Aus dem Immaculata-Archiv:


Die Verehrung

des

Heiligen Antlitzes

zu St. Peter im Vatikan
und an anderen berühmten Orten.

Eine Sammlung geschichtlicher Angaben

von

Abbé Janvier
Vorsteher der Priester vom heiligen Antlitz.

Nach der 6. französischen Ausgabe.

Tours
Oratorium vom heiligsten Antlitz
Rue Bernard Palissy, 8

1889


Erstbisthum von Tours.

Ich bewillige gerne die Veröffentlichung des Werkes, welches zum Titel hat: "Die Verehrung des hl. Antlitzes". Dasselbe kann nur zum Ruhme unseres Herrn beitragen und die Gläubigen erbauen.

+ Karl, Erzbischof von Tours.
Tours, den 16. November 1883.


Urkunde

der von Rom herrührenden

Bilder des heiligen Antlitzes.

SACROSANCTAE BASILICAE
PRINCIPIS APOSTOLORUM DE URBE
CANONICUS:

Universis praesentes litteras inspecturis fidem facio, ac testor me Imaginem Vultus DOMINI NOSTRI JESU CHRISTI, ad instar Sanctissimi Sudarii Veronicae in tela albi coloris impressam, altitudinis... unciarum, latitudinis... unc., reverenter applicasse eidem Sudario, nec non Ligno vivificae Crucis et Lanceae Dominicae cuspidi, quae in praedicta nostra Basilica religiosissime asservatur, ac pluribus Summorum Pontificum Diplomatibus, maximaque populorum veneratione celebrantur. In quorum fidem praedictam Imaginem et has praesentes litteras meo sigillo obsignavi, et subscripsi.

Datum ex aedibus meis, die 21 junii MDCCCLXVI.

Indictione Rom... 9. Pontificatus Smi D. N. Domini, Pii Papae IX, Pont. Max. anno XXI.

(L.S.)

A. THEODOLI.


Vorwort.

Eine einfache Bemerkung über die "Veronika" des Vatikans genügt der frommen Neugierde des Lesers nicht mehr. Der Verehrer des hl. Antlitzes ist nun begierig Alles zu erfahren, was auf eine Andacht Bezug hat, welche sich mehr und mehr ausdehnt. Aehnliche, nicht weniger interessante Gegenstände verdienen seine Beachtung; wir wollen die Beschreibung einiger derselben versuchen.

An den Grenzen Frankreichs und Belgiens vereinigten sich Flandern und Hennegau viele Jahrhunderte hindurch zur Verehrung eines alten Bildes, einer Copie desjenigen zu Rom, des hl. Antlitzes von Montreuil-les-Dames, heute nach der Kirche Unserer lieben Frau von Laon verbracht. Drei Städte in dem katholischen Spanien, Jaen, Osa de la Vega und Alikante, haben seit undenklichen Zeiten berühmte Abbildungen des hl. Antlitzes besessen, welche Gegenstand öffentlicher Verehrung waren. Vor drei Jahren feierte die erzbischöfliche Stadt von Lucca in Toscana, durch ein dreitägiges glänzendes Fest, den elfhundertjährigen Jahrestag des santo Volto (des hl. Antlitzes), welches sie als ihren größten Schatz betrachtet. In Tours, im Hause des Herrn Du Pont, jetzt "Oratorium", wird die Abbildung des hl. Antlitzes seit mehr als sechsunddreißig Jahren mit einer wunderthätigen Berühmtheit umstrahlt. -- Zu Genua verehrt man öffentlich und mit kirchlicher Bewilligung das hl. Antlitz von Edessa.

Wir sind der Meinung, daß die Diener des hl. Antlitzes, die sich zu Herzen nehmen, dem Beispiel des Herrn Du Pont zu folgen, indem sie, wie er, das göttliche Bild unseres gekreuzigten Erlösers verherrlichen, nicht in Unkenntniß bleiben sollten mit dem, was in alten Zeiten und zu unseren Tagen an diesen berühmten Orten geschehen ist. Es ist sehr wichtig für dieselben zu wissen, daß die Andacht, welche sie mit so viel Liebe üben, nicht neu in der Kirche ist, sondern daß sie zu allen Zeiten und überall bestanden hat, daß sie bis auf den Beginn des Christenthums zurückgeht, daß sie an vielen Orten, die wir selber zu wenig kennen, ihre heiligen Stätten, ihre Altäre, ihre Feste, ihre Bruderschaften, ihre Wallfahrten, ihre Prozessionen gehabt hat, je nach dem Charakter der Völkerschaften und den Bedürfnissen der Zeitumstände.

Das ist es, womit dieses kleine Buch sie bekannt machen soll, nicht durch logische Beweisführung oder Erörterung, sondern durch die Lehre der Geschichte und die Erzählung der Thatsachen.

Acht getrennte Beschreibungen bilden das Werkchen: das hl. Antlitz im Vatikan, -- das hl. Antlitz von Montreuil-sous-Laon, -- das hl. Antlitz von Jaen, -- das hl. Antlitz von Osa de la Vega, -- das hl. Antlitz von Alikante, -- das hl. Antlitz von Lucca, -- das hl. Antlitz von Tours, -- das hl. Antlitz von Edessa.

Um dieses bescheidene Büchlein mit der größtmöglichen geschichtlichen Genauigkeit zu schreiben, haben wir uns gedruckter und geschriebener Urkunden bedient, welche uns von den betreffenden Orten selbst durch zuverlässige Personen verschafft wurden, und zu deren Verwerthung freundliche Hände uns behülflich waren.

Um allzu zahlreiche Anmerkungen zu vermeiden, werden wir zu Anfang jedes Abschnittes die hauptsächlichen Quellen angeben, an welchen wir geschöpft haben.

Man wird leicht erkennen, daß wir den Gegenstand nicht mit der Ausdehnung und Reichlichkeit behandelt haben, welche er zuläßt: man bedürfte dazu Bände. Wie viele andere Abbildungen des hl. Antlitzes, wie viele Gemälde und Bildnisse unseres Herrn gibt es nicht, welche der Verehrung und frommer Forschung würdig sind! Da wir uns beschränken wollten, so haben wir mit Vorliebe das ausgesucht, was in näherer Verwandtschaft zu den Werken der Abbitte und Sühnung steht, welche in dem Oratorium zu Tours geübt werden. Unser Ziel wird erreicht sein, wenn unsere frommen Leser, erfreut, ermuthigt durch große Beispiele und wunderbare Gnaden, die sie vielleicht nicht kannten, sich mehr als je bewogen fühlen, in ihren Anliegen sich an das schmerzhafte Antlitz des Herrn zu wenden und ihm, als Abbitte und Ersatz für die Schmähungen welche ihm unser ungläubiges Jahrhundert auferlegt, inbrünstige Akte des Glaubens und der Sühne darzubringen.

P. Janvier.


Geschichtliche Notizen.

Das heilige Antlitz im Vatikan.

Die Verehrung des schmerzreichen Antlitzes unsers Herrn Jesu, so wie dieselbe von Rom bestätigt ist und wie sie in der ganzen Kirche geübt wird, hat auf dem Calvarienberg begonnen. Sie kommt uns von jener frommen Frau, deren Andenken wir seit undenklicher Zeit in der 6. Station des Kreuzweges finden und welche die Ueberlieferung uns unter dem Namen Veronika bezeichnet. Bevor wir die muthige That erzählen, durch welche sie so berühmt geworden, und ehe wir die Verehrung näher erklären, welche zum Gegenstand den wunderbaren Abdruck in ihrem Schleier hat, scheint es uns angemessen, in einigen Worten die Geschichte ihres Lebens wiederzugeben. Wir werden hierauf darstellen, wie die von ihr den Päpsten überlassene Reliquie zu St. Peter im Vatikan verehrt und bis auf unsere Tage gewissenhaft aufbewahrt wurde.

I.

Der Name Veronika kommt in den Evangelien nicht vor; allein, nach aller Wahrscheinlichkeit, ist diese Frau keine andere, als jene, welche der hl. Lukas erwähnt (K. VIII, 43-48). Er schildert uns dieselbe als seit zwölf Jahren unter einem Blutfluß leidend, welchen kein Arzt stillen konnte: "Sie näherte sich Jesu von hinten, berührte den Saum seines Gewandes und fühlte sich alsogleich geheilt." Nach der Frage des Heilands, welche ihm Gelegenheit gab, seine Macht zu verkünden, durfte sie aus seinem Munde die Worte hören: "Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen; gehe hin in Frieden."

Glaubwürdige Schriftsteller bestätigen, daß diese fromme Israelitin von Veronika nicht verschieden ist. Was zu dieser Meinung berechtigt, ist ein Dokument, welches drei sehr alten Meßbüchern entnommen ist. Das eine ist von Mailand, das ambrosianische genannt, das andere ist von Jaen in Spanien, und das dritte von Aosta. In der Messe des Festes, welches auf den 4. Februar fällt, ruft man in den Orationen die hl. Veronika an, welche das Antlitz unseres Herrn trocknete, in der Prose nach der Epistel betet man dieses heilige Bild an und das Evangelium ist dasjenige des hl. Lukas, welches wir erwähnt haben.

(Die Mehrzahl der geschichtlichen Bemerkungen, welche folgen, sind der "Geschichte der hl. Veronika, Apostels von Aquitanien", sowie dem beachtenswerthen Aufsatze des Mgr. Cirot de la Ville, Domherrn von Bordeaux, entlehnt, der in den "Kleinen Bollandisten" (3. Februar) abgedruckt ist.)

"Es ist wahrscheinlich, bemerkt darauf P. Ventura, daß diejenige, welcher vom Herrn die Gnade zu Theil wurde, mit ihren eigenen Händen den Schweiß und das Blut von seinem göttlichen Antlitz abzuwischen, die gleiche Frau ist, welche sein Gewand mit großem Glauben berührte, und so das schönste Zeugniß seiner Göttlichkeit gab."

Voll Dankbarkeit widmete sich die glückliche, so wunderbar geheilte Israelitin dem Dienste ihres Retters. Sie schloß sich Jesu an und folgte ihm, wie Maria Magdalena und andere heilige Frauen aus Judäa, welche den göttlichen Meister begleiteten und ihm mit ihrem Reichthum zu Hilfe kamen, während er mit seinen Aposteln von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf zog, das Evangelium predigend und das Reich Gottes verkündigend. Es scheint, daß sie sich am Tage des glorreichen Einzuges Jesu in Jerusalem in seiner Nähe befand; man glaubt, daß sie sogar den Muth gehabt, vor Pilatus zu treten und mit mehreren anderen Zeugen der Wunder des Herrn zu seinen Gunsten zu sprechen. Unbestreitbar ist es, daß sie sich auf seinem Wege nach dem Calvarienberge befand. Ein Schriftsteller der Neuzeit, Dr. Sepp, faßt die Ueberlieferung in folgende Worte zusammen: "Eine Frau, mit Namen Verenice oder Veronika, näherte sich Jesu mit mitleidsvoller Miene und trocknete sein von Schweiß triefendes Antlitz mit einem Tuche, so daß sein anbetungswürdiges Antlitz mit blutigen Zügen darauf eingedruckt blieb." Der gelehrte Piazza und andere Forscher geben die Erzählung mit näheren Umständen: "Im Augenblicke, als Jesus das Prätorium des Pilatus verlassend, seinen Weg nach dem Calvarienberg nahm, belastet mit seinem Kreuze, blutend in Folge der Geißelung und der Dornkrönung, kam, 450 Schritte weiter, als er eben sich einem Hause (Andere sagen: "Das Haus der Veronika", welches auf dem Wege zum Calvarienberge war. Die Stelle, welche es eingenommen hatte, wurde den Türken von den katholischen Griechen abgekauft (1883).) näherte, welches die Ecke bildete, Veronika, welche ihn von ferne gesehen hatte, voll Mitleid ihm entgegen, nahm ihren Schleier vom Haupte und reichte ihn dem Herrn dar, um sein Antlitz voll Schweiß und Blut daran zu trocknen. Christus, welcher denselben gütig angenommen, gab ihn zurück, nachdem er als Belohnung sein heiliges Antlitz darauf eingeprägt hatte und zwar mit einer so vollkommenen Aehnlichkeit, daß man die Spuren der Finger desjenigen unterschreiden kann, welcher ihm den gotteslästerlichen Schlag in's Gesicht gegeben hatte. Glücklich, einen so werthvollen Schatz zu besitzen, verwahrte ihn die hohe Frau in ihrem Hause und wachte darüber mit eifersüchtiger Sorge."

Den uns von der Ueberlieferung kommenden Namen "Veronika" scheint sie durch diese denkwürdige That erhalten zu haben. Derselbe bedeutet "Siegreiche" und ist aus zwei griechischen Worten zusammengesetzt: "Ich trage" "den Sieg" davon. Der glorreiche Beiname Pheronic oder Veronika kommt oft in den Oden des Pindar vor, wo er in der nämlichen Form angewandt, sich auf den Sieger in den olympischen Spielen bezieht. Gewisse griechische Schriftsteller bedienen sich desselben auch in der weiblichen Form, um eine berühmte Prinzessin oder Stadt zu bezeichnen. Wir finden ihn in der Geschichte der ersten Christen, wo er heiligen Märtyrerinnen und Jungfrauen verschiedener Länder gegeben wird. Die Römer haben diesen Beinamen wahrscheinlich ihrer Sprache anbequemend der jüdischen Frau, von welcher wir sprechen, gegeben, als dieselbe nach dem Abendlande kam.

Einige Gelehrte des vergangenen Jahrhunderts wollten durchaus den Namen aus dem lateinischen vera, "wahr" und dem griechischen icon, "Bild" (wahres Bild) zusammensetzen, indem sie so der Person als Eigennamen, den Namen selbst und die Eigenschaft des "Bildes" zu geben versuchten. Diese Zusammensetzung verstößt gegen alle Gesetze der Philologie und ist durchaus zu verwerfen. Unsere Ableitung ist im Gegentheil natürlich und läßt sich vollkommen mit den Regeln der Sprache und den geschichtlichen Thatsachen vereinigen. Es kommt zwar allerdings zuweilen vor, daß man der Sache den Namen der Person gibt und daß man z.B. die Abbildungen des hl. Antlitzes "Veroniken" nennt; allein der Name selbst, der persönliche Name Veronika, wird stets der heiligen Frau verbleiben, als ein Zeugniß ewiger und frommer Dankbarkeit, welche ihr die Nachwelt für ihr heldenhaftes Benehmen gegen den Erlöser auf dem Schmerzenswege beweist.

Einer unserer ältesten ascetischen Verfasser, voll Bewunderung für diese erhabene That, zögert nicht, dieselbe über die höchsten Tugendbeispiele zu stellen, welche die Welt gesehen hat. "Heldenmüthige Frau, ruft er aus, du bist unvergleichlich, keine ist dir gleich auf Erden! Zu einer Zeit, wo das ganze Weltall sich gegen das Leben des Erlösers verschwört hat; zu einer Zeit, wo Gott sein Vater ihn den Händen der Sünder überläßt; zu einer Zeit, wo die Engel bitterlich weinen, ohne ihm zu Hilfe kommen zu können; zu einer Zeit, wo ihn seine Apostel verlassen, verrathen und verläugnet haben; zu einer Zeit, wo ihn seine gute Mutter, die heilige Jungfrau, durch ihre Ohnmacht unendlich betrübt hat; zu einer Zeit, wo ganz Jerusalem seinen Tod und seine Kreuzigung verlangt; zu einer Zeit, wo es unter den Juden für ein Verbrechen und eine Gotteslästerung gilt, ihn als einen ehrenwerthen Mann anzuerkennen, verehrst du ihn als deinen Messias, betest du ihn an als deinen Gott, reichst ihm Erfrischung und gibst ihm Trost inmitten seiner größten Feinde. In Wahrheit, du verdienst unsterblichen Ruhm, hier und in der Ewigkeit; deßhalb hat dir auch der Erlöser das reichste Geschenk gemacht, das er je einer Creatur gegeben hat; er hat dir sein Bild, in deinen Schleier eingedrückt, zurückgelassen.

"Breite diesen Schleier nach den vier Welttheilen aus; laß' alle Menschen das erbarmungswürdige und entstellte Antlitz eines leidenden Gottes sehen. Predige mit deinem Bild das Leiden Christi in weiteren Kreisen noch, als die Apostel es gethan haben. Was mich anbetrifft, so verspreche ich dir, daß ich dich mein ganzes Leben lang für diese heldenmüthige That der Liebe verehren werde, und daß ich, lebend oder sterbend, vor den Augen meines Geistes und auf meinen Lippen stets den Namen der unvergleichlichen Veronika haben werde" (P. Parvilliers, "Die Andacht der Auserwählten oder Stationen von Jerusalem und dem Calvarienberge.")

Ein Schriftsteller des XVII. Jahrhunderts betrachtet Jesus, wie er sein Kreuz trägt und richtet folgende Worte an ihn: "Warum, o liebenswürdigster Jesus, ist es mir nicht erlaubt, all' das Blut zu sammeln, welches Du auf dem Wege zum Calvarienberge vergießest, oder warum kann ich nicht wenigstens dasjenige auffassen, welches die fromme Veronika in ihrem Schleier aufnimmt?... O glückliche Veronika, wie reich bist du für dein Mitleiden, welches du für meinen göttlichen Erlöser gehabt hast, belohnt worden! Kaum hattest du sein von Blut, Schweiß und Thränen überströmtes Antlitz abgetrocknet, als er auf deinem Schleier seine anbetungswürdigen Züge zurückließ, um dir dadurch seinen Dank für deinen Eifer zu zeigen, und um uns zu lehren, daß er sich selbst denjenigen hingibt, die ihm nach deinem Beispiel in der Person der Betrübten beistehen. Glückliche Veronika! deren willfähriger Diensteifer dem Herrn nicht weniger angenehm war, als derjenige Simons, obgleich er ihm dem Scheine nach weniger nützlich war; aber der Herr sieht auf die Meinung in Allem, was wir für ihn thun.

"Wie bist Du so gütig, o mein göttlicher Erlöser! Du hast Dir von einer Frau, so gut als von einem Manne wollen helfen lassen, um uns zu zeigen, daß Niemand von dem Antheil an deinem bitteren Leiden ausgeschlossen ist; aber auch, um uns zu beweisen, daß Du Rücksicht nimmst auf die Schwächsten und daß es genügt, um Dir zu gefallen, an deinen Leiden Antheil zu nehmen und dieselben im Herzen mit Veronika mitzufühlen, wenn man sie nicht, wie Simon von Cyrene, mit Dir theilen, oder deren Spuren auf dem Körper nicht tragen kann, wie der heilige Paulus. Es war deine Liebe, o mein Gott! welche dein Angesicht auf den Schleier der Veronika einprägte, um das Zartgefühl zu belohnen und zu gleicher Zeit zu befriedigen, das sie für Dich hegte; und Du gabst ihr so zu sagen dein Herz mit deinem Antlitz, auf daß sie erkenne, daß deine Liebe die Ursache deiner Leiden sei, und damit sie ihrer Liebe Genüge leisten könne, in deiner Abwesenheit dein Bild vor Augen habend.

"Ja, mein Heiland, Du gabst Dich Veronika in ihrem Schleier, damit sie sich Deiner erfreue, trotz deiner Entfernung; ebenso, oder in ähnlicher Weise, gibst Du Dich den Seelen der Getreuen durch den Glauben, welcher, wie ein heiliger Schleier, die Augen der Vernunft bedeckt, damit sie Dich durch diesen Glauben sehen und Dich das Leben hindurch wie in einem Bilde schauen, bis sie Dich in der Ewigkeit in Wahrheit besitzen". ("Die Gefühle eines wahren Christen über das Leiden Jesu", 1679)

Der Ort, an welchem die Handlung Veronikas stattfand, stand nicht weniger in Verehrung, als der Name der muthigen Frau. Bernhard von Breydenbach, Dekan von Mainz, versichert, daß er am 15. Juli 1483 den langen Weg zurückgelegt habe, auf welchem Christus vom Hause des Pilatus nach dem Orte der Kreuzigung geführt worden war, und daß er an dem Hause der Veronika vorbei gekommen sei, welches 550 Schritte vom Palaste des Pilatus entfernt liege. Adrichomius von Köln beschreibt den Ort mit größerer Genauigkeit: "Das Haus der Veronika, sagt er, stund an der Ecke einer Straße... Von dem Orte, von welchem sie Christus entgegenkam, bis zu der Gerichtspforte, wo er zum zweiten Mal unter dem Kreuz fiel, hatte er 366 Schritte und 11 Fuß zurückgelegt."

Durch eine Bulle von den 16. Kalenden des August (17. Juli) 1561 bestätigt und genehmigt Papst Pius IV. die Ablässe, welche man auf einem sehr schönen, bei dem Grabe unseres Herrn aufgewahrten Verzeichniß liest. Sixtus V, Benedikt XIII, Gregor XVI. haben dieselben anerkannt und veröffentlicht. Nun findet man in diesem Verzeichniß, welches die heiligen Orte aufzählt, wo die Albässe gewonnen werden, daß "in dem Hause der Veronika sieben Jahre und eben so viele Quadragenen (40 Tage) zu gewinnen sind." In Folge dessen wurde diese Station in der Andachtsübung "Kreuzweg" genannt, beibehalten. Der heilige Stuhl, über diese Angelegenheit befragt, gab zur Antwort, daß man unter keinem Vorwand die Stationen verkürzen dürfe und gibt als sechste Station: "Veronika, das Antlitz Jesu trocknend." Welche Kirche hat nicht ihren Kreuzweg und zeigt so Veronika allen Blicken als ein Muster der Sühnung und als eine mächtige Bittstellerin bei dem schmerzhaften Antlitz Jesu?

Der wunderbare Schleier, mit den Zügen des Erlösers, durfte nicht Privateigenthum bleiben. Es war eine Gabe Christi an seine Kirche, ein Heiligtum, vorbehalten für den Mittelpunkt der katholischen Welt. Veronika hat es daher auch nach Rom gebracht. In Anbetracht ihrer Wichtigkeit und der eigenthümlichen Nebenumstände, verdient die Thatsache eine nähere Untersuchung.

Die gelehrten Schriftsteller Philipp von Bergamo und Piazza erzählen das Ereigniß wie folgt:

"Auf Befehl des Tiberius Cäsar und durch die Vermittlung des Volusianus, eines tapferen Soldaten und dem Hofe nahestehenden Mannes, wurde Veronika um diese Zeit mit dem Schweißtuche Christi von Jerusalem nach Rom berufen. Der Kaiser ward bettlägerig und schwer krank. Durch Pilatus war er von den großen Wundern unterrichtet worden, welche Jesus wirkte, und er hatte Gesandte nach Judäa geschickt in der Hoffnung, seine Genesung zu erlangen. Die Gesandten fanden Jesus schon gekreuzigt und nun suchten die Juden sie irre zu leiten, indem sie ihnen die Fabel von dem Raube des Körpers Christi durch seine Jünger erzählten. Veronika aber belehrte sie eines Besseren und indem sie ihnen das Abbild des hl. Antlitzes zeigte, bot sie sich an, mit ihnen nach Rom zu reisen und versprach, daß der Kaiser durch den Anblick des Schleiers geheilt werde. -- Nachdem sie die kostbare Reliquie in einem Schrein verwahrt hatte, schiffte sie sich mit den Gesandten ein, erreichte Rom und wurde dem Kaiser vorgestellt. Kaum hatte dieser die heilige Frau empfangen und das Bild Christi berührt, als er vollständig geheilt war. In Folge eines solchen Wunders wurde Veronika von dem Fürsten sehr hoch gehalten."

Sandini gibt die gleiche Erzählung in seiner "Geschichte der heiligen Familie", und bezeichnet die Krankheit des Kaisers als Aussatz. Dieses Wunder wird auch von Ferrari in seinem "Verzeichniß der Heiligen Italiens" erwähnt.

So außerordentlich diese Begebenheit auch scheinen mag, so erklärt sie doch sehr gut, was bedeutende Geschichtsschreiber, wie Eusebius, Paul Orosus und mehrere Andere, von dem Benehmen des Tiberius Jesu und seiner Religion gegenüber erzählen. Benachrichtigt durch Pilatus, sagen dieselben, von dem Tode, der Auferstehung und den Wundern dieses außergewöhnlichen Mannes, wollte er ihn unter die Zahl der Götter aufnehmen lassen. Der Senat, erzürnt, daß er nicht, wie es sein Recht war, zuerst von dem römischen Statthalter in Kenntniß gesetzt und von dem Kaiser zu Rathe gezogen worden war, verwarf den Antrag und ordnete die Ausrottung der Christen an. Tiberius rächte sich, indem er jene, welche die Anhänger Jesu verklagen würden, mit den härtesten Strafen bedrohte, und alle Senatoren, mit Ausnahme von zwei, zum Tode verurtheilte oder verbannte. Er begnügte sich damit, dem Erlöser im Innern seines Palastes eine Statue zu errichten, und zwar an der Stelle, wo seine Hausgötter verehrt wurden. Was den Offizier betrifft, welcher vom Kaiser beauftragt worden war, Veronika vorzuführen, so nennen ihn der Verfasser der "Blumen der Heiligen" und Philipp von Bergamo, Volusianus. Die Präfationen des ambrosianischen Meßbuches erwähnen nebst seinem Namen noch den Vorfall, daß auch er durch die Berührung des wunderthätigen Schleiers Genesung von einer Krankheit gefunden hat. Sualdi sagt, daß man in der Kirche von Mailand sein Gedächtniß bei Gelegenheit des Festes der hl. Veronika, d.h. den 4. Februar feierte. An diesem Tage wurden Veronika und Volusianus nicht nur in dem Horengebet, sondern auch in der Messe erwähnt, in deren besonderer Präfation Volusianus genannt wurde. Dieselbe ist auch in den allerdings neuen Gemälden dargestellt, welche die Krypte der St. Peterskirche zu Rom schmücken. Auch in zwei alten Büchern der vatikanischen Bibliothek ist die Rede von ihm. In dem ersten, zur Zeit Alexanders III. 1160 geschriebenen, erzählt man, Volusianus sei ein Freund des Tiberius gewesen, und von ihm nach Jerusalem gesandt, habe er mit Veronika zugleich das Schweißtuch mitgebracht.

Wer auch immer der Gesandte gewesen sein mag, er kommt hier nur in zweiter Reihe. Die Hauptsache, nämlich die Uebertragung des heiligen Antlitzes, wird Veronika von den besten Verfassern zugetheilt. Unter diesen erwähnen wir besonders die Mystiker Landsperg und Mallonius, die Theologen Gretzer und Suarez, die Geschichtsschreiber Stengel und Paleoti, Hagiographen und Alterthumsforscher wie Galesinus, Gervasius und Biondo. Calcaginus, welchen Santini anführt und den der Erzdiakon Pameliu wiedergibt, drückt seine Meinung aus, wie folgt: "Das Bild Christi, von welchem die Ueberlieferung berichtet, daß es Veronika auf dem Schweißtuch gegeben worden sei, besteht noch, und ist in so großer Verehrung, daß nicht allein die Wunder, sondern auch der Anblick des Bildes selbst genügen, um allen Zweifel daran zu benehmen." Molanus bekräftigt dies durch die Meinung des Albericus, welcher in seinem Wörterbuche vom Jahre 1350 dieselbe Sprache führt: "Es besteht in der vatikanischen Bibliothek, fügt der belgische Doktor hinzu, ein Bericht über die Ueberführung dieses Bildes nach Rom unter Tiberius; der Bericht ist sorgfältig gearbeitet und die Schrift sehr alt. Der berühmte englische Theologe Thomas Stapleton hat dieselbe vollständig gelesen, wie er mir berichtet hat." Baronius bestätigt das Bestehen dieses kostbaren Schriftstückes, und sagt ferner: "In der Kirche von Sankt Maria von den Martyrern bewahrt man am Altar des Kreuzes sorgfältig die wurmstichigen Ueberbleibsel eines hölzernen Schreines auf, welcher zur Uebertragung der heiligen Reliquie gedient hat." Msgr. Barbier von Montaut hat in besagter Kirche die Inschrift abgeschrieben, welche bestätigt, wie durch die Hände Veronikas das heilige Schweißtuch von Palästina nach Rom kam. Erstaunt über eine so allgemeine Uebereinstimmung, ziehen die Bollandisten die beiden Schlüsse: "Was das Schweißtuch der Veronika betrifft, ist außer Zweifel für jeden rechtgläubigen Christen. Daß Veronika das heilige Bild selbst nach Rom brachte, ist die übereinstimmende Meinung aller Schriftsteller."

Bemerken wir hier mit Baronius, daß man den Schleier, welchen Veronika auf das mit Schweiß und Blut bedeckte Antlitz Christi legte, nicht mit dem heiligen Leichentuch verwechseln darf, welches zu Turin aufbewahrt wird, und in welches der anbetungswürdige Leichnam unseres Heilandes bei seinem Begräbnisse gewickelt wurde, noch mit jenen anderen Tüchern, die zur Bedeckung des Gesichtes und Hauptes im heiligen Grabe dienten. (Das Schweißtuch ist in der Abteikirche zu Cornely-Münster (2 Stunden von Aachen) aufbewahrt.)

Das Wort sudarium will so viel sagen, als ein leinenes Tuich, um den Schweiß abzutrocknen. Dies ist, nach Bergier's theologischem Wörterbuch, die erste Bedeutung dieses Wortes. Die Handlung Veronikas erklärt sich aus dem Gebrauch der Jüdinnen, auf dem Haupt oder um den Hals einen Schleier aus Wolle oder Leinen zu tragen, welchen man sich beeilte, Bekannten anzubieten, deren Antlitz in Schweiß oder Thränen gebadet war.

Im heidnischen Alterthum war es sogar Gebrauch, den zum Tode Verurtheilten aus mitleidiger Theilnahme einen Schleier zu geben, um die Thränen zu trocknen und um im letzten Augenblick das Haupt damit zu bedecken. Wir lesen in dem Leben des hl. Paulus, daß, als er aus der Stadt Rom geführt wurde, um enthauptet zu werden, und er mit einem großen Gefolge unter dem Hohne des Volkes zu dem Stadtthore gelangt war, er eine vornehme Frau, Namens Plautilla, erblickte, die sehr betrübt und traurig war; er bat sie um einen Schleier, um sich die Augen zu verbinden (wie es damals für jene, welche man enthauptete, gebräuchlich war), mit dem Versprechen, ihr denselben zurückzugeben. Mit Freuden erfüllte sie seinen Wunsch; die folgende Nacht erschien ihr der Apostel und gab ihr den Schleier zurück. (Ribadeneira.)

Veronika handelte also nur nach einem damals bestehenden Gebrauch; aber sie mußte der Wuth der Soldaten und den Schmähungen des erregten Volkes trotzen. Deßhalb verdiente sie es auch, daß der Erlöser, von ihrer Ergebenheit gerührt, ihr sein heiliges Bild als ein Pfand ewiger Liebe hinterließ, und die heldenmüthige That dieser Frau wird für ewige Zeiten verherrlicht werden; die frommen Seelen werden sie ohne Unterlaß segnen für diesen Dienst und die Ehrfurcht, welche sie Jesu in seinem bitteren Leiden erwies.

Man erzählt, daß Tiberius nach seiner Genesung seine Befreierin mit Gunstbezeugungen und Reichthümern überhäufen wollte. Sie schlug jedoch alle Anerbietungen des Kaisers aus, denn sie war sich wohl bewußt, daß sie einen Schatz besaß, neben welchem alles Andere nichts war. Sie bewahrte denselben sorgfältig, und in der Folge wurde er die Erbschaft und der Schatz der Kirche. Alle Zeugnisse stimmen darin überein, daß Veronika den Schleier dem hl. Clemens übergab, welcher damals Mitarbeiter des hl. Petrus war und später sein dritter Nachfolger wurde.

Starb die hl. Veronika in Rom? Ferrari scheint das anzudeuten. Petrus Galesinus stellt sie in seinem Martyrologium dar, als in der Stadt selbst gestorben, nach welcher sie von Jerusalem das Antlitz des Herrn gebracht hatte. Nach dieser Meinung glaubt man, daß sie in der vatikanischen Basilika begraben liegt, und zwar nicht weit von dem hehren Bilde. Bestimmt zeigt man jedoch weder ihren Körper, noch ihr Grab.

Starb sie in Jerusalem? Die Offenbarungen der gottseligen Katharina Emmerich behaupten und erzählen es; allein man erwähnt nirgends in Jerusalem das Grab der Veronika, wenn man auch ihr Haus zeigt.

Starb sie in dem damaligen Gallien, dem heutigen Frankreich? Eine hundertjährige Ueberlieferung, den französischen südlichen Gegenden eigen, spricht dafür und verdient es, daß wir uns dabei aufhalten. Diese Ueberlieferung stützt sich zuerst auf die Autorität des Dominikaners Berhard de la Guionie, Bischof von Lodève. Nachdem er die apostolische Sendung des hl. Martial auf das Jahr 47 unserer Zeitrechnung festgesetzt hat, fügt dieser Geschichtsschreiber hinzu, daß dieser selbe heilige Martial, nach Aquitanien kommend, in seiner Begleitung einen gottergebenen Mann, Amator genannt, und dessen Frau, Veronika, gehabt habe. Amator, eine große Neigung zur Einsamkeit fühlend, habe lange Zeit in dem Felsen gewohnt, welcher den Namen "Roc-Amadour" bekam. Man verehrt daselbst seine Ueberreste. Was seine Gattin Veronika anbelangt, so folgte sie überallhin dem seligen Martial, um seine Predigten mit Frömmigkeit und Ergebung anzuhören, bis sie endlich, durch das Alter gebeugt, sich an das Meeresgestade im Landesgebiet von Bordeaux zurückzog. Dort errichtete der heilige Mann Gottes, Martial, eine Kapelle zu Ehren der seligsten Jungfrau Maria, welche Soulac genannt wurde. Dieser Name ist eigentlich die Zusammensetzung der beiden Wörter "nur Milch", weil Milch der seligsten Jungfrau die einzige Relique war, welche Martial dort untergebracht hatte; die übrigen Reliquien der heiligsten Jungfrau, welche er besaß, hatte er an verschiedene Orte vertheilt. So Bernhard de la Guionie.

Diese Erzählung hat sich bis auf unsere Tage wiederholt, gleichsam als Ausdruck eines allgemeinen Glaubens. Als Papst Martin V. im Jahr 1425 erklärte, daß die Kirche von Roc-Amadour auf den Anfang des Christenthums zurückgehe, erkennt er auch an, daß Amator kein Anderer ist als Zachäus, der Jünger des Herrr, und daß derselbe Veronika zur Gattin gehabt habe. Was wir bis jetzt über diesen Gegenstand gesagt haben, ist der wesentliche Inhalt der alten Legenden, welche noch im XVII. Jahrhundert in den Brevieren von Limoges, Toulouse, Bordeaux, Cahors, Carcassonne, Tulle, Agen, Angoulême, Périgueux aufbewahrt waren.

Nach P. Bonaventura, welcher 1680 schrieb, starb die hl. Veronika im Jahr 70 n. Chr. und wurde zu Soulac begraben. "Ihr Körper, sagt er, wurde jedoch der Kriege und anderer Gefahren wegen nach Bordeaux verbracht und ruht nun in der Kirche von Saint-Seurin." Diese Uebertragung fand im IX. Jahrhundert, während der Einfälle der Normannen, statt. Lange Zeit hindurch feierte man in Saint-Seurin das Fest der Heiligen am 4. Februar. Das Aussehen ihrer Reste beweist ein hohes Alter. Ein Stück fehlt, ein Schenkelbein: man kennt die Ursache davon. Als man den 10. Oktober 1659 ein Verzeichniß der Reliquien von Saint-Seurin machte, gab das Domkapitel von Bordeaux dem Pfarrer von Saint-Eustache in Paris diesen Theil des heiligen Körpers, weil in seiner Pfarrei eine berühmte Bruderschaft unter dem Namen der hl. Veronika errichtet war.

Auf Befehl des Kardinal Donnet, Erzbischofs von Bordeaux, wurde im Februar 1882 das alte Grab geöffnet. Eine Untersuchungs-Kommission wurde ernannt, und man nahm eine genaue, eingehende Prüfung der Gebeine vor. Ihr Zustand erlaubte das hohe Alter der betreffenden Person festzustellen: man berechnet daher, daß zur Zeit des Leidens Christi, als sie den Abdruck der Züge des Erlösers erhielt, Veronika fünfzig Jahre alt war. Vier- oder fünfundsechzig Jahre alt wäre sie dann nach Gallien gekommen, um im Alter von ungefähr 87 Jahren an dem Ufer der See, wo Unsere Frau de la Fin-des-Terres jetzt steht, zu sterben.

Dies ist die Ueberlieferung, welcher die Kirchen von Aquitanien folgen. In unseren Tagen wurde dieselbe in beachtenswerthen Werken besprochen. (Unter Anderen von Mgr. Cirot de la Ville, in seinem schönen Werke "Christlicher Ursprung von Bordeaux.") Doch, zwischen Rom, welches behauptet, daß Veronika in seinen Mauern gestorben sei und Bordeaux, welches ihren Körper beansprucht, können wir uns nicht mit Bestimmtheit erklären. Uebrigens hat diese Frage nur einen indirekten Werth für uns; es genügt uns zu wissen, daß nach dem Zeugniß aller Schriftsteller der Schleier der Veronika in der ewigen Stadt blieb. Es ist also von Rom aus, daß wir mit voller Sicherheit die verschiedenen Wandlungen in der Verehrung des kostbaren Bildes verfolgen können.

II.

Der heilige Papst Clemens, dritter Nachfolger des heiligen Petrus, regierte die Kirche vom Jahre 93 bis 102. Die heilige Reliquie, welche ihm Veronika hatte übergeben lassen, wurde von ihm seinen Nachfolgern überliefert und diese hielten dieselbe durch die Jahrhunderte der Verfolgung hindurch mit dem größten Geheimniß versteckt.

(Was folgt, ist beinahe vollständig dem gelehrten Wörterbuche des Italieners Maroni entnommen. Wir benützen hier die französische Uebersetzung des Herrn d'Avrainville, eines vertrauten Freundes des Herrn Du Pont; die fromme Wittwe des Uebersetzers stellte uns, nicht lange her, das schätzenswerthe Manuskript zur Verfügung.)

Ueber den Ort, an welchen die Reliquie in der Friedenszeit der Kirche gebracht wurde, stimmen die Verfasser nicht überein. Die Einen halten die vatikanische Basilika nach ihrer Erbauung durch den großen Constantin und ihrer Einweihung durch den hl. Papst Sylvester, dafür. Andere bezeichnen die Kirche St. Maria von den Märtyrern, das alte Pantheon von Agrippa, weil dieser befestigte Ort sehr sicher war, da er beinahe in der Mitte des bewohnten Theiles von Rom liegt, und zu gleicher Zeit groß genug war, um die zuströmende Menge der Menschen aufzunehmen, welche an gewissen Tagen das Bild des Erlösers verehrte, während die Basilika des hl. Petrus, die lange Zeit außerhalb der Mauern blieb, nicht die gleiche Sicherheit bot. Diejenigen, welche diese letztere Meinung aufrecht erhalten, versichern, daß man das heilige Antlitz vom Jahr 610 an und schon in der Zeit des Papstes Bonifaz IV, der Sankt Maria von den Märtyrern weihte, in dieser berühmten Kirche verehrte. Sie sagen auch, daß man damals begann, die Reliquie auf dem Hauptaltar am Jahrestag der Weihe, den 13. Mai (608), auszusetzen. Zu dieser Weihe hatte der Papst auf achtundzwanzig Wagen, Gebeine der heiligen Mätyrer aus den Katakomben dahin bringen lassen.

Man bewahrt noch heute in besagter Kirche die Ueberbleibsel des Schreines auf, in welchem das heilige Bild eingeschlossen war. Wir haben weiter oben gesehen, was Baronius davon sagt. Eine genaue Prüfung der Theile dieses Schreines hat erlaubt festzustellen, daß er einst zehn Schlösser hatte. Die Schlüssel waren damals den zehn alten Rioni oder Stadttheilen Roms anvertraut, so daß die heilige Reliquie unter dem Schutze der ganzen Stadt war, und man durfte nur in der Gegenwart der versammelten städtischen Stellvertreter den Schrein aufschließen. Diese kostbaren Ueberreste sind jetzt in einer Urne eingeschlossen, welche in einer Nische der Mauer, hinter einem Glas auf dem Blatte des Kruzifixaltares steht. Man liest dabei folgende Inschrift: "Schrein, in welchem das heiligste Schweißtuch durch die hl. Veronika von Palästina nach Rom gebracht wurde. Er hat hundert Jahre in dieser Basilika geglänzt."

Es scheint, daß die hl. Veronika, um das heilige Antlitz besser aufzubewahren, dasselbe in zwei Kasten einschloß; der eine ist derjenige, von dem wir sprechen, der andere wird in der Kirche des "hl. Eligius zu den Schlossern" verehrt. Piazza Vasi, in seiner Reisebeschreibung, und mehrere andere Schriftsteller glauben, daß dieser letztere Schrein der innere gewesen sei.

Was nun die Aufbewahrung und die Verehrung des heiligen Antlitzes in der vatikanischen Basilika betrifft, so beweisen die besten und glaubwürdigsten Geschichtsschreiber, daß Papst Johann VII, im Jahr 707, nachdem er der "seligsten Jungfrau von der Krippe" ein Oratorium hatte errichten lassen, in welchem er später begraben sein wollte, dort einen Altar zu Ehren "des heiligen Schweißtuches Christi, welches man Veronika nennt", aufstellen ließ und das heilige Antlitz in einem schönen und großen, mit Marmorsäulen geschmückten Tabernakel darauf aufstellte; die Kapelle selbst erhielt davon den Namen "Sankta Maria vom Schweißtuch", wie wir aus einer Urkunde vom Jahr 1017 ersehen, in welcher Papst Johann VII. "Geistlicher und Kaplan der heiligen Maria von der Veronika" genannt wird. Torrigio, in seinem Werke "Die heiligen vatikanischen Grotten", von dem Tabernakel sprechend, welcher das Bild Unseres Herrn enthielt, fürchtet nicht, ihn "das Allerheiligste" zu nennen. Der gleiche Geschichtschreiber sagt auch, daß man unter Hadrian VI. das Schloß des Tabernakels verdoppelte, welcher von einem Söller umgeben war, von dem aus man dem Volke das heilige Antlitz zeigte. Mabillon (Meseum italicum t. II, p. 122.) spricht von einem römischen Kirchengebrauch im Jahre 1130: "Dann begibt sich der Papst zu dem Schweißtuch Christi, Veronika genannt, und streut Weihrauch." (Postea vadit Pontifex ad Sudarium Christi, quod vocatur Veronica, et incensat.) Alveri versichert, mit andern Verfassern, daß zur Zeit des Papstes Innocenz II, sechs vornehme Familien Roms der Wache des hl. Antlitzes vorgesetzt wurden, um den Schrein, welcher die Reliquie enthielt, in Stand zu erhalten. Mallio, in seinem Alexander III. (1159) geweihten Buch "Merkwürdigkeiten der vatikanischen Basilika", bezeugt die ausgezeichnete Verehrung, in welcher das hl. Antlitz damals stand, "vor welchem Tag und Nacht zehn Lampen brannten." (Ante Veronicam decem lampades die nocteque.)

Man hatte Gedenkmünzen, "Veroniken" genannt, welche das Abbild des heiligen Antlitzes mit den kreuzweise über einander gelegten Schlüsseln Petri führten. Die Pilger, voll Vertrauen auf die heilige Reliquie, hefteten diese Medaillen an ihre Kopfbedeckung und an ihre Kleider. So groß war die Verehrung für dieses hehre Bild, daß man es oft auf den päpstlichen Münzen anbrachte, welche deßhalb "Münzstücke der Veronika" (Signum Veronicae.) genannt wurden. Scilla, in seinem Werk "Die päpstlichen Münzen", gibt mehrere Proben von solchen Münzen, welche die Prägung des heiligen Antlitzes tragen.

Cancellieri, in seinen "Denkwürdigkeiten über die Häupter der heiligen Apostel Petrus und Paulus", erzählt: als Philipp August, König von Frankreich, im Jahr 1193 nach Rom kam, ließ ihm Papst Cölestin III. jene Häupter zeigen, sowie auch die "Veronika, d.h. das Tuch, welches Jesus Christus auf sein Gesicht legte, und das bis auf diesen Tag den Abdruck desselben so sichtbar behalten hat, daß man das Antlitz Jesu Christi selbst zu sehen glaubt; man nennt es Veronika, weil die Frau, welcher das Tuch angehört, Veronika hieß". (Cancellieri: "Veronicam, id est pannum quemdam lineum quem J.-C. vultui suo impressit, in quo pressura illa ita manifeste usque in hodiernum diem apparet, ac si vultus J.-C. ibi esset, et dicitur Veronica, quia mulier, cujus pannus ille erat, Veronica dicebatur.") Der Papst Innocenz III, welcher den heiligen Stuhl im Jahre 1198 inne hatte, zeigte eine große Verehrung für das heilige Antlitz: er verfaßte zu Ehren desselben Gebete, welche er vor dem Bilde zu verrichten befahl und mit Ablässen versah. Mathias von Westminster schreibt demselben Papst Folgendes zu: "Um dem Volke das heilige Antlitz, Veronika genannt, zu zeigen, ließ er es in einer feierlichen Prozession umhertragen. Am Schluß derselben ließ er es wieder an seinen Platz stellen, aber den nächsten Tag fand er es verkehrt, mit der Stirn gegen die Erde. Eine schlimme Vorbedeutung fürchtend, verfaßte er eine Kollekte zu Ehren des heiligen Antlitzes und gewährte denjenigen, welche sie beten würden, einen Ablaß von 10 Tagen". ("Die hl. Veronika, Apostel von Aquitanien", S. 256. Diese Kollekte ist vielleicht das Gebet, welches die Bollandisten erwähnen, ohne es wiederzugeben. Sie sagen, daß man diese Kollekte in dem Meßbuch von Augsburg 1555 und in dem von Mainz 1693 liest.)

Cancellieri (Settimana Santa, p. 146.) berichtet, ohne die Zeit zu bestimmen, daß das heilige Antlitz nach dem Spital des heiligen Geistes gebracht worden sei, und er gibt eine alte Chronik an, nach welcher das heilige Bild in einem kleinen Zimmer aufbewahrt wurde, das vollständig mit Marmor und Eisen bekleidet und sechsfach verschlossen war; die Schlüssel wurden sechs römischen Familien anvertraut. Man zeigte die Reliquie nur einmal im Jahr und die sechs Edelleute, welche die Ehre hatten, die Schlüssel zu bewahren, waren frei von allen Steuern; sie brauchten nicht in den Krieg zu ziehen und wenn einer von ihnen durch das Loos zum Seneschall wurde, d.h. den Richtern bei Gericht beistehen sollte, so war er nicht dazu verpflichtet. So oft das verehrungswürdige Bild herausgenommen wurde, mußten sie, ein Jeder mit zwanzig auserlesenen bewaffneten Männern, die heilige Reliquie umgeben, dieselbe bis zum bestimmten Orte begleiten und wiederum verschließen. Es ist wahrscheinlich aus diesem Grund und zum Gedächtniß der zeitweiligen Aufbewahrung des heiligen Antitzes an diesem Ort, daß Innocenz III. durch eine Bulle vom Jahr 1208 die Prozession verordnete, welche man jedes Jahr am ersten Sonntag nach der Oktav der Epiphanie hielt, und in welcher man feierlich das heilige Antlitz von der vatikanischen Basilika nach der Kirche des heiligen Geistes trug; die Kardinäle nahmen daran theil und der Papst richtete eine Predigt an das Volk. Bei dieser Gelegenheit vertheilte man große Almosen: tausend fremde Armen und dreihundert Kranke des besagten Spitals erhielten Jeder drei Schillinge. Die heilige Reliquie blieb eine gewisse Zeit in der Kirche des heiligen Geistes und wurde dann nach der vatikanischen Basilika zurückgetragen.

Man findet die Spuren dieses Gebrauches in einer der Homelien, welche Innocenz III. an diesem Tag hielt: der Papst macht darin eine Andeutung auf die Hochzeit von Cana, welche in dem Evangelium des Sonntags erzählt wird:

"Wir laden auch zu dieser Hochzeit den Sohn Mariä, Jesus Christus, mit seinen Jüngern, da die Priester ja an diesem Tage mit großer Ehrfurcht das heilige Antlitz hierher bringen, damit das gläubige Volk, welches hier aus Frömmigkeit und um Erbarmung zu erflehen, versammelt ist, die Herrlichkeit desselben nach Herzenswunsch betrachten und bewundern möge. Keiner soll das hochzeitliche Fest verlassen, ohne gesättigt zu sein. Alle diejenigen, welche herbeigekommen sind, diese Festlichkeit mit Eifer und Freude zu begehen, mögen einen Ablaß von einem Jahr erhalten, und so wird der göttliche Bräutigam, Jesus Christus, hochgelobt in Ewigkeit, wie damals, das Wasser in Wein verwandeln."

Honorius III, Nachfolger Innocenz' III, erwähnt diese Prozession mit den gleichen Vorrechten in einem Brief vom Jahr 1224, an die Brüder des Spitals gerichtet: "Da Jesus mit seinen Jüngern zur Hochzeit von Cana eingeladen wurde, wo seine Mutter sich befand, so glauben wir geeignet, da dieses Spital unter dem Schutze der seligsten Jungfrau steht, zu verordnen, daß die Domherren von St. Peter das heilige Antlitz Jesu Christi in seinem goldenen und silbernen, mit Edelsteinen verzierten Schreine dorthin bringen, um dasselbe den Gläubigen zu zeigen, welche in Masse beiströmen werden, mit dem frommen Wunsch, es zu verehren. Und damit wir, die wir diesen heiligen Schatz enthüllen und Anderen zur Verehrung ausstellen, unsern Mitmenschen ein nachahmungswerthes Beispiel geben mögen, so bewilligen und verordnen wir, daß an tausend fremde Arme und an dreihundert aus dem Spital Almosen vertheilt werden. Dieses Almosen soll aus siebenzehn Pfunden laufenden Geldes bestehen, so zwar, daß jeder drei Schillinge erhält: einen für Brod, einen für Wein und einen für Fleisch. Dieses Almosen wird jährlich für ewige Zeiten durch den päpstlichen Almosenpfleger ausbezahlt werden. Außerdem erhält jeder der Domherren, welche das heilige Antlitz in der Prozession getragen haben, zwölf Thaler und eine Wachskerze, ein Pfund schwer, welche er brennend tragen soll. Dies wird aus den Opfern am Grabe der Apostel bezahlt werden. Und, da der Mensch nicht vom Brod allein lebt, sondern von jedem Worte, das aus dem Mund Gottes kommt, so soll der Papst mit den Cardinälen der Prozession anwohnen, die Messe halten und für die Pilger über den Zweck der Feierlichkeit predigen. Und damit schließlich das gläubige Volk nicht nüchtern von diesen hochzeitlichen Feierlichkeiten weggehe, so erhält es außer dem Unterricht einen Ablaß von einem Jahr für die zeitlichen Strafen, welche es durch seine Sünden verdient hat". ("Die heilige Veronika", S. 260.)

Die anderen Päpste des XIII. Jahrhunderts bestätigen diese Vorrechte. Später, gegen 1471, schaffte Sixtus IV. diese Prozession aus guten Gründen ab und verordnete an ihrer Stelle diejenige, welche jedes Jahr am gleichen Tag stattfindet, um das heilige Antlitz in der Basilika selbst zu verehren. Die Mitglieder der Bruderschaft von Santo Pietro in Sassia, welche schon 1198 bestand und das Glück hatte, einige Zeit die heilige Reliquie zu bewahren, waren ohne Zweifel Nachfolger der sechs Edelleute; sie begeben sich jetzt in Prozession den ersten Sonntag nach der Oktav der Epiphanie nach St.Peter, sowie auch am Pfingsmontag, und als Vorrecht wid ihnen das heilige Antlitz ausgestellt. Man zeigt dasselbe auch dreimal des Jahres, als ein besonderes Vorrecht, den Findlingen beiderlei Geschlechts und den Geistlichen des Spitals vom heiligen Geist, als Andenken der Zeit der Aufbewahrung der heiligen Reliquie an jenem Ort.

Als Bonifaz VIII. im Jahr 1300 die Feier des heiligen Jubeljahres wieder einsetzte, erlaubte er, zum Troste der Pilger, welche von allen Seiten nach Rom strömten, um den Jubiläumsablaß zu gewinnen, daß das heilige Antlitz jeden Freitag und an allen höheren Festen in der vatikanischen Basilika gezeigt werde. Der gleiche Papst zeigte sie Karl II, König von Sicilien, und Jakob II, König von Aragonien.

Im Jahr 1350 ließ Clemens VI, obgleich er in Avignon seine Residenz hatte, das zweite allgemeine Jubeljahr in Rom feiern. Der Zulauf der Pilger war bei dieser Gelegenheit unermeßlich. Der Papst schrieb an die Domherren der Basilika, um ihnen die häufige Ausstellung des heiligen Antlitzes anzuempfehlen, wegen der großen Verehrung der Gläubigen für diese kostbare Reliquie. Ludwig I, König von Ungarn, erbat und erhielt von demselben Papst die Erlaubniß, sie täglich zu verehren.

Im Allgemeinen scheinen die Päpste mit Freuden die Ausstellung des Schleiers der hl. Veronika zu erlauben, und Feste und periodische Prozessionen zu Ehren der Reliquie zu veranstalten. Der Papst Sixtus IV. erklärt in einer Bulle, durch welche er zwei Pfründner einsetzt, daß die vatikanische Basilika alle anderen Kirchen Roms und der Erde übertreffe, weil sie das "heilige Schweißtuch", er meinte das heilige Antlitz, besitze. Nikolaus IV. bemerkt im Jahr 1290: "Der Herr hat gewollt, daß man in genannter Basilika das kostbare Bild sines heiligen Antlitzes, bekannt unter dem Namen Veronika, mit dem Körper des hl. Petrus und vieler anderer Heiligen verwahre."

Mehrere andere Päpste, wie Cölestin II, Clemens VII, Clemens VIII. und Gregor XIII, erwähnen die Reliquie des heiligen Antlitzes, bezeigen ihr eine Verehrung, welche in steter Zunahme begriffen ist, und setzen immer das Dasein der heldenmüthigen Frau voraus, welcher der Erlöser dieses besondere Zeichen seiner Liebe gab.

Benedikt XIV. unterstützt dies durch das Ansehen seiner großen Kenntnisse und seiner Kritik: "In der vatikanischen Basilika, sagt er, wird außer dem Eisen der Lanze, mit großer Verehrung das Schweißtuch aufbewahrt, welches deutlich die Züge des Antlitzes Unseres Herrn Jesus, voll Schweiß und Blut, behalten hat und noch behält."

Mehr als einmal wurde, inmitten der Kriege und blutigen Aufstände, deren Schauplatz nur zu oft Rom war, das heilige Antlitz in die Engelsburg übertragen und in Sicherheit gestellt. So erzählt Cancellieri nach einem Tagebuch jener Zeit, daß "den 4. Oktober 1410 da Schweißtuch der Veronika von der Sakristei von Skt. Peter nach der Engelburg gebracht wurde, damit es nicht den Schmähungen der Soldaten ausgesetzt sei."

Im Jahr 1450 ließ Papst Nikolaus V. drei kleine Glocken gießen, welche einen silbernen und harmonischen Klang hatten, um die Ausstellung der heiligen Reliquie anzukündigen, wie es noch in unseren Tagen geschieht. Auf jeder dieser Glocken sieht man das Wappen des Papstes, von folgenden Worten umgeben: "Der Papst Nikolaus V. hat mich im Jubeljahr 1450 geschaffen." Nachdem derselbe Papst im Jahr 1452 den Kaiser Friedrich III. gesalbt und ihn nach dem Herkommen zum Domherrn des Vatikans gemacht hatte, verlieh er ihm die besondere Vergünstigung, im Kleide der Kanoniker zu dem Tabernakel des hl. Antlitzes hinaufzusteigen, die heilige Reliquie in der Nähe zu verehren und sie dem Volke zu zeigen, was nur den Domherren der Basilika erlaubt war und noch ist.

Als Papst Innocenz VIII. im Jahr 1492 vom türkischen Kaiser die heilige Lanze erhielt, welche die Seite des Erlösers geöffnet hatte, behielt er das Geschenk in seinem Zimmer zurück, da er sich vorgenommen hatte, ihr eine reiche Kapelle in der Basilika von Skt. Peter zu errichten. Jedoch, sein Ende nahe fühlend, ließ der Papst die kostbare Reliquie in die sogenannte Kapelle "des heiligsten Schweißtuches" unterbringen.

Der Papst Urban VIII. war es, welcher das heilige Antlitz an den Ort verbringen ließ, welchen man ihm in der soeben wieder erbauten Basilika von Skt. Peter unter der großen Kuppel, jenem Meisterwerk des Michael Angelo, bestimmt hatte. Die Ceremonie fand den 23. Dezember 1625 statt. Das heilige Antlitz und die heilige Lanze, welche man inzwischen in den Archiven der Basilika verwahrt und in einem eisernen, mit einem reichen Stoffe bedeckten Kasten verschlossen hatte, wurden in Prozession unter einem Traghimmel nach der großen Nische gebracht; welche seither "Nische der heiligen Veronika" heißt. Der Erzherzog Leopold, Sohn des Kaisers Ferdinand III. und andere hohe Persönlichkeiten hielten den Prachthimmel.

Um die Andacht der Gläubigen noch zu vermehren, wollte Urban VIII. den 8. April 1629, dem heiligen Antlitz und der heiligen Lanze ein Stück des wahren Kreuzes beifügen, und er verordnete durch eine Bulle, daß diese drei großen Reliquien stets eine nach der anderen gezeigt werden, einen vollkommenen Ablaß denjenigen gewährend, welche sich bei der Ausstellung befänden. Der Papst begab sich selbst den folgenden Nachmittag um zwei Uhr dahin, und niederfallend vor den drei großen Reliquien, verehrte er dieselben mit großer Andacht. Bei Strafe des Kirchenbannes verbot er, den Florschleier, welcher das heiligste Antlitz bedeckte, ohne päpstliche Erlaubniß zu entfernen. Diese Verordnung wurde an der Nische angebracht.

Derselbe Papst Urban VIII, welcher den Besuch von Ladislaus, Sohn Sigmund's III, Königs von Polen, erhalten hatte, glaubte, ihn zur Belohnung seiner Ergebenheit für die Kirche, mit dem Mantel und dem geweihten Schwert beschenken zu müssen. Dann, als besondere Gunst, machte er ihn zum Domherrn von Skt. Peter, damit er in dieser Eigenschaft das Abbild des heiligen Antlitzes in der Nähe verehren könne. Der Prinz begab sich im Chorgewand zu dem Tabernakel, in welchem die Reliquie eingeschlossen war, und es wurde ihm erlaubt, dieselbe dem Volke, unter dem Beistand zweier Domherren, zu zeigen. Als er sieben Jahre später König von Polen wurde, unter dem Namen Lasislaus VII, erhielt er vom Kapitel von Skt. Peter ein Glückwünschschreiben, auf welches er folgendermaßen antwortete: "Wir haben nicht vergessen, daß Wir während unsers Aufenthaltes in Rom in Euer Kapitel aufgenommen wurden, damit es Uns vergönnt sei, das heiligste Antlitz Unseres Erlösers zu betrachten."

Cosmas, Erzherzog von Toskana, kam im Jahr 1700 nach Rom, um den Jubiläumsablaß zu gewinnen und das heilige Antlitz in der Nähe zu verehren. Der Papst Innocenz XII. ernannte ihn zum Domherrn, damit er die heilige Reliquie in seinen Händen halten könne. Bekleidet mit der violetten Soutane, dem Chorhemd, der Barette und den rothen Handschuhen, nach dem noch heute bestehenden Gebrauch, stieg er zu dem Erker hinauf, und, nachdem er das göttliche Bild in frommer Weise verehrt hatte, zeigte er es, zwischen zwei Domherren stehend, dem Volke und segnete es damit. Ein Gemälde im Vatikan zeigt ihn in seinem Domherrengewand.

Zu einer uns näher liegenden Zeit, erlaubte Pius VII. dem König von Sardinien, Karl Emmanuel IV. und seiner Gattin, der ehrwürdigen Marie Clotilde von Frankreich, das heilige Antlitz Unseres Herrn in der Vorhalle des Oratoriums, in welchem es aufbewahrt wird, zu betrachten und zu küssen. Eine gleiche Gunst wurde von demselben Papst im Jahre 1801 der frommen Erzherzogin Maria Anna von Oesterreich erwiesen, welche eben in der Basilika die heilige Kommunion empfangen hatte. Nachdem sie ihre Andacht befriedigt hatte, gaben die Domherren von der Gallerie herab ihrem Gefolge und allen gegenwärtigen Gläubigen den Segen mit der hochheiligen Reliquie.

Am Ostermontag 1806, nach der päpstlichen Messe, begab sich Pius VII, umgeben von seiner Nobelgarde, nach der vatikanischen Basilika; dort angekommen, lenkte er seine Schritte, begleitet von zwei Domherren, welchen brennende Kerzen vorangetragen wurden, nach dem Heiligthum der Veronika. Nachdem er einige Zeit vor den drei großen heiligen Reliquien gebetet hatte, erlaubte er Allen aus seinem Gefolge näherzutreten, um diese glorreichen Andenken unserer Erlösung zu verehren.

Kommen wir nun zu der denkwürdigen Zeit Pius IX. Gegen das vierte Jahr seines Pontifikats gefiel es Gott, das verehrte Bild des Vatikans durch ein ergreifendes Wunder zu verherrlichen. Dies fand im Jahr 1849 während der Verbannung des heiligen Vaters nach Gaêta statt, zur Zeit, da man die öffentliche Ausstellung des heiligen Antlitzes, von Weihnachten bis Epiphanie, erlaubte. Den dritten Tag der Ausstellung nun, färbte sich der Schleier der Veronika von selbst, und das Gesicht Unseres Herrn zeigte sich ganz lebhaft inmitten eines sanften Lichtes. Auf diesem Schleier, dessen sehr duftiger Abdruck mit einer Krystallplatte bedeckt ist, so daß man die Züge nicht gut unterscheiden kann, erschien deutlich, wie eine erhabene Arbeit, das göttliche Antlitz; es war leichenblaß, die Augen eingesunken, mit einem tiefen Ausdruck von Strenge belebt. Die Domherren, welche Wache hielten, ließen sogleich ihre Mitbrüder und die ganze Geistlichkeit der Basilika benachrichtigen; man läutete die beiden großen Glocken und das Volk strömte herbei. Der tiefste Eindruck war auf allen Gesichtern; Viele weinten, Alle waren von dem Wunder erschüttert. Ein apostolischer Notar wurde herbeigerufen und setzte ein Schriftsück auf, welches die Thatsache bezeugte. Dieses staunenswerthe Wunder dauerte drei Stunden. Den Abend selbst berührte man den Volto santo mit einigen Schleiern aus weißer Seide, auf welchen das heilige Antlitz abgebildet war; dieselben wurden nach Frankreich gesandt. ("Leben des Herrn Dupont", Band II, K. I, S. 10.)

Infolge dieses Ereignisses, inmitten der schmerzlichen Prüfungen der Kirche, kam in Frankreich der Gebrauch auf, in Rom beglaubigte Abbildungen des heiligen Antlitzes zu verlangen und ihnen eine besondere Verehrung zu erweisen.

Als im Jahr 1854 das Dogma der Unbefleckten Empfängniß verkündet wurde, machte der Cardinal-Vikar von Rom in einem Invito Sacro bekannt, daß auf Befehl des heiligen Vaters die drei großen Reliquien auf einem Altar der vatikanischen Basilika ausgesetzt würden, und zwar vom ersten Sonntag im Advent, dem 3. Dezember, bis zum folgenden Donnerstag Mittag. Das heilige Antlitz wurde mit den beiden anderen großen Reliquien auf dem Altar des heiligsten Sakraments unter dem Baldachin ausgesetzt, damit eine möglichst große Anzahl der Bischöfe, welche zu dieser Gelegenheit nach Rom gekommen waren, den Trost haben möchten, daselbst das heilige Meßopfer darzubringen. Dies war das erste Mal, daß das heilige Antlitz während mehrerer Tage auf einem Altar der Basilika von Skt. Peter ausgestellt wurde. Der heilige Vater hatte durch diese außerordentliche Gnade dazu beitragen wollen, die glorreiche Verkündigung des schönsten Vorrechtes der seligsten Jungfrau zu verherrlichen, eine Verkündigung, welche man seit achtzehn Jahrhunderten erwartete und die im Himmel und auf Erden eine so große Freude hervorrief.

III.

So hat sich die berühmte Reliquie, deren Geschichte wir flüchtig entworfen haben, bis auf unsere Tage erhalten. Seit dem dritten Nachfolger des hl. Petrus, dem hl. Papst Clemens, welchem sie anvertraut wurde, bis zu dem jetzt regierenden Leo XIII, ist dieses göttliche Bild stets unter der Obhut und in den Händen der Päpste geblieben; alle haben mit frommer Sorge darüber gewacht; alle haben der Reliquie Ehrfurcht und Liebe erwiesen.

Auf ihren Ruf kam das gläubige Volk von allen Enden der Christenheit. In den Jubiläumszeiten, in den Tagen, an welchen das heilige Antlitz ausgestellt wurde, drängte sich eine große Menge in der Kirche von Skt. Peter und sang die Hymne und das liturgische Gebet: "Sei mir gegrüßt, o heiliges Antlitz Unseres Erlösers, in welchem sich, wie in einem reinen Spiegel, die Herrlichkeit unseres Gottes zeigt. Auf einem Schleier, weiß wie Schnee, wurdest Du der hl. Veronika als ein Zeichen der Liebe gegeben. Sei mir gegrüßt, Schmuck dieser Welt, Spiegel der Heiligen, Du, den die himmlischen Geister zu betrachten wünschen; reinige uns von allen Flecken und nimm uns auf in die Gesellschaft der Seligen."

Nachdem die Pilger das heilige Antlitz verehrt hatten, nahmen sie Abbildungen davon mit sich. Gegen 1333 machte der Erbprinz von Vienne, Humbert II, einen Vorrath davon, sowie von anderen heiligen Gegenständen, welche er bei seinem Besuch der Kirchen Rom's erworben hatte. Im XVI. Jahrhundert war Johann von Dumex der amtlich beauftragte Maler, der die Christenheit mit solchen "Veroniken" zu versehen hatte. Zur Zeit Innocenz' III. prägte man Schaumünzen mit dem heilgen Antlitz, und diejenigen, welche sie verkauften, nannte man "Veroniken-Händler".

Die hl. Brigitte warf, auf Veranlassung Jesu Christi, mehreren ihrer Zeitgenossen vor, daß sie Zweifel über die Aechtheit des heiligen Antlitzes äußerten. Dante, an einer Stelle seines unsterblichen Gedichtes den Glauben seiner Zeit wiedergebend, begegnet der hl. Veronika im Paradies: sie hält ihren Schleier, und mit Bewunderung ruft er aus: "O mein Herr Jesus Christus, wahrer Gott! auf diese Weise hat man denn dein heiliges Antlitz bewahren können!" Johann Dorat, ein anderer Dichter, feiert es als das wunderbarste aller Bilder, weil "dieses auf den Schleier der Veronika nicht durch Menschenhände, sondern durch das Antlitz eines Gottes selbst gezeichnet wurde."

Während langer Zeit war es unter Strafe des Kirchenbannes verboten, das heilige Bild durch die Malerei wiederzugeben, und wir kennen nur zwei glaubwürdige Abbildungen, welche in den vergangenen Jahrhunderten davon gemacht wurden: dasjenige von Montreuil-sous-Laon, welches wir in einem besonderen Abschnitt behandeln werden, und ein anderes, welches im Jahr 1621 von Gregor XV. einer Dame aus der Familie Sforza bewilligt wurde; sie schenkte es dem Profeßhaus der Jesuiten zu Rom, wo es noch jetzt ist; man verehrt es in der Kapelle, welche "die Zimmer des hl. Ignatius" genannt wird.

Die Päpste haben in letzterer Zeit von ihrer früheren Strenge nachgelassen. Sie haben Abbildungen des heiligen Bildes auf Leinen-, Baumwolle- oder Seidenzeug zugestattet, welche aber mit einem Siegel und Beglaubigungsschreiben versehen sein müssen; sie haben bewilligt, daß diese Abbildungen an verschiedenen Orten der katholischen Welt ausgestellt werden, um den Glauben und die wahre Frömmigkeit in den Herzen zu fördern.

Die Ausstellungen des heiligen Antlitzes in der vatikanischen Basilika sind heute auch häufiger als früher. Dieselben finden statt:

Schließlich, in allen Bedrängnissen der Kirche oder des heiligen Stuhles, in Kriegszeiten, bei Erdbeben, Pestilenz oder Ueberschwemmungen des Tiber, in außerordentlichen Jubeljahren und bei Buß-Prozessionen.

Die drei Reliquien, genannt "Die Großen", werden in einer Nische oder einem Oratorium aufbewahrt, das sich im Innern einer der vier fünfeckigen Säulen befindet, welche die große Kuppel von Skt. Peter tragen, auf der Epistelseite des päpstlichen Altares.

Der Raum, welcher sie einschließt, ist äußerlich mit einer halberhabenen Arbeit, das heilige Antlitz darstellend, verziert. Darunter befindet sich auf einer Unterlage die riesenhafte marmorne, fünfzehn Fuß hohe Statue der Veronika, das heilige Antlitz in ihren Händen haltend; wir verdanken sie dem Meißel des berühmten italienischen Bildhauers Mochi im XVII. Jahrhundert. Die Statue nimmt eine der unteren Nischen ein, welche in den großen, den Dom stützenden Säulen, eingehauen sind: eine Ehre, welche sie mit der hl. Helena theilt, deren Statue das Kreuz trägt, mit dem hl. Longinus, welcher die Lanze hält, und mit dem heiligen Apostel Andreas, dem Bruder des hl. Petrus. Eine Thüre, die sich zu den Füßen der hl. Veronika befindet, öffnet zwei Gänge: der eine führt hinauf zu der Nische, in welcher die heiligen Reliquien sich befinden, bei dem anderen gelangt man, einige Stufen hinabsteigend, zu den vatikanischen Grotten; man nennt so einen unterirdischen Raum, welcher sich am nächsten dem alten Kirchhof oder arenarium vaticanum befindet, zwischen dem Pflaster der jetzigen und einem Theil des Planes der alten Basilika. In diesen Grotten ruhen die Gebeine des hl. Petrus und einer großen Anzahl von Päpsten, deren Grabdenkmäler oben in der neuen Basilika sind. Hier befinden sich auch die vier unterirdischen Kapellen, welche Bernini, auf Befehl Urban's VIII, in den vier schon erwähnten Pfeilern anbrachte. Er schmückte sie mit Säulen von jonischer Ordnung und stellte auf die Altäre sehr kostbare Mosaiktafeln.

Erwähnen wir nun den Altar des hl. Antlitzes.

Das Altargemälde stellt die hl. Veronika dar, wie sie dem Erlöser ihren Schleier reicht. Auf den Wänden sieht man die heilige Jungfrau und die drei Marien. In der ersten eiförmigen Wölbung ist Papst Urban VIII. abgebildet, den Plan der vier Kapellen aus den Händen des Baumeisters Bernini empfangend; in der zweiten zeigt Papst Bonifaz VIII. dem König Karl II. von Sizilien und dem König Jakob von Aragonien das heilige Antlitz; das dritte Bild erinnert an die Ausstellung, welche für Friedrich III. auf Befehl des Papstes Nikolaus V. gemacht wurde.

Auf den Wänden des Ganges sieht man auf der Evangelienseite Veronika, dem Erlöser den Schleier reichend; daneben, die Schwestern Martha und Magdalena; gegenüber Veronika, im Begriff mit ihrem heiligen Schweißtuche nach Rom zu reisen; ihr zur Seite, Maria, die Mutter Jakobs, und Maria Salome, die Jungfrau Maria und Maria, Mutter des Kleophas. Die Gemälde des Gewölbes stellen drei Scenen dar: Veronika, ihr heiliges Schweißtuch dem Volke zeigend; Johann VII, den Tabernakel darbietend, welchen seine Liebe für die heilige Reliquie errichtet hatte (In der Kapelle zu Ehren der "Jungfrau von der Krippe", von demselben Papst erbaut.) und schließlich das heilige Antlitz dem König von Ungarn, Ludwig I, auf Befehl Papst Clemens' VI. gezeigt.

Wenn man, anstatt zu den Grotten hinabzusteigen, zu der Loggia hinauf will, wo die Ausstellung stattfindet, so begegnet man einer metallenen Thüre, welche sich links vom Eingang öffnet und man kommt durch eine Wendeltreppe zu der eigentlichen Stätte der heiligen Reliquien. Diese ruhen auf einem Kredenztische, der selbst wieder in einer Nische oder einem Schrank mit drei Schlössern eingeschlossen ist; die Schlüssel sind den Obersakristan-Domherrn anvertraut, die zur Wache dieser kostbaren Schätze bestellt sind. Das heiligste Antlitz befindet sich in einem besonderen Reliquienkasten, der aus einer wunderschönen Krystalleinfassung besteht und mit vergoldeten Silberplatten verziert ist, ein Geschenk, welches drei adelige Venetianer, deren Namen in einem sehr alten Verzeichniß der Wohlthäter der Basilika sorgfältig aufbewahrt sind, den 6. Mai des Jubeljahres 1350 gemacht haben. Durch ein eigenthümliches Zusammentreffen ließ im Jahr 1838 ein anderer berühmter Venetianer, Gregor XVI, mit weiser Fürsorge den leichten Schleier, welcher das Bild bedeckte, durch eine Krystallplatte ersetzen, hinter welcher man es besser bewahren und bewundern kann.

Der Anblick allein des hehren Bildes würde genügen ,die vollständige Aehnlichkeit mit dem göttlichen Antlitz Unseres Herrn zu zeigen, selbst wenn nicht unzählige Wunder, welche es bewirkte, und die außergewöhnliche Verehrung, welche es durch Jahrhunderte genoß, die Wahrheit der katholischen Ueberlieferung bewiesen. Christus hat auf dem Schleier den Abdruck seiner majestätischen und ehrwürdigen Erscheinung gelassen, in jenem kläglichen Zustand, in dem er sich auf dem Weg zum Calvarienberg befand. Das Bild ist so schmerzhaft, so ergreifend, daß man es nicht ohne Rührung betrachten kann, so daß das Herz mit Ehrfurcht und Zerknirschung durchdrungen wird. (Effigies Christi, quam Veronicae in Sudario dedisse traditio est, etiam nunc exstat tanta in veneratione, ut illa dubitare posthac non mode miracula non permittant, sed nec aspectus ipse. (Jakob Pamelius in seinen Anmerkungen über das XII. Kap. der "Apologetik" Tertulians.)

Piazza, der zu Anfang des letzten Jahrhunderts (1713) schreib, macht, nachdem er in seinem "Kalender von Rom" am 4. Februar die Geschichte der hl. Veronika erzählt hat, folgende Beschreibung vom heiligen Antlitz, welche andere bedeutende Verfasser bestätigen: (Besonders Gio-Gregorio in seinem Werk "Das Prätorium des Pilatus", Buch XVII.)

"Man sieht das Haupt des Erlösers von Dornen durchstochen, die Stirne mit Blut befleckt, die Augen geschwollen und bluttriefend, das Antlitz bleich und fahl. Auf der rechten Wange erkennt man den grausamen Abdruck des Streiches, den Malchus mit seinem Panzerhandschuh dem heiligen Angesicht versetzt hatte. Auf der linken Wange erblickt man noch die Spuren der Auswürfe und Beschmutzungen der Juden. Die Nase ist etwas gequetscht und blutend, der Mund offen und Blut fließt daraus; die Zähne sind lose, der Bart theilweise und die Haare auf einer Seite sogar vollständig ausgerissen. So entstellt, bietet das heilige Antlitz nichtsdestoweniger im Ganzen ein Gemisch von Majestät und Mitleid, Liebe und Trauer dar. Wenn es daher bei den vorgeschriebenen Festlichkeiten unter großem Zulauf des Volkes, welches der Glanz der Ceremonien anzieht, gezeigt wird, erregt dies heiligste Bild, ein lebendiges Zeugniß der Undankbarkeit der Menschen, einen frommen Schauer bei Allen, die es betrachten; zu gleicher Zeit läßt es aber auch ein mit Trauer gepaartes Vertrauen und eine tiefe Reue im Herzen der Gläubigen entstehen, in welchen es durch die Thränen der Reue eine heiße Liebe zu unserem süßen Erlöser wachruft."

Diese Schilderung des Geschichtsschreibers entspricht genau den Holz- oder Kupferstichen des Schleiers der Veronika, wie man solche, mit Siegel, Beglaubigung und Unterschrift eines Domherrn der vatikanischen Basilika versehen, von Rom aus versendet. Was man auch in Hinsicht des künstlerischen Werthes darüber sagen mag, diese Abbildung bringt auf den aufmerksamen Beschauer einen Eindruck hervor, dessen er sich nicht entwehren kann. (Dieser Eindruck ist besonders durch die beglaubigte Abbildung hervorgebracht, welche Herr Dupont 1851 erhielt, welche er so oft während der 25 Jahre, die er in Tours verlebte, verehrte und die das Oratorium des heiligen Antlitzes in dieser Stadt das Glück hat zu besitzen.) Gerne sagt ein Jeder mit dem Psalmisten: "Ich habe dien Antlitz von ganzem Herzen angerufen, erbarme Dich meiner nach deinem Versprechen (Ps. CXVIII, 58). - Laß dein Antlitz leuchten über mir, und in deiner Barmherzigkeit errette mich" (Ps. XXX, 15). Wie ein großer Diener Gottes (Herr Dupont, gestorben im Geruch der Heiligkeit zu Tours den 18. März 1876.), wird er gerne die Worte des heiligen Edmus, Erzbischofs von Canterbury, wiederholen: "Möchte ich sterben, verzehrt von glühendem Durste, das ersehnte Antlitz unsers Herrn Jesu zu schauen"!

Zum Schlusse  dieses Berichtes wollen wir nun kurz zusammenfassen, was wir über das heilige Antlitz des Vatikan gesagt haben:

Angesichts dieser Thatsachen, welche so wunderbar verknüpft sind, ist es noch möglich, an der förmlichen Absicht Unseres Herrn zu zweifeln, daß sein schmerzhaftes Antlitz in der katholischen Kirche ein Gegenstand besonderer Verehrung werde? Scheint es nicht, als habe Er selbst uns den Schleier der Veronika und alle seine Abbildungen, als ein Zeichen des Heiles, ein Mittle zur Genugthuung, ein Sinnbild der Erbarmung, ganz besonders für das jetzige Geschlecht aufbewahrt, um es zu versöhnen mit der göttlichen Majestät, welche durch so viele Verbrechen und Schmähungen beleidigt wird?

O ihr, die ihr das sicherste Mittel sucht, um euere Heil und das Heil derjenigen zu wirken, welche euch theuer sind, lenket euren Geist und euere Herzen nach der Stadt der Päpste! Empfanget von dort das Pfand de Befreiung und der Vergebung! Umgebet mit Ehrenbezeugungen das treue und rührende Abbild des verehrungswürdigen Bildes, welches sie in Verwahrung hat. Schauet an das göttliche Antlitz eures Erlösers, weinend, leidend, und beinahe sterbend vor Schmerz und Liebe für euch! Lasset euch bei seinem Anblick ergriffen und gerührt werden! Stellet das heilige Antlitz dem himmlischen Vater vor, indem ihr mit dem Ausdruck des Glaubens und der Demuth eines zerknirschten Herzen  sprecht: "O Gott, unser Beschützer, sieh' woran wir sind; blicke auf das Antlitz Deines Sohnes, und rette uns!"

 

(Fortsetzung folgt, und zwar zu folgenden Titeln:)

Das heilige Antlitz von Montreuil-sous-Laon

Das heilige Antlitz von Jaen

Das heilige Antlitz von Osa de la Vega

Das heilige Antlitz von Alicante

Das heilige Antlitz von Lucca

Das heilige Antlitz von Tours

Das heilige Antlitz von Edessa

Schluß

Gebete zu Ehren des Heiligen Antlitzes


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)