Aus dem Immaculata-Archiv:


Maria-Rickenbach

Kurze Wallfahrtsgeschichte

von
Konstantin Vokinger

Imprimatur Curiae, 29. Okt. 1946, Ordinariatus Epis. Curiensis


Entstehung und Geschichte

Ursprung
(Nach ältern Darstellungen)

Die Wallfahrt zur Gottesmutter auf Maria Rickenbach ist anläßlich des Bildersturms zur Zeit der Reformation entstanden.

Das Volk von Bern verwarf mit Stimmenmehrheit am 23. Februar 1528 den alten, von den Urvätern angestammten Glauben und erklärte sich für die neue, von Zwingli in Zürich gepredigte Lehre. Damit waren die Haslitaler nicht einverstanden. Sie erhoben sich und gelobten einmütig an der Landsgemeinde vom 7. Juni 1528, "im beywesen etlicher Unterwaldner", Liebe und Treue dem alten Väterglauben "mit Darstreckung Leibs und Guts". Der Rat von Bern forderte Unterwerfung; er befahl die Abschaffung der Messe, Vertreibung der Priester, Zerstörung der Altäre und Verbrennung der Bilder. Tief verletzt in ihrer religiösen Freiheit, griffen die Oberländer zu den Waffen und wollten sich den neuen Glauben nicht aufzwingen lassen. An 1300 Mann mit etwa 900 Unterwaldnern zogen gegen Interlaken, fanden aber dort die Berner schon gerüstet unter Niklaus Manuel und erlagen der Übermacht. Nun hauste der Sieger voll Übermut, vertrieb die Priester, zerstörte die Altäre und verbrannte die Bilder der Heiligen.

Hier nun setzt unsere Chronik ein und erzählt: Unter der Zahl der im Haslital beschimpften und zum Verbrennen verurteilten Bilder befand sich auch unser Gnadenbild. Gottes Vorsehung aber schützte es und hob es unversehrt aus den Flammen. Ein junger Unterwaldner, namens Zumbüel aus der Gemeinde Büren, der in der Nähe Schafe hütete, sah das Bild aus dem Feuer schweben, war erstaunt über das Wunderbare, fühlte sich innerlich angetrieben, dies Bild zu retten. Unerschrocken eilte er hin und holte sich den kostbaren Schatz ohne jeden Widerstand der Stürmer.

Es kam der Winter und des Knechtes Dienstzeit ging zu Ende. Da zog er mit dem Bilde in seine Heimat ins Buoholz zu Büren, wo er es mit kindlicher Andacht verehrte und als Heiligtum hütete.

Wieder war's Frühling und der Junge wurde Geißhirt auf der Weid zu Füßen der Musenalp. Er zog zu Berg, und mit seiner kleinen Habe mußte auch das Bild mit, das Bild seiner lieben Mutter. - Da, wo heute der Hochaltar der Kapelle steht, stand damals ein alter, hohler Ahornbaum und in diesen barg er sein Liebstes, um es vor Wetter etwas zu schützen und allzeit in der Nähe zu haben. Graste nun oder ruhte die Herde an der Berghalde, so saß oder kniete der Knabe bei seinem Heiligtume und betete wohl morgens und abends nach alter Vätersitte den Rosenkranz.

Als der Herbst den Älpler aus der Atzung trieb und er mit Hab und Herde wieder ins Talheim zurückkehrte, sollte auch das Bild heimwandern. Sorglich wollte er es aus der Baumhöhlung heben, doch wie staunt er! - es geht nicht, es läßt sich nicht bewegen. Kräftiger greift er zu, - vergebens! Einstens trug er's so leicht weg von den Flammen, so leicht über die Berge in's Vaterhaus und wieder hieher auf den Berg und jetzt vermag seine Kraft nicht mehr das kaum drei Fuß hohe Bild zu heben! Will Maria im Gebirge bleiben? Will sie von da aus die Gnaden ihre Sohnes austeilen, jene Gnaden vom heiligen Berge Kalvaria? Ohne die liebe Bürde, kehrte er heim und klagte es den Seinen. Diese stiegen hinauf, um zu erproben, ob wirklich das Bild nicht erhältlich wäre. Sie fanden das Wunderbare wahr und berichteten es dem Pfarrer von Stans, der dann mit einigen geistlichen und weltlichen Herren die Sache in Augenschein nahm und die Tatsache bestätigte.

So hatte sich dieses Marienbild durch zwei merkwürdige Ereignisse als gnadenreich erzeigt. Gottes Vorsehung hob es zur weiteren Verehrung unversehrt aus den Flammen, und die Stätte, wo sie verehrt sein wollte, wählte Maria selbst. - Die alten Chronisten sagen: "Man konnte das Bild nicht wegheben, bis man beschloß, eine Kapelle zu bauen." "Man hat gleich anfangs einen steinernen Bildstock errichtet und dann das Bild in denselben übersetzen können und übersetzet."

Als dieses Ereignis weiter bekannt geworden, machte es natürlich Aufsehen. Scharenweise zog das Volk zum Berge. Zuerst wohl nur getrieben von Neugierde; doch "Gott hat der Wege viele, zu jedem seiner Ziele." Es sah der Besucher die Tatsache; das Außergewöhliche erregte Staunen; man ahnte Gottes Tat zur Verherrlichung seiner Mutter - und das Herz faßte Vertrauen. Wer bedrängt oder geprüft war, geistig oder leiblich, der nahm Zuflucht zur Fürbitte Mariens, besuchte ihr Bild im Steinstöcklein und das Vertrauen ward belohnt, der Pilger fand Hilfe und Trost.

So entstand die Wallfahrt nach Maria Rickenbach.

Die erste Kapelle

1565 ist Melchior Agner, des Rats in Büren, "vogtt und gewalthaber unser lieben frowen cappel zuo Niderrickenbach." Aus einer Urkunde desselben geht hervor, daß die Uertner an eine Vergrößerung der Kapelle denken.

1569 wird in einem Landesgemeindeprotokoll eine Wirtschaft in Maria Rickenbach erwähnt.

1593 erbauen die Uertner eine Kapelle für sich in Büren aus dem Einkommen und Gut der Kapelle von Rickenbach und verwalten die beiden Heiligtümer fortan in einer gemeinsamen Rechnung.

1600 stirbt im Rufe eines Seligen Bartli Ambauen, Waldbruder und Sigrist in Rickenbach und wird im Beinhaus zu Stans begraben.

1649 drängen die Patres Kapuziner auf Vergrößerung der Kapelle, weil die Wallfahrt stets zugenommen hat. Kapellvogt Bartlime Agner ersucht den Wochenrat um Baubewilligung. Er wird abgewiesen, weil es besser sei, "inzuohalten, bis man mehrere Mittel in Handen könne haben." Doch wurde durch Wohltäter provisorisch eine Lösung herbeigeführt, indem ein "Vorzeichen" aus Holz erstellt wurde. Nach vorn war es offen, und man erblickte darin einen Altar, gestiftet von Meister Kaspar von Deschwanden (+1670) und seiner Ehefrau Anna Achermann. Wenn das Meßopfer gefeiert wurde, wohnte das Volk im Freien bei. Im kleinen Türmchen hing damals schon eine Glocke, die heute noch die Pilger zusammenruft. Sie ist jetzt etwa 600 Jahre alt, mißt in der Höhe 34 cm und trägt eine lateinische Inschrift: "O König der Glorie, Christe, komme mit Frieden!"

1680 bleibt zum erstenmale der Wirt und Sigrist Melchior Liembd auch über den Winter auf dem Berge, denn stets fanden einzelne Pilger den Weg zur Gnadenstätte.

Die zweite Kapelle
(1688-1860)

1688 beschließt die Uerte den Bau einer neuen, größern Kapelle. Sammlungen im ganzen Lande erzielen ein schönes Ergebnis. Die Regierung spendet eine Gabe aus dem Landessäckel; es folgen die Gemeinden von Stans, Buochs, Wolfenschießen, Beckenried, Hergiswil, Bürgen, Emmetten, Dallenwil, Ennetmoos, die Dorfleute von Buochs, die Uerte Stansstadt. Dann melden die Kapellbücher wohl 250 Private mit Geldspenden, Priester und Laien. Der eine schenkt Steinplatten zum Belegen der Kapelle, ein anderer übernimmt die Kosten der Seitenaltäre, ein Schmied stiftet das Kreuz auf dem Turm. Frauen und Jungfrauen spenden einen silbernen Kelch und Altartücher, gründen den Fond fürs ewige Licht, opfern den eigenen Halsschmuck, ihre "Halsbetti", und zwei Knaben sogar ihre silbernen Prämien. Baumeister ist Hans Kaspar Schmitter.

1691, am 6. September, weiht der gnädige Herr von Engelberg, Abt Ignatius II., die drei Altäre. Zwei Abgeordnete der Regierung begleiten ihn ein.

1730. Folgende Gönner schenken eine zweite Glocke: die Pfarrgeistlichkeit von Stans, Landammann J. Laurenz Bünti, Landammann Seb. Rem. Kaiser und Landesstatthalter Franz Joseph Lussi. Die Patenstelle vertreten Landsfähnrich M. Wyrsch und Frau Maria Genoveva Achermann geb. Lussi vom Ennerberg, indes ihr Gemahl, Landshauptmann und Statthalter Ritter Joh. Jakob Achermann, der Held von Sins, die Kosten der Feier bestreitet.

1742. Ablaßbulle von Papst Benedikt XIV., laut welcher in der Gnadenkapelle am Magnustage ein vollkommener Ablaß gewonnen werden kann unter den heute noch geltenden Bedingungen.

1760 geloben die Genossen von Stans in großer Wassergefahr den Bittgang nach Rickenbach.

1770 führt Pfarrer Michael von Büren zu Stans eine Renovation der Kapelle durch. "Bergherr" Michael Lussi geht sammelnd von Haus zu Haus. Es wird ein neuer Hochaltar angeschafft, der bei den Franziskanern in Luzern von einem Klosterbruder geschnitzt worden.

1776 bringt Pfarrer von Büren es zustande, daß Maria-Rickenbach einen eigenen Kaplan erhält. Bisher waren die Geistlichen des Tales nur von Fall zu Fall hinaufgestiegen. Die Schwierigkeit, ohne Steuer und Pfrundfond das Einkommen des Herrn Kaplans aufzubringen, überwand der Pfarrer dadurch, daß er ein etwas höheres Meßstipendium für die Gnadenkapelle festsetzte, von jeder Alphütte eine Zulage erbat, freie Wohnung im Wirtshause zugesagt erhielt und die Kapelleinkünfte heranzog.

1777. Ablaßerteilung Papst Pius VI.; Wer immer unter den gewöhnlichen Bedingungen in der Gnadenkapelle die hl. Kommunion empfängt, kann einen vollkommenen Ablaß gewinnen. Daraufhin mächtige Zunahme der Wallfahrt: allein im Jahre 1793 zählte man 4800 hl. Kommunionen und 1332 hl. Messen.

1781 wallfahren Dorfleute und Genossen von Buochs wegen Verheerungen des Dorfbachs, auch die Hergiswiler "wegen der leidigen Bächen".

Über das Kriegsjahr 1798 lassen wir wörtlich den Chronisten Jakob Kaiser, Kaplan in Stans und später Wallfahrtskaplan, sprechen:

"Dieses Jahr wäre eines der reichlichsten an besondern Wunderguttaten gewesen, wann die Aufmerksamkeit so groß gewesen wäre wie das Vertrauen. Auf Anordnung der geistlichen und weltlichen Obern zu Unterwalden unter dem Kernwald ward von jedem Kirchgang des ganzen Landes zweimal Prozession dahin abgehalten, um die Hilfe und den Beistand der Gnadenmutter zur Rettung der Religion und des Vaterlandes zu erflehen. Auch eine große Anzahl Kinder verfügten sich den 5. Herbstmonat (also bloß vier Tage vor dem Einfall der Franzosen) unter meiner Anleitung prozessionweise nach Niederrickenbach, um durch ihr unschuldiges Gebet die mütterliche Hilfe Marias zu erlangen, wobei jedem ärmeren Kinde drei Schilling oder vier Groschen mitgeteilt wurde, damit sie sich im Gasthaus eine Labung verschafften. Dabei drängt es mich, diesen guten Kindern zur wohlverdienten Ehre zu erklären, daß sie mich durch ihren ungemeinen Eifer, ihre große Andacht und ein auffallend edles Benehmen auf dem gnazen Wege und am Gnadenort ungemein erbaut und manchmal fast bis zu Tränen gerührt haben. Sogar Kinder, die kaum das 7. Jahr erfüllt hatten, achteten den mühsamen und weiten Weg nicht, und hielten es nicht zu beschwerlich, mit aufgehobenen oder gefalteten Händen elf Rosenkränze laut zu beten.

Wer will mir widersprechen, wenn ich es der allvermögenden Fürbitte der Mutter Gottes zuschreibe, daß die Unterwaldner (ihrer frommen und tapfern Ahnen würdig) der hl. Religion und dem teuern Vaterland immer getreu, einer beiden gleichverdächtigen Konstitution mit christlichem Eifer widerstanden, wider selbe mit christlicher Tapferkeit gestritten und die nachher auf sie gehäuften Leiden mit christlicher Starkmut ertragen haben? -

Den 9. Herbstmonat, als die Franzosen in Stans eingebrochen waren, ward die Frau des alt Ratsherrn und damaligen Präsidenten des Kriegsrats Remigi von Büren auf der Flucht samt dreißig andern Frauen von etwa hundert Soldaten umstellt, wobei sie nichts anderes als den gewissen Tod erwarteten, weil die Franzosen in der ersten Wut fast alles, was ihnen begegnete, umbrachten. In dieser äußersten Gefahr ihrer Ehre und ihres Lebens riefen sie Maria, die Hilfe der Christen, an und die Genannte sowie auch ihre Gefährtinnen (eine ausgenommen) wurden an Seele und Leib gerettet. Die himmlische Mutter rührte das Herz des französischen Offiziers, daß er selber sie beschützte. Von dem mitgeführten Geld und Silberzeug wurde ihr für keinen Heller entwendet. Die Frau hat mir alles ausführlich erzählt.

Bei diesem Überfall verbargen sich zwei Frauen mit fünf Kindern im Keller eines Hauses. Als die Feinde das Haus in Brand steckten, versprachen die Frauen eine Wallfahrt hierher, wenn sie mit dem Leben davon kämen. Dann wagten sie sich in die wütenden Feinde hinaus und kamen alle wunderbar davon, wie das aufgehängte Zeugnis lautet.

Während die Häuser von Buochs der Reihe nach angezündet wurden, fiel Kaspar Würsch aus der Acheri, von einem Berg dies ersehend, auf die Knie, empfahl sein Haus dem Schutz Marias und versprach eine Wallfahrt nach Rickenbach. Die Gnadenmutter erhörte seine Bitte und rettete sein Haus, das verschont blieb.

Auf gleiche Art ward auch das Haus des Josef von Matt zu Oberdorf gerettet, denn da die Kapelle St. Heinrich und mehrere benachbarte Häuser in Brand gesteckt wurden, versprach er, zehnmal nach Rickenbach zu wallfahren, worauf auch sein Haus verschont blieb.

Auch im Ausland (d.h. in andern Kantonen!) erfuhren manche die augenscheinlichste Hilfe der Rickenbacher Gnadenmutter in ähnlichen Gefahren. Wenigstens bekennen dieses vier Personen aus dem obern Freiamt durch ein in der Kapelle aufgehängtes Zeugnis."

In der Handschrift von Meyer-Heß der Zentralbibliothek Zürich findet sich ein ähnliches Erlebnis: Frau Marie-Anne Rengger verspricht, wenn sie ihr acht Tage altes Großkind retten könne, eine Wallfahrt mit bloßen Füßen nach Rickenbach. Im Angesicht der Mörder des Vaters und der Mutter gelingt ihr die Flucht. Das Kind wird gerettet und bildet nach Jahren noch den Gegenstand der Neugierde der Zürcher Reinsenden.

Indessen besetzten die Franzosen das Land und legten im folgenden Jahr 1799 Truppen in die Alpen bei Rickenbach, weil man von dorther einen Vorstoß der Oesterreicher und Russen befürchtete. In dieser Zeit blieb das Gnadenbild unauffindbar. Jüngling Alois Liembd von Büren (+1866) hatte es auf Steinalp-Bocki verborgen. Andere Kostbarkeiten wurden ins Wurzelwerk eines Ahorns vergraben. Immerhin mußte die Kapelle mehrere Wertsachen, silberne Votivzeichen und die Monstranz an die Munizipalität von Stans abliefern.

Ende August 1802 errangen die Unterwaldner an der Rengg oberhalb Hergiswil einen Waffenerfolg über die Welschen, welcher das Signal bot zur allgemeinen Vertreibung der Helvetik aus der deutschen Schweiz. Gehobenen Herzens schreibt der Wallfahrtskaplan: "Erbaulich war zu sehen, wie unsere braven Vaterlandsverteidiger kompagnieweise unter ihren Anführern hieher wallfahrteten, um ihre Dankgelübde für den erhaltenen Schutz und Beistand Marias, der Helferin de rChristen, feierlichst abzustatten. Den 13. Herbstmonat kam die Kompagnie Vonmatt, den 23. Weinmonat die Kompagnie Würsch, den 30. die Kompagnien Risi und Baumgarten, den 4. Wintermonat die Kompagnie Zelger, den 6. die Kompagnie Ackermann, den 8. bei der ungestümesten Witterung die Kompagnie Durrer und den 11. die Kompagnie Odermatt, die sich in Bestürmung der Rengg am 29. August besonders ausgezeichnet hat. Gewöhnlich nahmen die Kompagnien so viele Priester mit, als immer zu bekommen waren und schossen die Meßstipendien aus ihrem Taggeld oder Sold zusammen. Es wurden auch Predigten gehalten und fielen beträchtliche Opfer für die Kapelle und Almosen für die Armen. Kurz- sie zeigten alle, welcher Väter Kinder sie wären."

Aber allsogleich kehrte sich das Kriegsglück wieder. Kaiser fährt fort:

"Als gegen Ende des Weinmonats der Feldzug der Schweizer gegen ihre innern Feinde auf Frankreichs gefürchetes Wort auf einmal abgebrochen werden mußte und die fränkischen Truppen wieder einrückten, fanden sich unsere Widersascher wieder instand gesetzt, aufs neue ihre Wut spielen zu lassen. Zu nächtlicher Stunde sandten sie Soldaten aus, um einiger Geistlicher habhaft zu werden. Den 16. Wintermonat kamen nach Mitternacht bei 20 bewaffnete Soldaten nach Rickenbach, um mich gefänglich wegzuschleppen. Allein durch rechtzeitig herbeigeeilte Leute gewarnt, hatte ich einige Stunden vorher am Abend fliehen können. Unbekannt blieb ich an einem sichern Ort bis gegen Ende März 1803 und verfügte mich erst den 3. April, am Tag der wieder gehaltenen Landsgemeinde, daher."

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1806. Die Alphüttenbesitzer machen Vorstellungen gegen die Uertner von Büren, welche nun seit 215 Jahren die Gnadenkapelle zusammen mit ihrer Kapelle in Büren in einer gemeinsamen "Hushaltung" verwaltet hatten. Die nun erfolgende Ausscheidung schafft für Maria Rickenbach Raum für glückliche Weiterentwicklung.

1817. Ein Pfrundfond wird angelegt. Franz Xaver Rothenfluh, Ehrenkaplan in Küßnacht, früher in Stans, spendet 2000 Gulden.

1838. Bau eines Kaplanenhauses.

1848. In diesem Jahr schätzt Kaplan Jos. Al. Würsch die Wallfahrer auf 15,000. Sie kamen auch von Luzern, Aargau, Schwyz, Zug, Solothurn, Freiburg, Wallis usw., vereinzelte gar aus dem Elsaß, Schwaben und Italien.

Die heutige Kapelle

1854 langt als neuer Kaplan Herr Xaver Fäßler aus Steinen an und verlegt sich sofort mit aller Energie darauf, die Kapelle neu und größer zu erbauen. Er anerbietet sich zur Entlastung der Uerte alle Gelder selber durch Betteln aufzubringen. Maria zu lieb wandert er zehn Jahre durch die Lande, oft allein, oft begleitet von seinem treuen Grunggisfranz, Jüngling Franz Peter. Andere bestellen unterdessen die Seelsorge am Gnadenort; seit 1859 hat das Stift Engelberg die Besorgung übernommen; der unermüdliche Sammler nennt sich nur mehr Vikar.

Am 17. Juni 1860 kann Pfarrer und Kommissar Remigi Niederberger von Stans, selber ein großer Förderer des Baues, den Grundstein legen. Aber erst am 15. Oktober 1869 erhielt das Gotteshaus durch Weihbischof Kaspar Willi seine Weihe. Der Hochaltar stammt aus der 1864 abgebrochenen Kirche von Großwangen, ein Rosenkranzaltar, der in seiner Art in unserem Kanton einzig dasteht.

1878 wird das baufällige Sigristenhaus, zugleich Wirtschaft, abgetragen. Der Neubau - heute Pilgerhaus - verstrickt die Uertekorporation in Schulden; Ausbau und Ausstattung kommen nicht vom Fleck.

Um 1880 tritt der Engelberger Pater Josef Moos die Seelsorge an, eine originelle Persönlichkeit, der in seinem Amte aufgeht. 1908 gibt er ein Wallfahrtsbüchlein heraus. Unseres Wissens ist er der erste Wallfahrtskaplan, der auf diesem Posten stirbt. Seine Ruhestätte in der Kapelle bezeichnet ein Kreuz.

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Gebetserhörungen

"Wohltaten spendend ging er umher", so schildert Petrus dem Hauptmann Kornelius den Erlöser (Apostg. 10, 38). Die göttliche Vorsehung hat es gefügt, daß die Weltgeschichte auch von Maria sagen muß: Wohltaten spendend geht sie durch die Jahrhunderte. Als Zeugen dafür stehen alle Marienwallfahrtsorte der Erde. Welches katholischeLand, ja welches Tal ist ohne Wallfahrtskirche unserer Lieben Frau? Und welcher Wallfahrtsort ist ohne eine Fülle von Dankeszeichen erhörter Menschen? "Die Gnadenstätten zeigen so klar Maria als den ausgestreckten Arm der Macht Gottes, der so weit reicht als Not und Elend auf Erden; als das Auge göttlicher Barmherzigkeit, das jedes Unglück entdeckt; als den milden Finger Gottes, der voll Erbarmen heilt und tröstet." (Meschler)

Beleuchten wir nun die fürbittende Macht Mariens an der Gnadenstätte Maria Rickenbach durch wohlverbürgte Tatsachen an Hand der Chronik und der Gedenktafeln. Eine Fülle von Gebetserhörungen stellt sich uns dar bis auf den heutigen Tag. Wir halten nur eine Auslese.

Die ältesten heute erhaltenen Tafeln gehen auf die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück (1644). Doch hat es auch frühere Tafeln gegeben; im Jahre 1898 hat Pfarrer Blättler noch eine aus dem Jahre 1600 gesehen. Sie stammte von Dominikus Zimmermann von Stans, der von Gliederkrankheit geheilt worden war.

1652 "den 16ten Christmonat am Abet bekenne ich Jost Lussy, Altlandammann seshaft im Metenweg (Stans), daß meine geliebte Husfrauw in ein schwere Krankheit gefallen, daß Doktor, Aerzte, geistlich und weltlich ihr Läben kurtz geschetzt, auch 3 Tage vermeint, sey sein am letsten, ihr auch die Kerzen zünt. Doch het sey in ihrer Krankheit ein sünderbare Andacht zu unser lieben Frauwen in nid Rickenbach gehan, da wir ein Mäss lasen halten, auch zehen pärsonen dahingangen für sey gebätet und hab ich auch ein fahrt dahin versprochen. Auff diseß seye widerum zuo ihrem rächten Verstand komen und durch fürbit der reinen Jungfrauwen Maria ihr wieder gebeseret. Da ist seye uff St. Joder und Rochtag dahin gangen und sich auffgeopfert."

Das Votiv zeigt eine ländliche Stube mit runden Fensterscheiben, drin die Kranke in einem "Himmelbett" liegt, die Sterbekerze in der Hand. zwei Väter Kapuziner stehen ihr bei. Der eine betet kniend, der andere hält Kerze und Kreuz. Leute knien um das Sterbebett. Rechts schaut man eine schneebedeckte Höhe mit der Gnadenkapelle, über welcher das Bild Mariens mit dem Kinde schwebt.

1656. "Ich hans Melcher würsch war in dem ausfall zu Raperschwil (im ersten Villmergerkrieg; ein altes Originalbild dieser Erstürmung von Rapperswil hängt im Rathaus zu Stans im Gang) durch 3 Schütz durch die Achsel und durch den hals geschossen, niemant glaubt ich mit dem leben davon zu komen. hab in diser noth ein fahrt mit einer meß gen Rickenbach gelobt und erhalten worden, gott und seiner Lieben Mueter Maria sey höchst Lob und dank gesagt anno 1656."

1681. Ein Patrizier, F. P. Gottreau von Freiburg, der zu Turin am hitzigen Fieber erkrankt war, schreibt: "Ich rief die Gnadenmutter auf Rickenbach, Kt. Unterwalden nid dem Wald, mit ganzem Vertrauen an und gelobte dorthin eine Wallfahrt. Die gütige Mutter nahm wohlwollend meine Bitten auf und erflehte mir bei Gott die Gesundheit in kurzer Frist."

1709. Zu Büren in Nidwalden fiel ein kleiner Knabe unglücklich in den Wasserkanal, der zur dortigen Mühle fließt. Von der Wasserkraft fortgetragen, geriet er aufs Mühlerad. Was anders wär zu erwarten, als den Kleinen zerschlagen im Rechen zu finden? Des Kindes Vater, Johann Kaspar Schmitter, ein großer Wohltäter der Gnadenkapelle rief zu Maria und versprach Opfer und Dank nach Rickenbach. Das Knäblein wurde unversehrt aus dem Rechen gezogen. (Sehr schönes Bild!)

1801. Frau Anna Maria Weger-Imsand von Oberwald, Wallis, war schwerer Geisteskrankheit verfallen. Der traurige Zustand dauerte bereits 6 Monate und schien eher schlimmer als besser zu werden. "Wir hörten von diesem Gnadenorte" - erzählte der Mann, "und versprachen auf Anraten Anderer eine Wallfahrt hieher." Die Krankheit wurde ruhiger und in Zeit von kaum 14 Tagen war sie wieder bei voller Besinnung." Zu bemerken ist, daß keine natürlichen Mittel angewendet wurden. Am 29. Juni steigen als Wallfahrer auf den Berg die geheilte Frau und ihr Mann Johann Joseph Weger und Frau Anna Maria Zielhard, welche diese Tatsache bezeugen.

1802, den 27. Herbstmonat fiel im Grafenort ein 6jähriges Kind, das über einen schlechten Leiternsteg hinüber ging, ins Aawasser und wurde eine lange Strecke, sechs Matten weit, fortgerissen. Die übrigen Kinder schrien um Hilfe und die Mutter eilte und befahl ihr Kind dem Schutz Marias und versprach eine Wallfahrt. Hier kam ein Bauersmann, Franz Hurschler, der Mutter zuvor, hob das Kind, das wie tot an einem Steine hing, heraus. Nach zwei Stunden kam es wieder zu sich und ward unverletzt und gesund befunden. Zeugen: Niklaus Amstutz, Vater, Katharina, die Mutter und Franz Hurschler. Am 30. des Monats ist die ganze Familie in Rickenbach um zu danken.

1805. Niklaus Jost aus dem Kirchgang Willisau wurde von einem Pferde so unglücklich geschlagen, daß sein linkes Bein an getroffener Stelle ganz zersplittert war. Fünf Chirurgen behandelten ihn 5 Monate lang und nahmen in 5 Operationen 16 Splitter heraus. Dann stellten sie die Amputation als einzige Rettung in Aussicht. "Ich entließ die Heilkünstler, faßte festes Vertrauen zur Gottesmutter und gelobte eine Wallfahrt nach Rickenbach, sofern ich Erhörung fände. Ohne ärztliche Hilfe und Mittel ging ich in zwei Monaten jeden Weg und Steg. Über 1300 Gulden hatte ich für menschliche Hilfe ausgegeben und nichts erzielt; Maria aber half mir auf dies einzige Versprechen in so kurzer Zeit. Gott und ihr des Herzens bester Dank!"

1806. Frau Katharina Zelger, Stans, verfiel in schwere Gemütskrankheit, fühlte sich von Gott und Mensch verlassen und fand nirgends Trost und Ruhe. Tag und Nacht mußte man sie bewachen. Voll Trauer wanderte der Vater mit den Kindern zum Gnadenorte. Heimgekehrt, sahen sie ihr Gebet erhört: der Mutter Herz war erleichtert; sie empfing wohlgerüstet die Sakramente und in kurzer Zeit stand sie wieder als sorgende Mutter im Kreise ihrer Angehörigen.

1810. Joseph Ludwig Heymo aus dem Kanton Freiburg bezeugte: "Ich hatte eine Tochter, die an einem Auge erblindet, heftige Schmerzen litt. Die Ärzte erklärten das Augenlicht für verloren. Wir versprachen eine jährliche Wallfahrt nach Rickenbach, wenn durch Maria Hilfe käme. Ich unternahm die Reise sogleich. Während meiner Abwesenheit klärte sich das kranke und schon erloschene Auge wieder, und bei meiner Heimkehr fand ich die Tochter zu meiner unaussprechlichen Freude an beiden Augen frisch und gesund."

1816, den 11. Sept., segelten Weibel Anton Baumgartner, sein Sohn und der Landjäger Alois Achermann von Buochs nach Altdorf. Da erhob sich plötzlich der Föhn so gewaltig, daß er das Schiff umschlug und die Insaßen ins Wasser stürzten. In höchster Gefahr riefen sie zur Mutter der Bedrängten und gelobten Wallfahrt und Votivtafel nach Rickenbach. Keiner verlor die Gesitesgegenwart. Alle drei, der Knabe zuerst, konnten den Schiffsboden erklettern und sich festklammern, trotz dem mächtigen Schlag der Wellen. Ihren Hilferuf hörte man in Gersau, und bald erschien ein Rettungsboot, nahm sie auf und brachte sie glücklich ans Land.

Das Jahr 1816 soll uns überhaupt einen Begriff geben vom großen Ruf, den Maria Rickenbach damals besaß. Die Chronik erwähnt einläßlich folgende Gnadenerweise: Josef Klingler, Kriens, von altem Fußleiden befreit. Balthasar Imfeld und Frau, Giswil, vom Nervenfieber geheilt. Jakob Schärers Frau, gefährliches Augenleiden. N. Holdener aus Schwyz, schweres Anliegen. Franz Peyer, Schüpfheim, Errettung in großer Brandgefahr. Barbara Renggli aus Schüpfheim, schwere Geburt. Franz Achermann, Knutwil, Milzbrand und ansteckende Lungensucht beim Vieh. Die Tiere gesundeten, "ohne Gebrauch der bey Handen habenden Arzney Mitteln". Josef Heini aus Sempach, Grimmen. Frau Katharina Birrer aus Luthern, Gliederkrankheit, 6 Ärzte ohne Erfolg gebraucht alsbaldige Heilung nach gelobter Wallfahrt. Barbara Meyer, Kriens, Nervenfieber. Johann Lustenberger und Frau, Wolhusen, schwere Krankheiten. Ungenannt in schwerem seelischen Anliegen. Frau M. A. Eglin aus der Stadt Luzern, Fußleiden. Maler Zemp von Schüpfheim, Magenkrampf. Unternährer von Schüpfheim, Fußleiden. Frau M. A. Renggli von Entlebuch, Nervenfluß, und deren Tochter Barbara, seit 2 Jahren eigroßes Übergewächs an der Hand; verschwand in kurzer Zeit. Anton Roggers Frau, Sursee, in äußerster Gefahr. Heinrich Schwegler, Hergiswil, Luzern, Fieber und Komplikationen. Leonz Wiß von Hochdorf, Fall von der Heubühne.

Bei allen diesen sind die näheren Umstände, die Zahl der Ärzte, oft deren Namen, deren Hilflosigkeit und die schnelle, überraschende Heilung nach Gelöbnis der Wallfahrt angegeben. Die Luzerner, vorab die Entlebucher, waren scheints der Mutter Gottes von Rickenbach besonders lieb.

Ähnliches erzählt die Chronik von allen jenen Jahren.

1829. Die Geschwister Joseph und Ida Eberhard von Sattel, Kanton Schwyz, kamen mit ihrer geisteskranken Schwester Marie Anna. Sie wollten sie in die Kapelle führen, doch die Kranke weigerte sich hartnäckig, und sich losreißend, eilte sie ins Wirtshaus. Joseph und Ida grüßten zuerst das Allerheiligste und die Gnadenmutter. Als sie ins Wirtshaus kamen, lag Maria Anna bereits im Bette. Am Morgen baten sie die Kranke mit ihnen zur Kapelle zu kommen. Trotzig kehrte sie ihnen den Rücken. Tiefbetrübt gingen sie allein, empfingen mit Andacht die hl. Sakramente und der Priester las die heilige Messe für die Leidende. Zurückgekehrt sahen sie die Schwester angekleidet vor dem Bette knien und weinen. "Was gab mir Gott doch für ein Glück", sprach sie aufstehend, "sehet, ich bin gesund. Danken wir Gott und Maria." Maria Anna blieb bei gesundem Verstande bis an ihr Lebensende 1833.

1846. Am 21. Sept. wallfahrtete die Gemeinde Wolfenschießen dankerfüllt zum Throne der Gnadenmutter, weil die große und mehrere Tage dauernde Überschwemmung wunderbar abgewendet worden war, nachdem die Geistlichkeit eine Wallfahrt gelobt.

1850. Den 25. April kehrte ein Herr von einer Beerdigung im Fuhrwerk nach Meierskappel zurück. Plötzlich scheute das Pferd und warf ihn vom Sitze. Beim Falle verwickelte sich sein Fuß ins Leitseil und er wurde daran nachgeschleift. In höchster Lebensgefahr rief er: "O Maria!" Wie von unsichtbarer Hand festgehalten, stand das Pferde still, schweißtriefend und am ganzen Leibe zitternd. Der Fuhrmann trug nicht die geringste Verletzung davon. Eine Votivtafel zeigt das Ereignis. Viele Jahre nachher sagte der Mann zum Wallfahrtspriester: "So lange mich die Füße tragen, komme ich jährlich der Gottesmutter zu danken."

1851. Meggen, den 10. Febr. "Schon einige Jahre litt ich an einem Übel, das von augenblicklicher Bewußtlosigkeit begleitet war. Es stellte sich häufiger und heftiger ein. Im März vorigen Jahres entwickelte es sich zu einer bedenklichen Krankheit. Von da an trat es täglich zwei- bis dreimal auf und die Bewußtlosigkeit dauerte oft etliche Minuten. Heftige Kopfschmerzen und Mattigkeit waren die Nachwehen. Die ärztliche Kunst war vergebens. Im Juni unternahm ich eine Wallfahrt nach Rickenbach. Von da an stellte sich das Übel seltener, aber heftiger ein. Alle Hoffnung hatte ich auf die Barmherzigkeit Gottes gesezt, die ich durch die alles vermögende Fürbitte Marias zu erflehen hoffte. Zu diesem Zwecke unternahm ich den 15. Oktober eine zweite Wallfahrt. Der Tag, es war der 17. Oktober, an dem ich allda die hl. Kommunion empfing und Maria, die Helferin der Bedrängten, um ihre Fürsprache anrief, war der letzte, an dem sich das Übel zeigte." Anton Glanzmann, Bezirkslehrer.

1856. Kaspar Engelberger von Stansstad, ledig, hatte über 10 Jahre in römischen und neapolitanischen Diensten zugebracht und das Soldatenleben mitgemacht. In den letzten zwei Jahren mit Brustleiden behaftet, empfand er große Sehnsucht nach dem Heimatland und gelobte, nach Rickenbach zu gehen oder wenigstens jemanden zu schicken, wenn Maria, die Zuflucht der Sünder und Trösterin der Betrübten, ihn heimgelangen lasse. Am 5. März erreichte er Stansstadt, aber so erschöpft, daß man sich wunderte, wie er die weite Reise durch die Post ausgehalten. Auf dringlichen ärztlichen Rat, sich bald versehen zu lassen, beichtete er reumütig am 7. März, empfing tags darauf am Passiossonntag mit Andacht die heiligen Sterbsakramente und am 9. früh gab er sanft den Geist auf.

Ein Jüngling aus Gerliswil wurde vom Veitstanz befallen. Krämpfe verzerrten die Muskeln der äußern Glieder, so daß er das Aussehen eines Tanzenden und Springenden bekam. Das Übel hatte einen solchen Grad erreicht, daß man keine Hoffnung mehr hegte, selbst die Ärzte nicht. In dieser Lage nimmt der Jüngling seine Zuflucht zu einer Wallfahrt. Er kommt zu mir und gibt mit gebrochener, kaum verständlicher Stimme zu erkennen, daß er beichten möchte. Die Beicht ging gut von statten. Aber bald nachher setzte ein fürchterlicher Anfall ein. Seine Glieder wurden erschüttert, er wurde bald zur linken, bald zur rechten hingerissen, am öftersten gar in die Höhe hingezogen. Dabei gab er ein durchdringendes Geschrei von sich gleich dem Gebell eines H... - Nicht lange nachher kommt der Jüngling mit einer schönen Votivtafel auf den Gnadenberg, er gewahrte keine Spur mehr von dem Übel.

1862. Eine Mutter von Dallenwil war mit einem achtjährigen stummen Mädchen zur Gnadenmutter gepilgert. Lange betete sie. Aus der Kapelle getreten, rief das Kind ganz deutlich: "Mutter". "Hast du mir gerufen, mein Kind?" fragte überrascht die Mutter. "Ja, Mutter", entgegnete das Kind, und war von dieser Stunde an der Sprache mächtig. Zeugen: Pater Ignatius Odermatt und Pater Joachim Brunner.

1870. Ärztliches Zeugnis. Unterfertigter bezeugt, daß Jgfr. M. Brun, Näherin in Romoos, seit längerer Zeit an einem vitium cordis - Klappenfehler im Herzen - leidet, infolgedessen selbe nur mit großem Nachteil sich Anstrengungen aussetzen kann. Schüpfheim, den 20. Juni 1863. Jos. Fischer, Arzt

Aus dem pfarramtlichen Bericht vom 25. Herbstmonat 1870: "... sie wurde wegen zunehmendem Herzleiden einigemale versehen.. Der Arzt sagte ihr, daß sie einmal unterwegs, besonders bergaufwärts, tot niederstürzen könnte. - Im festen Glauben, die Gnadenmutter in Maria Rickenbach werde ihr helfen, entschloß sie sich zu einer Wallfahrt. Am Pfingstmontag, 6. Juni 1870, machte sie sich in Begleitung von drei Personen auf, und zwar Morgens 4 Uhr zu Fuß nach Luzern, mit dem Dampfschiff nach Stansstad und von da über Stans nach Büren. Von hier war sie schon in zwei Stunden gesund und aufgeheitert in der Gnadenkapelle. Sie lief ihren Begleiterinnen immer vor, fühlte nicht die geringste Beschwerde; um 4 Uhr oben angelangt, gingen sie, bevor sie sich eine Stärkung zukommen ließen, in die Gnadenkapelle und verweilten da zwei Stunden. - Andern Tags kehrte sie gesund und geheilt nach Romoos zurück. - Nach 14 Wochen ging sie wieder mit den gleichen Begleiterinnen nach Rickenbach in die Exerzitien. Auf der Rückkehr marschierte sie in einem Tag von Rickenbach bis Heiligkreuz (1 Stunde ob Hasle, Entlebuch). Von dort nach Hause zurückgekehrt, erfreut sich Maria Brun ihrer vollen Gesundheit..." Romoos, den 25. Herbstm. 1870. Der Ortspfarrer K. Keiser. Daß alles sich so verhält, bezeugt Maria Brun, als Zeugen: Anna Marbacher, Marie Emmenegger und Anna Emmenegger. Die Richtigkeit der Unterschriften bezeugt unter obigem Datum der Gemeindeammann: Anton Koch.

1880. Im Sommer stellte sich in der Kaplanei ein junger, blinder Mann ein, geführt von seinen zwei Schwestern. Er bat, eine Schuld vor Zeugen bekennen zu dürfen. "Vor einigen Jahren erblindete ich fast plötzlich. Beim Schlafengehen betete ich innigst zu Maria um Wiedererhaltung des Augenlichtes und versprach, im Falle der Erhörung nach Rickenbach. Am Morgen waren meine Augen hell und klar, ich sah wie ehedem. Drei Jahre waren hin und mein Gelöbnis noch nicht gelöst. Plötzlich erblindete ich wieder. Bitter meinen Leichtsinn bereuend, rief ich abermals zur Mutter der Barmherzigkeit mit festem Vorsatz, nach Heilung sofort mein Versprechen auszuführen. Der Morgen kam, und wieder besaß ich das volle Augenlicht. Zum zweiten Male war mein Versprechen eine Lüge. Abermals sind's drei Jahre, und ich erblindete zum dritten Mal. Jetzt blieb mein Bitten, mein Geloben fruchtlos Blind bin ich hieher gekommen, um öffentlich meine Schuld und Undankbarkeit gegen die Gottesmutter zu bekennen, um vielleicht nochmals Hilfe zu erhalten. Helft mir beten!" Es betete das Volk mi inniger Teilnahme, und die zwei anwesenden Priester opferten die hl. Messe für das Anliegen, doch der Arme ging blind nach Hause.

1903. Wunderbaren Schutz erhielten Pilgerhaus und Kaplanei samt Kapelle am Pfingstmontag, den 1. Juni 1903, beim Brande des Hotel "Engel". Wir lassen Alfred Jann sprechen im Protokoll: "Etwas nach 8 Uhr abends war in Stans die Schreckenskunde verbreitet worden, es brenne in Maria Rickenbach. Eine gewaltige, kerzengerade aufsteigende Rauchsäule über der Gibelalp, die glühendroten Felsenpartien der Musenalp und der im Feuerschein eingetauchte Brisen bestätigten die Schreckensnachricht im vollen Umfange. Bald wurde die bereitwilligst auf dem Dorfplatze eingetroffene zahlreiche Hilfsmannschaft mit Extrazügen nach Dallenwil befördert. Von Oberdorf, Büren, Dallenwil, Wolfenschießen, Wiesenberg und von den um Rickenbach liegenden Alpen eilten Jung und Alt nach der Brandstätte. Kinder und Frauen beteten auf offener Straße in Dallenwil in bangen Sorgen und mit ängstlich nach dem Gnadenort gerichteten Blicken stundenlang laut den Rosenkranz. Bis zur Ankunft der Hilfe vom Tale machten die in größter Aufregung befindlichen Bewohner von Maria Rickenbach mit den anwesenden Pilgern von Merlischachen riesenhafte Anstrengungen, um zu retten was zu retten war. Das Pfrundhaus und die Gnadenkapelle waren in größter Gefahr, am meisten aber gefährdet war das Pilgerhaus, dessen dem Brandobjekte zugekehrte Dachseite fataler Weise - der Reparatur halber - vollständig abgedeckt war. Dazu kam, daß keine anderen Löschgerätschaften vorhanden waren außer einer kleinen Kübelspritze und einer von Schwanden her mit größter Mühe auf die Brandstätte geschafften Buttenspritze, die denn auch ausgezeichnete Dienste leistete.Und trotz der enormen Gefahr blieb die Kapelle vollständig intakt und Pfrund- und Pilgerhaus erlitten verhältnismäßig nur geringe Beschädigungen. - Diese wunderbare Erhaltung und Beschützung unseres Gnadenortes soll uns alle neuerdings aneifern, für Maria Rickenbach zu schaffen und zu arbeiten."

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Es ist unmöglich, alle Dankeszeichen zu zählen und zu nennen. Noch tiefer ist uns der Blick verschleiert in das unsichtbare Gnadenwalten.

Von den Dankeszeichen sind viele nicht mehr vorhanden. Vorab die ältesten werden zahlreich dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen sien. Von den nach dem Franzoseneinfall abgeforderten 294 silbernen Votiven z.B. haben nur mehr zwanzig den Heimweg gefunden.

Was uns auf den Votiven immer wieder entgegenblickt, auf Leinwand, Holz oder Glas, Seide oder Silber - es ist das Bild Mariens; was laut vernehmbar aus ihnen klingt, ist innige Dankbarkeit, Glaubenskraft und heiliges Seelenglück. Gewiß erklärt der Schreibende, der Vorschrift der Kirche gemäß, für alle hier gemeldeten Tatsachen rein menschlichen Glauben zu beanspruchen und sich in jeder Hinsicht dem Urteile der Kirche zu unterwerfen. Aber die Tatsache steht historisch fest, daß Maria von Rickenbach weit herum verehrt worden ist, in ungezählten Fällen angerufen wurde und daß viele, viele dankerfüllt, getröstet und merkwürdig schnell geheilt hierher gekommen sind und einzig Marias Fürbitte ihre Rettung zugeschrieben haben. Und so singen diese Dankeszeichen stetsfort ein lautes Jubellied von der gütigen wohltatenspendenden Mutter im Himmel.

Die Stimme der Wallfahrtspriester

Den ersten ständigen Seelsorger erhielt Maria Rickenbach im Jahre 1776. Verleiher der Pfründe waren die Korporationsbürger zu Büren. Später erhielten auch die Alpbesitzer ein Mitspracherecht zur Wahl, da sie sich nämlich auch zu Beiträgen verpflichteten.

In der von Wallfahrtskaplan Jakob Kaiser begonnenen Chronik finden wir die meisten Seelsorger vertreten (einige zählten bloß als Aushilfen über einen Sommer oder haben aus andern Gründen die Aufzeichnungen nicht fortgesetzt).

Ihren Geist verraten die Chronisten gewöhnlich mit einleitenden Sätzen, wenn sie ihr Amt antreten. Ganz ausführlich setzt sich Jakob Kaiser mit seiner Aufgabe auseinander.

Im Vorwort zur Chronik schreibt er 1802:

"Um die Ehre Marias der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter, welche seit mehr als zwei Jahrhunderten hier zu Niederrickenbach einen besondern Thron der Gnaden aufgeschlagen, zu vermehren, habe ich es als meine Pflicht angesehen, auf alles, was auf hiesigen Gnadenort Bezug hat, aufmerksam zu sein, es sorgfältig zusammenzutragen und als Buch der Nachwelt zu hinterlassen.

In dieses Buch gedenke ich unter dem Titel: "Das Heil der Kranken, Maria, die Gnadenmutter in Niederrickenbach" die Guttaten einzutragen, welche das unbegrenzte Vertrauen der Bresthaften und Hilfsbedürftigen aller Art durch die allvermögende Fürsprache der Gnadenmutter erhalten hat.

Erstlich muß ich erinnern, daß die eingetragenen Guttaten nicht alle mit den Kennzeichen wahrer Wunder versehen sind. Doch folgt daraus keineswegs, daß man sie nicht wenigstens für besondere, durch die Fürbitte Marias erlangte Gnaden ansehen könne. Denn wenn auch jeder fromme Christ die Genesung aus schwerer Krankheit, Rettung aus Todesgefahr und dergleichen, wenn dabei auch bloß menschliche und natürliche Mittel angewendet worden sind, billig für Gnade des Himmels ansieht, wie vielmehr soll man sie als solche erkennen, wenn dazu nur geistliche Mittel - Gebet, Anrufung, Gelübde, Wallfahrten - gebraucht worden sind?

Zweitens muß ich in Ansehung der historischen Wahrheit dieser Wunder und Guttaten anmerken, daß ich deren mehrere aus den vorfindlichen Aufschriften der Votivtafeln der ältern und der jetzigen Kapelle, einige aus einem Verzeichnis meines Vorgängers Herrrn Kaplan Joh. Kaspar Filliger entnommen und wieder einige aus dem Munde dankbarer Pilgrime selbst vernommen habe. Und dabei verspreche ich mir von dem vernünftigen und christlichen Leser wenigstens so viel Achtung, daß er mich weder einer übereilten Leichtgläubigkeit, noch einer wissentlichen Untreue beschulden werde. Ich bin gänzlich überzeugt, daß durch falsche Wunder Gott nicht nur keine Ehre zuwächst, sondern im Gegenteil ihm und seiner auf die Wahrheit gegründeten Kirche vielmehr eine große Beschimpfung zugefügt wird.

Drittens muß ich um der Ehre Gottes und seiner jungfräulichen Mutter Maria willen meine Herren Nachfolger dringend bitten, daß sie, wenn Pilger mit Votivtafeln oder andern Opfern für erhaltene Wohltaten kommen, sie genau ausfragen und untersuchen, ob die Guttat aus allen Umständen als ein eigentliches Wunder angesehen werden könne und müsse. Dann sollen sie das Ereignis durch die geistlichen Obern jener Personen schriftlich bestätigen lassen. Eine einzige auf solche Weise untersuchte und belegte Wohltat ist von größerem Gewicht als hundert andere.

Viertens empfehle ich mich deinem mächtigen Schutz und deiner allvermögenden Fürbitte, o himmlische Mutter Maria, der zur Ehren ich als ein zwar unwürdiges, aber aufrichtig liebendes Pflegekind diese Arbeit angefangen habe und fortzusetzen gedenke, so lange es deinem göttlichen Sohne belieben wird, mich hier bei deinem Gnadenthron arbeiten zu lassen. Vor allem aber erwirb mir die letzte und größte der Gnaden, selig zu sterben, - die ich nie verdienen könnte - damit ich einst im Himmel mit dir und mit allen Engeln und Heiligen Gott den Vater, Schöpfer Himmels und der Erde, und jenen, die du uns seiner angenommenen menschlichen Natur nach geboren: Jesum Christum seinen einzigen Sohn, unsern Herrn und Erlöser, samt dem Heiligen Geiste, der uns geheiligt hat, ewig lieben, loben und preisen möge. Amen.

Rickenbach, den 14. Brachmonat 1802, Jakob Kaiser, Kaplan des Orts, vormals durch 7 Jahre Mitglied der apostolischen Schweizermission und 5 Monate vor der Revolution Kaplan zu Stans."

(Fortsetzung folgt)


Transkription: P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell