Aus dem Immaculata-Archiv - Ein Text aus dem Jahre 1673:


24.

Unser lieben Frauen Bild
Zu Einsidlen.
Im Schweitzerland.

Von dises Wunderthätigen Maria-Bilds Anfang kan nit wol geredt werden / ohne daß Meldung geschehe etlicher Heiligen / wie auch der grossen Tugend / so vor Zeiten den Teutschen Adel Namhafft gemacht.

Menradus deß Grafens von Sulgen Sohn / ist im fünfften Jahr seines Alters / dem Kloster in der Reichenau anvertraut worden / in welchem ausser deß Praelatens / vil andere guten alten Adels / under der Regel deß heiligen Benedicti / Geistlich und aufferbäulich lebten. Menradus / da er nach erlebten und zur Profession nothwendigen Jahren / auch ein Religios worden / ist von Tag zu Tag gespürt worden / wie er immerzu in Tugend und Geschicklichkeit zunahme: wie er dann in der Würde eines Lesers in dem Kloster Oberpollingen ein Zeitlang gelebt / biß er auß Begird eines ainsamen Lebens mit Erlaubnus / wie glaublich / seiner Obern / auff einen sehr hohen Berg sich begeben / in einen fast dicken und finstern Wald / allwo er sechs und zwaintzig Jahr ein Gottseliges Leben geführet. Es hat disem neuen Eliae der gütige GOtt sein Kost-Frau verschafft / von welcher ihm Wochentlich die nothwendige Nahrung geraicht worden. So hat auch deß nechstgelegnen Frauen-Klosters Aebbtissin dem frommen Priester ein Kirchlein erbauet / weil er schon wegen deß zulauffen deß Volcks / und deß grossen Geistlichen Fruchts / so er mit seinen Reden schaffte / nit einen kleinen Namen der Heiligkeit erworben. Diß Kirchlein / ob es schon gar eng und klain / wird es doch wegen deß Wunderthätigen Maria-Bilds / mehr als alle grosse Weltliche Gebäu in Ehren gehalten. Vier Bücher /und nit mehr hätte Menradus mit sich in die Wüste genommen / ein Meß-Buch / der heiligen Vätern Predigen / die Reglen deß heiligen Benedicti / und die Geistreiche Bücher Cassiani: liesse sich auch mit disen wenigen Büchern begnügen. Ist sich wol zu verwundern ab dem Underschid der Zeiten / allweilen man sich jetzund verwunderte / wann einer mit Lesung diser vier Bücher sich begnügen liesse.

Im sechs und zwaintzigsten Jahr seines Wald-Lebens / und heiligen Wandels / ist ihm von einem Engel under der heiligen Meß angezaigt worden / die Zeit seiner Belohnung seye nunmehr verhanden / und wie er dieselbe anzutretten / sein Leben wurde durch die Greulichkeit der wilden Mörder enden. Wie dann auch nach wenig Stunden ihrer zween ankommen / welche / weil sie wegen grossen Zulauffs bey dem heiligen Mann vermainten grosses Gelt zu finden / ihne gantz jämmerlich zu ermörden gesinnet waren; allweilen er aber ausser Wasser und Brodt / ihnen nichts vorzusetzen vermöcht haben sie im schnellen Zorn die grausame That begangen / und den heiligen Mann mit Brüglen zu todt geschlagen. Der nunmehr sterbende H. Mann batte sie gantz freundlich / die Kertzen auß der Kirchen herbey zu bringen / auff daß er nit ohne geweychtes Liecht auß diser Welt verschide / welches dann auch ainer auß ihnen gethan / und vermerckt / daß sich die Kertzen in seinen Händen unsichtbarlicher Weiß angezündet / ab welchem Wunder (wie sie hernach Gerichtlich außgeben) wie dann auch ab dem gedultigen Ableiben sie in grosse Forcht gerathen / und sich in die Flucht geben. Also ist der heilige Menradus dises Gotts-Hauß erster Anfänger auß diser Welt abgeschiden. War nur überig die Straff / welche jener grossen Mordthat gebührete / welche auß Befelch GOttes die zween Rappen / so von dem  Heilgen seynd ernährt worden / in das Werck zu setzen sich understanden: die seynd den Thätern biß nacher Zürch jederzeit nachgefolget / und gantz grausamlich auff sie dargeschossen / ja auch biß auff den Tisch in das Wirthshauß hinein geflogen / und männiglichen zu gerechter Rach ermahnet. Da nun vermerckt worden / daß die deß heiligen Menradi Rappen wären / und daß der heilige Mann in seinem Blut vor dem Kirchlein bey brinnenden Kertzen todt lige / seynd sie Gerichtlich ergriffen worden / und haben alles freywillig und weitläuffig bekennet. Wie sie dann auch von Pferdten biß zu der Richtstatt geschlaipfft / hernach nach Zerschmetterung aller Gebainen auff das Rad lebendig geflochten / letztlich durch das langsame Feur ihr Urtheil geendet: ihre Aschen seynd in das fliessende Wasser geworffen worden.

Drey und viertzig Jahr wurde keiner gefunden / welcher in so gefährliche Einöde dem heiligen Mann wolte nachfolgen / und das Mariae-Kirchlein verwalten / seynd auch deren gar wenig gewesen / welche das Wunderthätige Maria Bild besuchten / ob schon underweilen grosse Wunder-Zaichen gehört und gesehen wurden: solchen Schröcken hätten die Gottlosen zween Mörder verursacht.

Letztlich nach drey und viertzig Jahren hat sich zu dem heiligen Kirchlein in die Einöde deß finstern Walds begeben Benno / auß Königlichem Burgundischen Geblüt / zuvor Bischoff zu Straßburg / und von seinen Feinden seiner Augen beraubt: diser hat biß auff das neunhundert und viertzigste Jahr Gottselig gelebt / und auch also verschiden / wie er dann vor der heiligen Capellen begraben ligt. Solchem ist nachgefolgt der Hochwürdige Dechant deß Thumb-Stiffts Straßburg / deß abgeleibten Bennonis Bluts-Freund: diser hat zu dem Kirchlein auch ein Kloster hinzu erbauet / und den heiligen Conradura Bischoffen von Costnitz / als seinen Ordinarium erbetten / daß so berühmte / und nunmehr nicht gar neue Capellen mit gewohnlichen Kirchen-Caeremonien zu weyhen. Welches dann Conradus der Mutter GOttes zu Ehren verwilliget / und den heiligen Udalricum Bischoffen zu Augspurg / so dazumal sich zu Costnitz Geschäfft halber auffhielte / mitgenommen. Allwo die Nacht vor angestellter Kirch-Weyhung / als Conradus seine gewohnliche Gebett zu verrichten auffgestanden / hat er bey ungewohnlichem Liecht gesehen / wie daß von den Heiligen GOttes diejenigen Caeremonien in Weyhung diser Capellen verrichtet wurden  / welche ihme zu verrichten den andern Tag / Amptshalber zustunde. In dieser so Wunderseltzsamen Geschicht wird dem Leser nicht unangenemb sey / wann ich von Wort zu Wort / so vil es müglich / die Sach herbey setze / wie sie von dem heiligen Conrado selbst beschriben worden in einem seiner Hand-Büchlein / so er genennt de Secretis Secretorum, das ist von den gehaimbisten Gehaimbnussen: darinn fast dise Wort gelesen wurden. In dem Jahr nach der Geburt deß Haylands 948, da Agapitus der Ander dises Namens Papst ware / und Kayser Otto regierte in dem dreyzehenden Jahr deß Bistumbs Conradi / am Fest deß heiligen Creutzes im Herbst / ist von unserm lieben HErrn Christo JEsus selbsten / und seinen heiligen Englen geweyhet worden die Capellen unser lieben Frauen zu Einsidlen auff dise Weiß. Christus unser lieber HERR kame herab von Himmel / beklaidet mit einem Meß-Gewand / von braunlechter Farb / hernach an dem Altar der heiligen Jungfrauen Mariae uberstanden / und das Ampt der heiligen Meß gehalten / allwo ihm die heiligen vier Evangelisten die Bischoffliche Inful zu gewisen Zeiten auffgesetzt / und abgehebt: die heilige Engel mit Rauch-Fässern die Kirch mit köstlichem Rauch angefüllet / nicht ohne liebliches Sausen / wie der sanffte Mayen-Lufft pflegt / wann er under den blätterigen Bäumen spilet. Es stunde  bey ihme auff einer Seiten der heilige Gregorius / und hielte in seiner Hand ein Weyh-Wadel/ auff der andern der heilige Petrus / so da den Bischofflichen Stab vorhielte / nicht weit darvon war der heilige Augustinus mit sambt dem heiligen Ambrosio. Die heilige Jungfrau Maria aber erschine auff dem Altar gezieret mit Sonnen-klaren Liecht-Straalen / der heilige Ertz-Engel Michael / als Capell-Maister / wie auch andere heilige Engel / verhielten sich in dem Gesang / wie es die Anordnung der Römischen Kirchen erfordert in Weyhung einer Thumb-Kirchen. Die Epistel hat gesungen der heilige Stephanus / der heilige Laurentius das Evangelium: das überige Gesang ist verrichtet worden von den heiligen Engeln / nicht allein mit lieblichen Himmlischen Stimmen / sondern auch mit fürtrefflichen Instrumenten. Etliche Wort haben sie verändert / massen / als die zu Ende der Praefation zu dem Sanctus kommen / haben sie also gesungen: Heilig ist GOtt in dem Saal der Glorwürdigen Jungfrauen Mariae: Heilig ist GOtt auff dem Altar deß Creutzes: Heilig und unsterblich ist der HErr GOtt Sabaoth. Erfüllet seynd Himmel und Erden mit deiner Glori. gebnedeyet seye der Sohn Mariae in Ewigkeit / der da kombt in dem Namen deß HERRN / etc. Nicht weniger seynd auch etliche andere Wort von den heiligen Englen verändert worden / wie folgt: O du Lamb GOttes / erbarme dich aller / die an dich glauben. O du Lamb GOttes / erbarme dich der Abgestorbnen / welche in dir ruhen. O du Lamb GOttes / gibe Friden den Lebendigen und Abgestorbnen / welche dich benedeyen / etc. So offt aber unser lieber HErr an dem Altar solte sagen die gewohnliche Wort: Der HErr sey mit euch: hat er an statt deren gesagt: GOtt sey mit euch: deme dann die heilige Engel Gesangs-weiß geantwortet: Welcher sitzt in dem Thron der Cherubim / und sihet den Abgrund der Höllen.

Conradus der heilige Bischoff ist nach disem Himmlischen Gesicht in dem Gebett sehr lang verharret / mit Hoffnung / GOtt werde ihm gefallen lassen durch andere Mittel / als durch ihn / männiglich offenbar zu machen / daß nunmehr dise Kirchen weitere Weyhung nicht bedörffte. Allweilen nunmehr die Zeit verloffen / gehen etliche auß der Clerisey in das Kirchlein / erinnern ihren darinn bettenden / und schier noch verzuckten heiligen Bischoffen / daß nunmehr wegen Kürtze der noch übrigen Zeit die höchste Noth seye / die Weyhe der Kirchen anzufangen. Alsdann hat Conradus allen Verlauff dessen / was er zu Nachts gesehen / treulich erzehlet. Sie aber / die das gehört / nach dem sie den andächtigen Traum verehrt und geprisen / haben inständig Conradum ermahnet / und auch vermöcht / der Weyhe ihren Anfang zu geben / welches er dann auch / wiewol ungern / gethan / hoffend / GOtt werde sein Gnad unverborgen seyn lassen. Wie dann erfolgt: massen der Gotts-Dienst kaum angehebt worden / hat sich ein Stimm von Himmel hören lassen / so gantz deutlich und verständlich dise Wort gesprochen: Bruder / höre auff zu weyhen. Und  damit niemand in einigem Zweiffel möchte verharren / seyen dise Wort zum drittenmal widerholet worden. Alsdann seynd nit ohne Schröcken in sich gangen / die zuvor deß heiligen Bischoffs Worten nicht haben Glauben geben / und haben GOtt in seinen Wunder-Zaichen gelobet. So vil auß dem Buch deß heiligen Conradi de Secretis Secretorum.

Vierzehen Jahr hernach ist Kaiser Otto nach Rom verraiset / Leonem den Achten diß Namens / so von seinen Feinden verstossen / widerumb mit Macht in seinen Päpstlichen Thron zu setzen. In so Gottseliger Raiß ist der Kaiser beglaitet worden mit einem nit klainen Thail deß Teutschen Adels / under welchem neben etlichen Weltlichen Fürsten beynahe alle Bischöff deß Teutschlands. Außtrucklich befinde ich benennet Ottonem Bischoffen zu Maintz / Brunonem zu Cölln / Annonem zu Worms / Ottonium zu Hildesheim / Ottonem zu Minden / Erchenbaldium zu Straßburg / Udalricum zu Augspurg / und Conradum zu Costnitz / welcher vor Ihr Heiligkeit auß Gelegenheit so viler anwesenden Potentaten / allen Verlauff treulich erzehlet / und mit gebührenden Zeugen bestätiget / was sich im Jahr 948. vor vierzehen Jahren in Weyhung der Capellen unser lieben Frauen zu Einsidlen verloffen: welches alles Ihr Heiligkeit mit einer Offentlichen Authentischen Bullen gnädiglich bekräfftigen wollen / den künfftigen zweiffelhafftigen Zeiten vorzukommen. So ist es auch nit bey disem allein verbliben / sonder ist so ungewohnliche Geschicht auch etlichen andern nachfolgenden Päpsten widerumb vorgetragen / und auff ein neues bestättet worden: dahero dann dise heilige unser lieben Frauen Capellen also auffgenommen / daß ihnen die Römische Kaiser den Titl und Ampt deß Schatzmaisters vorbehalten. Nit wol ist zu glauben / was jederzeit / und noch heutigen Tags für grosse Wunder-Zaichen auß Barmhertzigkeit der Mutter GOttes geschehen.


Abschrift von Paul O. Schenker aus dem im Besitze des IMMACULATA-VERLAGS befindlichen Exemplars:
Marianischer Atlaß / Von Anfang und Ursprung Zwölffhundert Wunderthätiger Maria-Bilder. Beschriben in Latein Von R.P. GUILIELMO GUMPPENBERG. Anjetzo Durch R.P. MAXIMILIANUM WARTENBERG in das Teutsch versetzt / beede der Societet JESU. Erster Theil. Cum Gratia & Privilegio Sact: Caesar: Majest & speciali. München / In Verlegung Johann Hermann von Gelder / Chur-Fürstl. Hof-Buchandlern. Gedruckt bey Sebastian Rauch. Im Jahr Christi 1673.