Aus dem Immaculata-Archiv:


Leo XIII.
Littera Apostolica "Salutaris ille"

1883

Einfügung der Anrufung
"Königin des heiligen Rosenkranzes, bitte für uns!"
in die Lauretanische Litanei

I. Das beharrliche Gebet in Notzeiten der Kirche

Gott versprach einst, über "das Haus David und die Bewohner von Jerusalem jenen heilbringenden Geist des Gebetes auszugießen", der Gabe und Unterpfand des göttlichen Erbarmens ist. Niemals hat dieser Geist der Kirche gemangelt. Es hat den Anschein, als müsse dieser Geist heute mehr denn je zuvor die Herzen aufwecken und bewegen, weil nach Unserem Empfinden eine entscheidende Zeit für Kirche und Staat angebrochen ist oder noch bevorsteht. Glaube und Hingabe an Gott müssen sich in so unruhigen Zeiten festigen. Je weniger Schutz das Menschliche bietet, um so mehr sollte man die himmlische Schutzwacht als notwendig erkennen.

Solche Gedanken bewogen Uns erst kürzlich zur Abfassung Unseres Rundschreibens, in dem Wir zur Frömmigkeit ermahnten. Mit dem Blick auf die für die Kirche so schmerzhaften Zeitverhältnisse und auf die Schwierigkeiten der Gesamtlage ordneten Wir für den ganzen Monat Oktober das heilige Rosenkranzgebet an, damit dadurch die Jungfrau Maria verehrt und angerufen wird. Es ist Uns bekannt, daß man Unserer Anweisung mit solchem Eifer und solcher Bereitschaft nachkam, wie es die Heiligkeit der Sache und die schwerwiegende Veranlassung forderte. Nicht nur hier in Italien, sondern überall wurde für die Kirche und das öffentliche Wohlergehen eifrig gebetet. Dadurch wurde kraft der Autorität der Bischöfe und durch das Beispiel sowie die Mühewaltung des Klerus der erhabenen Mutter in edlem Wettstreit gebührende Ehre erwiesen. Freudig vernahmen Wir die fast wunderbaren Äußerungen der Frömmigkeit, daß man Gotteshäuser herrlich geschmückt, feierliche Prozessionen gehalten und daß zum heiligen Opfer und täglichen Rosenkranz allenthalben große Volksscharen sich versammelten. Es soll auch nicht übergangen werden, was Wir bewegten Herzens aus einigen Orten hörten, wo die Zeitstürme besonders heftig tobten: Dort gerade stellte man eine so glühende Frömmigkeit fest, daß einfache Gläubige den Mangel an Priestern ausglichen und, soweit sie es vermochten, lieber selbst diesen Dienst übernahmen, als daß in ihren Kirchen die angeordneten Gebete nicht verrichtet worden wären.

Obwohl die Hoffnung auf die göttliche Güte und Barmherzigkeit Uns über die Übel der Gegenwart hinwegtröstet, erkennen wir dennoch die Notwendigkeit, das Herz aller Gutgesinnten anzuregen zu dem, was die heiligen Schriften auf jeder Seite ganz offen erklären. Wie es bei jeder Übung der Tugend besonders auf Ausdauer und Beharrlichkeit ankommt, so ist es auch der Fall hier bei unserem Beten. Nur durch das Gebet wird uns Erhörung und Versöhnung durch Gott gewährt. Das aber will Gott; die Erhörung soll nämlich nicht nur ein Zeichen seiner Güte sein, sondern auch eine Frucht unserer Beharrlichkeit.

II. Das Rosenkranzgebet überwindet schlimme Zeitverhältnisse

Solche Ausdauer im Beten tut unserer Zeit not mehr denn je, weil uns, wie erwähnt, so viele und so große Gefahren rings umlauern, die ohne die hilfreiche Gegenwart Gottes nicht zu überwinden sind. Der Haß gegen alles, "was Gott heißt und ist" ist zu gewaltig geworden. Nicht nur von privater Seite werden Angriffe gegen die Kirche gestartet, sondern auch von staatlichen Stellen, und werden in Gesetzen verankert. Überaus schädliche Ansichten erheben sich, die der christlichen Weisheit widersprechen. Es muß darum nicht nur das Heil und die Wohlfahrt einzelner Menschen, sondern auch der Öffentlichkeit diesen Feinden gegenüber verteidigt werden. Unter Entfaltung all ihrer Kräfte haben sie sich zum Äußersten entschlossen. In diesem Kampf fällt Unser Blick ganz besonders auf Unseren Herrn Jesus Christus, der "in Todesangst fiel und um so inständiger betete", um uns zur Nachahmung anzueifern.

Unter den mannigfaltigen Gebetsübungen und Gebetsformen, die in der katholischen Kirche sich eines heilsamen und frommen Gebrauches erfreuen, ist der marianische Rosenkranz ganz besonders empfehlenswert. In Unserem Rundschreiben haben Wir gutgeheißen und unterstrichen, daß das Rosenkranzgebet gerade zu dem Zweck eingeführt wurde, um den Schutz der Gottesgebärerin gegen die Feinde des katholischen Glaubens anzurufen. Es ist hinreichend bekannt, wie sehr und wie oft dieses Gebet der Kirche nützlich war und sie über so manche Schicksalsschläge hinwegführte. Es geht nicht darum, diese Gebetsform der privaten Frömmigkeit zu empfehlen, sondern sie wieder öffentlich zu Ehren zu bringen, wie sie einen öffentlichen Ehrenplatz innehatte, als die christliche Familie keinen Tag ohne die Verrichtung dieses Gebetes vorbeigehen ließ. Wir ermahnen und beschwören deshalb alle, daß sie dieser täglichen Übung des Rosenkranzes mit Hingabe und Ausdauer nachkommen. Wir erklären auch, daß es Unser dringender Wunsch ist, daß täglich in der Hauptkirche des Bistums und in den Pfarrkirchen an Festtagen der Rosenkranz gebetet werde. Die Ordensfamilien vermögen zur Förderung und Durchführung dieses Werkes viel beizutragen, ganz besonders und mit einer besonderen Berechtigung die Mitglieder des Dominikanerordens. Wir erwarten sicher, daß bei einem so hohen und fruchtversprechenden Unternehmen niemand fehlen wird.

III. Einfügung der neuen Anrufung:
"Königin des heiligen Rosenkranzes, bitte für uns!"

Der erhabenen Gottesgebärerin Maria zur Ehre, zum immerwährenden Gedächtnis ihres Schutzes, den Wir im Monat Oktober überall von ihrem reinsten Herzen erfleht haben, zum unvergänglichen Zeichen Unserer allumfassenden Hoffnung, die Wir auf die geliebte Mutter setzen, und um ihre gütige Hilfe täglich mehr zu erfahren, bestimmen und ordnen Wir an, daß in der lauretanischen Litanei nach der Anrufung "Königin, ohne Makel der Erbsünde empfangen", der Lobspruch beigefügt werde: "Königin des heiligen Rosenkranzes, bitte für uns!" Daß dieses Unser Schreiben, so wie es ist, allezeit in Kraft bleibe, das ist Unser Wille. Für null und nichtig erklären Wir alles, was etwa in Zukunft von irgendjemand dagegen unternommen werde.

Gegeben zu Rom, unter dem Fischerring, am 24. Dezember 1883, im sechsten Jahre Unseres Pontifikates.


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell