Aus dem Immaculata-Archiv:


Leo XIII.
Epistula Enzyklika "Supremi apostolatus"

1883

Zur Geschichte des Rosenkranzes

I. Zuflucht zu Maria

Das apostolische Amt, das Wir bekleiden, sowie die außerordentlich kritischen Zeitverhältnisse ermahnen Uns und zwingen Uns fast täglich, um so mehr auf den Schutz und das Heil der Kirche bedacht zu sein, je heftiger Wir sie umkämpft sehen. Indem Wir nach Kräften auf jede mögliche Weise für die Rechte der Kirche Uns einsetzen und bemühen, die drohenden und vorhandenen Gefahren abzuwehren oder ihnen zuvorzukommen, besteht Unsere ständige Sorge um die Erlangung der Hilfe von oben. Nur dadurch können Unsere Mühen und Sorgen den gewünschten Erfolg sicher erlangen.

Um dieses Ziel zu erreichen, erachten Wir nichts für so heilsam und machtvoll, als in kindlicher Verehrung für Uns das Wohlwollen der hocherhabenen Gottesmutter und Jungfrau Maria zu erflehen. Sie ist bei Gott die Mitterlin des Friedens für uns und die Spenderin der himmlischen Gnaden. Mit großer Macht und Herrlichkeit thront sie im Himmel, um den Menschen ihren Schutz zu gewährleisten auf ihrer mühsamen und gefahrvollen Wanderung in die ewige Heimat.

Wir nähern uns nun bald jenen Festtagen, an denen wir der zahlreichen und großen Wohltaten eingedenk sind, die durch das Rosenkranzgebet dem christlichen Volk vermittelt wurden. Es ist Unser Wunsch, daß in diesem Jahre dieses Gebet mit besonderem Eifer zu Ehren der Allerseligsten Jungfrau in der ganzen Welt verrichtet wird. Wegen ihrer Fürbitte möge ihr göttlicher Sohn sich uns gnädig zeigen und mit unserer Not Mitleid haben.

Aus diesem Grunde dachten Wir, dieses Rundschreiben an Euch zu richten, ehrwürdige Brüder, um Euch Unsere Absichten klarzulegen. Den frommen Sinn im Volke zur gewissenhaften Ausführung Unseres Bestrebens anzuregen und anzueifern, ist sodann Eure Sache.

Es war von jeher für den katholischen Menschen ein Herzensbedürfnis, in den Stunden des Bangens und der Not zu Maria seine Zuflucht zu nehmen und sich in ihre mütterlichen Arme zu werfen. Darin kommt die felsenfeste Hoffnung und das unerschütterliche Vertrauen zum Ausdruck, das die katholische Kirche mit Recht stets auf die Mutter des Herrn gesetzt hat. Die ohne Makel der Erbsünde empfangene Jungfrau, die zur Gottesmutter Auserwählte, die zur Mitwirkung an der Erlösung des Menschengeschlechtes berufen ist, steht bei ihrem Sohne in so großem Ansehen und besitzt eine so große Macht, daß weder Mensch noch Engel mit ihr verglichen werden, ja niemals gleichkommen kann. Weil es ihr das liebste ist, jedem, der ihre Hilfe anruft, beizustehen mit ihrem Trost, wird sie zweifelsohne noch bereitwilliger die Bitten der ganzen Kirche erhören, ja, sie wird in gewissem Sinn nach solchen Bitten verlangen.

Einen hoffnungsfrohen Aufschwung nahm die große Verehrung der erhabenen Himmelskönigin jedesmal, wenn Irrtümer in großer Zahl aufstiegen, wenn Sitterverderbnis sich ausbreitete oder gefährliche Angriffe auf die kämpfende Kirche gestartet wurden.

II. Die Kirchengeschichte beweist Mariens Hilfe

Die Geschichte der Vergangenheit sowie der neueren Zeit, insbesondere die Kirchengeschichte als solche berichtet, wie die Gottesmutter von einzelnen und öffentlich angerufen wurde, wie man zu ihrer Ehre Gelöbnisse machte und wie dann anderseits durch sie Hilfe kam und Gott Frieden und Ruhe geschenkt hat. So sind auch die vielen bedeutenden Titel, mit denen katholische Völker Maria grüßten, als vom Troste, als Kriegsmächtige, als Maria vom Siege und Maria vom Frieden zu erklären. Eine Anrufung verdient besondere Erwähnung, nämlich jene: Maria vom Rosenkranz. Auf immer verbindet sich damit die Erinnerung an die außerordentlichen Gnadenerweise, die Maria der Christenheit zuteil werden ließ.

Ihr wißt, ehrwürdige Brüder, wieviel Leid und Not die Irrlehre der Albigenser gegen Ende des 12. Jahrhunderts über die Kirche gebracht hat. Diese Irrlehre ging aus der Sekte der Neumanichäer hervor und überschwemmte mit ihren irrigen, gefährlichen Lehren Südfrankreich und andere Gegenden der lateinischen Welt. Sie wollten ihre Herrschaft aufrichten mit Waffengewalt, über Leichen und Ruinen. Gott aber erweckte in seiner Barmherzigkeit gegen diese furchtbaren Feinde einen großen Heiligen, den rühmlich bekannten Vater und Gründer des Dominikanerordens. Reinheit der Lehre, tugendhaftes Vorbild und großes Verständnis für die Aufgaben des Apostolates zeichneten ihn aus. Er nahm mit Begeisterung den Kampf auf für die katholische Kirche. Nicht auf die Macht der Waffen setzte er sein Vertrauen, sondern auf die Macht jenes Gebetes, das unter dem Namen des heiligen Rosenkranzes ihm seine Einführung verdankt und das er selbst persönlich und durch seine Söhne überall verbreitete. Sicher hat Gott ihm eine innere Erleuchtung über die Macht dieses Gebetes verliehen, so daß er voraussah, wie diese wirksame Kriegswaffe den vollendeten Sieg über die Feinde brachte und sie von ihrem wahnsinnigen, aller echten Religiosität hohnsprechenden Unterfangen abzulassen zwang. So geschah es denn auch, wie die Geschichte nachweist. Nachdem sich diese Gebetsweise nach dem Willen des heiligen Vaters Dominikus immer mehr einführte, stellen wir allmählich ein Aufblühen der Frömmigkeit, des Glaubenseifers und der Einigkeit fest, während die Pläne und Ränke der Irrlehrer erfolglos blieben. Sehr viele aus ihren Reihen wurden vom Irrtum geheilt. Den Kampfesmut der übrigen besiegte das Heer der Katholiken, die zur Abwehr der Religionsfeinde zu den Waffen gegriffen hatten.

III. Mariens Hilfe bei Lepanto

Die Kraft und Wirksamkeit dieses Gebetes zeigte sich auf eine wahrhaft wunderbare Weise im 16. Jahrhundert, als eine Überflutung der Türken fast ganz Europa mit Barbarei bedrohte. Sie wollten diesen Erdteil ihrem falschen Glauben unterjochen. Der Heilige Vater Papst Pius V. rief damals die christlichen Fürsten zum Schutz der gemeinsamen Güter auf. Seine Bemühungen gingen besonders dahin, durch das Rosenkranzgebet die Macht der Gottesmutter anzurufen, damit sie der Christenheit gnädig zu Hilfe komme. Das Schauspiel, das sich nun vor Himmel und Erde abspielte, war tatsächlich erhaben und zog alle Herzen und Gemüter an sich. Unweit des Korinthischen Meerbusens erwarteten die Christgläubigen unerschrocken den Feind, in heiliger Bereitschaft, Blut und Leben für die Heimat und den Glauben zu opfern. Ohne Waffen versammelte man sich zum frommen Gebet, indem man Maria bestürmte und sie immer wieder im Rosenkranzgebet grüßte, damit sie den mit den Waffen Kämpfenden den Sieg verleihe. Das Gebet wurde erhört, und unsere Herrin schickte Hilfe. Die christliche Flotte errang einen glänzenden Sieg in der Seeschlacht bei den Echinaden. Der Gegner wurde in die Flucht geschlagen. Die eigenen Verluste waren gering, die des Feindes waren erheblich. Zur Erinnerung an dieses Eingreifen des Himmels setzte der heilige Papst eine alljährliche Gedächtnisfeier fest, die zu Ehren Mariens vom Siege an diese Schlacht erinnern soll. Papst Gregor XIII. nannte später diesen Gedächtnistag "Maria vom Rosenkranz".

IV. Der Sieg bei Temesvar und Korfu

In ähnlicher Weise wurden im vorigen Jahrhundert die Türken bei Temesvar in Ungarn und bei der Insel Korfu besiegt. Wiederum waren es Marienfeste, denen fromme Rosenkranzgebete vorausgingen. Diese Tatsachen bewogen Unseren Vorgänger Klemens XI., aus dankbarer Gesinnung gegen die Gottesmutter das Rosenkranzfest alljährlich in der Kirche zu begehen.

V. Das Rosenkranzgebet als Gnadenmittel

Weil die Allerseligste Jungfrau gerade an diesem heiligen Gebet besonderes Wohlgefallen zu haben scheint und weil es sich zur Verteidiung der Kirche und der Christenheit eignet sowie zur Erlangung von Gnaden für das private und öffentliche Leben, ist nicht zu verwundern, wenn auch andere Unserer Vorgänger vor Uns das Rosenkranzgebet mit Lobsprüchen überhäuften und die Andacht zu verbreiten suchten. Urban IV. erklärt, daß "durch den Rosenkranz die Gläubigen täglich Gnaden erlangen". Sixtus IV. erklärt diese Gebetsweise als sehr geeignet "zur Verehrung Gottes und der Allerseligsten Jungfrau und zur Abwehr drohender Gefahren für die Welt". Leo X. nennt den Rosenkranz "eine Einrichtung gegen Irrlehren und schleichende Irrlehren" und Julius III. "eine Zierde der römischen Kirche".

Im gleichen Sinn äußert sich der Heilige Vater Papst Pius V.; "Wenn dieses Gebet gepflegt wird und die Gläubigen sich in diese Betrachtung versenken, dann bewirkt diese Flamme des Gebetes eine plötzliche Bekehrung in anderen Menschen. Die Finsternis der Irrlehren weicht zurück, und das Licht des katholischen Glaubens erstrahlt in neuem Glanze." Gregor XIII. erklärt schließlich: "Das Rosenkranzgebet wurde vom heiligen Dominikus eingeführt, um Gottes Zorn zu versöhnen und die Fürbitte der Heiligsten Jungfrau zu erwirken."

Derartige Erwägungen in Verbindung mit dem Beispiel Unserer Vorgänger leiten auch Uns, wenn Wir jene feierliche Andacht auch für Uns gegenwärtig für zeitgemäß halten, damit auch wir durch Anrufung der erhabenen Jungfrau im Rosenkranzgebet eine ähnliche Hilfe in unserer Notlage von Christus, ihrem Sohn, erlangen.

Ehrwürdige Brüder, die täglichen schweren Kämpfe und Leiden der Kirche sind Euch bekannt. Welch großen Gefahren sind täglich die christliche Frömmigkeit, öffentlicher Anstand und Moral, ja der Glaube selbst, die Krone und Grundlage aller übrigen Tugenden, ausgesetzt! Wir brauchen nicht auf Unsere eigene bedrängte Lage und auf Unsere vielen Sorgen hinzuweisen; Eure Liebe fühlt ja mit Uns, und Ihr empfindet sie als Eure eigenen. Bei weitem schlimmer und beklagenswerter ist die Tatsache, daß so viele durch Christi Blut erkaufte Seelen vom Strudel der unseligen Zeitverhältnisse fortgerisssen werden, immer mehr dem Bösen verfallen und sich in ewiges Verderben stürzen. Aus diesem Grunde ist heute ebenso die Hilfe von oben notwendig wie in den Zeiten des heiligen Dominikus, als dieser große Heilige sich darum bemühte, die Schäden und Wunden der Zeit durch das Rosenkranzgebet zu heilen. Durch göttliche Erleuchtung erkannte er, daß es für die Übel seiner Zeit kein wirkungsvolleres Heilmittel gebe als die Rückkehr der Menschen zu Christus, der "Weg, Wahrheit und Leben" ist. Es war ihm klar, daß diese Rückkehr sich vollzieht einmal in der betrachtenden Versenkung in die Geheimnisse des Heiles, das er uns gebracht hat, und in die Zuflucht zu Maria, unserer Fürsprecherin bei Gott, der es verliehen ist, alle Irrlehren zu besiegen. Darum hat der Heilige das Rosenkranzgebet so geformt, daß man die Heilsgeheimnisse der Reihe nach betrachtet und diese Betrachtungen zu einem mystischen Kranz webt, der aus dem Englischen Gruß und dem Gebet zu Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, besteht. Weil unsere Notlage der damaligen Notlage gleicht und wir ihr durch das gleiche Heilmittel zu begegnen suchen, zweifeln Wir nicht daran, daß dieses Gebet auch die Nöte unserer Zeit beseitigen wird, ebenso wie ehemals, als es der Heilige zum großen Segen für die katholische Welt einführte.

VI. Der Rosenkranzmonat

Wir richten deshalb an alle Christen die dringende Ermahnung, sie möchten öffentlich oder privat zu Hause in der Familie den Rosenkranz eifrig beten und dies Gebet zu einer ständigen Gewohnheit werden lassen. Weiterhin ist es unser Wille, daß der ganze Monat Oktober der himmlischen Königin vom Rosenkranz gewidmet sei.

Wir bestimmen und gebieten daher, daß in diesem Jahre das Fest der Allerseligsten Jungfrau vom Rosenkranz in der ganzen katholischen Welt besonders festlich und feierlich begangen werde. Ferner soll vom 1. Oktober bis 2. November überall in allen Pfarrkirchen und, wenn die kirchlichen Oberen es für gut und angemessen halten, auch in anderen der Gottesmutter geweihten Kirchen und Heiligtümern wenigstens fünf Gesetze des Rosenkranzes und die Lauretanische Litanei andächtig gebetet werden. Auch ist es Unser Wunsch, daß während dieser Volksandacht entweder das heilige Meßopfer dargebracht oder das Allerheiligste Sakrament zur Anbetung ausgesetzt werde und daß zum Schluß der frommen Andacht der Segen mit dem Allerheiligsten in üblicher Weise erteilt werde.

Wir halten es auch für zweckmäßig, daß die Rosenkranzbruderschaften nach dem Beispiel unserer Vorfahren feierliche Prozessionen duch die Straßen der Städte veranstalten, um so ihren Glauben öffentlich zu bekennen. Wo das aber wegen ungünstiger Zeitumstände unmöglich ist, da möge der zahlreiche Kirchenbesuch ersetzen, was der öffenlichen Religionsausübung in dieser Beziehung versagt ist, und frommer Eifer möge sich um so mehr in der Übung christlicher Tugenden zeigen.

Für alle, die unserer Meinung nachkommen, öffnen Wir gerne die himmlischen Schätze der Kirche, damit sie darin zugleich Antrieb und Belohnung für ihre Frömmigkeit erhalten. Wir verleihen deshalb allen, die während des angegebenen Zeitraumes die öffentliche Rosenkranzandacht besuchen und nach Unserer Meinung beten, jedesmal einen Ablaß von 7 Jahren und 7 Quadragenen. Gleiche Gnade soll auch denen zuteil werden, die aus irgendeinem triftigen Grund verhindert sind, die öffentliche Andacht zu besuchen, jedoch mit der Bedingung, daß sie zu Hause diese Andacht verrichten und nach Unserer Meinung beten.

Denjenigen aber, die in der erwähnten Zeit wenigstens zehnmal öffentlich in der Kirche oder im Falle ihrer Verhinderung zu Hause den Rosenkranz beten, ihre Sünden reumütig beichten und die heilige Kommunion empfangen, erteilen Wir einen päpstlichen Ablaß und sprechen sie von aller Schuld und Strafe los.

Den vollkommenen Nachlaß ihrer Sünden gewähren Wir auch denen, die, sei es am Rosenkranzfest oder an einem der darauffolgenden acht Tage, nach abgelegter Beichte und nach Empfang der heiligen Kommunion in einer Kirche für die schweren Anliegen der Kirche andächtig zu Gott nach Unserer Meinung beten und die Gottesmutter anflehen.

VII. Maria, die Hoffnung der Kirche

Wenn Euch, ehrwürdige Brüder, Mariens Ehre und das Wohlergehen der menschlichen Gesellschaft am Herzen liegt, dann strebt danach, den frommen Sinn des Volkes immer mehr auf die Allerseligste Jungfrau auszurichten und das Vertrauen auf sie zu beleben. Fürwahr, Wir sehen darin eine gnädige Fügung Gottes, daß diese für die Kirche so stürmisch bewegte Zeit bei der Masse des katholischen Volkes die fromme Verehrung der Heiligen Jungfrau nicht erschüttern und vermindern konnte, im Gegenteil. Eure Unterweisungen mögen Unsere Ermahnungen aufgreifen, damit das christliche Volk sich täglich mehr unter den treuen Schutz Mariens stelle und das Rosenkranzgebet liebgewinne, das unsere Vorfahren nicht nur in Zeiten der Not beteten, sondern das für sie hervorragendes Erkennungszeichen ihrer christlichen frommen Gesinnung darstellte. Die himmlische Jungfrau unseres Menschengeschlechtes wird unser einmütiges und einstimmiges Gebet gerne annehmen und ihm Erhörung schenken, damit die Guten noch vollkommener werden in der Tugend, daß die Irrenden wieder den Weg des Heiles zurückfinden und sich bekehren und besonders, daß Gott, der alles Böse bestraft, sich gnädig und barmherzig zeige, alle Gefahren der Christenheit und der öffentlichen Gesellschaft fernhalte und uns den heißersehnten Frieden wiederbringe.

Von dieser Hoffnung werden Wir beseelt. Flehentlich bitten Wir deshalb Gott durch jene, die er mit der Fülle der Gnaden ausgestattet hat, er möge Euch, ehrwürdige Brüder, in überreichem Maße seine himmlische Gnade schenken. Zum Zeichen und Unterpfand dafür erteilen Wir Euch, Eurem Klerus und der Eurer Sorge anvertrauten Herde von Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei Sankt Peter, am 1. September des Jahres 1883, im sechsten Jahre Unseres Pontifikates.


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell