Aus dem Immaculata-Archiv:


Maria, Mutter und Königin

Eingeleitet und ausgewählt von

Dr. Margarethe Schmid

Wien 1946

Mit Erlaubnis des Erzbischöflichen Ordinariates vom 9. April 1946, Z. 3367.


Zur Einführung

Die vorgelegten Texte, die bis auf einen alle der Zeit wie dem Geist nach dem christlichen Mittelalter entstammen, sind nicht nur Zeugnis einer in der Kirche immer lebendigen hohen Verehrung Mariens, sondern zeigen auch übereinstimmend, daß eine reiche und gesunde katholische Frömmigkeit die Verehrung Christi, der heiligsten Dreifaltigkeit und der Mutter des Herrn für unzertrennlich hält.

Ob es nun die überaus zarte, kindliche Frömmigkeit Seuses ist, die zugleich bedeutende theologische Tiefe besitzt, oder die in starke Bilder gefügte theologische Gedanklichkeit Hildegards, oder die innige Glut der Gesichte Brigittens, das mystische Beten Gertruds, die bewußte Innigkeit Bernhards, des Sängers Marias, oder Franz von Assisis von Liebe und Verehrung überquellende Worte - immer ist darin die unerhört stark bewußte und empfundene Gläubigkeit im Geiste ursprünglicher und unverbrauchter Menschen. - Der Beitrag Fabers dagegen steht schon viel mehr dem nüchternen Denken und Unterscheiden unserer Tage nahe.

Mögen uns die Worte der Frömmigkeit auf den Weg einer großen Sammlung und Innerlichkeit führen. Diese Bitte sei der Gottesmutter, der Schützerin unserer Welt, empfohlen.

 

Von dem würdigen Lobe der reinen Königin des Himmelreiches

O hoher Reichtum der göttlichen Kunst und Weisheit, wie sind deine Gerichte so unbegreiflich und deine Wege so unerkannt! Wie hast du so manchen wunderbaren Weg, um die armen Seelen zurückzubringen! Wessen gedachtest du oder wie war dir so wohl zumute in deiner ewigen Unwandelbarkeit, als du so adelig die reine, die zarte, die herrliche Kreatur über allen lauteren Kreaturen erschufest? Herr, du mochtest wohl sprechen: "Ego cogito cogitationes pacis, ich denke die Gedanken des Friedens." Herr, du hast aus dem Abgrunde deines wesenhaften Gutes dich selbst in ihr widergestrahlt, in dem du alle ausgeflossenen Wesen wieder in den Ursprung zurückgeleitet. Eja, himmlischer Vater, wie könnte ein sündiger Mensch es wagen, zu dir zu kommen, es wäre denn, daß du uns dein einziges auserwähltes Kind, die ewige Weisheit, zum Geleiter gegeben hättest?

Eja, ewige Weisheit, wie dürfte ein armer sündiger Mensch je die Verwegenheit gewinnen, daß er vor einer solchen Lauterkeit seine Unreinheit zeigen könnte, es wäre denn, daß er die Mutter aller Erbarmung als seinen Schirm nähme. Ewige Weisheit, bist du mein Bruder, so bist du auch mein Herr, bist du ein wahrer Mensch, o weh, so bist du auch wahrer Gott und ein sehr strenger Richter der Missetat.

Eja, wenn darum unsere armen Seelen in dem engen Kerker grundlosen Herzeleides sind und wir weder ein noch aus können, so bleibt uns nichts, als daß wir die elenden Augen zu dir erheben, auserwählte Königin des Himmelreiches. Eja, du den ewigen Sonnenglanz wiederglänzender Spiegel, du verborgener Hort der grundlosen göttlichen Barmherzigkeit, sei darum heute gegrüßt von mir und allen sündigen reuigen Herzen.

Ach, ihr hohen Geister, ihr reinen Seelen, tretet hervor, rühmet und preiset, lobet und verherrlichet das wonnige Paradies aller Freude, die hohe Königin; denn ich bin dessen nicht würdig, sie geruhe denn, es mir zu erlauben in ihrer Güte!

