Aus dem Immaculata-Archiv:


Das Innenleben Jesu

Geoffenbart der Äbtissin M. Cäcilia Baij, O.S.B.

Herausgegeben von

P. Odo Staudinger O.S.B.
Schriftleiter des "Benediktus-Boten"

Aus dem Italienischen übertragen von
P. Ferdinand Kröpfl, Kapuziner

1. Bändchen
Kindheit Jesu

Imprimatur. Nr. 4826/3-1934
Apostolische Administratur Innsbruck, den 21. Jänner 1935. Urban Draxl, Prov.
Imprimi potest. Abbatia Sti. Andreae, 25.I.1935. +Theodorus, Abbas.


Vorwort.

Zweck dieser Offenbarungen.

"Das Innenleben Jesu" will uns die Gesinnungen des heiligsten Herzens Jesu zeigen, wie es vom ersten Augenblick Seines Daseins den Vater im Himmel und uns geliebt. Damit will es uns anregen, so gesinnt zu sein wie der Heiland, Ihn nachzuahmen, unser Herz nach dem Seinen zu gestalten.

Die Andacht zum göttlichen Herzen Jesu sollte nach Gottes heiligem Ratschlusse, wie der hl. Johannes Ev. einst der hl. Gertrud offenbarte, besonders den letzten Zeiten vorbehalten und ein Mittel sein, um die erkalteten Menschenherzen zu inniger Gegenliebe zu entflammen und zu genugtuender Sühne und zu treuer Nachahmung zu bewegen.

Es war der göttliche Heiland selbst, der zu verschiedenen Zeiten Sich auserwählter Seelen bediente, um diese dreifache Verehrung Seines heiligsten Herzens in Seiner Kirche anzuregen und zu verbreiten.

Die ersten wirklichen Verbreiterinnen einer Herz-Jesu-Verehrung waren zwei heilige deutsche Benediktinerinnen im Kloster zu Helpede (Helfta) bei Eisleben, nämlich die hl. Mechtild von Hackeborn (gest. 1298) und deren große Ordensgenossin, Schülerin und Nichte, die hl. Gertrud, auch die Große genannt (geb. am 6. Januar 1256 und gest. am 17. November 1302). Nachdem Gertrud am Herzen Jesu die unaussprechlichen Süßigkeiten dieses göttlichen Herzens selbst verkostet hatte, wurde sie durch ihre Schrift: "Gesandter der göttlichen Liebe", worin sie das Wesentliche der Andacht zum Herzen Jesu schildert, die Apostolin und Verkünderin derselben. Ihre Schriften, sowie die der hl. Mechtild, verbreiteten sich schnell und bewirkten rasche und allgemeine Verehrung des heiligsten Herzens Jesu. Als dann im Jahre 1677 Gertrud von der Kirche heilig gesprochen wurde, breitete ihre Verehrung sich bald über die ganze Erde aus. Die der hl. Gertrud erteilte Mission für die Herz-Jesu-Verehrung war nun erfüllt, aber es war nur der erste Teil der dem göttlichen Herzen gebührenden Verehrung: die strahlende Liebe des Herzens Jesu der Welt zu offenbaren und zu dankbarer Gegenliebe die Herzen der Menschen zu bewegen.

Ihr "Gesandter der göttlichen Liebe" erschien im Verlag Herder, Freiburg i.B., ihre "Geistlichen Übungen" beim Verlag vorm. Manz in Regensburg, im gleichen Verlag auch das "Gertrudenbuch" (Gebetbuch), herausgegeben von Michael Sintzel.

Ein weiterer, bedeutsamer Akt in der Herz-Jesu-Verehrung sollte bald erfolgen. Am Feste des hl. Johannes Ev., 27. Dezember 1673, erhielt die hl. Margareta Maria Alacoque aus dem Orden der Heimsuchung zu Paray-le-Monial eine Offenbarung des göttlichen Herzens Jesu über Sein von Liebe brennendes und nach Liebe dürstendes Herz, das aber fast nur Undank und Beleidigungen von den Menschen empfängt. Zugleich wurde ihr der Auftrag gegeben, und besonders in zwei weiteren großen Offenbarungen wurde dieser Auftrag wiederholt, für all diese Beleidigungen und den Undank dem Herzen Jesu Sühne zu erwirken durch die Verbreitung des äußeren und amtlichen Kultes, durch ein besonderes dem heiligsten Herzen geweihtes Fest, durch Sühnekommunionen und andere Sühnewerke. Wie nach dem am 17. Oktober 1690 erfolgten Tode der hl. Margareta diese Sühneverehrung des göttlichen Herzens sich immer mehr verbreitete, ist ja bekannt.

Sollte nun die Herz-Jesu-Verehrung ihren vollen Zweck erreicht haben? Sollte es uns genügen, Jesu Herz zu lieben und für die Ihm zugefügten Beleidigungen Sühne zu leisten? Nein! Ein drittes muß geschehen: wir müssen vor allem Jesu Herz nachahmen; die Gesinnungen dieses Herzens müssen auch unsere Gesinnungen werden. "Denn so sollt ihr gesinnt sein, wie auch Christus Jesus gesinnt war." (Philipp. 2.5.) Es ist demnach nötig, das innere Leben dieses Herzens nicht nur im allgemeinen zu erkennen, wie es aus den Offenbarungen der hl. Mechtild und besonders der hl. Gertrud hervorgeht, sondern die einzelnen Pulsschläge dieses Herzens in den verschiedenen Zügen des Lebens Jesu müssen uns auch im einzelnen bekannt werden, damit wir sie in uns kopieren und so Jesus nachahmen können. Wenn also die hl. Gertrud uns die liebenden Pulsschläge des Herzens Jesu offenbarte und zahlreiche Seelen zur Liebe dieses Herzens entflammte; wenn die hl. Margareta die sühnende Liebe lehrte und durch den äußeren Kult der ersten Freitage, der Sühnekommunionen, der Sühnestunde, des Herz-Jesu-Festes usw. dem beleidigten Herzen Jesu Genugtuung verschaffte, so blieb der dritte Teil noch übrig, nämlich: Die Seelen zur Nachahmung dieses Herzens zu bringen durch genaue Offenbarung der innersten Gesinnungen dieses Herzens gegen Seinen Vater, für Seine Mutter, für Seine Brüder, Schwestern und dies alles in den einzelnen Zügen Seines Lebens. Diesen dritten, hochwichtigen Teil der Herz-Jesu-Verehrung vertraute der göttliche Heiland Seiner Dienerin, der Klosterfrau und Äbtissin im Kloster des hl. Petrus zu Montefiascone (Italien), der Maria Cäcilia Baij an.

Maria Cäcilia Baij

Geboren zu Montefiascone am 4. Januar 1694, wurde Cäcilia im Alter von drei Jahren von Jesus selbst Seiner gebenedeiten Mutter anvertraut, damit Maria dieselbe nach Seinem Herzen bilde. Mit 8 Jahren ging sie zur ersten hl. Kommunion. In ihrer Kindheit zeigte sie einen gewissen Hang zur Eitelkeit und zur Anhänglichkeit an die Menschen; doch bald wandte sie sich hiervon ab, um sich, ähnlich wie die hl. Margareta Alacoque, besonders dem allerheiligsten Altarssakramente zu weihen. Am 12. April 1713 trat sie ins Kloster der Benediktinerinnen zum hl. Petrus in Montefiascone, wo sie ob ihres vorbildlichen religiösen Lebens viele Anfeindungen und Anfechtungen zu erdulden hatte. Diese Prüfungen dienten dazu, ihr Herz immer mehr von allem Irdischen loszuschälen und desto inniger an ihren göttlichen Bräutigam zu ketten. Am 27. Dezember 1729 erhielt sie von Jesus den hl. Johannes Ev. als besonderen Fürsprecher und geistigen Bruder. Im folgenden Jahre, ebenfalls am Feste desselben hl. Johannes, begannen dann die Offenbarungen der Geheimnisse des Herzens Jesu an Maria Cäcilia, und zu Anfang des Jahres 1731 fingen die Offenbarungen des inneren Lebens Jesu an. Auf Befehl Jesu und im Gehorsam gegen ihren Seelenführer mußte Maria Cäcilia diese Offenbarungen niederschreiben; sie tat es in demütiger Unterwerfung. Im Mai 1729 verlieh Jesus Seiner Braut ein großes Geschenk: Er drückte ihr fühlbar und wirklich die hl. Wundmale in ihr Herz. P. Guido, ihr Seelenführer, wollte es nicht glauben und befahl ihr, sie solle Jesus um ein äußeres Zeichen des verborgenen Wunders bitten. Sie gehorchte und sogleich weitete sich ihre Brust in der Gegend des Herzens so sehr, daß sie darob heftig erschrak. Der Schmerz dauerte nur einen Augenblick, aber die Erweiterung ihrer Brust blieb sichtbar bis zum Ende ihres Lebens.

Schicksale ihrer Offenbarungen.

Nach dem am 6. Januar 1766 im Rufe der Heiligkeit erfolgten Tode der demütigen Gottesbraut Maria Cäcilia gerieten ihre Schriften und die Offenbarungen des inneren Lebens Jesu in Vergessenheit. Zur Zeit Napoleons I. wurden die Benediktinerinnen aus dem Kloster vertrieben und das Kloster in eine Militärkaserne verwandelt. Die Soldaten blieben mehrere Jahre im Kloster und, während alles andere verwüstet wurde, blieben die an einem geheimen Orte verborgenen Schriften der Äbtissin Baij unversehrt erhalten. Gar lange ruhten dieselben in Verborgenheit und Stillschweigen, bis sie zu der vom Herrn bestimmten Zeit wieder an's Licht kommen sollten.

Als die hl. Gertrud im 17. Jahrhundert den Höhepunkt ihres Ruhmes erreichte und von der Kirche heiliggesprochen wurde, kamen die Offenbarungen von Paray-le-Monial heraus und begann das Werk der hl. Margareta Alacoque. Dasselbe geschah nun mit dem Werke der Maria Cäcilia. Genau in jenen Tagen, in denen Margareta Alacoque als Heilige auf die Altäre stieg und den Höhepunkt ihres Ruhmes erreichte, kam durch eine wunderbare Fügung der göttlichen Vorsehung Maria Cäcilia an's Tageslicht und wurden ihre Schriften entdeckt und verbreitet.

Der geistliche Direktor des Priesterseminars in Montefiascone, der hochw. Msgr. Pietro Bergamaschi, der das auf Kosten des hochseligen Papstes Benedikt XV. gedruckte Leben des sel. Kardinals Marco Antonio Barbarigo, eines zweiten hl. Karl Borromäus, schrieb, kam nämlich zu der Zeit in das Kloster der Benediktinerinnen zu Montefiascone, um dort eventuell einige weitere Notizen über das Leben dieses Kardinals zu suchen. Eine hochbetagte Klosterschwester erzählte dem Herrn auch einzelne diesbezügliche Umstände. Auf die Frage, woher sie diese wisse, wies die Schwester den Monsignore hin auf gewisse Handschriften einer Zeitgenossin des Kardinals Barbarigo, die im Klosterarchiv zu finden seien. Als diese Schriften nun dem Msgr. Bergamaschi vorgelegt wurden, sah er, daß es die Schriften und Werke der früheren Äbtissin des Klosters, der Maria Cäcilia Baij waren. Mit großem Mißtrauen begann der Prälat diese Schriften zu lesen; aber bald erkannte er die große Wichtigkeit derselben in aszetischer und mystischer Hinsicht sowie den bedeutenden Nutzen, den ihre Veröffentlichung den Seelen bringen könnte. Daraufhin wurden die Schriften von mehreren gelehrten und erfahrenen Geistesmännern geprüft und gutgeheißen und Msgr. Bergamaschi gedrängt, sie zu veröffentlichen. Hierzu fehlten aber die nötigen Mittel, und zudem wollte Msgr. Bergamaschi nicht ohne vorherige Genehmigung des päpstlichen Stuhles vorgehen. Deshalb unterbreitete er die ganze Angelegenheit dem hochseligen Papste Benedikt XV. Der Hl. Vater ließ sich ausführlich Bericht erstatten und beauftragte dann in einer Privataudienz vom 17. März 1920 den Msgr. Bergamaschi, diese Schriften drucken zu lassen; zur Deckung der ersten Unkosten übergab der Hl. Vater dem Monsignore gleich 15000 Lire. Sofort nach ihrem Erscheinen mußten die einzelnen Bände dem Hl. Vater zugestellt werden, und immer wieder half er zur vollen Herausgabe dieser Schriften. Sie sind erschienen unter dem Titel: "Vita Interna di Gesù Christo. 8 Bändchen (2. Auflage), die meisten zu je 8 Lire, 2 zu 10 Lire; zu beziehen durch Monastero di S. Pietro in Montefiascone (Italien) ebenda auch Vita della Serva di Dio Maria Cecilia Baij, 2 dicke Bände, 30 Lire, sowie Vita di S. Giuseppe (15 Lire) und Vita di S. Giovanni Battista -- Modello delle anime, specialmente sacerdotali (10 Lire) beide Werke nach den Offenbarungen der M. C. Baij.

Beurteilung dieser Offenbarungen.

Kaum wurde das erste Bändchen vom "Innenleben Jesu" veröffentlicht und bekannt, als dem Prälaten Bergamaschi von hohen und höchsten kirchlichen Stellen zustimmende und dankbare Zuschriften zugingen, die im Interesse der Seelen zu beschleunigter Veröffentlichung der übrigen Teile drängten.

Se. Eminenz, der Herr Kardinal Dr. Ildefons Schuster (Mailand) hat als Abt von St. Paul folgendes Urteil an den Herausgeber des italienischen Originals geschrieben: "Ich spreche über den lieben 1. Band, zu wem ich nur kann. Herzlichst beglückwünsche ich Sie zu dieser heiligen Arbeit, die Sie unternommen haben. Ich bete zum Heiland, er möge alle Christen verstehen lassen, welche Schätze himmlischer Weisheit in diesen Seiten verborgen sind." (22. XII. 1920.)

Se. Exzellenz, Titular-Erzbischof Volpi, der Seelenführer der seligen Gemma Galgani, schreibt: "Nachdem ich das, was die Dienerin Gottes über das Innenleben Jesu geschrieben hat, gelesen, muß ich anerkennen, daß der Herausgeber Grund genug hatte, dieses Buch einen kostbaren Schatz zu nennen, kein menschliches, sondern ein göttliches Werk. Ist es ja geschrieben worden auf ausdrücklichen Befehl unseres Herrn Jesu Christi. Er selbst hat es ihr mitgeteilt, ja wir können sagen: Er hat es ihr diktiert. ... Nicht nur viele Gottesgelehrte, sondern sogar ein Konsultor des Hl. Offiziums hat diese Schrift geprüft und darin nichts gefunden, was zu verwerfen wäre. Selbst der hl. Leonhard von Porto Maurizio (+1751), der zuerst der Dienerin Gottes starke Vorwürfe gemacht und sie als eine vom Teufel Getäuschte bezeichnete, hat, nachdem er die Schrift gelesen, seine Ansicht geändert und die fromme Schreiberin zur Fortsetzung und Vollendung der Schrift ermuntert. ... Ich will nun freimütig und einfältig mein eigenes Urteil über das "Innenleben Jesu" aussprechen: Ich habe es gelesen mit solcher geistlicher Freude, daß ich dies so, wie ich es fühle, mit Worten nicht ausdrücken kann. Je mehr ich las, desto mehr verstand ich die Worte, die Jesus der Äbtissin M. Cäcilia gesagt hat: "Meine Worte geben das klare Zeugnis, daß Ich es bin, der in dir wirkt. Diese Worte sind voll Licht. Jeder, der sie liest, wird das wahre Licht sehen und hat keinen Grund zum Zweifeln." ... Ich bin überzeugt, daß diese Schrift, im Geiste Jesu gelesen, großen Nutzen den Seelen bringen wird." -- Der verstorbene P. Leopold Fonk S.J., Professor am Päpstl. Bibelinstitut hat dem italienischen Herausgeber viele, sehr wertvolle Winke für die Veröffentlichung des "Innenleben Jesu" gegeben.

P. Anton Deimel S.J., Professor der Assyriologie am Bibelinstitut in Rom schreibt: "Ich liebe dieses Buch mehr als alle anderen geistlichen Bücher. Seit Jahren benütze ich zur geistlichen Lesung nur dieses Buch und zwar immer mit demselben inneren Genuß."

Wie sollen diese Offenbarungen gelesen werden?

Damit das Lesen dieser Offenbarungen reiche Früchte bringe, möge man folgendes beachten: Sie sollen im Geiste Christi gelesen werden, im Geiste der Kindschaft Gottes, mit Glauben, Demut, Liebe und nicht flüchtig. Man suche in ihnen nicht Unterhaltung, sondern Erbauung. Wie die Gnadenbilder meist nur von einfacher, nicht von Künstlerhand im Sinne der Welt herrühren, so ist auch die Form der vorliegenden Offenbarungen schlicht und einfach. Wiederholungen desselben Wortes gelten bekanntlich in sprachwissenschaftlicher Beziehung als unzulässig. Darum kümmert sich "Das Innenleben Jesu" herzlich wenig. Das Evangelium übrigens auch. Hier wie dort nicht einmal ein Schein von literarischer Eitelkeit, die nur zu oft auf Kosten des Inhalts ihre Befriedigung in schönen Redewendungen sucht. Gerade durch seine häufigen Wiederholungen im Bitten, Opfern, Danken bringt uns der Heiland im "Innenleben" deutlich zum Bewußtsein, daß Er uns durchaus nicht alle Gnaden auf einmal, was bequemer gewesen wäre, sondern jede einzelne Gnade eigens verdient hat, gemäß der unbegrenzten, unermüdlichen Güte Seines Erlöserherzens. Jede auch noch so verborgene Tätigkeit des Innenlebens Jesu ist die des Gottmenschen und darum jede ihrer Wiederholungen von ewigem Wert gewesen. Darum kommen sie so oft zur Darstellung.

Was die "Nachfolge Christi" für das Lesen der Heiligen Schrift empfiehlt, gilt auch vom "Innenleben Jesu", das ja als eine wertvolle Ergänzung zum Evangelium angesehen werden kann. "Wahrheit soll man in der Heiligen Schrift suchen -- Wahrheit nicht Beredsamkeit ... Die Heilige Schrift soll in dem nämlichen Geist gelesen werden, in dem sie verfaßt worden. Und ein Buch, das noch so gemein und kunstlos, dabei aber mit Salbung geschrieben ist, sollst du so gern lesen, wie ein anderes, in dem alles tief gedacht und fein ausgedrückt ist."

Auch möge in diesem Büchlein immer nur ein kleiner Teil, nicht viel auf einmal gelesen werden, da nur die fromme Erwägung der hier gebotenen Wahrheiten der Seele wirklichen Nutzen zu bringen vermag.

Rußland veröffentlichte "Lenins Leben und Gedanken" in einer Ausgabe von dreizehn Millionen Exemplaren. Möchten doch die wahren Liebhaber des Heilands einen ähnlichen Eifer an den Tag legen, um das Innerste des göttlichen Herzens der Welt zu offenbaren, so wie es sich in den Mitteilungen an die Äbtissin M. C. Baij so wunderschön zeigt, und dadurch die Verheißung für die Herz-Jesu-Verehrer an ihnen in Erfüllung gehen: "Die Namen derjenigen, die diese Andacht verbreiten, werden in Meinem Herzen eingeschrieben sein und niemals daraus getilgt werden."

Möge der göttliche Heiland und Seine gebenedeite, unbefleckte Muttter, denen diese deutsche Ausgabe besonders geweiht und gewidmet sein soll, dieselbe gnädig segnen und recht vielen Seelen zum Heile gereichen lassen! Möge sie bei jedem Leser beitragen zur Erfüllug der Worte, welche der göttliche Heiland zur Äbtissin Baij sagte: "Es wird eine Zeit kommen, wo du Meinem Herzen eine Freude bereiten wirst, denn durch dich soll eine große Zahl von Menschen Mein Herz kennen lernen und es verehren mit der gebührenden Andacht."

Der Herausgeber.


Das Innenleben unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus vom ersten Augenblicke Seiner Menschwerdung bis zum Tode am Kreuze.

Einleitung der Dienerin Gottes.

Da ich anfange, ein mir ganz unbekanntes Werk zu schreiben, bekenne ich, daß mein Widerwille ein sehr großer ist. Nichtsdestoweniger begebe ich mich an diese Arbeit, gedrängt vom Gehorsamsbefehle. Meine Furcht ist jedoch sehr groß, denn ich kenne mich selber. In aller Herzensaufrichtigkeit erkläre ich, daß ich das geringste, unwürdigste und verwerflichste Geschöpf auf Erden bin. Und wenn meine Schriften sich als wahre Gottessache, mitgeteilt von Seiner göttlichen Güte erweisen, so bewundere man die göttliche Vorsehung. Gott hat Sich gewürdigt, Seine Barmherzigkeit, Seine unendliche Güte und Huld in besonderer Weise aus mir, der größten Sünderin hervorleuchten zu lassen.

Ich gestehe, daß ich nichts anderes bin als ein Rohr aus gewöhnlichstem Ton, durch das Gott in Seiner Huld die heilsamen Wasser Seiner Gnaden und Seiner himmlischen Lehre fließen läßt. Daß ich ein Werkzeug in der Hand Gottes bin, kann ich nur schwer und mit Furcht glauben. Ich finde aber Ruhe im Gehorsam gegen meinen Seelenführer. Ich überlasse mich ganz den Händen meines Gottes. "Er hebt den Schwachen aus dem Staube, den Armen aus dem Kot." (112. Psalm, 7. Vers.) Ich gestehe aber der Wahrheit gemäß folgendes:

Wenn ich die Stimme des Bräutigams Jesu höre, nehme ich alle jene Wirkungen wahr, die die göttliche Gnade in ähnlichen Fällen zu bewirken pflegt. Ich gestehe, daß Jesus in überaus lieblicher Weise zu meinem Herzen spricht.

Dem Leser gegenüber betone ich: Glaube, daß dieses Buch nur von mir geschrieben worden ist. Aber das Ganze wurde einer inneren Stimme abgelauscht und von ihr diktiert in ganz wundersamer und eigenartiger Weise.

Wer immer diese Arbeit liest, möge den Allerhöchsten bitten, Er möge mir meine Sünden verzeihen, mir beistehen und mich erleuchten.

Er möge mir die Gnade geben, daß ich Seiner Barmherzigkeit entspreche. Er möge es nicht zulassen, daß mir das gleiche Schicksal begegne wie den Holzrohren. Sobald sie infolge des durchfließenden Wassers schadhaft geworden sind, wirft man sie in's Feuer. Möchte ich daher nicht nachlässig, lau und stolz werden, nachdem ich so heilsame Lehren empfangen und niedergeschrieben habe. Es erlöse mich Gott in Seiner unendlichen Güte! Amen.

Vorwort des Heilandes.

Zwei Leben gibt es, die der Mensch auf Erden lebt. Das eine ist das äußere, das tätige Leben, das andere ist das innere, das beschauliche. Das eine ist jedem offenbar, das andere ist nur Mir bekannt. Bei richtiger Lebensführung sind beide Leben, das äußere und innere so miteinander vereint, daß das eine das andere nicht hindert. Wenn das äußere wie das innere Leben auf Meine größere Ehre abzielen, so halten sie Schritt. Jederman kann aus der Vollkommenheit des einen die Erhabenheit des anderen erkennen. In der Tat wirst du in dieser Schrift über Mein inneres Leben das Gefühl haben, als begleite dich auch das äußere. Und obwohl Mein äußeres Leben von den Bösen gelästert worden ist, so ist es nichtsdestoweniger von den Gerechten gepriesen und bewundert worden. Mein äußeres Leben war Meinem ewigen Vater überaus wohlgefällig. Der Vater hat dies wahrhaftig bezeugt am Jordan und auf Tabor mit den Worten: "Dieser ist Mein geliebter Sohn, an Ihm habe Ich Wohlgefallen." (Matt. 3, 17.) Wundere dich nicht, geliebteste Braut, wenn Ich dir vor der Schilderung Meines Innenlebens erkläre, wie jeder Mensch auf Erden ein zweifaches Leben lebt, nämlich ein inneres und ein äußeres Leben. So sollst du fest überzeugt werden, damit du mit Sicherheit alles das schreibst, was Ich dir befehle und der Gehorsam dir bekräftigt. Scheint es dir auch etwas sehr Schweres zu sein, so wirst du es nicht nur sehr leicht finden, sondern es wird dir zu sehr großem Trost und geistlichem Nutzen gereichen. Habe daher Mut, o Teuerste, fürchte keine Schwierigkeit. Ich werde dir alles offenbaren mit jener ganzen Liebe, welche Ich zu dir als Meiner teuersten Braut trage.

Ich will, daß du einer so großen Liebe dadurch entsprichst, daß du dich bemühst, Mich nachzuahmen in alle dem, was Ich dir bisher geoffenbart habe und was Ich dir in weit reicherem Maße noch offenbaren werde. Ich will ja deshalb diese Niederschrift, damit Mein Innenleben sich besser deinem Herzen einpräge. David machte es so mit Meinem Gesetz. Er sagte ja: "Und Dein Gesetz, o Herr, präge in meines Herzens Mitte!" (Ps. 39, 9.) Und du sprich: "Dein Leben o Herr, sei in meines Herzens Grund", damit du Mich vollkommen nachahmen und Meine wahre und getreue Braut sein kannst.

 

Das Innenleben des Heilandes während Seiner Kindheit.

1. Hauptstück.

Im Schoße der jungfräulichen Mutter.

Menschwerdung im Schoße Mariens.

Nachdem die Seele, die Meinen leidensfähigen und sterblichen Leib beleben sollte, erschaffen war, vereinigte Ich Mich sofort mit ihr in einer so vollkommenen Vereinigung, daß sie die Gottheit mit allen ihren Eigenschaften erkannte und auch ihre eigene Würde. Vereinigt mit dem Worte Gottes betete Meine Seele die heiligste Dreifaltigkeit an. Sie unterwarf sich auch den göttlichen Beschlüssen mit voller Erkenntnis, mit ganzer Lichtfülle und mit vollkommener Fassungskraft. Meine Seele gab sich zufrieden, herabzusteigen in den Schoß der Jungfrau Maria und zu beleben dieses Körperchen, das im selben Augenblicke im jungfräulichen Schoße durch die dritte Person, den Heiligen Geist, gebildet worden war.

Selbstaufopferung des fleischgewordenen Wortes.

Sobald Ich, das fleischgewordene Wort, der eingeborne Sohn des Vaters, mit der menschlichen Natur Mich vereinigt hatte, opferte Ich Mich Meinem Vater auf. Ich bot Mich an, alles zu leiden und zu ertragen, was Er bestimmt habe und was in Seinem Wohlgefallen liege. Meiner Gottheit wollte Ich Mich bedienen, nicht deshalb, um Mich vom Leiden zu befreien -- in der Seligkeit war Ich ja keinem Leiden und keinem Schmerz unterworfen -- sondern nur, um Mein angenommenes, natürliches Leben zu erhalten; dieses Mein menschliches Leben hätte sich bei so großen Schmerzen nicht erhalten können, wenn nicht Meine Gottheit selbst damit vereinigt gewesen wäre.

Die ersten Leiden.

Nachdem Meine mit dem Worte vereinte Seele herabgestiegen war, um in jenem engen Raume des Mutterschoßes zu wohnen und Meinen Leib zu beseelen, empfand sie in jenem Augenblicke sofort ganz das Leid und die Traurigkeit, die eine Person mit reifem Urteile und voller Erkenntnis in solcher Wohnung und Beengung haben würde. Ich war, teuerste Braut, im Schoße Meiner Mutter eingeschlossen wie alle anderen Kinder, die freilich des Vernunftgebrauches beraubt sind. Aber Ich als Gott besaß jegliches Wissen und Meine Seele empfand die Beängstigung, die eine derartige Enge hervorzurufen pflegt.

Die ersten Schläge des Herzens Jesu.

Nach Meiner Vereinigung mit der menschlichen Natur betete Ich zuerst Meinen ewigen Vater an. Ich dankte Ihm für die dem Menschengeschlecht erwiesene Wohltat, indem Er Mich selbst, Seinen eingebornen Sohn, zur Erlösung den Menschen schenkte. Ich betete Ihn an und dankte Ihm im Namen aller vernünftigen Geschöpfe. Ich erklärte Mich von nun an als ihren Bruder. Ich beteuerte von diesem Augenblicke an, daß alles, was Ich in jedem Augenblicke Meines Lebens tun und leiden werde, Ich für Meine Brüder zu tun und zu leiden beabsichtige. Ich wollte hiemit für ihre Fehlerhaftigkeit und ihre Nachlässigkeit Ersatz leisten.

Nach dieser ersten Anbetung und Danksagung bat Ich Meinen ewigen Vater um eine besondere Gnade für Meine geliebte Mutter. Diese Gnade war die: So oft ich Mich während Meines Verweilens in ihrem mütterlichen Schoße rege, möge sie um einen Grad in der heiligmachenden Gnade wachsen. Diese Gnade erbat Ich Meiner Mutter deshalb, um sie hundertfach in diesem Leben zu belohnen, daß sie Mir Meine Pulsschläge von ihrem reinsten Herzen verschaffte. Der Vater würdigte Sich, Mir in dieser Sache Sein Wohlgefallen zu zeigen. Zugleich ließ Er es Meine geliebte Mutter wissen, damit sie sich umsomehr erfreue und mit desto größerem Wohlgefallen Mir, ihrem geliebten Sohne, Herberge gebe.

Da der Vater Meiner Bitte willfahrte, sagte Ich vereingt mit Meiner Mutter Ihm den schuldigen Dank. Außerdem sagte Ich auch allein für Meine Mutter Dank. Denn, da Ich Gottmensch bin, waren Meine Danksagungen überaus wertvoll und infolgedessen Meinem Vater sehr angenehm.

Leiden und Freuden.

Ich empfand, o Tochter, in dieser Beengung eine unbeschreibliche Bedrängnis und zugleich ein unvergleichliches Ergötzen. Ich wußte, daß Ich in dieser Lage den Willen Meines Vaters erfüllte. Ich weilte da im Schoße eines Geschöpfes, das Ich so sehr liebte und in dem Ich alle Meine Wonnen fand.

Ich opferte Meinem Vater dieses Leid, das Ich im engen Mutterschoß empfand, auf zur Genugtuung für jene Freiheit, die sich so viele Meiner Brüder und Schwestern entgegen dem Willen Meines Vaters nehmen werden. Ich hatte Mitleid mit all' den vielen, die wegen der Liebe zu Mir eingekerkert werden. Ich versprach ihnen Meinen Beistand und Meine Hilfe.

Ich opferte dieses Leid des Eingeengtseins im Mutterschoße Meinem Vater auf zur Genugtuung für jene Freiheit, die sich die Menschen nehmen, indem sie in der Welt herumstreifen und unerlaubten Vergnügungen und Unterhaltungen nachlaufen und dabei Meinen Vater beleidigen.

Dieses Leid opferte Ich auch für jene Ordensleute, welche aus Überdruß die Klausur verlassen und ihre Regeln ganz und gar verachten. Ich opferte Mein Leid auf für die vielen, die durch die Tat oder durch Wunsch ihre Regeln übertreten, nach jener eitlen und gefährlichen Freiheit sich sehnen, die sie einst so verachtet haben; nun aber sehnen sie sich jene Freiheit herbei, da ihr Geist schlaff geworden ist und ihre Begeisterung aufgehört hat. Und Ich bat Meinen Vater, Er möge in Kraft Meiner Beengung und Bedrängnis jenen Sich gnädig erweisen und ihnen verzeihen, wenn sie nach Erkenntnis ihres Irrtums den ersten Feuereifer wieder herstellen und von neuem sich der engen Grenzen der Klausur und der klösterlichen Zucht unterwerfen wollen.

Besonders opferte Ich diese Beengung auf für alle jene Verbrecher, welche für ihre Fehler gerichtlich bestraft sich in Kerker und Banden befinden und dabei in einem engen und dunklen Raume weilen müssen. Ich bat den Vater, Er möge in Kraft Meiner Beengung jedem von ihnen die Gnade geben, daß sie mit Geduld ihre Strafe zur Sühne ihrer Missetaten ertragen. Das alles nahm Mein Vater an und versprach Mir, diese Gnade zu gewähren unter der Bedingung, daß die Sträflinge Seinen göttlichen Anregungen und Gnaden nicht Widerstand leisten und jedwede auftauchende Hartnäckigkeit und Rache gegenüber den gerechten Bestrafern unterdrücken.

Ich sah auch alle Menschen, die gewesen sind, die damals waren und welche im Laufe der Jahrhunderte bis zum Weltende sein müssen. Ich sah alle ihre Handlungen und Betätigungen, die äußeren gerade so wie die inneren. Ich sah alle Sünden, die begangen worden sind, die damals die Menschen begingen und welche bis zum Ende der Zeiten begangen werden. Ich sah alle ihre Unvollkommenheiten, Fehler, Mängel und Nachlässigkeiten im Dienste Gottes. Für alle Menschen ertrug Ich Betrübnis und fühlte Ich Schmerz. Ich opferte Meinem Vater Mein Leben auf mit all dem, was Ich in dieser Beengung gelitten habe.

Der unendliche Wert der Leiden Jesu.

Du, Meine Tochter, glaubst etwa, daß Mein Leben im Schoße Mariens wenig verdienstlich und wenig wertvoll gewesen ist; denn im Schoße Meiner Mutter hatte Ich ja nicht jene furchtbaren Schmerzen, die Ich im Laufe Meines Leidens vom Ölberge bis auf Golgatha durchmachen mußte. Nein! Wisse Tochter, daß Mein Aufenthalt im Schoße Mariens von so großer Verdienstlichkeit und Bedeutung war, daß eine einzige von jenen beschränkten Lebensäußerungen, die Ich im jungfräulichen Schoße machte, von solchem Werte war, daß sie genügt hätte zur Sühneleistung für die Sünden und Fehler aller Menschen. Wisse, daß Mein Schmerz in dieser Enge des Mutterschoßes so wertvoll war, daß bloß ein sekundenlanges Ertragen des Schmerzes genügt hätte, um unendliche Welten zu erlösen. Du kannst dies verstehen, wenn du bedenkst, daß Ich das ewige Wort bin; infolgedessen bin Ich wahrer Gott, der weder verstanden noch begriffen werden kann. Ich, dem die Himmel selbst zu eng sind zum Bewohnen, Ich habe Mich erniedrigt, zu wohnen in einem leidensfähigen Leib, sowohl als Gott als auch als Mensch. Ich habe Mich herabgelassen, zu weilen in der kleinen Hütte eines jungfräulichen Leibes mit der ganzen, vollen Erkenntnis, die einem unsterblichen Gott und einem leidensfähigen und sterblichen Menschen eigen ist.

Die Leiden der Sinne.

Da Ich den vollkommenen Gebrauch Meiner Vernunft hatte, empfand Ich in allen Meinen Sinnen einen unnennbaren Schmerz, weil Ich in diesem engen Raume sein mußte. Alle Sinne waren ihrer Bewegung beraubt. Die Augen waren geschlossen, die Zunge hatte immerwährendes Stillschweigen, die Hände und Füße waren steif und konnten sich nicht bewegen. Der ganze Körper war sozusagen immer in der gleichen Lage. Ein Schmerz, überaus groß für den, der die ganze, vollkommene Erkenntnis dabei hat. Es ist wahr, daß von Meinem Vater auch anderen der frühzeitige Gebrauch der Vernunft bereits im Mutterschoße gegeben worden ist. So zum Beispiel hatte dieses Geschenk Meine geliebteste Mutter; aber sie war frei von jenem Leide, das sonst im Mutterschoße ihre Sinne hätten ertragen müssen. Für Mich aber hat es keine Ausnahme gegeben, denn Mein Vater wollte, daß Ich alle die Schmerzen ertragen mußte, die eine ähnliche Beengung der menschlichen Natur zu bringen pflegt.

Die Leiden des Gesichtssinnes.

Da Ich Mich in solchem Leiden befand, opferte Ich Meinem Vater die Entziehung des Augenlichtes auf zur Sühne für die so vielen Sünden, die das ganze Mennschengeschlecht mit dem Gesichtsinne begeht. Das Nichtgebrauchenkönnen der Augen war für Mich ein großer Schmerz. Ich sah, teuerste Tochter, wie stark mit diesem Sinne durch Neugierde gefehlt wird und welche Ungeheuerlichkeiten durch Mißbrauch des Gesichtssinnes begangen werden. Ich litt das Leid und den Schmerz für die Beleidigungen, die man durch Mißbrauch der Augen Meinem Vater zufügt. Ich bewirkte es öfters, daß von Meinen Augen Tränen fielen. Obwohl dieselben kleine Tropfen waren, war ihr Wert nichtsdestowengier so groß, daß sie genügten, Sühne zu leisten der göttlichen Gerechtigkeit für alle jene Sünden, die mit den Augen alle Menschen begehen. Der Wert dieser Tränen war ja begleitet von der großen Liebe, mit der Ich sie vergoß. Die Tränen vergoß Ich ohne hörbares Weinen. Ich bat auch Meinen Vater, Er möge Sich würdigen, daß in Kraft dieser Meiner unschuldigen Tränen jene Sünder und Sünderinnen, die darnach verlangen, die Gabe der Reuetränen erlangen möchten. Und Mein Vater versprach Mir, diese Gnade mit Seiner ganzen Huld jedem zu gewähren, der mit aufrichtigem Herzen darum bittet. In der Tat erfolgt diese Gnadenwirkung jeden Tag in vielen Sündern und auch in vielen gerechten Seelen; die ersteren werden der Gaben der Tränen gewürdigt zur Sühne ihrer Sünden, die letzteren bekommen dieses Geschenk des Weinens, um sich eine größere Herrlichkeit und Tröstung im ewigen Leben zu verdienen. Ich habe dieses ja auch Meinen Jüngern beteuert mit den Worten: "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden." (Matth. V, 5.) Besonders bat Ich Meinen Vater, daß Er in Kraft dieses Leidens, das Ich durch die Beraubung des Augenlichtes empfand, allen jene, die sich aus Liebe zu Mir in diesem Sinne abtöten und auf eitle und sonderbare Dinge und auch auf Erlaubtes nicht schauen, in Seiner Huld die Gnade geben möge, daß sie dieses mit unbesiegbarem Gemüte tun. Ist es doch der menschlichen Armseligkeit so schwer, sich an diesem Sinne abzutöten. Es ist dazu eine besondere Gnade notwendig, da die menschliche Gebrechlichkeit immer es anstrebt und wünscht, neue und sonderbare Dinge zu sehen.

Ich bat den Vater auch, Er möge allen jenen, die durch natürliche Übelstände und durch Seine Absichten des Augenlichtes beraubt sind, die Kraft geben, daß sie diese Beraubung mit Ergebung in Seinen Willen und Seine göttlichen Fügungen ertragen. Alles gewährte Mir der Vater mit aller Lieblichkeit und Huld, Er versprach Mir für alle diese eine besondere Gnade und Seinen liebreichen Beistand. In der Tat zeigt Er Sich jenen, die mit wahrer Kindesliebe Ihm sich empfehlen, als wahrer Vater der Barmherzigkeit.

Wisse, Meine Braut: Als Ich diese Gebete Meinem Vater darbrachte, waren in Meinem Geiste alle jene Menschen gegenwärtig, die an dem Gesichtsinne leiden müssen. Für sie betete und opferte Ich; ebenso für jene, die weinen müssen, die blind sind und mit den Augen sich abzutöten haben. Alle, alle diese hatte Ich vor Mir gegenwärtig und Ich schaute jeden einzelnen und jede einzelne an. Für jeden von diesen betete Ich, je nach ihren Bedürnissen. Ich liebte sie mit der Liebe eines Bruders und erflehte ihnen die göttliche Gnade.

Ich sah auch in Meiner unendlichen Weisheit alle jene Armseligen, welche durch Mißbrauch der Augen Meinen Vater so sehr beleidigen. Ich sah, wie diese infolge ihrer Hartnäckigkeit und ihres Starrsinnes sich nicht bessern wollen. Für diese konnte Ich nicht die Gnade empfangen, die Ich für die andern erhalten habe, denn sie wollen den göttlichen Anregungen und der göttlichen Gnade kein Obdach gewähren. Ich schaute sie mit Mitleid an und Ich bat den Vater, daß Er sie, obwohl sie sich von Seiner Barmherzigkeit und Meinen Verdiensten nicht beeinflussen lassen, wenigstens nicht mit der ganzen Strenge Seiner Gerechtigkeit strafe, wie Er es früher bei vielen getan hat. Manche haben aus Neugierde auf Unerlaubtes geblickt und dafür die schwersten Züchtigungen erhalten, wie es mit der Frau des Lot und vielen anderen der Fall war. Meine Bitten erhörte Mein Vater. Er versprach Mir, diese Art von Sünden mit geringerer Strenge zu züchtigen, ja sogar auf eine Zeitlang die Beleidigungen ob Meiner Verdienste und Fürbittgebete zu ertragen. In der Tat spüren die Sünder gut das vom Vater Mir gemachte Versprechen! Was wäre sonst? Von wie vielen Salzsäulen und anderen Strafen wäre die Welt voll wegen der sündhaften Neugierde der Augen!

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)