Aus dem Immaculata-Archiv:


Johannes.

Der Vorläufer des Herrn

nach
Bibel, Geschichte und Tradition

dargestellt
von

Dr. Nik. Heim.

Mit kirchlicher Druckgenehmigung.

Regensburg 1908.

Verlag von J. Habbel.

Imprimatur. Ratisbonae, die 23. Martii 1908. M. Huber, Vic. Gen. Th. Braun, Sekret.


Dem ehrwürdigen Andenken der Gottseligen Jungfrau Anna Maria Heim O.S.Fr. (+ 31. August 1633) zu Klosterbeuern im Allgäu, die im Geiste des heiligen Johannes als gute Verwalterin mannigfacher Gnaden Gottes weltfern Christo lebte, Heiligkeit übte, Tugendglanz verbreitete, gewidmet vom Verfasser.


An den Leser.

"Ut ea, quae fidei firmitate jam tenes, etiam rationis luce conspicias =
Damit du das, was du im Glauben bereits festhältst,
auch im Lichte der Vernunft erschauen mögest."
(St. Aug. Ep. 120 ad Consent.)

I.

Heute mehr denn je steht das Neue Testament im Zentrum der Geisteskämpfe, "als ein Zeichen, dem man widerspricht (Luk. 2,34)". Führt es doch Leben und Lehre dessen vor Augen, den die Christenheit als den Begründer ihrer Religion verehrt, und erleben wir seit mehreren Jahren die Wiederaufführung jenes biblischen Schauspieles, von dem wir lesen (1. Sam. 17,3.): "Die Philister standen auf einem Berge von einer Seite (gerüstet), und Israel (in Schlachtordnung) stand auf einem Berge von der andern Seite, und ein Tal war zwischen ihnen." Es gibt in der Tat wenige Gebiete menschlichen Wissens, in denen sich die Gegensätze der modernen Weltanschauung so schroff und herausfordernd begegnen, als in der Erforschung der neutestamentlichen Probleme, die sich aber fast alle in ihren tiefsten Wurzeln und letzten Ausgangspunkten auf eine mehr oder minder bedeutende Verschiedenheit der Grundvorstellung von der Person Unseres Herrn Jesu Christi zurückführen lassen und zurückgeführt werden müssen. Denn des Heilands Fragen (Matth. 16,15; 22,42.): "Für wen haltet ihr mich? Was glaubet ihr von Christo?" finden nicht überall eine einfach-gläubige Beantwortung im Sinne des unwissenschaftlichen Fischers Simon Petrus, der da ruft: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens! Und wir haben geglaubt und erkannt, daß du bist der Christus, der Sohn Gottes (Joh. 6,69 f.)."

II.

"Wollte ich selber von mir zeugen" -- also die Sanftmut des Gottmenschen (2. Kor. 10,1; Joh. 5,31 f.) -- "so würde (euch) mein Zeugnis nicht als wahr gelten. Aber es ist ein anderer, der von mir zeuget, und ich weiß, daß das Zeugnis wahr ist, welches er von mir ablegt. Ihr habt zu Johannes gesandt, und er hat der Wahrheit Zeugnis gegeben. Zwar nehme ich (Gott) nicht von Menschen Zeugnis her, sondern ich sage dies, damit ihr selig werdet."

Die im "modernen" Sinne unwissenschaftliche, d.h. kindlichgläubige Betrachtung dieser klaren Worte des Herrn hieß uns angesichts der vielgestaltigen Attentate gegen die Gotteskrone Jesu Christi zur Feder greifen, nachdem wir vor Jahren die Fußstapfen des Menschensohnes auf Erden gesucht und auch den gewaltigen Apostel Paulus zu seinem Schwerte zu langen gebeten haben gegen die falschen Brüder, die bedachtsamen wie unbedachtsamen Handlanger und Vertreter "unheiliger Wortneuerungssucht und After-Wissenschaft, von denen schon einige, die sich ihrer rühmten, vom Glauben abgewichen (Tim. 6,20.)", andere durch den "Brief Petri vom 8. September 1907" gebrandmarkt worden sind, während uns wieder einmal das apostolische Wort ins Gedächtnis zurückgerufen wurde: "Hütet euch, daß ihr durch den Irrtum der Toren nicht mit fortgerissen werdet und eure eigene Festigkeit verlieret (2. Petr. 3,17.)!"

Damals zogen wir auch nicht die irdische Rüstung Sauls an, die einem Diener Gottes weder zukommt noch paßt (1. Sam. 17,38 f.). Vielmehr -- da wir zu kämpfen hatten wider die Bosheitsgeister in der Luft der modernen Zeit -- taten wir die Rüstung Gottes an, vor allem aber griffen wir -- nicht nach irgend einer neugestrichenen Wetterfahne der "Wissenschaft", sondern nach dem dauerhaften Schilde des Glaubens (Ephes. 6,11-17.). "Denn Herr, deine Augen sehen auf den Glauben (Jer. 5,3.)!"

III.

Orthodoxie ist und bleibt unsere Parole. Wir sind nicht gewohnt, unsere Bibel zwischen den Gassenlampen zu studieren, die im Pestwind des Rationalismus und Modernismus unsicher hin- und herflackern: Gottes Wort liest sich am besten beim ruhigen Scheine des "ewigen Lichtes", der Kirchenampeln. Unser Leitfaden dabei sind die Schriften der Väter, die Apostolischen Dokumente "Providentissimus Deus" (18. Nov. 1893), "Pascendi" (8. Sept. 1907) und folgendes uns persönlich sehr teures Schreiben:

Pius PP. X. Papst Pius X.
Dilecte Fili, salutem et Apostolicam benedictionem Geliebter Sohn, Heil und Apostolischen Segen!
Valde te amamus de eo libro, quem nuper curasti perferendum Nobis muneri. Neque solum tua erga Nos humanitas placet, sed etiam et multo magis ipsum a te confectum opus, quod omnibus christianae sapientiae studiosis videmus fructuosum fore. Überaus große Freude hat Uns dein Buch bereitet, das du Uns vor einiger Zeit zum Geschenk hast darbringen lassen ("Paulus der Völkerapostel."). Nicht nur deine Freundlichkeit gegen Uns hat Uns so gefallen, sondern auch und noch viel mehr dies dein Werk selber, das, wie Wir sehen, allen der christlichen Weisheit Nachstrebenden von Nutzen sein wird.
Nam quod Paulus Apostolum accurate exponis legenti, qualem vel divinae Litterae vel historia eorum temporum vel varia deinceps monumenta christiani nominis exhibent, in argumento, versaris apprime accommodato ad illustranda exordia et elementa Ecclesiae, quae quidem ipsius maxime laboribus et disciplina profecit: sic autem versaris, ut magni Doctoris gentium, solertia studioque tuo expressa, imago mirabiles excitare amores sui debeat. Denn indem du deinen Lesern den Apostel Paulus so getreu vor Augen führst, wie ihn die heiligen Bücher, die Geschichte jener Zeit und die verschiedenen späteren christlichen Monumente zeigen, hast du ein Thema gewählt, ganz vorzüglich geeignet, den Ursprung und das Werden der Kirche zu erläutern, die vor allem durch seine Arbeit und Lehre herangeblüht ist. Dein Thema aber behandelst du in einer Art und Weise, daß das von deiner sorgfältigen Forschung gezeichnete Bild des großen Völkerlehrers jedermanns Liebe im höchsten Grade wecken muß.
Itaque dubitare non potes, quin tuum hunc laborem vir sanctissimus, cujus honori dicatum voluisti, gratum acceptumque habeat; qui quidem quum doleret olim, quod non omnes Paulum, sicut par esset, cognoscerent, nunc te pro virili parte niti, ut haec cognitio propagetur, certe gaudebit. Du kannst demnach versichert sein, daß der große Heilige, dem du dein Werk hast widmen wollen (der heilige Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus), dasselbe gern entgegennehmen wird; denn wo er schon hienieden bedauert hat, daß nicht alle Paulum kennen, wie er es verdient, wird er sich zweifellos freuen, daß du dich so eifrig bestrebst, diese Kenntnis zu verbreiten.
Nos autem, cum huic operi, quod exegisti, tum ceteris, quae, ut scribis, suscepturus es ad incrementum communis pietatis atque ad tutelam catholicae fidei, propitium invocamus Deum: cupimusque et ipse elaborare diu pro Ecclesia, integris utens viribus, possis. Auspicem divinorum munerum ac testem benevolentiae Nostrae, tibi, dilecte Fili, Apostolicam benedictionem peramanter impertimus. Wir aber rufen auf dieses Werk, das du geschaffen, sowie auf jene, welche du, deinem Schreiben gemäß, zur Förderung der allgemeinen Erbauung und zum Schutze des katholischen Glaubens demnächst unternehmen wirst (das vorliegende Lebendes Täufers usw.), Gottes Huld und Segen herab mit dem Wunsche, es möge dir vergönnt sein, noch lange mit ungeschwächten Kräften für die Kirche arbeiten zu können. Und als Unterpfand der göttlichen Gnaden sowie zum Beweis Unseres Wohlwollens spenden Wir dir, geliebter Sohn, von ganzem Herzen den Apostolischen Segen.
Datum Romae apud S. Petrum die XX. Januarii, anno MCMVIII, Pontificatus Nostri quinto. Gegeben zu Rom bei St. Peter am 20. Jan. 1908 im 5. Jahre Unseres Pontifikates.

Pius PP. X.

Papst Pius X.

IV.

Wir glauben also jene "richtige Straße" einzuhalten, "die man die heilige Straße nennt, auf welcher selbst Einfältige nicht irregehen" (Is. 35,8.) Denn wir hegen nicht die Ansicht, daß durch die wissenschaftliche Auffassung Lücken in der vom Herrn und seinen Aposteln überlieferten Lehre ausgefüllt werden können, sondern vielmehr, daß diese die eine unveränderliche Grundlage für die Wissenschaft bilden müsse, und die durch die Wissenschaft gewonnenene Gewißheit der Heilslehre in keinem Falle eine größere sein könne, als die unmittelbare Gewißheit des Glaubens. Sonst würden wohl die meisten unserer Leser, ja die Mehrzahl der Menschen überhaupt, die zu wissenschaftlichen Untersuchungen kein Geschick und keine Gelegenheit haben, der größten Wohltat entbehren müssen. (Iren. Haer. I. 3. n. 6; Orig. De princ. praef.; Clem. Alex. Strom. 7,10.)

Die Gottheit Christi einmal angenommen, sagen wir mit dem Urtheologen Klemens von Alexandria, ist es widersinnig, die christliche Religion noch von wissenschaftlichen Demonstrationen abhängig machen zu wollen -- genug, daß Gott uns über die verhandelten Fragen Aufschluß gibt. Cedat curiositas fidei = "Es weiche die Neugier dem Glauben (Tertull. De praescr. 14; Strom. 2,4. 21.)!" Der Einwand, die Wissenschaft sei durchaus demonstrativ und beruhe überall auf Vernunftgründen, kann nicht gelten, indem es Prinzipien gibt und geben muß, die sich nicht beweisen lassen. Glauben und Wissen erscheinen uns als unzertrennliche Momente, der Glaube schreitet überall zum Wissen fort (Strom. 5,1.).

Diesem katholischen Grundsatze getreu schicken wir unsern bescheidenen Entwickelungen das Credo als Quelle und Regulativ voraus (Iren. Haer. I. 10. n. 1.) und sagen einerseits: "Ich suche nicht etwa das Verständnis, um dadurch zum Glauben zu gelangen, sondern ich glaube, um dadurch zum Verständnis zu kommen" (St. Anselm. Proslog. I.); anderseits aber auch: "Es gibt in der katholischen Kirche nichts Heilsameres, als daß die Auktorität der Vernunft vorgeht (St. Aug. De mor. eccl. cath. 25.)."

Und ist uns die so auf der kirchlichen Überlieferung ruhende und daraus entwickelte Wissenschaft ein wissenschaftlicher Glaube (Strom. 1,6. 20.), nimmer aber der ein Gottesgelehrter -- und habe er noch so einen Ruf -- "der bei vorkommenden dunkeln Bibelstellen nicht zu den Reden der Propheten, nicht zu den Autoritäten des Evangeliums, sondern zu sich selbst seine Zuflucht nimmt und so Lehrer des Irrtums wird, weil er der Wahrheit Schüler nicht gewesen (St. Leo Ep. 28. ad Flav.)"

Besser tausendmal vor Gott und seiner Kirche ein ungelehrter, aber heiligmäßiger Landpfarrer wie z.B. der selige Joh. Bapt. M. Vianney von Ars, als ein von allen "wissenschaftlichen Kreisen" herumgepriesener Weisheitsdoktor, dem die Hauptsache fehlt, die innere und äußere Zusammengehörigkeit mit Christus und seiner Kirche (dieses selben Vergleiches bedient sich auch Pius X. in s. "Mahnschreiben an d. kath. Klerus" vom 4. Aug. 1908.) -- möge sein Name Lamennais lauten oder Döllinger, Hermes oder Loisy oder noch bekannter.

Segen aber über jeden Gelehrten, den nicht der Dünkel, sondern der Glaube leitet und die Liebe beseelt! Denn ein solcher -- aber auch nur ein solcher -- ist fähig, "in der Gerechtigkeit zu unterweisen". Hörer, Befolger und Lehrer des Wortes Christi, "wird er durch sein Werk selig werden" und "groß heißen im Himmelreiche (Dan. 12,3; Matth. 5,19; Jak. 1,22-25.)".

V.

Wir verketzern niemand. Nur wissen wir: "Wer immer die Schrift anders versteht, als es der Sinn des Heiligen Geistes erheischt, in dem sie geschrieben ist, kann ein Ketzer genannt werden, mag er auch nicht wirklich die Kirche verlassen (St. Hier. In Gal. 5,20.)", sich vielmehr sogar als Lotse und Kompaßrichter im katholischen Geistesgebiete benehmen. Auch lesen wir noch immer in unserer Bibel den Befehl des "Apostels der Liebe": "Wenn jemand (sei es in Person oder in Büchern) zu euch kommt und diese Lehre nicht mitbringt, so nehmet ihn nicht ins Haus auf (2. Joh. 10.)!" In der Tat: Viele "moderne" gefeierte Bücher, die gewisse Leute in alle Häuser wünschen, sollten in kein einziges kommen! Haben wir nicht dieses Phänomen am "Heiligen" von Fogazzaro erlebt?

Manches orthodoxe Buch hingegen wird von solchen unberufenen Richtern, die sich selber "maßgebend" nennen, "abgewertet", wie auch Pius X. entrüstet konstatiert hat. Gründe dazu lassen sich ja immer finden, indem der Zweck hier die Mittel heiligt (Enzykl. g.d. Modernismus II, Th. 3. Abschn.) Wo auch tritt etwas Menschliches ins Dasein, dem nichts Unvollkommenes, nichts Fehlerhaftes anklebt? Ebenso bestimmt aber wissen wir, wie sehr eine gewisse Splittersucherei dem Evangelium zuwider ist (Matth. 7; Röm. 2,1.)

Auch unser "Paulus" hat sich seiner Zeit manches gefallen lassen müssen -- wer dabei zu Schaden gekommen, sind Liebe und Gerechtigkeit. Dafür hat dann unser damaliges Anti-Modernisten-Vorwort ("das wir am liebsten ganz getilgt sähen", lautete eine Modernisten-Ansicht) bekanntlich rasch ein kräftiges Nachwort aus Rom erhalten: Petrus hat durch Pius gesprochen und "das Gericht bei dem Hause Gottes", den Leviten, seinen Anfang genommen (1. Petr. 4,17; Ez. 9,6.) Denn es steht allerdings geschrieben: "Des Priesters Lippen sollen die Wissenschaft bewahren (Mal. 2,7.)", oft aber traf vielmehr die Rüge zu: "Ihr jedoch seid gewichen von dem Wege und waret sehr vielen Anlaß zum Ärgernis, da ihr das Gesetz nach Menschengefallen auslegtet. Weh euch, die ihr die Finsternis zu Licht und das Licht zu Finsternis machet! Weh euch, die ihr weise seid in euern Augen und klug vor euch selber (Daselbst; Is. 5,20.)!"

Ja, "Dinge zum Verwundern geschehen im Lande. Ich sah es an, und siehe! (Geistige) Öde und Leere, ein wahres Tohu-Wabohu! Ich sah die Himmel an -- sie hatten kein Licht; ich betrachtete die Berge -- sie zitterten; die Hügel -- sie bebten; und alle Vögel des Himmels waren davon geflogen: die Propheten weissagen Lügen, die Priester klatschen dazu in die Hände und mein Volk hat Lust an solchem. Wie wird es ihm endlich gehen (Jer. 4,23 f.; 5,30. 31.)?"

Hungernot quält infolgedessen die Länder; "nicht Hunger nach Brot, noch Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn. Von Nord bis gen Ost läuft man herum, es zu suchen und findet es nicht (Amos 8,11.)", weil man das Lebenswasser in "durchlöcherten Zisternen" sucht, "die kein Wasser halten können (Jer. 2,13.)", die Wahrheit Christi in den Tagesgötzen, "die überzogen sind mit Gold und Silber, aber Geist ist keiner in ihrem Innern. Ich sandte diese Propheten nicht, spricht der Herr, und doch sind sie geschäftig, die Worte des lebendigen Gottes zu verdrehen (Hab. 2,19; Jer. 23,21. 36.)"

Noch tönt es von Rom her durch die Kirchenhallen und um die Schulkatheder: "Haltet inne auf euern Wegen (ihr Neuerungsüchtigen!) und schauet und fraget nach den alten Wegen und wandelt darauf! Aber sie halten an der Lüge und sprechen: Wir wollen nicht darauf wandeln (Jer. 6,16 f.; 8,5.)"

In der Tat versuchen da und dort die roten und schwarzen Insassen der vom Stabe Petri aufgestöberten Ameisenhaufen des Modernismus ihre unterminierende Wühlarbeit nach andern Richtungen hin von neuem aufzunehmen und noch in der St. Johannes-Oktav d. J. hat sich Pius X. veranlaßt gesehen, ein Dekret der römischen Bibelkommission gutzuheißen, durch welches der heilige Prophet Isaias, der Geistesahne des Täufers, gegen die Phantastereien der "Modernen" in Schutz genommen und die philologische Kritik gewisser Theologen, welche hinter dem ehrwürdigen Namen des Propheten Gottes Pseudonyme witterten, endültig zurückgewiesen wird.

Ein sprachloses Lasttier, mit Menschenstimme redend, hat einst der Tollkühnheit des "Propheten" Balaam gesteuert (2. Petr. 2,16.) -- einen viel höhern Rang möchten uns nämlich gewisse "Plätzeverteiler" im "Himmelreich" nicht anweisen -- doch einen solchen Erfolg versprechen wir uns nicht. Da wir weniger den Knüppel solcher "Propheten" als den Engel der katholischen Wahrheit fürchten, der uns verbietet, ihnen zu folgen, so müssen wir uns mit dem Bewußtsein begnügen: "Siehe, wir leben in unserm Glauben (Hab. 2,4.)".

VI.

Wer von den Neuerern sich nicht so weit verirrt, "reformiert" auf beschränkteren Feldern, die -- so heißt es -- seit Jahrhunderten brachliegen. Insbesondere suchen jüngere Kräfte die religiöse Literatur, darunter in erster Reihe die Hagiographie "aus seichtem Bett, wo sie mit der Beharrlichkeit des Herkommens und mit der Gedankenlosigkeit traditioneller Formen trüb und träge dahinflutet, mit kraftvoller Wendung in neue, gesunde, lichtvolle Bahnen zu leiten" und schreiben unter dem Motto: "Heilig ist die Befriedigung des Bedürfnisses nach Wahrheit" statt erbaulich belehrender Heiligenleben kühne Heiligenstudien, brillante Charakterbilder -- etwas Schönes, doch ganz anders. Letzere haben den modernen Kopf, erstere aber Kopf und Herz des katholischen Christen im Auge. "Nützlich ist die Wissenschaft, zu den Zwecken der Liebe verwendet; an und für sich allein aber erweist sie sich nicht nur als überflüssig, sondern sogar als schädlich", schreibt einer der weisesten der Heiligen; und ein anderer: "Leuchten allein ist eitel, wärmen allein ist wenig; leuchten und wärmen ist vollkommen (St. Aug. De Paschae cel.; St. Bernh.)."

Fern von uns und jedem Hagiographen das Auftischen von Unwahrem; fern von uns Mirakelsucht und Vergötterung der Heiligen; fern von uns geflissentliche Vernachlässigung gesunder Kritik und Geschichtsforschung!

Fern von uns aber auch das Vorherrschen des herzausdörrenden Kritikertones; fern von uns die dem alten katholischen Sprachgebrauche fremde Gleichstellung der Begriffe Legende und Sage und die geflissentliche Nichtachtung der Neuerer gegen die klassischen Muster von Heiligenleben aus der Hand heiliger Väter -- eines Athanasius, eines Hieronymus, eines Gregorius Magnus, eines Sulpitius Severus, eines Bernhardus; fern von uns das systematische Beiseitelassen alles dessen, was einer Vision, einem Wunder ähnelt, das "Gerne-Abstandnehmen" von traditionellen, wenn auch nicht auf Stein und Pergament von Juristen legalisierten Berichten über das "Eingreifen einer unsichtbaren Hand in den natürlichen Lauf der Dinge"; fern von uns endlich eine gewisse sogenannte "psychologische Analyse der Elemente", die "schonungslose, realistische Herausarbeitung des Lebensbildes" und das sogenannte "wissenschaftlich begründete, feinsinnige" Abkratzen des (vielleicht etwas nachgedunkelten) Goldes gewisser ehrwürdiger Heiligenstatuen in den (vielleicht etwas altmodischen) Nischen des katholischen Welttempels, an das sich jetzt "kühne Hände" machen, mit einer Schabelust, wie sie seinerzeit die Willensvollstrecker des Kopronymus Ikonoklastes bekundet haben!

Jetzt erst -- "wo die letzte Stunde ist" (1. Joh. 2,18.) -- kommen die seit einem Jahrtausend bekannten und verehrten Heiligen der Kirche unter dem Firnis der Jahrhunderte, zwischen dem "Gestrüppe der Legenden" und aus dem "Wildgeranke der Sagen" "wahr und echt" heraus, heißt es: selbst ein Franziskus, ein Antonius, ein Heinrich II., ein Hieronymus, ein Augustinus. Sogar ein Jude -- Anatole France -- unternimmt es, la vie de Jeanne d'Arc zu schreiben und die Jungfrau -- nach dem Urteil des andern Juden Max Nordau -- "ohne Brutalität, mit fachkundiger schonender Hand ihrer Legende zu entkleiden." Zutreffend sagt einer: "Dem Modernen ist nie wohler, als wo alles seine natürliche Form und Farbe verloren hat. Jetzt, versichert er, seien die Dinge erst in ihr wahres Licht gestellt. Treu diesem Zuge malt der Freilichtmaler blaue Gesichter, grüne Augen, silberne Lippen" -- ihm ähnlich verfährt mancher Hagiograph der Neuzeit -- "und alle Welt staunt das gespenstige Machwerk an, denn so ist es modern. Wer sich darüber aufhält, der verrät sich als roh und unverständig; wer Geschichte und die Bedürfnisse der Gegenwart verstehen will, der muß erklären, daß ihm erst bei solchen Karikaturen des Heiligen das Verständnis für Religion und Wahrheit aufgehe (P. Weiß, Apologie I, 4. Aufl. S. 10.)." Logisch ist das: Der "Christus der Neuzeit" kann sich nicht mehr mit dem alten Heiligensenat begnügen; auch das Reich der Unsterblichkeit, der ewigen Ruhe, der Unveränderlichkeit muß sich einer Generalmusterung unterziehen und den "Gesetzen der Neuzeit" fügen, insbesondere der "historischen Kritik".

Aber wer sind die von oben Berufenen, denen gesagt worden ist: "Schreib, denn dies sind wahrhaftige und gewisse Worte" (Offenb. 21,5.)? Wo ist die Sicherheit, daß die echten Züge der also behandelten Gottesheroen unter dem hitorisch-kritischen Schabeisen nicht nur nicht gelitten, sondern gewonnen haben? Denn die Wissenschaft allein anerkennen wir nie und nimmer als einzige maßgebende Autorität in Heiligensachen. Nicht mit dem landläufigen Zentimetermaß, sondern mit dem "goldenen Meßrohr" -- allerdings notwendigerweise "nach Menschenmaß" -- ist die Stadt Gottes zu messen. Vom äußern Vorhofe jedoch, vom Profanen, heißt es: "Wirf ihn hinaus (Offenb. 21,15. 17; 11,2.)!"

Infolge der Nichtkenntnis oder Nichtbeachtung dieser hagiographischen Grundregel und Conditio sine qua non erleben wir es tagtäglich, daß die moderne Wissenschaft mit vielen Heiligen -- auch mit Johannes Baptista -- rein nichts anzufangen weiß, während sie mit andern leider alles mögliche anzufangen sucht; daß die "psychologische Tiefe und Großzügigkeit" vieler modernen Heiligenstudien sehr oft nichts anderes ist als der reinste "Subjektivismus", den Pius X. an den "historisch-kritischen Christusstudien des Modernismus" getadelt hat; und daß man, "angeblich um die volle Wahrheit an den Tag zu bringen, die frommen, im Volke lebenden Traditionen, einem gewissen Apriorismus folgend, mit allen Kräften aus der Welt zu schaffen sucht" (Enzykl. gegen d. Modernismus 1. T. § 4; 2. T. Schluß.).

Schon vor bald vierzehn Jahren sagten wir in der Vorrede zu unserm "Antonius" -- und unser Standpunkt ist noch immer derselbe: "Wer das Leben eines Heiligen mit derselben Feder schreibt wie die Biographie eines Literaten oder Staatsmannes, der wird (die Erfahrung lehrt es) nicht viel mehr als ein Zerrbild schaffen können. Wir lernen daher das eigentliche Leben eines Dieners Gottes erst kennen, wenn wir aus dem Heidenvorhof der weltlichen Geschichte in das verborgene Tempelheiligtum seines Herzens vorzuschreiten wissen." Aber -- wir reden hier mit den Worten eines angesehenen Hagiographen, von dem wir von Anfang an nicht wenig gelernt haben (Chavin de Malan, Gesch. d. hl. Franziskus, Einl.) -- "man hat den Vorhang des Heiligtums in Fetzen gerissen und die Profanen haben sich hineingedrängt, ohne sich zuerst, dem Gesetze gemäß, zu reinigen; man hat die Zaunhecke des Gottesweinberges zerstört, so daß alle von ihm lesen, die des Weges ziehen und die Eber aus den Wäldern ihn zerwühlen (Ps. 79, 13 f.). Diese entweihungslustigen Hände, welche die heilige Arche berühren, diese Menschen, welche im Kinderkatechismus fremd sind und über Heiligkeitsmysterien aburteilen -- sie erfüllen uns mit Entrüstung, Mut und Eifer."

VII.

Wird also "Johannes" ein Streitbuch sein? Dazu haben wir die Waffen nicht -- es ist ein Buch des Glaubens. "Dem großen Kardinal Hosius", erzählt ein von uns hochverehrter Apologet (P. Weiß, Lutherpsych. S. 78.), "machte man den Vorwurf, er sei doch mitunter in der Verteidigung des Glaubens allzu scharf und übereifrig. Darauf pflegte er zu antworten: Wer in religiösen Dingen kalt reden und schreiben kann, dem ist der Glaube keine Herzenssache." Diesen Ausspruch -- ohne Streitsucht -- machen wir zu unserm eigenen.

Wir wollen einzig und allein eine von katholischer Überzeugung getragene Erläuterung der Johannes-Darstellung in der Heiligen Schrift schaffen, dem Bilde Johannis im Evangelium einen Namen geben, kurzum das Leben des Täufers dem christlichen Volke an Hand der Bibel, Geschichte und Überlieferung zur Belehrung und Erbauung vorführen und den von Gott gesandten Mann der Wahrheit zeugen lassen für die Echtheit der Gotteskrone Christi.

Erstens wollen wir denjenigen immer mehr bekanntmachen und verherrlichen, für den Johannes gekommen ist, um von ihm zu bezeugen: "Dieser ist der Sohn Gottes"; "das Licht der Erkentnis Gottes strahlen lassen in Christi Jesu Antlitz (2. Kor. 4,6.)", das da sind die Gläubigen. Denn Johannes studieren heißt Christum näher kennen lernen; den Vorläufer ehren heißt den Heiland preisen; den Täufer gegen den modernen Rationalismus schützen heißt die Göttlichkeit des Nazareners verteidigen. Wir in unserer Unzulänglichkeit haben keine goldene Lanze, die wir für ihn, ohne den wir nichts sind und der uns alles ist, einlegen können; wir werden einen Mann stellen, einen Zeugen der Wahrheit, der Christum selbst gesehen und gekannt hat, der nicht betrogen sein und nimmer lügen kann: Johannes, den Täufer. Wir werden auf folgenden Blättern das Leben dieses Mamnnes betrachten, sein Zeugnis erwägen und zum Schlusse kommen: Johannes, der heiligste unter den Zeitgenossen Christi, der größte und letzte der Propheten, ist als Wegbahner Einem vorangegangen, der mehr als ein Mensch gewesen. In der Tat: "Wer mehr ist als Johannes, ist Gott (St. Aug. S. 7. in Nat. s. Joh.)."

Zweitens wollen wir die "Stimme des Rufenden" in der moderne Wüste erschallen lassen "zur Erbauung, zur Ermahnung und zum Troste (1. Kor. 14.3.)" Denn das Leben Johannis ist eine mächtige Lehre und Predigt gegen den Weltgeist, der dem Geiste Christi widestrebt, in welchem wir leben und wirken sollen.

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)