O du Gottes auserwähltes Herzenstraut, du schöner goldener Thron der ewigen Weisheit, erlaube mir armen Sünder doch, von meinen Gebresten ein klein wenig mich mit dir zu besprechen! Meine Seele fällt vor dir nieder mit zaghaften Augen, mit schamhaftem Antlitz und mit niedergeschlagenem Blick. Ach, Mutter aller Gnaden, mir ist aber, als bedürfe weder meine noch eine andere sündige Seele einer Erlaubnis, noch eines Mittlers bei dir; du bist doch die mittlerlose Mittlerin aller Sünder. Je sündiger eine Seele ist, desto billiger dünkt es sie, einen Zugang zu dir zu haben. Je größer ihre Missetat, mit umsomehr Recht dringt sie zu dir hin. Darum, meine Seele, tritt frei heran! Vertreibt dich deine große Missetat, ach, so lädt dich die grundlose Milde ein.

Eja, darum, du einziger Trost aller sündigen Herzen, du einzige Zuflucht der verschuldeten Menschen, zu der manch nasses Auge, manch verwundetes elendes Herz emporgehoben wird, sei eine gnädige Mittlerin und Versöhnerin zwischen mir und der Ewigen Weisheit! Gedenke, gedenke, milde auserwählte Königin, daß du alle deine Würde durch uns sündige Menschen hast. Was hat dich zur Mutter Gottes gemacht, zu einem Schrein, in dem die Ewige Weisheit süß geruht hat? Fraue, das haben unsere, der armen Menschen, Sünden getan! Wie wolltest du die Mutter der Gnaden und der Barmherzigkeit heißen, denn von unserer Armseligkeit, die deiner Gnade und Barmherzigkeit bedarf? Unsere Armut hat dich reich gemacht, unsere Gebresten haben dich über alle lautere Kreatur geadelt.

Eja, darum kehre deine Augen der Barmherzigkeit, die dein mildes Herz nie von einem Sünder gewendet hat, von keinem trostlosen Menschen, zu mir armem Menschen, nimm mich unter deinen Schirm, denn mein Trost und meine Zuversicht liegen bei dir. Wie ist so manche sündige Seele, wenn sie Gott und dem himmlischen Heer Abschied gegeben, wenn sie Gott verleugnet hatte, wenn sie an Gott verzweifelt und von ihm jämmerlich geschieden war, so sie sich an dich hängte, oh, so milde von dir aufgenommen worden, bis sie durch deine Gnade wieder zu Gnaden kam! Wer ist der Sünder, der je so viele Morde und Meineide begangen hätte und nicht wieder Mut gewänne, wenn er an dich denkt? Auserwählter einziger Trost von uns armen Sündern, die grundlose Güte Gottes hat dich allen Sündern so lieblich gemacht, daß uns um deiner übefließenden Güte willen darnach gelüsten muß.

Siehe, wenn meine Seele sich so recht in dich hineindenkt, so erhebt sich mein Gemüt, so zerfließt dein Name in meiner Seele wie Honigseim. Du heißt doch die Mutter, die Königin der Barmherzigkeit. Eja, zarte Mutter, eja, milde Königin der grundlosen Barmherzigkeit! Oh, welch ein Name! Wie ist das Wesen so grundlos, dessen Name so gnadenreich ist! Erklang ein Saitenspiel je so wohl in einem wilden Herzen wie der reine Name in unserem reuigen Herzen? Es ist billig, daß sich vor diesem Namen alle Häupter neigen und alle Kniee beugen. Wie oft hast du die feindliche Hand der bösen Geister von uns abgewendet! Wie oft hast du des strengen Richters zornige Gerechtigkeit verhindert! Wie oft hast du uns Gnade und Trost von ihm erworben! Eja, wir armen sündigen Menschen, was wollen wir dazu sagen, wie sollen wir ihr jemals die große Güte danken? Wenn die Zungen aller Engel, wenn alle lauteren Geister und Seelen, Himmelreich und Erdreich und alles, was darin beschlossen ist, ihre Würde, ihre Wonne, ihre Gnade und ihre grundlose Ehre nicht hoch genug loben können, ach, was sollen wir sündige Herzen denn tun? Laßt uns nach unserem Vermögen Gnade und Dank sagen, denn ihre große Demut sieht nicht auf die Kleinheit der Gabe, sie sieht auf den Reichtum des Willens.

Ach, süße Königin, wie kann doch das Frauengeschlecht sich deiner billig rühmen? Was ist nun damit: Verflucht sei Eva, daß sie je die Frucht genoß! Gesegnet sei Eva, daß sie uns je die süße himmlische Frucht brachte! Niemand klage mehr über das Paradies, - wir haben ein Paradies verloren und haben zwei Paradiese gewonnen. Oder ist sie nicht ein Paradies, in der da wuchs die Frucht des lebendigen Baumes, in der alle Wohllust und Freude beschlossen waren? Oder ist das nicht auch ein Paradies über allen Paradiesen, in dem die Toten wieder lebend werden, wenn sie seine Frucht genießen, von dessen Händen und Füßen und aus dessen Seite die lebendigen Brunnen fließen, die da alles Erdreich begießen, Brunnen unerschöpflicher Barmherzigkeit, unergründlicher Weisheit, überfließender Süßigkeit, inbrünstiger Minne und der Brunnen des ewigen Lebens? Wahrlich, der diese Frucht versucht hat, der diese Brunnen getrunken hat, der weiß, daß diese zwei Paradiese das irdische Paradies weit übertreffen.

Auserwählte Königin, du bist auch das Tor der Gnaden, die erbarmende Pforte, die nie geschlossen wurde. Himmelreich und Erdreich mögen vergehen ehe du jemanden, der mit Ernst sucht, von dir gehen lässest, ohne ihm geholfen zu haben. Siehe, darum gilt dir der erste Blick meiner Seele, wenn ich aufstehe, du bist ihr letzter Anblick, wenn ich schlafen gehe. Was deine reinen Hände Gott überantworteten und ansichtig machen, wie kann es, durch des Boten Würdigkeit, selbst wenn es klein ist, verworfen werden, wenn du, Reine, es deinem lieben Kinde überbringst? Darum, zarte Auserwählte, nimm meine kleinen Werke und trag sie, daß sie, von deinen Händen hingebracht, würdig erscheinen vor den Augen des allmächtigen Gottes. Du bist doch das reine, rotgoldene Gefäß, durchschmolzen mit Gnaden, durchlegt mit edlen Smaragden und Saphiren und allerlei Tugenden, dessen einzigartiger Anblick in den Augen des himmlischen Königs den Anblick aller lauteren Kreaturen übertrifft. Ach, auserwähltes, minnigliches Gottesgemahl! Ward König Ahasver gefangen in seinem Herzen von der schönen minniglichen Esther, fand sie mehr als alle Frauen Wohlgefallen in seinen Augen, fand sie Gnade vor ihnen allen, so daß er tat, was sie begehrte: O du, die rote Rosen und alle Lilien überglänzt, wie mag wohl der himmlische König von deiner lauteren Reinheit, von deiner sanften Demut, von den Wohlgerüchen aller Tugenden und Gnaden so gefangen werden! Oder wer hat das wilde Einhorn gefangen als du? Welches grundlose Wohlgefallen hat in seinen Augen vor allen Menschen deine minnigliche, zarte Schönheit, gegen die alle Schönheit erlischt wie ein schimmerndes Nachtwürmlein gegen den Glanz der scheinenden Sonne! Welch eine überfließende Gnade hast du vor ihm gefunden für dich und uns andere gnadlose Menschen! Wie soll und mag dir denn der himmlische König etwas versagen? Du kannst wohl sprechen: Mein Geliebter ist mein und ich bin sein; ach, du bist Gottes und Gott ist dein und ihr zwei seid ein ewiges grundloses Minnespiel, das keine Zweiheit jemals mehr scheiden kann! Gedenket und vergesset nicht uns Arme, Dürftige, die so jämmerlich noch in dem sorgenvollen Elende wallen!

Eja, nun, du Fraue des Himmelreiches und Erdreiches, nun steh auf und sei eine Mittlerin, eine Erwerberin der Gnade bei deinem zarten Kinde, der Ewigen Weisheit! Ach, Ewige Weisheit, wie willst du mir nun etwas versagen? Wie ich dich dem ewigen Vater vorstelle, also stelle ich die reine, zarte auserwählte Mutter vor deine milden Augen. Eja, milde, schöne Weisheit, nun schau sie an, nun schau die milden Augen, die dich oft so gütig angesehen haben, erkenne die schönen Wangen, die sie so oft an dein kindliches Antlitz lieblich gedrückt hat! Ach, schau an den süßen Mund, der dich oft so zärtlich geküßt hat, sieh an die reinen Hände, die dir so oft gedient haben! Ach, du Mildigkeit, wie kannst du der etwas versagen, die dich so minniglich säugte und in ihren Armen trug, legte und hob und so zärtlich leitete?

Herr, ich erinnere dich an all das Liebe, das du je in deinen Kindertagen von ihr gewonnen, da du sie auf dem mütterlichen Schoß so inniglich zart mit den Augen anlachtest, mit deinen kindlichen Armen lieblich umschlossest in grundloser Minne und Liebe, die du zu ihr mehr als zu allen Kreaturen hattest. Gedenke auch des großen Herzeleides, das ihr mütterliches Herz mit dir unter dem Galgen deines elenden Kreuzes trug, als sie dich sterbend in Not sah und ihr Herz und ihre Seele mit dir in Jammer und Not oft erstarben, damit du mir um ihrer Huld willen gäbest, alles, was hindernd zwischen uns steht, abzulegen, deine Gnade zu erwerben und sie nimmer zu verlieren.

(Heinrich Seuse)

Hymnus

O Zweig und Krone am königlichen Purpur!
In deiner Verschlossenheit stehst du wie in einem Panzer.
Du Grünende,
anders als Adam, von dem das ganze Menschengeschlecht ausging,
hast du Blüten hervorgebracht.
Gegrüßt, gegrüßt seist du!
Aus deinem Schoß ist jenes andere Leben entsprossen,
dessen Adam seine Söhne beraubt hat.
O Blüte!
Du bist nicht gewachsen im Tau, nicht in Tropfen Regens;
nicht die Luft hat über dich hingeweht:
der göttliche Ruf hat dich, edelsten Sproß, heraufgeführt.
O holdes Reis!
Deine Blütenpracht hat Gott am ersten Schöpfungstag geschaut
und aus Seinem Worte hat er das goldene Gefäß gemacht,
o lobwürdige Jungfrau.
O, wie groß ist in ihrer Kraft die Seite des Mannes,
aus der Gott die Gestalt jener Frau hervorgehen ließ,
die er gemacht hat zum Spiegel all seiner Schönheit,
und auf daß sie umarme all seine Kreatur.
Darum klingen zusammen alle himmlischen Posaunen,
es steht in Bewunderung die ganze Erde,
Maria, o Lobwürdige, weil Gott dich gemacht hat.
O, beweinenswert ist es,
daß die Betrübnis, die in der Schuld liegt -
aus dem Rate der Schlange gekommen -
auch auf die Frau überfloß:
Denn jenes selbe Weib,
das Gott zur Mutter aller gesetzt hatte,
schlug seine Kinder mit den Wunden der Unwissenheit
und gab allen Schmerz an ihr Geschlecht weiter.
Aus deinem Schoß aber, o Morgenröte,
ist die neue Sonne heraufgestiegen,
die alle Schuld Evas getilgt hat
und mehr an Segen ist durch dich gekommen,
als durch Eva den Menschen an Schaden.
Darum, o Retterin:
Du hast das neue Licht dem menschlichen Geschlechte geschenkt,
füge zu einer himmlischen Einheit die Kinder deines Sohnes.

