Aus dem Immaculata-Archiv:


Gildweiler.

Geschichtliche Notiz des Gnadenortes

mit einer

Auswahl von Gebeten und Gesängen

von

Lud. Ohl
Priester der Diözese Straßburg.

Mit Erlaubnis der geistlichen Obrigkeit

Straßburg i.E.
"Der Elsässer", Buchdruckerei und Zeitungsverlag.

1898.

Imprimatur. Argentinae, die 20. Septembris 1898. S. Hilsz G.V. (L.S.)
Seiner Hochwürden Herrn Pfarrer J. B. Mott, dem eifrigen Beförderer des Gnadenortes U.L. Fr. von Gildwiler, aus Freundschaft gewidmet vom Verfasser.


Einleitung.

Es giebt einen durch die Liebe und Verehrung aller Jahrhunderte geweihten Namen, einen Namen, den alle Nationen segnen, und der bis ans Ende der Zeiten wird gesegnet sein; es giebt einen Namen voll der Gnaden, die Quelle himmlischer Mutterliebe, beseligender Barmherzigkeit, die Ursache unserer Fröhlichkeit; gleich sanftem Wohlgeruch geht er zur Seele, stillt er die Schmerzen, und lindert er die Leiden im Pilgerleben. Es ist der Name, der tausend- und tausendmal wiederholt immer neu scheint, ein Name, den man ausspricht mit Wonne und Trost, sowohl in der Hütte des Armen, als in den prachtvollen Gemächern der Reichen.

Dieser Name ist der der Jungfrau Maria, der schmerzhaften Mutter unseres Heilandes, Unserer Lieben Frau von Gildweiler.

Seit jener Stunde, in der im Paradiese der beleidigte Welterschaffer den Orakelspruch gethan: "Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird deinen Kopf zertreten", -- seit jener Stunde ist Maria der Morgenstern, die Hoffnung der in Adam gefallenen Menschen. Sie, die hehre Frau, hat Gott beim Beginn der Zeiten bestimmt, das böse Reich des Feindes unserer Glückseligkeit zu zertrümmern; nach dem Tage, an dem das große Ereignis eintreten sollte, haben die Väter des alten Bundes herzverlangend sich gesehnt.

Was ist uns aber Maria nicht geworden, seitdem sie unter uns gewandelt, und erst von jenem Augenblicke an, in dem Himmel und Erde der Stimme des auf Golgatha sterbenden Gottes ängstlich gelauscht: "Sohn, siehe da deine Mutter!" Die süßesten Ehrentitel geben wir dem wunderbaren Weibe; wir rufen sie an als das Heil der Kranken, die Trösterin der Betrübten, die Zuflucht der Sünder, die Pforte des Himmels, die Königin aller Heiligen.

Einzig steht sie, die liebe Gottesmutter, unter allen Heiligen in der katholischen Kirche; alles rühmt, lobt und benedeiet sie. Nehmen wir zu Zeugen die ersten Jahrhunderte des Christentums; denn gleich wie das Wasser um so reiner und um so klarer fließt, als es näher an der Quelle ist, ebenso ist die christliche Lehre um so überzeugender, wenn man sie mit Vorliebe den ersten Gründern und Predigern des Christentums entnimmt.

In den liturgischen Gebeten, die den Namen des hl. Jakobus und des Evangelisten Marcus tragen, ist die Jungfrau Maria sehr heilig, unbefleckt... sanctissima, immaculata..., über alle Menschen erhaben genannt. Origenes, der so nahe den Apostelzeiten steht, schreibt: "Maria wurde mit und voll Gnaden erschaffen, so daß sie niemals von dem pesttriefenden Atem Satans angehaucht wurde." Dasselbe lehrte im 3. Jahrhundert der hl. Cyprian, Karthagos berühmter Bischof, und im 4. Jahrhundert der hl. Ambrosius: "Maria ist die Pflanze, von welcher der hl. Geist spricht, ganz heilig und recht, in der sich nicht fand die Erbsünde, nicht der Keim der wirklichen Sünde, um sie zu verunstalten." Im 5. Jahrhundert verteidigt der hl. Augustinus, der Adler der Kirchenväter, die Lehre der Erbsünde gegen die Pelagianer: "Nein", ruft er mit seiner gewöhnten Kraft aus, "nein, wenn es sich um Sünde handelt, will ich nicht, und kann ich es wegen der Ehre Gottes nicht zugeben, daß man auf irgend nur eine Weise an Maria denke!" Welche Beweise liefern uns nicht die Feste, welche die Liebe und Dankbarkeit der Jahrhunderte der mächtigen Himmelskönigin gestiftet haben? Die mächtige Stimme der Überlieferung von der Verehrung Mariens ist nicht wie das Wehen der lispelnden Zephyre, sondern wie das tobende Brausen eines mächtigen Stromes, das durch den Lauf von neunzehn Jahrhunderten schallt. "Maria ist Königin im Himmel und auf Erden!" hallt es allüberall!

O Maria, unvergleichbare Jungfrau, wir beglücken dich ob deiner großen Ehre! Wir lieben mit den hl. Vätern, unseren Ahnen, dich eine Lilie unter den Dornen, Wonnegarten, unbefleckte Braut des hl. Geistes, unsere Frau und unsere Mittlerin zu nennen. Und Dir, mein Erlöser, Dank ob der erhabenen Würde, die Du deiner Mutter verliehen! Du zwingst mich, Dich zu preisen, Dich zu lieben.

Diese allseitige Verehrung der Gottesmutter ist die Frucht der unzählbaren Gnaden, die Maria ihren Treuen zukommen läßt. Von diesen Gnaden sprechen, heißt, die segensreichste Quelle für unsere Heiligkeit rühmen und anerkennen, leider aber auch den klarsten und traurigsten Beweis des religiös verkommenen Lebens jener anführen, die diese Gnadenquelle mißkennen.

Diese Behauptung erhellt aus den Beziehungen, die Maria mit den göttlichen Personen der hl. Dreifaltigkeit hat. Wegen der Jungfräulichkeit ihrer unbefleckten Mutterschaft hat sie freien Zutritt zu dem ewigen Gnadenborn. In jeder Stunde erscheint sie vor demselben, entweder um uns die nötige Hilfe zu verschaffen, oder um den Zorn und die Blitze der ewigen Gerechtigkeit von uns abzuwenden. Was sie sich erbittet, erlangt sie. Sie ist allmächtig im Himmel, freilich nicht unbedingt und nicht unabhängig, denn diese Eigenschaften kommen Gott allein zu; sie erfreut sich jedoch einer Allmacht, die, obschon nur flehend, immer, wie die hl. Väter sich ausdrücken, eine thatsächlich ist. "In ihr", sagt der hl. Bernhard, "ist nichts Strenges, nichts Furchtbares; sie ist nur Sanftmut, und jeder menschlichen Armut zugethan stößt sie jene, die sie anrufen, niemals zurück." Wir dürfen mit Recht sagen, daß Maria die Spenderin aller Gnaden ist; Gott ist die Quelle, sie aber ist der Kanal, durch welchen sie uns zukommen. Nach dem soeben erwähnten hl. Bernhard hat Gott in Maria die Fülle seiner Gnaden gesetzt; erhalten wir nun eine Gunst, einen Segen, so kommt es uns durch sie zu. Sie ist ein Wonnegarten, aus dem allerlei Wohlgeruch, d.h. die Schätze der göttlichen Gnaden strömen. Der hl. Bernhardin von Siena versichert, daß der Himmel uns seine Gaben nur durch Maria spendet. Droben im Himmel hört sie auf unsere Bitten, fleht sie ihren gebenedeiten Sohn um Erbarmen für ihre frommen und treuen Verehrer an; droben schützt sie uns hienieden vor Gefahr, und reicht sie uns ihre rettende Hand.

Wohlan, liebe Verehrer Mariens, die ihr auf dem sturmbewegten Ocean der Welt segelt, wendet eure Augen nicht von Maria: sie ist euch der hellleuchtendste Stern. Wenn der rauhe Wind schlimmer Leidenschaften euerem schwachen Schifflein Verderben droht, wenn von den Fluten der dreifachen Begierlichkeit mitfortgerissen ihr einem nahen Schiffbruch entgegen eilt, erhebt euere Blicke auf diesen glänzenden Himmelsstern, rufet Maria an! Seid ihr in Angst und Leid, schreiet auf zu Maria, der Trösterin der Betrübten! Seid ihr auf das Schmerzenslager geworfen, von heftigen Fieberanfällen geplagt und schon von den Schatten des Todes umgeben, werfet euch mit Vertrauen in die Arme der schmerzhaften Gottesmutter, des Heiles der Kranken! Begehret, rufet Maria! Ihr bloßer Name, mit frommem Sinn ausgesprochen, wird die Stütze euerer Schwachheit sein. So lange der Name "Maria" euere Lippen nicht verläßt, kann kein Feind weder dem Körper, noch der Seele etwas anhaben.

Euch zu Liebe, fromme Verehrer Mariens, um euere Andacht zu mehren, schrieb ich dieses Büchlein. Knieet ihr zu Füßen Unserer Lieben Frau von Gildweiler, dann gedenket auch meiner im Gebete.

Der Verfasser.

September, am Feste der sieben Schmerzen Mariä, 1898.


Altehrwürdiges Gebet

zur
Lieben Muttergottes von Giltwiller.

Gegrüßt seist du, Maria, Mutter Gottes! O, sey doch auch meine Mutter! Verstoß nicht einen armen Sünder, der mit dem Blute deines Sohnes ist erlöset worden. Zu dir, o Königin der Engel, nehme ich meine Zuflucht. Ach, hätte ich doch nie meinen lieben Gott beleidget! Ich würde schon lange in der Hölle brennen, wenn Gott nicht so gütig und du nicht meine Fürbitterin gewesen wärest. Sey auch in Zukunft meine Mutter. O, erbitte mir doch die Gnade einer wahren Bekehrung, du gnadenvolle Mutter. O, erbitte mir die Gnade, daß ich alle meine Sünden recht erkennen, bereuen, beichten und abbüßen möge. Erbitte mir die Gnade, alle Kreuze und Leiden dieses Lebens geduldig zu tragen, eher Blut und Leben zu lassen, als Gott wieder zu beleidigen, und endlich durch ein glückseliges Sterbestündlein die ewigen Freuden des Himmels zu erlangen.

Ich will nie müde werden und nun wieder frisch anfangen, Gott zu dienen. Hier vor diesem Gnadenbilde erneuere ich wieder meine Taufgeblübde und alle meine guten Vorsätze. In der allein wahren katholischen Kirche verlange ich zu leben und zu sterben, und bin bereit, eher alles zu verlieren, sogar mein Blut zu geben, als dem wahren Glauben untreu zu werden. Ich bin schwach, aber mit der Gnade Gottes vermag ich alles.

O Maria, sey meine Mutter, ich will allezeit dein Kind seyn. Dich will ich lieben und in allem dir treu nachfolgen. Dir verschreibe ich mein Herz. Verbirg mich in die Seitenwunde deines göttlichen Sohnes. O Mutter, bitte für mich armen Sünder. Bitte für die Meinigen. Bitte für uns alle, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens! Amen.


Erster Theil.

Geschichtliche Notiz.
der
Wallfahrt zu U.L. Fr. von Gildweiler.

I. Ursprung der Wallfahrt.

Der Kultus der allerseligsten Jungfrau ist so alt als das Christentum; er entstand in jener Stunde, in der Jesus am Kreuze uns eine Mutter gab. Der hl. Johannes vollzog das Testament seines Meisters; er pflegte, liebte und verehrte Maria. Dem Beispiel des Lieblingsjüngers folgten alle, die Christus als den Sohn Gottes anerkannten.

Die Schüler der Apostel führten das Christentum und mit ihm die Verehrung der Gottesmutter im Elsaß ein. Allgemein gilt der hl. Maternus nicht bloß als der Apostel, sondern auch als der erste Apostel des Elsasses (Cf. L.G. Glöckler, "Sankt Maternus", Rixheim 1884.) In unserer Heimat finden wir schon im zweiten Jahrhundert blühende Kirchen. Der hl. Irenäus, der dem hl. Pothinus auf dem Bischofsstuhle von Lyon nachfolgte, erwähnt in seinem ersten Buche über die Ketzereien die Kirchen in Gallien und in den Germanien. Indem er die Verbreitung der Kirche über die ganze Welt bezeugt, schreibt er: "Sie ist einig und überall dieselbe. Alle Kirchen, welche in den Germanien gegründet sind, glauben und lehren nicht anders. Jene von Spanien, Gallien, Ägypten, Afrika, vom Orient und in der Mitte der Welt haben keine verschiedene Lehre..." (Cf. S. Irenäus, Contra haeres.., lib. I, Cap. 10, n. 1,2.)

In diese Aufzählung ist das Elsaß einbegriffen; der Verfasser nennt das Unter-Elsaß, wenn er von den Germanien spricht, und das Ober-Elsaß, in dem er Gallien anführt, denn in der Zeit des hl. Irenäus bildete das Ober-Elsaß einen Teil des keltischen Galliens. (Cf. Caesar, De bello gallico, lib. I, Cap. I und Schöpflin, L'Alsace illustrée, übersetzt von L. W. Ravenez. T. II, p. 276.)

Der hl. Irenäus war ein eifriger Verehrer der lieben Mutter Gottes. In einer seiner Schriften nennt er sie "Evas Fürsprecherin" und "Versöhnerin des menschlichen Geschlechtes". Gewiß hätte er die erwähnten Kirchen weder gelobt noch gerühmt, hätten sie den Marien-Kultus nicht hoch gehalten. Die Verehrung der allerseligsten Jungfrau war in den Ländern, die heute die Bistümer Besançon, Basel und Straßburg bilden, Länder, die damals zum größten Teil von dem Bischof von Lyon abhingen, so gut eingeführt, daß die Protestanten dem hl. Irenäus die Gründung des Marien-Kultus zuschreiben, und sachlich, so wie er heute in der katholischen Kirche besteht. (Adversus haereses, lib. V, Cap. XIX. - Dieses ist auch die Opinion der Centuriatoren von Magdeburg. Cf. Godescard, Vie des Saints, Assomption, 15. Aug.)

Diesem ersten Aufschwung folgten bald die düsteren Zeiten der Völkerwanderungen, die blutigen Tage des Hunnenkönigs Attila und die Wirren der damaligen Regierungen. Ein neues Morgenrot erschien, als Chlodwig nach seinem Siege (496) zu Straßburg ein Münster erbauen und es der Himmelskönigin weihen ließ (504-510). Überall erhoben sich Kirchen und Kapellen. Das Elsaß verließ die Altäre der Druiden und diente dem aus der Jungfrau geborenen Sohne Gottes.

Die Zeit des Ursprungs des Wallfahrtsortes Gildweiler läßt sich nicht genau bestimmen. Das älteste Dokument, das dessen Namen erwähnt, rührt aus dem Jahre 728 her, und worin der Graf Eberhard der Abtei von Murbach mehrere in diesem Banne gelegene Güter schenkt. Damals trug Gildweiler den Namen Gyldulfoviler (Cf. Monuments de l'histoire de l'ancien évêché de Bâle, T. I, p. 70 u. ff.); in einer Urkunde des Kaisers Ludwig des Frommen (814-840) zu Gunsten der Abtei Masmünster heißt es Giltewilre (Cf. Schöpflin, L'Alsace illustrée, Traduction Ravenez, T.III, p. 476.). Daß Gildweiler vor dieser Zeitangabe schon eine Gemeinde bildete, ist nicht zu bezweifeln.

Gehen wir auf die Bedeutung des Wortes "Gildweiler-Giltwiler" ein, so ermittelt sich der Beweis, daß schon in den druidischen Zeiten sich hier eine Gemeinde vorfand. Das Wort "Weiler" ist ein allgemeines Bezeichnungswort, insbesondere für die oberelsässischen Örtlichkeiten. "Gilde" ist das eigentliche Namenwort unserer Gemeinde. "Opfer-Gilde" oder "Opffer-Gille" bedeutete bei den Druiden das Mahl, das nach dem Opfer genossen wurde; im weitern Sinne gab man den Mamen "Gilde" der Versammlung selbst, die bei solchem Mahle sich einfand. (Die Opfer-Gilde betreffend siehe Falkenstein, Antiquitates et memorabilia Nordgaviae Veteris, T. I, p. 150-151, und Augustin Thierry, Récits des Temps Mérovingiens..., Paris 1840, au commencement du chap. V des Considérations.)

Hier wirft sich die Frage auf, warum sollte unsere Gemeinde das Privileg haben, vorzugsweise den Namen "Gilde" zu tragen? Außer dem Hügel, auf dem sich die Wallfahrtskirche erhebt, hat es im oberelsässischen Lande noch andere Ortschaften gegeben, wo die Druiden ihre Zusammenkünfte abzuhalten pflegten. Domherr Freyburger, ehemaliger Generalvikar der Diözese Straßburg, giebt uns in seinen Aufzeichnungen eine treffende Antwort. "In unserer Mutmaßung", sagt er, "gehen wir nicht zu weit, wenn wir annehmen, daß Gildweiler die Hauptgilde der Gegend gewesen sei. (Cf. Pfarr-Archiv Gildweiler, Aufzeichnungen des Domherrn Freyburger, eine französisch verfaßte Arbeit, die alle Anerkennung verdient; sie leistete uns die besten Dienste.)

Wie dem auch sein mag, hat immerhin der heutige Wallfahrtshügel den Namen beibehalten, den er schon vor der Einführung des Christentums getragen hatte. Allem Anscheine nach haben die ersten apostolischen Missionäre der Gegend ihre Neubekehrten an derselben Stelle versammelt, an der sie vor ihrem Abfall vom Unglauben ihre Zusammenkünfte gewöhnlich abgehalten hatten; es ward nur der Gegenstand ihres Kultus geändert. Auf dem Hügel erhob sich eine Kirche, und die zunächst liegende Gemeinde nannte sich Gildweiler, d.h. Weiler der Gilde.

Bringen wir das über den Eifer des hl. Irenäus Erwähnte und den Wortlaut seiner Schrift, die Galliens und der Germanien Kirchen rühmt, mit unserer Erläuterung in Verbindung, so sind wir thatsächlich berechtigt zu behaupten, daß Gildweiler eine der ersten Kirchen des Elsasses besaß, und daß in derselben, der katholischen Sitte gemäß, die Verehrung der allerseligsten Jungfrau faktisch bestand. Bekanntlich hatten die Druiden "Die Jungfrau, die Mutter werden sollte", in ihr Religionssystem aufgenommen; die ersten Missionäre werden auch auf unserer Gilde diesen Umstand ausgenützt und Maria die ihr gebührende Ehre erzwungen haben: der Kultus, den Chartres der Virgini parituarae gewidmet hatte, mag ja auch seinen Widerhall in den Vogesen gefunden haben. Der Kiche U.L. Fr. von der Aich (Eiche) soll nach der Lokaltradition auf dieselbe Stelle gebaut worden sein, auf der sich zuvor die Opferaltäre der Druiden erhoben haben (U.L. Fr. von der Aich, im Walde von Thumenau, bei Plobsheim (Unter-Elsaß), der Tradition nach die älteste Muttergottes-Wallfahrt im Elsaß.); auch Gildweiler besitzt seine Traditionen. Seine Kirche erhebt sich vornehm auf dem das Land beherrschenden Hügel, weit ragt sie in den Sundgau hinaus, über die alten Eichenwälder, wo einstens die Druiden mit goldenen Sicheln die geweihte Mistel suchten. (Mistel, Pflanzengattung aus der Familie der Loranthaceen. Sie schmarotzen auf Bäumen; die Druiden nahmen sie von den Eichen.)

Liefern Namen und Tradition Belege zur Altehrwürdigkeit unseres Wallfahrtsortes, finden wir deren mehrere in den elsässischen Urkunden, von denen die ältesten bis in das VIII. Jahrhundert hinauf reichen. Das Eberhard'sche Dokument vom Jahre 728 haben wir bereits erwähnt. In einem vom 12. Juli 727 datierten Akt erlaubte Thierry IV., König der Franken, dem Grafen Eberhard, die Abtei Murbach auszustatten, indem er selbst derselben mehrere königliche Privilegien zusicherte. (Cf. Schöpflin, Alsatia diplomat., T. I, p. 7.) Im folgenen Jahre vermachte der Graf mit Einwilligung seiner Gemahlin Emeltrude und seines Bruders Luitfried der erwähnten Abtei mehrere seiner Privatgüter, frei von jeder Last (indominicata). Eberhard war ein Sohn des elsässischen Herzogs Adalbert, der wie die hl. Odilia ein Kind des berühmten Herzogs Attich gewesen ist. Die geschenkten Güter lagen teilweise in den Gemarkungen von Heimonviller (Mumweiler), Chinzicha (Kienzheim?), Gyldulfoviler (Gildweiler) (Cf. Trouillat, Monuments de l'histore de l'ancien évêché de Bâle, T. I, No 33, p. 63, et No. 35, p. 70.) Am 21. Juni 823 bestätigte Ludwig der Fromme sämtliche Rechte und Besitztümer der Abtei Masmünster. In der betreffenden Urkunde heißt es: "Die Namen der Weiler und der Ortschaften, in denen oben genannte Kirche Gut und Eigentum hat, sind außerhalb dem Thale: Brunnhobetum (Burnhaupt), Giltwilre (Gildweiler), Domna Maria (Dammerkirch) u.s.w." (Cf. Ibid. Monuments, T.I, No. 52, p. 103, u. Schöpflin, Als. dipl., No 86.)

Von frommen Stiftungen und Geldspenden liegen uns aus dieser Zeit keine Urkunden vor; aber außer Zweifel liegt es, daß die immer zahlreicher werdenden Pilger sich glücklich schätzten, vor dem Gnadenbilde beten zu können. Der Name der schmerzhaften Muttergottes von Gildweiler war über die Grenzen des Sundgaues hinaus bekannt. Die guten Leute kamen nach der Gnadenstätte, welche auf ihre Herzen eine beseligende Macht ausübte. Die mächtige Himmelskönigin spendete auch hier Trost und Hilfe, entbrannte ihre Verehrer vor Liebe zu ihrem göttlichen Sohne und wirkte auf alle so mütterlich, daß sie beim Abschied immer wieder gelobten, zu ihr zurückzukehren. Den höchsten Glanz aber sollte der Wallfahrtsort Gildweiler durch die Besuche des hl. Morandus, des Apostels des Sundgaus, erhalten.

(Fortsetzung folgt)


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