Aus dem Immaculata-Archiv:


Es lebe + Jesus!

M. Martha Chambon

Laienschwester der Heimsuchung Mariä in Chambery und die

Andacht zu den hl. Wunden unseres Herrn Jesus Christus

Nach der französischen Ausgabe ins Deutsche übertragen

1931
Herz-Jesu-Sekretariat, Freiburg, Schweiz


Kindheit und Jugendjahre

Franziska Chambon erblickte am 27. Mai 1844 das Licht der Welt. Sie war das Kind einer einfachen, aber gut christlichen Bauernfamilie, die in dem Dörflein Croix-Rouge bei Chambery ihren Wohnsitz hatte. Noch am Tage ihrer Geburt empfing sie in der Pfarrkirche Sankt Peter in Lemenc die heilige Taufe.

Schon sehr frühzeitig wollte sich der Herr dieser unschuldigen Seele offenbaren. Es war an einem Karfreitag, Franziska war erst neun Jahre alt. Ihre Tante hatte sie zur Anbetung des heiligen Kreuzes mitgenommen; da erschien ihr der Heiland, von Wunden ganz zerrissen, mit Blut überronnen, wie er am Kreuze hing. "Ach, in welch einem Zustand befand sich der Herr!" sagt sie später beim Gedanken an dieses Bild.

Es war dies die erste Offenbarung des Leidens des Erlösers, das in ihrem Leben eine so wichtige Rolle spielen sollte. In ihren ersten Jugendjahren war sie jedoch mehr durch Erscheinungen des Jesuskindes begnadigt. An ihrem Erstkommuniontag kam es sichtbar zu ihr und von dieser Zeit an bis zu ihrem Tode durfte sie bei jeder heiligen Kommunion, die sie empfing, das Jesuskind in der heiligen Hostie sehen. Es war ihr unzertrennlicher Jugendgefährte, der mit ihr zur Arbeit aufs Feld ging, unterwegs sich mit ihr unterhielt und sie wohlbehalten wieder heimführte. Gegen Ende ihres Lebens gedachte sie dieser glücklichen Zeit und meinte: "Wir waren immer beisammen. O wie glücklich war ich, ich hatte das Paradies in meinem Herzen!"

In diesen jungen Jahren kam es Franziska nicht in den Sinn, irgend jemand etwas von dem vertrauten Verkehr mit Jesus mitzuteilen; sie freute sich darüber und meinte in ihrer Kindeseinfalt, alle genössen dieses Glück.

Die Unschuld und der Eifer dieses Kindes konnten jedoch dem Pfarrherrn nicht entgehen. Er ließ Franziska deshalb oft zum Tisch desHerrn hinzutreten und da er sah, daß sie zum Ordensstand berufen war, brachte er sie selbst in das Kloster der Heimsuchung von Chembery.

Die ersten Jahre im Kloster

Franziska Chambon war 18 Jahre alt, als sie in das Kloster aufgenommen wurde. Zwei Jahre später legte sie die heiligen Gelübde ab und erhielt den Namen Schwester Maria Martha, - es war am Feste U.L. Frau von den Engeln, am 2. August 1864.

Nach außen hin bot die neue Braut Christi nichts, was irgendwie zu ihren Gunsten gesprochen hätte. Die Schönheit dieser Königstochter war wirklich ganz in ihrem Innern verborgen. Gott wollte offenbar auf diese Weise Schwester Maria Martha ersetzen, was ihr an natürlichen Gaben spärlich zugemessen war. Ihr Benehmen und ihre Sprache war derb und linkisch, ihre Geistesanlagen waren nur mittelmäßig und keineswegs entwickelt; jede Bildung ging ihr ab, sie konnte weder lesen noch schreiben. (Es ist gut, diesen vollständigen Mangel an Bildung der Schwester Maria Martha nicht aus dem Auge zu verlieren, meint P. Mazoyer, S.J.; denn einerseits wird man überrascht sein über die theologische Genauigkeit und Richtigkeit der Ausdrucksweise bei einer so wenig gebildeten Person, andererseits wird man ihr gerne nachsehen, wenn ihre Angaben in manchen unwesentlichen Eizelheiten zu wünschen lassen.) Ihre Ansichten und Gefühle erhoben sich nur unter dem Einflusse der Gnade über das gewöhnliche Maß. Ihr Wesen war lebhaft und etwas halsstarrig und nicht besonders angenehm; ihre Mitschwestern sagten gerne scherzweise: "O ja, sie war schon eine Heilige, aber eine, die einem bisweilen zu schaffen machte."

Die "Heilige" kannte ihre schwachen Seiten. Mit rührender Einfalt beklagte sie sich bei Jesus über ihre Fehler, doch Jesus entgegnete ihr: "Deine Fehler und Unvollkommenheiten sind der beste Beweis, daß das, was in dir vorgeht, wirklich von Gott kommt. Ich werde sie dir niemals nehmen, sie sind der Deckmantel, mit dem ich meine Gaben verberge. Du bist darauf bedacht, sie verborgen zu halten; ich bin es noch weit mehr."

Diesem Bilde möchten wir ein anderes, anziehenderes gegenüberstellen. Das scharfe Auge ihrer Oberinnen entdeckte bald unter dem ungeschlachten Äußern eine Seelenschönheit, die durch das Walten der Gnade von Tag zu Tag wuchs und zunahm. Man kann ganz auffallende Züge anführen, die unfehlbar auf den göttlichen Künstler hinweisen und zwar mit umso größerer Bestimmtheit, weil die Mängel ihrer Natur dieselben blieben wie zuvor. Welch eine Erleuchtung, welch tiefen Blick bekundete ihr ungebildeter Verstand! Welch eine Unschuld, welch starker Glaubensgeist, welch gediegene Frömmigkeit, welch eine Demut, welch ein Verlangen nach Opfern erfüllte ihr Herz, das doch gleichsam nur stets auf sich selbst angewiesen war! Es genüge vorläufig das Urteil ihrer Oberin, Mutter Therese Eugenie Revel, hier anzuführen; sie schreibt: "Der Gehorsam ist für sie alles. Die kindliche Offenheit, die Geradheit, der Geist der Liebe, der sie erfüllt, ihre Entsagung und vor allem ihre echte, tiefe Demut scheinen der untrügliche Beweis zu sein, daß Gott diese Seele führt. Je mehr Gnaden sie empfängt, umso mehr verachtet sie sich selbst, denn sie lebt ständig wie zermalmt durch den Gedanken, sie könnte etwa getäuscht sein. Winke, die ihr erteilt werden, nimmt sie gerne an, durch die Worte des Priesters und ihrer Oberin läßt sie sich leicht beruhigehn. Was aber ganz besonders zu ihren Gunsten spricht, ist ihre leidenschaftliche Liebe zum verborgenen Leben, der unwiderstehliche Drang, sich aller menschlichen Neugierde zu entziehen und ihre Angst, man könnte merken, was in ihr vorgeht."

* * *

Die zwei ersten Jahre ihres Klosterlebens verliefen für unsere Schwester ziemlich normal. Sehen wir von einer seltenen Gabe des Gebetes, einer ständigen Sammlung, einem stets sich steigernden Hunger und Durst nach Gott ab, so finden wir in dieser Zeit wirklich nichts, was etwas Außerordentliches vorausahnen ließe. Mit September 1866 jedoch beginnen die ersten göttlichen Hulderweise. Die junge Laienschwester wird des öfteren der Erscheinungen des Herrn, der seligsten Jungfrau, der Armen Seelen und der Heiligen des Himmels gewürdigt. Der Gekreuzigte erscheint ihr fast jeden Tag und zeigt ihr seine heiligen Wunden, damit sie sich in heiliger Beschauung in dieselben hineinversenke und an seinem Leiden Anteil nehem. Bald sind diese Wunden strahlend und verklärt, bald blau unterlaufen und blutig.

Nachtwachen und körperliche Bußstrenge

Nachdem die Obern aus untrüglichen Zeichen, über die wir uns der Kürze halber nicht weiter verbreiten können, den Willen Gottes erkannt hatten, entschlossen sie sich, wenn auch nicht ohne Zagen, ihr nach und nach zu gestatten, was Jesus der Gekreuzigte von ihr verlangte. Schwester Maria Martha mußte zunächst die Nächte auf dem Boden ihrer Zelle schlafen; sodann mußte sie Tag und Nacht ein rauhes Bußhemd tragen; endlich mußte sie sich eine Krone von spitzigen Dornen winden und tragen, die sie daran hinderte, den Kopf zur Ruhe zu legen. Nach acht Monaten, - wir sind im Mai 1867, - verlangt Jesus neben den erwähnten Bußübungen sogar das Opfer ihrer Nachtruhe. Während alles im Kloster schlief, sollte Schwester Maria Martha allein vor dem Tabernakel wachen.

Bei solchen Anstrengungen kommt die Natur nicht auf ihre Rechnung, wohl aber werden damit die göttlichen Gunsterwesie erkauft. In der Stille der Nacht vertraute sich ihr der Herr auf die wunderbarste Weise an. Zwar muß sie bisweilen stundenlang gegen Schlaf und Müdigkeit ankämpfen, doch meist erfaßte sie der Herr sogleich und versetzte sie in eine Art heiliger Verzückung. In diesen seligen Stunden spricht der Herr von seinem Leiden und von den Geheimnissen seiner Liebe, überhäuft sie mit Liebkosungen, nimmt ihr Herz und versenkt es in das seine und bemächtigt sich von Tag zu Tag mehr dieser so gedemütigen, einfachen und gelehrigen Seele.

Eine dreitägige Verzückung

Im September des Jahres 1867 verfiel Schwester Maria Martha, wie Jesus ihr schon vorhergesagt hatte, in einen unerklärlichen, schwer zu bezeichnenden Zustand. Sie lag auf ihrem Bette, ohne sich zu bewegen, ohne ein Wort zu reden, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne ewas zu genießen und doch war der Puls ganz regelmäßig und das Gesicht leicht gerötet. Dieser Zustand hielt drei Tage lang an, den 26., 27. und 28. September zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit. Das waren für die Schwester außerordentliche Gnadentage.

Der ganze Strahlenglanz des Himmels schien die ärmliche Zelle, in welche die heiligste Dreifaltigkeit herabgestiegen war, zu erleuchten. Gott der Vater zeigte ihr Jesus in einer Hostie mit den Worten: "Ich schenke dir den, welchen du mir so oft aufopferst." Dann ließ er sie die Geheimnisse von Bethlehem und Golgatha schauen und gab ihr ein tiefes Verständnis für die beiden Großtaten seiner Liebe, der Menschwerdung und Erlösung.

Weiter ließ er den Heiligen Geist wie einen Feuerstrahl aus seinem Innern hervorgehen und gab ihn ihr mit den Worten. "In diesem Strahl ist Licht, Leiden und Liebe enthalten. Die Liebe wird mein Anteil sein, das Licht soll dich meinen Willen erkennen lassen und das Leiden gebe ich dir, damit du jeden Augenblick das leidest, was ich für dich bestimmen werde."

Am letzten Tage endlich ließ sie der Vater in einem Lichtstrahl, der vom Himmel auf sie zuströmte, das Kreuz seines Sohnes schauen und "gab ihr dabei ein tieferes Verständnis des hohen Wertes der heiligen Wunden für ihr eigenes Heil." In einem anderen Lichtstrahl, der von der Erde zum Himmel emporstieg, erkannte sie zugleich klar ihre "Sendung", wie sie nämlich die Verdienste der heiligen Wunden für die ganze Welt nutzbar machen sollte.

Urteil der kirchlichen Vorgesetzten

Die außergewöhnlichen Wege, welche Gott diese bevorzugte Seele führte, drängten ihre Oberin und Novizenmeisterin, die Verantwortung darüber nicht allein zu tragen. Sie wandten sich deshalb an die kirchlichen Vorgesetzten und zwar an drei geistliche Herren, welche ob ihres Wissens und ihrer Tugend allgemein bekannt und geachtet waren, nämlich an den Domherrn Mercier, der zugleich Generalvikar und Direktor des Klosters war, an Pater Ambrosius, den Provinzal der Patres Kapuziner von Savoyen und den Domherrn Bouvier, den Spiritual der Ordensgemeinde.

Diese drei Examinatoren prüften den Weg, den Schwester Maria Martha wandelte, eingehend und streng und kamen zu dem Resultat: das, was im Seelenleben der Schwester vor sich geht, kommt von Gott. Sie rieten deshalb, alles solle schriftlich aufgezeichnet werden, doch verlangten sie klugerweise, vorerst solle alles geheim gehalten werden, bis es "Gott gefalle, den Schleier über dieses sein Walten zu lüften."

So wußte nicht einmal die Klostergemeinde, in der sie lebte, etwas von den außerordentlichen Gnadenrweisen, die einem ihrer Mitglieder zuteil wurden und zwar gerade der, welche nach menschlichem Ermessen am ungeeignetsten dazu war. Aus demselben Grunde schrieb Mutter Therese Eugenie Revel, welche diesen Rat für einen Wink von oben hielt, Tag für Tag mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit das auf, was die einfache Laienschwester ihr erzählte, die übrigens vom Herrn den Auftrag hatte, ihrer Oberin nichts zu verrheimlichen.

"Vor Gott und unseren heiligen Ordensstiftern schreiben wir im folgenen im heiligen Gehorsam und so treu als möglich das auf, was wir als besonderen Hulderweis des göttlichen Herzens und ein besonderes Geschenk des Himmels betrachten, das zum Besten unserer Ordensgemeinde und zum Heil der Welt uns zuteil geworden ist.

Gott hat sich, wie es scheint, aus unserer kleinen Familie das bevorzugte Werkzeug erwählt, mittels dessen er in unsern Tagen die Andacht zu den heiligen Wunden unseres Herrn Jesus Christus wieder aufleben lassen will. Dieses Werkzeug ist unsere Laienschwester, Schwester Maria Martha Chambon, die sich der Gnade der fühlbaren Gegenwart des Heilandes erfreut. Jeden Tag zeigt er ihr seine heiligen Wunden und fordert sie auf, deren Verdienste für die Bedürfnisse der heiligen Kirche, für die Bekehrung der Sünder, für die Anliegen unserer Klostergemeinde und insbesondere für die Armen Seelen im Fegfeuer zu verwerten.

Jesus hat die Schwester zum Spielzeug seiner Liebe und zum Schlachtopfer seines göttlichen Wohlgefallens erwählt. Wir selbst erfahren jeden Augenblick, wie viel ihr Gebet bei Gott vermag."

Mit dieser Erklärung beginnt Mutter Therese Eugenie, die Vertraute der göttlichen Gnadenerweise, ihre Aufzeichnungen. Was wir im Folgenden von Schwester Maria Martha anführen, ist diesen Aufzeichnungen entnommen.

Die "Sendung"

Eines Tages sagte der Heiland zu seiner Dienerin: "Es schmerzt mich, daß es Seelen gibt, welche die Andacht zu meinen heiligen Wunden als etwas Sonderbars, Verächtliches, gleichsam als etwas Unpassendes ansehen. So kommt diese Andacht außer Gebrauch und wird vergessen."

"Im Himmel gibt es Heilige, die eine große Andacht zu meinen heiligen Wunden hatten, doch auf Erden lebt fast niemand, der mich auf solche Weise ehrt."

Diese Klage ist nur zu berechtigt. In einer Welt, welche nur ans Genießen denkt, haben die meisten, selbst solche, welche sich Christen nennen, den Opfersinn ganz verloren. Die Seelen, welche das Kreuz verstehen oder über das Leiden Christi ernstlich nachdenken, sind allzu selten geworden, und doch nennt der heilige Franz von Sales mit Recht das Leiden Christi "die wahre Schule der Liebe, den besten und mächtigsten Beweggrund zur Frömmigkeit".

Jesus will aber keineswegs, daß diese unerschöpfliche Mine unausgebeutet daliege, daß die Segensfrüchte seiner heiligen Wunden vergessen bleiben und verloren gehen. Deshalb hat er sich, seiner Gewohnheit gemäß, das unscheinbarste Werkzeug auserwählt, um dies sein Werk der Liebe zu vollbringen.

Am 2. Oktober 1867 wohnte Schwester Maria Martha einer Einkleidung bei. Auf einmal öffnete sich der Himmel und sie sah dort dieselbe Handlung sich vollziehen wie auf Erden, nur mit einer ganz andern Pracht und Feierlichkeit. Alle seligen Mitglieder der Heimsuchung nahmen daran teil. Freudig bewegt, wandten sich ihr die ersten Mütter des Ordens zu und sagten zu ihr:

"Der ewige Vater hat unserem heiligen Orden seinen Sohn auf drei verschiedene Weisen geschenkt:

  1. Jesus Christus mit seinem Kreuz und seinen Wunden, und zwar diesem Kloster im besonderen.
  2. Sein heiligstes Herz.
  3. Die heilige Kindheit Jesu, damit wir sie verehren; du mußt in deinem Verkehr mit Jesus so unbefangen sein wie ein Kind."

Dieses dreifache Geschenk scheint nicht ganz neu zu sein. Blättern wir in den Annalen der Heimsuchung zurück, so finden wir im Leben der Mutter Anna Margareta Clement, einer Zeitgenossin der heiligen Johanna von Chantal, bereits diese drei Andachten, und alle Klosterfrauen, welche sie herangebildet hat, waren diesen Andachten besonders ergeben. Es wird darum wohl auch diese bevorzugte Seele in Verein mit unserer heiligen Stifterin Schwester Maria Martha daran erinnert haben.

Einige Tage darauf erschien Mutter Maria Pauline Deglapigny, die 18 Monate zuvor gestorben war, unserer Schwester und bestätigte ihr das Geschenk der heiligen Wunden: "Die Heimsuchung besaß bereits einen großen Schatz, doch ging diesem noch etwas ab. Darum glückselig der Tag, an dem ich die Erde verlassen habe, denn antstatt nur das heiligste Herz unseres Heilandes zu haben, habt ihr jetzt seine ganze heilige Menschheit, nämlich seine heiligen Wunden. Diese Gnade habe ich euch erfleht."

Besitzt denn der, welcher das Herz Jesu besitzt, nicht den ganzen Jesus, seine ganze Liebe? Ganz gewiß; allein die heiligen Wunden sind gleichsam eine Ausstrahlung und sehr beredte Ausdehnung dieser Liebe. Darum wünscht auch der Heiland, daß wir seine ganze heilige Person verehren und bei der Anbetung und Verehrung seiner heiligen Seitenwunde seine andern Wunden, die sich ebenfalls seine Liebe zu uns schlagen ließ, nicht vergessen.

Unser heiliger Vater, St. Franz von Sales, der seiner Tochter oft erschien, bestärkte sie in der Wirklichkeit ihrer "Sendung".

Eines Tages entspann sich folgendes Gespräch zwischen ihnen: "Du weißt es, mein Vater, meine Mitschwestern geben nichts auf meine Worte, weil ich so unvollkommen bin", sagte sie in ihrer Einfalt. - "Meine Tochter", entgegnete ihrder Heilige, "Gott schaut die Dinge anders an als die Menchen; der Mensch betrachtet alles vom menschlichen Standpuntk aus. Gott dagegen gibt seine Gnade gerade den Armseligsten, die nichts aufzuweisen haben, damit alles, was er in ihnen wirkt, nur zu seiner Ehre gereiche. Du solltest froh sein ob deiner Unvollkommenheiten, weil sie die Gaben Gottes verbergen. Gott hat dich auserwählt, um die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu zu vervollständigen; das Herz war meiner Tochter Margareta Maria geoffenbart, die heiligen Wunden meiner lieben Maria Martha. Es bereitet meinem Vaterherzen eine besondere Freude, daß durch euch Jesus, dem Gekreuzigten, diese Ehre erwiesen wird. Das ist die Vollendung der Erlösung, nach welcher Jesus sich so sehr sehnte."

Auch die seligste Jungfrau bestätigte der Schwester ihre Sendung. An einem Fest der Heimsuchung erschien sie ihr in Begleitung der heiligen Ordensstifter und der heiligen Margareta und sagte voll Güte: "Wie ich ehedem die Frucht meines Leibes zu meiner Base Elisabeth getragen habe, so schenke ich sie jetzt der Heimsuchung. Dein heiliger Ordensstifter hat meinen Sohn in seinen Arbeiten, in seiner Sanftmut und Demut nachgeahmt. Deine heilige Mutter von Chantal hat meine Großmut nachgeahmt, mit der sie über alle Hindernisse weggeschritten ist, um zur Vereinigung mit Jesus zu gelangen und seinen heiligsten Willen zu erfüllen. Deine heilige Schwester Margareta hat das Herz meines Sohnes in sich nachgebildet, um es der Welt zu schenken. Du aber, meine Tochter, bist auserwählt, der Gerechtigkeit Gottes dadurch Einhalt zu tun, daß du die Verdienste des Leidens und der heiligen Wunden meines einzigen, vielgeliebten Sohnes zur Geltung bringst."

Auf die Bedenken, welche Schwester Maria Martha ob der Schwierigkeiten, die ihr begegnen werden, äußerte, erwiederte ihr die Unbefleckte: "Deine Oberin und du braucht euch darüber nicht zu beunruhigen; mein Sohn weiß wohl, was er zu tun hat, tut nur Tag für Tag, was er von euch verlangt und will."

Diese Aufmunterungen der seligsten Jungfrau wurden immer häufiger und wurden der Schwester auf verschiedene Weise zuteil. "Wollt ihr Reichtümer", sagte sie eines Tages, "so müßt ihr dieselben aus den Wunden meines Sohnes schöpfen. Alle Erleuchtungen des heiligen Geistes entstammen den Wunden Jesu, und ihr werdet diese Gabe in dem Maße empfangen, als ihr demütig seid."

"Ich bin eure Mutter und ich fordere euch auf: Schöpfet aus den Wunden meines Sohnes. Legt euch an diese Wunden und sauget sein Blut ganz auf, was allerdings niemals der Fall sein wird."

"Du mußt die Wunden meines Sohnes für die Bekehrung der Sünder ausnützen."

Neben diesen Belehrungen, welche die ersten Mütter der Heimsuchung, der heilige Ordeensstifter und die seligste Jungfrau erteilten, müssen wir noch die Unterweisungen erwähnen, die sie von Gott Vater empfing, dem sie mit kindlich vertrauensvoller Zärtlichkeit zugetan war und von dem sie in wahrhaft göttlicher Weise verwöhnt wurde. Er war es, der sie zuerst auf ihre künftige Mission hinweis und sie immer wieder von Zeit zu Zeit daran erinnerte: "Mein Kind, ich schenke dir meinen Sohn, bediene dich seiner im Laufe des Tages und zahle damit alles, was du meiner Gerechtigkeit für alle schuldest. - Schöpfe nur immerfort aus den Wunden Jesu, um die Schulden der Sünder zu bezahlen."

In verschiedenen Anliegen hielt die Ordensgemeinde Prozessionen und verrichtete besondere Gebete. Gott Vater erklärte ihr daraufhin: "Was ihr mir da anbietet, ist nichts." - "Wenn das nichts ist", entgegnete kühn das Kind, "dann opfere ich dir alles auf, was dein Sohn für uns getan und gelitten hat." - "Oh!" sagte darauf der himmlische Vater, "das ist etwas Großes."

Auch unser göttlicher Heiland bestärkte seine Dienerin und erklärte ihr wiederholt, sie sei wirklich berufen, die Andacht zu seinen heiligen Wunden wieder neu zu beleben: "Ich habe dich auserwählt, um die Andacht zu meinem bitteren Leiden in den traurigen Zeiten, in denen ihr lebt, wieder aufleben zu lassen." Dann zeigte er ihr seine heiligsten Wunden wie ein Buch, in dem sie lesen lernen solle und sprach: "Wende deine Augen von diesem Buch nicht ab und du wirst daraus mehr lernen als die größten Gelehrten wissen. Das Gebet zu meinen heiligen Wunden enthält alles."

Ein andermal, es war im Monat Juni, als Schwester Maria Martha vor dem Allerheiligsten kniete, zeigte er ihr sein heiligstes Herz als die Quelle aller seiner übrigen Wunden und sagte: "Meine treue Dienerin Margareta Maria habe ich mir auserwählt, damit die Menschen durch sie mein göttliches Herz kennen lernten, meine kleine Maria Martha habe ich dagegen auserwählt, damit sie die Menschen die Andacht zu meinen andern Wunden lehre. Meine Wunden werden euch unfehlbar retten, sie werden die Welt retten."

Bei einer andern Gelegenheit sprach er: "Deine Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, daß ich namentlich in der Zukunft durch meine Wunden erkannt und geliebt werde." Er forderte sie auf, unablässig seine heiligen Wunden für das Heil der Welt aufzuopfern: "Meine Tochter, die Welt wird mehr oder weniger in Verwirrung sein, je nachdem du deine Aufgabe erfüllt hast. Du bist auserwählt, um einer Gerechtigkeit Genüge zu leisten. Du sollst hier unten in deinem Kloster ein Leben führen, wie man es im Himmel führt, du sollst mich lieben, mich beständig um Besänftigung meiner Rache bitten und die Andacht zu meinen heiligen Wunden wieder erwecken. Durch diese Andacht sollen nicht nur die Seelen, welche gegenwärtig leben, sondern noch viele andere dazu gerettet werden. - Ich werde dich eines Tages zur Rechenschaft ziehen, wie du von diesem Schatz zum Besten all meiner Geschöpfe Gebrauch gemacht hast. - In der Tat, meine Braut", sagt er ihr später, "ich wohne hier und in allen Herzen. Ich werde darin mein Reich aufrichten und meinen Frieden begründen und durch meine Macht alle Hindernisse beseitigen, denn ich bin der Herr aller Herzen und kenne jegliches Elend. Du bist der Kanal meiner Gnaden. Beachte wohl, der Kanal hat nichts aus sich selbst, er hat nur das, was man durch ihn hindurchleitet. Als Kanal darfst du also nichts für dich behalten, sodern mußt alles sagen, was ich dir mitteile. - Ich habe dich auserwählt, damit du den Wert der Verdienste meines Leidens allen zuwendest, doch sollst du stets verborgen bleiben. - Meine Sache ist es, später der Welt bekannt zu machen, daß sie durch dieses Mittel sowie durch die Hilfe meiner unbefleckten Mutter gerettet wird."

Beweggründe für die Andacht zu den heiligen Wunden

Als der Gekreuzigte Schwester Maria Martha diese Sendung übertrug, wollte er ihr zugleich die vielen Beweggründe zur Anrufung seiner heiligen Wunden und die reichen Segnungen dieser Andacht kundtun.

Um sie zu bestimmen, mit allem Eifer für diese Andacht einzutreten, durfte sie jeden Tag, ja fast jeden Augenblick, die unermeßlichen Schätze dieser Lebensquellen schauen.

"Außer meiner heiligen Mutter hat keine Seele so wie du die Gnade empfangen, Tag und Nacht meine heiligen Wunden zu schauen."

"Meine Tochter, kennst du den Schatz dieser Welt? Die Welt will nichts von ihm wissen. Ich will dich meine Wunden so schauen lassen, damit du besser begreifst, was ich getan, als ich kam, um für dich zu leiden."

"So oft ihr dem Vater die Verdienste meiner heiligen Wunden aufopfert, gewinnt ihr einen unermeßlichen Schatz. Ihr gleicht dann dem, der auf dem Acker einen großen Schatz finden würde, doch weil ihr nicht imstande seid, diesen Schatz aufzubewahren, darum nimmt ihn Gott und meine heiligste Mutter und bewahren ihn auf, um euch denselben im Augenblick des Todes wieder zurückzuerstatten und die Verdienste den Seelen, die ihrer bedürftig sind, zuzuwenden; denn ihr müßt den Schatz meiner heiligen Wunden verwerten und zur Geltung bringen."

"Ihr sollt nicht arm bleiben, da euer Vater doch so reich ist. Worin besteht euer Reichtum? In meinem heiligen Leiden."

"Wer in der Not ist, komme mit gläubigem Vertrauen und schöpfe immerdar aus dem Schatze meines Leidens und meiner heiligen Wunden."

"Dieser Schatz gehört euch; alles ist darin enthalten, alles, nur die Hölle nicht."

"Einer meiner Jünger hat mich verraten und mein Blut verkauft, ihr könnt so leicht jedes Tröpflein zurückkaufen. - Ein einziges Tröpflein genügt, um die ganze Welt rein zu waschen, und ihr denkt nicht daran, ihr kennt nicht den Wert dieses Lösepreises."

"Die Henker taten gut daran, mir die Seite zu öffnen, mir die Hände und Füße zu durchbohren; damit haben sie Quellen freigelegt, aus denen in alle Ewigkeit die Wasser meiner Barmherzigkeit sich ergießen werden. Nur die Sünde war schuld dartan, sie muß über alles verabscheut werden."

"Mein Vater hat ein besonderes Wohlgefallen an der Aufopferung meiner heiligen Wunden und jener der Schmerzen meiner süßesten Mutter. Mit diesen Aufopferungen bringt ihr ihm die gebührende, unendliche Verherrlichung dar, ihr opfert damit eine himmlische Gabe auf."

"Da hast du, womit du alle Schulden bezahlen kannst. Mit der Aufopferung der Verdienste meiner heligen Wunden an meinen himmlischen Vater leistest du ihm Genugtuung für die Sünden der Menschen."

Diese Worte durfte Schwester Maria Martha - besonders im Jahre 1868 - bei verschiedenen Gelegenheiten hören: sie gingen teils nur sie allein an, teils waren sie durch sie an die ganze Klostergemeinde und an alle Gläubigen gerichtet.

Jesus drängte sie und mit ihr drängt er auch uns, zu diesem Schatze zu kommen und denselben auszunützen: "Man muß sein ganzes Vertrauen auf meine heiligen Wunden setzen und durch ihre Verdienste am Heile der Seelen arbeiten."

Das muß jedoch mit Demut geschehen: "Als mir meine heiligen Wunden geschlagen wurden, glaubte der Mensch in seiner Torheit, damit sei alles zu Ende; doch nein, sie werden ewig bleiben und alle Geschöpfe werden sie in Ewigkeit schauen. Dies sage ich dir, damit du nicht nur gewohnheitsmäßig auf sie hinblickest, sondern sie in Demut verehrest."

"Euer Leben ist nicht von dieser Welt; nehmt die Wunden Jesu hinweg und ihr werdet ganz irdisch gesinnt. Ihr seid zu sehr ins Sinnliche verstrickt, um die ganze Fülle der Gnaden, welche euch durch ihre Verdienste zuströmen, begreifen zu können. - Ihr solltet die Sonne mehr in ihrem vollen Glanz betrachten. Selbst meine Priester betrachten das Kruzifix nicht wie sie sollten; ich will in meiner ganzen Person verehrt werden."

"Die Ernte ist groß und überreich, ihr müßt nicht auf das schauen, was ihr schon erreicht habt, sondern euch verdemütigen und euch in euer Nichts versenken, so werdet ihr Seelen ernten. Niemand braucht sich zu fürchten, die Gläubigen auf meine Wunden hinzuweisen. Der Weg meiner Wunden ist so einfach und leicht, um in den Himmel zu gelangen."

Wir sollen uns ferner dieses Schatzes mit liebeglühendem Herzen bedienen. Eines Tages wies der Herr Schwester Maria Martha auf eine Schar Seraphinen hin, die während der heiligen Messe sich um den Altar drängten, und sagte zu ihr: "Sie sind in der Anschauung der Schönheit und Heiligkeit Gottes versunken, sie bewundern, sie beten an, aber sie können nicht nachahmen. Ihr dagegen sollt euch vor allem betrachtend in das Leiden Jesu hineinversenken und euch bemühen, dem leidenden Heiland gleichförmig zu werden. - Wenn ihr die Gnaden erhalten wollt, die ihr wünscht, müßt ihr mit liebentflammten Herzen zu meinen Wunden kommen und voll Eifer die Stoßgebetchen verrichten."

Weiter sollen wir mit festem Glauben an diesen Schatz herantreten: "Meine Wunden sind ganz frisch, ihr müßt sie aufopfern, als ob es das erste Mal geschehe."

"In der Betrachtung meiner Wunden findet man alles für sich und für die andern. - Ich zeige sie dir, damit du in dieselben eingehest."

Außerdem sollen wir uns dieses Schatzes mit Vertrauen bedienen: "Meine Tochter, du mußt dich über die Dinge dieser Welt nicht beunruhigen, erst in der Ewigkeit wirst du schauen, was für einen Gewinn du aus meinen Wunden gezogen hast. - Die Wunden meiner Füße sind wie ein Meer, führe alle Menschen dorthin, ihre Zugänge sind groß genug, um alle darin aufzunehmen."

Das soll geschehen im Geiste des Apostolates, ohne je zu ermüden: "Es braucht viel Gebet, damit die Andacht zu meinen heiligen Wunden sich überall verbreite." (Als Jesus das sagte, sah die Begnadigte fünf Lichtstrahlen aus seinen Wunden hervorgehen und den Erdkreis einhüllen.)

"Meine Wunden erhalten die Welt. - Meine Wunden sind die Quellen aller Gnaden, deshalb muß man mich um Vermehrung der Liebe zu meinen heiligen Wunden bitten, sie oft anrufen, den Nächsten darauf hinweisen, davon reden und immer wieder darauf zurückkommen, um so die Seelen für diese Andacht zu gewinnen.

Es wird lange brauchen, um diese Andacht einzuführen, arbeite nur mutig daran. - Jedes Wort, das zu Ehren meiner heiligen Wunden gesprochen wird, bereitet mir eine unaussprechliche Freude; ich zähle sie alle. - Wenn es auch solche gibt, die von meinen Wunden nichts wissen wollen, so mußt du dich doch darum bemühen, daß auch sie für dieselben gewonnen werden."

Eines Tages empfand Schwester Maria Martha einen heftigen Durst, da sprach Jesus zu ihr: "Meine Tochter, komm zu mir und ich werde dir ein Wasser geben, das deinen Durst löscht. Im Kruzifix ist alles enthalten, dort finden alle Seelen genug, um ihren Durst zu löschen. - In meinen Wunden habt ihr alles; sie stellen gediegene Werke her, nicht durch Freude, sondern durch Leiden. - Ihr seid Arbeiter im Weinberg des Herrn; mit meinen Wunden macht ihr leicht großen Gewinn. - Opfere mir deine Handlungen und die Handlungen deiner Mitschwestern in Vereinigung mit meinen heiligsten Wunden auf. Es gibt nichts, was sie verdienstreicher und in meinen Augen wohlgefälliger machen könnte. Selbst in den kleinsten, unscheinbarsten Handlungen sind unbegreifliche Schätze enthalten."

Bei diesen Mitteilungen und Vertraulichkeiten, die wir im Vorhergehenden angeführt haben, hat der Herr Schwester Maria Martha nicht immer alle seine Wunden gezeigt; bisweilen ließ er sie nur eine einzige sehen.

So forderte er sie eines Tages auf: "Du mußt darnach streben, meine Wunden durch deren Betrachtung zu heilen." Dann zeigte er ihr seinen rechten Fuß mit den Worten. "Wie sehr solltest du diese Wunde verehren und dich gleich der Taube in der Felsenritze darin verbergen."

Bei einer andern Gelegenheit zeigte er ihr seine linke Hand und sprach: "Meine Tochter, nimm aus meiner linken Hand meine Verdienste und wende sie den Seelen zu, damit sie in der Ewigkeit zu meiner Rechten stehen. - Die gottgeweihten Seelen werden zu meiner Rechten sein, um die Welt zu richten, zuvor aber werde ich von ihnen Rechenschaft fordern über die Seelen, die sie hätten retten sollen."

Die Dornenkrone

Jesus verlangt für sein dornengekröntes Haupt eine besondere Verehrung, Sühne und Liebe.

Die Dornenkrone verursachte ihm unaussprechliche Schmerzen. Eines Tages sagte Jesus zu seiner Braut: "Meine Dornenkrone hat mir mehr Leiden bereitet als alle übrigen Wunden; nach dem Todeskampfe im Ölgarten war sie mein grausamstes Leiden. Um diese Schmerzen zu lindern, müßt ihr eure Regeln beobachten."

Für die Seele, welche treu in Jesu Fußstapfen tritt, bildet sie eine Quelle von Verdiensten: "Das ist das Haupt, das aus Liebe zu dir sich durchbohren ließ; durch seine Verdienste sollst du einst gekrönt werden. Glückselig die Seele, welche dieses Haupt aufmerksam betrachtet, noch glücklicher jene, welche das, was sie betrachtet, geübt hat. - Hier ist euer Leben, wandelt in Einfalt dahin und ihr braucht nichts zu fürchten. - Die Seelen, die meine Dornenkrone auf Erden betrachtet und verehrt haben, werden einmal meine Krone im Himmel bilden. - Für einen Augenblick, während dessen ihr hier unten diese Dornenkrone betrachtet, werde ich euch eine andere Krone in der Ewigkeit schenken, denn meine Dornenkrone verschafft euch diese Herrrlichkeit."

Sie ist das besondere Geschenk, mit dem Jesus seine Lieblinge erfreut: "Meine Dornenkrone gebe ich meinen Lieblingen. Sie gehört in bevorzugter Weise meinen Bräuten und bevorzugten Seelen. - Sie bildet die Wonne der Seligen im Himmel, doch für meine Lieblinge auf Erden ist sein Leiden." - (Bei diesen Worten sah die Schwester aus jedem Dorn einen unbeschreiblich schönen Glorienstrahl hervorgehen.) - Meine wahren Diener versuchen zu leiden wie ich gelitten habe, doch niemand kann ein solches Maß von Leiden erreichen, wie ich es erduldet habe."

Von diesen Seelen verlangt Jesus ein zärtliches Mitleid mit seinem anbetungswürdigen Haußte. Eines Tages zeigte er Schwester Maria Martha sein blutendes, von Dornen ganz durchstochenes Haupt mit einem solch leidenden Ausdruck, daß die Schwester keine Worte finden konnte, dis auszudrücken, zugleich sprach er: "Siehe den, welchen du suchst, siehe, in welch einem Zustand er sich befindet. Schau her und ziehe die Dornen aus meinem Haupte, dadurch, daß du meinem Vater die Verdienste meiner Wunden aufopferst. - Mach dich auf und suche mir Seelen!"

Es ist wie ein Echo des ewigen. "Mich dürstet", es ist die Sorge um das Heil der Seelen, was aus den Worten. "Mach dich auf und suche mir Seelen!" herausklingt.

"Merke wohl, das Leiden ist für dich, die Gnaden, die du daraus schöpfen sollst, sind für die anderen. Eine einzige Seele, welche ihr Tun mit den Verdiensten meiner Dornenkrone vereinigt, gewinnt mehr als eine ganze Klostergemeinde."

Hand in Hand mit diesen strengen Forderungen gehen Aufmunterungen, welche das Herz in heiliger Liebe entflammen und alle Opfer gerne bringen lassen. So zeigte er sich der jungen Schwester im Oktober 1867 mit dieser Krone strahlend in himmlischer Glorie und sprach zu ihr: "Meine Dornenkrone wird den Himmel und alle Seligen erleuchten. Auf Erden gibt es nur einige bevorzugte Seelen, welchen ich ihre Herrlichkeit zeige; denn die Erde ist zu sehr in Dunkel gehüllt, als daß man diese Herrlichkeit sehen könnte. - Siehe, wie schön sie jetzt ist, nach dem sie mir zuvor so viel Schmerz bereitet hat!"

Der Herr geht noch weiter. Wie an seinem Leiden, so läßt er sie auch an seinem Triumphe teilnehmen, indem er sie flüchtig ihre künftige Verherrlichung schauen läßt. Eines Tages setzte er ihr diese heilige Krone unter heftigen Schmerzen aufs Haupt mit den Worten: "Nimm meine Krone; in diesem Zustand werden dich meine Seligen betrachten." Dann wandte er sich zu den Heiligen und wies auf sein Schlachtopfer hin mit den Worten: "Seht, die Frucht meiner Krone!"

Ist die Krone des Herrn eine Quelle des Heils für die Seligen, so ist sie ein Gegenstand des Schreckens für die Verdammten. Das durfte einst Schwester Maria Martha in einem Bilde schauen. - Der göttliche Richterstuhl, vor dem die Seelen gerichtet werden, erschien ganz eingehüllt in die Strahlen, die von der heligen Krone ausgingen. Ohne Unterbrechen erschienen die Seelen, eine nach der andern, vor dem höchsten Richter. Diejenigen, welche in ihrem Leben treu geblieben waren, warfen sich voll Vertrauen in die Arme des Erlösers; die anderen dagegen stürzten sich bei dem Anblick der heiligen Krone und beim Gedanken an die Liebe Jesu Christi, die sie verachtet hatten, voll Schrecken in den ewigen Abgrund. Diese Erscheinung machte auf die arme Schwester einen so tiefen Eindruck, daß sie beim Erzählen davon vor Furcht und Schrecken noch zitterte.

Das heiligste Herz Jesu

Nachdem der Herr der demütigen Laienschwester alle Schönheiten und Schätze seiner heiligen Wuden gezeigt hatte, konnte er ihr unmöglich die Reichtümer verbergen, welche in der großen Wunde der Liebe enthalten sind.

"Siehe da die Quelle, aus der ihr alle schöpfen sollet; sie ist überreich für euch", sprach er zu ihr und zeigte ihr seine Wunden in einem Strahlenglanz und die Wunde seines heiligsten Herzens an unvergleichlicher Schönheit die andern überragend. "Komm in die Wunde meiner heiligen Seite; das ist die Wunde der Liebe, von der lebendige Flammen ausgehen."

Bisweilen gewährt ihr der Herr mehrere Tage hindurch den Anblick seiner verklärten Menschheit. Bei diesen Gelegenheiten verweilte er bei seiner Dienerin und unterhielt sich vertraulich mit ihr, wie er mit unserer Schwester Margareta Alacoque getan. Diese letztere, "die niemals das Herz Jesu verläßt", sagte: "So durfte ich den Herrn schauen", während der Heiland sie voll Liebe einlud: "Komm in mein Herz und du wirst nichts fürchten. Setze hier deine Lippen an, um die Liebe daraus zu trinken und sie dann in der Welt zu verbreiten. Lege deine Hand hieher und nimm meine Schätze!"

Eines Tages offenbarte er ihr sein großes Verlangen, die Gnaden auszuteilen, von denen sein Herz übervoll ist. "Nimm, denn das Maß ist voll. Ich kann sie nicht mehr zurückhalten, so drängt es mich, sie auszuteilen."

Ein anderes Mal lädt er sie ein, diese Schätze immer wieder auszunützen: "Kommet und empfanget den Erguß meines Herzens, das so sehr verlangt, seine Überfülle auszugießen. Ich will von meinem Überfluß in euch ergießen, denn ich habe heute in meiner Barmherzigkeit Seelen aufgenommen, welche durch eure Gebete gerettet worden sind."

In verschiedener Weise fordert er sie fast jeden Augenblick auf, ein Leben der Vereinigung mit seinem göttlichen Herzen zu führen: "Halte dich innig mit diesem Herzen vereinigt, um mein Blut zu nehmen und anderen davon mitzuteilen.

Wollt ihr in das Licht des Herrn eingehen, dann müßt ihr euch in meinem göttlichen Herzen verbergen. - Wollt ihr die ganze Tiefe der Barmherzigkeit dessen kennen lernen, der euch so sehr liebt, so drückt voll Ehrfurcht und Demut eure Lippen auf die Öffnung meines heiligsten Herzens. - Hier ist euer Mittelpunkt, niemand kann euch hindern, dieses Herz zu lieben oder andere es lieben zu lehren, ohne daß euer Herz dabei ist. Die Geschöpfe mögen sagen, was sie wollen, sie können euch niemals eueren Schatz, euere Liebe rauben. Ich will, daß ihr mich ohne menschlichen Trost liebt."

Darauf besteht der Herr und richtet an alle seine Bräute einen dringende Aufforderung: "Eine gottgeweihte Seele muß von allem losgeschält sein. Wer zu meinem Herzen gelangen will, darf keinerlei Anhänglichkeit haben, die ihn noch an die Erde fesselt. Wer den Herrn finden will, muß ganz allein nach ihm ausgehen, ihr müßt dieses Herz in euerem eigenen Herzen suchen."

Dann wendet er sich wieder an Schwester Maria Martha, doch durch sie wendet er sich an alle, besonders an die ihm geweihten Seelen: "Ich brauche dein Herz, es soll mich entschädigen und mir Gesellschaft leisten. - Ich werde dich lehren, mich zu lieben, denn du verstehst es nicht... Die Wissenschaft der Liebe schöpft man nicht aus Büchern, sie wird nur der Seele zuteil, welche den Gekreuzigten betrachtet und mit ihm vertraulich verkehrt. Bei all deinem Tun mußt du dich mit mir vereinigen."

Dann ließ sie der Herr die Bedingungen und wunderbaren Segnungen der innigen Vereinigung mit seinem Herzen erkennen: "Die Braut verliert ihre Zeit, wenn sie bei ihren Leiden und Mühen nicht am Herzen ihres Bräutigams ruht. Hat sie Fehler begangen, so braucht sie sich nur mit großem Vertrauen an mein Herz anzuschmiegen. In disesem Feuerofen verschwinden alle eure Untreuen, die Liebe vernichtet und verzehrt sie alle. Ihr sollt mich lieben und alles mir überlassen. Ihr sollt am Herzen eures Meisters wie Sankt Johannes ruhen. - Wenn ihr ihn so liebt, verschafft ihr ihm eine große Verherrlichung."

O wie sehr verlangt Jesus nach unserer Liebe! Er bettelt darum! - Eines Tages erschien er seiner Dienerin in der Verklärung seiner Auferstehung und sprach zu ihr mit einem tiefen Seufzer: "So bettle ich wie ein Armer tun würde. Ich bin ein Bettler der Liebe. Ich rufe meine Kinder eines nach dem andern, ich lasse meinen Blick mit Wohlgefallen auf ihnen ruhen, wenn sie zu mir kommen. Ich erwarte sie."

Dann nahm er die Gestalt eines Bettlers an und wiederholte ganz betrübt: "Ich bettle um Liebe, doch die meisten selbst unter den mir geweihten Seelen versagen mir diese Liebe. Meine Tochter, liebe mich rein nur um meiner selbst willen ohne Rücksicht auf Strafe oder Belohnung." Er wies dann auf die heilige Schwester Margareta Maria hin, die mit ihrem Blick das Herz Jesu gleichsam verschlang und sagte: "Diese hat mich mit dieser reinen Liebe einzig um meiner selbst willen geliebt."

Auch Schwester Maria Martha suchte Jesus mit derselben Liebe zu lieben. Wie ein gewaltiger Feuerherd zog das göttliche Herz sie an sich und sie eilte ihm mit einem Liebeseifer entgegen, der sich verzehrte und doch wieder ihr Herz mit himmlischer Süßigkeit erfüllte. Jesus sprach zu ihr: "Meine Tochter, wenn ich mir ein Herz erwählt habe, damit es mich liebe und meinen Willen erfülle, so entzünde ich in ihm das Feuer meiner Liebe. - Doch fache ich dieses Feuer nicht ununterbrochen an aus Furcht, die Eigenliebe könnte dabei auf ihre Rechnung kommen und meine Gnaden könnten nur gewohnheitsmäßig und als etwas Selbstverständliches in Empfang genommen werden. - Von Zeit zu Zeit zeihe ich mich zurück und überlasse die Seele ihrer eigenen Schwäche. Dann kommt es ihr zum Bewußtsein, was sie aus sich selbst vermag, sie begeht Fehler, doch diese Fehler erhalten sie in der Demut. Ob dieser Fehler verlasse ich die Seele, die ich einmal erwählt habe, keineswegs; ich behalte sie stets im Auge. Ich bin nicht so empfindlich, ich verzeihe und komme wieder."

"Jede Demütigung vereinigt dich inniger mit meinem Herzen. Ich verlange von dir keine großen Dinge, ich will nichts anderes als die Liebe deines Herzens."

"Schmiege dich eng an mein Herz und du wirst finden, wie es ganz von Güte erfüllt ist. - Hier lernst du die Milde und die Demut. Komm, mein Kind, und wirf dich in mein Herz. Diese Vereinigung ist nicht nur für dich, sondern für alle deine Mitschwestern.

Sage deiner Oberin, sie möge in diese Wunden alle Handlungen deiner Mitschwestern, auch die Erholungen hineinlegen, sie sind dort wie auf einer Bank angelegt und werden gut verwahrt." (Als Schwester Maria Martha diesen Ausspruch des Herrn ihrer Oberin berichtete, unterbrach sie sich und fragte: "Was soll das Wort 'Bank' bedeuten?" Eine Frage kindlicher Unwissenheit! Dann fuhr sie fort): "Ihr müßt durch Demut und Selbstverleugnung eure Herzen mit dem meinigen vereinigen. Oh, meine Tochter, wenn du wüßtest, wie sehr mein Herz unter dem Undank so vieler Herzen leidet! - Ihr sollt eure Leiden mit den Leiden meines Herzens vereinigen."

Denen, welche mit der Leitung der anderen betraut sind, erschließt das göttliche Herz besonders seine Reichtümer: Du wirst einen Akt besonderer Liebe verrichten, wenn du jeden Tag meine heiligen Wunden für alle Novizenmeisterinnen des Ordens aufopferst.

"Sage deiner Novizenmeisterin, sie möge kommen und ihre Seele an der Quelle füllen, dann wird ihr Herz morgen voll sein, um meine Gnaden über euch ausgießen zu können. Ihr kommt es zu, das Feuer der heiligen Liebe in den Seelen zu entzünden, dadurch, daß sie recht oft von den Leiden meines Herzens spricht. - Ich werde allen die Gnaden schenken, die Grundsätze meines heiligsten Herzens zu verstehen. Durch Arbeit und Mitwirkung werden die Seelen alle in der Todesstunde dahin gelangen."

"Meine Tochter, deine Oberinnen sind die Schatzmeisterinnen meines Herzens. Ich muß an Gnade und an Leiden in ihre Seele hineinlegen können, was ich will. Sag deiner Oberin, sie soll kommen und an diesen Quellen (seines Herzens und seiner Wunden) für ihre Schwestern schöpfen. - Sie soll auf mein heiligstes Herz hinschauen und ihm alles anvertrauen, ohne sich um die Menschen zu kümmern."

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell