurch ebenfalls Gottes höchste und unendliche Vollkommenheit bezeugen und deswegen opferten die Völker von jeher nur dem, den sie, etweder wahr oder falsch, für das höchste Wesen hielten. Allein wir bringen Gott Opfer dar zum Gedächtnis, zur Ehre der Heiligen, wir opfern nicht ihnen, sondern Gott allein, der aber die Heiligen gekrönt hat und so opfern wir Gott, um ihm zu danken für die Gnaden und Siege, die er den Heiligen verliehen hat; ferner auch, um ihre Fürbitte anzurufen; daß die ihre Fürbitte für uns einlegen, deren Gedächtnis wir auf Erden feiern. Opfern ist ein Akt der Anbetung, anbeten darf man aber nur Gott allein, wie auch Kirchen und Altäre nur Gott allein geweiht werden, aber zur Ehre von bestimmten Heiligen. Niemand sagte jemals: Ich opfer dir, Petrus oder Paulus, sondern immer: ich opfer dir, o Gott. So war es immer Gewohnheit in der Kirche Gottes schon seit den ältesten Zeiten. Von jeher wurden die Namen von Martyrern und anderer Heiliger in der heiligen Messe genannt, nicht bloß, um Gott zu danken, sondern auch, auf daß wir Gottes Schutz und Hilfe erlangen durch die Verdienste und Bitten der Heiligen. Und wir feiern die heilige Messe über ihren heiligen Leibern, um uns noch mehr zur Liebe anzuregen, und zwar sowohl zur Liebe zu ihnen, damit wir sie nachahmen, als auch zur Liebe desjenigen, der uns diese Nachahmung möglich macht durch seine Gnade, zu Gott. So lehren Augstin15, Ambrosius,16 Epiphanius.17 Wir erinnern uns in der heiligen Messe daran, daß eben alle Gnaden, die die Heiligen und Maria erhielten, sie durch die Verdienste erlangten, die Christus am Kreuze erworben hat, dessen Leiden und Sterben aber in der heiligen Messe dargestellt und wieder auf unblutige Weise erneuert wird. Deswegen ist gerade die Feier der heiligen Messe die passendste Zeit, das Andenken der Heiligen zu begehen; denn wir bekennen da, daß sie alles durch das Leiden und Sterben Jesu haben, daß sie und auch Maria alles, was sie an Gnade und Glorie besitzen, durch den Kreuzestod Christi haben und daß Maria die unvergleichliche Mutter dieses Herrn ist. So ehren wir wieder Christus durch ein solches Andenken an die Heiligen und an Maria. Wir wissen überdies, daß alle Macht, die die Heiligen und Maria haben, um uns zu helfen, nur Früchte des Leidens und Sterbens Jesu sind und weil dieses auf dem Altare gegenwärtig wird, so verbinden wir die Fürbitte der Heiligen für uns mit den Verdiensten Christi und vertrauen, daß Gott diese Fürsprache uns zum Nutzen werde gereichen lassen und dies auch wieder nur per Dominum nostrum Jesum Christum; durch unsern Herrn Jesus Christus, ohne den die Heiligen weder für sich noch für andere irgend etwas erlangen können. Durch ihn allein haben wir und sie Zutritt zum Vater, er allein ist unser Versöhner für unsere Sünden, er allein ist Fürbitter für alle, für den aber niemand bittet, er allein erlöst alle durch sich selbst, versöhnt alles, was im Himmel und auf Erden ist. In diesem Sinne kann doch beides schön miteinander verbunden werden, nämlich Gott allein opfern, das heißt, dem Vater Christus als Opfer darbringen und doch zur Ehre und zum Andenken der Heiligen, in dem Sinne, daß wir Gott Dank sagen für alles, was er den Heiligen gegeben, zugleich aber auch sie bitten um ihre Fürsprache beim Vater und Sohn, damit wir die Früchte des Leidens und Sterbens, dessen Erinnerung, Darstellung und Erneuerung die heilige Messe ist, um so reichlicher in uns erfahren, wenn eine solche Mutter für uns einsteht. Diese Fürbitte ist mithin nicht gegen die Ehre Christi. Gewiß geschah durch Gottes Ratschluß, daß die Kirche von alters her immer bei der heiligen Messe Maria erwähnt und feiert und sie um ihre Fürbitte anruft. Dies geschah sogar schon in der Liturgie des hl. Jacobus, dann in der Liturgie der Kirche in Kreta, ebenso in Konstantinopel unter Chrysostomus, in Neo-Caesarea im Pontus unter Basilius dem Großen, ebenso in der äthiopischen Liturgie, die sehr alt ist, ferner in der ambrosianischen und gregorianischen. Maria wird nicht unter den Heiligen genannt, sondern besonders, eben, weil sie viel höher ist als alle Engel und Heiligen. Unsere Präfation an den Muttergottesfesten ist die gleiche, wie in den genannten Liturgien.* (* Literatur zu den Liturgien siehe Anhang 1. Kap. 51 nach Anm. 22.)
6. Der heilige Epiphanius18 mußte zu seiner Zeit gegen Frauen in Arabien einschreiten, die die Muttergottes als Göttin anbeteten und ihr Opfer darbrachten und er sagt, dies sei Götzen- und Teufelsdienst. Allein wir Katholiken tun das nicht. Adorare: anbeten im eigentlichen Sinne dieses Wortes genommen, ist ein Akt des Kultes der Latria und Gott allein gebührend; zum Beispiel wenn es heißt: "Du sollst Gott allein anbeten und ihm dienen." So muß man den Heiligen Geist und auch Christus als Mensch anbeten, Maria aber nicht, denn sie ist der Tempel Gottes, aber nicht Gott selbst. Sie ist keine Göttin, sondern ein Geschöpf, ein bloßer Mensch, wenn auch der allerheiligste; und wenn sie auch heiliger und erhabener ist als alle Engel und Heiligen, so ist sie doch ein Mensch; deswegen dienen wir ihr nicht so, wie wir Gott dienen. Ihr erweisen wir also nicht den Kult der Latria, sondern nur den der Dulia, allerdings eine größere als allen andern Heiligen, eine Hyperdulia, wie Thomas von Aquin und Bonaventura lehren, obwohl zum Beispiel Bonaventura die Mutter Gottes ungeheuer verehrte. Im uneigentlichen Sinne aber kann man sagen, wir beten Maria und die Heiligen an. So wird dieses Wort in der Heiligen Schrift oft gebraucht. So heißt es zum Beispiel von Abraham, Lot, Josue, dem Führer der Israeliten, von Gedeon, dem Fürsten, von Daniel, sie hätten die Engel, die ihnen erschienen, angebetet, sie hätten nämlich ihr Angesicht bis zur Erde geneigt und sie angebetet. Ja, es wird sogar gesagt, daß ein lebender Mensch einen andern lebenden Menschen angebetet habe, zum Beispiel Nathan der Prophet, den König David, Jakob den Esau, David Jonathan, der Patriarch Jakob den König Pharao. Dieses Wort: anbeten hat also einen weiteren Sinn sowohl im Hebräischen als auch im Lateinischen und bedeutet nichts anderes, als eine Verehrung zu jemand verbunden mit dem Verlangen nach ihm, weil man ihn liebt, sei es, daß man seine Verehrung durch Entblößen des Hauptes oder durch Verneigen des Leibes bis zur Erde oder durch einen Kuß oder Kniebeugung bezeugt, dieses Wort: anbeten, ist in der Kirche sehr alt und wird gebraucht von der Verehrung zu Gott, zu Menschen oder auch bloß zu heiligen Dingen, zum Beispiel zur Bundeslade, dem Tempel Salomons oder den Bildern gegenüber, indem wir sie zum Beispiel küssen oder davor eine Kniebeugung machen oder uns niederwerfen oder das Haupt entblößen. Wenn wir aber dies heiligen Dingen oder Bildern erweisen, so wollen wir dies nicht dem Bilde oder der Sache tun, sondern der Person, die das Bild darstellt, also Christus oder Maria oder den Heiligen oder den Engeln. Wir wissen doch, daß in den Bidlern und Dingen selber nichts Göttliches enthalten ist, keine Macht, derentwegen wir sie verehren könnten, deswegen setzen wir unser Vertrauen auch nicht in sie, erbitten nichts von ihnen, erweisen ihnen selber keine Ehre, sondern alle Ehre geht auf die dargestellte Perrson. Anbetung im weiteren Sinne wird also nicht bloß Gott, sondern auch den Geschöpfen erwiesen und zwar nicht nur den Personen, sondern auch den Bildern und Dingen, nämlich im Sinne von Verehrung, nicht im Sinne der Latria. Auch das griechische Wort proskünesis bedeudet nur Verehrung, Liebe. Deswegen sagt Basilius der Große in seinem Schreiben an Kaiser Julian, er bete die Bilder der Heiligen an (proskünesis)19. Anbetung ist ein Zeichen der Unterwerfung und der Ehrung, also gibt es verschiedene Anbetungsweisen, sagt Johannes Damscenus,20 eine Anbetung, die Gott allein gebührt: per latriam, dann eine solche, die wir den Freunden und Dienern Gottes erweisen, wie Daniel den Engel Gabriel angebetet hat; eine andere, die wir den heiligen Orten, die Gott geweiht sind, erweisen. Wir beten also Maria und die Heiligen nicht an, wenn man dieses Wort im strengen Sinne nimmt, nämlich im Sinne von Latria, wenn man es also versteht von einer Anbetung, die Gott allein von Natur aus zukommt, denn sie sind nicht Gott. Wir können und dürfen und sollen sie aber anbeten, wenn man dieses Wort im weiteren Sine nimmt, im Sinne von Verehrung, Liebe, Unterwerfung. So sagen die heiligen Väter, wir beten Maria und die Heiligen an und behaupten es fest. So sagte zum Beispiel Johannes Damascenus: "Laßt uns anbeten und den Kult der Latria dem Schöpfer allein darbringen, dem Weltenbaumeister, denn er ist Gott und wegen seiner Natur anzubeten. Laßt uns aber auch die heilige Jungfrau, die Gottesgebärerin, anbeten, nicht als Gott, sondern als die Mutter Gottes dem Fleische nach."21 Nicetas, Erzbischof v. Heraclea i. Pontus, sagt: "Weil sie Mutter Gottes ist, ist sie auch unsere Herrin und Königin, von uns zu verehren und anzubeten."22 Epiphanius sagt: "Maria wird von den Engeln angebetet."23 So reden die Väter und die Protestanten wollen es uns übelnehmen, daß wir überhaupt der Mutter Gottes und ihren Bildern äußere Verehrungszeichen erweisen und meinen, dies sei Götzendienst. Dabei verstehen sie aber gar nicht, was Götzendienst ist oder wollen es nicht verstehen. Denn darunter versteht man den Gott allein gebührenden Kult und Dienst Götzenbildern erweisen, sagt Augustin24 und troztdem berichtet er selber, daß man zu seiner Zeit in den Kirchen vor den Bildern des Apostels Petrus die Knie beugte und lobt dies, wie er auch den Kaiser Theodosius lobt, der beim Grabe des heiligen Petrus seine Krone vom Haupte nahm, demütig betete und vor den heiligen Leibern sich niederwarf. Was ist aber all dies anderes als das, was Juden und Griechen und Lateiner mit dem Worte adoratio: Anbetung ausdrücken. Schon Tertullian25 berichtet von seiner Zeit, die Christen machten Kniebeugungen vor den Altären der Heiligen und Martyrer und zur Zeit des Hieronymus26 war es bei den Katholiken Sitte, bei den Reliquien der Heiligen Lichter anzuzünden und ihnen verschiedene Akte der Anbetung öffentlich zu erweisen, obwohl zwei Feinde sich dagegen sehr ereiferten, nämlich Vigilantius und Eunomius.
Epiphanius verurteilt also jene Frauen, weil sie der Mutter Gottes eine Anbetung erwiesen, die ein Kult der Latria war und weil sie ihr, wie Gott selber, Opfer darbrachten. Ganz mit Recht, aber das trifft nicht uns Katholiken. Er lehrte doch gewiß nichts anderes, noch wollte er etwas anderes lehren als seine heiligen Zeitgenossen Augustinus,25 Hieronymus, Chrysostmus,26 Basilius der Große, Ambrosius. Und jemand um sein Gebet anrufen heißt doch nicht ihn als Gott anbeten. Weil wir nicht sagen, sie sei die Quelle und Spenderin der Gnaden, sondern wir sagen, das ist Gott. Ja, wenn wir sie anriefen in dem Sinne, als ob sie die erste und die Hauptursache der Gnaden wäre, dann wäre diese Anrufung eine Anrufung Gottes. Jakob war ein berühmter Patriarch und er rief Gott an, aber er bat auch zugleich den Engel, das heißt, er rief ihn an, und zwar unter Tränen, ganz inständig. David betete die Bundeslade an, aber zu ihr gebet hat er nicht, weil sie nicht helfen kann, das wäre Götzendienst gewesen, denn etwas anderes ist anbeten und etwas anderes anrufen. Anbeten kann man auch eine leblose Sache, aber nicht anrufen, weil keine Seele in ihr ist. Epiphanius war nun ein so großer Marienvereher und gibt ihr die wunderbarsten Ehrentitel. Wie könnte er also verboten haben, Maria zu verehren, also sie in ihrer Weise anzubeten, sie anzurufen, sie zu lieben. Er berichtet sogar von den Gräbern der Propheten Jeremias und Ezechiel, daß viele Wunder an ihrne Gräbern geschehen und daß die Gläubigen dorthin wallfahren und Geschenke darbringen und beten. Also wird er um so weniger den Gläubigen verboten haben, Maria dies zu erweisen.