(Hl. Hildegard von Bingen)

Worte der Mutter und des Sohnes

Die Mutter Gottes redete zu ihrem Sohne und sprach: Gebenedeit sei dein Name, mein Sohn, ohne Ende samt deiner Gottheit, die ohne Anfang und ohne Ende ist! In deiner Gottheit sind drei Wunder: Die Macht, die Weisheit und die Kraft. Deine Macht ist wie ein hell loderndes Feuer, vor dem alles, wenn es auch noch so fest und stark ist, für trockenes Stroh erachtet wird. Deine Weisheit ist wie ein Meer, das seiner Größe halber nicht ausgeschöpft werden kann, und das auch, wenn es anwächst und überfließt, Täler und Berge bedeckt. So kann auch deine Weisheit nicht begriffen und ergründet werden. Wie weislich hast du den Menschen erschaffen und ihn über alle deine Geschöpfe gestellt! Wie weislich hast du die Vögel in der Luft verteilt, die vierfüßigen Tiere auf der Erde, die Fische im Wasser, und jedem seine Zeit und Ordnung gegeben! Wie wunderbar gibst und nimmst du allem Leben! Wie weise gibst du den Unweisen die Weisheit und nimmst sie den Hoffärtigen! Deine Kraft ist wie das Licht der Sonne, das durch den Himmel leuchtet und auch die Erde mit seinem Leuchten erfüllt. Also sättigt und erfüllt deine Kraft oben wie unten alle Dinge. Deshalb sei gebenedeit, mein Sohn, der du mein Gott und mein Herr bist.

Der Sohn antwortete: Meine teuerste Mutter, deine Worte sind mir süß, weil sie aus deiner Seele kommen. Du bist wie die Morgenröte, die mit Klarheit hervorgeht. Du hast über alle Himmel geglänzt; dein Licht und deine Klarheit übertreffen alle Engel. Du hast durch deine Klarheit die wahre Sonne, d.h. meine Gottheit, zu dir gezogen, und zwar so sehr, daß die Sonne meiner Gottheit in dich hineinging und du von ihrer Wärme, durch meine Liebe von allen erwärmt wurdest. Durch ihren Glanz bist du mehr als alle von meiner Weisheit erleuchtet. Die Finsternis der Erde ist vertrieben und alle Himmel sind durch dich erleuchtet. In meiner Wahrheit versichere ich, daß deine Reinheit, die mir mehr gefiel als alle Engel, meine Gottheit zu dir zog, so daß du von der Glut des Geistes entflammt wurdest. Durch dieselbe ward der wahre Gott und Mensch in deinen Leib eingeschlossen, wodurch der Mensch erleuchtet wurde und worüber die Menschen sich freuten. Deshalb sei von deinem gebenedeiten Sohne selbst benedeit. Darum sollst du keine Bitte an mich richten, die nicht erhört würde, und durch dich sollen alle, die mit dem Willen, sich zu bessern, um Barmherzigkeit bitten, Gnade erhalten, weil, wie die Wärme von der Sonne ausgeht, also durch dich jegliche Barmherzigkeit gewährt werden wird. Du bist wie eine reichlich strömende Quelle, aus der den Elenden Barmherigkeit zufließt.

Die Mutter entgegnete dem Sohne: Alle Kraft und Herrlichkeit seien dein, mein Sohn. Du bist mein Gott und mein Erbarmen, von dir kommt alles Gute, das ich habe. Du bist wie ein Samen, der nicht gesät, aber doch aufgewachsen ist und hundertfältige und tausendfältige Frucht trug. Von dir geht ja alle Barmherzigkeit aus, alle Förderung und Vollkommenheit.

Der Mutter antwortete der Sohn: Gar trefflich, o Mutter, hast du mich mit einem Samen verglichen, der nicht gesät ward, und doch aufwuchs, weil ich mit meiner Gottheit in dich gekommen bin und meine Menschheit nicht durch eine Vermischung gesät worden und dennoch in dir gewachsen ist, aus der allen Barmherzigkeit zufloß. Darum hast du Recht gesprochen. Weil du nun also durch deines Mundes süßeste Worte Barmherzigkeit von mir ziehst, so bitte, was du willsts, und es wird dir gegeben werden.

Die Mutter antwortete: Mein Sohn, weil ich Barmherzigkeit von dir erlangt habe, deshalb erbitte ich für die Elenden Barmherzigkeit und Hilfe. Der Orte sind vier. Der erste ist der Himmel, in dem die Engel und die Seelen der Heiligen nichts bedürfen als dich, den sie haben, denn in dir haben sie alles Gute. Der zweite Ort ist die Hölle, und ihre Bewohner sind von Bosheit erfüllt und ausgeschlossen von aller Barmherzigkeit. Deshalb kann vom Guten nichts mehr zu ihnen eingehen. Der dritte Ort ist das Fegfeuer; die darinnen bedürfen einer dreifachen Barmherzigkeit, weil sie dreifach gepeinigt werden. Sie werden betrübt am Gehör, weil sie nur Schmerzen, Pein und Elend vernehmen. Sie werden gepeinigt durchs Gesicht, weil sie nichts sehen, als ihr Elend. Sie werden gepeinigt am Gefühl, weil sie die Hitze des unerträglichen Feuers und der schweren Strafe empfinden. Gewähre ihnen, mein Herr und mein Sohn, deine Barmherzigkeit um meiner Bitten willen.

Der Sohn antwortete: Gern will ich ihnen um deinetwillen dreifache Barmherzigkeit gewähren. Erstlich wird ihrem Gehöre Erleichterung zuteil und ihr Gesicht gemildert werden, ihre Strafe wird erträglicher und gelindert sein; außerdem werden die, die von gegenwärtiger Stunde ab sich in der höchsten Qual des Fegefeuers befinden, zur mittleren gelangen, und diejenigen, die sich in der mittlern befinden, werden eingehen zur Ruhe.

Die Mutter antwortete: Preis und Ehre dir, mein Herr! Und gleich darauf sprach sie weiter zum Sohne: Der vierte Ort ist die Welt; die Bewohner derselben bedürfen dreierlei: Zuerst der Reue über die Sünden; zweitens der Genugtuung; drittens der Stärke, um Gutes zu tun. Der Sohn antwortete: Einem jeglichen, der deinen Namen anruft und seine Hoffnung in dich setzt, dabei den Vorsatz hat, das Gefehlte zu verbessern, werden jene drei Stücke gegeben und obendrein das Himmelreich. Denn die Süßigkeit deiner Worte ist für mich so groß, daß ich nicht versagen kann, um was du bittest, zumal du nichts anderes willst als ich. Du bist endlich wie eine leuchtende und brennende Flamme, mittels welcher erloschene Lichter angezündet werden, und, die sich nicht anzünden lassen wollten, brennen. Also werden durch deine Liebe, die in mein Herz hinaufgestiegen ist und mich zu dir gezogen hat, diejenigen wieder lebendig werden, die in Sünden erstorben sind, und die Lauen, die schwarz sind wie Rauch, werden in meiner Liebe erstarken.

(Offenbarungen der hl. Brigitta)

 

Gebet zur seligsten Jungfrau

Sei gegrüßt, Maria, du weiße Lilie der strahlenden und ewig ruhenden Dreieinigkeit, du schimmernde Rose himmlischer Anmut, von welcher der König der Himmel geboren und von deren Milch er genährt worden: nähre unsere Seelen mit göttlichen Einströmungen.

(Hl. Gertrud)

Der Krug Mariae

"Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade! (Luc. 1,28) Die Gnadenfülle konnte nicht allein in der Jungfräulichkeit bestehen. Auch ist es nicht allen gegeben, durch Jungfräulichkeit zu Gnaden zu kommen. Glücklich die, die ihre Gewänder nicht beschmutzten und sich mit unserer Königin des ehrenhaften Vorzuges der Jungfräulichkeit rühmen dürfen! Hast du aber nur einen Segen, o Herrin? O segne doch auch mich, darum bitte ich dich inständig! Ach, jene Tugend ist für mich verloren! Man kann nicht daran denken, sie je wieder zu erlangen. Verfault bin ich im eigenen Unrat und wie zum Tier geworden - doch hast du denn gar nichts an dir, was auch ich mein eigen nennen könnte? Darf ich nirgends bei dir sein, wenn ich dir schon nicht an alle Orte folgen kann, wohin du gehst?...

Der Engel besuchte die Jungfrau, die der Herr für den Sohn seines Herrn bereitet hatte. Und der Engel trinkt aus deinem Krug und Entzücken erfaßt ihn über die Tugend, die ihm verwandt ist. Wirst du aber nicht auch den Tieren einen Trunk gewähren? Dem Engel ist es ein Labetrank, daß du keinen Mann erkennst. Mögen doch auch die Tiere ein Tränklein darin finden, daß du dich unvergleichlicher Demut rühmen darfst. Die Heilige Schrift sagt: "Der Herr sah auf die Niedrigkeit seiner Magd." (Lc. 1,48) Jungfräulichkeit ohne Demut mag ja vielleicht Ehre bringen, aber nicht bei Gott. Der höchste Herr sieht stets auf das Niedrige, und das Hohe kennt er nur von ferne... Den Demütigen gewährt er seine Gnade, den Hochmütigen widersteht er.

Doch am Ende füllen diese beiden Maße deinen Krug noch nicht, Maria; faßt er doch noch ein drittes, so daß nicht nur Engel und Tiere, sondern auch der Speisemeister selbst noch zu trinken hat. Diesen guten Wein, den wir jetzt zurückbehalten haben, schöpft der dienende Engel, um ihn dem Speisemeister zu kredenzen. So nenne ich den Vater, der als Haupt der heiligen Dreifaltigkeit mit Recht Speisemeister genannt werden kann. Als der Engel Maria die Mutterschaft - dieses dritte Maß - verkündete, sagte er: "Darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden." (Lc. 1,35) Er wollte damit wohl sagen, daß dieser Sproß ihm, dem Vater, und dir allein eigen sei.

(Hl. Bernhard v. Clairvaux)

Gruß an die Jungfrau Maria

Sei gegrüßt, heilige Herrin,
heiligste Königin, Mutter Gottes, Maria!
Du bist immerwährende Jungfrau,
auserwählt vom allerheiligsten himmlischen Vater,
von Ihm mit dem allerheiligsten geliebten Sohn
und dem Tröstergeist geweiht,
der war und ist alle Gnadenfülle.
Sei gegrüßt, sein Schloß,
sei gegrüßt, sein Zelt,
sei gegrüßt, sein Haus,
sei gegrüßt, sein Kleid,
sei gegrüßt, seine Magd,
sei gegrüßt, seine Mutter
und ihr alle heiligen Tugenden,
die ihr durch die Gnade und Erleuchtung des Hl. Geistes
euch in die Herzen der Gläubigen ergießt,
um sie aus Ungläubigen zu Gottgläubigen zu machen.

Hl. Franz von Assisi

Die Andacht zur allerseligsten Jungfrau

Es gibt Menschen, die wissen möchten, wie weit ihre Verehrung der seligsten Jungfrau gehen dürfe und wo die Grenze sei, die ihre Liebe nicht überschreiten könne...

Unmöglich ist es, Jesum zu kennen oder ihn zu lieben, wenn wir keine innige Andacht zu seiner allerheiligsten Mutter pflegen. Wir können uns keine Andacht denken, die das Herz Jesu sicherer veranlaßte, auf unsere Bitten zu hören, wenn wir ihm jene Gnaden aufopfern, die er selbst über Maria ausgoß, jene Liebeserweise, die die heiligste Dreifaltigkeit über sie ergoß, um sie zu einem lebendigen Siegeszeichen ihrer Erbarmung zu machen. Jene Geheimnisse mögen wir aufopfern, in denen sie diesen Gnaden entsprach und sich dadurch unerhörte Verdienste erwarb. Maria ist mit der Ehre Gottes so innig verbunden, daß jeder Akt der Huldigung gegen sie ein offensichtlicher Erweis der Liebe gegen Gott ist.

Sie ist so sehr der auserlesene Gegenstand des Interesses Jesu, daß ihm auf Erden nichts teuerer ist als die Verteidigung und Ausbreitung ihrer Ehre. Wohl seufzt sein heiliges Herz voll Erbarmen nach der Rettung der Seelen - darum hat er Maria zur Zuflucht für die Sünder und zum Anwalt für die Seelen erkoren. Alle Werke Gottes benedeien ihn und er segnete die Erde, die er gemacht hatte, und sprach, daß alles sehr gut sei. Die Sterne des Himmels klangen zusammen und die Engel jubelten in Freuden. Wie viel mehr aber loben ihn die Werke, die er in Maria erfüllte, und die Gaben, die er über sie ausgoß. Die Engel und Menschen finden darin eine unversiegbare Quelle der Freude! Um Jesu willen also müssen wir Maria noch mehr lieben lernen. Wie die Gnade in uns, muß die Andacht zu ihr wachsen, sich stärken wie eine tugendhafte Gewohnheit. Immer inniger und zarter werden muß sie bis zur Stunde, in der sie kommen und uns beistehen wird, gut zu sterben und furchtlos das schreckliche Gericht zu bestehen.

Wir dürfen nicht meinen, mit der Andacht zur heiligsten Jungfrau verhielte es sich wie mit dem Besitz eines Buches oder eines Rosenkranzes: man kann sie nicht ein für alle Male ganz und vollkommen erwerben. Unrichtig wäre die Behauptung, daß wir, im Falle wir die Gnade der Demut von Gott erhalten haben, nur das Erhaltene zu bewahren brauchen, ohne uns zu bemühen, mehr zu erlangen; ebenso unrichtig ist es zu sagen, die Andacht zu Maria sei des Wachstums nicht fähig. Ich wiederhole: sie muß zunehmen wie eine Tugend und stark werden wie eine Gewohnheit. Sonst ist sie nichts wert... Die Liebe zu Maria ist nur eine andere und zwar von Gott bestimmte Form der Liebe zu Jesus. Wenn darum die Liebe zu ihm wachsen muß, dann auch die Liebe zu ihr.

Die Liebe zu Maria ist ein wesentlicher Teil der Liebe zu Jesus und zu meinen, die Interessen beider könnten einander entgegenstehen, heißt zeigen, daß wir weder Jesus noch die ihm gebührende Verehrung verstehen. Ist die Andacht zu Maria nicht aus sich selbst schon eine Andacht zu Jesus, dann entziehen wir ihm, indem wir ihr Andacht bezeigen, mit Wissen etwas, und berauben so Gott in einem wörtlichen Sinn. Wenn da manche sagen, wir sollen unsere Andacht mäßigen und nicht zu weit gehen, sichern sie nicht, wie sie meinen, Jesus seine ihm zukommende Ehre, sondern legen das furchtbare Bekenntnis ab, daß sie selbst Jesus etwas entziehen, um es Maria zu geben, wenngleich sie sorgsam bedacht sind, es möge nicht zu viel sein. Wohl kann man sich in der Art täuschen, Maria zu verehren, nicht aber kann man in dem Grad der Huldigung irren, die sie verdient...

(William Faber)

Gebet

Wenn wir mit dem Tod einst ringen,
wolltst Maria uns beispringen,
daß wir selig scheiden hin
Jungfrau Mutter, Königin.

Quellennachweis

  1. Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen aus H. Seuse, Deutsche Schriften. herausgegeben von Dr. K. Bihlmeyer. Kohlhammer, Stuttgart 1907. S. 262 ff. "Von dem wirdigen lobe der reinen kunigen von himelrich."
  2. Übersetzung aus dem Lateinischen nach dem Text in Schmelzeis, Leben und Wirken der hl. Hildegardis nach den Quellen dargestellt nebst einem Anhang Hildegard'scher Lieder mit ihren Kalodien. Herder, Freiburg 1879. S. 11 des Anhanges.
  3. Aus Leben und Offenbarungen der hl. Brigitta. Übersetzt und herausgegeben von L. Clarus. Manz, Regensburg 1856. Bi. 1, S. 116 ff.
  4. Aus: Der hl. Gertrud der Großen Gesandter der göttlichen Liebe. Aus dem Lateinischen von Weisbrodt. Herder, Freiburg 1877. 1.-3. Buch, S. 250.
  5. Aus Sancti Patris Bernardi Claravallensis. Aus "De diversis" 46.
  6. Übersetzung aus dem Lateinischen von J. v. Neusser aus Böhmer-Wiegand, Analekten zur Geschichte des Franziskus von Assisi. 8. Aufl. Tübingen 1930. S. 47
  7. Pfr. W. Faber, Gesammelte Werke. London 1899.
  8. Ein in Bayern gebräuchliches Ordensgebet.

Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell