Aus dem Immaculata-Archiv:


MARIANUM.

Legende

von den lieben heiligen und gottseligen Dienern

Unserer Lieben Frau

und den

berühmtesten Gnadenorten der hohen Himmelskönigin

von

Georg Ott, Stadtpfarrer in Abensberg.

Erster Theil. Die Monate Januar bis Juni

Mit oberhirtlicher Gutheißung.

Achte, vermehrte und verbesserte Auflage

Mit einem Titelstahlstiche, allegorischem Titel und vielen schönen Bildern in feinem Holzstich.

Regensburg, New York & Cincinnati
Papier, Druck und Verlag von Friedrich Pustet.

1872.


Zueignung.

Maria, holder Stern in diesen ird'schen Sphären!
Vielsüßer Name Jedem, der Dich kennt,
Der nicht bloß groß Dich, sondern Mutter nennt.
Erhab'ne! Deinen Ruhm kann zwar kein Ird'scher mehren;
Ihn zu verkünden aber, wirst Du mir es wehren?
Sieh', wie ein Kind sich nach der Mutter sehnt,
Solch' heiße Sehnsucht mir im Busen brennt,
Dich Hocherhabene aus ganzer Seel' zu ehren.

So blick auf dieses Werk, o Hohe, gnädig nieder;
Ein Träger Deines Ruhms soll es von hinnen ziehen,
Und Jeden, der Dich liebt, vieltausendmal mir grüßen.

O kehrten doch die alten lieben Zeiten wieder,
O möchten in das Vaterhaus die Kinder fliehen,
Zur Mutter die verlornen kehren, zu der süßen.

 

Am 17. Mai 1862 hatte der Verleger der Legende und des Marianums die große Gnade, Sr. Heiligkeit Papst Pius IX. diese beiden Werke persönlich überreichen zu dürfen, woraufhin nachstehendes Schreiben an den hochw. Verfasser gelangte:

Illustrissime Reverende
Domine Domine Coldme!

Exemplar duplicis libri ad fovendam pietatem editi, una cum epistola Tua, qua obsequium et reverentiam erga supremum Pontificem testaris, idem sanctissimus Dominus humanissime excepit, mihique negotium debit, ut suo nomine gratias agerem, Teque certiorem facerem, sese Benedictionem Apostolicam, quam Tibi et laboribus Tuis postulas, amanter impertiri. Gratulatur etiam Sanctitas sua, quod lucubrationes illae summo fidelium studio, etiam in regionibus longissime dissitis perlegantur, et copiosum exinde fructum pro animarum salute confidit obventurum. Licet autem ob gravissimas curas pastoralis officii earum lectioni vacare nequiverit, pro certo tamen habet, omnia in iis libris sic esse concinnata, ut sanctissimo fini, quem propositum habuisti, respondeant apprime; praesertim quod, uti affirmas, Ratisbonensis Antistes eos auctoritate sua confirmavit.

Unum mihi superest, ut sincerum meum obsequium Tibi, Illustrissime Reverende Domine, exhibeam, atque omnia bona et fausta adprecer a Domino, Tui, Illustrissime ac Reverende Domine

Dat. Romae die 31. Maii 1862

Humillimus et addictissimus servus
Joannes Sottovia
SS. Domini Nostri ab epistolis latinis.

(Uebersetzung.)
Hochw. Hochverehrter Herr!

Das Exemplar von den 2 Büchern, die Du zur Beförderung der Frömmigkeit herausgegeben hast, sammt Deinem Briefe, in welchem Du Deine Unterwerfung unter den hl. Stuhl und Deine Verehrung desselben aussprichst, hat der hl. Vater freundlichst aufgenommen. Er gab mir den Auftrag, Dir in Seinem Namen zu danken, und Dir kund zu geben, daß Er den apostol. Segen, welchen Du für Dich und Deine Arbeiten erbatest, liebvollst ertheilt.

Se. Heiligkeit wünscht Dir Glück, daß jene Werke mit so großem Eifer von den Gläubigen auch der entfernt gelegenen Länder gelesen werden, und Er lebt des Vertrauens, daß für das Heil der Seelen reiche Frucht daraus erwachsen werde.

Ob Se. Heiligkeit gleich Selbst wegen Ueberhäufung mit Oberhirtl. Geschäften die Lesung derselben nicht unternehmen konnte, so hält Er sich doch für überzeugt, daß Alles in diesen Büchern so geartet sei, daß es dem vorgesetzten erhabenen Zwecke vollkommmen entspreche, besonders auch deßwegen, weil der hochw. Bischof von Regensburg nach Deiner Angabe die Werke approbirt hat. Schlüßlich erübrigt mir noch, Dir, verehrter und hochwürdiger Herr! meine aufrichtige Hochachtung zu bezeigen und Dir alles Liebe und Gute von Gott zu erbitten. Dein

Gegeben zu Rom am 31. Mai 1862

gehorsamster und ergebenster Diener
J.S.

Vorrede
zur ersten Auflage.

Es gibt oft Momente im Leben eines Menschen, in welchen derselbe plötzlich zu einer That begeistert wird, deren Ausführung bei nüchterner Ueberlegung seinen schwachen Kräften unmöglich scheint, und doch wagt er es, vertrauend auf höhere Hilfe, Hand ans Werk zu legen, um den Versuch zu machen, ob es ihm nicht gelinge. -- So erging es denn auch dem Verfasser vorliegenden Buches.

Es war im Spätsommer des Jahres 1856, als mir ein Büchlein in die Hände kam, welches im Buchhandel längst vergriffen ist, und in welchem in herzlicher Sprache gar anmuthige Beispiele von treuen Dienern Unserer Lieben Frau erzählt werden. -- Beim Durchblättern des Büchleines kam mir plötzlich der Gedanke, ob es nicht gut wäre, für das katholische Volk, welches die gebenedeite Mutter des Herrn so lieb hat, ein ähnliches, noch ausführlicheres Buch zu verfassen.

Der Gedanke war da, und verließ mich nicht mehr. Ich faßte endlich den Entschluß ihn zu bethätigen. Doch als ich zur Ausführung schreiten wollte, ward der erste Gedanke durch einen zweiten verdrängt. Es fiel mir nämlich bei, daß es viel zweckmässiger sein könnte, eine Legende von jenen Heiligen Gottes zu schreiben, welche sich durch eine besondere Liebe und Andacht zur gebenedeiten Gottesmutter auszeichneten. Damit wollte ich zugleich die Beschreibung jener Gnadenorte der Lieben Frau verbinden, zu welchen das katholische Volk seit Jahrhunderten mit kindlichem Vertrauen wallet, und so oft wunderbare Hilfe und Trost empfängt.

Diese Legende, so dachte ich mir, sollte allen jenen, welche Maria, die hochbegnadigte Jungfrau, lieben und ehren, zum Beweise dienen, daß ihre Verehrung und Liebe, sie sei noch so groß und glühend, nicht neu und sonderbar sei, indem ja die heiligsten Männer und Frauen der Kirche aus allen Ständen und in allen Jahrhunderten sich's zur höchsten Ehre rechneten, auch Kinder der gebenedeiten Gottesmutter zu sein, Sie, die hohe Himmelskönigin mit Wort und Schrift zu verherrlichen, mit Ihr im innigsten Verkehre zu stehen und Ihre Fürbitte bei Gott für sich und Andere anzurufen.

Das katholische Volk sollte daraus erkennen, wie selbst die Hohen und Mächtigen der Erde, die Gelehrten, die Künstler, die Kriegskundigen mit Tausenden aus allen Nationen zu jenen Tempeln, Kirchen und Kapellen wallten, welche auf Bergen und Hügeln, in Thälern und Ebenen, im Walde und am Gestade der Flüße, am Ufer des Meeres und der Seen, unter schattigem Laubdach, und am stillen Bächlein die katholische Liebe erbaute; wie sie vor den Bildnissen Unserer Lieben Frau auf die Kniee fielen, und der allerreinsten Magd des Herrn ihre Huldigung darbrachten, ihre Hilfe anflehten und wunderbare Gewährung ihrer Bitten fanden.

Das katholische Volk sollte daraus ersehen, wie seit Jahrhunderten fort und fort in Erfüllung geht, was einst die heilige, gottbegeisterte Jungfrau in Ihrem Hochgesange gesungen: "Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter." Luk. 1,48.

Ich fing nun an zu forschen und zu sammeln; ich bat gute Freunde um Rath und Mittheilung, und allmälig mehrte sich der Stoff, aber mit ihm auch die Schwierigkeit, ein Buch zu verfassen, dessen Inhalt den Forderungen der Wisssenschaft und der Zeit entspricht, in der wir leben.

Der Gedanke einer marianischen Legende ist meines Wissens neu; ich fand in der mir bekannten marianischen Literatur kein Werk ähnlicher Art. -- Fern von großen Bibliotheken, und auf wenige Bücher beschränkt, nicht kennend die Quellen, aus denen ich schöpfen könnte und meine persönliche Ohnmacht betrachtend, zweifelte ich an der Möglichkeit des Gelingens. --

Zwar hatte ich mir durch mein Legendenwerk von den lieben Heiligen Gottes schon mehrfach vorgearbeitet und den Weg gebahnt, auch ward ich bei der Abschaffung dieses Werkes in der Ueberzeugung bestärkt, daß kein Heiliger im Himel Gottes Angesicht schaut, der nicht auch die hochbegnadigte Gottesmutter geliebt, geehrt und kindlich auf ihre Hilfe und ihren Schutz vertraut hat, aber -- -- wie die Heiligen Unsere Liebe Frau geehrt, welche besondere Andacht sie Ihr gewidmet, welche Segnungen und Gnaden sie von Ihr empfingen, -- das in ihrem Leben zu finden, ist bei sehr vielen, ja fast bei den Meisten, eine reine Unmöglichkeit.

Die Akten der Heiligen aus den ersten drei Jahrhunderten der Kirche liefern aus wohlbekannten Gründen nur wenige Zeugnisse. -- Gar viele Heilige haben in tiefster Verborgenheit ihr Leben zugebracht; gar viele hielten im Schreine ihres Herzens verborgen, was des Herrn Hand an ihnen gewirkt und was sie aus den Händen seiner gebenedeiten Mutter empfingen. Das Gebet, das zu Ihr über ihre Lippen geflossen, die Gesänge, die sie zu Ihrer Ehre gesungen, was sie an Ihr, der Allerreinsten betrachtet, was Wunderbares in dem Verkehre mit Ihr ihnen begegnet, das hat oft nur die einsame Zelle vernommen und keiner Feder war es verstattet, es niederzuschreiben. Und wenn sich auch eine Feder gefunden hatte, die Ereignisse ihres Lebens aufzuzeichnen und der Nachwelt zu überliefern, was treue Freunde aus ihrem Munde gehört, so geschah es, daß oft nur mit wenigen Worten ihrer Liebe und Verehrung der allerseligsten Jungfrau erwähnt wurde, weil eben diese Liebe und Verehrung in ihr ganzes Leben mit eingeflochten war.

Ich habe die Acta Sanctorum des gelehrten Bollandus durchgesehen, und darin gesucht, und von Hunderten der Heiligen, deren Leben die kundige Feder aus den besten Quellen niedergeschrieben, habe ich immer nur einige gefunden, aus deren Leben mir ihre besondere Verehrung der Lieben Frau kund geworden. Oft fand ich nur wenige Skizzen, spärliche Züge, kurze Andeutungen. -- Für jeden Tag des Jahres einen oder mehrere Heilige zu finden, welche der allerseligsten Jungfrau mit ganz besonderer Andacht zugethan waren, war also bei der Unzulänglichkeit der Quellen äußerst schwierig. --

Zwar kamen mir mehrere sehr gute Bücher in die Hand, als: Annus marianus, Tornaci; Calendarium Marianum v. Balinghem S.J.; Jersusalem coeleste v. Nadasi S.J.; Mariä Stammenbuch von Leonard Mayr; Wechselseitige Anmuthungen von Auriema S.J., Marianischer Tugendspiegel, Innsbruck etc. etc., welche die Verehrung der Heiligen zur L. Frau zum Inhalte haben, allein sie lieferten nur einzelne Beispiele und ganz kurze Skizzen. -- Ich verschaffte mir nun das große Legendenwerk von Surius, forschte in den Legendenwerken von Buttler und Ribadeneira, durchlas einzelne ausführliche Hagiographien und Werke erbaulichen und aszetischen Inhalts, wie sie mir in die Hände kamen, sammelte mir daraus alle interessanten Züge, Skizzen und Beispiele, und suchte sie zu einem ganzen Bilde zusammenzufügen. Sehr große Dienste leistete mir auch bei dieser Arbeit das mit größter Begeisterung und Gelehrsamkeit geschriebene Werk von Poire S.J. "die dreifache Krone der seligsten Jungfrau"; dann Spinelli Thronus Dei Maria Deipara; Petrus Canisius de Virgine Maria; Abelly "Alte Urkunden"; Bonifacius S.J. de vita et miraculis B.V.M. und noch viele andere gute Werke, welche als Quellen im Marianum gewissenhaft angegeben sind.

Mit nicht minderer Schwierigkeit hatte ich auch bei der Beschreibung der berühmtesten Wallfahrts- oder Gnadenorte Unserer L. Frau zu kämpfen. Daß die Geschichte der Gnadenorte eine nothwenige Ergänzung einer marianischen Legende sind, war mir klar. Gerade bei der Entstehung der Gnadenorte bewegt sich die Legende auf ihrem eigenen Boden, da sind die anmuthigsten, rührendsten Legenden empor gewachsen, und sie gehören mit zu dem traditionellen Beweis der Verehrung der Mutter Gottes, welche seit den Zeiten der Apostel überall stattgefunden hat, und von allen wahren Gläubigen geübt wurde.

Allein es hielt schwer aus der Unzahl von marianischen Wallfahrtsorten in der Welt, die berühmtesten auszuwählen und zu beschreiben. -- Der gelehrte Jesuit Wilhelm Gumppenberg hat eine große Anzahl solcher geheiligten Orte in seinem Atlas Marianus beschrieben. Allein bei vielen hat im Laufe von zwei Jahrhunderten, seit Gumppenberg sein Werk verfaßt, große Veränderung stattgefunden. Viele, welche zu seiner Zeit stark besucht wurden, haben aus verschiedenen Ursachen an Ansehen verloren; dagegen haben Andere großen Aufschwung genommen; viele sind erst später entstanden; manche sind durch wiederholte Gnadenerweisungen noch berühmter geworden; viele, wie z.B. im Morgenlande, in England, Schottland, Schweden und Dänemark, einigen Theilen Deutschlands sind ganz in Verfall gerathen. Es hielt also schwer, hier die rechte Auswahl zu treffen. -- Noch schwieriger war es, wahrheitsgetreue, genaue Berichte von solchen Gnadenorten zu erlangen. Doch ist es vielfacher Bemühung gelungen, von sehr vielen Wallfahrtsorten spezielle Beschreibungen zu erhalten. Für Oesterreichs Kronländer leisteten mir "J. P. Kaltenbeck's Mariensagen, der österreichische Universalkalender von 1845 - 47 und der Pilger durch Tyrol, für Ungarn Jordanzky Al. Beschreibung der Gnadenbilder", -- lauter treffliche Werke, -- großen Vorschub. -- Auch wurden mir dankenswerthe schriftliche Mittheilungen gemacht, die ich mit Freuden benützte. -- Aber ungeachtet aller Vor- und Umsicht konnte doch nicht verhindert werden, daß manche berühmte Gnadenorte im Marianum keine Stelle fanden, dafür aber andere, minder berühmte, oder nur vor Zeiten bekannte und besuchte aufgenommen wurden. Die Neuheit des Unternehmens und der Mangel an Lokalkenntniß und entsprechenden Quellen wird hierin den Verfasser entschuldigen und der gütigen Nachsicht empfehlen.

So möge denn das Buch, welches der Verfasser nicht ohne Zagen, doch aber auch mit Vorliebe begonnen und das der Verleger mit den schönsten Bildern und den genauesten Abbildungen der berühmtesten Gnadenorte und Gnadenbilder zu zieren versprochen, seinen Weg unter der Obhut der Lieben Frau durch des deutschen Vaterlandes Gauen nehmen, und gütige Aufnahme finden. --

Nachdem der Verfasser viele Zeit auf Sammlung und Sichtung des nöthigen Materials verwendet, hat er am Feste der unbefleckten Empfängniß im Jahre 1857 den ersten Bogen des Manuskripts auf den Altar der hohen Himmelskönigin gelegt, mit kindlichem Vertrauen auf ihren Beistand das Werk Ihr geweiht, und inbrünstig Sie angefleht, es möge Sie, die gnadenvolle Mutter des Herrn, Ihre segnende Hand darauflegen, und was zu Ihrer Ehre unternommen, mit Ihrer mächtigen Hilfe auch zum Ziele führen! -- Was immer Gutes daran gefunden werden mag, das ist Ihr Eigenthum, das Tadelnswerthe nimmt der Verfasser gerne auf sich, zufrieden wenigstens mit der Absicht, nach seinen schwachen Kräften zur Verherrlichung der glorreichen Mutter unsers alleinigen Herrn und Heilandes Jesus etwas Weniges beigetragen zu haben.

Zugleich aber erklärt hiemit der Verfasser feierlich, daß Alles, was in diesem Buche von den ehrwürdigen, seligen und heiligen Personen und von Thaten erzählt wird, welche die Kräfte der Natur übersteigen, nach den Dekreten der heiligen allgemeinen Inquisition vom Jahre 1625 und 1634, sowie gemäß dem Dekrete des Papstes Urban VIII. vom Jahre 1634 und 1641 zu nehmen und aufzufassen sei: daß nämlich die erzählten Gnaden, Offenbarungen und Wunderthaten nur rein menschliches Ansehen und die Titel "Heilig" oder "Selig" nur in so ferne Geltung haben, als sie von der heiligen katholischen apostolischen und römischen Kirche und von dem heiligen Stuhle sind bestätigt worden. -- Ihrem Urtheile unterwerfe ich meine Person und meine Schriften, und werde es mir immer zur höchsten Ehre rechnen, ihr treuergebenster Sohn zu sein.

Schließlich erklärt sich noch der Verfasser gerne bereit, Mittheilungen, welche die Verbesserung des Buches bezwecken, mit herzlichem Danke entgegen zu nehmen, und bittet die Titl. hochwürdigen Herren Wallfahrts-Direktoren und Vorstände, ihm geschichtliche Notizen im Betreffe der Gnadenorte, Gnadenbilder, und daselbst geschehenen, wunderbaren Gnadenerweisungen gefälligst zukommen zu alssen.

Ave Maria!

Beratzhausen,
am Feste des heil. Königs Stephan.
1858.

Georg Ott, Pfarrer.


 

Einleitung.

Warum die Katholiken Unsere Liebe Frau gar so sehr lieben und verehren?

Auf einem sanft ansteigenden Berge liegt von drei mächtigen Buchen beschattet eine schöne Kirche. Viele Stufen von Stein, an beiden Seiten mit Linden bepflanzt, führen zu ihr hinan. Die Kirche ist der Lieben Frau geweiht; auf dem Hochaltar pranget ihr Bild. Beleuchtet von der Abendsonne goldenen Strahlen, die durch die spitzen Fenster ihr Licht auf den Altar werfen, schaut Martia so traulich und mild, mit ihrem Kinde auf dem Arme, auf den betenden Pilger herab, daß das Herz gar wundersam zur Andacht gestimmt wird. -- Rings an den Wänden hängen zahlreicheVotivbilder, die auf Kunst wohl keinen Anspruch machen, aber in der Einfalt ihrer Darstellung desto lauter Zeugniß geben von erbetener Hilfe. -- Auch sieht man schwere, hölzerne Kreuze, welche Büsser auf dem Rücken hiehergeschleppt, und Krücken, welche Krüppel und Lahme hiehergebracht, Ketten, die einst die Hände und Füsse Gefangener gefesselt; Glieder von Wachs zum Zeichen erhörter Bitten. Von der Kirche mit ihrem schmucken Thurme hat man eine wunderliebliche Ausicht in das Thal, durch welches ein klarer Bach unter dunkeln Erlen sich schlängelt, an dessen Ufern ein freundliches Pfarrdorf liegt.

Es war Abend; die untergehende Sonne besäumte mit Rosengluth das Laub der Bäume, und im Feuerglanze strahlten die Fenster der Kirche. Da sassen zwei Männer, nachdem sie am Altare der Lieben Frau ihre Andacht verrichtet, neben der Kirche auf einer Steinbank unter dem schattigen Laubdache einer Buche. An dem Einen, mit seinem dunkeln Gewande, mit silberweißem Haar und freundlichem Antlitz, erkannte man alsbald den ehrwürdigen Pfarrer des Ortes; dem Andern in seinem fremdartigen Kleide mit gebräuntem Gesichte, von hoher kräftiger Gestalt mit markigen Zügen sah man es an, daß er die Welt gesehen und durchlebt hatte. -- Ihn hatte der gute Pfarrer in seiner Kindheit unterrichtet, in die nahe Stadt den Studien zugeführt und mehrere Jahre seine Lebensbahn geleitet. Allein zum Jüngling herangewachsen, verließ er die Studien und wandte sich der Malerkunst zu. Er wurde zwar ein tüchtiger Meister, aber auf seinen Wanderungen unterließ er nach und nach die Uebung seines heiligen Glaubens, und verfiel in große Lauigkeit. Nur der herzlichen Mahnung seines ehemaligen, ehrwürdigen Lehrers, doch keinen Tag vorübergehen zu lassen, ohne der Lieben Frau mit einem Gebete zu gedenken, verdankte er es, daß er an seinem heiligen Glauben nicht ganz Schiffbruch litt.

Nachdem die beiden Männer längere Zeit schweigend ihre Augen an der lieblichen Gegend geweidet, nahm der ehrwürdige Greis des Malers Hand in die seinige, schaute ihm freundlich lächelnd ins Angesicht, und sprach: "Siehe, mein Freund, hier in der Kirche der lieben Mutter Gottes ist mein liebster Ort; da läßt sich so andächtig beten, und nach dem Gebete so süß hier ruhen, daß ich um keinen Preis diesen Ort um einen andern in der Welt vertauschen möchte! -- O Freund! wie süß ist es unter dem Schutze der lieben Mutter des Heilandes sich zu wissen, und mit kindlichem Vertrauen an ihrem erbarmungsvollen Mutterherzen zu ruhen! Tausende haben dieß schon mit mir gefühlt, Tausende fühlen es noch mit mir, und immer größer wird der Drang zahlloser Menschenherzen, Trost und Ruhe zu suchen und zu finden im Schooße der Himmelsmutter bei ihrem süssesten Kinde.

Es ist eine unläugbare Thatsache, fuhr der ehrwürdige Pfarrer begeistert fort, daß in unserer Zeit die Verehrung Unserer Lieben Frau den erfreulichsten Aufschwung nimmt. -- Wie strömen in zahlreichen Schaaren die Gläubigen wieder zu den Muttergottes-Andachten; wie wetteifern Reich und Arm, die Altäre der Lieben Frau zu schmücken, um die alten Kapellen und Bildstöcke wieder zu erneuern, die frevelnde Hände früher entweihten. Wie umstehen sie wieder die Kanzeln, von denen herab mit begeisterten Worten das Lob der hochbegnadigten Jungfrau ertönt, ihre Ehre vertheidigt, das Vertrauen auf ihre mächtige Hilfe in den Herzen geweckt wird!

Wer vermag die Katholiken zu zählen, selbst aus den höchsten Ständen, welche mit kindlichem Vertrauen die geweihte Medaille der unbefleckten Empfängniß auf ihrem Herzen tragen? Soldaten, Offiziere und Generäle ziehen, die Medaille wie ein Ehrenkreuz auf ihrer Brust, in die Schlacht, und zum Tode verwundet, hauchen sie unter dem Kuße des Bildnisses U. L. Frau die Seele aus. Matrosen vertrauen sich kühn den Wellen, und fürchten unter dem Schutze der unbefleckten Jungfrau keine Gefahr. Millionen dieser geweihten Medaillen sind in allen Theilen der Welt verbreitet, und von den Lippen unzähliger Kinder der katholischen Kirche ertönt täglich das schöne Gebet: "O Maria, ohne Sünde empfangen, bitt für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir nehmen!" --

Wie viele Tausende rechnen es sich wieder zur hohen Ehre, die Livree der gebenedeiten Mutter Gottes, -- das Skapulier, -- aus den Händen der Priester des uralten Ordens vom Berge Karmel zu empfangen, auf ihren Herzen zu tragen, und Mitglieder jener weitverzweigten ehrwürdigen Bruderschaft zu sein, welche seit sieben Jahrhunderten Päpste und Bischöfe, Kaiser und Könige und Fürsten, Reiche und Arme ohne Zahl zu ihren Gliedern zählt.

Der Rosenkranz, dieses Kennzeichen des gläubigen Katholiken und Dieners Unserer Lieben Frau, seit längerer Zeit mißkannt, verachtet und geschmäht, befindet sich allerorts wieder in den Händen der Gläubigen und Tausende haben sich zusammengethan, um ihn zu beten, und so einen lebendigen Kranz von Rosen der Andacht für die Liebe Frau zu bilden!

Seitdem ein frommer, um das Heil der ihm anvertrauten Seelen bekümmerter Priester in Paris seine in Unglauben und Unsittlichkeit tief versunkene Pfarrei dem heiligsten und unbefleckten Herzen der allerseligsten Jungfrau empfohlen, und alle, welche dieß liebevollste Herz verehrten, in eine Bruderschaft vereinigte, hat diese Bruderschaft in allen Ländern der Erde Eingang gefunden; sie zählt Millionen Mitglieder aus allen Nationen, und zahlreiche, wunderbare Bekehrungen sind die Frucht des Gebetes derselben zu Maria, der Zuflucht aller armen Sünder!

Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als die schreckliche französische Revolution ihren gottlosen Gang durch Europa machte, widmeten in einer Kirche der Stadt Rom einige fromme Gläubie den lieblichen Monat Mai der Andacht zur allerseligsten Jungfrau, auf daß diese mächtige Helferin der Christen durch ihre Fürbitte der Gottlosigkeit Einhalt thun möge. Und nun hat bereits diese segensreiche Andacht ihren Weg über Gebirge und Meere gefunden. In Städten und Dörfern, in Kirchen und Kapellen, in den Wohnungen der Reichen und den Hütten der Armen knieen Tausende vor dem mit Blumen bekränzten Bilde der Himmelskönigin und preisen sie im heiligen Wechselgesange.

Allüberall in der heiligen Kirche entstehen neue Vereine, die sich der Bekehrung der Heiden in fernen Ländern, die Pflege der Kranken und Armen, die Erziehung der Jugend, die Hebung und Förderung des religiösen Lebens und der religiösen Kunst zum Ziele gesetzt, und sie alle stellen sich unter den Schutz der Gottesmutter, bauend auf ihren segensreichen Beistand, der niemals ihnen mangelt.

Die Missionäre in den Gebirgen Abyssiniens, in den Sandwüsten Afrikas, auf den Inseln des stillen Meeres, auf Chinas fruchtbaren Gefilden, in Amerikas Urwäldern, unter den wilden Horden Asiens erbauen der lieben Frau ihre schmucklosen Kapellen von Holz, stellen auf den armen Altar das Bild der hochbegnadigten Jungfrau, und -- wunderbar sehen sich die Kinder der Wildniß und blinden Diener der Götzen zur heiligen Mutter des Glaubens hingezogen; ihre harten Herzen erweichen auf das Wort des Missionärs; sie stürzen zu seinen Füßen, verlangen die heilige Taufe, und singen Lob- und Dankeslieder der heiligen Jungfrau, deren Fürbitte sie dem Heiland gewonnen! --

Fast in jedem Monate des Jahres erscheinen neue Schriften in allen Sprachen, welche die Verehrung der Lieben Frau zum Inhalte haben, ihre Schönheit preisen, ihre Macht und Güte loben, zum kindlichen Vertrauen auf ihre Fürbitte ermuntern, und ihre so schönen Tugenden zur Nachahmung empfehlen. Und diese Schriften finden überall Aufnahme bei Hohen und Niedern, bei Reich und Arm. --

Die alten Sänger der himmlischen Minne (Liebe) scheinen in unsern Tagen wieder aufzustehen; ihre anmuthigen Lieder, welche sie einst zum Lobe und Preise der gebenedeiten Magd des Herrn gesungen, werden hervorgesucht und ertönen wieder, und neue Sänger singen das Lob der heiligsten Jungfrau in den lieblichsten Weisen.

Selbst die Andersgläubigen können sich der neuen Strömung der Liebe zur gebenedeiten Gottesmutter nicht erwehren. Die lieblichen Legenden und Mariensagen, wie sie in alter Zeit im Volke von Mund zu Mund gegangen, sie werden von ihnen neu erzählt; die Gesänge, wie sie einst die fahrenden Meister gesungen und in den alten Kirchen ertönten, werden von ihnen hochgepriesen; die Münster, zur Ehre der Lieben Frau, von unsern Ahnen erbaut, werden von ihnen angestaunt und bewundert, ihre Grundrisse studirt und nachgeahmt.

Und was soll ich sagen von der Begeisterung, mit welcher in unsern Tagen die heilige Kunst wieder der Verherrlichung der glorwürdigen Jungfrau sich zugewendet. Die Maler, die Bildner in Metall, Holz und Elfenbein, sie alle wirken zusammmen, um in tausenderlei Formen das Bild der hohen Himmelskönigin in himmlischer Anmuth darzustellen und die Altäre der Kirchen, die Wände der Wohnungen, die Andachtsbücher der Gläubigen zu schmücken. Allüberall erheben sich neue Kapellen, Kirchen, prächtige Münster zu Ehren der Lieben Frau und die alten werden restaurirt, und während am Feldwege, an Gebirgssteigen, auf Hügeln und in Thälern der einfache Landmann seinen Bildstock in frommer Einfalt unter das Laubdach eines Baumes stellt und ihn mit Blumen des Feldes bekränzt, auf daß der vorübergehende Wanderer die heilige Jungfrau mit einem Ave begrüße, erheben sich auf öffentlichen Plätzen der Städte riesengroße Denksäulen, deren Spitze das Bild der unbefleckten Jungfrau krönt.

Und auch die heilige Tonkunst bleibt nicht zurück im Wetteifer für die Verherrlichung der glorwürdigen Königin des Himmels. Sei feiert in anmuthigen Liedern und kunstreichen Tonstücken das Lob der Hochbegnadigten und hebt die Herzen der Beter auf den Wellen der Töne hinauf zum Himmel, zum Throne der Königin, welche die Chöre der Engel preisen!

So sprach der ehrwürdige Pfarrer und seine Augen strahlten vom Feuer der Begeisterung. -- Der Maler schaute dem Greise staunend ins Antlitz; eine kleine Weile schwieg er, endlich unterbrach er die Stille, und sagte: "Ja, mein Vater! Sie haben Recht. Wohin ich immer auf meinen weiten Wanderungen gekommen, habe ich auch bemerkt, wie die Marienverehrung seit mehreren Jahren großen Aufschwung genommen. Doch vergeben Sie mir, wenn ich ihre und des Volkes Begeisterung für diese Verehrung nicht theile. Ich meine, daß man in der Verehrung der heiligen Jungfrau zu weit gehe. -- Wohl bin ich nicht so ungerecht, mit den Protestanten zu behaupten, daß die Katholiken Maria anbeten. Dieß ist eine Lüge und Verläumdung, die tausendmal widerlegt, doch immer wieder aufgewärmt wird. Allein ich befürchte, daß das allzugroße Lob der heil. Jungfrau das rechte Maaß überschreite."

Dem guten Pfarrer thaten diese Worte wehe; man sah eine Thräne in seinem Auge. Doch bald faßte er sich und ruhig entgegnete er: "Mein Freund! deine Worte kommen mir nicht unerwartet! Seitdem ich bemerkte, daß du dich auf deinen Reisen durch die Welt vom Lichte der sogenannten Aufklärung hast blenden lassen, mußte ich auch wahrnehmen, daß du die heilige Mutter Gottes nicht mehr so lieb hast, wie in den Tagen deiner Jugend. Du hast zwar, wie du mir selbst gestandest, meiner väterlichen Mahnung nicht vergessen, und die liebe Frau täglich mit einem kurzen Gebete verehrt. Dieser Verehrung hast du es ohne Zweifel zu verdanken, daß du an deinem heiligen Glauben nicht ganz Schiffbruch gelitten, denn die Andacht zu Maria ist der Schild des Glaubens an Jesum und seine heilige Kirche. Aber den kindlichen zutrauensvollen Glauben deiner Jugend hast du nicht mehr. Dein Glaube hat abgenommen, und mit ihm auch die Liebe und innige Verehrung zur heil. Mutter unsers Heilandes. Du meinst, man gehe in unserer Zeit in der Verehrung der Lieben Frau zu weit; du befürchtest, man überschreite hierin das rechte Maaß. Doch habe darum keine Sorge und keine Furcht. Ich sage dir, ein wahrhaft gläubiges Herz geht hierin nie zu weit.

Denn fürs Erste hat unsere heilige Mutter, die Kirche, der Verehrung der allerseligsten Jungfrau eine Schranke gesetzt, über welche ein katholischer Christ nicht hinausgehen kann und darf. Diese Schranke ist der Glaubenssatz, daß Maria ein Geschöpf und nicht Gott ist, also auch nicht göttlich verehrt werden darf. Maria ist ein Geschöpf, gebildet von Gottes allmächtiger Hand; allein, das merke dir wohl, Maria ist ein ganz außerordentliches, wunderbares Geschöpf. -- Gott hat sie nämlich von Ewigkeit her berufen und bestimmt, an seinem ewigen Rathschluße in Bezug auf die Erlösung des gefallenen Menschengeschlechtes werkthätig theilzunehmen. Dieser hohe Rathschluß Gottes, -- die Beschäftigung aller Jahrhunderte, -- wie die heiligen Väter sagen, war -- die Menschwerdung seines gleichwesentlichen Sohnes, unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi aus Maria, der Jungfrau. -- Zur Vollziehung dieses Rathschlußes hat Gott, der Allmächtige, Maria ins Dasein gerufen, erschaffen, vor aller Befleckung der Sünde bewahrt und mit der Fülle aller Gnaden geschmückt. -- Dieser hohe Rathschluß ging in dem Augenblicke in Erfüllung, als Maria auf die Ankündigung des Erzengels Gabriel, daß sie den Sohn des Allerhöchsten empfangen und gebären werde (Luk. 1, 28-38.) das Wort sprach: "Es geschehe!" -- Jesus, der Sohn Gottes ward Mensch, und Maria ward Mutter Gottes.

Maria ist Mutter Gottes! Der himmlische Bote selbst nannte sie so, indem er sprach: Das Heilige, das aus dir geboren werden soll, wird Gottes Sohn genannt werden. (Luk. 1, 35.) Auch der heilige Geist nannte sie so durch den Mund der heiligen Elisabeth, als sie zu Maria sprach: "Wie geschieht mir dieß, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" (Luk. 1, 43.) Maria selbst nannte Jesum ihren Sohn (Luk. 2, 48.); und die Apostel nennen sie mit Vorliebe die Mutter Jesu. (Joh. 2, 1. 3.; Apostelg. 1, 14.)

Maria ist Mutter Gottes, Gottesgebärerin: so nannte sie die Kirche von ihrem Anbeginne, und als man ihr diesen höchsten Ehrentitel rauben wollte, da erhoben sich die Väter der Kirche wie ein Mann dagegen, und sprachen das Verdammungssurtheil über die Feinde der hochbegnadigten Jungfrau aus. (Siehe das Leben des heiligen Cyrillus, 28. Januar.) --

Maria ist Mutter Gottes! Diese Würde, eine Mutter Gottes zu sein, ist die höchste, die je einem Geschöpfe zu Theil geworden. Kann es, ich frage dich, mein Freund, eine größere Ehre geben, kannst du dir eine größere Auszeichnung denken? Und wer hat Maria so hoch erhoben; wer hat ihr solche unbeschreibliche Ehre verliehen? Wer anders als Gott, die allerhöchste Majestät selbst? -- Der hl. Apostel Paulus schreibt in seinem II. Brief an die Korinther (10, 18.), daß nur der bewährt ist, den der Herr lobt. Wie bewährt mußte die Vortrefflichkeit der allerseligsten Jungfrau sein, da ihr Lob von Gott in nichts Geringerem bestand, als daß er sie unter allen Erdentöchtern als die einzige und vollkommenste auserkor, die Mutter seines eingebornen Sohnes zu sein! -- Diese Würde ist der erhabenste Stand, auf den je ein erschaffenes Wesen gestellt worden, und nimmermehr wird man auf Erden ein Maaß finden, um seine Höhe zu bemessen. Um Maria zu dieser Höhe zu erheben, bedurfte es des Armes des Allmächtigen (Luk. 1, 51.), und um sie für die Erhabenheit einer so hohen Würde auszustatten, der Kraft des Allerhöchsten. -- Indem der dreieinige Gott eine sterbliche Jungfrau zur Mutter des Erlösers der Welt bestimmte und erhob, mußte der Vater ihr so viele Reichthümer an Vollkommenheit geben, als einer solchen Würde angemessen war, und der Sohn, die ewige Weisheit Gottes, da er sie zu seiner Mutter wählte, mußte ihr so viele Weisheit mittheilen, als erforderlich war, um doch wenigstens ein geziemendes Verhältniß zwischen Mutter und Sohn herzustellen, nämlich: durch eine gewisse Unendlichkeit der Gnade und der Vollkommeneiten, sagt der hl. Bernardin (Serm. 61. n. 2. c. 12.), so daß, wie die Jungfrau Christo mittheilte, ein Mensch zu sein, ebenso Christus der Mutter verlieh, auf gewisse Art göttlich zu sein. Und der heilige Geist, der sich bei der Menschwerdung in seiner ganzen Fülle über Maria ergoß, mußte ihr so viele Schätze der Heiligkeit verleihen, um sie würdig zu machen, den Heiligsten der Heiligen in ihrem Schooße aufzunehmen. Und wirklich befand sich Maria, nach Ausspruch des Erzengels, in solcher Gnadenfülle, daß sie damals würdig war, Mutter Gottes zu werden. Und da sie nach der Menschwerdung durch viele Jahre hindurch, so lange sie lebte, eben diese Gnaden durch die treuste Mitwirkung jeden Augenblick vermehrte, so mußte man sagen, daß sie sich am Ende ihres Lebens in einem solchen erhabenen Zustand der Vollkommenheit befand, daß er gar nicht zu messen ist, und nur angestaunt werden kann. --

Nur Maria selbst, welche das Glück hatte, die Kraft des Allerhöchsten an sich zu erfahren, kann die Tiefe, Höhe und Breite dieses Zustandes bemessen, aber auch Maria, sagt der heil. Augustin (Tom. 9. op. supra Magnificat.), welche das göttliche Wort in ihrem Schooße empfing, kann dieses Geheimniß weder rein und vollkommen aussprechen, noch auch begreifen. Wer wird also die Würde der Mutter Gottes vollständig erfassen?

Einer ihrer innigsten Verehrer, Richard von St. Lorenz (Lib. 9. de laude B.V.), mag darauf Antwort geben, wenn er sagt: "Welche Würde Maria besitzt, weiß nur der, welcher diese Würde ihr gab: dieß ist nur dem Schöpfer allein erkennbar, kein anderes Geschöpf kann es einsehen." --

Nun wird erklärlich, was die heiligen Väter von Maria sagen und was wir unbedenklich ihnen nachsprechen dürfen. -- Ich habe mir hier, sprach der ehrwürdige Pfarrer weiter, einige merkwürdige Stellen aus den Werken der hl. Väter in mein Brevier verzeichnet, welche ich dir vorlesen will.

"Gott hätte, ruft der heilige Bonaventura aus, eine größere Welt und einen geräumigeren Himmel erschaffen können; unmöglich war es ihm, ein Geschöpf höher zu erheben, als daß er es zu seiner Mutter machte." (Specul. B.V.M. I, 10.) "Dadurch allein, sagt der heilige Epiphanius, daß von der allerseligsten Jungfrau gesagt wird, daß sie Mutter Gottes sei, wird alle Erhabenheit überstiegen, welche nach Gott ausgesprochen oder gedacht werden kann." Der heilige Anselm versichert (Lib. de Excell. V. c. 2.), daß, wenn man bei der heiligen Jungfrau nur daran denkt, daß sie Mutter Gottes ist, man damit schon so hoch, als möglch, sich aufschwingt, und die edelste Unterhaltung hat, deren ein Geist fähig ist, welcher unter der Majestät Gottes steht. Der heilige Bernard betheuert (Serm. de Assumtione), daß ihn nichts mehr erschrecke, als wenn er von der Mutter Gottes sprechen solle, da ihre Herrlichkeiten unerklärbar sind.

Der heilige Thomas von Villanova spricht: "Es genügt, um alle Heiligkeit und Vortrefflichkeit Mariens zu beschreiben, mit dem Evangelium von ihr zu sagen: Sie ist diejenige, von welcher geboren ist Jesus. Die Mutter des Unendlichen nimmt Theil an einer gewissen Unendlichkeit." Der heilige Thomas von Aquin sagt: "Dadurch, daß Maria, die allerseligste Jungfrau -- die Mutter Gottes ist, zieht sie eine gewisse unendliche Würdigkeit aus dem unendlichen Gute, das Gott ist: aus diesem Grunde kann es nichts geben, das vortrefflicher als sie wäre, sowie es nichts geben kann, das vortrefflicher ist als Gott." Mit Recht ruft daher der heil. Basilius von Seleucia (Oratio in Assumtione) aus: "Man mag von dir, hochheilige Jungfrau, alles Erhabene und Rühmliche lobend und treffend sagen, so wird man doch niemals das Ziel der Wahrheit überschreiten, und dennoch wird keine Rede jemals die Größe deiner Würde erreichen."

Nun sage mir, mein Freund, fuhr der ehrwürdige Greis fort, wenn Maria, die hochbegnadigte Jungfrau, eine solche unbegränzte Würde, einen solch über alle erschaffene Wesen hervorragenden Stand der Vollkommenheit besitzt, und ebendeßwegen die heiligsten, gelehrtesten Männer sie so hoch ehren, loben und preisen, werden wir wohl mit unserm Lobe und Preise zu weit gehen? Sie steht als die Einzige da, und wird ewig als die Einzige dastehen, und was ihr geworden, kann keiner zweiten mehr werden. Sie ist die Krone und der Schmuck des Menschengeschlechtes, durch sie und in ihr gelange die Menschheit zur persönlichen Vereinigung mit Gott. Und das ist die unerschöpfliche Quelle unserer innigsten Liebe, unserer höchsten Verehrung gegen sie. (Die Marienverehrung in ihrem Grunde etc. Paderborn 1855. Pinamonti "Heiliges Herz der allerseligsten Jungfrau." Regensburg, Manz 1856.)

Der gute Pfarrer schloß sein Brevier, und wollte weiter reden. Doch da fiel ihm der Maler ins Wort: "Mein Vater! sprach er, vergeben Sie mir, wenn ich Sie unterbreche. -- Ihre aus der Fülle des Herzens gesprochenen Worte haben mich tief ergriffen. Ich muß aufrichtig gestehen, die hohe Würde der heiligen Jungfrau und Mutter unseres Heilandes nie so erkannt zu haben, wie sie mir jetzt vor Augen steht. Wie oft habe ich gebetet: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns!" aber nie bedacht, was es heißt: Maria, die Jungfrau, ist Mutter Gottes! -- Sie haben mir die Augen geöffnet; Sie haben den Glauben, der in meinem Innern schlummerte, wieder geweckt, und die alte Liebe, die in meinem Herzen fast erstorben war, wieder zur Flamme angefacht. Möge die liebe Frau mit ihrem süssen Kinde Sie dafür segnen! Ich will nicht mehr fragen, warum die guten Katholiken Maria so hoch erheben, loben und preisen und mit so inniger Liebe ihr zugethan sind. Ihre Worte genügen mir! Mit aller Glut der Liebe will auch ich Maria von nun an lieben, mit aller Innigkeit sie verehren, mit kindlichem Vertrauen an ihr heiliges Mutterherz mich schmiegen. O daß ich es vermöchte wie ein anderer Johannes von Fiesole

(Johannes von Fiesole, bevor er in den Dominikaner-Orden trat, Guido Tosini geheißen, einer der innigsten Verehrer der Lieben Frau, kam von Fiesole, wo er eingekleidet worden, in das Kloster St. Marco in Florenz. -- Dort übte er sich in der Malerei und ohne Lehrer und Führer brachte er es darin zur höchsten Meisterschaft. Wenn er irgend ein schönes Bild malen wollte, dann fing er seine Arbeit mit Gebet an, setzte sie mit Gebet fort und endete sie mit Gebet. Alle seine Arbeiten waren dem Dienste Christi, seiner gebenedeiten Mutter und dem lieben Herrn geweiht, und was er sich durch seine Kunst erwarb, gehörte den Armen. -- Unter den Bildern, auf denen er mit höchster Meisterschaft U.L. Frau darstellte, ist die Verküdigung das schönste. Es befindet sich im Kloster zu St. Marco in Florenz. Wer dieß Bild sieht, dem scheint mit einemmale eine höhere Welt aufzugehen. Der Künstler hat demselben seine ganze schöne Seele eingehaucht, es scheint in Wahrheit nicht von einem Menschen, sondern im Paradiese selbst gemalt zu sein. -- Von unbeschreiblicher Anmuth, von himmlischer Milde und überirdischer Majestät strahlt das Antlitz der allerseligsten Jungfrau. -- Es ist, als hätte der fromme Künstler Maria, die Königin des Himmels, von Angesicht zu Angesicht gesehen! [Geist des Christentums.])

ihr himmlisch schönes Antlitz mit aller Frabenpracht darzustellen!" --

Der ehrwürdige Pfarrer war voll Verwunderung über diese überraschende Umwandlung seines Freundes. Man sah es ihm an, wie dessen Worte Trost ins Herz ihm senkten, und mit vor Freude bebender Stimme entgegnete er: "So habe ich mich doch an dir nicht getäuscht; dein offenes Gemüth, dein gerades Herz hat sich bald wieder zurechtgefunden. Du willst ein treuer Diener U. L. Frau sein. Thue es, es wird dich nicht gereuen! Wenn du aber auch keinen Zweifel mehr hegen willst, daß die Katholiken in der Verehrung der gebenedeiten Gottesmutter zuweit gehen, so muß ich mich doch darüber weiter aussprechen. Ist es doch so süß für Kinder, von ihrer guten Mutter zu reden, und Maria ist nicht bloß Mutter Gottes, sie ist auch meine, sie ist deine, sie ist unsere Mutter!

Wir Katholiken nennen Maria unsere Mutter, und zwar so häufig, daß es scheint, wir könnten sie nicht anders nennen, oder nicht satt werden, sie mit dem Namen "Mutter" zu begrüßen. Und zwar ganz mit Recht. Denn als Mutter des Erlösers ist sie auch Mutter aller Kinder dieses Erlösers. Denn wenn der Prophet Jesaias mit Recht sagte, daß Sara, die Gattin Abrahams, alle Juden geboren hat, weil sie die Mutter Isaaks war, von dem sie abstammten (Gen. 25.), warum sollte man nicht sagen dürfen, daß auch die heilige Jungfrau mit dem Erlöser das ganze christliche Volk unter ihrem Herzen getragen habe? "In dem nämlichen Augenblicke, wo sie einwilligte, Mutter Gottes zu werden, sagt der heilige Bernardin (Tom. 3. Serm. 6.), willigte sie auch ein, die Mutter aller Kinder des Heils zu werden, und sie trug sie schon damals unter ihrem Herzen." -- Mit mehr Recht als Eva wird sie Mutter der Lebendigen genannt. Sie hat das Leben unserer Seelen, welches Jesus ist, empfangen, und in ihm und durch ihn es allen seinen geistlichen Nachkommen mitgetheilt. Daher ruft der heilige Patriarch German von Konstantinopel ihr die schönen Worte zu: "Du, o Jungfrau, hast eine Ehre erlangt, welche alle Triumphe der Welt übertrifft, als du in deinem einzigen Sohne, der aus deinem Schooße kam, dem ganzen christlichen Volke das Dasein und die Geburt gabst, und bewirktest, daß diejenigen, welche deine Brüder von Natur waren, auch die Brüder des eingebornen Sohnes Gottes seien! (Oratio de Assumtione.) Deßhalb wendet der heilige Ambrosius (Lib. de inst. Virg. cap. 13.) auf Maria die Worte des Hohenliedes an: "Dein Leib ist ein Waizenhaufen von Lilien umlagert." (4, 13.) Denn obgleich, sagt er, in dem reinsten Schooße Mariens nur ein Waizenkorn, nämlich Jesus Christus verborgen war, so wird er doch ein Waizenhaufen genannt, weil dieß Eine Korn alle Auserwählten in sich schloß, deren Mutter Maria werden sollte." Die heilige Jungfrau, sagt der heilige Epiphanius (Serm. de laud. V.), war das Ackerfeld, das, obwohl es nie offen und bebaut gewesen, doch das himmlische Waizenkorn erzeugt hat, und in ihm alle Garben, welche in die Scheuer des Paradieses gebracht werden." So gingen denn aus diesem glückseligen Leibe zugleich mit Jesus hervor die Patriarchen und Propheten, die Apostel und Martyrer, die Bekenner und Jungfrauen, und Alles, was jetzt Gott im Himmel preist, und ihn da preisen wird ewiglich, ist die Frucht des gesegneten Leibes Maria!" (Poire, die dreifache Krone.)

Maria ist ferner mit Recht eine Mutter aller Kinder und Glieder des Erlösers Jesu, weil sie durch ihre Liebe zu deren geistigen Geburt mitgewirkt, ja sie mit unsäglichen Schmerzen zum neuen Leben der Gnade wiedergeboren hat. Dieß überaus große Werk hat Maria auf der Spitze des Kalvarienberges unter dem Kreuze ihres göttlichen Sohnes und mit ihm vollbracht.

Wenn wir hier und in den nachfolgenden Zeilen der allerseligsten Jungfrau einen Anteil an der Erlösung des Menschengeschlechtes zuschreiben, sie Miterlöserin der Welt nennen, so möge man bedenken, daß Heilige und berühmte Gottesgelehrte dieß gethan haben, und jeder wahre Katholik wird mit uns fühlen und es verstehen, was wir damit meinen. Um aber den Forderungen der Zeit, in welcher wir leben, Rechnung zu tragen, wird es nothwendig sein, hierüber sich bestimmt und deutlich auszusprechen. Wir sagen also und bekennen, daß Jesus, unser Herr, der einzige Erlöser der Welt im eigentlichen und wahren Sinne des Wortes ist, und diese Ehre mit Niemanden theilt. Wir sagen aber auch, daß alle Auserwählten mit unserm Herrn an der Erlösung der Welt arbeiten, indem sie nach den Worten des heil. Apostels Paulus an ihrem Leibe ergänzen, was an dem Leiden Christi für seinen Leib, welcher die Kirche ist, mangelt. (Koloss. 1, 24.) -- In diesem Sinne, aber in einem Grade, welchem sonst Niemand nahe kommt, arbeitete Maria mit Jesus an der Erlösung der Welt und zwar durch die Unermeßlichkeit ihrer Verdienste und durch ihre Schmerzen, mit denen verglichen die Buße und das Marterthum aller Heiligen nur ein Schatten ist, und welche sie freiwillig übernahm und als ein Opfer für die Menschheit mit ihrem göttlichen Sohne dem Vater darbrachte. -- Maria hat ein Recht auf den Titel einer Miterlöserin in demselben Sinne, wie alle Heiligen, aber im höchsten Grade; sie hat ein Recht wegen ihrer Mutterschaft und wegen ihrer Schmerzen. (Siehe Dr. Faber "der Fuß des Kreuzes".)

Wir wollen nun dieses großartige, geheimnißvolle Gemälde betrachten (Nach Niklas "Neue Studien" und P. Ventura "die Mutter Gottes".), das uns der heilige Johannes, der selbst dabeigewesen, so einfach schildert.

Beim Kreuze ihres geliebten Sohnes steht Maria, seine Mutter; sie stehet, um das große Opfer mit ihrem Sohne dem himmlischen Vater darzubringen. -- Wo immer ihr göttlicher Sohn während seines dreijährigen Lehramts Ehre und Liebe empfing, da wird sie von den Evangelisten nicht erwähnt. Jetzt aber bei der Kreuzigung, als alle Jünger ganz verzagt geflohen waren, und im Glauben wankten, selbst der Liebesjünger Maria nur furchtsam begleitete, da findet sich Maria ein, da bleibt sie allein aufrecht stehen. Sie nimmt allein Theil an den Leiden ihres Sohnes und empfindet die ganze Unendlichkeit derselben; sie leidet alles mit ihm für uns. Für dieses ihr unendliches Leiden findet der Prophet Jeremias keinen andern Namen als das Meer. "Groß wie das Meer ist dein Elend." (Klgld. 2, 13.) Wir wollen es versuchen, dieses Meer der Schmerzen einigermassen zu ergründen.

Maria war Mutter, aber welch' eine Mutter und welch' eines Sohnes! O die vollkommenste, reinste, treueste, zärtlichste Mutter, -- die Mutter des schönsten, liebenswürdigsten Sohnes! Mit unbegränzter Liebe liebte sie ihren Sohn, unbegränzt mußte ihr Schmerz gewesen sein!

Maria war Mutter, aber Mutter Gottes. Maria liebte Gott in ihrem Sohne und ihren Sohn in Gott. Die mütterliche und göttliche Liebe durchdrang sie wechselseitig, um die vollkommenste Liebe zu bilden. An dieser Liebe mögen wir ihren Schmerz bemessen!

Maria war Mutter, aber Mutter des Erlösers, des Schlachtopfers, das sich für unsere Sünden dahin gab. Sie war unter dem Kreuze die mitleidende und miterlösende Mutter. Sie hatte dem Erlöser den Leib zubereitet, damit er für uns leiden, ein Schlachtopfer sein könne, und er hat ihr die mitleidende Natur gegeben, um alle Schmerzen mit ihm theilen zu können. Die Größe der Mutter des Erlösers ist das Maaß ihrer Schmerzen unter dem Kreuze. Maria, die zärtlichste aller Mütter, leidet alle Schmerzen der Natur, während sie den liebenswürdigsten aller Söhne unter den grausamsten, schmachvollsten Leiden endigen sieht. -- Das nämliche Schmerzensschwert, welches das Herz ihres Sohnes traf, hat auch ihre Seele durchdrungen!

Maria war Mutter, aber eine Mutter voll der Gnaden. Die Gnade macht die Menschen zum Empfinden der Schmerzen noch zarter, aber auch fähiger, sie zu ertragen. Wie unermeßlich groß mußte also nicht der Schmerz Marias sein, da sie im Lichte der Gnade erst recht erkannte, daß ihr Sohn der Gegenstand ihrer Schmerzen, die ewige Wahrheit und Schönheit war!

Maria war eine Mutter, aber eine Mutter des Sohnes Gottes.Was bei dem Leiden un dem Tode Jesu in ihrer Seele vorging, hat von der nämlichen Art und Größe sein müssen, als was sich bei seiner Menschwerdung in ihr zutrug. Wie bei der Menschwerdung Jesu die ewige Liebe über sie kam und die Kraft des Allerhöchsten sie überschattete, um sie zur Gebenedeiten unter den Weibern zu machen, ebenso haben auch bei dem Geheimnisse auf Kalvaria diese Liebe und diese Kraft über sie einen Schmerz bringen müssen, der nicht minder übermenschlich gewesen, wie ihre Mutterschaft. Als sie den Sohn Gottes empfangen, stimmte sie den Lobgesang "Magnificat" an. Dieses Magnificat ihres Frohlockens gibt uns einen Maaßstab für das Stabat (Stabat "stand".) ihrer Trauer unter dem Kreuze.

Unermeßlich wie das Meer waren ihre Schmerzen. Wie das Meer alle übrigen Gewässer an Tiefe und Ausdehnung übertrifft, so übersteigen die Schmerzen der allerseligsten Jungfrau alle anderen Schmerzen. In Wahrheit konnte sie unter dem Kreuze mit dem Propheten ausrufen: "O ihr Alle, die ihr vorübergeht, gebet Acht und schaut, ob ein Schmerz sei gleich dem meinen." Jerem. 1, 12. Und die ganze Welt hat diesen Ruf anerkannt und nennet Maria die Mutter der Schmerzen. Und dieses unermeßliche Leid duldete sie unsertwegen und für uns, völlig eingehend in das Leiden ihres Sohnes, mit ihm theilend alle seine Qualen!

Zwei Altäre waren also auf Kalvaria aufgerichtet. Der Eine war das Kreuz des Heilandes, auf welchem er als unschuldiges Lämmlein für uns geschlachtet ward, der Andere war das unbefleckte Herz seiner gebenedeiten Mutter, in welcher das Feuer der Liebe ein zweites Opfer für uns vollzog. Ihr Opfer war ein gleichzeitiges und gleichbedeutends Opfer mit dem Opfer des Erlösers (Faber "der Fuß des Kreuzes"). "Der Wille Christi und Mariens war ganz Einer und ihr Opfer Eines; beide brachten Gott ein gleiches Opfer dar. Er im Blute seines Fleisches, sie im Blute ihres Herzens", sagt ein frommer Gottesgelehrter (Arnold Carnot apr. Novatum I. 380). Und mit welch' übermenschlichem Muthe vollbrachte Maria dieß Opfer! Mitten im Sturme unsäglicher Qualen, während das Blut ihres geliebtesten Sohnes aus allen seinen Wunden vom Kreuze niederströmte, bei den Lästerungen der Henker, bei dem Undanke des Volkes, bei der Verzagtheit der Jünger, beim Weheklagen der frommen Frauen, bei dem letzten Schrei des Sterbenden, beim Beben der Erde, bei der Verwirrung und dem Jammer der ganzen Natur bleibt Maria aufrecht stehen; sie wankt nicht, sie fällt nicht in Ohnmacht, denn -- sagt der hl. Ambrosius, "sie wußte, daß die Wunden und der Tod ihres Sohnes die Heilung und Erlösung der ganzen Welt enthielten; sie wußte, daß der letzte Zweck ihrer Mutterschaft unter dem Kreuze stattfinden müsse, wo wir von ihr zur Gnade und zum himmlischen Leben geboren, ihre Schmerzenskinder werden sollten.

Zu diesem Zweck hat die göttliche Vorsehung Maria unters Kreuz gerufen. Hier opfert die Mutter ihren wahren Sohn, und gibt ihn hin zum Tode, auf daß die Menschen das Leben haben. Dieß die Bedeutung ihres Schmerzes unter dem Kreuze und des Muthes, mit dem sie unter dem Kreuze stand!

Daß uns aber Maria auf Kalvaria unter dem Kreuze mit Schmerzen wiedergeboren, daß sie da unsere Mutter geworden, dafür bürgen die Worte des göttlichen Heilandes selbst. -- Jesus sah seine liebe Mutter unter seinem Kreuze stehen; er sah ihr übermenschliches Mit-Leiden, ihr freiwilliges, gänzliches Eingehen in seine Leiden für das Heil der Welt; ihr mütterliches Mitwirken zu seinem unendlichen Opfer. -- Dieß zog seine Aufmerksamkeit auf sich, und er rief vom Kreuze herab ihr zu: "Weib, siehe deinen Sohn!" Er nennet sie nicht mit dem zärtlichen Namen "Mutter", sondern "Weib". In diesem auffallenden Worte "Weib", das hier Jesus spricht, liegt ein großes Geheimniß. Jesus spricht hier als Gott, als Heiland der Welt, er spricht nicht blos zu seiner Mutter allein, sondern zur ganzen Welt. Die ganze Welt, zu deren Heile er gekommen, sollte es hören, daß jetzt die Stunde da sei, wo der Urtheilsspruch in Erfüllung gehen sollte, welchen Gott über den Urheber unseres Elendes im Paradiese gefällt hatte. "Ich will Feindschaft setzen zwischen dir (der alten Schlange) und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen." (Mos. 3, 15)

Die ganze Welt sollte es vernehmen, daß dieses Weib hier bei seinem Kreuze stehe, um mit ihm der Schlange den Kopf zu zertreten, vom ewigen Tode uns zu befreien und das Leben mitzutheilen. Die ganze Welt sollte es hören, daß dieses Weib die Mutter der Lebendigen, die Eva des neuen Bundes sei!

Jesus konnte mit den Worten: "Weib, sieh deinen Sohn", "Sohn, siehe deine Mutter!" nicht bloß Mariä Mutterschaft zu Johannes, noch die Kindschaft des Johannes zu Maria allein meinen, er mußte etwas Höheres im Auge haben. Er brauchte ja im Jünger Johannes für seine Mutter keinen Versorger aufzustellen; er konnte ja nach seine baldigen Auferstehung für sie selbst sorgen, sie beschützen und mit sich in den Himmel nehmen, und Johannes bedurfte keiner Mutter, da seine leibliche Mutter noch lebte, und selbst von Ferne der Kreuzigung zusah. (Matth. 27, 56.) Daher sagte auch Jesus zu seiner Muttter nicht: "Siehe ihn an, als wäre er dein Sohn", und zu Johannes: "Siehe sie an, als wäre sie deine Mutter"; sondern er sprach: "Sieh deinen Sohn, sieh deine Mutter!" -- Jesus hatte hier alle durch sein Blut Erlösten im Auge; sie sind der Sohn, den er in und mit Johannes seiner Mutter übergibt; sie sind die Kinder, welche er seiner Mutter an's liebende Herz legt; sie sollte unsere Mutter, und wir ihre Kinder sein, das war ein besonderer Abschnitt seines Testamentes, das Jesus am Kreuze machte, und uns hinterließ! --

Auch noch unter einem andern Gesichtspunkte lassen sich diese Worte Jesu: "Siehe deine Mutter, siehe deinen Sohn" betrachten.

Als Jesus auf Golgatha am Kreuze hing, waren alle seine Apostel und Jünger geflohen und hielten sich verborgen; seine Heerde, die der gute Hirt sich gesammelt, war geschlagen und zerstreut, nur der einzige Johannes hatte Maria bis zum Kreuze begleitet, er allein hatte noch den Glauben bewahrt, er allein war also der Stellvertreter der ganzen Kirche, welche Jesus gegründet, mit seinem Blute zur makellosen Braut sich gewaschen und gereiniget hat. -- Mit den Worten: "Siehe da deinen Sohn!" übergab er in und mit Johannes alle Kinder der Kirche seiner gebenedeiten Mutter, Maria wurde unsere Mutter und wir ihre Kinder. -- Jesus wollte uns nicht als Waisen hinterlassen. Im nämlichen Augenblicke, in welchem Gott der Vater, auf Grund des Kreuzesopfers seines eingebornen Sohnes, uns als seine Kinder angeommmen hat, gab uns Jesus auch eine Mutter! Wir haben Gott zum Vater, Maria zur Mutter! --

Und eine solche Mutter sollten wir nicht über alle Maßen lieben und ehren? Können wir in unserer Liebe, in unserem Danke, in unserer Verehrung zu weit gehen, gegen eine solche Mutter, die mit unendlichem Schmerze uns das Leben gegeben, und durch welche Gott selbst unser Bruder und unser Vater hat werden wollen? Was der fromme Tobias einst zu seinem Sohne sagte, dasselbe sagte mit weit mehr Recht der himmlische Vater zu einem Jeden aus uns: "Mein Sohn! vergiß nicht der Schmerzen deiner Mutter. Gedenke, wie Vieles sie für dich gelitten hat; halte sie in Ehren alle Tage deines Lebens!" (Tob. 4, 3.)

"Ja mein Vater! rief der Maler aus, welcher mit gespannter Aufmerksamkeit dem ehrwürdigen Greise zugehört, ich will sie ehren bis zum letzten Hauche meines Lebens! O daß ich diese Mutter der schönen Liebe so spät erst erkannt habe!"

"Meinst du, entgegnete der gute Pfarrer, du kennst sie jetzt? So lange wir leben, werden wir ihre Schönheit, ihre Herrlichkeit, ihre himmlische Würde nie erfassen. "Wenn wir sie je kennen lernen sollen, so muß es einst durch das Licht der beseligenden Anschauung geschehen und nicht hier und jetzt." (Dr. Frederik Faber.) Selbst die Heiligen, wenn sie die Herrlichkeit dieser hochgebenedeiten Mutter und Frau betrachten, stehen wie angewurzelt vor Staunen da und können nur immer ausrufen: O Wunder, o Wunder! Der große Patriarch von Antiochien, der heilige Ignatius, ein Schüler des heil. Johannes, der Maria gesehen, nennt sie ein himmlisches Wunder, ein heiliges Schauspiel! der heil. Johannes Damaszenus, einen Abgrund der Wunder, der heil. Johannes Chrysostomus ein großes Wunder, der heil. Bernardin das Wunder der Wunder und die ganze heil. Kirche ruft ihr zu: "Du wunderbarliche Mutter!" Und wohl mit Recht! Maria wird Mutter und bleibt doch Jungfrau (Hierüber siehe das Fest ihrer jungfräulichen Reinheit im Oktober.); sie ist Mutter, aber ohne Verletzung; sie ist Jungfrau, aber sie hat einen Sohn; sie bleibt unberührt, wird aber gleichwohl befruchtet, und das einzige unter den Kindern der Menschen, das ohne Sünde geboren ist, kommt zur Welt, nicht durch die Lust des Fleisches, sondern durch den Gehorsam des Geistes" (Worte des heil. Augustin.) und dieses einzige Kind ist der Sohn Gottes! "Fürwahr, ruft da der heil. Epiphanius aus, ein ganz außerordentliches Wunder -- ein Weib, welches das Licht der Welt in ihrem Arme hält, ein ganz neuer Thron von Cherubim, der Sohn eines Weibes, welcher der Vater seiner Mutter, sowie aller Zeiten ist, das Brautbett der Jungfrau, bestimmt zum Empfange des himmlischen Bräutigams, welcher ihr Sohn, und der wahre und eingeborne Sohn Gottes zugleich ist." (Orat. de sanct. Deipara.)

Und diese wunderbare, jungfräuliche Mutter des Sohnes Gottes ist unsere Mutter. O welch ein großer Trost, welch ein reicher Segen für alle rechtgläubigen Kinder der Kirche liegt in diesen Worten! -- (Siehe das schöne Buch: die Marienverehrung in ihrem Grunde und P. Ventura "die Mutter Gottes".)

Als unsere Mutter liebt sie uns und muß sie uns lieben. -- Eine Mutter kann nur lieben und was denkt und fühlt nicht eine gute Mutter für ihre geliebten Kinder? Der Grund der zärtlichen Mutterliebe liegt in den Schmerzen, welche die Mutter für ihre Kinder geduldet. Welche Mutter aber hat mehr Schmerzen für ihre Kinder getragen, als Maria, unsere gebenedeite Mutter? Ihre unermeßlichen Schmerzen sind das Maaß ihrer Liebe zu uns, es ist -- unermeßlich! Ferners finden wir einen Grund ihrer Liebe zu uns in ihrer unaussprechlichen Liebe Gottes. -- Wer Gott liebt, liebt auch den Nächsten. (Joh. 1. 4, 20.) Je mehr aber ein Mensch Gott liebt, desto mehr liebt er auch seinen Nächsten. Darum haben denn auch die Heiligen soviel aus Liebe zu ihren Mitmenschen gethan; sie gaben selbst ihr Leben für sie hin. Wer hat aber unter allen Menschen je Gottt mehr geliebt, als Maria, deren Herz von Kindheit an in vollkommenster Gottesliebe entbrannt war, die das Leben ihres Lebens, ihren geliebtesten Sohn für uns geopfert hat, mit ihm gekreuzigt, mit ihm gleichsam gestorben ist! Daher sagt ganz wahr der heil. Alphons Liguori: "Wenn man auch die Liebe, welche alle Mütter zu ihren Kindern, alle Gatten zu einander, alle Heiligen und Engel zu ihren Verehrern tragen, vereinigen wollte, so würde alle diese Liebe nicht das Maaß der Liebe erreichen, welche Maria zu einer einzigen Seele unter uns trägt."

Ein fernerer Grund ihrer unaussprechlichen Liebe zu uns liegt in der unendlichen Liebe ihres göttlichen Sohnes zu allen Menschen, besonders aber zu den Gliedern seiner Kirche. Indem er sie vom Kreuze herab zu unserer Mutter bestimmte, verpflichtete er sie auch, auf uns jenes Gefühl unermeßlicher Liebe, von dem sie in jenem Augenblicke für ihn ganz erfüllt war, auszudehnen und deßhalb durchdrang er sie auf Kalvaria mit jenem geheimnißvollen Schmerz der Mutterliebe, dem der Liebesschmerz aller Mutterherzen nimmermehr gleich kommen wird. Er öffnete, am Kreuze sterbend, sein brennendes Herz und ließ eine himmlische Flamme der zartesten und uneingennützigsten Liebe zu den Menschen herausschlagen, die von der Höhe des Kreuzes auf Maria herabfuhr, sie ganz umgab, ergriff und erfüllte, so daß auch sie, in soweit es möglich war, von denselben edlen Liebesflammen sich ergriffen fühlte, die soeben ihrem Sohne das Leben nahm. -- Was der heilige Johannes von sich selber sagt, daß er von jenem Augenblicke an Maria als seine Mutter in sein Eigenthum aufnahm, das gilt noch mehr von Maria, die von jenem Augenblicke an uns als ihre wahren zärtlichstgeliebten Kinder in ihren theuersten Besitz aufgenommen hat. (P. Ventura.)

Als Gottesmutter, alle Schmerzen mit ihrem göttlichen Sohne theilend, kennt sie, wie Niemand anderer, den hohen, theueren Preis, um welchen uns ihr göttlicher Sohn erlöset hat. Sie kennt den überaus hohen Werth einer jeden Seele, an der das unschuldige, heilige Blut ihres Sohnes klebt, an welcher auch ihr Herzblut hängt. Wird sie uns deßhalb nicht mit aller Liebe umfangen? Wird sie nicht innigst verlangen, daß das Blut ihres Sohnes, seine Verdienste, nicht an uns verloren gehen? --

Endlich hat sie Denjenigen unter ihrem Herzen getragen, der sich selbst die Liebe nennt, der mit ewiger Liebe uns liebt, der bis zum Tode uns geliebt hat: wird nicht auch ihr Herz vom Feuer dieser Liebe ergriffen worden sein? Wird sie uns etwa vergessen, da sie am Throne Gottes steht, wo nichts anderes weilen kann, als die Liebe, die ewig bleibt?

Die Liebe zu uns, welche sie im Geheimnisse der Menschwerdung empfangen und die unterm Kreuze ihre ganze Höhe erreichte, hat Maria, unsere gebenedeite Mutter, mit in den Himmel genommen und dort am Throne der Liebe flammet sie lichterloh und ihre Gluthen strömen hernieder zur Erde, um alle Menschenherzen mit süsser Gewalt an ihr heiligstes Mutterherz zu ziehen. --

Am Throne Gottes stehend, bringt sie, wie St. Raimund sagt, ohne Unterlaß unsere Gebete vor das Antlitz der göttlichen Majestät, weil sie unsere Mittlerin

Jesus ist, so glauben alle Katholiken, der Eine Mittler beim Vater; aber wenn der Apostel schreibt: "Es ist nur Ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus", so setzt er gleich bei: "der sich selbst zur Erlösung für alle dahingegeben. (1. Tim. 2, 6.) Jesus Christus ist also unser Mittler durch die Erlösung. Maria aber unsere Mittlerin durch ihre Fürbittte bei Gott und durch Mitarbeiten an unserem Heile. -- Und wenn der heil. Johannes Jesum unsern Fürsprecher beim Vater nennt, so setzt er gleich hinzu: "der die Versöhnung ist durch unsere Sünden." (1. Joh. 2, 2.) Jesus ist Fürsprecher beim Vater durch seine eigenen unendlichen Verdienste; Maria Fürbitterin durch die Verdienste Christi. (Siehe "Marienverehrung inihrem Grunde."

und Fürsprecherin ist bei ihrem Sohne, wie der Sohn beim Vater; ja sie führt sowohl beim Vater und Sohne mit mütterlicher Sorgfalt das Geschäft unseres Heiles. Und gleichwie Jesus Christus ohne Unterlaß dem Vater seine Wunden zeigt, so zeigt Maria ohne Unterlaß ihr schmerzdurchbohrtes Herz, um ihn für uns zum Mitleid und zur Barmherzigkeit zu bewegen. -- Um uns zu zeigen, daß Maria in allen Verhältnissen unseres Lebens stets zu helfen bereit ist, gibt ihr die heilige Schrift verschiedene Namen, wie "die aufgehende Mrogenröthe", "schön wie der Mond", "auserwählt wie die Sonne". -- Denn Maria, sagt der große Papst Innozenz III., ist der Mond für jene ihrer Kinder, die in der Nacht der Sünde wandeln; Morgenröthe für jene, die zum Lichte der Gnade zu erwachen beginnen; Sonne für jene, die am Mittag der Tugend und Heiligkeit wandeln. Darum nennt unsere heilige Mutter die Kirche, Maria die gütige, die milde, die süße Jungfrau! Denn wie der heilige Bernard sagt, ist sie gütig gegen jene ihrer Kinder, die am hilfsbedürfigsten sind, mild gegen jene, die sie anflehen, süß ist sie für jene, die sie lieben. Clemens indulgentibus, pia exorantibus, dulcis diligentibus. -- Sie ist gütig gegen die Büßer, mild gegen die Fortschreitenden, süß für die vollkommenen Seelen. Clemens poenitentibus, pia proficientibus, dulcis contemplantibus. -- Sie ist gütig, indem sie uns von Uebeln befreit, milde, indem sie uns mit Gnaden bereichert, süß, indem sie sich selber schenkt. -- Clemens liberando, pia largiendo, dulcis se donando.

Die gütigste Mutter aber ist sie gerade gegen die elendesten, die unglücklichsten und verachtetsten Menschen, nämlich die Sünder. Diese ziehen am meisten den Blick ihres Mitleides auf sich. Sie wurde ja in jenem Augenblick, da ihr göttlicher Sohn selbst den größten Beweis seiner Barmherzigkeit gegen die Sünder durch seinen Tod zu erkennen gab, als unsere Mutter aufgestellt. Die Sünder sind ja gerade ihre theuersten Schmerzenskinder. Sie hat sie erworben unter dem Kreuze in jenem Augenblicke, als Gott in besonderer Weise ein Gott der Barmherzigkeit und der Versöhnung war und sie ist darum auch in besonderer Weise Mutter der Barmherzigkeit. -- Als solche begrüßt sie auch die Kirche: "Salve Regina! mater misericordiae". "Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit!" Was bedeutet nun dieses süße Wort Misericordia "Barmherzhigkeit"? Es ist, soviel mir scheint, eine überaus schöne und glückliche Zusammensetzung von drei lateinischen Worten: "Miseriae, cor, datum", das heißt: "Ein Herz, dem Elende hingegeben". Der Titel "Mutter der Barmherzigkeit", womit die Kirche fort und fort Maria anruft, bedeutet also eine Mutter, deren Herz ganz und gar dem Elende der Kinder hingegeben und geweiht ist; die so zart und liebevoll gegen alle ihre Kinder ist, sich doch noch weit liebevoller gegen die Elenden zeigt: eine Mutter, die aus diesem Beistande fürdie Elenden ihre Lebensbeschäftigung, den Titel ihres Ruhmes, eine Pflicht ihrer Größe macht. --

Und in Wahrheit, wie Richard von St. Lorenz sehr treffend bemerkt, wenn Maria nicht außerordentlich bekümmert und besorgt wäre, um die elendesten ihrer Kinder, nämlich die Sünder zu unterstützen, so würde ihr der Titel einer Mutter der Barmherzigkeit nicht mehr zukommen; denn dann wäre sie weder Mutter, noch barmherzig. Sie wäre nicht Mutter, weil die Mutter vom Elende und den Krankheiten ihrer Kinder sich nicht wegwendet, sondern dieselben um so zärtlicher bemitleidet, je unglücklicher und bedürftiger sie sind. Sie wäre nicht barmherzig, weil gerade das Elend das Feld ist, wo die Barmherzigkeit die schönsten Früchte sammelt, die herrlichsten Triumphe feiert!

Welches Elend ist nun zu vergleichen mit dem Elende des Sünders, der in der heiligen Schrift "der Arme und Elende" (Psalm 69.) vorzüglich genannt wird? "Weißt du nicht, daß du arm und elend bist?" (Offenb. 3.) Darum kann Maria nach der Behauptung eines gelehrten Schrifterklärers den Sünder nicht zurückweisen, ohne ihrem Ehrentitel einer Mutter der Barmherzigkeit zu entsagen, ohne ihrer Würde Eintrag zu thun.

Welche Mutter, wenn sie die Seufzer und das Weheklagen eines ihrer Kinder hört, fühlt sich nicht in ihrem Innersten bewegt von einem Gefühle der zartesten Liebe? Aber für Maria hat der Muttername noch eine besondere Gwalt. Sie wird dadurch erinnert an Golgatha, erinnert an das Uebermaß der Liebe gegen die Sünder, die dort Jesus vor ihren Augen an den Tag gelegt hat;e rinnert, wie ihr sterbender Sohn auf seinen erbleichenden Lippen seine noch übrigen Kräfte sammelte und mit einer Stimme, die aus dem tiefsten Grunde seines Herzens hervorkam, ihr alle Gläubigen als Kinder zuwies. Diese süssen und zugleich schmerzvollen Erinnerungen erwecken in ihrem mütterlichen Herzen die edelmüthigste Liebe,die sie damals gefühlt. Ihr Innerstes wendet sich zu uns, als den Kindern, die sie in jenem geheimnißvollen Augenblicke als Kinder ihres Schmerzes erworben hat und im Uebermaße bewegter Liebe ruft sie aus: "Ja, das sind die Kinder, die mir Gott geschenkt hat." (1. Mos. 33, 5.) Wir können also nicht zweifeln, daß Maria geneigt ist, unsere Bitten gütig aufzunehmen, geduldig anzuhören, kräftig zu bevorworten und ihnen bei Gott Erhörung zu verschaffen, und daß sie bereit ist, sich als unsere zärtlichste Mutter immer zu zeigen, wenn nur wir mit dem Vertrauen liebender Kinder unsere Zuflucht zu ihr nehmen. (Nach P. Ventura.)

Ja wir dürfen versichert sein, daß es, um mit dem heil. Bernard zu sprechen, nicht erhört ist worden, daß Jemand seine Zuflucht zu dieser erbarmungsvollen Mutter genommen und ungetröstet, hilflos und verlassen geblieben wäre. Denn diese überaus barmherzige Mutter hat auch die Macht, uns immer zu helfen.

Sie steht im höchsten Ansehen bei Gott. Sie ist die Königin aller Engel und Heiligen, weil sie die Mutter des Allerhöchsten ist; sie übertrifft sie alle an Tugenden und Verdiensten und vollendeter Heiligkeit und thront daher über allen Chören der Seligen in der Herrlichkeit des dreieinigen Gottes. Was wird sie also nicht bei Gott vermögen? So groß ihre Würde, so groß ist auch die Macht ihrer Fürbitte. -- Sie hat Denjenigen geboren, dessen Größe keine Schranken kennt; sie darf auch im Himmel Den Sohn nennen, der die ganze Welt aus Nichts hervorgerufen hat und noch Millionen Welten das Dasein geben kann; Den darf sie Sohn nennen, dessen Thron der Himmel und dessen Fußschemel die Erde ist und auf dessen Kleide König der Könige steht! -- Kurz Den nennt Maria ihren Sohn, dessen Allmacht Himmel und Erde erfüllt und -- dieser allmächtige, göttliche Sohn nennt Maria seine Mutter und dieser seiner Muttter war er auf Erden unterthan! Wird er sie jetzt, da er sie verherrlicht und auf eine so hohe Stufe der Glorie erhoben hat, umsonstbitten lassen, wird er sie nicht hören und erhören? Sollte derjenige, welcher das Gebot gegeben: "Du sollst Vater und Mutter ehren", und der dieses Gebot auf Erden so treu erfüllt hat, dieses Gebotes im Hmmel vergessen haben? Nein, nimmermehr läßt sich dieses denken! Nimmermehr kann bei dem Herrn und Heilande die Fürbitte seiner Mutter fruchtblos sein, denn ihre Bitten sind die Bitten einer Mutter. Daher sagen auchdie heiligen Väter, daß, wenn alle Heiligen zusammenbitten, sie das nichtvermögen, was Maria allein vermag! -- (Die Marienverehrung in ihrem Grunde.)

Maria hat Gnade vor dem Herrn gefunden auf Erden, soll sie im Himmel keine Gnade mehr finden? "Ja immer, ruft der heil. Bernard aus, wird Maria Gnade finden! Suchen wir Gnaden, suchen wir sie durch Maria, denn was sie sucht, findet sie; niemals kann sie fruchtlos begehren!" Ebenderselbe heil. Bernard stellt die allerseligste Jungfrau als einen großen Kanal dar, welcher von der Erde bis zum Himmel reicht, damit die lebendigen Wasser der Gnaden Gottes reichlich daraus geschöpft werden können; auch nennt er sie eine Schatzmeisterin aller Gnaden Gottes und sagt, dieser Vorzug sei ein einzig allgemeiner und allgemein einzig. Einzig, weil er ihr ausschließlich zukommt, allgemein, weil er ihr zum allgemeinen Wohle Aller verliehen ist, welche der Gnaden Gottes bedürfen und weil sie dieselben aus ihren Händen bekommen sollen.

O wie tröstlich ist daher für uns schuldbewußte, so vielen Bedrängjnissen und Gefahren ausgesetzte Menschen die Wahrheit, daß wir am Throne Gottes eine Mutter haben, welche seine eigene Mutter und die ganz Liebe, Güte und Erbarmen ist. Wohl ist Jesus unser Alles, er ist die Liebe, er ist unser Vater, unser Bruder, unser Freund, unser Arzt, unser Erretter, er ist unser getruer und mächtiger Mittler zwischen Gott und uns, aber in ihm sehen und ehren wir auch die göttliche Majestät, unsern gerechten Richter! Wie dürfen wir ihm im Gefühle unserer Sündhaftigkeit ohne Furcht und Zittern nahen? Maria abe hat Nichts an sich,das wir fürchten dürfen; ihr mütterliches Herz strömt über von lauter Milde, Güte und Erbarmen; sie ersetzt durch ihre hohe Würde unsere Unwüdigkeit und unterstützt unser mengelhaftes Gebet durch ihre Gott dem Herrn allezeit wohlgefällige Fürbitte, die, wie der heil. Bernard sagt, allmächtig ist, weil sie niemals unerhört bleibt. "Wahrlich, groß ist die Barmherzigkeit des Herrn, ruft der heil. Bonaventura aus, der, damit wir nicht aus Furcht vor dem göttlichen Richter uns ganz von ihm entfernten, un seine eigene Mutter zur Fürsprecherin und zur Vermittlerin der Gnade gegeben", die da reich ist für alle, welche sie anrufen, dieallen helfen kann, weil sie die Macht hat und allen helfen will, weil sie die barmherzigste Mutter ist und immer allen hilft, die mit kindlichem Vertrauen zu ihr flehen und die unsere heilige Kirche, zum Troste und zur Freude ihrer Kinder, eine Zuflucht der Sünder, das Heil der Kranken, eine Trösterin der Betrübten, eine Helferin der Christen nennt! Willst du, mein Freund, Zeugnisse hiefür, so frage die zahllosen Sünder, deren Bekehrung sie von Gott erwirkt, frage die Tausenden von Leidenden, Betrübten, Unglücklichen aller Art, die sie getröstet, aus Gefahren errettet, von Übeln aller Art befreit hat; gehe hin in jene Tempel, welche die Liebe ihrer Kinder der gebenedeiten Mutter gebaut. Ihre süssen Namen schon geben Zeugniß von dem Glauben des Volkes an die Liebe und Macht der lieben Frau. Hier ist U. L. Frau von der Barmherzigkeit; dort ist Mariahilfe; weiter ist U. L. Frau vom guten Rathe; an einem andern Ort U. L. Frau von allen Freuden; auf den Bergen u: L. Frau von der Gnade; im Thale U. L. Frau vom Frieden; im Walde U. L. Frau von der Zuflucht; am Meerestrande U. L. Frau vom guten Hafen; beidden Krankenhäusern U. L. Frau von den sieben Schmerzen; da wo Schlachten geschlage nworden, U. L. Frau vom Siege; an den Wegen und Stegen U. L. Frau vom Troste, U. L. Frau von den Engeln, U. L. Frau von der Befreiung etc. etc.

Frage die Tausende, welche Jahr aus Jahr ein in allen katholischen Ländern der Erde, schon seit Jahrhunderten und besonders in unsern Tagen zu diesen Gnadentempeln der lieben Frau wallen, frage sie, warum sie Stunden, ja Tagereisen weit, keine Mühe, keine Beschwerde scheuend, zu den Bildnissen der lieben Frau ziehen, und sie werden es dir sagen, daß es die allerbarmende Liebe ihres Mutterherzens und die Macht ihrer Fürbitte ist, welche sie hiehergezogen hat. Betrachte die rührenden Gemälde an den Gewölben und Wänden der Liebfrauenkirchen, die zahllosen Votivbilder, welche da aufgehangen, die Krücken, Kreuze und Ketten, die da niedergelegt; lasse dir öffnen die Urkunden, in welchen zahllose Gebetserhörungen udn wundervolle Gndenerweisungen aufgezeichnet sind, und du wirst ebensoviele Zeugnise finden, wie gütig, wie bamherzig, wie mächtig unsere gebeenedeite Mutter ist.

Du warst, wie du mir erzähltest, selbst schon auf deinen Wanderungen in vielen der berühmtesten Gnadenkirchen U. L. Frau, welche die heilige Kunst oft mit unerhörter Pracht geschmückt hat; du hast die Pilgerschaaren gesehen, wie sie noch, ermüdet von der weiten Reise sich vor dem Gnadenbilde niedergeworfen, wie sie voll glühenderAndacht zum heiligen Bilde auftgeschaut, du hast gehört ihre Lob- und Preisgesänge, die von ihren Lippen zur Ehre der Himmelskönigin ertönten, und wenn du die Pilger fragst, warum sie die liebe Frau so lieben, so loben und preisen, so kindlich verehren, so werden sie dich verwundert anschauen, und die Ursache deiner Frage garn icht verstehen wollen.

Der gute Katholik fragt nicht lange, warum er Maria liebt und ehrt, und zu ihr fleht. Die Liebe zur gebenedeiten Mutter des  Herrn ist ihm angeboren; er hat sie mit der Muttermilch eingesogen. -- Mit der Liebe zu Jesus, seinem göttlichen Erlöser ist ihm auch die Liebe zu seiner hochbegnadigten Mutter eingegossen worden. Da er als kleines Kind auf seiner Mutter Schooß von ihrem Munde den süssen Namen Jessu vernommen und nachgestammelt, hat er auch den süssen Namen Maria gehört und mit kindlicher Freude verlauten lassen. Jesus und Maria, das sind die ersten, süssesten Namen, die mit dem süssen Vater- und Mutter-Namen vereinigt, zuerst von des katholischen Kindes Lippen ertönen.

Die ersten Gebete, welche das katholische Kind von der guten Mutter lernt, und stammelnd zum Himmel sende,t sind das Vaterunser und Ave; es hört von einem Vater im Himmel, und kann sich nicht denken, daß es nicht im Himmel auch eine liebe Mutter habe. Es lauscht begierig den Reden seiner Eltern, wenn sie von der lieben Himmelsmutter erzählen; es legt sich nicht nieder, ohne der Lieben Frau ein Ave zu beten, und beet Morgens nicht, ohne die gebenedeite Mutter mit einem Ave zu begrüßen. So wächst die Liebe und Verehrung zur lieben Mutter Gottes mit dem katholischen Kinde auf; es sieht ihr Bild neben dem Kreuze in der Ecke des Zimmers, wo die Lampe brennt, und Vater und Mutter mit ihm beten; es sieht in der Kirche den Altar, wo das Bild seiner gebenedeiten Mutter pranget und die Gläubigen betnd knieen; es geht hinaus zur Kapelle, die unter der schattigen Linde am Wege steht, und bekränzt das Bild der lieben Gottesmutter mit dem holden Kindlein, und voneinem süssen Gefühle ergriffen, das sich das Kind selbst nicht erklären kann, stimmt es fröhlich jubelnd der Lieben Frau ein Loblied an. -- So wird bei dem Katholiken die Liebe und Verehrung zurMutter Gottes zur zweiten Natur; er fühlt es, daß er die Mutter seines Erlösers auch zu seiner Mutter hat, daß sie ihm und daß er ihr gehört. "Dieses angeborne Gefühl kindlicher Liebe zu maria, sagt einer der tiefsten katholischen Denker und ögrößten Kanzelredner unserer Zeit (der Theatinermönch P. Joachim Ventina), hat seine Wurzel im wahren Glauben; es ist eine jener Früchte, welche der wahre Glaube hervorbringt, die der Glaube einhaucht, und weil der Sohn Gottes nur seinen wahren Lieblingsschüler, den wahren Gläubigen, zum Sohne Mariens bestimmt hat, so besitzt nur ein solcher diesen Kindessinn, diese Kindesliebe, diese kindliche Verehrung.

Darum haben Jene, die sich zu ihrem größten Unglücke von der Einheit der Kirche losgemacht und dem Irrthum sich hingegeben, keine wahre, kindliche Liebe zu Maria; denn sie sind, außerhalb der Kirche stehend, keine Lieblingsschüler Jesu. Das Gesetz kindlicher Liebe zu Maria kann nicht in ihr Herz gesschrieben sein; denn dieses Gesetz hat seine Quelle in der kindlichen Liebe Jesu zu seiner gebenedeiten Mutter, welche Liebe er nur mit jenen theilen wird, die mit ihm einen Leib bilden, das ist, mit seinen Gliedern, mit den wahren Kindern der Kirche.

Alle jene, welche der katholischen Kirche nicht angehören wollen und die darum auch mit Jesus Christus, dem Haupte der Kirche, nicht einen einzigen Leib bilden, können, so lange sie in diesem Zustande bleiben, keinen Antehil an seinen Vorrechten haben, und schließen sich selbst aus von der Theolnahme an seinen Gefühlen und Gesinnungen. In ihrem herzen kann keine rechti nnige Liebe zu maria Platz greifen; es wird kalt und gleichgültig gegen sie sein.

Schon ihre Sprache, welche gewöhnlich der Ausdruck der Gefühle des Herzens ist, verräth sie. (Man lese nur die Schriften unserer irrenden Brüder und höre sie reden von Maria, der heil. Jungfrau, und man wird diese Worte bestätigt finden.)

Sie nennen Maria niemals Mutter , sondern nur "die Maria", höchstens "die Jungfrau"! Ihnen ist Maria nur ein Weib. Wohl gibt es Viele unter ihnen, die noch einige Ehrfurcht und Hochschätzung gegen dieses große Weib hegen; aber kindliche Liebe zu ieser liebwerthesten Mutter des Heilandes wird sich kaum in ihrem Herzen finden.

Darum verstehen auch unsere getrennten Brüder nichts von dem, was wir Katholiken zur Ehre Mariens sprechen und thun. Sie könnne nnicht begreifen, daß usnere Verehrung gegen die allerseligste Jungfrau eine ganz besondere ist: tiefer stehend als die Verehrung Gottes, höher aber als die Verehrung gegen die übrigen Heiligen. (die Schule nennt diese Verehrung Hyperdulia.) Sie können nicht begreifen, daß es für uns eine wahre Wonne ist, Mariazu ehren, zu lieben und zu ihr unsere Zuflucht zu nehmen, wie es einem Kinde ganz natürlich ist, mit wahrer Herzenslust seine eigene Mutter zu ehren und zu lieben, bei ihrem Mutterherzen Trost und Hilfe zu suchen!

Diese Lieblosigkeit gegen die gebenedeite Mutter des Herrn suchen sie mit dem Evangelium zu entschuldigen, welches so wenig von Maria und zu ihrem Lobe spricht. -- Aber sie bedenken nicht, daß in diesen wenigen Worten eine Welt voll hoher Geheimnisse verborgen liegt. -- Weil der helige Geist nicht mit seinem Lichte sie erleuchtewt, -- denn er ist nur der katholischen Kirche versprochen, -- vermögen sie auch nicht die Tiefen der Worte des heiligen Evangeliums von Maria, der gnadenvollen Jungfrau, zu erschließen, ihre Geheimnisse zu ergreifen, ihre Wahrheit zu erkennen. -- Der religiöse Irrthum hat leider fast immer den Hochmuth zur Quelle. Der Hochmuth aber kann nijmmermehr die Demuth, diese himmlische Tugend, begreifen. Darum kann auch der Irrthum das demüthige, verborgene Leben der allerseligsten Jungfrau nicht verstehen; er kennt nicht, daß Maria die erste und treueste Schülerin ihres göttlichen Sohnes in der Übung der Demuth, der Selbstverläugnung gewesen ist, und daß Jesus seine Mutter zuest und vorzüglich in dieser Tugend üben und prüfen wollte, daher er öfters anscheinend harte Worte gegen sie gebrauchte, sie einigemale gleichsam zurückgesetzt hat.

Die Selbstverläugnung ist das Fundament aller Heiligkeit und aller Erhöhung im Himmel. Jesus selbst ist der Erste gewesen, der sich auf's Tiefste erniedrigte und alle Verachtung, alle Zurücksetzung, alle Schmach über sich hat kommen lassen, darum war er auch der Erste, der erhöhet ist worden. "Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam, darum hat ihn Gott erhöhet." (Philipper 2, 9.) Gleiches mußte bei seiner Mutter der Fall sein. Jesus mußte sie tiefer erniedrigen, als irgend eine andrere Seele, weil er sie im Himmel über alle Heiligen und alle Chöre der Engel hat erhöhen wollen. Und Maria, die mit allen Kräften ihrer Seele nach vollkommener Gleichförmigkeit mit ihrem göttlichen Sohne strebte, hat sich ihr ganzes Leben lang gedemäthiget und sich alle Demüthigung, alle Zurücksetzung, alle Schmach gefallen lasen; sie nannte sich nur die magd des Herrn. "Der Herr hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd." (Luk. 1,48.) Und Alles, was sie hätte Rühmliches von sich sagen können, was Gottes Hand wunderbar Geheimnißvolles in ihr gewirkt, was sich zwischen ihr und ihrem göttlichen Sohne von seiner Kindheit an zugetragen und ihr zur Ehre geweesen, das hat sie in ihrem Herzen bewahrt. (Luk. 2, 19, 51.)

(Fortsetzung folgt!


Transkription von P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)