Aus dem Immaculata-Archiv:


 

KONNERSREUTH
TATSACHEN UND GEDANKEN

 

EIN BEITRAG ZUR MYSTISCHEN THEOLOGIE
UND RELIGIONSPHILOSOPHIE

VON

HELMUT FAHSEL
KAPLAN

MIT FAKSIMILE EINES BRIEFES
VON THERESE NEUMANN

 

 

 

1932
THOMAS-VERLAG / ROLAND v. GIZYCKI, BERLIN W9

Imprimatur Berolini, die 3. Sept. 1931 Vic. Gen. D. M. Lichtenberg


Hernach wird es geschehen, daß ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch, so daß eure Söhne und eure Töchter prophezeien, eure Greise Träume haben und eure Jünglinge Gesichte. Und auch über die Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen.

Joel 2, 28-29

Das vor der Welt Unangesehene und das Verachtete und das, was nichts ist, hat Gott auserwählt, um das, was etwas ist, zu nichte zu machen, damit kein Mensch sich vor ihm rühme.

1. Kor. 1,28


Vorwort.

Seitdem der Fall Konnersreuth in der ganzen Welt bekanntgeworden ist, fragen viele, was ist alles an Außerordentlichem im bisherigen Leben der Therese Neumann geschehen, was geschieht heute noch und was für einen letzten Zusammenhang und Sinn hat der ganze Komplex der Phänomene.

Meine Vorträge über Konnersreuth im Winterhalbjahr 1930/31 versuchten, auf diese Fragen eine Antwort zu geben. Die vorliegende Schrift enthält den Inhalt des Vortrages und darüber hinaus die in letzter Zeit an Ort und Stelle des mystsischen Falles gesammelten Tatsachen. Sie ist keine Biographie, sondern stellt nur die Fakta der Phänomene fest und setzt sie in Beziehung zum Wesen der christlichen Mystik.

Es werden also nur jene Dinge der Reihe nach geschildert, die der Therese Neumann von Gott geschenkt wurden. Für diese Gaben kann sie nichts. Daher wird hier nicht ein noch lebender Mensch, sondern vielmehr der Geber jener Gaben gepriesen; und somit wird einem abschließenden Urteil der Kirche über Person und Lebensführung der Therese Neumann in keiner Weise vorgegriffen.

Streng vermieden wurden alle Berichte, die nur aus zweiter, unsicherer Quelle stammen. Sämtlichen Berichten liegt also die für dieses Thema absolut notwendige eigene Erfahrung und persönliche Fühlungnahme mit der Mystikerin zugrunde.

Es ließ sich nicht umgehen, daß den Darstellungen hier und da, besonders am Anfange, eine persönliche Note beigeflochten wurde, um verständlich zu machen, wie der Verfasser dieser Schrift zu seinen eigenen Erlebnissen in Konnersreuth gekommen ist.

Solche Erlebnisse veranlaßten ihn, zuerst in einem kleinen Kreise hierüber zu reden. Nach weiteren Besuchen in Konnersreuth folgten dann die öffentlichen Vorträge über dieses Thema, das in vielen Hörern den Wunsch nach einer schriftlichen Festlegung und Erweiterung des Gehörten wachrief.

Berlin, im August 1931.

Helmut Fahsel,
Kaplan


Inhaltsverzeichnis.


I.

Erste Begegnung mit der Mystik.

Deutsche Mystiker waren die ersten Schriftsteller, die mich in die Lehre des Christentums einführten, so daß mir dasselbe nicht nur eine Angelegenheit des Verstandes blieb, sondern auch zur Sache des Herzens wurde. Es waren jene klassischen Schriftsteller, die eigne mystische Erlebnisse in Lehren zusammenfaßten, um andere zu jener Mystik zu führen, zu der im Grunde jeder wahre Christ berufen ist. Es waren Schriften eines Eckehart, Tauler, Suso, Ruysbroeck und Thomas von Kempen. Diese Schriften erweckten in mir zum erstenmal eine Neigung zum kontemplativen Leben. Das war im Jahre 1911.

Einige Jahre später lernte ich die Mystik noch von einer anderen Seite kennen. Ich las ausführliche Biographien der Heiligen.

Bernardin v. Siena, Johannes v. Gott, Petrus v. Alcantara, Philipp Neri, Joseph v. Copertino, Gerhard Majella, Hildegard v. Bingen, Gertrud die Große, Birgitta v. Schweden, Katharina v. Siena, Katharina v. Genua, Katharina v. Ricci, Magdalena v. Pazzis.

Sie vermittelten mir die Kenntnis der mystischen Phänomene, die bei diesen Personen in die äußere Erscheinung traten. Nun forschte ich weiter nach dem Zusammenhang und Sinn dieser Phänomene, bei denen ich gleich zu Anfang eine gewisse Übereinstimmung und Gesetzmäßigkeit erkannte. Ich vermißte immer mehr und mehr eine Geschichte der christlichen Mystik, welche auf einem Quellenstudium der Lebensbeschreibungen der Heiligen aller Länder und Zeiten beruhte.

Diese Untersuchung führte mich einige Jahre später zu einem dritten literarischen Gebiet der christlichen Mystik, zur sogenannten Theologia mystica.

Die Theologia mystica ist eine besondere Disziplin der theologischen Wissenschaft. Sie versucht auf Grund von Quellenstudium der Acta Sanctorum (Leben der Heiligen, Antwerpen 1643-1930, 65 Foliobände [bis 10. November des Heiligenkalenders]) Gesetze und Definitionen aufzustellen, um die Ausdrucksformen, inneren Erlebnisse und äußeren Phänomene der christlichen Mystiker von einer falschen Mystik unterscheiden zu können. Daher wird dieser Teil der Theologie auch die Kunst der Unterscheidung der Geister genannt ("Prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind." 2. Joh. 4, 1.) Die Sammlung und das Studium solcher Handbücher der Mystik habe ich 15 Jahre betrieben und im Laufe der Zeit die besten Werke kennengelernt.

Von nun an gab es für mich zwei große Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion. Auf der einen Seite zeigten mir die heiligen Kirchenlehrer, besonders Thomas von Aquin, den inneren logischen Zusammenhang der christlichen Glaubensmysterien und lieferten mir die grundlegenden Beweise gegen die Angriffe auf das Christentum. Auf der anderen Seite bewies mir die Übereinstimmung der in allen Jahrhunderten und Ländern aufgetretenen Heiligen in ihren Phänomenen und Aussprüchen die tatsächliche Einheit und Heiligkeit der Kirche und damit die Wahrheit des Christentums.

Während meines Aufenthaltes 1919/20 im Priesterseminar zu Breslau trat ich der Mystik erneut in dem inneren Drange nahe, mich nicht nur theoretisch zu orientieren, sondern auch meine Seele praktisch zu bilden. Ich befaßte mich zuerst mit derjenigen Literaturgattung, die die Seele von der Betrachtung zum mystischen Gebetsleben hinüberzuführen versucht. Außerdem las ich Leben und Schriften der im Jahre 1903 verstorbenen Stigmatisierten Gemma Galgani (1878-1903 in Lucca. Leben, Saarlouis 1916; Briefe u. Extasen, Saarlouis 1919.) Als besonderes Amt für mein kommendes Priestertum ersehnte ich mir, Führer von Seelen zu werden, die von Gott zur Beschauung berufen sind.

Die erste Zeit des priesterlichen Wirkens zerstreute mich durch die vielen neuen Aufgaben einer Großstadtseelsorge. Erst mein Vortrag über die heilige Johanna im Jahre 1925 wurde mir Anlaß, wieder eingehend die Beschäftigung mit der Mystik aufzunehmen. Ich verglich die biographischen Akten der Johanna von Orléans (Eysell, Johanna d'Arc, Regensburg 1864; Debout, Jeanne d'Arc, Paris 1905, 2 Bde., 4º.) mit Lebensbeschreibungen anderer Heiliger. Es entstanden in mir viele spekulative Gedanken über tiefste Zusammenhänge und Gesetzte in den Phänomenen der Mystik. Doch belehrte mich das Studium der Mystik dahin, daß man schließlich einmal einen Mystiker persönlich kennenlernen müsse, um durch längeren und vertrauten Umgang mit ihm noch bessere Urteile zu gewinnen.

Mein erstes Erlebnis in Konnersreuth.

Als ich im Jahre 1927 hier und da etwas vom Fall Konnersreuth hörte, war mir die Mitteilung von der Stigmatisation der Therese Neumann nichts Neues. Katharina Emmerich, Maria von Moerl, Dominica Lazzeri, Josepha Kümi, Louise Lateau und Gemma Galgani waren mir aus eingehender Lektüre bekannt. Trotzdem kam ich nicht auf den Gedanken, Konnersreuth aufzusuchen. Ich hatte von dem Massenandrang daselbst gehört und fürchtete, es könnte mir durch äußere Umstände die erste Begegnung mit einer Mystikerin verleidet werden. Einer Furcht, der Situation nicht gewachsen zu sein, war ich mir nicht bewußt. Doch will ich nicht bestreiten, daß vielleicht unbewußt eine solche Furcht meine Hemmung verstärkte.

Kurz vor Ostern 1929 hatte ich meine winterliche Vortragstätigkeit beendet. Ich zog mich in meine Bibliothek zurück, um dieselbe einer neuen Ordnung zu unterwerfen. Da besuchte mich ein junger Priester, mit dem ich zusammen studiert hatte. Er beschwor mich mit allen Mitteln der Überredungskunst, sofort nach Konnersreuth zu fahren, um Zeuge der kommenden Karfreitagsvision zu sein. Es werde vielleicht die letzte Leidensvision der Therese sein, wurde als Grund angeführt. Ich lehnte schroff ab, um nicht aus meiner Lieblingsbeschäftigung in der Bibliothek herausgerissen zu werden. Doch plötzlich, wie von einem anderen Geist beseelt, gab ich nach und fuhr noch am selben Abend mit dem Nachtzug nach Regensburg.

In Konnersreuth war ich erfreut, daß mir der Pfarrer des Ortes eine lange Unterredung gewährte. Ich hörte manches, was mich an früher Gelesenes erinnerte. Therese Neumann zu sprechen, wurde mir verwehrt. Sie sei wegen der Leiden nicht imstande, kurz vor Karfreitag Besuche zu empfangen.

Der Gründonnerstag verlief unter Gesprächen mit Priestern, die auf die Karfreitagsvisionen warteten. Ich war erstaunt und erfreut, unter ihnen so viele aufgeschlossene Gemüter zu finden. Ich hatte den Eindruck, daß in Konnersreuth eine eigene geistige Atmosphäre herrscht, die die Herzen zur Betrachtung der höchsten Dinge auflockert.

Am Karfreitag betrat ich mit mehreren Besuchern das Zimmer der Therese Neumann. Das Mädchen lag im Bett in jener halbaufgerichteten Stellung, die es bei der Vision einzunehmen pflegt. Es erschien mir auf den ersten Augenblick in seinem Äußeren nicht wie ein gewöhnlicher lebender Mensch. Haltung und Bewegung schienen da nicht so sehr auf Tätigkeit der eigenen Muskeln zu beruhen. Die Glieder wurden wie von einer unbekannten Kraft gehoben und gelenkt. Das von den Augen über die Wangen bis zum Kinn lagernde Blut erschien auf dem weißen Gesicht wie aufgelegt. Das Gesicht hatte keine Ähnlichkeit mit den Verwandten, zeigte in seiner Hagerkeit einen männlichen Ausdruck und war weiß wie Kalk. Die Beweglichkeit der Stirnmuskulatur begünstigte eine auffallend ausdrucksvolle Mimik. Gefühle des Schmerzes, Mitleidens, der Betrübnis und Empörung wechselten auf dem sich langsam hin und her wendenden Antlitz. Die blutigen Augen waren geöffnet und verfolgten mit Hingabe und Wißbegierde die Szenen der geschauten Passion. Ihr Brustkorb war unbeweglich. Sie schien nicht zu atmen. Totenstille herrschte im Zimmer und wurde nur unterbrochen durch das Zwitschern eines Singvogels.

Der Pfarrer erlaubte mir, länger als die anderen Besucher im Zimmer zu verweilen. Ich stand an der Wand, zwei Meter vom Fußende des Bettes entfernt. Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu beten, sondern genau zu beobachten. Das tat ich und sah mich auch in dem Zimmer um.

Ungefähr nach zwanzig Minuten fühlte ich eine Kälte, die mein Gesicht überzog. Zwischen den Gelenken der Glieder trat ein eigenartiges Ziehen ein. Die Knöchel der Finger schienen auseinandergezogen zu werden und die Kniescheibe sich zu lockern. Nun trat ein leichtes Prickeln auf den Wangen hinzu. Ich hatte das Gefühl einer kommenden Ohnmacht und kämpfte dagegen an. Vielleicht ist die Luft hier schlecht oder vielleicht riecht das Blut, waren meine Gedanken. Ich befragte zwei Personen, die neben mir standen, ob sie Derartiges wahrnähmen. Sie verneinten es beide. Ich atmete tief und bemerkte zu meinem Erschrecken, daß sich auch mein Blick verdunkelte. Aus Furcht, zu Boden zu fallen und dadurch Aufsehen zu erregen, verließ ich das Zimmer.

Noch am selben Abend reiste ich ab. Denn ich hatte am Sonntag seelsorgliche Funktionen in der Kirche zu verrichten. In Berlin angekommen, war mein ganzes Interesse an der Bibliothek verschwunden. Apathisch für weltliche Dinge saß ich den ganzen Sonnabend am Schreibtisch. Weniger Konnersreuth und die Stigmatisierte kamen mir in den Sinn als vielmehr immer wieder der Name Jesus.

Am Ostermontag hielt ich des Abends einen Vortrag in einer großen Festversammlung. Kaum zu Bett gegangen, fühlte ich plötzlich dasselbe Ziehen in den Gliedern. Mein Gesicht wurde kalt. Ich begann mit den Zähnen zu klappern und hatte ein Gefühl eigner Sündhaftigkeit wie noch nie in meinem Leben. Zwei bis drei Minuten wurde ich wie im Fieber hin und her geschüttelt. Dann wurde ich ruhig. Ein Erstaunen erfaßte mich. Ich konnte mir dieses Erlebnis durchaus nicht aus meiner Natur oder aus äußeren Umständen heraus erklären. Ich erinnerte mich an folgende Stelle, die ich in der Selbstbiographie der seligen Angela von Foligno gelesen hatte:

"Dieses Feuer der göttlichen Liebe wuchs allmählich so sehr in mir, daß, wenn ich danach von Gott reden hörte, ich vor Übermaß der Empfindungen mit den Zähnen klappern mußte. Und wenn jemand mit dem Beil bei mir gestanden wäre, um mir dasselbe zu wehren, so würde ich mich dessen nicht enthalten haben können, wenn man mich auch getötet hätte" (Weg zum ewigen Leben, Landshut 1835, 1. Buch, 18. Schritt.).

Ein Jahr später erzählte mir der Pfarrer in Konnersreuth folgendes: Eine junge Konvertitin hatte sich unbemerkt in das Zimmer hinaufbegeben, in welchem sich Therese Neumann in der Freitagsvision befand. Nach wenigen Minuten fiel die Besucherin ohnmächtig zu Boden. Die Eltern kamen dazu und brachten sie in die Küche. Therese Neumann erwachte aus der Vision und ließ etwas später die Besucherin zu sich bringen und sagte ihr: "Fürchte dich nicht. Du bist noch nicht lange beim Heiland."

Am Mittwoch, den 14. Juni 1931, hatte ich Gelegenheit, Therese Neumann in einem ihrer ekstatischen Zustände (Siehe S. 67.) über meinen eigenen Fall zu befragen. Es wurde geantwortet: "Das war eine große Gnade." Ich kann mich auch nicht entsinnen, jemals in meinem Leben eine solche Erschütterung gehabt zu haben. Nicht einmal bei meiner stärksten Nervenerregung, als ich im November 1914 bei befohlener Rekognoszierung des großen Leichenfeldes bei Gheluve vor Ypern unmittelbar nach einer Schlacht in Tränen ausbrach. Bei einem Besuch in einem Seziersaal der Berliner medizinischen Fakultät war ich seinerzeit völlig ruhig geblieben.

Der Eindruck meines ersten Besuches in Konnersreuth verschwand wenige Wochen später fast ganz. Andere Arbeiten lenkten mich ab. Erst während meiner Wintervorträge 1929/30 nahm ich mir fest vor, Konnersreuth ein zweites Mal um die kommende Osterzeit aufzusuchen.

Ich lerne Therese Neumann persönlich kennen.

Sonnabend vor der Karwoche 1930 kam ich in Konnersreuth an. Ich erklärte am selben Nachmittag dem Pfarrer des Ortes meine Absicht, mich vierzehn Tage aufzuhalten. Ich hatte mir alle Requisiten zu einer Übersetzungsarbeit mitgebracht, wollte mich durchaus nicht aufdrängen und ruhig warten, bis man mich rufe.

Am Sonntagmorgen bat mich der Pfarrer, im Jünglingsverein am Nachmittag einen Vortrag zu halten. Zugleich teilte er mir mit, daß ich am Abend Therese Neuman begrüßen könne.

Ich lernte die Stigmatisierte nun zum erstenmal in ihrem natürlichen Zustand kennen. Sie lag im Bett und begrüßte mich freundlich. Ich erkannte sie gar nicht wieder. Gesicht und Gestalt waren frisch und gesund. Wir sprachen zuerst über ihre Singvögel, später über religiöse Dinge. Schon damals hatte ich den Eindruck der mich nie mehr verließ: Hier spricht ein gesunder Mensch, der seltene Aufrichtigkeit und Kindlichkeit mit Verstandesschärfe und geistiger Energie verbindet. Über allen Gesprächen lag eine eigenartige Mischung von köstlichem Humor und naivem Ernst. Weltliches wurde mehr humorvoll behandelt, Religiöses dagegen zuweilen mit großer Freude, zuweilen mit eindringlichem Ernst.

Ich war ihr gegenüber manchmal befangen. Eine Befangenheit, die ich mir aus ihrer Überlegenheit erkläre. Diese Überlegenheit schien mir darauf zu beruhen, daß ihre Psyche einheitlicher, abgeschlossener und abgeklärter war als die meine; ja als die aller Menschen, die ich bisher kennenlernte. Ihre Selbstsicherheit scheint nicht so sehr eine natürlicheVeranlagung oder Wirkung persönlicher Aszese zu sein, sondern mehr die Wirkung eines höheren Geistes, dessen vollkommenes und willfähriges Instrument Therese offenbar ist. Sechs Abende weilte ich jedesmal mehrere Stunden bei ihr im engsten Kreise ihrer Feunde und Verwandten. Ich war zugleich Zeuge zahlreicher Visionen.

Ich war sehr erfreut, so schnell die nähere Bekanntschaft mit ihr machen zu können. Ich blieb vierzehn Tage dort. Die kommende Zeit um Pfingsten und Weihnachten war ich ebenfalls in Konnersreuth. Ich legte Wert darauf, die Mystikerin in ihren Visionen um die Zeit der drei Hauptfeste des Kirchenjahres zu beobachten. Viele Besuche haben sich in der Folge hieran angeschlossen, und ich erhielt so das notwendige Fundament, über den Fall Konnersreuth aus eigener Erfahrung mit einer gewissen Sicherheit reden zu können.

Meine persönlichen Erfahrungen ergänzte ich durch Besuche derjenigen Personen, die über Therese Neumann auf Grund ähnlicher Erfahrung Material sammeln. Stets habe ich in diesen nicht nur kluge und nüchterne Menschen kennengelernt, sondern auch ehrliche und hilfsbereite Charaktere.

II.

Beginn der mystischen Zustände.

Wann haben die mystischen Zustände der Therese Neumann begonnen? Gibt es einen äußeren Umstand, der als Ursache oder Anlaß angenommen werden kann?

Es ist durchaus nicht sicher festgestellt, daß die Krankheit 1918-26 Ursache, Anlaß oder Anfang ihres mystischen Lebens gewesen ist. Wohl haben nach der plötzlichen Heilung im Jahre 1926 außergewöhnliche mystische Phänomene eingesetzt, wie z.B. die Stigmatisiation und in Verbindung hiermit die völlige Nahrungslosigkeit. Wir haben jedoch keinen einzigen Beweis, daß die Gnade der außergewöhnlichen Kontemplation und die mystische Beziehung zu den Sakramenten, die sie heute besitzt, erst seit Beginn jener Krankheit aufgetreten sind.

Ich fragte einst Therese, ob sie schon vor jener Krankheit besondere Gnade vom Heiland empfangen habe. Sie antwortete: "I hob den Heiland schon ollweil gern g'hobt." Über Einzelheiten schwieg sie sich aus. Ich hatte aber den deutlichen Eindruck, daß es entweder Demut oder ein Gehorsam ihren inneren Worten (Siehe S. 17.) gegenüber war, die ihr den Mund verschlossen. Ich erfuhr, daß sie in der Feiertagsschule und im Religionsunterricht nicht nur ungewöhnlich aufmerksam war, sondern auch das Gehörte nachher zu Hause schriftlich ausarbeitete. Leider wurden die Hefte mit ihren Aufzeichnungen gelegentlich einer Bauarbeit im Hause 1925 aus Versehen verbrannt. Schon von frühester Jugend an hatte sie die Absicht, Missionsschwester zu werden, um, wie sie sich ausdrückte, zu den "Schwarzen" zu gehen. Sie schaffte sich daher von ihrem Lohn bei der späteren Dienstarbeit nach und nach die Aussteuer an, die sie ins Kloster mitzubringen hätte.

Viele Biographien echter Mystiker zeigen mir, daß es beinahe ein Gesetz ist, daß außergewöhnliche Gnaden schon in frühester Zeit der Jugend bei solchen Personen beginnen, die später ununterbrochen auffallende mystische Phänomene äußern. Liest man bei ihnen von Krankheiten, so erweisen sie sich nicht als ein Anfang, sondern vielmehr als Durchgangsstation, die den Mystiker auf den Empfang höherer Gnaden durch Umbildung der Seele und des Körpers vorbereiten sollte. Auch fällt es mir auf, daß jedesmal zu Lebzeiten des betreffenden Mystsikers die Umwelt von den ersten mystischen Gnaden der Jugend nichts erfuhr. Erst am Ende des Lebens oder nach dem Tode des betreffenden Mystikers wurden diese Einzelheiten bekanntgemacht. Es scheint dies in einem höheren Willen zu liegen, und ich bin der Überzeugung, daß auch der Fall Therese Neumann später die ersten Anfänge des mystischen Lebens dieser Mystikerin an die Öffentlichkeit bringen wird.

Therese wurde 1898 geboren und hat heute fünf Schwestern und vier Brüder. Sie war immer ein gesundes und natürliches Menschenkind ohne jedes Zeichen einer Empfindlichkeit oder Frömmelei. Ihr Wahrheitssinn war seit jeher so stark, daß sie das Spielen mit Puppen und das Anhören der Märchen von sich wies, als sie merkte, daß beides nicht ganz der Wirklichkeit entspreche. Im Hause herrschte Armut, und die Kinder wurden früh zur Arbeit herangezogen. Therese hatte stets mehr Freude an männlicher Arbeit, besonders auf dem Felde. In der freien Zeit war ihre Lieblingsbeschäftigung, Pflanzen zu pflegen. Von religiösen Schriften las sie im kleinen Katechismus, im Gebetbuch, in den Volkszeitschriften "Notburga" und "Rosenhain", in Goffines Postille und der Philothea des Franz von Sales. Von weltlichen Büchern kannte sie nur ihre Schulbücher und zwei Blumenpflegebücher.

1912 war sie bei einem Ortsansässigen im Schankwirtschafts- und Ökonomieanwesen beschäftigt. Als die meisten Männer im Kriege waren, verrichtete sie schwerste Arbeiten auf dem Acker. Sie pflügte und säte mit der Maschine, besorgte die Fuhren und war schließlich Ochsenknecht. Sie galt als stärkstes Mädchen im Ort und vermochte einen Getreidesack von 1½ Zentner Gewicht ohne abzusetzen über fünf Stiegen auf den Hausboden zu tragen. Ihre kräftige Gestalt mit den breiten Schultern besitzt sie noch heute. Zum Tanz ist sie nie gegangen, dagegen hat sie auf dem Tanzboden des öfteren einschenken müssen. Sie war durchaus keine Duckmäuserin. Bei jedem nicht rohen Scherz war sie dabei. Bewerber, die sie fand, begegneten bei ihr keiner Gegenliebe. Sie wollte ja, wie gesagt, Missionsschwester werden.

Krankheit und plötzliche Heilung
Ausführlich dargestellt bei: Gerlich, Therese Neumann, 2 Bde. München 1929.

Im Jahre 1918 beginnt die Krankheitsgeschichte. Im Orte bricht Feuer aus. Therese Neumann hilft löschen. Beim Heraufreichen der Wassereimer fühlt sie plötzlich einen Schmerz im Rückgrat. Seit diesem Tage kann sie nicht mehr recht arbeiten. Bei jeder kräftigen Bewegung, auch beim Bücken, wird es ihr schwarz vor den Augen, und sie stürzt nieder. Rasende Schmerzen stellen sich ein. Nach mehreren starken Anfällen kommt sie April 1918 ins Krankenhaus zu Waldsassen. Sie hat Magenbeschwerden, Darmstörungen, Lähmungserscheinungen und Erstickungsanfälle. Ungeheilt wird sie im Juni entlassen. Im Winter tritt völlige Bettlägerigkeit ein. März 1919 erblindet sie gänzlich. Durch die Unbeweglichkeit des Liegens entstehen mit der Zeit auf dem Rücken schwere Druckbrandstellen bis auf die Knochen.

April 1923 wird sie plötzlich von der Blindheit geheilt. Es schien ihr an einem Morgen im Schlaf, als wenn an ihrem Kopfkissen "etwas gemacht würde, wie wenn was kratzt". Sie wachte davon auf und sah ihre Hände sowie das Oberbett. Voll ungläubigen Staunens blickte sie im Zimmer umher. Sie konnte tatsächlich wieder sehen.

Der Tag der Heilung von der Blindheit, der 29. April 1923, war der Tag der Seligsprechung der Theresia vom Kinde Jesu (Theresia Martin, 1873-1897, Karmeliterin zu Lisieux. [Die heilige Theresia v. Kinde Jesu, Geschichte einer Seele. Selbstbiographie, Kirnach-Villingen 1929.]). Theresia Neumann wußte um diese Seligsprechung. Sie hatte deshalb vorher eine neuntägige Andacht halten wollen, um die Seligsprechung bei Gott zu befürworten, nicht etwa, um selbst gesund zu werden. Außerdem hatte sie oft gebeten, ebenfalls den kindlichen Geist der kleinen Therese vom Kinde Jesu zu erhalten. Sie führte ihre Heilung von der Blindheit mit starker innerer Gewißheit auf die Fürsprache der von ihr verehrten Theresia vom Kinde Jesu zurück.

In den nächsten Jahren verstärkten sich die Schmerzen des Körpers. Bei einem unglücklichen Fall aus dem Bett hatte sich auch noch ihr linker Unterschenkel derart gebogen, daß er unter den rechten Oberschenkel zu liegen kam. Unbeweglich blieb sie in dieser Lage dreiviertel Jahre liegen.

Am 17. Mai 1925 wurde sie plötzlich von ihrer Rückgratsverrenkung und von den damit verbundenen Krankheiten und Schmerzen geheilt. Es war der Tag der Heiligsprechung derselben Theresia vom Kinde Jesu. Am Nachmittag dieses Tages erblickte sie plötzlich von ihrem Bett aus in der rechten Ecke des Zimmers eine helle Lichterscheinung und hörte eine Stimme. Schnell klopfte sie mit dem Stock auf den Fußboden, um ihre Eltern herbeizurufen. Diese holten ihrerseits den Pfarrer und eine Krankenschwester, die im Orte weilte. Die vier Zeugen berichten folgendes:

Wir sahen die Resl aufrecht im Bette sitzen in einer Stellung, die sie sich selbst bisher nie geben konnte. Sie schien mit jemandem zu sprechen, ohne daß wir etwas hörten. Plötzlich streckte sie den rechten Arm aus, und es war, als wenn eine Kraft ihre Hand ergriff und die Kranke mit einem Ruck nach vorn zog. Resl verzog das Gesicht im Schmerz und faßte sich an den Rücken. Als sie zu sich kam, rief sie uns zu: "Bringt's mir mei Montur (Kleid), i bin g'sund, i kann aufstehn." Sie stand auf. Die Krankenschwester sah zu ihrem Erstaunen, daß sämtliche Druckbrandstellen auf dem Rücken verschwunden waren. Sie ging erst ewas schleppend, bald aber immer besser und kräftiger. Ihre Krankheit kehrte nicht mehr zurück.

Sie selbst berichtet über ihre Erscheinung folgendes: Aus dem wunderbar hellen Licht fragte eine überaus freundliche Stimme: "Resl, möchtest du nicht gesund werden?" Darauf sie: "Mir ist alles recht: Leben und Sterben, Gesundsein und Kranksein, was der liebe Gott will, der versteht's am besten." Die Stimme: "Hättest du eine Freude, wenn du heute aufstehen und gehen und dir wieder selbst helfen könntest?" Sie: "Ich habe an allem eine Freude, was vom lieben Gott kommt." Die Stimme: "Du darfst heute eine kleine Freude erleben, du kannst dich aufsetzen, probier's einmal, ich helfe dir." Etwas später habe die Stimme gesagt: "Aber leiden darfst du schon noch viel und lange, und kein Arzt kann dir helfen. Nur durch Leiden kannst du deine Opfergesinnung und deinen Opferberuf am besten auswirken und dadurch die Priester unterstützen. Durch Leiden werden weit mehr Seelen gerettet als durch die glänzendsten Predigten."

Im November des Jahres 1925 erhielt sie noch eine schwere Blinddarmentzündung. Der Arzt sagte: "Sofort ins Krankenhaus, Operation." Sie hatte Mitleid mit der Mutter, die weinte, und betete daher in ihrem Schmerz die Worte: "Weißt, kleine Therese, du könntest mir helfen, du hast mir scho öfters g'holfen, mir ist's gleich, aber hörst es doch, wie d'Mutter tut." Plötzlich richtete sie sich auf, öffnete die Augen, ihr Gesicht ward wie verklärt. Sie streckte die Hände nach jemandem vor ihr aus, sagte einige Male "Ja" und setzte sich dann ganz auf. Zu sich kommend rief sie: "Wirkli?" (im Sinne von: ist's möglich?). Sie behauptete, keinen Schmerz zu spüren. Als der Pfarrer fragte, ob vielleicht die kleine hl. Theresia wieder dagewesen sei und ihr geholfen habe, antwortete sie: "Ja. Sie hat gesagt, ich soll gleich in die Kirche gehen und Gott danken." In der Tat stand sie auf und ging in die Kirche. In derselben Nacht spürte sie ein "Rumoren im Leib". Es erfolgte eine Ausscheidung. Zuerst dicker, gelber Eiter, dann Blut und Eiter gemischt und schließlich ein etwa 10 cm langes, vereitertes Gebilde.

Der Weg der Reinigung.

Die siebenjährige Krankheit der Therese Neumann, verbunden mit der plötzlichen Heilung und dem seelischen, gottergebenen Verhalten des Mädchens, legt dem Kenner der christlichen Mystik den Gedanken nahe, in diesem ganzen Komplex der Tatsachen den sogenannten Weg der Reinigung zu erblicken. Um dies zu verstehen, muß folgendes kurz erklärt werden:

Die klassischen Schriftsteller der christlichen Mystik sprechen übereinstimmend von einem dreifachen Weg zu Gott: dem Weg der Reinigung, der Erleuchtung und der Vereinigung. Das ist keine willkürliche Gedankenspielerlei, sondern dieser Dreiteilung liegt ein Naturgesetz zugrunde. Wenn zwei verschiedene Dinge miteinander vereinigt werden sollen, so ist zuerst erforderlich, daß das beseitigt wird, was der Vereinigung direkt widerspricht. Zweitens müssen beide Dinge etwas Positives erhalten, damit sie sich gut vereinigen können. Dann kann drittens die Vereinigung erfolgen.

Damit sich also, um auf unser Gebiet zu kommen, die menschliche Seele mit Gott vereinigen kann, muß zuerst das beseitigt werden, was der Vereinigung direkt widerspricht. Auf seiten Gottes ist es seine Unnahbarkeit und Unerkennbarkeit. Denn nach Moses ("Kein Mensch sieht mich und lebt." Exod. 33, 20.) kann kein Mensch Gott schauen, er sterbe denn, und nach Isaias ("Kein Auge hat es gesehen außer dir, o Gott." Is. 64, 4.) kann ihn kein Auge hier sehen, wie er ist. Daher nahm Gott nach Augustinus (Serm. 22, de Temp.) Fleisch an, damit der im Fleisch versunkene Mensch von ihm erfaßt werde. Auf seiten des Menschen ist es seine Sünde, die vorerst beseitigt werden muß. Den Weg dieser Beseitigung nennen nun die Mystiker den Weg der Reinigung.

Zweitens müssen Gott und die Seele positive Vorkehrungen treffen, um die Vereinigung herzustellen. Auf seiten Gottes sind es die barmherzigen Werke, die Christus uns erwies, und seine Gleichnisse, in denen er zu uns als Mensch sprach. So näherte er sich dem Menschen als Mensch und sprach zu ihm wie der Freund zum Freunde. Auf seiten des Menschen besteht das positive Entgegenkommen in der bereitwilligen Anhörung der Worte Christi und der inneren Bildung der Seele. Diesen positiven Weg der Vorbereitung nennen die Mystiker den Weg der Erleuchtung.

Der Weg der Vereinigung ist dann der Abschluß aller Religion und Mystik, der auf Erden in der erhöhten Erkenntnis und Liebe Gottes besteht. --

Jeder Christ ist dazu berufen, den Reinigungsweg zu beschreiten. Reinigung von Sünden durch Selbsterkenntnis, Gewissenserforschung, Buße und Abtötung. Die zuvorkommende und erlösende Gnade Gottes ist die wirksame Hilfe, die den Christen auf diesem Wege unterstützt.

Die Mystiker kennen noch einen außergewöhnlichen Weg der Reinigung. Da sind bestimmte Menschen berufen, von außergewöhnlicher Gnade ergriffen zu werden. Sie werden durch natürlich unerklärliche Leidenszustände des Körpers und der Seele gereinigt, um auf weitere höhere Gnaden in der Erleuchtung und Vereinigung vorbereitet zu werden.

Warum sind hierzu nicht alle berufen? Das ist ein Geheimnis des unerforschlichen Ratschlusses Gottes. Wir fragen im einzelnen vergeblich: Warum gerade Abel und nicht Kain? Warum Abraham und nicht Lot? Warum Jakob und nicht Esau? Warum gerade Joseph? Warum Samuel? Warum David? Das einzige, was wir als Grund anführen können, ist: weil sich die Gnade hierin als solche offenbaren soll, nämlich ihr Charakter des gänzlich Unverdienten. Insofern sind jene ebengenannten Personen Vorbilder, und die späteren phänomenalen Mystiker Abbilder Jesu Christi, der nach rückwärts und nach vorwärts die Quelle aller unverdienten Gnaden ist.

Um anzudeuten, daß der Mensch solche außergewöhnlichen Gnaden nicht durch eigene ethische oder physiologische Aktivität hervorrufen kann, wird der außergewöhnliche Reinigungsweg auch der passive genannt. Selbstverständlich ist dadurch die aktive Mitwirkung des Mystikers nicht ausgeschlossen.

Diese passive Reinigung bereitet den Mystiker auf jene Ruhe vor, die notwendig ist, um die Seele mittels eines Grades süßer und sanfter Beschauung zu Gott zu erheben. ("Siehe, ich will sie an mich locken und in die Wüste führen und zu ihrem Herzen sprechen." Osee 2, 14.)

Durch die körperlichen Leiden ihrer Krankheit hat Therese Neumann offenbar die passive Reinigung der Sinne erlebt. Für diese Annahme spricht besonders der Umstand, daß sie während der Leiden einen starken Drang in der Seele verspürte, dieselben zur Reinigung der Seele zu benutzen. Zuerst war es mehr eine Erziehung, um leiden zu lernen. Daher bat sie anfänglich hier und da, daß die Leiden gemindert würden. Allmählich fand sie sich aber damit ab und später opferte sie alle Leiden auf.

Die passive Reinigung der Sinne ist auch mit vorübergehender sinnlich fühlbarer Trockenheit verbunden. Die Seele wird da jeder zufällig sinnlichen Andacht beraubt. Auch diese Trockenheit hat Therese durchgemacht. Ihre völlige Erblindung diente außerdem in außergewöhnlicher Weise der Vorbereitung auf tiefste innere Sammlung der Seele.

In der echten Mystik ist die Reinigung der Sinne stets mit der passiven Reinigung des Geistes verbunden. Sie besteht in einer Anhäufung geistiger Leiden, die dazu bestimmt sind, den Geist Gott ähnlich und gleichförmig zu machen, wie es eben die menschliche Schwachheit zuläßt. Trotz ernstlicher Liebe zu Gott verspürt da die Seele nicht das geringste Gefühl oder die leiseste Anlockung zu dem, was zur Ehre und zum Dienste Gottes gereicht. Sie sieht sich gefangen in Finsternis, Schwierigkeit und Widerwillen. Selbst wenn sie etwas Gutes tut und ihre Pflicht erfüllt, bemerkt sie es nicht. Es entstehen Entmutigungen, äußerste Betrübnis und eine Art innerlicher Todesqual. Hierdurch weden in der Seele letzte Hindernisse entfernt, um höchste Gnaden der Gottesvereinigung zu empfangen. Selbst aus dem Lager der eigenen Weltanschauung entstehen dem Mystiker Verkennung und scharfe Angriffe ("Da fanden mich die Wächter, die in der Stadt herumgehen. Die schlugen mich und verwundeten mich." Hohel. 5, 7.). Diese Erscheinungen hat der heilige Johannes vom Kreuz unter dem Namen der "dunklen Nächte" (Das Aufsteigen zum Berge Karmel. München 1924. Bd. II, 2. Von der dunklen Nacht des Geistes.) beschrieben.

Therese Neumann leidet unter dieser passiven Reinigung des Geistes hier und da bis auf den heutigen Tag. Dies ist ein Zeichen echter Mystik, in welcher der Reinigungsweg niemals ganz aufhört. Denn das ganze Leben des Mystikers ist eine ständige Höherentwicklung.

Kürzlich sah ich sie mit allen Zeichen des Mitgenommenseins nach einem solchen Zustande und sagte zu ihr: "Aber, Resl, du hast doch einen Trost während solcher innerer Todesqual. Du weißt doch, daß es immer wieder aufhört und dann der Heiland mit um so größerer Gnade dich erfreut." Sie antwortete: "Das ist es ja gerade, er nimmt mir auch diese Erinnerung." Dann sprach sie über jene Worte Christi auf dem Ölberge ("Mein Vater, ist es nicht möglich, daß dieser Kelch vorübergehe, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille." Matth. 26, 42.) und über seine Worte am Kreuze ("Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Matth. 27, 46.).

Die Mystiker zählen unter die passive Reinigung des Geistes auch die Belästigung der Seele durch Dämonen. Auch hierüber gab mir Therese aus ihrem Leben Aufschluß. Sie höre oft eine Stimme in feinem Hochdeutsch. Diese versuche sie, um Aufhören der Leiden zu bitten: "Schau', deine Leiden haben ja keinen Sinn. Schau', wenn er dich so quält, brauchst du nur zu sagen: ich mag nicht. Geh doch in die Kirche und sei wie die anderen Menschen. Falle nicht auf, er hat ja genug für dich gelitten."

Der Einfluß auf ihren eigenen Geist sei hierbei oft so stark, daß sie die stärkste Versuchung fühle, dem Folge zu leisten. Aber aus den weiteren Reden erkenne sie an den Widersprüchen, daß es sich um die Einflüsterung des Bösen handle. Besonders, wenn es plötzlich heißt: "Ach geh', der Angenagelte hat ja gar nicht gelitten, er hat nur so getan, damit die Menschen zu ihm kommen. Ha, ich habe ja doch die meisten."

Es scheint ein Gesetz zu sein, daß die Seelen, die zu außergewöhnlichen Gnaden und Erlebnissen emporgehoben werden, auch zugleich in einer höheren Region Versuchungen des gefallenen Geistes erleiden, wie ja auch der mit größeren Kraftmitteln ausgerüstete Krieger an die gefährlichsten Stellen des Kampfes gestellt wird. Aus diesem Grunde ist jeder Mystiker, mag er noch so fortgeschritten und heilig sein, stets in gleicher Gefahr, von der Höhe zu fallen wie jeder andere Sterbliche. Daher ist Vorsicht und Gebet jedem Mystiker gegenüber bis zu seinem Lebensende ein Werk der Nächstenliebe.

III.

Innere Worte und Visionen.

Erst wenn man längere Zeit Gelegenheit hatte, Therese Neumann täglich zu beobachten und zu sprechen, wird einem klar, wie deutlich in ihrem Leben die Worte eine Rolle spielen: "Die vom Geiste Gottes getrieben werden, sind Kinder Gottes" (Röm. 8, 14.). Ja in einem außergewöhnlichen Maße erfreut sie sich dessen, was die Mystiker "innere Worte" nennen. (Dieselben werden entweder durch den äußeren Gehörsinn oder durch die Einbildungskraft oder nur im Verstande vernommen; und in jeder Weise kann Gott unmittelbar selbst oder durch Engeldienst die Worte bilden. Vgl. Schramm, Theologia mystica. Paris 1848. Bd. II, § 538-547.) Sie hat außergewöhnliche innere Ansprachen und Antriebe. Das, was die klassischen Mystiker über die Echtheit der sogenannten "inneren Worte" angeben, ist nach meiner Beobachtung bei Therese zutreffend. Die inneren Ansprachen kommen bei ihr oft außerhalb der Ekstase und unverhofft. So unterbrach sie mich in einem Gespräch mit den Worten: "Sein's mal ruhig." Und dann schien sie auf eine innere Stimme zu lauschen. Ferner sind die inneren Worte ganz bestimmt und drängen sich mit außerordentlicher Kraft auf. So sagte sie zuweilen nach einer bestimmten Rede: "Dös hob i jetzt einfoch sog'n müss'n." Schließlich bewirken die inneren Worte jedesmal eine außerordentliche Sicherheit ihrer Seele. Auch konnte man aus dem ernsten Benehmen der Therese schließen, daß die inneren Worte sehr ehrfurchtgebietend wirken und in einem Augenblick unterrichten. Immer bewirken sie eine dauernde Erinnerung. Es ist mir aufgefallen, wie präzise sie noch nach längerer Zeit auf solche Worte zurückkommt. Niemals habe ich hierbei einen Widerspruch entdecken können.

Die inneren Worte, die sie empfängt, stammen nach ihren eigenen Angaben meistens von ihrem Schutzengel. Im natürlichen Zustande hört sie ihn an ihrer Seite sprechen. Ist ein Besucher in ihrer Nähe, so hört sie oft deutlich eine kurze Angabe über schwere Charakterfehler und Vergehen der Person, mit der sie spricht, oder eines Begleiters dessen, mit dem sie sich unterhält. (Der hl. Joseph von Copertino, die hl. Katharina von Siena, die hl. Magdalena von Pazzis besaßen diese Gabe so beständig, daß viele nicht zu ihnen zu gehen wagten, ohne vorher ihr Herz gereinigt zu haben. [Scaramelli, Unterscheidung der Geister. Regensb. 1861. Nr. 28.]) Die Schilderung ist ganz konkreter Art. Meist erfolgt dann auch von seiten des Engels der Auftrag, es zu sagen. Daher denn auch die Redensart der Therese: "I mußt es sagen, es drängte mi."

Einmal erhielt sie den Besuch einer Frau. Plötzlich sagte Therese während der Unterhaltung: "Das war aber net recht. Das dürfen's net wieder tun. Da haben's doch ein Bild der hl. Theresia vom Kinde Jesu hingeworfen und mit Füßen draufgetreten. I weiß schon, es war aus Zorn und Wut, weil's glaubten, umsonst gebetet zu haben, weil's net befreit wurden vom Ohrleiden." Die Betreffende war starr vor Staunen, woher Therese das wußte.

Auch von gewissen Situationen, die nicht in Ordnung sind, wird sie oft, wie sie selbst angibt, vom Schutzengel unterrichtet. So ist es z.B. nicht möglich, Therese Neumann zu photographieren, ohne daß sie es merkt. Professor Wutz ging mit ihr einst über die Staße. Sie schaute nur vor sich hin und sagte plötzlich: "Da will mich jemand photographieren." Und sie wies direkt nach links. Man konnte aber keinen Photographen sehen. Professor Wutz lief in die Richtung, die sie angedeutet hatte. In der Tat entdeckte er unter den Menschen einen jungen Mann, der sich an einem Photoapparat zu schaffen machte.

Während einer Missionspredigt sagte sie plötzlich zum Benefiziaten Härtl: "Jetzt muß i gehen." Sie verließ die Kirche durch die Sakristei und ging langsam in den Pfarrgarten. Eine Minute später erschienen drei Geistliche vom Kirchenschiff aus links um den Altar herum in der Absicht, die Mystikerin zu sehen. Sie waren mit ihren Begleitern zur Seitentür der Kirche hereingekommen und hatten sich durch die Menschenmenge hindurch in dieser Absicht zum Altar hinbegeben.

Auch manche Umstände, die der Therese zu irgendeinem Schaden gereichen könnten, werden nach dem einstimmigen Zeugnis ihrer nächsten Umgebung oft in unerklärlicher Weise zu ihren Gunsten verändert, ohne daß man bei strengster Prüfung irgendein Eingreifen von Menschenhänden nachweisen kann. Dies erinnert an legendäre Geschichten und Märchen. Hat man aber selbst solche Dinge erlebt, so wird man nachdenklich, zumal wenn man Therese in ihrer anerkannten Wahrheitsliebe und Sicherheit über diese Dinge sprechen hört. Sie redet dann stets von dem lichten Mann rechts neben ihr.

Sodann hat Therese Visionen. Ich habe im Laufe der Zeit mindestens 40 Visionen als Zeuge miterlebt. Sind diese Visionen nach den Grundsätzen der klassischen Mystiker als echt anzusprechen? Ich glaube, dies bejahen zu dürfen.

Erstens beginnt jede ihrer Visionen ohne irgendwelche vorhergehende Konzentration des Geistes oder Manipulation am Körper. Hier zeigt sich bereits ein wesentlicher Unterschied zwischen ihr und jenen Personen, die sich in einen Trancezustand versetzen wie wir ihn im magnetischen Somnambulismus der Medien oder im Autosomnambulismus oder im schwärmerischen Mystizismus sehen. Einmal versuchte Therese nach einer freudigen Vision, als sie Maria Magdalena in ihrer Felsenhöhle am Mittelmeer schaute, diese Vision später wieder herbeizurufen. Sie bat den Heiland, ihr noch einmal das Geschaute zu zeigen. Man forderte sie sogar auf, die Körperstellung, die sie bei der Vision hatte, wieder einzunehmen und in dieselbe Richtung zu schauen. Sie versuchte es in ihrer Sehnsucht. Aber nichts trat ein. Man sah ihr völliges Unvermögen, einen Trancezustand willkürlich herbeizuführen.

Ihre Vision beginnt sehr oft unmittelbar aus weltlichen oder religiösen Gesprächen heraus. Mit einem Ruck wird sie aus einer liegenden oder bequem sitzenden Stellung plötzlich emporgerissen. Man wird hierbei an das erinnert, was die Mystiker "Raptus" nennen. Sie wollen damit andeuten, daß der Mystiker ohne eigenes Zutun plötzlich wie von einer fremden Kraft aus seinem Milieu und eigenen Denkzustand herausgerissen, gleichsam geraubt wird.

Ein zweiter Unterschied besteht darin, daß sie während der Vision niemals eine exaltierte oder verkrampfte Stellung einnimmt, wie wir es in den obengenannten Fällen oder bei hysterischen Personen beobachten. Körperhaltung, Mimik und Geste sind bei ihr stets im wahrhaft religiösen Sinne ästhetisch und ungezwungen. Sie nimmt die Haltung eines kleinen Kindes an, welches sich, z.B. von der Mutter im Rücken gehalten, mit Armen und Beinen einem Gegenstand entgegenstreckt, für den es sich lebhaft interessiert.

Ein drittes Kennzeichen der Echtheit ihrer Visionen besteht darin, daß sie sich unmittelbar nach dem Aufhören derselben mit klarem Verstand und einfachen Worten über den Inhalt des Geschauten ausspricht. Ihr Geist erscheint neimals herabgedrückt wie der Geist der Somnambulisten nach ihrem Trancezustand. Thereses Aussagen besitzen unerschütterliche Sicherheit. Weder ein Kreuzverhör noch der Versuch, ihr etwas einzureden, haben bei ihr Unsicherheit oder Widersprüche hervorrufen können. Trotzdem hat ihre Sicherheit nicht den Charakter des Stolzes, sondern atmet Demut und Bescheidenheit. Sie ist allein von der Liebe zur Wahrheit und Ehrlichkeit beseelt.

Was viertens den Inhalt der Visonen betrifft, so widersprechen sich ihre einzelnen Visionen nicht und weichen niemals von den Grundlagen des Evangeliums und der christlichen Sittenlehre ab. Auch konnte man bis heute nicht bemerken, daß sie gegen Resultate wahrer Wissenschaft oder gegen die gesunde Vernunft verstoßen.

Es fällt auf, daß sie nach der Vision (Im Zustand der Eingenommenheit, siehe S. 48.) am liebsten vom Heiland spricht, und daß sie den Vorgang der ganzen Szene wie jemand berichtet, der religöse Betrachtungspunkte aufstellt. Sie wird unwillig, wenn man sie nach Dingen des Geschauten ausfragt, die Nebensächliches enthalten, z.B. nach Dingen der Kulturgeschichte, der Topographie und Philologie. So versuchte in meiner Gegenwart ein Professor als Exeget des Alten Testamentes und Kenner der Topographie Jersualems, über Treppeneingänge und Räume des herodianischen Tempels Therese zu befragen. Sie erwiderte abweisend: "Geh', was fragst denn nach den toten Steinen, die sind doch net mehr da." Aber der Herr Professor ließ nicht locker. Schließlich meinte sie: "Wart', i verklag' di beim Heiland, daß d' so müßiges Zeug fragst. I will vom Heiland reden." Am Ende gab sie aber doch die erbetene Auskunft. Dies geschah mit solcher Einfachheit, Sicherheit und Realistik, daß wir alle erstaunt waren. Der Fachgelehrte erklärte uns, daß ihre Aussage in der Tat in Lücken der bisherigen wissenschaftlichen Ergebnisse passe. Mit Recht betonte er jedoch, daß er als Wissenschaftler diese Erfahrungsquelle nicht benutzen dürfe.

Nach einer Vision, in der sie Maria und Joseph auf der Suche nach der Herberge geschaut hatte, fragte ich sie: "Wie war denn die Straßenbeleuchtung im nächtlichen Bethlehem?" Sie antwortete: "Dös wor'n so hohe Stangen, oben war ein Tuepf, darin brannte Pech."

In meiner Gegenwart sprach sie auch mehrere Male Worte aus, die ich nicht verstand, die jedoch Kenner als aramäische Dialekte bezeichneten. Sie versteht nicht die Sprachen, die sie in den Visionen hört. Erst seit kurzer Zeit kommt, wie schon gesagt, hier und da eine Ausnahme vor. Philologen haben aber seit längerem bereits festgestellt, daß lateinische, griechische und aramäische Worte, die Resl aufschnappte, behielt und später wiedergab, in der Tat jedesmal Dialekte sind und oft in keinem Wörterbuch sich finden lassen. Trotzdem könne man ihre Richtigkeit erschließen.

Wie es scheint, ist sie in ihren Visionen mit allen Sinnen tätig. Sie riecht die verschiedenen Gerüche und nimmt die Atmosphäre des Milieus wahr. Sie schilderte uns z.B. die Art des Duftes der Essenz, die Maria Magdalena über das Haupt des Heilandes ausgoß, und die andersgeartete Salbe, mit der sie die Füße des Herrn salbte. Hier offenbart sich nicht nur die Realistik der echten Visionen, sondern auch das, was die Mystiker die "mystische Sensivität" nennen. Nicht nur die Augen, sondern alle Sinne werden durch eine höhere Kraft von den Sinnesobjekten der geschauten Dinge affiziert.

Die allgemeine Wirkung ihrer Visionen ist eine offenbare Stärkung im Glauben und in der Liebe Christi, und zwar nicht nur bei der Visionärin selbst, sondern auch bei allen Zeugen. Somit halten die Visionen der Therese Neumann die Anwendung der Hauptkriterien für die Echtheit aus.

Jede einzelne Vision dauert etwa 5-10 Minuten, dann schließt Therese die Augen und sinkt wie von einer höheren Kraft verlassen zurück.

Der Gegenstand der Visionen ist entweder der Inhalt des Tagesevangeliums oder es sind Abschnitte aus dem Leben eines Heiligen oder Bilder eines Glaubensgeheimnisses entsprechend dem Festtage, an welchem die Vision stattfindet. Hiermit ist von den Visionen der Therese Neumann jene subjektive Phantasieausschweifung und Neuerungssucht ausgeschlossen, die wir in der unechten Mystik immer wieder antreffen.

Von dem Lichte, in welchem sie die Gegenstände der Vision schaut, behauptet sie, es sei ein anderes Licht als das Tageslicht der Sonne. Dieses sei dagegen sehr dunkel und gleichsam tot.

Außerdem schaut sie den verklärten Christus, reine Geister (also Engel), Seelen der Abgestorbenen in verschiedenartiger Lichtgestalt. Den Heiland sieht sie stets im stärksten Glanz. Christus, Maria und Elias schaut sie als Lichtgestalten, aber "aus Fleisch". Andere Seelen der Abgestorbenen schaut sie nur als Lichtgestalten, aber in einem verschiedenen Weiß, das bis zum trüben Grau verdunkelt wird. Hieran erkennt sie die verschiedene Reinheit jener Seelen. Die Engel schaut sie jedesmal in sehr hellen, aber undeutlichen Lichtgestalten.

Daß sie nur an bestimmten Festtagen bestimmter Heiliger von diesen eine Vision hat, davon vermag sie zwei Gründe anzugeben: Die einen Heiligen schaut sie wegen ihrer innigen Beziehung zum Heiland, z.B. Maria Magdalena und Martha. Andere Heilige schaut sie, weil sie in ihrem Leben gerade diese Personen besonders verehrt und anruft. So ruft sie zum Beispiel den hl. Franz von Sales oft wegen ihres leicht heftigen Temperamentes an.

Wenn sie bei Todesfällen zugegen ist, schaut sie die Seele des Verstorbenen in dem Augenblicke, da sie vor das besondere Gericht kommt.

Sehr interessant war es mir zu hören, daß sie bei ihrer Vision der Verklärung Christi die dort anwesenden Personen in verschiedenem Lichte schaut. So sieht sie den verklärten Heiland in höchstem Glanz. Die Erscheinung des Elias in einer Lichtgestalt, die, wie sie sagt, einen festen Umriß hat, Moses dagegen schaut sie als weiße Lichtgestalt ohne festen Umriß, die drei Apostel: Petrus, Jakobus und Johannes dagegen nur vom Visionslicht beleuchtet. Diese ihre Erzählung erinnert mich an die Erklärung, die Thomas von Aquin zur Verklärung Christi gibt. Er sagt, daß dort alle Orte mit Repräsentanten zugegen sind. Der himmlische Ort mit dem verklärten Christus, der paradiesische Ort mit dem Elias, der dem Leibe nach zum Himmel gefahren ist, also bereits einen verklärten paradiesischen Leib besitzt, der Ort der abgeschiedenen Seelen mit der Seele des Moses und schließlich der Ort der Erde mit den drei Aposteln. (In Matthaeum Evangelistam Expositio, cap. 17 [Notate quod Christus etc.].)

Der Weg der Erleuchtung.

Der Weg der Erleuchtung ist der Zustand der Fortschreitenden, die alles anstreben, was die Erkenntnis und Liebe im Göttlichen vermehrt. Auch zu diesem Wege ist jeder Christ berufen. Durch Lesen der Hl. Schrift und Anhören der Predigt soll der Verstand erleuchtet werden. Durch Meditation und affektives Gebet (Die Meditation wird zum affektiven Gebet, "wenn die Affekte, die Herzensergießungen recht zahlreich sind oder viel mehr Zeit beanspruchen, als die Erwägungen und Schlußfolgerungen". Poulain, Fülle der Gnaden, Freiburg 1909, I, Kap. 2.) soll der Wille gute Entschlüsse fassen, um in der Tugend voranzuschreiten und sich so vorzubereiten für die Liebesvereinigung mit Gott.

Der außergewöhnliche Weg der Erleuchtung besteht darin, daß der Mensch ohne sein Zutun plötzlich von einer außergewöhnlichen Gnade erfaßt wird. Die inneren Ansprachen, die Therese Neumann in der Seele erfährt, und die Visionen, in denen sie den Inhalt der christlichen Lehre wie in einem stärksten Anschauungsunterricht betrachtet, lassen uns vermuten, daß sie sich hier auf dem außergewöhnlichen Wege der Erleuchtung befindet.

"Resl macht Fortschritte", bemerkte einmal der Pfarrer. Sie dringt in der Tat bei jeder Vision, die sich im nächsten Jahr wiederholt, immer tiefer in den religiösen Sinn des Geschauten ein. Das merkt man deutlich, wenn sie nach der Vision über das Geschaute spricht. Erst kürzlich schrieb mir Pfarrer Naber in einem Brief u.a., daß Therese auch beginne, in der Vision die sprechenden Personen zu verstehen, als sprächen sie deutsch. Ein inneres Licht scheint sie also bei der Vision in immer stärkerem Maße zu erleuchten. Wie im vollendeten Unterricht wird sie also vom Bekannten zum Unbekannten, vom Leichten zum Schweren langsam fortgebildet. Hier offenbart sich der pädagogische Charakter, der den Erleuchtungsweg der echten christlichen Mystik kennzeichnet. Letzter Zweck aller inneren Worte und Visionen ist das Wachsen in der Erkenntnis und Liebe des Göttlichen. Wieder ein wesentlicher Unterschied zwischen echter und unechter Mystik. Bei jeder Schwärmerei handelt es sich um Spielereien der Neugierde und Haschen nach magischen Erkenntnissen, die den Geist des Schwärmers so leicht mit Dünkel und Stolz erfüllen.

Daß die Pädagogik der eigenen Belehrung des Mystikers meist den weiteren Zweck hat, nun auch noch andere in der Lehre Christi zu unterweisen, wird später (Siehe S. 75.) dargelegt.

Was die Erleuchtung durch Engel betrifft, ist noch folgendes zu sagen:

Leser, die keine Kenntnis von den Darlegungen des hl. Thomas über die Existenz der Engel und ihre Beziehung zu den Menschen besitzen und die selbst nicht Zeugen solcher Vorgänge gewesen sind, können leicht auf den Gedanken kommen, ob es sich hier nicht doch um Täuschungen handle, und wie man denn zur Sicherheit hierüber gelangen könne. Darum will ich kurz einige Grundsätze angeben.

Die Hl. Schrift berichtet von der Existenz der Engel, und daß sie zuweilen Menschen erscheinen und zu Menschen reden. Die Lebensbeschreibungen der Heiligen sind voll von Berichten, daß Menschen hier und da Worte des Engels vernehmen. Das Sprechen der Engel kann man sich nun entweder vorstellen als ein Einprägen von Ideen im Geiste oder als ein Hervorrufen von Phantasiebildern oder auch als ein Berühren des Gehörsinnes. Wie dies genau zugeht, werden wir wohl nie feststellen können. Trotzdem gibt es bestimmte Regeln, nach denen man erkennen kann, ob die Behauptung eines Mystikers wahr ist, daß seine inneren Worte von Gott oder von einem Engel kommen. Die Unterscheidung von Einbildungen läßt sich wie immer in solchen Fällen aus den Wirkungen erkennen (Vgl. Vallgornera, Mystica Theologia Divi Thomae, Turin 1924, I, n. 748-755 [de divinis locutionibus].). Entsprechen die inneren Worte stets der objektiven Wahrheit und den tatsächlichen räumlich entfernten oder zukünftigen Ereignissen, so kann man schlecht von Einbildungen reden. Beziehen sich ferner alle Vorfälle auf den echten religiösen Lebenswandel des betreffenden Mystikers und zeigen sich an diesem noch andere auf Gott hinweisende Phänomene, so liegt kein Grund vor, diese durch die Geschichte so häufig bezeugten Vorfälle deshalb zu verwerfen und zu beargwöhnen, weil man selbst diese Gunst oder Gabe nicht besitzt. Das einzige ist, einen solchen Mystiker weiter bis zu seinem Lebensende zu beobachten und aufzupassen, aus welcher Quelle solche Berichte stammen. Einstweilen habe ich in Konnersreuth betreffs dieser Angelegenheit nichts Verdächtiges wahrgenommen, und auch Therese Neumann sowie die beiden Ortsgeistlichen und die Eltern erscheinen mir bis heute als durchaus einwandfreie Zeugen.

Außerdem kommt es mir hier in erster Linie darauf an, die Fakta von Konnersreuth darzustellen, und nicht so sehr, spekulative Beweise zu führen.

IV.

Kontemplation und Liebesekstase.

Als wir einst über das Gebet sprachen, äußerte Therese: "I kann schon gar net mehr das Vaterunser beten, bei der dritten und vierten Bitte packt's mi glei." Der Pfarrer erklärte mir später, sie komme eigentlich nie über die Bitte hinaus: "Unser täglich Brot gib uns heute". Es beginnt nämlich plötzlich bei ihr das, was die Mystiker das Gebet der Ruhe (Scaramelli, Mystische Theologie. Regensburg 1855. II, 1. Kap. 5.) oder auch Kontemplation (Saudreau, Das beschauliche Leben nach den großen Geisteslehrern. Graz 1908.) nennen, also hier eine Kontemplation des Mysteriums der Hl. Eucharistie (Abendmahl). Es kommt auch vor, daß sie beim Sprechen oder Nachdenken über göttliche Dinge plötzlich ruhig und unbeweglich dasitzt. Ihr Gesicht bekommt einen tiefernsten oder verklärten Ausdruck, unvergeßlich, wenn man ihn einmal gesehen hat. Dabei bleibt ihr Körper normal, behält die natürliche Elastizität und Körperwärme. Einmal äußerte sie über diesen Zustand: "O, do kann i nix mehr seh'n, do kann i nix mehr hör'n, do kann i nix mehr denk'n, do kann i nix mehr tun, als den Heiland gern hobn."

Die Mystiker unterscheiden in der Kontemplation verschiedene Grade. Die hl. Theresia von Jesu (Seelenburg, Werke. Regensburg 1869. Bd. 3.) und der hl. Johannes vom Kreuz haben dieselben mit größter psychologischer Feinheit auf Grund eigener Lebenserfahrung (Mystik ist ein experimentelles Verkosten Gottes.) in ihren klassischen Schriften beschrieben.

Als ich von Therese erfahren wollte, ob sie sich solcher Grade des mystischen Gebetes in der Vereinigung mit Gott bewußt sei, antwortete sie: "I schau manchmal a Licht, da ist gar keine Gestalt zu sehn, und dös ist so unsagbar schön, daß man glaubt, man könnt net mehr am Leben bleib'n." Ob sie hiermit die Erscheinung eines Engels oder den Zustand einer intellektuellen Vision angedeutet hat, kann ich nicht sagen. Denn auf mein näheres Befragen brach sie das Gespräch ab. Sie mag nicht gern über solche Zustände aus ihrem eigenen Leben in den technischen Ausdrücken der mystischen Theologie reden. Als wir uns einst über jenen Zustand unterhielten, den Theresia von Jesu "mystische Vermählung und Ehe" (Seelenburg, 7. Wohnung.) nennt, äußerte sie ihren Unwillen über solche Ausdrücke. Es stieß sie offenbar ab, sich mit ihrem Heiland vermählt zu wissen oder sich als seine Braut zu fühlen, da sie ja stets das kindliche Verhältnis zum Heiland betont. Hier liegt vielleicht nur eine Differenz des Ausdrucks zugrunde, weniger ein sachlicher Unterschied. Fest steht jedenfalls, daß sie sich wie jeder gesunde Mystiker immer noch in der Entwicklung befindet. Ich verstehe gut, daß sie über ihren augenblicklichen Vollkommenheitsgrad nicht reflektieren mag. Es wird nicht nur Demut sein, sondern auch ein Antrieb des Hl. Geistes, der verhindern will, daß sein Werkzeug befangen wird, sich zu sehr selbst beschaut und anfängt, sich mit anderen Mystikern oder gar Heiligen zu vergleichen.

Erzählt man ihr etwas aus dem Inhalt ihrer Visionen oder erzählt sie selbst etwas davon, was sie sehr erfreut, so kommt es vor, daß sie plötzlich unter einem Seufzen, oder indem sie sich an die Herzgegend faßt, in sich zusammenfällt. Ihr Gesicht wird totenbleich und eingefallen. Es zeigen sich alle Zeichen eines Menschen an ihr, der im Sterben liegt. Ich war zweimal Zeuge dieses Vorgangs.

Das eine Mal sprach sie -- wir saßen beim Pfarrer zu Mittag -- ihre Freude aus, daß sie die Seelen der in Bethlehem ermordeten Kinder wie Lichtgestalten sich von den Körpern lösen sah. "Sie gingen zum Heiland, o, wie kann i dös nur den Müttern sog'n, damit sie sich auch freu'n, denen ist's so hart." Dann fiel sie in sich zusammen. Wir waren bei dem Anblick ergriffen und geängstigt. Der Pfarrer blieb ruhig. Er kannte schon diesen Zustand. Nach drei Minuten schien ihr besser zu werden. Es war, als schliefe sie nun fest (Stärkungsschlaf im Zustand der erhobenen Ruhe, siehe S. 66.). Plötzlich wurde ihr Gesicht wieder voll, bekam frische Farbe. Ihre Schultern wurden breit. Sie schlug die Augen auf, erhob sich mit einem kräftigen Ruck, blickte auf den Eßtisch und sagte mit fester Stimme: "Do hob'ns ja noch net die Supp'n." Sie lief in die Küche, erschien gleich wieder mit der schweren Suppenterrine, stellte sie auf den Tisch und teile den erstaunten Gästen aus. Einer fragte: "Resl, was war denn eben, was hast denn gehabt?" Sie hielt inne, sann einen Augenblick nach und sagte lächelnd: 'I kann mi schon gar net mehr freu'n. Die Freude kommt mir ärger an als das Leiden." Dann sprach sie wieder munter und heiter von anderen Dingen.

Ein andermal erzählte mir der Pfarrer in ihrer Gegenwart, wie sich in einer Vision das Christkind, welches die Mutter durch die Dienerschaft und Tiere der heiligen drei Könige führte, plötzlich zur Resl umgewandt und ihr den Arm entgegengestreckt habe. In diesem Augenbllick wurde der Pfarrer von einem Seufzen der Therese unterbrochen. Sie fiel in sich zusammen und zeigte denselben Zustand. Später erzählte mir der Pfarrer, daß sie vor kurzem bei einem solchen Vorfall einen starken Blutverlust gehabt habe. Aus ihrer Seitenwunde unter dem Herzen (Siehe S. 34.) sei ein Schuß Blutes in dem Augenblick ausgestoßen worden, als er ihr eine Unterredung zwischen Jesus und Johannes erzählt habe. Sie hatte diese Szene in der Vision geschaut und der Pfarrer hatte den Bericht beim Zustand der erhobenen Ruhe (Siehe S. 66.) aufnotiert.

Man darf nur mit großer Vorsicht von der Wiederkunft Christi zum Gericht sprechen, denn sie empfindet so große Freude, daß dasselbe eintritt, was oben beschrieben ist (Vgl. S. 51, die Berührung einer Kreuzreliquie.). Von ihren Ekstasen beim Empfang der Hl. Kommunion ist später eingehend die Rede (Siehe S. 87.)

Offenbar hat sie also das, was die Mystiker in bezug auf den Verstand Kontemplation und in bezug auf Verstand und Willen Ekstase nennen.

Der Weg der Vereinigung.

Der Weg der Vereinigung wird von den Mystikern als Endziel der beiden anderen Wege der Reinigung und der Erleuchtung beschrieben. Alle Aszese und Betrachtung gehen schließlich nur darauf aus, eine Liebesvereinigung mit Gott herbeizuführen. Ist der Weg der Vereinigung beschritten, so ist damit nicht gesagt, daß die vorhergehenden Wege vollends verlassen sind. Sie müssen immer wieder von Zeit zu Zeit beschritten werden, um auf dem Wege der Vereinigung eine weitere Höhe zu erreichen.

Auch hier gibt es wieder einen gewöhnlichen Weg der Vereinigung, zu dem jeder Christ berufen ist. Die drei christlichen Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe, werden durch die Sakramente wie Samenkörner in die Seele des Empfängers gesenkt. Das genügt aber noch nicht für die lebensvolle Vereinigung der Seele mit Gott hier auf Erden. Auf den Wegen der Reinigung und Erleuchtung soll der Christ zur Anwendung der sogenannten sieben Gaben des Hl. Geistes gelangen. ("Und der Geist des Herrn wird auf ihm ruhen, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit, und der Geist der Furcht des Herrn wird ihn erfüllen." Isaias 11, 2-3.)

Während die Tugenden den Menschen vollenden, insoweit er geeignet ist, von der eigenen Vernunft aus in Tätigkeit gesetzt zu werden, vollenden die Gaben des Hl. Geistes den Menschen, auf daß er in der gehörigen Verfassung sei, von Gott durch das Wehen des Hl. Geistes in Bewegung gesetzt zu werden. Diese Gaben sind dem Christen notwendig, weil Glaube, Hoffnung und Liebe (in dem obengenannten Sinne) nur unvollkommen Vernunft und Willen informieren (Thomas v. Aquin, Summa theol. 1-II, qu. 68, a. 1 u. 2.). Es ist für die augenblicklichen Umstände und Gelegenheiten des täglichen Lebens, für plötzlich entstehende hohe Entscheidungen ein weiterer Antrieb des Hl. Geistes notwendig. Die sieben Gaben des Hl. Geistes machen für diesen Antrieb empfänglich.

Aus diesen Gaben entwickelt sich das kontemplative Leben des Christen. Zu dieser Mystik sind alle Gläubigen berufen. Hiervon handeln die mystischen Schriften eines Makarius und Bernard, Bonaventura und Tauler, Suso und Ruysbroeck.

Der außergewöhnliche Weg der Vereinigung wird nur einzelnen Seelen zuteil, die berufen sind, entweder das gänzlich Unverdiente der göttlichen Gnade zu offenbaren oder auf außerordentliche Weise die christlichen Tugenden in andern zu bestärken. Die großen klassischen Schriftsteller der Mystik erklären das Wesen der außergewöhnlichen Kontemplation oder christlichen Mystik in folgender Weise:

Es gibt ein vierfaches geistiges Licht des Verstandes: Erstens das rein natürliche Licht der Vernunft. Durch dieses erhebt sich der Mensch durch Betrachtung der irdischen Dinge bis zum höchsten Gipfel der Philosophie und irdischen Weisheit. So kann er, wenn auch beschwerlich, zur Erkenntnis des Daseins Gottes und der göttlichen Eigenschaften gelangen. Durch die Gnade erhalten wir zweitens das übernatürliche Licht des Glaubens, indem der von Gnade erfaßte Wille die Vernunft hinneigt, das von Christus Geoffenbarte und Verheißene für unbedingt wahr und sicher zu halten. Durch dieses Licht kann der Mensch zu einer Freundschaft mit Gott schon auf Erden gelangen. Wenn er treu ist, wird er jene Seligkeiten vorausgenießen, die Christus in der Bergpredigt verkündigt. Das ist der gewöhnliche Weg der Vereinigung, zu der jeder berufen ist. Das Licht des Glaubens soll unseren Geist auf Erden vorbereiten für den jenseitigen Empfang eines dritten Lichtes, des Lichtes der Glorie. Durch dieses Licht sollen die Seligen in der Anschauung Gottes Gott erkennen, wie er in sich ist, und durch sein Wesen alles andere. Das ist das höchste Licht, das der Mensch mit Gottes Hilfe im Jenseits erreichen kann. Nun gibt es noch ein viertes Licht, welches sich gewissermaßen in der Mitte befindet zwischen dem Dämmerlicht des Glaubens und der Tageshelle der Glorie. Das ist das Licht der mystischen Kontemplation. Gänzlich unverdient wird es den meist schon von Kindheit an dazu Berufenen von Gott eingegossen. Es ist beinahe der Himmel auf Erden, den Paulus erlebte. ("Ich kenne einen Menschen in Christo. Vor vierzehn Jahren, ob mit dem Leibe, ich weiß es nicht, ob außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es, war derselbe entrückt bis in den dritten Himmel ... und hörte geheime Worte, die ein Mensch nicht aussprechen darf." 2. Kor. 12, 2-3. Daher vielleicht das Wort Mystik vom Griechischen muw = Schließen des Mundes.)

In dieser Kontemplation, die ein außergewöhnliches Erfahren des Göttlichen ist, besteht das eigentliche Wesen der christlichen Mystik. Der Akt der Kontemplation bleibt jedoch nicht im Verstande allein, sondern geht in den Affekt über und entzündet im Willen ein göttliches Feuer. In diesem Feuer der Liebe übersteigt der Wille die Verstandestätigkeit an Intensität. Der liebende Wille formt dann den Intellekt zu noch höherer Erkenntnis des Göttlichen um. Daher schließt das Wesen der Mystik drei Momente in sich: Durch die Gnadengabe der Weisheit entsteht im Verstande die Kontemplation des Göttlichen. Diese führt durch experimentelles Verkosten des Göttlichen im Willen eine starke Liebe herbei. Und durch die Liebesvereinigung entsteht nun drittens die erhöhte Kontemplation. Daher ist jede echte Mystik ein Wissen um Gott, welches aus einem Genießen Gottes hervorgeht. (Antonius a Spiritu S., Directorium mysticum, Paris 1904. I n. 7-11.)

Auf dem außergewöhnlichen Wege der Vereinigung ist dieser Vorgang durch außergewöhnliche Gnaden verstärkt, nähert sich im höchsten Grade der seligen Anschauung, wird jedoch auf Erden höchstens vorübergehend zu derselben. (Wie es Thomas v. Aquin bei Moses und Paulus annimmt.)

So gibt es denn eine außergewöhnliche Kontemplation, die kein Mensch durch noch so treues Mitwirken mit der Gnade Gottes erreichen kann, wenn er nicht zur außergewöhnlichen Mystik berufen ist. Therese Neumann scheint seit frühester Jugend diese Kontemplation besessen zu haben.

In bezug auf den Willen besteht der außergewöhnliche Vereinigungsweg in der Ekstase. Der Mystiker gerät im wahren Sinne des Wortes außer sich. Jede Liebe ist ja schon eine Art Ekstase, indem nach Plato der Liebende in den Geliebten hineingezogen wird und so außer sich gerät. (Fahsel, Ehe, Liebe und Sexualproblem. S. 41 f. Freiburg 1931.) Wird nun die Kraft der Liebe übermenschlich, so scheint sich die liebende Seele gewissermaßen von ihrem Körper etwas zu trennen. Dann hört die Reaktion der Sinne auf äußere Einflüsse auf. Der Körper äußert Zeichen des Todes, und doch ist es kein Tod.

Aber selbst in den Ekstasen hört die Verstandestätigkeit des Mystikers nicht auf. Sie wird nur von der Betrachtung der ihrer Natur entsprechenden Objekte abgezogen, um auf Höheres gehen zu können. Wenn daher die Mystiker von der "Finsternis des Geistes" sprechen, so meinen sie damit jenes übergroße Licht, welches zwischen dem Glaubenslicht und der Glorie strahlt und den natürlichen Geist des Menschen ähnlich blendet, wie die Sonne das Auge der Nachteule. Reden sie vom "Schweigen" ihrer natürlichen Kräfte, so meinen sie damit das Aufhören der Seelentätigkeit nach unten. Reden sie von der "Entichung" und "Selbstvernichtung", so denken sie daran, daß sie in der Liebesvereinigung mit Gott sich selbst vergessen und alle Kreatur.

Auf Grund der bisher beschriebenen mystischen Zustände der Therese Neumann möchte ich sie für eine echte Individualmystikerin halten, wenn man diesen Ausdruck prägen darf. Er soll besagen, daß sie in ihrem persönlichen individuellen Leben in einer engsten, dauernden Liebesvereinigung mit Jesus Christus lebt. Wenn auch nichts anderes in Konnersreuth vor sich gehen würde als das, was ich bisher geschildert habe, so wäre der Fall Therese Neumann ein Fall echter Mystik. Ich wende mich nun zu jenen Phänomenen, die Konnersereuth seinerzeit zu einer Sensation der Weltpresse gemacht haben.

V.

Die Stigmatisation.

In der Nacht vom Donnerstag, den 4., zum Freitag, den 5. März 1926, begann bei Therese Neumann im Verlaufe ihrer Visionen des Leidens Christi das Phänomen der Stigmatisation. Die Stigmen traten nacheinander auf und haben sich mit der Zeit vermehrt und dauern bis heute an. Die einzelnen Stigmen beschreibe ich im folgenden in Verbindung mit der Blutung am letzten Karfreitag, an welchem man Therese Neumann beobachtet hat.

Die Leidensvision beginnt Gründonnerstag abends ungefähr um 10 Uhr. Schaut sie den Heiland bei seinem ersten Beten auf dem Ölberge, so tritt bei ihr die Gabe der Tränen auf. (Die Gabe der Tränen äußert sich bei den Mystikern entweder im Beweinen der eigenen Unvollkommenheit oder im Schmerze bei Betrachtung der Leiden Christi. So begann Therese auch heftig zu weinen, als bei einer Predigt von der Unschuld und den Leiden des Heilandes die Rede war. Auch bei unseren Unterhaltungen kamen ihr des öfteren die Tränen, wenn die Rede zufällig auf ein ähnliches Thema kam. Sonst im Leben ist sie durchaus nicht empfindsam oder rührselig. Um so mehr wirkt das plötzliche Auftreten der Gabe der Tränen. In einem ganz besonders starken Maße besaß der hl. Ignatius von Loyola die Gabe der Tränen. [Vgl. A. Feder S. J., Aus dem geistlichen Tagebuch des hl. Ignatius v. L. Regensburg 1922.]) Aus den Augen laufen reichlich die Tränen, ohne daß sie schluchzt. Beim zweiten Beten des Heilandes beginnt das Augenbluten. Im Augenlid beobachtet man plötzlich einen roten Blutstropfen. Das Weinen der Tränen hört auf. Die unteren Ränder der Augenlider füllen sich immer mehr mit Blut. Bald rollt Blutstropfen über Blutstropfen über die Wangen, trocknen ein und setzen sich fest. Nach einiger Zeit haben sich auf den Wangen des Mädchens zwei breite Blutbahnen gebildet. Am Vormittag des Karfreitags erblicken sämtliche Besucher diese Blutstreifen. Sie vergießt also, wie die Dichter es bildlich sagen, tatsächlich "blutige Tränen". Das Bluten der Augen trat zum erstenmal am Karfreitag 1926 auf.

Beim dritten Beten des Heilandes auf dem Ölberg beginnt das Bluten ihres Herzens. Sie besitzt auf der rechten Seite eine schrägstehende große Seitenwunde. Diese entstand in der Nacht vom 4. zum 5. März 1926 zur gleichen Zeit, als sie in einer erneuten Vision Christus auf dem Ölberg erblickte. Sie fühlte plötzlich auf der linken Seite am Herzen einen Schmerz von solcher Stärke, daß sie meinte, sie müsse sterben. Gleichzeitig begann auf der rechten Seite das Blut herunterzurinnen.

Im Zustand der Eingenommenheit erzählte sie vom ersten Empfang der Seitenwunde folgendes: "Ich sah den Heiland auf dem Ölberge im Gebet Blut schwitzen, da sah er mich auf einmal gütig an. Und im selben Augenblick war es mir, als wäre ein scharfer Gegenstand in meine Seite gestoßen und wieder herausgezogen." Die Seitenwunde blutet bis Freitag fort und beginnt dann zu versiegen. Nach den Karfreitagsvisionen sind stets mehrere dicke Wattebäusche vollkommen blutgetränkt.

Nach Angabe der Ärzte hat die Seitenwunde einen Durchmesser von etwa drei und ein Drittel Zentimeter. Therese behauptet, die Seitenwunde durchdringe ihr Herz. Das ist wohl auch die Ursache, daß sie bei einer stärkeren körperlichen Anstrengung im natürlichen Zustande oftmals einen Schwächeanfall erhält. Ich war dabei, als sie gelegentlich einer Maurerarbeit in ihrem Zimmer die schweren Seitenteile ihres Bettes aus dem Zimmer trug. Sie griff überall mit an. Der Pfarrer verwarnte sie. Aber Resl in ihrer natürlichen Schaffenskraft und Arbeitsfreude blieb unvorsichtig. Plötzlich wurde sie blaß und ließ sich auf eine kleine Fußbank nieder. Sie schien einer Ohnmacht nahe. Der Pfarrer beugte sich über sie und sagte besänftigend: "Der liebe Heiland wird schon helfen. Es wird schon gut werden. Lieber Heiland, hilf!" Resls Wangen röteten sich wieder. Kindlich dankbar schlug sie die Augen auf und seufzte: "Es ist schon wieder gut. Es war das Herz." Ein andermal wollte sie zeigen, wie sie noch den Dreschflegel handhaben könne. Aber bei dem vierten Schwung wurde sie schwach und wies wieder auf das Herz.

Schaut sie in einer neuen Vision kurz nach Mitternacht, wie der Heiland auf dem Ölberg gebunden wird, so beginnen die Handstigmen zu bluten. Man beobachtet auf der Oberfläche der Hand ein trichterförmiges viereckiges Loch, angefüllt von dunklem, geronnenem Blut. Die Blutkruste zeigt seit letzter Zeit eine gewisse Erhöhung auf der Oberfläche. Auch hat sie das Gefühl, als ob "in den Stigmen etwas drinsteckt". In der Tat beobachtet man seit kurzem in dem Stigma die Bildung eines Gewächses von festem Fleisch, welches in der Handfläche wie in einem Stumpf auszugehen scheint, während es auf der Oberfläche der Hand mehr die Form eines Nagelkopfes zeigt. Hier scheint aus dem negativen Stigma allmählich ein positives zu werden, wie wir es vom hl. Franz von Assisi hören, der nicht nur die Wundmale des Herrn, sondern auch eine Abbildung der Nägel erhalten hatte.

Über die Kruste hin zieht sich ein feines, durchsichtiges Häutchen mit Nerven, scheinbar die oberste Schicht der Epidermis. Plötzlich bemerkt man, daß die Stigmen heller werden. Durch die feine Haut hindurch sieht man, wie sich das dunkle Blut rötet und flüssig zu werden scheint. Nun stößt das Blut mehrere Male gegen die feine Haut, bis dieselbe zerreißt. Schwere Blutstropfen laufen von Zeit zu Zeit über Handfläche und -rücken zum unteren Handgelenk und von da den Arm entlang bis zum Ellbogen, da sie die Arme etwas erhoben hält. Das Innenstigma der Hand erscheint viel kleiner als die Außenwunde. Die Handstigmen erschienen zum erstenmal als Wunde auf dem Handrücken am Freitag vor Karfreitag 1926. Die erste völlige Durchbohrung der Hände geschah am Karfreitag 1927. Therese berührte damals im darauffolgenden Zustand der Eingenommenheit (Siehe S. 48.) ihre Handstigmen und sagte: "Dös mag i net, do is so naß drin."

Die Stigmen an den Füßen beginnen zu bluten, wenn sie in einer erneuten Vision schaut, wie der Heiland gefangen genommen den Ölberg verläßt. Auf der Oberfläche der Füße ist das Stigma viel größer wie auf den Handoberflächen. Der untere Rand des Fleisches ist etwas aufgeworfen. Trotz der Fußstigmen vermag sie an anderen Tagen, falls nicht besondere Schmerzen der Stigmen überhaupt vorliegen, gut und schnell zu gehen. Man hat ihr besondere Schuhe anfertigen lassen.

Wenn sie die Dornenkrönung des Heilandes schaut, erhält sie am Hinterkopf acht kleine Wunden, die auf ihrem Kopftuch acht große Blutflecken absetzen. Diese Kopftücher zeigen immer wieder denselben großen Halbkranz. Deutlich heben sich acht kleinere und dunklere Stellen erhöhten geronnenen Blutes auf dem Kopftuch ab, die andeuten, daß die Kopfstigmen immer in gleicher Zahl auftreten.

In den darauffolgenden Zuständen der Eingenommenheit faßt sie sich ab und zu an den Kopf, als wollte sie aus den Kopfwunden etwas herausziehen. Sie hat die Empfindung, wie wenn Dornen in den Kopfwunden stecken. Die Kopfstigmen traten zum erstenmal am Herz-Jesu-Freitag, den 5. November 1926, auf; die offensichtliche Blutung dagegen am Freitag, den 19. November 1926.

Schaut sie die Geißelung des Heilandes, so erhält sie über Rücken und Brust hin starke Geißelungsstriemen, die Blut am Hemd absetzen. Das Auftreten dieser Striemen ist eine Erscheinung jüngeren Datums. Karfreitag 1929 war man erstaunt über die Stärke derselben.

Sieht sie den Heiland drei zusammengebundene Balken ein Stück des Weges hinauftragen, so erscheint auf ihrer rechten Schulter eine schwere blutige Druckbrandstelle. Damit ist die Stigmenerscheinung bis heute erschöpft.

Wie die Blutungen der einzelnen Stigmen an bestimmte Tage des Kirchenjahres gebunden sind, wird in einem späteren Kapitel beschrieben. (Siehe S. 112.)

Während der Leidensvisionen sieht sie in den natürlichen Zwischenzuständen vor Schmerz nichts mehr. Sie hat oft unter furchtbarer Hitze zu leiden. Es ist eine Art Wundfieber. Oft will sie das Oberbett zurückschlagen. Die Hitze scheint auch ihren Grund in einer Art von Stoffverbrauch zu haben, der eigentlich durch Nahrung ersetzt werden müßte. Auch an anderen Tagen hat sie meist heiße Hände. Ist sie während der Leidensvision ganz erschöpft vor Schmerzen, so tritt oft ein stärkender Schlafzustand ein. (Siehe S. 66.)

Am Freitag mittag gegen ¾1 Uhr hören die Leidensvisionen auf. In der letzten Vision schaut sie den Tod Christi. Hierbei erhält ihr Gesicht Leichenfarbe. War es schon vorher weiß und hager, so wird es jetzt grünlich und lang. Wie tot fällt sie zurück. Dieser totenähnliche Zustand dauerte, als ich dabei war, ungefähr fünf Minuten. Eine ärztliche Untersuchung in früherer Zeit stellte während dieses ganzen Zustandes ein völliges Aufhören der Herztätigkeit fest. Kommt sie bald darauf in den sogenannten Zustand der Eingenommenheit (Siehe S. 48.), so fühlt sie mit Erstaunen das Blut der Stigmen. Sie kann sich nicht erklären, was das ist. Will die Mutter nun das Blut abwaschen, so fragt Therese: "Was dös ist?" Man beruhigt sie dann mit den Worten: "Geh, Resl, schau, der Heiland will, daß du abgewaschen wirst." Diese Prozedur scheint ihr, besonders in der Fastenzeit, unsagbaren Schmerz zu bereiten. Tritt dann der erwähnte stärkende Schlafzustand ein, so kann sie schmerzlos abgewaschen werden.

Von der Stigmatisation ist im allgemeinen folgendes zu sagen:

Bis jetzt kennt die Geschichte der katholischen Mystik 327 stigmatisierte Personen, darunter 42 Männer. Im 19. Jahrhundert lassen sich 29 Personen feststellen. (Imbert-Goubeyre, La stigmatisation et l'extase divine, Paris 2 vol. 1894.)

Sämtliche sitgmatisierten Personen gehören eigenartigerweise der katholischen Mystik an. Sie besaßen sämtlich die Gabe des kontemplativen Gebets. Wo Zeugnisse von ärztlichen Untersuchungen vorliegen, wird übereinstimmend gemeldet, daß die Stigmatisation plötzlich begann, jedesmal eine echte Wunde darstellt, und daß der Wundrand niemals eine Entzündungserscheinung zeigt. Auch bei Therese haben die Ärzte dasselbe festgestellt. Ferner ist es keinem Versuch gelungen, auch nur die geringste Heilung herbeizuführen. Sie verletzte sich versehentlich einmal an dem Handstigma. An der verletzten Stelle trat alsbald eine Entzündung auf und darauf gänzliche Ausheilung. Das Stigma blieb dasselbe.

Hierdurch unterscheidet sich die sogenannte Stigmatisation der katholischen Mystik von allen anderen Erscheinungen bei Personen, die von oberflächlichen Beobachtern als Stigmatisierte ausgegeben werden. Es handelt sich in solchen Fällen stets nur um Rötungen oder um ein Auftreten von einer Art Blutschweiß. Man hat immer beobachtet, daß solche Personen sich durch bestimmte physische Manipulationen darauf vorbereiten und später durch nervöse oder psychische Anstrengungen derartige Zeichen auftreten lassen. Durch Hypnose können auch bei anderen Personen solche Rötungen hervorgerufen werden. Diese Zeichen bleiben nur für kurze Zeit. (Imbert-Goubeyre, L'hypnotisme et la stigmatisation, Paris 1899.) Somit ist bis heute noch kein Erweis erbracht, daß außerhalb der katholischen Mystik eine wirkliche Stigmatisation je aufgetreten ist.

Alle bisherigen Zeugen und Beobachter erklären übereinstimmend, daß Therese vorher keinerlei Manipulationen vornehme, um die Stigmen oder ihre Blutung künstlich herbeizuführen. Auch psychische Vorbereitung kommt nicht vor. Von Hysterie wird sie heute von allen Ärzten, selbst ungläubigen, die sie beobachtet haben, freigesprochen.

Sie äußerte sich mir gegenüber: "Da frogn's mi die Ärzte so oft, ob i vorher immer stark dran denk'. Ob i mi konzentrier'. Dös tu i gar net. I hab schon einmal einem gesogt: Wenns immer stark und stark denkst, du bist a Ochs, wachsen dir do die Hörner? -- I hob doch früher immer schon ans Leiden Christi gedocht, und da ist nie so was gekommen." Bei einer Kahnfahrt auf dem Walchensee (Oberbayern) in der Oktave vor Mariä Geburt, war Therese am Donnerstag sehr gesund und heiter. Sie sagte, daß heute nacht keine Leiden kämen und auch morgen nicht, da es ja in früheren Jahren ebenso war. Am Abend wurde sie auf einmal von ihrem gewöhnlichen Freitagsleiden überfallen, ja sie blutete dieses Mal mehr als sonst.

Kritische Beobachter haben die Stigmen mit ihrer Vorstellung von den Wundmalen Christi verglichen und fanden da manches, was nicht genau passe. Man fragte sich: Ist die Seitenwunde die Eintritts- oder Austrittsstelle des Lanzenstiches? Schließlich hat man Therese im Zustand der Ekstase (Siehe S. 67.) über solche Abweichungen ihrer Stigmen befragt. Darauf kam die Antwort: "Das ist so, damit sie etwas zu kritisieren haben."

Es scheint also auch hier das Gesetz zu walten, welches uns die Geschichte der christlichen Mystik offenbart: Die körperlichen Phänomene der Mystiker sind mehr Zeichen und Abbilder Jesu Christi, nicht aber völlig kongruente Wiederholungen der Vorgänge des Evangeliums.

Das Wesen der sozialen Mystik.

Durch die Schriften eines Arthur Schopenhauer ist ein Teil der katholischen Mystik, besonders die Schriften der deutschen Mystiker, zu einem Gemeingut des gebildeten Deutschlands geworden (Fahsel, Ueberwindung des Pessimismus, Freiburg 1930. S. 30 ff.). Seitdem hat sich in weiten Kreisen die Ansicht gebildet, ein Mystiker lebe nach Art des Buddhisten für sich zurückgezogen, und die Mystik habe den alleinigen Zweck eines individuellen Verkehrs der einzelnen Seele mit ihrem Gott. Sie gehe also nur darauf aus, das Innenleben des Mystikers zu vertiefen. Diese Ansicht ist irrig. Gewiß hat es viele Mystiker gegeben, die sich in die Einsamkeit zurückzogen, oder deren mystisches Leben anderen Menschen so gut wie verborgen blieb. Auch gab es viele Mystiker, bei denen keine äußeren Zeichen mystischer Zustände auftraten. Damit ist aber das Wesen der Mystik durchaus nicht erschöpft.

Der größte Teil der echten Mystiker hat in der menschlichen Gesellschaft Aufsehen erregt. Der eminent soziale Charakter der christlichen Mystik ist selbst in katholischen Kreisen bisher viel zu wenig gewürdigt worden. Auch Schriftsteller der mystischen Theologie haben die in die äußere Erscheinung fallenden Phänomene als Begleiterscheinungen erklärt, die mit dem Wesen der Mystik nichts zu tun hätten.

Meines Erachtens sind jene in die äußere Erscheinung fallenden Phänomene (wie z. B. die eben beschriebene Stigmatisation) durchaus keine bloßen Begleiterscheinungen. Vielmehr sind es Wirkungen, die von der göttlichen Vorsehung als sichtbare Zeichen gewollt sind, um in ähnlicher Weise zu wirken wie die umsonst gegebenen Gnadengaben, die später beschrieben werden (Siehe S. 75.).

Es gibt eine heilige Sensation, die das Haupt der Mystik, Christus selbst, in stärkster Weise als Mittel für seine Glaubwürdigkeit und die Verbreitung seines Evangeliums benutzt hat. Auch weissagte er seinen Aposteln und Jüngern außergewöhnliche Phänomene, die später ihre Glaubenspredigt wirksam unterstützen sollten (Mark. 16, 17-20). In der Tat begann nach der Ausgießung des Hl. Geistes sofort die heilige Sensation durch wunderbare Zeichen zu wirken (Apostelgesch. 2, 43.). Die Kirchengeschichte meldet uns, daß überall, wo das Christentum den ersten Eingang fand, apostolische Männer von derartigen mystischen Phänomenen bei ihrer Glaubenspredigt unterstützt wurden.

Nun taucht die Frage auf: Haben auch Frauen die Berufung, mit derartigen Mitteln der Sensation in der öffentlichen Gesellschaft apostolisch aufzutreten? Hat doch Christus nur Männer berufen zur Verbreitung des Evangeliums durch die Predigt. Und die Kirche sagt: Es schweige die Frau in der Kirche (1. Kor. 14, 34.). Die Geschichte der christlichen Mystik zeigt uns jedoch deutlich, daß die Frage bejaht werden muß. Keine andere Religion weist eine derartige Schar von Frauen auf, die durch ihr religiöses Leben in die Menschheitsgeschichte eingegriffen haben. Die Gnade läßt jedoch der Natur ihre Eigenart. Darum wirken sich bei den christlichen Mystikern weiblichen Geschlechts auch die Phänomene der weiblichen Psyche entsprechend aus.

Die erste große Mystikerin, die Mutter Jesu Christi, ist durch außergewöhnliche Gnade dazu berufen, Fleisch und Blut Jesu Christi zu liefern. Das Gebären ist hier in den Dienst der Erlösung der Menschheit gestellt. Und Maria erhält die Fülle der Gnaden (Luk. 1, 28.) nicht so sehr zur Vertiefung des eigenen Innenlebens, als vielmehr, um der Menschheit den menschlichen Leib des Erlösers zu geben.

Eine zweite Grundeigenschaft des weiblichen Geschlechtes ist es, mit dem Herzen stark zu lieben und mit ganzer Seele treu zu sein. Hier ergreift die außergewöhnliche Gnade Maria Magdalena, die zweite große Mystikerin in der Geschichte der christlichen Mystik. In ihrer Liebe und Treue hält sie unter dem Kreuze stand, wenn selbst die Jünger mit Ausnahme des Mystikers Johannes den Heiland verlassen. Ihr fällt daher die Aufgabe zu, als erste den auferstandenen Heiland zu schauen und zu verkünden.

Nach der Ausgießung des Hl. Geistes erstehen schwache Mädchen und Jungfrauen, die in den Perioden der Christenverfolgung durch außergewöhnliche Gnaden gestärkt werden. Durch ihre Standhaftigkeit in Glaube und Tugend werden sie Märtyrer Christi und eine stumme Predigt des Glaubens. Wer kennt nicht aus dem Mittelalter die sozialen Wirkungen einer Brigitta von Schweden, Katharina von Siena, Hildegard von Bingen, Theresia von Jesu und einer Jungfrau von Orleans? Diese Erscheinungen haben niemals in der Geschichte der katholischen Mystik aufgehört.

Gerade das schwache Geschlecht wird von der göttlichen Vorsehung zu solchen außergewöhnlichen Leistungen bestimmt, da sich in der menschlichen Schwäche um so mehr die göttliche Kraft der Gnade offenbart. Damit hängt es auch zusammen, daß statistisch mehr Frauen als Männer sinnfällige mystische Phänomene zeigen. Denn das weibliche Geschlecht neigt als solches mehr zur passiven Empfänglichkeit und stärkeren Liebesvereinigung. Zwar kann man diese Phänomene nicht aus der Natur des Weibes als ihrer Ursache erklären. Trotzdem erkennt man das Geziemende, daß gerade hier Gott reichlicher und anders wirkt wie beim männlichen Geschlecht.

Auch Therese Neumann ist wie jede Mystikerin von ihrer apostolischen Aufgabe durchdrungen. Darum tut man ihr Unrecht, wenn man sagt, sie müsse sich in die Einsamkeit zurückziehen und dürfe sich nicht den Leuten zeigen. Sie sagte mir einmal, indem sie auf ihr Handstigma wies: "Dös hot mir der Heiland gegeben, damit es die Menschen sehen und im Glauben erstarken." Und die hl. Theresia vom Kinde Jesu sgte ihr, wie schon erwähnt (Siehe S. 12.): "Durch Leiden werden weit mehr Seelen gerettet als durch die glänzendsten Predigten." Ich sehe daher selbst in der ersten großen Sensation des Falles Konnersreuth und dem Hinziehen der Massen zur Stigmatisierten trotz mancher eintretenden akzidentellen Übelstände das Walten der göttlichen Vorsehung.

VI.

Die mimische Ekstase.

Während der Visionen befindet sich der Körper der Therese in der sogenannten mimischen Ekstase. Erstens befindet er sich in der Ekstase, weil er auf natürliche Sinneseindrücke nicht mehr reagiert. Zweitens in der mimischen, weil der Körper nicht steif und unbeweglich ist, wie wir es von manchen anderen echten Visionären hören, sondern weil er schmiegsam bleibt und bestimmte Bewegungen ausführt.

Die Augen verfolgen lebhaft und mit größter Aufmerksamkeit eine vorübergehende Szene und wollen sich möglichst nichts entgehen lassen. Fährt man mit der Hand vor ihren Augen hin und her, so wird die Einstellung derselben in die Ferne nicht gestört. Selbst wenn man den Augapfel berührt, verfolgt er seine Szene weiter. Auch wendet sie den Kopf wie jemand, der Leute deutlicher hören will.

Den ganzen Ablauf des Geschauten verfolgt sie mit einer Mimik des Gesichtes, so eindringlich und wunderbar abwechselnd, wie ich es selbst bei der besten Schauspielerin niemals bemerkt habe. Bei gewissen Vorgängen deuten die Bewegungen der Arme, Hände und Finger, wenn auch nicht in übertriebenen Bewegungen, das Geschaute so deutlich und realistisch an, daß die Zuschauer sofort erraten, was sie nun gerade erblickt und erlebt, wenn man die Szene aus dem Evangelium kennt.

Dieser Vorgang erinnert mich an eine Stelle, die ich in einer Schrift des hl. Thomas von Aquin las: "Die Engel können der Phantasie des Menschen ein Bild einprägen, indem sie dieselbe bewegen und bewirken, daß die Bilder aus der Phantasie auf die Sinnesorgane rückwärts überfließen" (Comm. in 1. IV sent. Hannibal. II. Dist. 7, qu. 1, a. 4 c.).

Ich neige daher zu der Ansicht, daß Vision und mimische Ekstase der Therese Neumann in der Weise vor sich geht, daß eine höhere übermenschliche Kraft, sei es Gott oder ein Engel, in einem inneren Organ, welches die Scholastiker sensus communis (inneren Zentralsinn) (Thomas Aqu., Summa theol. I qu. 78, a. 4. -- Summac. Gentes II, 74.) nennen, eine Erregung hervorruft. Diese wird dann mittels derselben Kraft durch die Phantasie hindurch auf die äußeren Sinnesorgane hinübergeleitet. Es besteht hier also ein Vorgang, wie er sich bei einem Redner vollzieht, dessen innere Idee durch die Phantasie auf die Sinnesorgane, den Ausdruck und Gestus, übergeht. Also der umgekehrte Weg wie bei einem Menschen, der mit seinen natürlichen Kräften äußere Dinge wahrnimmt und dann erst durch Sinnesorgane und Phantasie die Idee erzeugt.

Da ihre Visionen sämtlich von der mimischen Ekstase begleitet sind, so wird sie dadurch zu einer verstärkten Glaubenspredigt. Ganz besonders aber in den Leidensvisionen. Denn der christliche Glaube wurzelt in der Anerkennung des Leidens und Todes Christi.

Von dieser stummen Glaubenspredigt werden alle Zeugen, Gläubige wie auch Ungläubige, nach ihrem eigenen Geständnis gewaltig ergriffen. Und da es unsere Zeit so sehr notwendig hat, an dieses Geschehnis Christi als eines historischen Faktums erinnert zu werden, so wird man gezwungen, zumal nach dem plötzlichen Bekanntwerden des Falles Konnersreuth in der ganzen Welt, hierin den Finger Gottes zu sehen.

Übrigens ist der Fall Konnersreuth auch in diesem Phänomen wie in vielen anderen durchaus nicht ohne Präzedenzfall. Ich greife nur den Fall "Kaltern (Tirol)" vom Jahre 1833 heraus: Vor dem Lager der stigmatisierten Maria von Moerl "sind, vom Juli bis September 1833, an 40.000 Menschen durch das Zimmer gegangen und haben, von der ergreifenden Wirkung des Anblickes (der mit mimischer Ekstase verbundenen Leidensvision) bezwungen, Vorsätze und Gesinnung zur Heimat zurückgebracht, welche ihre Pfarrherren noch lange zu rühmen wußten" ([Ludwig Clarus]. Die Tyroler ekstatischen Jungfrauen. Regensburg 1843. Bd. I, S. 39.)

"An jedem Freitage, sofern darauf nicht einer der Hauptfesttage fällt, schaut sie in regelmäßiger Wiederkehr das bittere Leiden und Sterben des Erlösers an, welches am Karfreitage am gewaltigsten ihre ganze Natur ergreift und zur mimischen Nachbildung und Nachhandlung nötigt, die in dramatischer Entwicklung und Anschaulichkeit vor dem Zuschauer sich darlegt, sodaß das große Mysterium der Passion in allen seinen Arten sich der Anschauung darbietet" ([Ludwig Clarus]. Die Tyroler ekstatischen Jungfrauen. Regensburg 1843. Bd. I, S. 44.)

Mystik und Ästhetik.

Je tiefer man in die Geschichte der christlichen Mystik eindringt, desto mehr erkennt man die Ähnlichkeit zwischen Mystik und Ästhetik. Das Wesen der Mystik besteht ja, wie gesagt, in der Kontemplation. Wie es sich also in der Kunstbetrachtung um die Beschauung des Kunstwerks handelt, so in der Kontemplation um eine Beschauung des Göttlichen.

Als erste Wirkung der ästhetischen Beschauung bezeichnet die Kunstphilosophie den ästhetischen Genuß. Dieser ist eine Funktionslust, nämlich die spontane Freude der Erkenntniskräfte in ihrer lebhaften sinnlich-geistigen Vereinigung. Dieser Hauptwirkung in der Kunstbetrachtung entspricht bei der mystischen Beschauung die Funktionslust des Seelengrundes, der in der Kontemplation auf das innigste mit seinem Gegenstande, nämlich Gott, vereinigt wird. Dies zeigt sich besonders in der Jubelekstase der Therese Neumann. Schaut sie in der Vision Christus in der Verklärung, so können wir aus der Verklärung, die ihr Antlitz während der Vision erstrahlen läßt, deutlich auf den übermenschlichen Genuß schließen, den ihre Seele erlebt. Eine solche Jubelekstase habe ich bei ihr am frühen Morgen des Ostersonntag beobachtet, als sie in der Vision den auferstandenen Heiland schaute. Eine ähnliche Verklärung erhält ihr Gesicht jedesmal, wenn sie unmittelbar vor Empfang der Kommunion in Eksatse kommt. Sie gibt an, das Nahen von Engeln in Lichtgestalten zu sehen und dann den Heiland selbst in glänzender Gestalt. Auch während der Hl. Messe beobachtete ich einige Male eine Jubelekstase, die in dem Augenblick begann, als der Priester am Altar, hinter welchem sie saß, die Worte der Wandlung sprach. (Hoc est enim corpus meum [Das ist mein Leib].).

Außer der sogenannten Funktionslust kennt die Kunstphilosophie als Wirkung des Ästhetischen gewisse Gefühle. Das geschaute Kunstobjekt ruft unwillkürlich in der Strebekraft und im Gemüt des Beschauers je nach seinem Inhalt prositive oder negative Regungen und Bewegungen hervor. In dem ästhetischen Beschauer spielen sich dem Schicksal der dargestellten Personen gegenüber Gefühle der Teilnahme ab. Leid und Glück der dargestellten Personen werden persönlich mitempfunden. Gerade die mimische Ekstase der Therese Neumann läßt uns deutlich eine Ähnlichkeit mit den sogenannten ästhetischen Gefühlen erkennen. Auf ihrem Gesicht zeigt sich eine innige Anteilnahme der Erkenntnis, des Willens und des Gemütes an den Dingen, die sie in der Vision schaut. Fast alle mimischen Ausdrücke stehen in enger Beziehung zu Christus und zu dem Glauben. Freude, Begeisterung und Gutheißung lassen das Angesicht erstrahlen, wenn sie Dementsprechendes in Christus oder anderen Personen der Szene erkennt. Dann zeigen sich wieder Gefühle des Mitleids, der Furcht, Besorgnis, des Abscheus und der Empörung, wenn sie Dementsprechendes schaut. Insofern übersteigen aber ihre Gefühle an Kraft und Ausdrucksform die natürlichen Grenzen, als einander entgegengesetzte Seelenstimmungen und Gemütserregungen mit großer Schnelligkeit unmittelbar aufeinader folgen. Hat sie eben noch etwas Freudiges gesehen, so fließen im nächsten Augenblick die Tränen. So schnell die Szene in der Vison wechselt, genau so schnell auch die mimischen Ausdrücke.

Die große Ähnlichkeit mit der Kunst zeigt sich in der Mystik nicht nur formell, wie eben beschrieben, sondern auch materiell. Der Mystiker hat in seinen Zuständen nicht nur eine Ähnlichkeit mit dem Kunstbeschauer, sondern erinnert selbst an ein Kunstwerk. Wie die Seele des Mystikers in der Kontemplation ganz von göttlichem Lichte erfüllt ist, so wird in der phänomenalen Mystik auch der Körper des Mystikers ein Kunstwerk, auf dem sich nicht nur die Erlebnisse der Seele widerspiegeln, sondern der auch direkt vom göttlichen Künstler ergriffen wird, um christliche Mysterien bildlich zu offenbaren, ähnlich wie der materielle Stoff die ästhetische Idee des Künstlers im Kunstwerk offenbart.

Nur herrscht hier der Unterschied, daß der menschliche Künstler immer nur einen toten Stoff behandeln muß. Er belebt ihn zwar durch seine Idee. Aber es ist nicht das ganze Leben. Daher die Berechtigung der sogenannten Künstlermelancholie. Der göttliche Künstler kann aber den lebenden Körper zum Ausdruck seiner Ideen und seines Willens machen, weit besser als Dichter und Regisseur den Schauspieler beleben. Denn sie können niemals den lebenden Menschen ganz von innen heraus bewegen. Dies vermag nur Gott, und sein höchstes Kunstwerk ist der Mystiker.

Hiermit hängt es auch zusammen, daß gebildete Ungläubige bei persönlicher Bekanntschaft mit Therese Neumann das Bekenntnis ablegen, irgendwie stark ergriffen zu sein. Sie wissen dies oft nicht konkret zu begründen, was sie da erregt und anzieht. Und es braucht in der Tat nicht immer eine göttliche Gnade zu sein. Aber immer ist es das ästhetische Moment. So sprechen sie mit Recht von einem besonderen Stil, der die Person der Therese und ihren Wirkungskreis beherrscht.

Wer die Gelegenheit hatte, sie in ihren sämtlichen phänomenalen Zuständen zu beobachten, erkennt auch deutlich, daß jeder einzelne Zustand einen ganz besonderen in sich geschlossenen Charakter trägt. Trotzdem der ganze Komplex der Zustände eine wunderbare Einheit offenbart und zwischen den einzelnen Phänomenen Proportion und Harmonie herrscht, so fällt doch Therese, sobald sie sich in einem der Zustände befindet, niemals aus dem bestimmten Charakter derselben, auch nicht für den kleinsten Augenblick. Das ist nicht natürlich zu erklären.

VII.

Der Zustand der Eingenommenheit.

Unmittelbar an jede Vision schließt sich ein Zustand an, der sich ebenfalls nicht natürlich erklären läßt. Sobald die Vision zu Ende ist, sinkt Therese Neumann, wie von einer höheren Kraft verlassen, zurück. Nun zeigt sie Bewegungen wie die eines Kindes, das aus dem Schlaf erwacht oder aus demselben aufgestört worden ist. Ihr Mund macht Bewegungen des Schmeckens. Oft zeigt sich auf ihrem Gesicht leichter Unwille oder Unbehaglichkeit, als sei sie plötzlich in eine ihr neue und unangenehme Situation versetzt. Die Augen sind geschlossen. "Sie kann jetzt nicht sehen", erklärte mir der Pfarrer. Ich veranlaßte einmal, ihr Augenlid hochzuheben. Es machte in der Tat den Eindruck, als sei ihr Auge erloschen.

Sie hört nun, was in ihrer Nähe gesprochen wird; geht aber erst darauf ein, wenn man sie ausdrücklich anredet. Meist fragt gleich der Pfarrer: "Resl, was war denn dös? Was hast denn geschaut?" Dann antwortet sie oftmals: "Den Heiland hab' i g'sehn". Dabei erhellt sich ihr Gesicht vor Freude. Man denkt nun, ein kleines Kind vor sich zu haben. Es ist ein ganz anderer Freudenausdruck wie der in der mimischen Ekstase. Manchmal schlägt sie hierbei auch mit den Händen zusammen, um die kindlich freudige Verehrung für den lieben Heiland auszudrücken. Und fährt fort: "Dös war aber schön". Hat sie dagegen den Heiland in einer unangenehmen Situation gesehen, so zeigt sie den Ausdruck der Furcht und des Unbehagens, aber wieder ganz wie ein Kind und sagt: "Jo, dös wor ober wos, do hobn's aber dem lieben Heiland net gut gemocht".

Therese hat die Bezeichnung "Zustand der Eingenommenheit" selbst geprägt. "I bin noch ganz benumma", sagte sie, und ein andermal nach einer Vison freudigen Inhalts äußerte sie drastisch: "I bin noch ganz besuffa". Sie meint damit, sie sei noch ganz eingenommen von dem, was sie eben gesehen. Es drängt sie, nur von diesem Erlebnis zu erzählen und darüber nachzudenken.

Erinnerungen aus ihrem natürlichen Vorleben und der damit zusammenhängenden Umwelt hat sie fast ganz vergessen. Beim Erwachen aus der Vision fragt sie oft: "Wo bin i?" Unruhig tastet sie umher und fragt: "Wos ist dös?" Redet jemand in ihrer Nähe, so fragt sie nachdenklich: "Wer du bist?"

Bringt man bei der Unterredung den Inhalt des eben Geschauten mit früheren Visionen in Beziehung, so weiß sie oft nicht Bescheid. Man merkt deutlich, daß sie ganz in der damaligen Situation lebt und keine Ahnung hat von dem, was kommt und was wir aus der Geschichte wissen.

Auch kann sie in diesem Zustande keine höheren Abstraktionen vornehmen. So sagt sie niemals eine mathematische Zahl. Als man fragte: "Resl, wieviel Apostel waren denn dabei?", sagte sie nicht sechs, sondern zählte ab: "Do einer, do einer, do no einer und do einer...", bis wir zur Zahl sechs gezählt hatten.

Eine weitere psychische Eigentümlichkeit ist ihr kindliches Sprechen, die Naivität und Aufrichtigkeit des Geistes. Trotzdem fehlt wieder alles Törichte und Widerspruchsvolle, was wir an den natürlichen Kindern zuweilen beobachten. Ihre Rede verrät einen Verstand, der schnell erfaßt und nie einen logischen Fehler macht. Ihr Gemüt entspricht ganz dem Inhalt ihrer Rede und wechselt ab zwischen tiefstem Ernst, köstlichem Humor und weichster Herzensgüte, so daß sie sich im Zustand der Eingenommenheit die Herzen aller Menschen erobert.

Fragen wir uns nach dem Sinn der eben angegebenen psychischen Eigentümlichkeiten, so drängt sich folgende Vermutung auf: Durch den Charakter der Kindlichkeit ist sie wieder die eindringliche Predigt der Worte: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder", und der Schlußworte der hl. Theresia vom Kinde Jesu: "Aber bewahre dein kindliches Gemüt". Da unserer Visionärin ferner durch die Visionen und durch das dabei in ihrer Seele wirkende Gnadenlicht tiefere Erkenntnis über die Geheimnisse des Christentums zuteil wird, so bestätigt der kindliche Zustand die Worte: "Über Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen" (Joel 2, 29.), "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast" (Matth. 11, 25.).

Die drei anderen psychischen Eigentümlichkeiten des Zustandes der Eingenommenheit: Ausschaltung des Sehens, des Gedächtnisses und der Abstraktionsfähigkeit erhöhen in außergewöhnlicher Weise die Objektivität ihres Berichtes über den Inhalt der soeben gehabten Vision. Die Blindheit konzentriert ihr Nachdenken ganz auf Erinnerung und Phantsie. Diese beiden Kräfte sind ganz eingenommen und erfüllt von dem Geschauten. Das erinnert uns an die Blindheit des hl. Paulus nach der Vision. So abgeschlossen von der profanen Umwelt, lebt und webt sie in dem eben Geschauten, und ihr Bericht wird um so klarer. Durch Ausschaltung des Gedächtnisses und der Abstraktion fällt die Gefahr fort, daß sich frühere Kenntnisse oder eigene Schlußfolgerungen störend in die Erzählung des Geschauten einschleichen. Haben z. B. viele Menschen zugleich ein und dasselbe gesehen, so fällt es auf, daß sie oft widersprechend berichten. Dies kommt daher, weil unwillkürlich Vorurteile und früher Erlebtes bei der Zurückerinnerung mit der erlebten Tatsache vermischt werden. Dies erschwert ja so oft das objektive Resultat der Zeugenvernehmung vor Gericht. Bei Therese scheint eine höhere Kraft solche Einmischung subjektiver Momente auszuschalten. Daher ist auch ihr Erzählen so einfach und ohne jeden Widerspruch. Und immer wieder neu und frisch nach jeder Vision.

Damit ist die Eigenart des Zustands der Eingenommenheit nicht erschöpft. Geist und Sensitivität der Therese Neumann sind in ihrer Kindlichkeit und natürlichen Weltabgeschlossenheit nun die geeigneten Organe für die intellektuellen Einwirkungen transzendenter Intelligenz. In der Tat scheint sie denn auch im Zustand der Eingenommenheit die geistigen Gnadengaben der Unterscheidung, der Weisheit und Wissenschaft in außergewöhnlichem Maße zu besitzen.

Zuerst einmal offenbart sich die Gabe der Unterscheidung der Sachen. Sie vermag im Zustand der Eingenommenheit Sakramentalien, also geweihte Sachen, von profanen Dingen in einer Weise zu unterscheiden, wie sie dem Menschen auf Grund seiner natürlichen Unterscheidungsgabe nicht möglich ist. Zahlreiche Erweise liegen vor, daß sie echte Reliquien von unechten unterscheidet.

Erst kürzlich näherte ich mich während der Freitagsvisionen der Therese im Zwischenzustand der Eingenommenheit. In ihrem Blute stöhnte sie leise unter den Schmerzen. Ich zog aus meiner Tasche eine kleine Reliquie der hl. Theresia vom Kinde Jesu. Dieselbe war in Papier eingewickelt und mit einem Gummiband verschnürt. Kaum legte ich sie an ihre Hand, als sich ihr Gesicht in Freude verklärte. Liebevoll umfaßte sie den kleinen Gegenstand und sagte mit unendlicher Sanftmut und Liebe: "Die hat den Heiland ja so lieb gehabt und ist so gut. Dös ist die, die mir geholfen hat."

Von einer Schwester in Holland wurde ich vor einigen Monaten brieflich gebeten, Therese zu fragen, ob eine Reliquie echt sei, die sich im Besitz des dortigen Klosters befände. Man besaß keine Authentik. Ohne daß Therese vorher das geringste davon wußte, benutzte ich unvermutet die Gelegenheit eines ihrer Zustände der Eingenommenheit und brachte den Brief ganz zusammengefaltet an ihre Hand. Sofort sagte sie: "Dös is a gute Person, sie glaubt, es is nit richtig. Es is ober richtig." Ich war damals noch skeptisch und zog schnell einen kleinen alten Zeitungsabschnitt aus der Tasche, der einen gehässigen Artikel gegen meine Person enthielt. Kaum kam ich in die Nähe ihrer Hand, als sie dieselbe energisch zurückzog, das Gesicht verzog und ausrief: "Jo, do hab'ns die Leut' aber a recht ungereimt' s Zeug angericht."

In besonderer Weise reagiert sie im Zustand der Eingenommenheit auf Kreuzpartikel und Stigmablut. Kreuzpartikel sind jene kleinen Stücke und Splitter, welche man seit der Auffindung des wahren Kreuzes Christi im 4. Jahrhundert von dem hl. Holze loslöste und zum Zwecke der Verehrung an verschiedene Kirchen oder auch an angesehene Privatpersonen versandte.

In meiner Gegenwart berührte ein Kapuzinerpater mit einer Kapsel Thereses Hand, die unter ihrer Brust lag. Sie ließ einen Seufzer hören, wurde weiß wie der Tod und sank in sich zusammen. Der Kopf fiel etwas nach hinten, der Mund blieb geöffnet, und die Zungenspitze berührte die Innenseite der Oberlippe. Es war ganz das Bild eines soeben Gestorbenen. Ich fragte den Kapuziner, der sich erschrocken zurückzog, womit der sie berührt habe. Er sagte, es sei eine Kreuzpartikel, über deren Echtheit sie im Konvente etwas im Zweifel wären. "Dann ist sie echt", meinte der Pfarrer. "Man muß da sehr vorsichtig sein. Sie sind damit in die Nähe der Seitenwunde der Resl gekommen. Dann passiert so etwas." Nach ungefähr drei Minuten wurde ihre Gesichtsfarbe besser. Ihr Mund schloß sich, und sie schien zu schlafen. Es verging noch keine Minute, da atmete sie tief, schlug die Augen auf und sah uns lächelnd an. Dann sprach sie munter und lebhaft mit den fünf Kapuzinerpatres über religiöse Dinge.

Ein Theologe, der selbst nie in Konnersreuth war, schloß aus solcher Reaktion auf die Kreuzpartikel, daß es ein gefährliches Zeichen sei, in dieser Weise "zurückzuschrecken". Er weiß offenbar nicht, daß diese Reaktion ein Zustand der Therese ist, der große Ähnlichkeit mit der oben erwähnten (Siehe S. 27.) Liebesekstase hat.

Genau in derselben Weise reagiert sie, wenn man sie mit einem Tuch berührt, auf welchem sich Blut aus ihren Stigmen befindet; auch wenn das Tuch völlig unkenntlich eingepackt ist, ganz abgesehen davon, daß sie ja im Zustand der Eingenommenheit nichts sehen kann. Ebenso reagiert sie, wenn man sie mit einem Gegenstand berührt, der Stigmablut einer anderen stigmatisierten Person enthält. Hier kommt man auf die Vermutung, daß es eine mystische Blutsverwandtschaft zwischen allen echten Stigmatisierten der katholischen Mystik gibt. Auch äußerte Therese einmal von ihrem Stigmablut: "Dös is net mei Blut".

Geweihte Priester erkennt sie im Zustand der Eingenommenheit sofort, wenn diese mit Daumen und Zeigefinger ihre Hand berühren (Wohl nicht nur, weil ihre Hände beim Empfang der Priesterweihe vom Daumen bis zur Spitze des Zeigefingers gesalbt wurden, sondern anscheinend auch, weil sie mit Daumen und Zeigefinger die konsekrierte Hostie erfassen.). Solche Priester waren oft als Laien gekleidet, und niemand wußte in Konnersreuth, daß sie geweihte Personen waren. Meist sagte sie dann in ihrer kindlichen Art: "Du bischt a Herr Pfarrer". Einmal äußerte sie von einem ziviltragenden Besucher, der ihr die Hand gab: "Der hat schon den Heiland in den Händen g'habt". Bestürzt und erstaunt wandte sich der Betreffende um und bekannte den Anwesenden, daß er in der Tat die Priesterweihe besitze, aber bereits seit längerer Zeit aus der Kirche ausgetreten sei.

Auch im natürlichen Zustand wird sie hier und da erleuchtet und besitzt dann die Gabe, geweihte Personen von nicht geweihten zu unterscheiden. Einst kam ein Bischof im vollen Ornat zu ihr. Zum Erstaunen der Anwesenden stellte sie sich vor ihm auf, die Hände in die Hüfte gestürzt, und fuhr ihn an: "Da haben's aber der Kirche a Schand' gemacht". Der Angeredete verließ sofort das Haus und den Ort. Später erfuhr man, daß er als Hochstapler verhaftet wurde und sich verkleidet hatte, um Geldsammlungen vorzunehmen.

In Verbindung hiermit kann bemerkt werden, daß sie auch auf den Segen eines Priesters reagiert, der ihr von der Ferne erteilt wird. Diese Reaktion tritt aber nur ein, wie mir Therese selbst erzählte, wenn sie sich vorher mit dem betreffenden Priester verabredet hat. So weiß sie von einem Priester genau, wann er zu Bett geht, da ihr der Betreffende dann jedesmal den Segen zu geben pflegt. Einmal machte sie ihn darauf aufmerksam, er solle doch nicht so spät zu Bett gehen und nannte die Nacht, wo sie sehr spät seinen Segen gefühlt habe. Ein andermal teilte sie ihm mit, daß er den Segen zu geben vergessen hatte, was in der Tat stimmte. Immer fühlt sie jedoch den Segen eines Priesters, der im selben Zimmer steht und ihr den Segen heimlich erteilt. Einmal kam es vor, daß ihr ein Priester fortgesetzt heimlich den Segen erteilte. Sie hatte dann jedesmal den unwiderstehlichen Drang, sich zu bekreuzigen. Schließlich machte sie eine unwillige Bewegung, und man wurde dann darauf aufmerksam.

Neben der Unterscheidungsgabe geweihter Dinge und Personen besitzt sie ferner die Gabe der Unterscheidung der Geister oder, wie es heißt, die Gabe der Herzenserkenntnis. Auch diese Gabe offenbart sich in außergewöhnlich starker Weise in ihrem Zustand der Eingenommenheit. Sie erkennt, ob der ihr Gegenwärtige im Stande der Gande ist, ob er aufrichtig ist, und in welcher Beziehung sein Herz zum Heiland steht. Besonders feinfühlig ist sie für die beiden Sünden des Stolzes und der Lieblosigkeit. Diese Feinfühligkeit besitzt sie auch in ihrem natürlichen Leben. Es scheint das auch eine Folge ihrer Nahrungslosigkeit zu sein. Ihr Körper entspricht eben dem Geiste mehr, so daß sie bereits aus den Reden der betreffenden Personen den ethischen Charakter leichter erkennt als andere. Wird diese Herzenserkenntnis jedoch auffallend, dann ist es jedesmal eine innere Erleuchtung.

Es kommt sogar vor, daß sie im natürlichen Zustand eine Schwäche des Körpers erleidet, wenn Menschen in ihrer Nähe sind, die sich in der seelischen Verfassung eines absoluten Stolzes oder eines nicht verzeihenden Hasses befinden. Sie versucht dann, die Distanz von diesen Personen zu vergrößern. Über solch auffallendes Benehmen einmal befragt, gab sie zur Antwort: "An die kann der Heiland net heran". Auch Personen gegenüber, die in ungeordneten geschlechtlichen Beziehungen leben, zeigt sie ein besonderes Benehmen. Sie vermag mit solchen Personen nicht allein in einem Raume zu sein. Fanden sich bei der Leidensekstase Besucher ein, die in irgendeiner Weise unwürdig sind, so geschah es zuweilen, daß sie aus der Leidensvision erwachte und durch Pfarrer oder Eltern bat, daß alle Besucher das Zimmer verlassen mögen. Nach dem Grund gefragt, äußerte sie bei solcher Gelegenheit: "Der Heiland leidet nix im Stuberl. Er treibt aus, was irgendwie hindern kann". Mit der Zeit hat man deutlich erkannt, daß sie auf die Sünde des Stolzes und der Lieblosigkeit körperlich am stärksten reagiert. In der Regel wird sie dann ohnmächtig und bekommt ein fiebriges Gesicht. Hier zeigt sich die Übereinstimmung mit der christlichen Ethik, die diese beiden geistigen Sünden als die schwersten bezeichnet.

Aus dem eben Gesagten darf man aber nicht etwa schließen, daß sie Sünder von sich stoße, was ja offenbar dem Verhalten Christi widersprechen würde. Man weiß, daß sie bei solchen Vorkommnissen sehr häufig in ein plötzliches Leiden kommt, und in der Ekstase (Siehe S. 67, 103.) wird dann geäußert, daß es für solche Personen geschah. Auch wurde versichert, daß jene Personen es selbst sofort deutlich gemerkt haben. Sobald die Betreffenden dann beim Verlassen des Zimmers die Türschwelle überschritten, hörte das erhöhte Leiden der Therese auf. Sie sagte dann: "Jetzt ist's fort" oder "Do ist einer dogwest. Do hob i das Weh übernommen."

Mit der Gabe der Herzenskenntnis und ethischen Feinfühligkeit hängt auch Thereses verschiedenes Verhalten ihren Besuchern gegenüber zusammen. Ich habe deutlich gemerkt, daß ihr jene Besucher am nächsten kommen, die ehrlich und einfach sind, und die nicht nur kommen, um sie anzusehen, sondern um auch irgendwie dem Heiland näherzukommen. Bei Personen, die vorgeben, ihr Leben erforschen oder über sie irgend etwas schreiben zu wollen, fühlt sie schnell und sicher heraus, ob diese hierbei in erster Linie die Förderung der Seelen beachtsichtigen. Die Tendenz, nur der Wissenschaft als solcher zu dienen oder gar dem eigenen Stolz und Ehrgeiz, oder der Welt des Unglaubens gewisse Konzessionen zu machen, begegnet bei Therese von vornherein großem Widerstand. Es ist auffallend, daß dann das sogenannte Verpassen von Gelegenheiten oder das direkte Aufhören und Ausbleiben ihrer mystischen Zustände beginnt (Siehe S. 68 f.). Hierdurch erklären sich auch manche Gegnerschaften von Konnersreuth, die sonst unerklärlich bleiben würden.

Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, daß Therese in ihren Hilfeleistungen keinen Unterschied kennt zwischen reich und arm, zwischen hoch und niedrig. So war ich selbst Zeuge, wie sie sich eines armen Scherenschleifers und ein andermal eines protestantischen sächsischen Handwerksburschen in liebevoller Weise annahm. Ein andermal erhielt eine Frau von einem vorüberfahrenden Zigeunerwagen durch Therese eine große Gnade. Mit höchster Uneigennützigkeit unterstützt sie auch mit ihren Eltern arme Leute, die zu ihr kommen. Von einer Entgegennahme von Geld und damit verbundener Bevorzugung kann bei Neumanns nicht im geringsten die Rede sein.

Im Zustand der Eingenommenheit scheint sie schließlich auch die beiden Gnadengaben der Weisheit und Wissenschaft zu besitzen. Folgende Vorfälle mögen dies beleuchten:

Eines Abends war ich mit einem gelehrten Dominikanerpater bei ihr. Wir sprachen über schwierige theologische Fragen des Glaubens und der Gnade. Brachte ich etwas bei Thomas Gelesenes hervor, so sagte sie zwar zuweilen: "Warum sagen's das so kompliziert, Herr Kaplan? Das können's doch auch einfach sagen." Als ich dann die Sätze zerlegte, war sie sofort im Bilde und antwortete so wunderbar tief und einfach, daß dem Dominikanerpater vor Ergriffenheit Tränen in die Augen traten. Draußen sagte er: "Wie schlicht und einfach war das alles. Und doch habe ich noch nie in so kurzer Zeit soviel für Theologie und Seelsorge gelernt. Diese Anregungen werde ich benutzen und von nun an noch anders reden und anders leben."

Kürzlich hatte ich eine Kampfschrift gegen den Fall Konnersreuth erhalten, die soeben erschienen war, und von der man nichts in Konnersreuth wußte. Als Therese nach einer Vision in den Zustand der Eingenommenheit kam und eine Weile über den Inhalt ihrer Vision gesprochen hatte, zog ich die Broschüre aus der Tasche und legte sie unter ihre Hand. Sofort begann sie in einer Weise über die Angriffe zu sprechen und mit einer Klarheit die Knoten zu lösen, die durch Mißverständnisse, Unkenntnis der Tatsachen und Hitze des Gefechtes entstanden waren, daß wir alle von Staunen ergriffen wurden. Ihre Auseinandersetzungen waren zugleich mit ethischen Fingerzeigen und dauernden Beziehungen auf Christus verbunden.

Ein andermal war ich mit einem nichtkatholischen Herrn bei ihr, als sie in einer Freitagsvision Kreuzigung und Tod Christi schaute. Danach sank sie in die Kissen zurück und lag ungefähr zehn Minuten wie tot da (Siehe S. 37.) Wir waren nun ganz allein mit ihr. Sie kam in den Zustand der Eingenommenheit. Der betreffende Herr näherte sich ihr und legte seine Finger in ihre Hand. Sie umschloß dieselben und enthüllte in erschütternder Weise dem Betreffenden seine innerste Willenseinstellung zum Heiland. Als der Betreffende fragte: "Resl, wie komme ich denn zum Glauben? Wie mache ich das?", antwortete sie: "Weißt, der Heiland macht's schon, da brauchst net viel zu tun. I hab das Weh für dich übernommen. Der Heiland ist so gut, und du mußt nur den guten Willen weiter haben. und dann hör': der Heiland hat die Hände über Männer ausgebreitet und die wieder über andere und die wieder über andere, und so einer ist bei dir, den mußt' halt hören, was er dir sagt. Das geht schon."

Ich stieß nun den betreffenden Herrn an und raunte ihm zu: "Fragen Sie Ihre Einwände, die Sie mir gestern abend gemacht haben." Nun sprach jener über "das Versagen der Kirche", über den heutigen Unglauben, über die politisch-wirtschaftliche Lage, über Rußland und Frankreich und über die Verheißung im Alten Testament. Auf alles antwortete sie in einer Weise, die ich hier nicht wiedergeben kann. Wir waren tief ergriffen. Ungefähr waren ihre Antworten, kurz zusammengefaßt. folgende:

"Die Menschen haben früher nicht solche Not gehabt. Wir würden es besser haben, wenn die Menschen mehr Gott preisen würden. Schon eine kleine Blume, die uns erfreut, kann Anlaß sein, Gott zu danken und ihm die Ehre zu geben. Die Leiden läßt der Heiland zu, um gewisse Sünder zu strafen und um die Gottestreue seiner Liebhaber zu prüfen oder um Menschen Gelegenheit zu geben, andern zu helfen. Nie aber sind diese Leiden für einen Menschen so groß, daß er unglücklich wäre, wenn er in seinem Innern den Heiland hätte. Wenn einer den Heiland recht in seinem Innern hat, dann braucht er wenig die andern und das andere. Er ist glücklich, und der Heiland ist mit seiner Macht bei ihm, so daß alles gut wird. Der Heiland hilft dann sehr schnell. Der Mensch merkt es und hat wieder Freude. Wir haben alle denselben Gott. Für alle ist der Heiland gestorben, und es gibt nur einen einzigen Himmel. Die Erde trägt genug für die Ernährung aller Menschen. Weil man aber nur nach der Erde strebt, darum drängen sich die Menschen zusammen und bringen die größte Not selbst herbei. Aber wenn es auch noch so schlecht steht, der Heiland könnte helfen, er ist mächtig, hat die ganze Welt eingerichtet und erhält die Sterne und die Erde. Warum sollte er nicht den Menschen helfen? Aber die Menschen müssen ihn lieben und ihn anrufen, dann hilft er. Die einen neben uns (Franzosen) haben viele Häuser, in denen der Heiland wohnt. Wenn sie mehr darauf hielten, wären sie besser zu uns. Aber wir müssen auch zuerst diese Häuser bei uns achten. Die anderen neben uns (Russen) haben das nicht so sehr, und viele von ihnen sind unter uns und wühlen. Alle Hilfe aber kommt uns zuerst durch uns selbst, wenn wir den Heiland mehr lieben. Die Menschen denken zu wenig an die Macht Gottes, zu viel an ihre eigene Macht."

Dann sprach sie von der Auferweckung des Lazarus, von der Auferstehung Christi, und sprach dabei aramäische Worte, die wir zwar nicht genau verstanden, aber trotzdem wurden wir ungeheuer ergiffen. Und der betreffende Herr wurde in der Tat vollends bekehrt. Er äußerte später selbst, das plötzliche Verschwinden seiner sämtlichen Zweifel nicht natürlich erklären zu können, ebensowenig die ungeheure Freude, die ihn seit dieser Unterredung innerlich beseelte und ihn zu einem anderen Menschen gemacht habe.

Im Zustand der Eingenommenheit bemerkt Therese nicht nur die Nähe ihres Schutzengels, sondern auch eine Lichtgestalt an der rechten Seite eines jeden der Anwesenden. Einmal sagte sie: "Da drüben ist einer, den kann i greifen, der redt so olber." Unter albern versteht sie den hochdeutschen Dialekt. Wenn ich mich oft wunderte, wie sie im Zustand der Eingenommenheit trotz ihrer kindlichen Einstellung gewissen Fragern so schlagende Antworten gibt, so wurde ich von ihr selbst darüber aufgeklärt. Sie behauptet, es sei die Stimme des Schutzengels, der sie im Augenblick unterrichte. Wir können also nicht immer genau unterscheiden, wann die Ursache ihrer erhöhten Intelligenz eine umsonst gegebene Gandengabe ist, oder wann sie einfach eine Unterweisung ihres Schutzengels ist. Vielleicht fällt auch manchmal beides zusammen.

Drei Kriterien der echten Mystik.

Was im vorhergehenden Kapitel von der Unterscheidungsgabe gesagt wurde, wird vielleicht manche verleiten, dieses Phänomen mit jener Fähigkeit des Hellsehens zu identifizieren, welche der Okkultimus und die Parapsychologie behandeln. Hiergegen muß ich jedoch Einspruch erheben. Neben meinem Studium der christlichen Mystik habe ich mich seit Jahren mit der Literatur des Okkultismus und der Parapsychologie beschäftigt; dies schon aus dem Grunde, um die Grenzen echter Mystik feststellen zu können. Da habe ich nun gefunden, daß selbst die größten Phänomene auf dem Gebiete des Hellsehens, des Somnambulismus und Spiritismus und der exzentrischen Veranlagung niemals Erweise gebracht haben, Sakramente, Sakramentalien, geweihte Sachen und Personen der römisch-katholischen Religion zum Gegenstande ihrer Experimente machen zu können. Es fehlen auch auffallenderweise ernste Versuche hierzu. Dies scheint mir eine wesentliche Grenze zu sein, welche das okkulte und parapsychologische Gebiet von dem Tätigkeitsgebiet echter Mystiker trennt. Ebensowenig gibt es in der Geschichte des Okkultismus irgendwelche Beispiele der Stigmatisation, wie schon erwähnt, oder der völligen Nahrungslosigkeit in ihrer auffallenden Verbindung mit den phänomenalen Erscheinungen des Hl. Altarsakramentes, was später eingehend beschrieben wird.

Umgekehrt sind auch wieder die phänomenalen Äußerungen des katholischen Mystiker streng begrenzt auf das Gebiet seines religiösen und seelsorglichen Lebens.

So sehe ich ein erstes Hauptkriterium für die echte Mystik in dem religösen Gegenstand. Niemals dringt die Mystik einer anderen Religion oder der Okkultismus mit all seinen Kräften und Phänomenen in das Gebiet der sakralen Gegenstände der römisch-katholischen Kirche ein (Auch nicht, wenn die Medien katholisch sind. Vgl. Home, Revelations sur ma vie surnaturelle. Paris 1863.). Diese auffallende Erscheinung ist meines Erachtens von den hierfür in Frage kommenden Wissenschaften noch gar nicht genügend erfaßt und gewürdigt worden.

Es ist hier am Platze, die sogenannte Gabe der Unterscheidung der Geister näher zu erklären. Der hl. Paulus zählt sie mit unter den umsonst gegebenen Gnadengaben auf. Die späteren Schriftsteller der mystischen Theologie verstehen unter der Gabe der Unterscheidung der Geister in erster Linie folgendes: Die inneren Anregungen und Antriebe eines Menschen, sich in einer bestimmten Situation oder Handlungsweise so oder so zu verhalten, können entweder von einem guten oder von einem bösen Geiste stammen. Gehen sie von Gott oder einem Engel oder vom eigenen guten Gewissen und eigener guter Überlegung aus, so sagt man, sie stammen von einem guten Geist. So sprach auch schon Sokrates von seinem "Dämonion" und berief sich darauf vor den Richtern in Athen. Stammen die Anregungen und Antriebe jedoch vom Teufel oder aus einer schlechten Disposition des Körpers oder ungeregelten Leidenschaften und schlechtem Willen, so sagt man, sie rühren von einem bösen Geiste her. Hier im gegebenen Augenblicke sofort und sicher die rechte Unterscheidung machen zu können, das bewirkt im Christen die umsonst gegebene Gabe der Unterscheidung, die nach dem Apsotel vom Hl. Geiste stammt. Eine weitere Wirkung dieser Gabe ist es nun, daß man auch bei anderen Personen, mit denen man es zu tun hat, sofort unterscheiden kann, ob sie im betreffenden Augenblick von einem guten oder bösen Geiste sich leiten lassen. Und eine noch weitere Wirkung besteht darin, daß man auch bei Personen oder Sachen einen profanen oder geheiligten Charakter unterscheidet. Und dann spricht man nicht mehr so sehr von einer Unterscheidung der Geister, sondern von einer Unterscheidung der Sachen. So besaßen viele christliche Mystiker die Gabe der Unterscheidung auch insoweit, daß sie sofort den geweihten Charakter einer Person oder Sache erkennen konnten, wo die natürliche Fähigkeit des Menschen dies nicht erkennen kann. Letzten Endes ist es also immer eine mittelbare oder unmittelbare Beziehung zum Hl. Geiste, die an Handlungen, Personen oder Sachen sofort in außergewöhnlicher Weise durch einen phänomenalen Instinkt für den Hl. Geist erkannt wird. Hieraus ersieht man auch den wesentlichen Unterschid von den hellseherischen Kräften des Okkultismus und der Parapsychologie.

Ein zweites Hauptkriterium für die echte Mystik ist die Vernünftigkeit des Mystikers. Gewiß haben auch sogenannte Mystiker anderer Religionen über religiöse Dinge spontan und viel geredet. Sobald sie aber irgendwelche parapsychische Phänomene aufwiesen, wichen sie in ihren visionsartigen Erkenntnissen und Behauptungen voneinander ab und vermischten dogmatische und ethische Wahrheiten mit ausschweifenden Phantasiebildern (Vgl. Waibel, Die Mystik. Augsburg 1834. III. Geschichte der Aftermystik.). Dadurch wurden sie entweder zu religösen Schwärmern; denn alle Schwärmerei in der Religion ist nichts anderes als ein unbegründetes Festhalten an Urteilen, die einander widersprechen und auf Grund unerhörter Neuerungen Zwiespalt in der Religion hervorrufen. Oder sie wurden zu Fanatikern; denn aller Fanatismus in der Religion ist das unbegründete Festhalten an einem eigenen stolzen Willen, der ein vernunftloses Ziel mit unvernünftigen Mitteln verfolgt und meist mit Gehässigkeiten und Schmähungen gegen Andersdenkende verbunden ist.

Bei Therese Neumann findet sich nicht das geringste von Schwärmerei und Fanatismus. Ihre Erkenntnis weicht keinen Zoll ab von der geistigen Harmonie der Heiligen und Kirchenlehrer der katholischen Kirche. Ihr Wille bewegt sich von Anfang bis zu Ende in den festen Bahnen der christlichen Ethik. Mit frappierender Glaubensüberzeugung und religiöser Begeisterung verbindet sie eine sachliche Nüchternheit des Verstandes und eine Vernünftigkeit bis in die kleinsten praktischen Dinge des Lebens, was alle Personen, die Therese näher kennenlernten, ungemein sympathisch berührte.

Hier soll auch noch die Gabe der Weisheit und Wissenschaft näher erklärt werden. Besitzt man die Gabe der Weisheit, so vermag man von göttlichen Geheimnisssen so überzeugend zu reden, daß Ungläubige bekehrt, Wankende befestigt und Gläubige gestärkt werden. Diese Gabe wirkt nicht in gewöhnlicher Weise wie die Rede gelehrter und erfahrener Menschen, sondern in ungewöhnlicher, so daß die Hörenden einsehen, es handle sich hier nicht um menschliche Einsicht und Beredsamkeit, sondern um den Geist Gottes, und es erfüllt sich, was Christus zu den Aposteln sagte: "Ich will euch Mund und Weisheit geben, welcher alle eure Widersacher nicht werden widerstehen und widersprechen können." (Luk. 21, 15.) Auch Paulus gibt von dieser Gabe Zeugnis, wenn er an die Korinther schreibt: "Meine Rede und meine Predigt bestand nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Weisheit der Menschen, sondern auf Gottes Kraft beruhe." (1. Kor. 2, 4-5.)

Besitzt man die Gabe der Wissenschaft, so vermag man den Menschen zu zeigen, wie sie die geoffenbarte Lehre Christi im Leben anwenden sollen. Und auch hier haben die Belehrten den starken Eindruck, daß der Betreffende mehr in der Kraft Gottes redet als aus natürlichen Fähigkeiten heraus.

Therese Neumann ruft diesen Eindruck bei ihren Unterredungen hervor, und darum auch die starke, nachhaltige Wirkung ihrer einfachen Worte. Mir haben viele gesagt: "Es war doch nicht so etwas Besonderes, was sie sagte, und doch bin ich erschüttert, und ihre Worte klingen immer wieder in meinen Ohren und bedeuten eine Umänderung meines Lebens." Der hl. Thomas von Aquin wirft u. a. die Frage auf, ob die Gabe der Weisheit und Wissenschaft auch Frauen zukommt. Er beantwortet sie dahin, daß sie wohl verliehen werde, um Privatbelehrung zu geben, nicht aber, um die ganze Kirche anzuregen, da der Apostel sagt: "Das Weib soll sich stillehalten und lernen mit aller Untertänigkeit. Zu lehren aber gestatte ich dem Weibe nicht." (1. Tim. 2, 11-12.) Zur Privatbelehrung gehört auch die Abfassung von Schriften oder Büchern. Die Geschichte der christlichen Mystik lehrt, daß Gott wirklich vielen Frauen die Gabe der Weisheit und Wissenschaft verliehen hat. Man denke nur an die Heiligen Hildegard, Gertrud, Thersia, Brigitta und Katharina von Siena. (Siehe S. 41.)

Um zu erkennen, ob jene erwähnte Gabe wirklich von Gott mitgeteilt ist, muß vor allem darauf gesehen werden, wessen Geistes Kind derjenige ist, bei dem sie sich findet. Also erstens, ob er in Wahrheit fromm und tugendhaft ist und über seine Tugend unzweifelhafte Proben abgegeben hat. Zweitens, ob diese Weisheit und Wissenschaft wirklich zur Ehre Gottes und zum Heile des Nächsten dient, oder ob sie bloß dient, die Neugierde zu befriedigen und Staunen zu erregen. Drittens, ob sie Bestand hat oder ob sie nur unter gewissen Manipulationen oder Zeremonien eintritt, wie wir es wieder bei spiritistischen Medien und Autosomnambulisten antreffen.

Ein drittes Hauptkriterium für den echten Mystiker ist seine Heiligkeit. Doch muß man sich hier über den Begriff Heiligkeit klar sein. Fordert man von Therese Neumann absolute Heiligkeit, so ist dies verfehlt. Erstens läßt sich absolute Heiligkeit bei einem anderen lebenden Menschen überhaupt nicht feststellen. Nur aus äußeren Zeichen kann man auf den harmonischen Besitz sämtlicher Tugenden schließen. Heroische Tugenden können nicht jederzeit in die Erscheinung treten, sondern zeigen sich bei bestimmten Gelegenheiten, die nicht gut durch Experiment oder Willkür herbeigeführt werden können. Soweit ich es beobachten konnte, besitzt Therese keine offenbare Untugend. Vielleicht hat sie Schwächen, die mit ihrem Naturell zusammenhängen. So klagt sie sich oft an, sie sei "jach", d.h. jäh oder leicht heftig. Erst kürzlich sagte sie: "Wenn ich eimal jach gewesen bin, so habe ich den Heiland auch wieder jach gerne. Dann ist es wieder ausgelöscht." Dies erinnert uns an eine Stelle aus der mittelalterlichen deutschen Mystik: Die hl. Mechthild, die Novizenmeisterin der hl. Gertrud, habe einst dem Heiland den Vorhalt gemacht, daß er der hl. Gertrud, die doch so heftig sei, erscheine und mit ihr spreche. Darauf habe der Heiland erwidert: Wenn sie nicht so heftig wäre, könnte sie mich auch nicht so heftig lieben.

Fast alle Personen, die später von der Kirche heilig gesprochen worden sind, hatten gewisse Schwächen im Leben und die meisten besaßen das cholerische Temperament. (Vgl. M. Huber, S.J., Die Nachahmung der Heiligen in Theorie und Praxis. Freiburg 1916, Bd. I.) Gerade dieses Temperament war bei ihnen ein natürliches Fundament, heroische Tugenden zu wirken. Es mit Gott ganz ernst nehmen, keine Kämpfe gegen Versuchungen zurückweisen, sich im Leiden ganz Gott aufopfern, in der Liebe zu Christus sogar freiwillig Leiden auf sich nehmen, alles dies sind heroische Momente, die durch gesunde Leidenschaften der Natur unterstützt werden. Darum sagt auch der hl. Thomas mit Recht: Die Tugend der Keuschheit ist kein Stumpfsinn. So sehe ich in der Heiligkeit, die als Kriterium für den echten Mystiker in Frage kommt, ein Fehlen offenbarer Untugenden und ein Vorhandensein heroischer Heilandsliebe, die im Mittelpunkt des ganzen Lebens steht und von der aus alle Kräfte, Phänomene, Äußerungen und Handlungen des Mystikers beherrscht sind. Das ist aber gerade bei Therese Neumann der Fall. Der große Papst Benedikt XIV. hat in seinem geistreichen Werk über die Heiligsprechung der Diener Gottes ebenfalls die heilige Liebe als Hauptkriterium für die Ethik des echten Mystikers bezeichnet.

Das letzte Hauptkriterium liegt in jener Wirkung des echten Mystikers, in anderen Menschen diese ebengenannte heilige Liebe zu Jesus Christus in auffallender Weise zu wecken oder zu vermehren. Von diesem letzten Kriterium wird im übernächsten Kapitel die Rede sein.

Das endgültige Urteil über die Heiligkeit der Therese Neumann im Sinne der katholischen Lehre von der Heiligenverehrung steht für die Katholiken einzig und allein der obersten Leitung der römisch-katholischen Kirche zu. Daher gehört es auch nicht in den Rahmen dieser Schrift, eine Menge von Beispielen aus dem Leben der Therese Neumann hier anzuführen. Aus diesem Grunde sehe ich auch bewußt davon ab, eine Biographie der Therese Neumann augenblicklich zu schreiben.

Bevor ich dieses Kapitel schließe, will ich aber doch noch etwas von der Tugend der Demut betreffs der Therese Neumann sagen. Da die Demut nicht nur als Grundtugend, sondern auch als erste Bedingung eines heiligmäßigen Lebens angesehen wird, so richten viele Besucher und Beobachter bei Therese Neumann hierauf ihr besonderes Augenmerk. Einige waren da nun leicht versucht, daran Anstoß zu nehmen, daß dieses einfache Bauernmädchen nun schon jahrelang der tägliche Mittelpunkt von vielen Menschen ist, die mit besonderer Verehrung zu ihr aufschauen, stundenlang warten und alles Mögliche anstellen, um sie auch nur für einen Augenblick beim Hinübergehen über die Straße zu erblicken. Da sagen nun einige, Therese dürfe das gar nicht dulden, müsse sich ganz zurückziehen, dürfe auch Bittenden nicht die Handstigmen zeigen oder ihnen überhaupt eine Audienz gewähren.

Hierzu ist im allgemeinen zu sagen, daß viele Diener Gottes in der Geschichte der christlichen Mystik ruhig die Ehren annahmen, die man ihnen erwies. Andere dagegen wiesen solche Ehren zurück. "Der demütigste Mann von der Welt, Franz von Assisi, ließ es geschehen, daß ihm das zuströmende Volk nicht nur Hände und Füße und Kleider, sondern auch seine Fußspuren küßte. Einige seiner Gefährten stießen sich daran und fragten ihn, ob er nicht sehe, was diese Leute tun und wie er es denn erlauben könne. Allein der Heilige sagte: 'Nicht nur weise ich das nicht ab, sondern es dünkt mich noch wenig zu sein, und noch mehr solle alles Volk tun.' Da sie hierüber noch mehr staunten, sagte er: ' Von dieser Ehrenbezeugung eigne ich mir nichts an; ich beziehe alles auf Gott und bewahre mich selbst in der Hefe meiner Niedrigkeit. Ich erkenne meine Nichtigkeit; ich erwäge Gottes Majestät. Die Leute aber ziehen aus dieser Ehrenbezeugung keinen kleinen Nutzen, indem sie dadurch Gott selber ihre Anerkennung und ihre Ehre erweisen. Es ist da, wie bei den Bildern und Statuen, in welchen Gott die Huldigung der Anbetung dargebracht wird. Holz und Statue blähen sich darüber nicht auf in Stolz und erheben sich nicht ob der Ehre.' (Wadding in opusulo S. Francisci Ass. exemplo quinto.)" Andere Heilige dagegen verschmähten, wie gesagt, dergleichen Ehre. Es kommt bei der Untersuchung solcher Tatsachen und Handlungweisen auf die Absicht an, welche sie dabei geleitet hat. Und dies gilt auch für den Fall Konnersreuth. (Siehe S. 41.)

VIII.

Der Zustand der erhobenen Ruhe.

Außer dem Zustand der Eingenommenheit gibt es im mystischen Leben der Therese Neumann noch einen anderen Zustand, dem sie selbst den Namen gegeben hat. Es ist der Zustand der erhobenen Ruhe. Was bedeutet hierbei das Wort "Ruhe"? Nach unseren Beobachtungen können wir antworten: zweierlei. Erstens die Ruhe eines Schlafes, der Therese auf phänomenale Weise körperlich stärkt und erquickt. Er tritt jedesmal auf, wenn ihre köprerlichen Schmerzen entweder in den Freitagsleiden oder bei der mystischen Stellvertretung (Siehe S. 93.) nahezu unerträglich werden.

Zweitens die Ruhe eines Schlafes, wenn ihre Seele in höchster Kontemplation und Ekstase mit Gott vereinigt ist, gleichsam in ihm ruht. Er tritt fast jedesmal auf, wenn sie das Hl. Sakrament des Altars empfängt (Siehe S. 88.).

Was bedeutet in der oben angegebenen Bezeichnung der Ausdruck "erhoben"? Die Antwort hierauf geben folgende Ereignisse:

Der Pfarrer erzählte mir, er habe Therese einmal in diesem tiefen Schlafe angerufen, aber keine Antwort erhalten. Als er jedoch den Anruf wiederholte, habe sie den Mund geöffnet, und er hörte die Worte: "Mit der Resl kannst du jetzt nicht reden, die schläft jetzt." Zu seinem Erstaunen redete es weiter aus ihrem Munde, und ihm wurden gewisse kurze Verhaltungsmaßregeln betreffs bestimmter Besucher gegeben. Er wunderte sich darüber, daß er plötzlich mit du angeredet wurde. Auch kamen die Worte so bestimmt, wie wenn jemand redete, der der Herr ist. In der Folgezeit stellte es sich heraus, daß in diesem Ruhezustand dem Pfarrer gleichsam Parolen gegeben wurden, wenn ich mich so ausdrücken darf. Es hieß z.B.: "Morgen wird ein Herr kommen (und er wurde näher beschrieben), den sollst du zu ihr kommen lassen." Oder es hieß: "Heute abend wird sie um 8 Uhr schauen." Oder: "Heute nachmittag wird sie um 4 Uhr ins Leiden kommen." Therese wußte niemals nachher etwas von dem, was so gesagt worden war. Aber jedesmal stellte sich heraus, daß die Vorhersage genau eintraf.

In dem Zustand der erhobenen Ruhe äußerte sich also eine Kraft, die uns an die Gabe der Weissagung oder Prophetie erinnert. (Vermöge dieser Gabe erkennt der Mensch in konkreter und sicherer Weise nicht nur Zukünftiges und Vergangenes, sondern auch Entferntes und Verborgenes, ja selbst das Innere des Herzens.) So haben auch andere Personen, darunter Geistliche von höchstem Rang in dieser mystisch erhobenen Ruhe der Therese Fragen gestellt. Da wurden oft Dinge gesagt, die nach der katholischen Dogmatik nur Gott wissen kann, also religiöse Einzelerlebnisse des betreffenden Fragers enthüllt und das Eintreten von Veränderungen in der Seele vorhergesagt, die nur Gott durch offenbare Gnade bewirken kann. Stets war es richtig oder traf in der Tat ein.

Immer bezogen sich die Antworten und Reden auf seelsorgliche Dinge. Anfragen rein weltlicher Art oder experimentelle Fragen zwecks einer Kontrolle wurden entweder nicht beantwortet, indem es hießt: "Das brauchst du nicht zu wissen" und "das weißt du schon" und "das gehört nicht hierher". Oder sie wurden beantrwwortet; dann aber stets in einer Art und Verbindung, daß man deutlich erkannte, es handelt sich um Glaubensstärkung des Fragestellers oder weiterer Kreise. So wurden einem glaubensschwachen Fragesteller einmal rein weltliche Geheimnisse seines Herzens offenbart. Doch hieß es am Schluß: "Das sollst du wissen, damit du weißt, daß Einer alles weiß." Diese Enthüllung schloß sich auch an einen förmlichen Glaubensdisput an. Der Bekämpfer religiöser Wahrheiten meinte mit der Resl zu disputieren. Diese war jedoch in den Zustand der ekstatischen Ruhe erhoben worrden, ohne daß der andere es recht wußte, da man ihn hierüber noch nicht aufgeklärt hatte. Er sprach mir selbst sein Erstaunen aus, wie ihm da plötzlich geantwortet wurde. Schlagend wurden ihm alle noch so scharfsinnigen Einwände mit kurzen Worten widerlegt. Dann hieß es auf einmal: "Du willst alles mit Händen greifen und nichts glauben. Nun mögen einmal die anderen hinausgehen!" Als er mit Therese allein war, geschah die obenerwähnte Enthüllung. In der Folge trat dann tatsächlich bei dem Betreffenden eine auffallende Bekehrung ein, wie er selbst es mir erzählt hat.

Der Zustand der erhobenen Ruhe ist verschieden lang. Seine längste Dauer war bisher eine Stunde. Therese erwacht aus diesem Zustand genau wie aus einem schweren Schlaf. Wie gesagt, weiß sie dann nicht das geringste von dem, was aus ihrem Munde geredet wurde, soll es auch manchmal nicht erfahren. So hieß es schon des öfteren: "Das sollt ihr der Resl nicht sagen!" Soweit man erkennen konnte, handelte es sich dann um Dinge, durch deren Kenntnis Therese unnötig besorgt gemacht worden wäre oder ihre Unbefangenheit und Demut anscheinend gelitten hätte.

In der Nähe der Therese spielt sich ein Vorgang ab, der ebenfalls nicht natürlich zu erklären ist und im Anschluß an das Gesagte am besten hier zur Sprache kommen kann. Ihre Bekannten nennen ihn meist: das Gelegenheitsschaffen. Dieses wird oft so deutlich gemacht, daß man es greifen kann. Ich habe während meiner längeren Aufenthalte in Konnersreuth davon Beweise erhalten. So fällt es bei manchen Besuchern auf, daß sie, ohne es recht durch eigene Tätigkeit anzustreben und herbeizuführen, fast stets wie durch zufälliges Zusammentreffen Zeugen außergewöhnlicher Phänomene sind. Andere haben wieder auf eine Gelegenheit gewartet. Sie scheinen dieselbe verpaßt zu haben, oder alles scheint sich anders zu treffen. Schon geben sie die Hoffnung auf; da befinden sie sich plötzlich mitten in der Situation, die sie ersehnt haben. Ja, sie erleben mehr, als sie erwarteten. Im Gegensatz hierzu haben wieder andere Besucher das bedauerliche Pech, alle Gelegenheiten zu verpassen, ohne daß man nachweisen kann, daß irgendwelche Menschen dies so eingerichtet haben. Was die ersteren Fälle betrifft, so hat es sich immer herausgestellt, daß irgend etwas schon vorher im Zustand der erhobenen Ruhe von ihnen gesagt wurde.

Ich habe überhaupt mehr und mehr die Ueberzeugung gewonnen, daß sowohl Therese wie auch ihre Eltern in Konnersreuth sehr wenig selbständig vorgehen. Beim Empfang der Besucher richten sie sich in erster Linie nach der Besuchserlaubnis von seiten ihres Bischofs. Ausnahmen hiervon geschehen entweder auf Grund des persönlichen Freiheitsrechtes der Familie Neumann oder auf Grund einer, in allen Fällen nachweisbaren, mystischen Anregung der Therese selbst. Hierbei muß man immer wieder ihre Feinfühligkeit bewundern. Oft kann man bei allem eine unsichtbare Macht gleichsam mit Händen greifen, welche die ganzen Vorgänge in Konnersreuth zu bewachen und zu lenken scheint. Dieses Phänomen kann man schwer Unbeteiligten erklären. Man muß es selbst erlebt haben. Ich möchte da am liebsten von einer mystischen Politik reden, die den Fall Konnersreuth von Anfang an beherrscht und weiteste Kreise umfaßt.

Kritik des erhobenen Ruhezustandes.

Gegen die Echtheit des mystischen Zustandes der erhobenen Ruhe der Therese Neumann scheint der Umstand zu spechen, daß für ihn in der Geschichte der christlichen Mystik kein Präzedenzfall vorzuliegen scheint (Wenn man nicht doch bestimmte Ekstasen der hl. Maria Magdalena von Pazzis als Präzedenzfall ansprechen will. Vgl. ihr Leben, v. Cepari, Regensburg 1857, S. 61.) Hierauf ist folgendes zu sagen:

Gewiß gibt es in Konnersreuth manches, was nicht sofort durch frührere Beschreibungen und Definitionen der klassischen Lehrer der mystischen Theologie belegt werden kann. Hieraus darf man jedoch n icht den Schluß ziehen, daß es unecht sei. Therese sagte mir, als wir hierüber sprachen: "Der Heiland ist doch net an das Geschehene gebunden. Er ist doch mächtig und kann wieder etwas ganz Neues hervorbringen. Wissen's, Herr Kaplan, der Heiland spielt mit mir. Und i sag, Heiland mach mit mir, was du willst, wenn i dir nur Freude mach."

In der Tat ist die Geschichte der Mystik voll von Phänomenen, die in einer bestimmten Zeit ohne Präzedenzfall waren. Man denke nur an die sichtbare Stigmatisation des hl. Franz von Assisi. Jeder Mystiker ist ja gewissermaßen ein Original und hat in seinem Leben Eigentümlichkeiten, die die vorhergehende Geschichte nicht aufweist. Außerdem enthalten die bisherigen Lehrbücher der mystischen Theologie noch sehr viele Lücken. Diese Wissenschaft hat ihre Hauptquelle in geschichtlichen Tatsachen. Diese sind nun durchaus nicht bis zum letzten durchforscht. Viele Mystiker waren unbekannt. Andere hatten schlechte Biographen. Darum wissen wir nicht einmal genau, was alles vorgekommen ist. Noch viel weniger wissen wir, was die göttliche Vorsehung im Garten der Mystik noch hervorzubringen beschlossen hat. Hieraus ersieht man, wie unverantwortlich und gefährlich es ist, wenn man nach einigen Gesetzen, die aus einem theoretischen Studium mystischer Schriften gesammelt wurden, die Phänomene der Therese Neumann vom Studiertisch aus, ja beinahe a priori zu beurteilen anfängt. Hierdurch entsteht Verwirrung in der Literatur und öffentlichen Meinung. Auch kann leicht die Liebe verletzt werden, indem unerquickliche Streitereien der Gelehrten hervorgerufen werden oder dem Mystiker selbst Unrecht getan wird.

Einige haben sich daran gestoßen, daß im Zustand der erhobenen Ruhe Äußerungen getan wurden über den jenseitigen Zustand verstorbener Seelen, z. B. daß diese oder jene Seele beim Heiland wäre, oder daß man für sie noch beten müsse.Soviel ich jedoch weiß, finden sich solche Auskünfte vielfach in Privatoffenbarungen mystischer Personen, die später von der Kirche heiliggesprochen wurden.

Da Therese sich in einem tiefen Schlaf befindet, glaubten manche, diesem Zustande jede Religiosität absprechen zu müssen. Denn der religiöse Akt besteht nicht nur im Wirken Gottes, sondern auch in der Aktivität der Seele, auf die eingewirkt wird. Hier taucht die klassische Frage auf: Ist die Seele in der Mystik zuweilen rein passiv? Und wie sind die Ausdrücke der Mystiker "Schlaf", "Vernichtung" zu verstehen? Hiervon war schon die Rede. (Siehe S. 32.) Die Mystiker selbst antworten uns, daß diese Ausdrücke nur das Gebundensein der natürlichen Kräfte des Körpers und der natürlichen Äußerungen der psychischen Tätigkeiten besagen sollen. Beschäftigt sich der Mensch mit einer Sache ganz intensiv, so wird er (als natürlich beschränktes Wesen) nach einer anderen Seite hin in der Tätigkeit schwächer oder ganz gebunden. Da ist es leicht zu verstehen, daß die Seele in höchster mystischer Vereinigung mit Gott in ihrer natürlichen Äußerung hier auf Erden nachläßt oder ganz aufhört. Dies lehren uns Kontemplation und Ekstase.

Ich sprach erst kürzlich mit Therese über ihren erhobenen Ruhezustand und fragte: "Wo ist denn dein Ich, Resl, wenn du so fest schläfst und nachhher von nichts weißt, was in diesem Zustand aus deinem Mund gesprochen wurde? Hat denn deine Seele gar keine Tätigkeit mehr?" Sie hörte mir aufmerksam zu und antwortete: "Mein Ich, oder wie's das nennen, ist ja dann ganz nah bei Gott, so eng mit dem lieben Heiland verbunden. Ich bin da recht wohl und glücklich und den Heiland fühl' i recht nahe."

Es ist ein Grundsatz der Mystik, der besonders schön vom hl. Thomas von Aquin ausgesprochen wurde: "Der Mensch wird nicht nur von Gott bewegt, sondern bewegt sich selbst unter der Bewegung Gottes" (Summa theol. I-II, qu. 10, a. 4.) Je inniger daher die Seele mit dem lebendigen Gott in der mystischen Vereinigung verbunden ist, desto tätiger wirkt sie in Erkenntnis und Liebe. Von einer Passivität des Menschen ist dabei nur insofern die Rede, als die Seele den Einfluß des göttlichen Lichtes in höchstem Genuß und sanftester Weise empfängt und erleidet. Also wird wohl auch die Seele der Therese Neumann im Zustand der erhobenen Ruhe höchst tätig sein und religiöse Akte im eminenten Sinne des Wortes setzen, während ihr Körper schläft und hierbei zum passiven Werkzeug einer höheren Intelligenz wird. "Ich schlafe, aber mein Herz wachet" (Hohelied 5,2.).

Der Pfarrer meint, der Heiland spreche aus dem Munde der Therese im erhobenen Ruhezustand. Dies scheint im ersten Augenblick eine gewagte Annahme zu sein. Ich selbst leitete daher meine Fragen in diesem ekstatischen Zustand mit den Worten ein: "Liebster Heiland, laß mich wissen..." Also müßte die Intelligenz, die aus dem Munde der Therese spricht, die falsche Anrede richtig stellen, oder wir haben es mit einer unmoralischen oder amoralischen Kraft zu tun, also entweder mit einer dämonischen, oder es handelt sich um ein parapsychologisches Phänomen. Dies kann aber erstens deshalb nicht zutreffen, weil ja, wie gesagt, Erkenntnisse geäußert werden, die nur Gott wissen kann, und Dinge vorausgesagt werden, die nur Gott wirken kann. Zweitens kann es noch weniger deshalb zutreffen, weil Dinge vorausgesagt werden und eintreffen, die der Teufel nie will, wie die auffallende Bekehrung oder die auffallende Stärkung im Glauben und der Liebe Christi. (Siehe S. 73 f., 96 ff.)

Ich selbst hatte des öfteren Gelegenheit, im erhobenen Ruhezustand der Therese Fragen zu stellen. Ich habe in den Antworten, die gegeben wurden, nie etwas bemerkt, was einem göttlichen Charakter widersprach. Unter anderem wurden auch Dinge gesagt, die Therese, selbst wenn sie hellseherisch veranlagt wäre, nicht wissen konnte. Denn es betraf Sachen meines inneren religiösen Lebens in präziser und bestimmter Form. Es ist mir aufgefallen, daß die Antworten meist schon gegeben wurden, wenn die Fage noch gar nicht recht zu Ende gesagt worden war. Niemals gab es eine Zeitpause, wie sie bei menschlichem Nachdenken notwendig ist. Ferner wurden alle Antworten mit den wenigsten Worten gegeben. Aus gewissen Antworten merkte man deutlich die Tendenz heraus, dem um Rat Fragenden möglichst die Freiheit des Willens und persönliche Selbsttätigkeit zu wahren. Bei einigen theologischen Fragen hieß es oft: "Das wird nicht offenbart." In der Tat handelte es sich um Dinge, die bisher in der katholischen Theologie nur in spekulativer Mutmaßung und theologischer Schlußfolgerung beurteilt wurden, z. B. die Frage, ob die Zahl derVerdammten größer sei als die der Seligen.

Ein letzter schlagender Beweis für die Echtheit des Zustandes der erhobenen Ruhe waren für mich zwei Voraussagen, die in auffallender Weise eintrafen. Es handelte sich da um folgendes:

Weihnachten 1930 hatte ich an meine Fragen auch zwei Bitten angechlossen. Ich litt damals an derartiger Heiserkeit und Schmerzen im Halse, daß ich mich bereits mit dem Gedanken trug, meine sämtlichen Vorträge bis Ostern abzusagen. Auf meine Aussage: "Ich habe große Sorge um meinen Hals wegen der Vorträge", kam sofort die Antwort: "Es bleibt alles gut! Mehr Vertrauen!" Acht Tage später hatte ich nach einem Vortrag in Dresden überaus große Heiserkeit. Am nächsten Tage mußte ich in Leipzip sprechen. Am Nachmittage vor dem Vortrag machten mich in einer Gesellschaft mehrere Herren ernstlich darauf aufmerksam, daß meine Stimme derart klanglos und heiser sei, daß sich ein dauernder Schaden der Stimmbänder befürchten lasse, wenn ich nicht sofort eine längere Pause im Reden mache. In meiner Sorge für den Abend dachte ich etwas später an jene Antwort im erhobenen Ruhezustand und begab mich ins Gebet. Des Abends war die Stimme gut wie noch nie. Beim ersten Satz, den ich sprach, war mein Erstaunen groß. Von Hörern wurde mir unmittelbar nach dem Vortrag spontan gesgt, meine Stimme wäre noch nie so klar und durchdringend gewesen. Das blieb dann so. Im Februar litt ich vierzehn Tage lang an schwerer Erkältung. Acht Tage transpirierte ich des Nachts infolge von Schwitzmitteln. Trotzdem war jeden Abend die Stimme klar, und während des Vortrags merkte ich nicht das geringste von der ganzen Erklärung. Es war mir mögich, von Weihnachten bis Ostern 68 Vorträge von je zwei Stunden Dauer zu halten.

Die zweite Bitte betraf die Vermehrung der Liebe zu Christus. Es wurde geantwortet: "Das wird schon kommen." Mitte Januar wurde ich eines Abends in München, als ich gerade zu Bett gegangen war, innerlich von einer Kraft erfaßt, die ich mir nur als übernatürliche Gnade erklären kann. Es war ein Erlebnis und eine Wendung in meinem religiösen Leben, wie ich sie früher nie für möglich gehalten hatte. Auch hiervon blieb etwas bis heute zurück, was näher zu beschreiben mir die Diskretion verbietet. Ich hatte aber von Anfang an die überaus starke Gewißheit, daß mir an jenem Abend meine zweite Bitte erfüllt wurde.

Als ich mich nach Beendigung der Leidensvisionen an einem Freitag des Juli 1931 Therese näherte, nachdem sie in ihrer Passionsblutung in den Zustand der Eingenommenheit gekommen war, und meine Finger an ihre Hand legte, ergriff sie dieselben und hielt sie fest: "Du bist auch a Herr Pfarrer", sagte sie. "Hör du" (und ich beugte mich über sie, da sie plötzlich leiser sprach), "du hast einmal den Heiland gar net kannt, viele Jahre net, als d' noch jung warst. Da hat di der Heiland berührt. Das hast gemerkt. Dann hat er dich viel später wieder berührt, und da hast ihn kennengelernt. Als aber das Fest vom Butzerl war (unter Butzerl versteht sie das Christkind), da hat er dir was gegeben. Weißt, seitdem, wenn's an ihn denkst, da hast' a große Freud', net wahr?" Mit diesen Worten glaube ich, wurde jene zweite Bitte und ihre Erfüllung bestätigt; und ich sehe in der Tat hierin das beste Kriterium für die Echtheit des erhobenen Ruhezustandes der Therese Neumann.

Dieses letzte Kriterium hat sich übrigens auch die Theologia mystica angeeignet. Eine klassische Stelle hierfür bieten die Gesichte und Offenbarungen der Angela von Foligny. Wegen ihrer grundlegenden Wichtigkeit setze ich die Stelle wortwörtlich hierher:

"Da es unbestreitbar ist, daß du der allmächtige Gott bist und daß du nur sagest, was wahr ist, so gib mir ein Zeichen, an dem ich erkenne, daß du es bist, der mir so erhabene Wahrheiten mitteilt, und befreie mich vollkommen von jener Besorgnis, betrogen zu werden. -- Ich war nun der Erwartung, daß er mir ein körperliches, sichtbares Zeichen gäbe, etwa eine Kerze in die Hand oder einen Edelstein oder etwas anderes, und daß er mir verböte, dieses Zeichen jemand anderem zu zeigen, als er selbst wollte. Aber nichts von allem diesem sondern er antwortete: Das Zeichen, das du verlangst, würde dir nur eine vorübergehende Freude machen, wenn du es sähest und anrührtest, aber es könnte dich nicht aus dem Zweifel ziehen, weil dir so eine Zeichen auch von anderswoher zukommen könnte. Ich will dir ein besseres Zeichen geben als das, was du wünschest. Dieses Zeichen soll beständig in deiner Seele sein, und du sollst es immer empfinden. Das Zeichen aber wird dieses sein: dein Herz wird immer glühen vor Liebe und Erkenntnis Gottes, das sei dir das allergewisseste Zeichen, daß ich mit dir bin, weil dieses Zeichen kein anderer als ich geben kann." Etwas später fährt Angela fort: "Das erwähnte Zeichen drückte der Herr so fest in meine Seele und gab mir zugleich über die Wahrheit seiner Anreden und Offenbarungen eine solche Überzeugung, daß ich eher ein Martyrium bestehen könnte als glauben, ich wäre betrogen" (Weg zum ewigen Leben, Landshut 1835. 1. Buch, 9. Gesicht. S. 69 f.).

Mit dieser letzten Kritik der mystischen Phänomene hängt auch aufs engste die Erklärung zusammen, die der hl. Thomas von Aquin fürdie umsonst gegebenen Gnadengaben aufstellt, die der Apostel Paulus im Korintherbriefe ("Dem Einen wird durch den Geist verliehen das Wort der Weisheit, dem Andern aber das Wort der Wissenschaft nach demselben Geiste, einem Andern der Glaube in demselben Geiste, einem Andern die Gabe zu heilen durch denselben Geist, einem Andern Wunder zu wirken, einem Andern Weissagung, einem Andern Unterscheidung der Geister, einem Andern mancherlei Sprachen, einem Andern Auslegung der Reden." [1. Kor. 12, 8-10.]) erwähnt. Ich lasse seine Erklärung hier ungekürzt folgen:

"Die umsonst gegebenen Gnadengaben haben den Zweck, daß der eine Mensch den andern unterstützt, um ihn zu Gott zurückzuführen. Hierzu kann aber der Mensch nicht beitragen, indem er den Willen des andern von innen heraus bewegt. Dies kann nur Gott, während der Mensch nur von außen her zu unterrichten oder zu überreden vermag. Daher birgt die umsonst gegebene Gnadengabe Dinge in sich, derer der Mensch bedarf, um einen andern in den göttlichen Dingen, die die Vernunft übersteigen, zu unterrichten.

Hierzu ist dreierlei erforderlich: Erstens, daß der Mernsch die Fülle der Kenntnis göttlicher Dinge erlangt hat, um so andere unterrichten zu können. Zweitens, daß er beweisen kann, was er sagt. Denn sonst bliebe seine Belehrung unwirksam. Drittens, daß er das, was er empfangen hat, geschickt vortragen kann.

Mit Rücksicht auf das Erste ist wieder dreierlei erforderlich; genau so wie beim menschlichen Unterricht: Zuerst muß der Dozent einer Wissenschaft die Prinzipien derselben aufs beste beherrschen. Hierzu dient die Gabe des Glaubens, denn er bildet das Fundament der Gewißheit betrffs der unsichtbaren Dinge, nämlich der Prinzipien der kathoischen Lehre. Zweitens muß der Dozent die hauptsächtlichsten Schlußfolgerungen beherrschen, die sich aus den Prinzipien seiner Wissenschaft ergeben. Und das ist die Gabe der Weisheit, also die weitere Kenntnis der göttlichen Dinge. Drittens müssen ihm Beispiele zur Verfgügung stehen und die Kenntnis der Wirkungen, wodurch sich die Gründe und Ursachen erläutern lassen. Hierzu dient die Gabe der Wissenschaft, nämlich die Kenntnis der menschlichen Dinge und Verhältnisse. 'Denn das Unsichtbare an Gott ist in den erschaffenen Dingen erkennbar und sichtbar.' (Röm. 1, 20.)

Die Bekräftigung dessen aber, was der Vernunft unterliegt, geschieht durch Beweise. Was jedoch über die Vernunft hinaus von Gott geoffenbart wurde, das wird nur durch Dinge bekräftigt, die allein der göttlichen Macht eigen sind. Das geschieht nun erstens dadurch, daß der Lehrer der heiligen Wissenschaft etwas tut, was nur Gott in Wundern wirken kann; sei es nun zum Heile der Körper, und hierzu dient die Gnade der Heilungen; oder sei es zwecks Offenbarung göttlicher Macht allein, wie z. B. das Stillstehen oder die Verfinsterung der Sonne oder die Teilung des Meeres, und hierzu dient die Gabe des Wirkens der Kräfte. Zweitens geschieht es dadurch, daß der Lehrer offenbar machen kann, was nur Gott weiß; und zwar entweder das zukünftig Bedingte, und hierzu dient die Gabe der Prophetie; oder das Verborgene des Herzens, und hierzu dient die Gabe der Unterscheidung der Geister.

Die Fähigkeit, geschickt vorzutragen, kann erstens die Worte selbst betreffen, wodurch die andern zur Kenntnis gelangen, und dazu dient die Sprachengabe; oder es kann den Sinn des Vorgetragenen betreffen, und dazu dient die Gabe der Schrifterklärung" (Summa theol. I-II, qu. 111, a. 4, c.).

Diese Erklärung des hl. Thomas muß sich auch bei der Kritik der Echtheit auf jedes phänomenale Wirken eines christlichen Mystikers anwenden lassen. Auch im Falle Konnersreuth erblicken wir in der pädagogischen Auswirkung der Phänomene das beste Kriterium. Darum ist immer wieder die Frage zu stellen: Werden Menschen, die von den Phänomenen in Konnersreuth persönlich berührt sind, im Glauben und in der Liebe Christi gestärkt? Nach dem vorliegenden Tatsachenmaterial glauben wir, im Falle Konnersreuth diese Frage bejahen zu dürfen, und nach dem, was in unserer Schrift bisher dargelegt wurde, scheint Therese Neumann eine stumme Predigt des Glaubens zu sein.

IX.

Nahrungslosigkeit und Schlafverminderung.

Seit Weihnachten 1922 nimmt Therese nichts Festes mehr zu sich. Diese Nahrungsenthaltung beruht nicht auf ihrem eigenen Willen. Bei jedem Versuch zu essen muß sie sofort erbrechen. Auch alle Versuche, ihr irgendwelche Nahrung gewaltsam zuzuführen, enden genau wie bei der Stigmatisierten Anna Katharina Emmerich (Humpfner, Tagebuch des Dr. Franz Wilh. Wesener über die Augustinerin Anna Katharina Emmerich. Würzburg 1925. S. 66 ff.) mit sofortigem Erbrechen.

Seit Weihnachten 1926 nimmt Therese nichts Flüssiges mehr zu sich außer einem Teelöffel Wasser, um die Hl. Hostie beim Empfang der Kommunion schlucken zu können.

Seit September1927 hat auch die Entgegennahme des Teelöffels Wasser aufgehört, so daß nun Therese nichts mehr ißt und trinkt. Diese völlige Nahrungslosigkeit wurde durch eine Vision eingeleitet. Die hl. Theresia vom Kinde Jesu erschien ihr erneut am 30. September, ihrem Todestage, in der ganzen Gestalt einer Karmeliterin und sagte ihr, daß sie von nun an "keine irdische Speise mehr benötige". Seit September1930 hat auch jegliche Ausscheidung aufgehört.

Zur Nahrungslosigkeit kommt auch noch das Phänomen der Schlafverminderung. Beides hängt ja eng zusammen. Denn nicht nur Essen und Trinken bilden für den Menschen die notwendige Stärkung, auch der Schlaf ist ja eine Art Nahrung. Nun berichten Therese, ihre nächsten Verwandten und der Pfarrer einstimmig, daß ihr Schlaf in der ganzen Woche zusammengenommen nicht mehr als zwei bis drei Stunden ausmache.

Aber auch dieser Schlaf ist nicht ganz natürlich zu erklären. Denn einmal hat sie einen stärkenden Schlaf im mystischen Zustand der Ruhe (Siehe S. 66.). Hierbei ist aber, wie sie selbst sagt, ihre Seele höchst tätig in mystischer Liebesvereinigung mit Gott. Außerdem dauert dieser Schlafzustand jedesmal höchstens zwanzig Minuten. Eine Ausnahme bildet nur jener mystische Zustand der Ruhe, in welchem sich Therese nach den Karfreitagsvisionen am Karsamstag und in der Nacht zum Ostersonntag befindet. Dieser dauert also sehr lange, und sie behauptet, während dieser Zeit in außergewöhnlicher Weise mit dem Heiland vereint zu sein, während ihr Körper teilnimmt an der Grabesruhe des Leibes Christi. Phänomenal ist dieser Schlaf auch deshalb, weil nach ihm sehr oft rasende Schmerzen, die sie infolge der Stigmenblutung oder eines Leidens der mystischen Stellvertretung (Siehe S. 93 ff.) hat, nicht nur beseitigt werden, sondern der Körper Thereses wieder ganz frisch und gesund ist. Während der Leidensvisionen verliert sie jedesmal mehrere Pfund an Eigengewicht. Während einer Kontrolle haben die Ärzte eine Abnahme von sieben Pfund festgstellt. Nach Beendigung jenes Schlafes im erhobenen Ruhezustand hat sie am darauffolgenden Sonnabend oder Sonntag wieder ihr volles Gewicht. Es scheint sich also höchstens an den Zustand der erhobenen Ruhe ein natürlicher Schlaf anzuschließen, der aber, wie gesagt, in seiner Wirkung phänomenal ist.

Zweitens scheint Therese jedesmal am Ende ihrer Visionen einzuschlafen. Sie zeigt dann plötzlich Zeichen der Ermüdung und äußert des öfteren: "I will schlafen. Geht, laßt mi nazen." Unter dem Dialektwort "natzen" versteht man aber in Konnersreuth nur eine Art Halbschlaf, wie wir sagen "duseln". Weiter ist es denn auch nichts. Ich habe sie des öfteren hierbei beobachtet. Es dauerte jedesmal nicht länger als drei bis vier Minuten. Dann schlug sie die Augen auf und erschien nun in ihrem natürlichen Zustand noch regeren Geistes als sonst in ihrem Leben. Diese Ermüdung nach den Visionen ist wohl eine Ermüdung des Körpers infolge der großen geistigen Anstrengungen während der Visionen, denn sie verfolgt ja bei der Vision mit gespanntester Aufmerksamkeit und Teilnahme die geschauten Szenen. Die mimische Ekstase offenbart dies.

Diese beiden Phänomene der Nahrungslosigkeit und Schlafverminderung werden noch erhöht, wenn man Gelegenheit hat, Therese in ihrem Leben längere Zeit gut zu beobachten. Da ist auch nicht das geringste zu sehen von Zeichen der Ermüdung oder den Folgen eines aszetischen Fastens. Hat sie nicht gerade ein Leiden der mystischen Stellvertretung, welches wieder ganz anderer Art ist als die Wirkungen einer Unterernährung oder durchwachten Nacht, so ist ihre körperliche und geistige Regsamkeit frappierend.

So war ich Zeuge, wie Therese in verschiedenen Gärten arbeitet; wie sie bis in die Nacht hinein vor einem Feste die Kirche mit Blumen schmückt; wie sie hinausfährt zu einem naheliegenden Teich, um Fische zu fangen; wie sie mithilft, die Ochsen an den Heuwagen anzuseilen; wie sie sich stundenlang mit Besuchern unterhält und dabei des öfteren hinausläuft, um irgendwelche Dispositionen zu treffen. Hierbei zeigt sich wieder die Stärke ihres Gedächtnisses und die kraftvolle Anteilnahme an allem, was die Ehre Gotts vermehren kann.

Herr Professor Wutz, der ihr oft sein Auto zur Verfügung stellt, erzählte mir, wie munter und lebhaft sie auf Reisen ist. Jede Schönheit der Natur regt sie zu lebhaften Gesprächen an, in denen das Preisen des Schöpfers alles beherrscht. Liebe und Bewunderung für die natürliche Schöpfung Gottes besaß ja Therese schon seit frühester Jugend. An dieser Stelle möchte ich aber noch einmal besonders betonen, daß das bisherige mystische Leben in ihr diese Liebe eher verstärkt und verfeinert hat. Ich erinnere mich zahlreicher Äußerungen dieser Art, wenn ich mit ihr im Garten des Pfarrers zusammen war. So sagte sie mir einst, auf ein Blumenbeet hinweisend, welches sie angepflanzt hatte: "Schauens dies verschiedene Weiß und diese Form, Herr Kaplan. Wenn's ein Mensch gemacht hätt', da würde man gleich fragen: wie heißt der Künstler? Aber an den Herrgott denken's die Menschen net so."

Daher ist es klar, daß selbst Ungläubige und größte Skeptiker, die Thereses Regsamkeit kennengelernt haben, sagen: Ist die Nahrungslosigkeit wirklich vorhanden, so ist das Mädchen ein fortwährendes Wunder. Daher ist es leicht zu verstehen, daß Fernstehende noch heute gerade diesem Phänomen mit starkem Skeptizismus gegenüberstehen und eine besondere Kontrolle betreffs der Nahrungslosigkeit verlangen.

In der Zeit vom 14. bis 28. Juli 1927 wurde Therese Neumann auf Veranlassung des zuständigen Bischöflichen Ordinariates mit Zustimmung ihrer selbst und der Angehörigen einer 15tägigen Bewachung unterzogen. Diese Kontrolle nahmen vier vereidigte Mallersdorfer Schwestern unter Leitung eines Arztes vor. Die Schwestern standen während der ganzen Dauer in schriftlicher, mündlicher und fernmündlicher Verbindung mit dem Arzt. Trotz der angestrengtesten Beobachtung konnte nicht einmal festgestellt werden, daß Therese, die keine Sekunde allein war, etwas zu sich nahm oder irgendwie versuchte, etwas zu sich zu nehmen. Auch wurde festgestellt, daß ihr Körpergewicht am Anfang und am Ende der Bewachungszeit ein und dasselbe war.

Alle Ärzte, die sie bisher untersucht haben, erklärten, daß sich ihre Verdauungsorgane in völlig gesundem Zustand befinden. Man stelle sich vor, was dies bedeutet, wenn jene Organe überhaupt nicht mehr betätigt werden. Auch hat man bisher nicht das geringste Zeichen eines sogenannten Hungergefühls bei ihr feststellen können.

Trotzdem verlangt man in letzter Zeit eine erneute Kontrolle. Immer wieder versuchen einige, Therese hierzu zu bewegen. Warum geschieht dies nicht? Ihr Vater, dem sie auf Grund ihrer durch die mystischen Zustände bedingten Hilfsbedürftigkeit untersteht, leistet dem Ersuchen Widerstand, seine Tochter für mehrere Wochen einer Klinik zu übergeben. Hat er einen Grund? Ich habe mit ihm selbst hierüber gesprochen, und er hat mir folgendes gesagt:

Erstens äußere sich der Heiland in den mystischen Zuständen seiner Tochter dieser erneuten Beobachtung in einer Klinik entgegen. Es heiße da, sie solle in den Gläubigen nur den Glauben stärken und in ernsthaft Suchenden die Gnade der Bekehrung unterstützen. Selbst lebenslange Kontrollen würden die Wissenschaft nicht befriedigen, und die Annahme des Wirkens göttlicher Barmherzigkeit, also hier eines Wunders, lasse sich nie durch Wissenschaft erzwingen. Schließlich würde auch das günstige Gutachten bestimmter Forscher der Medizin, denen Therese übergeben worden sei, noch lange nicht von medizinischen Forschern einer anderen Stadt oder eines anderen Landes einfach übernommen werden. Denn die Forscher der Medizin gehen von verschiedenen Voraussetzungen aus, haben verschiedene Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit und haben ihre verschiedenen Maßnahmen, Diagnosen zu stellen und Reaktionen zu beobachten.

Zweitens befürchtet der Vater, daß seine Tochter ähnlichen Maßnahmen in einer Klinik unterworfen werde, wie er sie von einer anderen, noch lebenden Stigmatisierten in Deutschland vernommen habe. Man habe derselben mehrere Tage lang durch Einlegung von Schläuchen Nahrung zuzuführen versucht, was zu heftigen Schmerzen und Erbrechen der betreffenden Person geführt habe. Auch habe man die stigmatragenden Glieder des Mädchens in feste Gipsverbände geschlossen, was ebenfalls zu furchtbaren Qualen geführt habe. (Soweit ich selbst dem nachgegangen bin, beruht die Aussage des Vaters auf Wahrheit.)

Drittens fürchtet der Vater, daß man das Versprechen, nur die Nahrungsloisigkeit der Tochter zu beobachten, nicht halten werde. Auch bei der oben erwähnten 15tägigen Bewachung habe man das Versprechen nicht gehalten, sondern, ohne ihn zu befragen, weitergehende Behandlung an der Tochter vorgenommen.

Schließlich habe er auch damals diese Kontrolle nur gestattet, weil man ihm versprochen habe, bei günstigem Verlauf derselben seine Tochter nicht mehr in ähnlicher Weise zu belästigen. Da nun jene Bewachung stattgefunden habe und zugunsten der Nahrungslosigkeit verlaufen sei, so sehe er keinen Grund, seine Tochter noch einmal fremden Händen zur Beobachtung hinzugeben.

Da Therese selbst von seiten ungläubiger Ärzte, die sie beobachtet haben, für geistig gesund und durchaus nicht als hysterisch erklärt worden ist, so kann man meines Erachtens nur zur Betrugshypothese die Zuflucht nehmen, wenn man die Nahrungslosigkeit nicht zugeben will. Diese Hypothese muß aber fallen lassen, wer Therese Neumann und ihre Eltern und die näheren Verhältnisse ihrer Umwelt persönlich kennengelernt hat.

Aber noch ein anderer Grund kommt für mich hinzu, der mir die Echtheit der Nahrungslosigkeit zur Gewißheit macht. Er wurzelt in der eigenarigen phänomenalen Beziehung der Therese zu dem kirchlichen Hauptsakrament, der Hl. Eucharistie oder dem Abendmahl. Diese Beziehung wird im übernächsten Kapitel zur Sprache kommen. Man wird auch hier wieder sehen, daß kein Phänomen völlig isolsiert kritisiert werden darf. Immer muß der ganze Komplex zur Beobachtung hinzugezogen werden.

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß auch Nahrungslosigkeit und Schlafverminderung in der Geschichte der christlichen Mystik zahlreiche Präzedenzfälle haben. Besonders bekannt ist ja die 18jährige Nahrungslosigkeit des gottseligen Nicolaus von der Flüe aus dem schweizerischen Kanton Unterwalden (Ming, Der sel. Nicolaus von Flüe, sein Leben und Wirken. 4 Bde. Luzern 1860-78.).

Der letzte Sinn der Nahrungslosigkeit.

Warum gibt es überhaupt körperliche Phänomene in der christlichen Mystik? Gott ist doch Geist, und wir sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Also, so folgern manche, sind Nahrungslosigkeit, Schlafverminderung, Stigmatisation, ekstatiscches Schweben, Leuchten, sichtbares Erscheinen an andern Orten und alle andern körperlichen Phänomene der christlichen Mystiker (Vgl. J. Görres, Die christliche Mystik, Regensburg 1836. Bd. 2.) nebensächliche Sachen, die man eher ins Gebiet des Parapsychologischen oder gar des Pathologischen verweisen müsse.

Diese Schlußfolgerung ist falsch und jenem Irrtum sehr ähnlich, der das Gebiet der christlichen Mystik allein im geistigen Akt der Beschauung oder Kontemplation erblicken will. Gewiß, wenn man nur von der Mystik spricht, zu der jeder Christ berufen ist (Siehe S. 29.), dann mag dies richtig sein. Handelt es sich jedoch um die außergewöhnlichen Wege der passiven Reinigung, Erleuchtung und Einigung, und treten hierbei die umsonst gegebenen Gnadengaben auf, und wird der Körper des betreffenden Mystikers das passive Abbild und Werkzeug christlicher Glaubensgeheimnisse und geistiger Beziehungen zwischen Gott und Seele, so nähert man sich bedenklich einem falschen Spiritualismus, wenn man diese Erscheinungen als etwas Unwesentliches oder gar Verdächtiges abtun wollte.

Die falsche spiritualistische Auffassung der christlichen Mystik kann entweder darin ihren Grund haben, daß der so Urteilende selbst keinen echten Vertreter der phänomenalen Mystik kennengelernt hat oder daß er sich von Religionsgemeinschaften beeinflussen läßt, in denen eben keine derartigen Mystiker entstehen, sondern höchstens exaltierte Gottesschwärmer und exzentrisch veranlagte Personen, wie sie in okkultistischen Zirkeln oder religösen Sekten und Konventikeln immer wieder auftauchen.

Oder sie hat ihren Grund in einer Weltanschauung, die die Materie für etwas mehr oder weniger Unwirkliches und Böses hält. Vertreter dieser akosmistischen Weltanschauung finden sich in der indischen Philosophie der Upanishads, in der Philosophie der Neuplatoniker und in den Sekten der Gnostiker und Manichäer. Sie sterben nie aus und machen heute besonders in der Theosophie von sich reden.

Das wahre Christentum lehrt jedoch, daß die Materie von Gott als etwas Wirkliches und Gutes erschaffen worden ist. Zwar ist sie nun durch Verlust der paradiesischen Urgnade bedeutend der menschlichen Seelenkraft entzogen und daher uns oft eine Gefahr. Aber Jesus Christus hat sie zur Wiederherstellung in der Gnade mitberufen. Die zweite Person Gottes wurde nicht ein Engel oder eine Seele, sondern ganzer Mensch. Sie erschien im Fleisch, um auch das Fleisch zu heiligen. Christus zog ferner Materie heran zum Träger der Gnade in den Sakramenten und tat Zeichen höherer Art am eigenen und an anderen Körpern. Er heilte Kranke, ging über das Wasser und durch verschlossene Türen, leuchtete, erschien mit Stigmen und plötzlich an anderen Orten und schwebte von der Erde empor. Auch verhieß er die Auferstehung alles Fleisches und durch seinen Lieblingsjünger in der geheimen Offenbarung die Erneuerung der ganzen Erde.

Das Evangelium berichtet, daß sich Christus einst mit dreien seiner Jünger auf den Berg (Tabor) zurückzog. "Da ward er vor ihnen verklärt, und sein Angesicht glänzte wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie der Schnee" (Matth. 17, 2.) Hierzu gibt der hl. Thomas von Aquin folgende Erklärung:

"Nachdem der Herr den Jüngern sein Leiden vorausgesagt hatte, leitete er sie an, diesem seinem Leiden nachzufolgen. Um jedoch auf einem Wege gut voranzukommen, muß man das Ziel schon vorher irgendwie erkennen. So kann der Schütze nicht gut den Pfeil absenden, wenn er nicht vorher die Scheibe gesehen hat, die er treffen soll. So sagte auch Thomas zu ihm: 'Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; und wie können wir den Weg wissen?' (Joh. 14, 5.). Dies zu wissen, ist nun ganz besonders nötig, wenn auf der einen Seite der Weg steil und rauh und daher das Gehen beschwerlich, auf der anderen Seite aber zugleich das Ziel sehr schön ist.

Nun erlangte Christus durch sein Leiden nicht nur für seine Seele die Herrlichkeit, die sie ja schon seit Beginn seiner Empfängnis besaß, sondern auch die Herrlichkeit des Leibes, insofern es heißt: 'Mußte nicht Christus dies leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?' (Luk. 24, 26.) Zu dieser Herrlichkeit führt er aber alle, die den Spuren seines Leidens nachfolgen, 'so daß wir durch viele Trübsale eingehen müssen in das Reich Gottes' (Apostelgesch. 14, 21.). Und daher war es angemessen, daß er seinen Jüngern, indem er vor ihnen verklärt ward, jene Herrlichkeit seiner Klarheit zeigte, in die er auch die Seinen verklären wird. 'Er wird den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten, daß er gleichgestaltet sei dem Leibe seiner Herrlichkeit' (Phil. 3, 21.). Daher sagt Beda (zu Markus, Kap. 77): 'Eine gütige Vorsehung fügte es, daß die Jünger für eine kurze Zeit die Betrachtung der immerwährenden Freude kosten sollten, um nachher die Trübsale mit mehr Festigkeit ertragen zu können'" (Summa theol. III, qu. 45, a. 1. c.). So weit der hl. Thomas.

Was nun so am Haupte der christlichen Mystik, also an Jesus Christus, zur Stärkung der Hoffnung in den Jüngern geschah, warum sollte die gütige Vorsehung dies nicht auch an einzelnen Gliedern des mystischen Leibes Christi bis auf unsere Zeiten geschehen lassen? Aus diesem Grunde kann ich in den körperlichen Phänomenen der chrisltichen Mystiker keine bloßen Begleiterscheinungen sehen, zumal sie sämtlich in wunderbarer Übereinstimmung auf die verheißene Verklärung der auferstandenen Leiber hinweisen.

So bringt auch Therese Neumann das Phänomen ihrer Nahrungslosigkeit in Beziehung zur Verklärung Christi auf dem Berge Tabor. Denn im Tagebuch ihres Pfarrers las ich folgende Stelle: "Therese erklärt, sie habe beim erstmaligen Schauen der Verklärung Christi in der Vision am 6. August 1926 Hunger und Durst auf dem Tabor gelassen. Ich hatte damals auch den Eindruck, daß sie von jenem Tage an nichts mehr an Speise und Trank benötigt hätte; eigentlich bloß an Trank, denn feste Speise hat sie ja schon seit Anfang des Jahres 1923 nicht mehr zu sich genommen. Ich muß da an die Worte der Hl. Schrift denken: Satiabor cum apparuerit gloria tua" ("Ich werde satt werden, wenn sichtbar wird deine Herrlichkeit". Psalm 16, 15.)

Wie daher Therese Neumann in ihrer Stigmatisation und mimischen Ekstase, ganz abgesehen von den geistigen Gnadengaben, eine stumme Predigt des Glaubens ist, der in der restlosen Anerkennung des bereits geschehenen Leidens und Todes Christi wurzelt, so ist sie in ihrer völligen Nahrungslosigkeit, ganz abgesehen von den Phänomenen der nächsten Kapitel, eine stumme Predigt der Hoffnung, die sich auf die Verheißung der in Zukunft eintretenden Auferstehung und Verklärung der Seligen erstreckt. So weist sie wie eine von Gott in unserer glaubensschwachen und hoffnungsarmen Zeit aufgestellte Standarte in der symbolischen Figur des Kreuzes mit dem einen Arm in die Vergangenheit auf den Anfang des Heilsweges und mit dem anderen Arm in die Zukunft auf das Ende desselben Heilsweges Christi.

Mystische Beziehung zum Altarssakrament.

Als ich am Abend des Palmsonntags 1930 bei den Visionen der Therese Neumann zugegen war, stellte später der zweite Geistliche des Ortes, Benefiziat Härtl, an Therese die launige Frage: "Resl, hast koan Hunger?" Sie antwortete: "Woißt doch, daß i nix eß." Er fuhr fort: "Willst denn mehr sein als der Heiland? Der hat doch auch gegessen, als er auf Erden war." Sie lächelte und fuhr unbeirrt fort: "Der Heiland kann alles. Oder meinst net, daß er mächtig ist?" Dann wandte sie sich zu mir und fuhr eindringlich fort: "Aus nix wird nix, Herr Kaplan. I leb net von nix, i leb vom Heiland. Der hat g'sagt: Mei Leib ist wahrhafti a Speis, warum soll's net einmal wirkli der Fall sein, wenn er's will?" (Auch ihre Schlaflosigkeit bringt sie hiermit in Verbindung.).

Daß diese ihre Aussage nicht nur eine leere Behauptung ist im Sinne einer frommen Redensart, dafür legen die phänomenalen Erscheinungen ein gewichtiges Zeugnis ab, die sich seit Jahren in Verbindung mit ihrem Empfang des Hl. Altarssakramentes zeigen.

Erwähnen wir zuest die Phänomene, die sich unmittelbar vor und bei dem Empfang der Hl. Kommunion ereignen:

Daß Therese kurz vor dem Empfang des Sakramentes von einer großen Sehnsucht erfaßt wird, das kann man sehr gut natürlich erklären. Aber sie fühlt auch in nicht natürlich zu erklärender Weise das Nahen des Sakramentes voraus. Als ich in der Christnacht 1930 nach der Mitternachtsmesse bei ihr im Zimmer weilte, beschrieb sie deutlich, im Bette liegend, wie der Pfarrer in der Kirche dem Tabernakel das Allerheiligste entnahm, um es ihr zu bringen. Dann verfolgte sie mit plastischer Schilderung seinen Weg zu ihrem Hause. Der Weg war glatt gefroren, und in heiliger Ungeduld sah sie den Pfarrer im Geiste, wie er diesmal so langsam und vorsichtig ging und einen kleinen Umweg machte über den Platz vor ihrem Hause. In dieser Weise hat sie schon oft das Nahen des Sakramentes beschrieben.

Sobald der Pfarrer mit der Hl. Kommunion in ihre Nähe kommt, wird sie fast immer in die Ekstase gerissen. Diese ist zugleich von einer Vision begleitet. Ihre Arme sind erhoben, und sie schaut in die Richtung, wo sich die Hl. Hostie in den Händen des Pfarrrers befindet. Während derselbe die üblichen Gebete spricht, schaut sie mit seligem Lächeln wie verklärt hinauf und hinunter. Ich fragte sie später, warum sie so hinauf- und hinunterschaue, und sie antwortete: "I schau den Heiland in glänzender Gestalt. Dann wird der Glanz der Gestalt zu einer Feuerflamme, die auf mi zukommt und in meinen Mund eingeht. Dann weiß i nix mehr, dann bin i ganz beim Heiland." Es ist aufgefallen, daß sie mit besonderer Aufmerksamkeit nach unten schaut. Sie erklärte, die Wundmale an den Füßen des Heilandes in ganz besonderem Glanze zu sehen. Dieses Moment scheint mir die Redewendung zu verdeutlichen, daß der Heiland im Sakrament der Hl. Kommunion zu den Menschen komme, gleichsam zu ihnen hingehend.

Am Ostersonntag 1930 war ihre Ekstase kurz vor dem Empfang der Osterkommunion am frühen Morgen überaus ergreifend. Ich werde nie diesen jubelnden, überaus glücklichen Ausdruck ihres Gesichtes vergessen. Dabei neigte sie sich in einer Weise aus dem Bette heraus dem Pfarrer entgegen, wie es sich nicht mehr mit den statischen und physiologischen Gesetzen des Gleichgewichts und der Schwerkraft vereinigen ließ.

Ist sie unmittelbar vor Empfang der Kommunion im natürlichen Zustand, so erreicht ihre Sehnsucht oft einen derartigen Grad, daß sie sich nicht halten kann und nach dem Pfarrer greift, um ihn an sich zu ziehen.

Ein weiteres Phänomen ist folgendes: Befindet sie sich in der Vision und legt der sie kommunizierende Geistliche die Hl. Hostie auf ihre Zunge, so verschwindet diese in dem Augenblick, wenn der Priester seine Finger von der Hl. Hostie zurückzieht. Man sieht noch deutlich ihre Zunge, die wieder leer ist. Und auch bei genauester Beobachtung hat man niemals irgendwelche Schluckbewegung bei ihr wahrgenommen. Dieses merkwürdige Verschwinden der Hostie wurde mir auch von anderen Priestern bestätigt, die ihr das Sakrament gereicht hatten. Ich selbst kommunizierte Therese in diesem Zustande zum erstenmal Juni 1931. Auch hier sah ich dasselbe und muß noch erwähnen, daß ich kurz zuvor, als ich mit dem Sakrament vor ihr stand, innerlich sehr erschüttert wurde. Diese innere Erschütterung wirkte seelisch den ganzen Tag in mir fort. Ich war doch bereits oft Zeuge ihres ekstatischen Kommunionsempfanges gewesen und hatte dabei nie eine Erschütterung erlebt. Ich kann mir also diesen Vorfall nur als eine besondere Gnade erklären, zumal derselbe sich in mir stark religös auswirkte.

An jeden Kommunionsempfang schließt sich bei Therese sofort der obenbeschriebene ekstatische Zustand der erhobenen Ruhe (Siehe S. 66 ff.) an. Dieser dauert verschieden lang. Manchmal nur wenige Minuten; manchmal aber auch beinahe eine halbe Stunde.

Die phänomenalen Nachwirkungen des Kommunionsempfange sind bei Therese Neumanmn folgende:

Zuerst einmal merkt man deutlich die körperliche Stärkung. Oft befand sie sich vorher in einem bemitleidenswerten Zustand der Schwachheit, besonders wenn ein Leiden der mystischen Stellvertretung (Siehe S. 93.) vorausging. Klein und eingefallen war ihr Gesicht. Dunkle Ränder umlagerten die Augen. Kaum konnte sie sich auf ihren Stuhl hinter dem Altar setzen. Nach ihrer Kommunion aber ist alles verschwunden, und man muß dem Pfarrer recht geben, wenn er sagt: "Ich weiß nicht, die Resl wird immer jünger."

Therese behauptet, daß der Heiland nach der Kommunion in ihr ruhe, und daß sich die eucharistischen Gestalten, also die Gestalt der weißen Oblate, nicht auflösen wie bei den anderen Kommunikanten. Auch dies scheint auf Wahrheit zu beruhen. Einmal ist ihr neun Stunden nach Empfang der Kommunion die Hl. Hostie entfallen und lag unversehrt vor ihr auf dem Tuche. Ich beschreibe diesen Vorfall im nächsten Kapitel (Siehe S. 99 f.).

Außerdem spricht für ihre Behauptung das Phänomen der telepathischen Korrespondenz. Sie nimmt nämlich räumlich die Nähe einer anderen konsekrierten Hostie (Der katholische Glaube nennt die Oblate des Abendmahles von dem Augenblick an konsekriert, sobald der Priester über sie die Worte gesprochen hat: "Dies ist mein Leib." Nun bleibt Jesus Christsu in ihr sakramental gegenwärtig, solange ihre Gestalt bleibt.) in einer Weise wahr, wie dies ein natürlicher Mensch nicht vermag. Denkt man hierbei an eine Art Hellsehen, so unterscheidet sich doch dieses Phänomen dadurch von den parapsychologischen Fällen des Okkultismus, daß sich dort niemals ein solches Hellsehen auf eine konsekrierte Hostie erstreckt.

Fährt sie z. B. im Automobil durch Gegenden gemischter Konfession, wie durch die Umgebung von Nürnberg, so kann sie während der Fahrt bei jeder Kirche, bei der der Weg in einiger Entfernung vorbeiführt, angeben, ob in jener Kirche konsekrierte Hostien aufbewahrt werden. Sie sagt dann meist: "Do ist der Heiland. Beten wir etwas." Oder: "Do ist der Heiland net" (Nämlich in sakramentaler Gegenwart im Tabernakel, die der Protestantismus leugnet.). Als ich sie einmal fragte, wie sie dies erfahre, antwortete sie einfach: "I hob so a Ziehen im Körper dohin." In Bamberg kam sie in das Haus eines Geistlichen, das sie vorher nicht kannte. Sofort wußte sie, daß in einem bestimmten Zimmer eine konsekrierte Hostie aufbewahrt war.

Als ich sie fragte: "Ist es wahr, Resl, daß du bei einem Besucher merkst, ob er kommuniziert hat?", antwortete sie: "Ja, aber nur dann,wenn er erst vor kurzer Zeit kommuniziert hat. Nachher vergeht es. Mehrere Stunden dauert es net." Als Professor Wutz einmal um ½10Uhr die Hl. Messe las und erst um 11 Uhr zu ihr kam, fragte sie ihn: "Haben's noch keinen Kaffee getrunken? Dös merk i, der Heiland ist noch net fort bei Ihnen." Es scheint also diese Erfühlung der Hl. Hostie im anderen nur so lange zu dauern, als im Betreffenden die eucharistischen Gestalten erhalten bleiben.

Meines Erachtens wirkt sich das Ruhen der Hl. Hostie in ihrem Innern während des ganzen Tage auch dahin aus, daß ihre Gabe der Unterscheidung der Sachen und Geister hierdurch eine besondere Kraft erhält. Ferner scheint die ganze Art ihres Benehmens mit dieser Tatsache eng zusammenzuhängen. Denn trotz aller Demut trägt sie eine gewisse Selbstachtung zur Schau und zeigt ein peinliches Sauberkeitsbedürfnis. Sie sagte da einmal: "Um des Heilands willen muß man sich sauber anzieh'n und halten."

Die Gegenwart der eucharistischen Gestalten in ihr ist verschieden lang. Die Dauer variiert von drei Stunden bis über 24 Stunden. Hört sie vor 24 Stunden auf, so ist die Ursache stets ein mystisches Leiden für einen anderen (Siehe S. 97.). An den Karfreitagen ist die Dauer bis 48 Stunden.

Sobald sich die Gestalten in ihr auflösen, empfindet sie im Innern einen körperlichen Schmerz, und zugleich tritt ein langsames Schwächerwerden ihres Körpers auf. Ganz abgesehen von der großen Sehnsucht, die schließlich in das geistige Leiden der sogenannten dunklen Nacht des Geistes übergeht, wäre man schließlich moralisch gezwungen, ihr die Hl. Kommunion als Wegzehrung zu bringen. Und ich bin überzeugt, daß, wenn auch dies unterbliebe, Jesus Christus selbst ohne Priester in sakramentaler Gestalt zu ihr käme.

Hierfür legt Zeugnis ab, daß bei Therese schon mehrere Male das Phänomen der Kommunion ohne Priester aufgetreten ist.

In der Nacht zum 30. April 1929 kam sie in ein geistiges Leiden, welches sie auch körperlich so mitnahm, daß die anwesenden Priester um Thereses Leben fürchteten. Sie weilte nicht in Konnersreuth, und man faßte schon den Gedanken, ihr aus einer in der Nähe befindlichen Privatkapelle die Hl. Hostie zu bringen, die man dort eigens aufbewahrt hatte, um Therese am nächsten Morgen die Kommunion spenden zu können. Da kam sie plötzlich in Ekstase und machte alle Gesten, als empfange sie das Sakrament. Dann trat der Zustand der erhobenen Ruhe ein, und aus ihrem Munde kamen dieWorte: "Sie hat den Heiland empfangen. Gehet hin und sehet nach. Er ist aus dem Tabernakel verschwunden." In der Tat war die Hl. Hostie dort nicht mehr vorhanden, wie von mehreren einwandfreien Zeugen festgestellt wurde.

Erst kürzlich war ich unmittelbarer Zeuge desselben Phänomens: Am Freitag, dem 26. Juni 1931 kam Therese um ½11 Uhr ins Pfarrhaus. Sie sah auffallend elend aus und fühle sich sichtlich schwach. Wir erfuhren, daß sie kurz zuvor für einen Sterbenden gelitten hatte. Sie bat den Pfarrrer, ihr die Hl. Kommunion zu spenden, die sie am Tage zuvor zuletzt empfangen hatte. Ich ging mit hinüber in die Sakristei. Therese hatte den Sakristeischlüssel an sich genommen, vermochte aber vor Schwäche nicht mehr die Tür aufzuschließen. Wir schlossen dann hinter uns ab, und Therese begab sich, sichtlich wankend, zu ihrem Stuhl hinter dem Altar. Der Pfarrer fragte mich liebenswürdigerweise, ob ich ihr wieder das Hl. Sakrament reichen wolle. Ich bejahte, und wir gingen beide gleich darauf vor den Altar. Während der Pfarrer an den Stufen das übliche "Confiteor" betete, entnahm ich da Ciborium (Der Speisekelch, der die Hll. Hostien enthält.) dem Tabernakel. Nach den beiden ersten Gebeten ging ich links um den Altar zum Stuhl der Therese, während der Pfarrer zu gleicher Zeit rechts herumging. Als ich ungefähr einen Meter vor ihr stand und die Hl. Hostie erhob, um die letzten Gebete zu sprechen, gewahrte ich zu meinem Erstaunen, daß sie sich mir nicht zuwandte, sondern ruhig im Stuhl saß mit der Richtung auf die Hinterwand des Tabernakels. Ihre Arme lagen kreuzweise auf der Brust. Mund und Augen waren geschlossen. Es war also dieselbe Stellung, die sie jedesmal nach Empfang der Kommunion in erhobenenem Zustand der Ruhe einzunehmen pflegt. Als ich erstaunt zum Pfarrer hinblickte, sah ich gerade noch, wie dieser stutzte und dann zu mir hin mit beiden Armen eine abwehrende Bewegung machte. Ich verstand nicht gleich, daß ich umkehren sollte, sondern kam auf den Gedanken: Vielleicht ist sie nicht in Ekstase gekommen, und ich müßte ihr nun ein winzige Stück von der Hl. Hostie abbrechen. Denn im natürlichen Zustande konnte sie damals (Siehe S. 95.) nicht die ganze Hl. Hostie schlucken. In diesem Augenblick kam Bewegung in ihre Gestalt. Sie drehte sich mit geschlossenen Augen zu mir hin, hob etwas den Kopf und öffnete den Mund. Da sah ich auf ihrer Zunge hell und weiß eine Hostie liegen. Nun begriff ich, sie hatte bereits das Sakrament empfangen. Ich ließ die Hl. Hostie, die ich in meinen Fingern hielt, in den Kelch zurückfallen und kehrte zum Altar zurück. Der Pfarrer ging mit mir.

Als wir beide auf dem Rückwege zur Sakristei bei ihrem Stuhl vorbeigingen, öffente sie, ohne sich zu bewegen, den Mund. Und ich hörte aus demselben die Worte: "Komm her! Es soll dir erklärt werden, was es war, damit du dich nicht ängstigst." Wir standen beide still und hörten die weiteren Worte: "Die Resl war sehr schwach und hat sehr nach dem Heiland verlangt. Draußen waren zwei Spötter, die den Heiland verspotteten, das hat Resl gemerkt und noch stärker nach dem Heiland verlangt. Diese wollten auch in die Sakristei eindringen, und da sehnte sie sich noch mehr nach dem Heiland. Und da ist er schon vorher zu ihr gekommen." Ich entsann mich, daß kurz, bevor wir zum Altar gingen, an der Klinke der Sakristeitür heftig gerüttelt wurde.

Als Therese nach dem erhobenen Ruhezustand wie aus tiefem Schlafe erwachte, fiel ihr erster Blick auf mich, der ich vor ihrem Stuhl stand. Mit einem Ausdruck rührender Kindlichkeit, den ich nie vergessen werde, sagte sie: "Herr Kaplan, da hoben's mir ja den Heiland so von da (und sie deutete auf die Hinterwand des Altars) gereicht und so hoch von oben her."

Übrigens ist der Kommunionsempfang ohne Priester nicht ohne Präzedenzfall in der Geschichte der christlichen Mystik (Vgl. Imbert-Goubeyre, La stigmatisation et l'extase divine. Paris 1894. Bd. II, K. 24.). Unter vielen anderen Mystikern ereignete sich dies auch bei der kürzlich verstorbenen stigmatisierten Italienerin Gemma Galgani (B. Ludwig, Tugendschule Gemma Galganis. Kirnach-Villingen 1926. S. 380 f.).

Nach diesen Darstellungen komme ich noch einmal auf den Schlußgedanken des Kapitels über die Nahrungslosigkeit zurück. Für mich ist das Phänomen der Nahrungslosigkeit der Therese letzten Endes deshalb eine feststehende Tatsache, weil es in engster Beziehung steht mit den eben beschriebenen phänomenalen Beziehungen zum Altarssakrament. (Therese äußerte einmal, auf ihren Magen zeigend: "Der Heiland duldet nix andres in seinem Stuberl.") Hier zeigt es sich wieder deutlich, daß man bei Erklärungen und Untersuchungen des Falles Konnersreuth niemals ein bestimmtes Phänomen aus dem Zusammenhang mit dem ganzen Komplex der Phänomene herausreißen darf. Wäre die Nahrungslosigkeit das einzige oder ein allein dastehendes Ereignis in Konnersreuth, so wäre ich einer der heftigsten Forderer, daß Therese Neumann zur nochmaligen scharfen Beobachtung in eine Klinik gebracht werden müßte.

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)