Aus dem Immaculata-Archiv:


Das arme Leben und bittere Leiden

unseres

Herrn Jesu Christi

und seiner

heiligsten Mutter Maria

nebst

den Geheimnissen des alten Bundes

nach den Gesichten

der gottseligen Anna Katharina Emmerich.

Aus den Tagebüchern des Clemens Brentano

herausgegeben
von

P. C. E. Schmöger, aus der Congregation des allerheil. Erlösers.

Mit Erlaubniß der Ordensobern und Adprobation des hochwürdigsten Herrn Bischofes von Regensburg.

Zum Besten milder Stiftungen.

Fünfte Auflage.

Regensburg, Köln, Rom, Wien.
Druck und Verlag von Friedrich Pustet.

Imprimatur. Ratisbonae, die 16. Februarii 1920. Dr. Scheglmann, Vic. Gen.


Adprobationen und Empfehlungen
der ersten Auflage.

Adprobation des Hochwürdigsten Herrn Bischofes von Regensburg.

Wir ertheilen dem vorliegenden Werke: "Das arme Leben und bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi und seiner heiligsten Mutter Maria nebst den Geheimnissen des Alten Bundes nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich. Aus den Tagebüchern des Clem. Brentano herausgegeben von P. C. E. Schmöger, aus der Congregation des allerheiligsten Erlösers" -- mit Freuden Unsere oberhirtliche Adprobation.

Die gottselige Anna Katharina Emmerich hat einstens von sich selbst gesagt: "Ich habe nie etwas von geistlichen Dingen geglaubt, als was Gott der Herr geoffenbart hat und durch die heilige katholische Kirche zu glauben vorstellt, es sei solches ausdrücklich geschrieben oder nicht. Und nie habe ich das, was ich in Gesichten gesehen, ebenso geglaubt. Ich sah diese an, wie ich hie und da verschiedene Weihnachtskrippen andächtig betrachtete, ohne an der einen durch die Verschiedenheit der andern gestört zu werden; und ich betete in einer jeden nur dasselbe liebe Jesukindlein an." --

Längst hat aber die Erfahrung mit den früheren Ausgaben dieses Werkes gezeigt, daß jene Gesichte auch für Andere seien, was sie nach dem weisen Plane der göttlichen Vorsehung für Katharina waren: ganz besondere Mittel, um, im engsten Anschlusse an die Wahrheiten des Glaubens, die Erkenntniß und Liebe unseres Herrn und seiner gebenedeiten Mutter zu mehren.

Es gereicht Uns daher zu großem Troste, daß gerade jetzt, da unsere heilige Kirche in so schwerer Bedrängniß und Trübsal seufzt, und Glaube Hoffnung und Liebe ihrer Kinder so hart geprüft werden, dem katholischen Volke in der vorliegenden Gesammtausgabe der Gesichte der begnadigten Dienerin Gottes ein so schönes Buch über das Geheimniß unserer Erlösung geboten wird. Recht benützt, kann dieses Buch eine reiche Quelle der Erbauung, der Belebung des Glaubens, der Mehrung der Liebe und des Vertrauens zu Jesus und Maria werden. Kein aufmerksamer Leser wird in demselben den Mensch gewordenen Sohn Gottes und seine heiligste Mutter auf den Wegen ihres irdischen Wandels begleiten, wie sie Schritt für Schritt in den Mittheilungen der Dienerin Gottes enthüllt werden, ohne im Herzen tief bewegt, im Geiste erleuchtet und zur Sehnsucht nach der himmlischen Heimath angeregt zu werden. Indem nämlich Wort und Bild in anschaulicher Weise erkennen lassen, unter welchen Mühen, Leiden und Peinen das Werk unseres Heiles vollbracht worden, erwacht die Dankbarkeit in dem gläubigen Herzen, wächst die Liebe zu Jesus und der Eifer für seine heilige Sache, wird insbesondere die Gewißheit klar, daß auch für die Erlösten kein anderer Weg zur Herrlichkeit des ewigen Lebens führt, als der Weg der Abtödtung, der Weg des Kreuzes, auf dem Jesus, unser Meister und Vorbild, mit seiner heiligsten Mutter uns vorangegangen.

Möge -- das ist Unser heißer Wunsch beim Erscheinen dieses Buches -- in recht vielen, ja in allen Lesern diese Erkenntniß zur That, und jene Anregung zur Gottseligkeit zu beharrlicher Uebung weden -- mit der Gnade Gottes!

Regensburg am 56. Jahrestag des Hinscheidens
der Dienerin Gottes A. Katharina Emmerich,
den 9. Februar 1881.

+ Ignatius
Bischof von Regensburg.


Adprobationen der hochwürdigsten Herren Bischöfe von Limburg.

Das Uns zur Prüfung eingesandte Werk, welches den Titel führt: "Das arme Leben und bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi und seiner heiligsten Mutter Maria nebst den Geheimnissen des alten Bundes nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich. Aus den Tagebüchern des Clemens Brentano von P. C. E. Schmöger, aus der Congregation des allerheiligsten Erlösers", ist ein Betrachtungs- und Erbauungsbuch, dessen Bedeutung und hohen Werth Wir den Gläubigen nicht eindringlich genug an's Herz legen können. Das Buch will und kann selbstverständlich nichts anderes sein als ein Mittel, uns die Person des Erlörses und seiner heiligsten Mutter, wie die Schrift sie schildert, menschlich näher zu rücken und die Betrachtung der geoffenbarten Wahrheiten, deren unfehlbare Verkünderin die Kirche ist, zu erleichtern, um uns dadurch zur innigsten Liebe und wahren Nachfolge Jesu und Mariä zu begeistern. Wie daher die Lehre der Kirche immer und überall den einzig untrüglichen Maßstab bildet für das, was wir als zum unveränderlichen Schatze der christlichen Offenbarung gehörig zu betrachten und festzuhalten haben, so muß sie auch bei der Lektüre des in Rede stehenden Buches der unverrückbare Grenz- und Merkstein unseres kirchlichen Glaubens bleiben. Wer aber unter treuer Beachtung dieser unfehlbaren Norm sich fromm in die Gesichte der gottseligen Emmerich vertieft, für den werden sie eine reiche Quelle von innerer Erbauung, von Trost und Gnade sein; und deshalb ertheilen Wir gerne dem obengenannten Werke Unsere oberhirtliche Approbation, wie Wir es auch allen Gläubigen hierdurch auf's Wärmste zur Anschaffung und frommen Lesung empfehlen.

Am Feste des hl. Apostels und Evangelisten
Matthäus den 21. September 1882.

Peter Joseph,
Bischof von Limburg.
Dr. Höhler, Sekretär

 

Durch vieljährige Erfahrung belehrt, wie viel Gutes die Lesung der frommen und anmuthigen Betrachtungen der gottseligen Klosterfrau Anna Katharina Emmerich über das Leben, Leiden und Sterben unseres göttlichen Heilandes und über die Geheimnisse des Lebens seiner hochgebenedeiten Mutter gestiftet hat, und fest überzeugt, daß dies auch in Zukunft in immer reicherem Maße der Fall sein wird, schließe ich mich hierduch mit wahrer Freude den warmen Empfehlungen an, welche der in dem Verlage des Apostolischen Typographen Herrn Friedrich Pustet zu Regensburg unter dem Titel "Das arme Leben und bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi und seiner heiligsten Mutter Maria nebst den Geheimnissen des alten Bundes nach den Gesichten der gottsel. Anna Katharina Emmerich" erschienenen Gesammtausgabe dieser Visionen von dem Hochwürdigsten Herrn Bischof Ignatius von Regensburg unterm 9. Februar 1881 und von meinem hochsel. Amtsvorfahrer Peter Joseph unterm 21. September 1882 ertheilt worden sind. Zugleich spreche ich den innigen Wunsch aus, daß dieses herrliche Hausbuch allenthalben in den christlichen Familien Eingang finden und die Liebe zu Jesus und Maria, die Treue in ihrer gewissenhaften Nachfolge, die Hingebung an die unvergänglichen Wahrheiten der göttlichen Offenbarung mächtig fördern möge.

Limburg an der Lahn, den 20. September 1892.

+ Karl,
Bischof von Limburg.


Adprobation des Hochwürdigsten Herrn Bischofes von Covington, Ky.

Die Schriften der gottseligen Anna Katharina Emmerich athmen einen so tiefen Geist des Glaubens und eine so herzinnige Liebe zu Gott, daß deren andächtige Lesung einen reichen Schatz des Segens und der Erbauung den Gläubigen bringen muß. Ich ertheile daher mit Freuden der Prachtausgabe des Werkes meine bischöfliche Approbation und wünsche demselben eine weite Verbreitung unter dem christlichen Volke.

Covington, Ky., Jan. 19. 1882.

+ August Maria,
Bischof von Covington.


Vorwort zur vierten Auflage.

Vorstehende Gesichte und Offenbarungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, unter dem Titel "Leben und Leiden Jesu Christi und seiner heiligsten Mutter Maria" haben durch Gottes gnädige Fügung seit dem Jahre 1881 eine solche Verbreitung gefunden, daß sie nunmehr, nach dem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum von zehn Jahren, in vierter Auflage der Oeffentlichkeit übergeben weden können.

Da dieses Leben Jesu, wie wir nach wohlbegründetem menschlichen Urtheil mit Sicherheit annehmen dürfen, vom "Vater der Lichter" kommt, und durch das Licht der Weissagung der gottseligen Anna Katharina Emmerich von oben mitgetheilt worden ist, so dürfen wir nicht zweifeln, daß es durch Gottes Gnade in den Herzen von Tausenden, die es mit kindlich gläubigem Sinne gelesen haben, reiche Früchte des Heiles hervorgebracht hat. In der That haben Viele voll Dank gegen Gott bekannt, daß sie bei Lesung desselben wahre Erleuchtung des Geistes empfangen, und tiefe Rührung des Herzens empfunden haben. Daß einige, wohl allzu kritische Beurtheiler die eine oder andere der von der gottseligen Emmerich gemachten Mittheilungen befremdend oder mißverständlich gefunden haben, darf nicht wundern; enthält ja das Werk manche Berichte auch über Dinge, welche unter Theologen noch Gegenstand der Controverse sind.

Damit wissenschaftlich gebildete Leser über die Echtheit und den Werth der hier gebotenen Erzählungen sich ohne Mühe ein richtiges und gegründetes Urtheil bilden können, hat der Herausgeber dieser Auflage in der nachstehenden Einleitung die Grundsätze, welche bei Beurtheilung von angeblichen Gesichten und Privat-Offenbarungen maßgebend sind, aus den Werken der scholastischen Theologen gesammelt und zusammengestellt. Er ist der festen Ueberzeugung, daß, wenn bei Beurtheilung der Gesichte der gottseligen Emmerich nicht subjektive Anschauungen, sondern die feststehenden Principien der heiligen Theologie als Maßstab angelegt werden, das Urtheil zu Gunsten dieser Gesichte ausfallen wird.

Ein Beweis, daß die Gesichte der gottseligen Anna Katharina Emmerich allerorts die Anerkennung der Katholiken finden, ist auch der Umstand, daß gleichzeitig mit dieser vierten Auflage des vorliegenden Werkes eine englische Uebersetzung desselben, versehen mit den Approbationen Sr. Eminenz des Cardinals Gibbons, Erzbischofs von Baltimore, und des hochwürdigsten Herrn Erzbischofs Groß von Oregon, in Amerika veröffentlicht wird.

Gott der Herr wählt sich zu jeder Zeit Werkzeuge, durch welche Er große Gnaden der Erleuchtung, Tröstung und Stärkung an die armen Erdenpilger gelangen lassen will. Ein solches Werkzeug war die gottselige Anna Katharina Emmerich, wie ein Jeder, der ihr wunderbares und heiliges Leben kennt, gerne zugeben wird. Möge der Segen, den sie durch ihre großen Tugenden, durch ihre unbeschreiblichen, in Liebe ertragenen Leiden, und insbesondere durch ihr mächtiges Gebet auf sich und ihre Mitmenschen herabgezogen hat, an recht vielen Lesern dieses Buches fruchtbar werden! Möge vor Allem der Glaube an die heiligen Geheimnisse der Erlösung, die Hoffnung auf unseren Herrn und Heiland, sowie die Liebe zu Ihm und zu seiner heiligsten Mutter Maria durch dieses Buch in recht Vielen geweckt, gefördert und erhalten werden!

Gars, am Feste des heiligen Erzengels Michael,
den 29. September 1891.

P. Gebhard Wiggermann,
aus der Congregation des allerheiligsten Erlösers.


Einleitung.

Die Privat-Offenbarungen
der gottseligen
Anna Katharina Emmerich
geprüft
nach den Grundsätzen der heiligen Theologie.

 

Inhalts-Angabe der Einleitung

Eingang.

Erster Theil.

  • Die Lehre der heiligen Theologie über Privat-Offenbarungen im Allgemeinen.
    • Erstes Capitel. Natur und Wesen der Privat-Offenbarungen.
      • § 1. Begriffsbestimmung.
      • § 2. Thatsächliche Existenz wahrer Privat-Offenbarungen
      • § 3. Zwecke.
      • § 4. Persönliche Eigenschaften des Empfängers.
      • § 5. Art und Weise der göttlichen Mittheilung.
    • Zweites Capitel. Kriterien zur Unterscheidung echter Privat-Offenbarungen.
      • § 1. Nothwendigkeit der Prüfung.
      • § 2. Wer hat die Prüfung anzustellen?
      • § 3. Wie hat die Prüfung zu geschehen?
      • § 4. Kennzeichen falscher Offenbarungen.
      • § 5. Kennzeichen wahrer Offenbarungen.
    • Drittes Capitel. Werth und Bedeutung der Privat-Offenbarungen.
      • § 1. Ihre Glaubwürdigkeit.
      • § 2. Ihre Bedeutung für die heilige Kirche.
      • § 3. Ihre Bedeutung für die heilige Theologie insbesondere.
      • § 4. Schwierigkeiten und Einwendungen.
      • § 5. Gesinnungen, mit welchen Privat-Offenbarungen zu lesen sind.
      • § 6. Schlußfolgerungen.

Zweiter Theil.

  • Anwendung der dargelegten Prinzipien auf die Offenbarungen der gottseligen Anna Kath. Emmerich.
    • Erstes Capitel. Heiliges Leben und übernatürliche Begnadigung der gottseligen Anna Katharina Emmerich.
      • § 1. Lebens-Abriß.
      • § 2. Tugenden.
      • § 3. Gabe der Gesichte und Offenbarungen.
      • § 4. Uebernatürliche Beglaubigung.
      • § 5. Seliger Tod.
    • Zweites Capitel. Uebernatürlicher Charakter der Offenbarungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich.
      • § 1. Gegenstand derselben.
      • § 2. Zwecke.
      • § 3. Mittheilung und Aufzeichnung derselben.
      • § 4. Schwierigkeiten und deren Lösung.
      • § 5. Fortsetzung. Das Geheimniß der Bundeslade.
      • § 6. Antwort auf einige Bedenken.
      • § 7. Besondere Vorzüge.
    • Drittes Capitel. Zeugnisse gelehrter und erfahrener Männer.
      • § 1. Zeugnisse und Approbationen von Kirchenfürsten.
      • § 2. Overberg, Stolberg, Görres.
      • § 3. Guéranger.
      • § 4. Urtheile englischer und amerikanischer Theologen.
      • § 5. Windischmann und neuere Theologen.
      • § 6. Schlußfolgerungen aus dem Ganzen.

Eingang.

Der Zweck dieser Abhandlung ist, den wissenschaftlichen Nachweis zu liefern, daß die Mittheilungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, wie sie in vorliegendem Buche gesammelt und auf's Neue der Oeffentlichkeit übergeben sind, die Kennzeichen echter Privat-Offenbarungen an sich tragen.

Um diesen Nachweis zu liefern, ist vor Allem nöthig, festzustellen, welches die Kennzeichen echter Privat-Offenbarungen sind; ist dieses festgestellt, dann haben wir einen sicheren Maßstab, um die Offenbarungen der gottseligen Emmerich auf ihre Echtheit und Wahrheit zu prüfen. Begreiflicher Weise kann es aber nicht Sache eines einzelnen Theologen sein, nach eigenem Ermessen jene Kennzeichen zu bestimmen und den Maßstab zur Beurtheilung von angeblichen Offenbarungen anzugeben; wir haben uns vielmehr an die feststehenden Grundsätze der heiligen Theologie, an die allgemeine Lehre der scholastischen und mystischen Theologen, sowie an die praktischen Regeln zu halten, welche von der heiligen Kirche bei den Processen der Beatification und Kanonisation befolgt werden. Zum Glücke sind wir in diesem schwierigen Gebiete von den alten Theologen keineswegs im Stiche gelassen; der Stoff, den sie uns bieten, ist vielmehr so reichhaltig, daß die Schwierigkeit nur darin besteht, aus dem unerschöpflichen Material die allgemein feststehenden Grundsätze und Regeln herauszunehmen und sie in Kürze darzustellen.

Wir beschränken uns jedoch nicht darauf, bloß dasjenige kurz anzuführen, was die Theologen speciell über die Kennzeichen echter Privat-Offenbarungen lehren; wir werden vielmehr auch über Natur und Wesen, sowie über den Werth und die Bedeutung der Privat-Offenbarungen das Nöthige sagen, theils um unserer Beweisführung die erforderliche Grundlage zu geben, theils um den vielen Vorurtheilen, welche in Folge der Unkenntniß der scholastischen und kirchlichen Lehre über Privat-Offenbarungen herrschen, möglichst vorzubeugen.

Was die Quellen betrifft, aus denen der Herausgeber den Inhalt seiner Ausführungen geschöpft hat, so ist vor Allem das berühmte und in jeder Hinsicht vorzügliche Werk des gelehrten Papstes Benedict XIV.: De Servorum Dei Beatificatione et Beatorum Canonizatione zu nennen, das sich der Herausgeber zur Vorlage und zum Führer in dieser Abhandlung gewählt hat; denn in diesem Werke ist nicht bloß die scholastische Lehre über unseren Gegenstand gründlich behandelt, sondern es werden auch die praktischen Grundsätze angegeben, nach welchen der apostolische Stuhl angebliche Offenbarungen heiliger Personen bei Kanonisations-Processen beurtheilt. Ferner hat der Herausgeber das Werk des hl. Augustin: De Genesi ad literam, worin von den übernatürlichen göttlichen Mittheilungen ausführlich die Rede ist, zu Rathe gezogen und auch die Doctrin des hl. Thomas über die "umsonst verliehenen Gnaden", wie dieselbe im zweiten Theil der Summa und in den Commentaren zu den Briefen des heiligen Apostels Paulus auseinandergesetzt ist, sorgfältig studirt. Ueberdies hat er die Abhandlung des heiligen Kirchenlehrers Alphonsus über die Stufen der Contemplation (Praxis confessarii, c. 9. § 2.) getreu benützt und auch das salbungsvolle Werk: De casto connubio Verbi et animae vom hl. Laurentius Justiniani öfters verwerthet. Zu den Meisterwerken der mystischen Theologie gehören auch das bekannte Buch des hocherleuchteten Cardinals Bona: De discretione spirituum; die Summa Theologiae Mysticae des ehrw. P. Philipp von der allerheiligsten Dreifaltigkeit (Summa Theologiae Mysticae R. P. Philippi a Ss. Trinitate, Lugduni 1656; noviss. editio 1874 apud Herder.), eines heiligmäßigen Karmeliten aus dem 17. Jahrhundert, sowie die große Abhandlung De Visionibus, welche Bischof Consalvus Durantus zur Rechtfertigung der Offenbarungen der hl. Birgitta verfaßt hat, Werke, welche der Herausgeber bei seiner Arbeit stets zur Hand hatte. Sehr gründlich, ausführlich und lehrreich ist ferner das Werk: "Unterscheidung der Geister" von dem ehrwürdigen Diener Gottes P. Januarius Maria Sarnelli, C. Ss. R. (Della discrezione degli spiriti. V. Opere, vol. 9. Napoli 1888.), einem Freund und Gefährten des hl. Alphonsus, welchem, wie dem heiligen Kirchenlehrer, eine reiche Erfahrung in diesem Gebiete zu Gebote stand. Ferner sind benützt worden: die Vertheidigungsschrift des Cardinals Turrecremata zu Gunsten der Offenbarungen der hl. Birgitta; "der geistliche Führer" von P. Ludwig de Ponte; das Werk: De cultu sacrosancti Cordis Jesu von P. Gallifet; ferner Martin del Rio, die Theologen von Salamanka, nebst anderen Auctoren, welche gelegentlich citirt werden. Das viel verbreitete Werk des gelehrten P. Eusebius Amort: De revelationibus ... privatis regulae tutae etc. enthält in seinem allgemeinen Theile schätzenswerthes Material aus den älteren Theologen, zeigt aber in seinem speciellen Theil zu wenig Pietät gegen anerkannte Privat-Offenbarungen heiliger Personen.

Den ganzen Stoff seiner Abhandlung hat der Herausgeber in zwei Theile gesondert: Der erste Theil enthält die Lehren und Grundsätze der scholastischen Theologen über Privat-Offenbarungen im Allgemeinen, der zweite Theil ist eine Anwendung dieser Grundsätze auf die Mittheilungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, beziehungsweise der Nachweis, daß dieselben alle Kennzeichen echter Privat-Offenbarungen an sich tragen.

Der Herausgeber bemerkt zum Voraus, daß bezüglich der Gesichte der gottseligen Emmerich bisher noch keine Entscheidung von Seite des Apostolischen Stuhles erfolgt ist; er erklärt darum, daß Alles, was in diesem Buche enthalten ist, der entgiltigen Entscheidung des heiligen und Apostolischen Stuhles zu Rom, welcher allein der unfehlbare Richter in Sachen des Glaubens ist, jederzeit unterworfen bleibt.

 

Erster Theil.

Die Lehre der heiligen Theologie über Privat-Offenbarungen im Allgemeinen.

Erstes Kapitel.

Natur und Wesen der Privat-Offenbarungen.

§ 1.

Begriffsbestimmung.

1. Unter übernatürlicher göttlicher Offenbarung versteht man im Allgemeinen die Mittheilung übernatürlicher Wahrheiten von Seite Gottes an seine Geschöpfe. Das Wort "Offenbarung" oder "Mittheilung" kann sowohl im aktiven als im passiven Sinne verstanden werden; im aktiven als die Thätigkeit, vermöge welcher Gott Verborgenes mittheilt, oder das Offenbaren; im passiven als der Inhalt des Mitgetheilten oder das Geoffenbarte.

Die Theologie unterscheidet zwei Arten übernatürlicher göttlicher Offenbarung,, nämlich die allgemeine oder öffentliche Offenbarung (revelatio universalis sive publica), und die Privat-Offenbarungen (revelationes privatae). Die allgemeine Offenbarung ist diejenige, welche an die Propheten und Apostel ergangen ist; diese umfaßt alle jene Wahrheiten, welche Gott der Herr der ganzen Menschheit zu ihrem Heile mitgetheilt und welche Er der heiligen Kirche zur Bewahrung und Verkündigung anvertraut hat. Privat-Offenbarungen sind solche Mittheilungen, welche Gott der Herr im Verlaufe der Zeit an einzelne Privat-Personen gemacht hat, sei es zu deren persönlichem geistigen Nutzen, sei es zum Nutzen der Gläubigen überhaupt. Solche Privat-Offenbarungen sind z.B. die Offenbarungen der heil. Gertrud, der hl. Birgitta, der hl. Katharina von Siena, der hl. Theresia u. s. f. (Benedict. XIV. De Beatific. 1. 3. c. 53. n. 2. -- Salmanticens. Cursus theolog. tract. 17. disp. 1. dub. 4. n. 103. (Edit. noviss. Parisiens. 1879). -- Sedlmayr, Theologia Mariana, Pars 1. q. 1. art. 8. n. 53. -- Adamus Tanner, Theologia scholastica, tom. 3. De fide, Disp. 1. q. 1. n. 61 sqs.)

2. Wiewohl alle göttlichen Offenbarungen ohne Ausnahme als von Gott, der höchsten und unfehlbaren Wahrheit ausgehend, an sich untrüglich wahr sind, so besteht doch zwischen der allgemeinen und den Privat-Offenbarungen ein wesentlicher Unterschied, und zwar in Bezug auf die Empfänger, auf die Zwecke, auf die Art der Mittheilung, sowie auf die Beglaubigung. Was den ersten Punkt betrifft, so waren die Empfänger und Vermittler der allgemeinen Offenbarung Männer, welche als Werkzeuge des heiligen Geistes und als Gesandte Gottes an die ganze Menschheit evident gekennzeichnet waren: die Empfänger von Privat-Offenbarungen haben, auch wenn sie sich durch ein heiliges Leben auszeichnen, doch niemals dieselben eivdenten Merkmale einer Sendung an die Gesammtheit des Menschengeschlechtes, wie z. B. die heiligen Apostel solche Merkmale aufzuweisen hatten. Was das Zweite betrifft, so hat die allgemeine Offenbarung den Zweck, den Menschen alle diejenigen Wahrheiten mitzutheilen, welche sie kraft des göttlichen Glaubens als untrügliche Wahrheit anzunehmen verpflichtet sind; diese Offenbarung bildet die Grundlage und den Inhalt des katholischen Glaubens und ist darum für alle Menschen ohne Ausnahme bestimmt, so daß Jeder, der zu dessen Kenntniß gelangt, bei Verlust der ewigen Seligkeit sie gläubig annehmen muß. Die Privat-Offenbarungen dagegen werden, wie der hl. Thomas lehrt, nicht dazu gegeben, um dem katholischen Glauben eine Grundlage zu geben oder um den Inhalt des Glaubens zu vermehren, sondern um nach den Umständen der Zeit passende Anweisungen für das menschliche Handeln zu bieten (S. Thom. 2. 2. q. 174, a. 6. ad 3.); Sie sind darum auch nicht für alle Menschen ohne Ausnahme bestimmt. Was die Art und Weise der göttlichen Mittheilung anlangt, so waren die Empfänger und Vermittler der allgemeinen Offenbarung vom heiligen Geiste in der Weise erleuchtet und geleitet, daß sie nicht irren konnten, und daß ihre Aussprüche im eigentlichen Sinne Worte Gottes sind; die Träger von Privat-Offenbarungen dagegen sind wohl auch vom Geiste Gottes übernatürlich erleuchtet; sie schauen im göttlichen Lichte verborgene Wahrheiten und besitzen zumeist auch die Gabe der Prophezeiung im eigentlichen Sinn; allein sie sind weder in Bezug auf das Schauen, noch in Bezug auf die Mittheilung vor jedem Irrthum durchaus gesichert; sie könnne zuweilen etwas als übernatürliche Erleuchtung ansehen, was nur das Resultat menschlicher Erkennnißthätigkeit ist; sie können, wenn sie eine bloße Vision (ohne Offenbarung) empfangen, derselben möglicher Weise einen anderen Sinn beilegen, als dieselben in Wirklichkeit hat; sie können ferner beim Mittheilen des Geschauten einzelne der geoffenbarten Dinge vergessen, verwechseln oder auch in Ausdrücken wiedergeben, welche nicht die zutreffendsten sind, da es überaus schwierig ist, übernatürliche Wahrheiten, die man in der Ekstase geschaut hat, im gewöhnlichen Zustande in die passenden Worte zu kleiden. Was endlich die Beglaubigung betrifft, so ist die allgemeine Offenbarung von der heiligen katholischen Kirche, welche eine Säule und Grundveste der Wahrheit ist, als göttliche Offenbarung bezeugt, beglaubigt und verkündet; die Privat-Offenbarungen dagegen werden keineswegs von der Kirche als göttlich geoffenbarte Wahrheiten bezeugt und zum Glauben vorgestellt; ihre Glaubwürdigkeit beruht nicht auf dem unfehlbaren Zeugnisse der Kirche, sondern auf der Glaubwürdigkeit der schauenden und mtittheilenden Privat-Person, sowie auf den Umständen, welche ihre Vision begleiten. Und selbst dann, wenn die Kirche Privat-Offenbarungen approbirt, erklärt sie damit nicht, daß alles Einzelne, was darin enthalten ist, unzweifelhaft von Gott komme, sondern daß die Mittheilungen im Allgemeinen von Gott kommen, daß nichts darin enthalten sei, was der Glaubens- und Sittenlehre wiederspreche, und daß sie von den Gläubigen mit Nutzen gelesen werden können.

3. Gegenstand von Privat-Offenbarungen sind im Allgemeinen Geheimnisse oder verborgene Wahrheiten, deren Kenntniß zum Heile der Menschen nützlich ist, gemäß den Worten des Propheten Daniel: "Gott offenbaret das Tiefe und Verborgene; Er weiß, was im Finstern ist, und das Licht ist bei ihm ... Gott im Himmel ist es, welcher Geheimnisse offenbart." (Dan. 2, 22. 28.) "Revelatio est declaratio alicujus veritatis occultae, sive manifestatio alicujus arcani vel mysterii." (P. Philippus a Ss. Trinitate, Summa Theologiae mysticae, P. 2. tr. 3. discurs. 4. art. 4.) Es gibt aber nach den Theologen drei Klassen von verborgenen Dingen; nämlich erstens solche, welche einigen Menschen bekannt, anderen aber unbekannt oder verborgen sind z. B. die Geheimnisse des Herzens eines Andern; Begebenheiten, welche soeben an einem entlegenen Orte vor sich gehen; Ereignisse früherer Zeit, welche der Erinnerung und Kenntniß der jetzt lebenden Menschen entschwunden sind. Die zweite Klasse bilden jene Wahrheiten, welche die natürliche Erkenntnißkraft aller Menschen insgesammt übersteigen, wie z. B. die Geheimnisse der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Menschwerdung des Sohnes Gottes u. s. w. Die dritten Klasse sind die sogenannten futura contingentia, d. h. jene zukünftigen Dinge, welche vom freien Willen des Menschen abhängen. (S. Thom. 2. 2. q. 171. a. 3. -- Salmant. 1. c. tr. 12. Arbor praedicament. § 17. n. 172. -- Bona, Discret. spirit. c. 17. n. 2.) Alle diese Dinge sind der Erkenntniß des Menschen verborgen; sie werden aber zuweilen dem Menschen durch göttliches Licht geoffenbart, falls dieß zum Heile Einzelner oder Aller nützlich ist. So wurden z. B. dem hl. Petrus die Gedanken und geheimen Verabredungen des Ananias und der Saphira geoffenbart. (Act. c. 5.) Der Prophet Elisäus erkannte durch göttliche Offenbarung, daß sein Diener Giezi von dem Syrer Naaman betrügerischer Weise Geld und Kleider in Empfang nahm, weßwegen er ihn nach seiner Rückkehr mit den Worten anredete: "War mein Herz nicht dabei, als der Mann sich wandte von seinem Wagen, dir entgegen?" (IV. Reg. 5, 26.) Der Prophet Agabus wußte durch göttliche Offenbarung, daß der hl. Paulus zu Jerusalem würde gefangen genommen und den Heiden überliefert werden. (Act. 21, 11.) Der Apostel selbst ward in den dritten Himmel entrückt und vernahm daselbst Geheimnisse, welche mit der gewöhnlichen Sprache nicht ausgedrückt werden können. (II. Cor. 12, 2 sqs.) Auch natürliche Wahrheiten, die der Erkenntniß des Menschen noch verborgen sind, können, wie der hl. Thomas lehrt (2. 2. q. 171. a. 3.) Gegenstand göttlicher Offenbarung sein, sofern nämlich deren Mittheilung der Ehre Gottes und dem Heil der Seelen förderlich ist. Beispiele finden wir im Leben der ehrw. Mutter Chappuis, einer im Jahre 1875 zu Troyes im Rufe der Heiligkeit verstorbenen Ordensfrau von der Heimsuchung Mariä. (Ihr Leben, von Abbé Deshairs, 1889. C. 61.) Besonders merkwürdig sind in dieser Hinsicht die Offenbarungen, welche die hl. Hildegard in dem Liber divinorum operum, und in den Libri novem subtilitatum diversarum naturarum niedergeschrieben hat. Indeß werden in der Regel doch nur übernatürliche Geheimnisse geoffenbart, welche direkt auf den geistlichen Nutzen der Gläubigen abzielen, gemäß den Worten des Apostels: "Einem Jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben" (I. Cor. 12, 7.); und: "Wer weissagt (Geoffenbartes mittheilt), der redet zu den Menschen zur Erbauung, zur Ermahnung und zum Troste." (I. Cor. 14, 3.)

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)