Aus dem Immaculata-Archiv:


EINSIEDELN

Das Kloster Einsiedeln. Geschichte, Beschreibung, Wirkungskreis, Umgebung.
Von Prof. Dr. P. Albert Kuhn O.S.B., Kapitular des Stiftes Einsiedeln. Benziger 1926

Der heilige Meinrad und die Meinradszelle
(797 – 861)

Der heilige Meinrad stammte von alemannischen Eltern, die ihren Sitz im Sülichgau, in der Gegend um den Neckar zwischen Rottenburg und Tübingen, hatten und nach alter Überlieferung den Ahnen der Hohenzollern beigezählt werden. Meginrat – so lautet die älteste Form seines Namens – wurde um das Jahr 797 geboren. Sobald der Knabe das erforderliche Alter erlangt, brachte ihn sein Vater in die damals in hoher Blüte stehende Klosterschule von Reichenau, auf der Insel gleichen Namens im Bodensee, die neben St. Gallen und Fulda unter den gelehrten Anstalten Deutschlands damals einen ersten Platz einnahm. Nach vollendeter Studienzeit trat Meinrad, von heißem Verlangen nach einem gottseligen Leben beseelt, unter Abt Erlebald, seinem frühern Lehrer und Verwandten, selbst ins Kloster ein (822) und kam später als Lehrer nach Babinchova, dem heutigen Benken an dem jetzt verschwundenen Tuggener See, einer Fortsetzung des Zürichsees, wo die Benediktiner von Reichenau schon damals eine Zelle (kleines Kloster) und eine Schule hatten. Allein der Anblick des einsamen, waldigen Gipfels des Etzelberges, den er am gegenüberliegenden Ufer des Sees täglich vor sich sah, weckte im Geiste des ernsten Mannes mehr und mehr eine tiefe Sehnsucht nach einem völlig einsamen Leben. Nach reiflicher Prüfung seines Entschluses begab sich Meinrad mit Erlaubnis seiner Obern als Einsiedler auf die Höhe des Etzelpasses (828). Daselbst schlug er seine Klausnerhütte auf, und eine fromme Matrone, wahrscheinlich eine Ahnfrau der Herren und spätern Grafen von Rapperswil, sorgte für seinen Lebensunterhalt.

Nicht lange jedoch war es Meinrad vergönnt, sich der Einsamkeit zu freuen. Von nah und fern kamen viele, um den Rat des geistig hocherleuchteten Mannes zu holen und mit ihm über ihre Heilsangelegenheiten sich zu besprechen. Um sich dem Zudrange der Menschen, die seine Einsamkeit störten, zu entziehen, verließ er nach siebenjährigem Aufenthalte den Etzel und zog sich tiefer in die Wildnis des sogenannten Finsterwaldes zurück. Auf einer Ebene, an deren südlicher Seite ein Hügel sich im Halbkreise hinzieht, sprudelte eine reiche Quelle ihr silberhelles Wasser hervor; dort wählte er nunmehr seine Einsiedelei; es ist dies derselbe Ort, wo jetzt das Kloster und der Flecken von Einsiedeln liegt. Eine Äbtissin Heilwiga mit Namen, höchst wahrscheinlich die erste oder doch eine der ersten Vorsteherinnen des Klosters Schennis (Schänis), in der Nähe von Benken, und andere gutherzige Leute halfen beim Bau der Kapelle und der Behausung des Einsiedlers.

Fünfundzwanzig volle Jahre hatte Meinrad in Gottseligkeit und Nächstenliebe hier verlebt, als zwei Räuber ihn aufsuchten, von habgierigem Hasse getrieben. Der eine war ein Alemanne, Richard mit Namen, der andere ein Rätier namens Peter. Der Heilige, welcher sie sogleich als seine Mörder erkannte, empfing sie liebreich. Nachdem er sie aber aufs freundlichste bewirtet und ihnen Warnungen für ihre eigene Sicherheit gegeben, fielen die Bösewichte über ihn her und erschlugen ihn. Dies geschah am 21. Januar 861. Von Gewissensbissen gepeitscht, flohen die Mörder eilig gen Zürich, wurden aber von zwei Raben verfolgt, die der Heilige aufgezogen hatte. Durch diese wurden die Leute aufmerksam: man findet den Leichnam, setzt den Mördern nach, die in Zürich entdeckt, verhört und von dem Grafen Adalbert zum Feuertode verurteilt wurden. Die beiden Meinradsraben wurden später von den Fürstäbten in das Abteiwappen aufgenommen.

Als die Kunde vom blutigen Tode des heiligen Mannes nach Reichenau gekommen, begaben sich einige Mönche nach der Meinradszelle in den Finsterwald, und nachdem sie das Herz des Heiligen auf dem Etzel, wo er sieben jahre gewohnt, beigesetzt hatten, führten sie seine leiblichen Überreste auf die Reichenau zur feierlichen Bestattung; 178 Jahre ruhten die Gebeine des Heiligen daselbst. Unterdessen war aber aus der kleinen Meinradszelle das nunmehrige Kloster Einsiedeln entstanden. Die heiligen Überreste Meinrads wurden am 6. Oktober 1039 wieder in seine Kapelle zurückgebracht, und bei dieser Gelegenheit wurde Meinrad in die Zahl der Heiligen aufgenommen. Das Haupt des Heiligen wird gegenwärtig noch in einer Art Tabernakel auf dem Altar der Gnadenkapelle aufbewahrt. Dasselbe ist reich mit kostbaren Steinen und Perlen gefaßt und zeigt noch heute in der Schädeldecke und unmittelbar über dem Nasenbeine unter der Fassung deutiche Spuren der wuchtigen Keulenhiebe, mit denen die beiden Mörder ihr unschldiges Opfer niederschlugen. Jeweilen am St.-Meinrads-Feste (21. Januar) und während den Tagen der darauffolgenden Oktave, sowie noch an einigen anderen für Einsiedeln besonders denkwürdigen Festtagen des Kirchenjahres, wird die heilige Reliquie zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt. Das gläubige Volk der alten Waldstatt Einsiedeln und die Pilger tragen eine unauslöschliche Liebe zu dem heiligen Märtyrer in ihren Herzen.

 

Die Gründung des Klosters.
Die Heiligen Benno, Eberhard und Adelrich
(906 – 940)

Wie Meinrad während seines Lebens vielen ein erleuchteter Ratgeber und erfahrener Seelenarzt gewesen war, so ward er nun nach seinem Tode einer noch viel größern Anzahl von Menschen ein himmlischer Führer und Tröster. Schon die Erinnerung an sein tugendreiches Leben ward manchen eine Quelle des Trostes, und gerne trug man die Verehrung auf alles über, was mit ihm in Berührung gekommen war. Das Innere des Finstern Waldes und jede einzelne Selle, die er durch irgendeine fromme Handlung geweiht, machte auf die Besuchenden immer den tiefsten Eindruck, und das Heiligtum der Meinradszelle wurde nicht vergessen, obwohl dasselbe nach dem Tode des Heiligen ungefähr fünfzig jahre unbewohnt blieb.

Zu Anfang des zehnten Jahrhunderts erhielt der Finstere Wald wieder einen Bewohner in Benno, einem Domherrn von Straßburg, der, vom Rufe Meinrads angezogen, seine reiche Pfründe verließ, um in die Fußstapfen des Heiigen zu treten. Benno fand die Meinradszelle in sehr baufälligem Zustande; er stellte das Kirchlein und die Klause geziemend her und erweiterte das Wohngebäude zur Aufnahme vieler Brüder. Mit ihrer Hilfe begann er den Wald in der Ebene ringsumher auszuroden und in Weideland umzuwandeln. Dadurch entstand die große Wiesenflur neben dem Kloster, die der Brüel genannt wird. Später lichtete er auch am Hügelabhange westlich von der Alp den Wald. Diese duch seine Anstrengungen fruchtbar gemachte Gegend heißt zur frommen Erinnerung an ihn Bennau, d.h. Bennos Aue.

So hatte Benno unter Gebet und Arbeit lange Jahre in der Waldeinsamkeit gelebt und hoffte, in der Stille, umgeben von seinen geistlichen Söhnen, die Augen zu schließen. Da entriß ihn König Heinrich I., der das Verdienst auch in der tiefsten Verborgenheit zu finden verstand, im Jahre 927 seiner geliebten Zelle, um ihn auf den bischöflichen Stuhl von Metz zu erheben. Doch ergab sich bald, daß Benno mit seinem milden frommen Gemüt nicht in das Gewühl der Leidenschaften, das damals in dem Bistum herrschte, paßte, noch viel weniger es zu beherrschen vermochte. Sobald der König wieder ferne war, erhoben sich dessen Feinde gegen den Bischof mit Verleumdungen und tatsächlichen Mißhandlungen. Sie stachen ihm sogar die Augen aus und verstümmelten ihn auch sonst auf schmachvolle Weise. Das geschah im Jahre 928. Erst im folgenden Jahre konnte der König dem Dulder sein Recht verschaffen. Auf dem Reichs- und Kirchentag zu Duisburg wurden die Täter exkommuniziert. Benno legte sein Amt nieder und zog sich wieder in die geliebte Einsamkeit zurück, wo ihn die Brüder mit der größten Freude als ihren Vater und Führer empfingen. Was er durch äußere Tätigkeit unter ihnen nicht mehr vermochte, das bewirkte er duch die Weihe, die sein Alter, seine Erfahrungen und seine Leiden ihm gaben.

Im Jahre 934 kam der Dompropst Eberhard von Straßburg, vom Rufe der Meinraszelle angezogen, in diese Einöde. Er brachte viele Gleichgesinnte und auch sein sehr bedeutendes Vermögen mit. Von Benno zum Abte bestellt, begann Eberhard den Bau eines Klosters und führte nach der Regel des heiligen Benedikt auch das gemeinsame Klosterleben ein, das hier seitdem nur mit zwei kurzen Unterbrechungen fortdauerte. Bislang hatten die Insassen der Meinraszelle, ein jeder für sich, als Eremiten oder Einsiedler gelebt; daher die ehemalige Ortsbezeichnung „zu den Einsidelen", heute Einsiedeln", welch letztere Ortsbenennung zum erstenmal urkundlich vorkommt im Jahre 1073 in der Form „Einsidelen".

So hat sich das Kloster Einsiedeln aus kleinen Anfängen entwickelt, von der Klausnerhütte des heiligen Meinrad zu dem Klostergebäude und der Kirche, welche Benno und Eberhard erbaut; die große Kirche umschloß schon damals das Heiligtum Marias, jenes Kichlein, das die Äbtissin Heilwig dem heiligen Meinrad hatte erbauen lassen.

Benno starb, von seinen geistlichen Söhnen, insbesondere von Eberhard, beweint, den 3. August 940 und wurde vor der Gnadenkapelle bestattet. Die Stelle des Grabes läßt sich heute nicht mehr näher bezeichnen.

Noch einen Mönch aus dieser Zeit müssen wir erwähnen, nämlich den heiligen Adelrich. Er war der Sohn Burkhards I., Herzogs zu Schwaben, und dessen heiligmäßiger Gattin Reginlinde. Burkhard, später als Herzog der zweite dieses Namens, und die heute noch in Sang und Sage gefeierte schöne Spinnerin Berta, später Gemahlin des Königs Rudolf von Burgund, waren Adelrichs Geschwister. Dem hehren Beispiele des heiligen Meinrad nacheifernd, hatte Adelrich schon in früher Jugend die Welt verlassen und sich als Klausner auf die schöne Insel Ufnau im Zürichsee zurückgezogen. Nach dem Tode ihres zweiten Gatten, Hermanns I., gesellte auch seine fromme Mutter Reginlinde sich zu ihm. Sie bewog Adelrich, sich nach Einsiedeln unter den Gehorsam des Abte Eberhard zu begeben. Nach dem heiligen Tode seiner edeln Mutter Reginlinde (19. Aug. 958) zog sich Adelrich mit Erlaubnis seines Abtes wieder auf die Insel Ufnau zurück und vollendete dort als Leutpriester der Insel und der beidseitigen Seeufer sein durch Heiligkeit und Wunder ausgezeichnetes Leben. Seit vielen Jahrhunderten wird er als Heiliger verehrt. Die Insel Ufnau aber ward von Kaiser Otto I. 965 dem Stifte Einsiedeln vergabt. Noch heute stehen auf derselben die zwei altehrwürdigen von Adelrich und seiner heiligen Mutter gestifteten Kichlein. In der größeren, der St.-Peters- und Pauls-Kirche, wurde der Heilige beigesetzt.

 

Die Engelweihe
(948)

Der Bau des Klosters und der Kirche ward im Jahre 947 vollendet. Zur Sicherung des zeitlichen Unterhaltes der bereits zahlreichen Ordensgemeinde schenkte Herzog Hermann I. Von Alemannien dem Kloster Einsiedeln Grund und Boden, wo dasselbe stand, nachdem er ihn vorher käuflich an sich gebracht hatte, wie aus der Urkunde Kaiser Ottos I. vom jahre 947 hervorgeht.

Im September des Jahres 948 richtete Abt Eberhard an den heiligen Bischof Konrad von Konstanz, zu dessen bischöflichem Sprengel Einsiedeln damals gehörte, die Bitte, nach Einsiedeln zu kommen und die Kirche einzuweihen. Konrad kam und mit ihm auch der heilige Bischof Ulrich von Augsburg, der Freund des Abtes Eberhard. Und da geschah das Wunder, das der heilige Konrad selbst im Jahre 964 in Rom vor dem Papste, dem Kaiser Otto und seiner Gemahlin Adelheid erzählt hat. In der vom Papste Leo VIII. für das Kloster Einsideln damals erlassenen Bulle heißt es folgendermaßen.

Wir Leo, Bischof, Diener der Diener Gottes… tun allen gegenwärtigen und künftigen Gläubigen der Kirche Gottes kund. Daß Unser ehrwürdiger Bruder und Mitbischof zu Konstanz, Konrad mit Namen, in Gegenwart Unseres liebsten Sohnes Otto, des Kaisers, und seiner Gemahlin Adelheid mit vielen andern Fürsten, vor unsern apostolischen Stuhl gebracht hat, daß er an einem gewissen Ort in seinem Kirchensprengel, Meinradszell genannt, im Jahre unseres Herrn 948 auf den 14. September berufen worden, um allda zu Ehren der heiligen, hochverherrlichten Gottesmutter und Jungfrau Maria eine Kapelle einzuweihen. Als er aber wie gewöhnlich um Mitternacht zum Gebete aufgestanden, sagte er uns, habe er mit Religiosen desselben Ortes einen sehr lieblichen Gesang gehört und habe bei genauerem Nachforschen, was dies sein möge, in der Tat gefunden, daß die Engel bei Einweihung derselben Kapelle den nämlichen Gesang und die Ordnung hielten, wie sie die Bischöfe bei Kirchweihen zu beobachten pflegen. Als nun am Morgen alles bereit war, der Bischof aber bis gegen Mittag zögerte, kam man zur Kapelle und drang in ihn, die Weihe vorzunehemen. Da er sich aber immer noch weigerte und die Erscheinung erzählte, tadelte man ihn hart, bis er sich zur Vornahme der Weihe anschickte, wo dann alsbald dreimal deutlich die Stimme erscholl: 'Bruder! Laß ab, denn sie ist von Gott geweiht.' Daduch erschreckt, hielt man die Erzählung des Bischofs für wahrhaft und heilig und glaubte von nun an, daß die genannte Kapelle vom Himmel her geweiht sei."

Leo VIII. erklärte dann mit Zustimmung der anwesenden Bischöfe die Einweihung der Kapelle für wahr und gültig und verbot jedem Bischof, dieselbe von neuem zu weihen; zugleich verlieh er allen, die den Ort bußfertig besuchen und ihre Sünden reumütig beichten würden, Nachlaß der zeitlichen Stafen ihrer Sünden. Mehrere der nachfolgenden Päpste haben diese Anordnungen Leos VIII. bestätigt.

Das ist die Engelweihe in Einsiedeln. Was war natürlicher, als daß der Ort weit und breit berühmt wurde und die Zahl der Wallfahrer seit jener Zeit bedeutend zunahm?

Zum Andenken an die wunderbare Weihe der Kapelle wird alljährich am Feste der Kreuzerhöhung, den 14. September, das Fest der Engelweihe gefeiert. Von allen Seiten eilen zu dieser großartigen Feier die Gläubigen in großen Scharen zur Waldstatt. Fällt der 14. September auf einen Sonntag, so dauert die Feier acht Tage und wird „Große Engelweihe" genannt.

Obschon in den Stürmen der Revolution 1798 die alte Kapelle gänzlich zerstört wurde, so hat doch der Glaube und das Vertrauen auf einen besondern Segen Gotts an diesem Orte bei den Völkern nicht abgenommen, sondern auch seither mannigfach sich bewährt, ein Beweis, daß Gott diesen Ort zum Heile vieler auserwählt und mit der Fülle seiner Gnaden ausgezeichnet hat.

 

Geschichtliche Nachrichten über das Kloster bis zur Französischen Revolution
(948 - 1798)

Seitdem aus der Meinradszelle sich eine Abtei entwickelt hatte, siedelten sich in ihrer Nähe immer mehr Leute an, denen sie gegen geringes Entgelt Land anwies. Die vielen in echt religiöser Absicht unternommenen Wallfahrten nach dem Kloster und der Gnadenkapelle, der feierliche und würdig erhabene Gottesdienst daselbst mußten einen heilsamen Einfluß auf eine weite Umgebung ausüben. Die Besitzungen des Klosters mehrten sich durch Schenkungen von Fürsten und einfachen Gläbigen und durch gute Haushaltung und eigene Tätigkeit der Ordensmitglieder. Die Verehrung für das Kloster erreichte bald einen außerordentlichen Grad, und einerseits suchten manche der edelsten Jünglinge und der erleuchtetsten Männer jener religiösen Zeiten um Aufnahme in das Kloster nach, anderseits wurden häufig Ordensmänner von Einsiedeln zu Bischöfen und Kirchenvorstehern erbeten oder auch neuen und erneuerten klösterlichen Pflanzschulen als Äbte vorgesetzt.

Einer der bekanntesten und berühmtesten Mönche des jungen Stiftes ist der heilige Wolfgang. Um das Jahr 965 trat er in das Kloster ein, wurde bald der Schule als Lehrer und den Mönchen als Dekan vorgesetzt. Auf den Einfluß des heiligen Bischofs Ulrich von Augsburg ist es zurückzuführen, daß Wolfgang im Jahre 971 als Missionär nach Ungarn geschickt wurde, und Bischof Pilgrim von Passau empfahl ihn dem Kaiser für das erledigte Bistum Regensburg. Zu Angfang des Jahres 973 erhielt Wolfgang die Bischofsweihe. Auch in dieser Stellung blieb er ein echter Möch und trug viel dazu bei, daß das musterhafte Ordensleben, das damals in Einsiedeln herrschte, auch in andere Stifte verpflanzt wurde.

Lange nämlich, bevor das weltberühmte Kloster Cluny seine so überaus segensreiche Reform zahlreicher Benediktinerklöster begann und für dieselben Statuten, sog. "Gewohnheiten", aufstellte, war Einsiedeln, namentlich unter dem ausgezeichneten Abte Gregor, in demselben Sinne reformatorisch tätig.

Der heilige Bischof Wolfgang von Regensburg starb am 31. Oktober 994 und wurde am 7. Oktober 1052 von Papst Leo IX. heiligesprochen.

Der allgemeinen Verehrung, die das Kloster genoß, ist es zuzuschreiben, daß Kaiser, Könige und Fürsten dasselbe reichlich mit Vorrechten und Vergabungen bedachten. Kaiser Otto I. verlieh unterm 27. Oktober 947 auf Verwendung des Herzogs Hermann I. von Schwaben dem Stifte das Recht der freien Abtswahl, ferner die Reichsunmittelbarkeit, wodurch die Äbte den Rang freier Reichsfürsten erhielten, und bestätigte zugleich den Besitz an Land und Leuten, den das Stift am Orte selbst und auswärts hatte. Diesen Besitz vermehrten Otto I. und seine Nachfolger noch beträchtlich. Heinrich II. schenkte dazu den ganzen finstern Wald, so daß das Stift in den heutigen Bezirken Einsiedeln und Schwyz vier geographische Quadratmeilen zusammenhängenden Landbesitzes hatte.

Die beiden Kaiser Otto I. und Heinrich II. zählen zu den größten Wohltätern des Stiftes. Die Jahrbücher des Klosters gedenken ihrer mit Dankbarkeit, und die Standbilder der beiden Kaiser halten Wache vor dem Eingange der Kirche.

Gerold, ein rätischer Edelmann, der im Walgau (Vorarlberg) seinen Hauptbesitz hatte und daselbst längere Zeit als Einsiedler lebte, schenke vor dem Jahre 792 den größern Teil seines Besitzes dem Kloster, wo der Legende zufolge seine zwei Söhne Ulrich und Kuno eingetreten waren. An dem Orte, wo der als Heiliger verehrte Gerold seine Einsiedelei aufgeschlagen hatte, wurde die der heiligen Maria Magdalena geweihte Propstei Frisen errichtet, die seit dem14. Jahrhundert den Namen St. Gerold trägt und noch jetzt dem Stifte gehört.

Lütolf II. von Regensburg, seine Gemahlin Judenta und ihr Sohn Lütolf schenkten am 22. Januar 1130 dem Stifte den Ort Fahr bei Zürich mit einer Kapelle und allem Zubehör unter der Bedingung, dort ein Frauenkloster des Benedktinerordens zu gründen. Das geschah. Das neue Kloster erhielt im Jahre 1135 die kaiserliche und 1161 die päpstliche Bestätitgung und hat sich bis auf den heutigen Tag trotz aller Fährlichkeiten erhalten.

Auch viele kostbare Kichengerätschaften, heilige Gefäße, reichverzierte Reliquiarien usw. wurden von hohen fürstlichen Personen dem Stifte geschenkt. Die deutschen Kaiser, besonders die Habsburger, die Könige von Frankreich und Spanien, die österreichischen Erzherzöge, die Hohenzollern, die Markgrafen von Baden und viele andere haben ihre fürstliche Freigebigkeit gegen Einsiedeln öfters an den Tag gelegt. Wenn auch in stürmischen Zeiten ein großer Teil jener Gaben verlorengegangen ist oder dringenden Bedürfnissen geopfert werden mußte, so lebt doch die dankbare Verehrung gegen die hohen Geber im Stifte fort.

Schwere, zumeist von außen her verursachte innere Störungen trübten manchmal den Frieden des Klosters und damit den Segen seiner Wirksamkeit. Zur Zeit der Glaubensspaltung geriet das Stift in tiefen Zerfall. Im Jahre 1526 war es fast ohne Religiosen; der beste Teil seiner Güter und Gefälle ward in den protestantisch gewordenen Landesteilen zurückgehalten, der andere Teil war verschuldet. Auf dringendes Ansuchen und wiederholte Vorstellungen seitens der katholisch gebliebenen Orte und mit Zustimmung des hochbetagten Abtes Konrad III., der sein Amt niederlegte, berief die Regierung von Schwyz einen Ordensmann aus dem alten Benediktinerstift St. Gallen als Abt. Es war Ludwig Blarer, der sogleich ans Werk ging, um durch Heranbildung junger Männer zu Ordensgeistlichen und durch Wiedererwerb seiner Güter das Kloster aufs neue herzustellen. Unter dem Schutze des Kaisers und duch beharrliche Mitwirkung der katholischen Kantone gelang dem ausgezeichneten Manne viel in wenigen Jahren.

Bis zu jener Zeit hatte das Kloster nur dem hohen Adel offen gestanden, weshalb auch die Zahl der Religiosen verhältnismäßig klein war. Seit jener Neugestaltung des Stiftes aber werden ohne allen Standesunterschied solche aufgenommen, die außer dem Beruf zum Ordensstande die nötigen Fähigkeiten für irgendein Gebiet der klösterlichen Wirksamkeit mitbringen. Zu hoher Blüte gelangte das Stift unter Ludwigs Nachfoler Joachim Eichhorn von Wil (St. Gallen), der den Ehrennamen eines zweiten Stifters von Einsiedeln trägt.

Das Kloster hatte aber auch mit den verschiedenartigsten Störungen und Widerwärtigkeiten zu kämpfen, die ihm, seit der Heiligen Meinrad und Benno Zeiten, als eine Mitgift zur Prüfung und steten Durchbildng beigegeben zu sein scheinen. Große und langwierige Streitigkeiten erhoben sich vor der Gründung der Eidgenossenschaft wie auch nachher, sowohl gegen das Eigentum und die Besitzungen des Klosters als auch gegen seine wohlerworbenen kirchlichen und politischen Gerechtsamen, die jedoch immer unter dem Einfluß der Zeit und besserer Einsicht ausgeglichen und zu Ende geführt wurden.

Viermal, in den Jahren 1029, 1226, 1465 und 1577 wurde das Kloster ein Raub der Flammen, und nur die heilige Kapelle blieb verschont. Auch litt es bedeutend bei der Einäscherung des Dorfes in dem Jahre 1509, bei dem furchtbaren Brande des Dorfes 1680 hingegen blieb es verschont. Bei diesen Unfällen ist der unersetzliche Verlust von Schriftweken und sonstigen geschichtlichen Merkwürdigkeiten vorzüglich zu bedauern.

 

Das Kloster seit der Französischen Revolution bis auf die Gegenwart
(1798 - 1926)

Nach mannigfachen, oft bittern Schicksalen kam die Epoche der Revolution, die ihren zerstörenden Einfluß auch in der Schweiz übte. Der Untergang des Klosters schien gewiß. Die vertriebenen Religiosen mußten in der Fremde Schutz und Unterkunft suchen. Die meisten flohen nach St. Gerold in Vorarlberg, von wo aus sich ein Teil in die Klöster Bayerns und Österreichs zerstreute. Das Gnadenbild wurde zuerst jenseits der Haggenpaßhöhe (eine Kapelle bezeichnet den Ort) vergraben, da es aber dort Gefahr lief, verraten zu werden, so wurde es durch einen dem Kloster treuergebenen Mann, den Stiftsschaffner Plazidus Kälin, nicht ohne große Gefahr, vorerst in das Kloster St. Peter bei Bludenz, Vorarlberg, getragen (13 - 16. Juli 1798) und von hier sodann (23. März 1799) in die Propstei St. Gerold geflüchtet, wo es einer Restauration unterzogen wurde, da es auf der Flucht sehr stark gelitten hatte. Die Franzosen plünderten das Kloster und zerstörten die heilige Kapelle. Gegen Ende des Jahres 1801 kehrten einige der Ordensmänner zurück; der Fürstabt Beat Küttel folgte am 11. Januar 1802; erst im Jahre 1803 waren die vertriebenen Religiosen sämtlich zurückgekehrt.

In demselben Jahre, und zwar am 29. September wurde auch das Gnadenbild der heiligen Jungfrau feierlich zurückgebracht, und Maria versammelte wieder aus nah und fern ihre Kinder in der Meinradszelle. Unter dem Abte Beat erholte sich allmählich das Kloster wieder und gelangte dann unter der Regierung des gelehrten und praktisch tüchtigen Abtes Konrad IV. Tanner, der auch als aszetischer Schriftsteller einen ehrenvollen Namen hat, zu abermaliger Blüte.

Abt Konrad fand sich in die neuen Verhältnisse mit großer Klugheit, weiser Mäßigung, aber nur mit großen Opfern sicherte er die Fortexistenz des Klosters. Obwohl das Dorf Einsiedeln und seine Umgebung nicht mehr, wie früher, unter dem Kloster stand, sondern gleichberechtigt mit ihm geworden war, erwies sich Abt Konrad demselben als einen besorgten Vater, besonders in dem Notjahre 1817. Nach seinem Tode (1825) folgte ihm Abt Zölestin Müller, der sehr viel für die würdige Feier des Gottesdienstes und Hebung der Schulen tat. Bei Papst Gregor XVI. und andern Fürsten galt er viel, von ihnen erhielt er manche Beweise ihres Wohlwollens.

Noch zu Lebzeiten des Abtes Zölestin und nach seinem Tode (1846) erhoben sich schwere Stürme. Die politischen Ereignisse in der Schweiz 1847 und ihre unmittelbaren Folgen schienen den Fortbestand des Stiftes ernstlich zu gefährden. Allein die göttliche Vorsehung hat es sichtlich geschützt. Der Mann, der damals das Kloster leitete, Abt Heinrich IV. Schmid, war seiner Zeit vollständig gewachsen.

Ihm sollte es auch beschieden sein, einen der merkwürdigsten Momente in der Geschichte ds Klosters zu erleben, die Feier des Millenariums des 1000. Todestages des heiligen Meinrad, des 21. Januars 1861.

Es war eine doppelte Feier, die eine für das Kloster und die Waldstatt im Winter, besonders am Todestage des Heiligen, die andere für die Pilger im Herbste.

Im Jahre 1869 ward Abt Heinrich von Pius IX. zum Vatikanischen Konzil berufen und wohnte diesem von Anfang bis Ende bei. Am 4. Oktober feierte Abt Heinrich unter großer Beteiligung seine Jubelmesse, starb aber bald darnach, am 28. Dezember desselben Jahres. - Ihm folgte am 13. Januar 1875 als 51. Abt P. Basilius Oberholzer von Uznach, St. Gallen (geb. 28. Dez. 1821). Die fast einundzwanzigjährige äbtliche Wirksamkeit dieses durch Frömmigkeit, Milde und Herzensgüte ausgezeichneten Mannes war eine äußerst segensreiche nach innen und außen. Eine seiner Hauptsorgen bildete die stetige Hebung und Förderung des echten benediktinischen Ordensgeistes unter seinen Religiosen, nicht minder aber auch die eifrige Pflege von Wissenschaft und Kunst in den Kreisen derselben. Er erweiterte die Räumlichkeiten der Stiftschule, sorgte für die Heranbildung tüchtiger Lehrkräfte und sandte zu diesem Zwecke junge talentvolle Stiftsmitglieder an auswärtge höhere Schulen, wie nach Rom, Berlin, Leipzig, Karlsruhe usw. Sehr bedacht war er auch, die besten Lehrmittel anzuschaffen und zu vermehren. Nicht wenig lagen ihm die Wallfahrt und das Wohl der Pilger sowie der ökonomische Bestand des Stiftes am Herzen. Nach langem Leiden starb der allgemein verehrte Abt am 28. November 1895. Schon acht Tage nach seinem Tode, am 5. Dezember 1895, wählte das versammelte Generalkapitel der Stiftsmitglieder den bisherigen Stiftsdekan, P. Kolumban Brugger aus Basel (geb. 17. April 1855) an des Verewigten Stelle. Nach innen und nach außen entwickelte der neugewählte Abt eine staunenswerte Tätigkeit. Nach beiden Richtungen hin konnte er eben auf dem guten Grunde, den seine tüchtigen Vorgänger wohl vorbereitet hatten, weiterbauen. Ähnlich wie seinen Vorgängern galt ihm die Sorge für den Dienst Gottes als heilige Pflicht eines Benediktinerabtes, und in den Dienst Gottes und des Stiftes stellte er seine großen Kenntnisse im Gebiete der Technik. Von diesem Gesichtspunkte aus muß seine ganze reiche Tätigkeit aufgefaßt werden. Der Bau der großen Orgel, die Restauration und der teilweise Umbau der Beichtkiche, die Umwandlung des architektonisch schönsten Raumes im Kloster, der sogenannten obern Kustorei über der Beichtkirche, in eine herrliche Studentenkapelle, die Anlage eines Elektrizitätswerkes mit Dieselmotor für Licht und Kraft. Auch das Internat der Studienanstalt und die verschiedenen Einrichtungen und Sammlungen für Studienzwecke erweiterte er bedeutend. Jüngere Stiftsmitglieder ließ er ebenfalls im Anselmianum zu Rom und an der Universität Freiburg i. Ü. zum Lehramte ausbilden. Ganz besondere Sorgfalt wendete er dem würdigen Vortrage des alten Choralgesanges zu. Kaum war die Verordnung Pius´ X. über den Kirchengesang und die Kirchenmusik erschienen, führte er sie, als gehorsamer Sohn der heiligen Kirche, vollständig durch. Mitten in seiner rastlosen Tätigkeit rief ihn Gott nach nur viertägiger Krankheit zu sich, 23. Mai 1905. Acht Tage später, 30. Mai, wählte das Generalkapitel den treuen Gehilfen und Freund des Verwigten, den bisherigen Dr. theol. P. Thomas Bossart von Altishofen, Kt. Luzern (geb. 16. September 1858), zum Abte. Er besaß die edelsten Gaben des Charakters und Geistes. Idealen Schwung, Hochsinn, Seelengröße, Wohlwollen. Drei Sterne waren die Richtpunkte des Lebens: Gottesdienst, Wissen, Heimatsinn. Die Religion war ihm Glaube und Leben. Für das Predigtamt war er wie voherbestimmt durch sein umfassendes Wissen, die Leichtigkeit der Aussprache und die überfließende Fülle der Gedanken. Der herrlichen Stiftskirche, die Glanz und Frische verloren, gab er durch die glücklichste Restauration die erste Schönheit zurück. Als erwählter Primas des Benediktinerordens hätte er in Rom bleiben, zweimal als päpstlicher Nuntius in große Städte gehen sollen. Es gelang ihm, derartige "Gefahren" abzuwenden, um bei unserer Lieben Frau in Einsiedeln zu leben und - zu sterben am 7. Dezember 1923. - Am 19. Dezember wählten 90 Kapitulare als Nachfolger Dr. P. Ignatius Staub (geboren am 19. Dezember 1872 in Baar bei Zug) an seinem 51. Geburtstag. Einen Tel seiner theologischen Studien machte er in Rom im benediktinischen Ordenskolleg S. Anselmo. Nach der Priesterweihe war er zwei Jahre zur Aushilfe in der Seelsorge und zur Erlernung der französischen Sprache in Vevey und Montreux. Seit 1902 studierte er während acht Semestern an der Universität in Freiburg in der Schweiz Gescichte und erwarb den Doktortitel. Die Dissertationsschrift "Dr. Johann Fabri" fand vielfache Anerkennung, ebenso die "Geschichte des Mittelalters", der erste Band eines Handbuches der Weltgeschichte für katholische Mittelschulen der Schweiz.

(Fortsetzung folgt)


Transcription von P. O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell