Aus dem Immaculata-Archiv:


MARIASTEIN

Seine Geschichte und sein Heiligtum
Seine Gäste, Seine Ablässe und Gottesdienste

Herausgegeben mit Erlaubnis der Ordensobern von
P. Willibald Beerli O.S.B.

Im Selbstverlag - 1935


In Ehrfurcht und Liebe gewidmet dem hochw. gnädigen Herrn Augustinus Borer O.S.B., Abt von Mariastein zu St. Gallus in Bregenz.

Vorwort

Diese kleine Schrift ist ihrem Zwecke entsprechend keine historisch-kritische Geschichte des Klosters und der Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau im Stein. Sie soll vor allem dem Pilger zum Gnadenort ein Wegweiser sein und musste deshalb volkstümlich gehalten werden. In Ermangelung einer eingehenden Kloster- und Wallfahrtsgeschichte soll dieses kleine Werklein, das auch wegen des Preises in kleinem Rahmen gehalten werden muss, vorläufig Ersatz bieten allen jenen, die sich um die Geschichte des Klosters und der Wallstatt interessieren. Es ist nicht nur eine verbesserte Auflage meiner Schrift vom Jahre 1926, sondern eine vollständige Umarbeitung in Inhalt und Anlage.

Mariastein, am Feste aller hl. Benediktiner 1934.

P. Willibald Beerli O.S.B.


Approbation

Recht gerne gebe ich dem Büchlein "Mariastein", Seine Geschichte, sein Heiligtum, seine Gäste, seine Ablässe und Gottesdienste", meine Approbation und entbiete zugleich allen seinen Lesern herzlichen Gruss und Segen.

Schon des Verfassers letztes Werklein: "Die Wallfahrt von Mariastein" hat überall verkündet, wie Gott der Herr auf die Fürbitte unserer lieben Gnadenmutter so überaus gütig und gnädig war in der Geschichte des Klosters Mariastein. Seit der Herausgabe des letzten Büchleins sind in Mariastein grosse Dinge geschehen: Die Kirche wurde vom Apostolischen Stuhle zur Basilika erhoben und das Gnadenbild vom päpstlichen Nuntius feierlich gekrönt. Und die Wallfahrtskirche hat ein ganz neues Gewand bekommen durch die Bemalung, so dass selbst solche, die Mariastein längst kannten, den Eindruck nicht verwischen können, es sei eine ganz neue Kirche geworden.

Für die treffliche Renovation gebührt die Ehre dem unermüdlichen Vorsteher des Heiligtums, H. P. Willibald Beerli, der Mittel und Wege zu finden wusste, unsere Gnadenstätte zu einem der schönsten Heiligtümer der Schweiz zu machen, der mit seinem Stabe treuer Mitarbeiter stets bemüht ist, den Wallfahrtsbetrieb den Bedürfnissen der Zeit entsprechend zu gestalten. Ihm und ihnen allen, wie auch allen Wohltätern herzinnigen Dank! Der Segen des Himmels und der Schutz der Gnadenmutter möge ihre Arbeit befruchten zum Heil und Segen der Pilger.

Bregenz, am Feste der Unbefleckten Empfängnis 1934.

+ Augustin Borer O.S.B.
Abt von Mariastein zu St. Gallus in Bregenz.

Diese Empfehlungs- und Dankesworte wurden auf speziellen Wunsch des Gnädigen Herrn hier eingereiht.


I. Seine Geschichte

Auf romantischen Felsen des an Höhlen und Klüften reichen Jura-Gebirges erhebt sich heute das Heiligtum der Mutter Gottes von Mariastein, das wie ein Leuchtturm hinausschaut in die nahe Umgebung, aber auch geistiger und seelischer Leuchtturm ist für Tausende von Menschenherzen aus verschiedenen Ländern. Und merkwürdig! Je mehr die Gottlosigkeit in der Welt um sich greift und sich breit macht, desto mehr pilgern treue Christusjünger hin zum Gnadenthrone der göttlichen Mutter, den sie einst vor Jahrhunderten sich selbst auserwählt und durch ihre Erscheinung geheiligt hat.

Eine ganz eigenartige Poesie umgibt den heiligen Ort Mariastein. Obwohl nicht fern von der Grossstadt Basel, liegt eine wunderbare Ruhe über dem hl. Felsen und seiner romantischen, zur Andacht stimmenden Grotte, und der Pilger fühlt sich geborgen und gehoben in der Felsenkapelle von Mariastein. Nicht nur äussere Poesie umgibt das Heiligtum, nein, die ganze Entstehungslegende atmet überirdisches Walten auf dem hl. Berge.

Nicht können Tag und Jahr des Ursprunges der Wallfahrt von Mariastein genau angegeben werden -- man nimmt das Jahr 1380 an --, aber gar lieblich ist die Schilderung der Entstehung des mariasteinischen Gnadenortes.

Der alte Kloster-Geschichtsschreiber P. Dominicus Ginck erzählt in seiner, aus dem Jahre 1693 stammenden Chronik folgende Begebenheit:

"Als eines Hirten Weib bey der Gegend dises Thals in obgedachtem Eychwald eine Heerd Vichs hütete / ist selbige bey allzuhitzig-stechenden Sonnen-strahlen / mit welchen damals zu höchster Sommers Zeit diser fewrige Planet allerhefftigst auff die Erden spihlete / endlich veranlasst worden / sich um ein erquickend / kühl / und schattechten Ort umzusehen: Massen dann hierzu eine nechst und wolgelegene Steinklufft eines holen von Natur selbsten aussgekünstleten Felsens sich sehr bequemlich erzeigte: Machte sich ohne weitere Sorg mit ihrem bey sich habenden Kind unverweilt hinunder / sich in diser kühlschattreichen Felss zu erfrischen / sintemal die unerträgliche Hitz ihro aller mit Schweiss überrunnen ohne das hurtige Füss machte; warffe also in Begleitung ihres Kind den abgematteten Leib alldort zur Erde nieder. Was geschicht? das / was gemeinlich einem von Hitz und Arbeit erlegenen Menschen: der Schlaff war nur zubald under solchem anreizenden Schatten-Dächlein / hinderschleicht und übernimmt das gute Weib / welches dann alsbald eingeschlaffen / Wacht und Sorg über die grasende Heerd Gott einfältig vertrauend / wusste aber indessen nichts von einigem Unglück / noch weniger traumete ihr davon / was gestalten das auffsetzige und schlipfferige Glück ein wachtbares Schalcks-Aug auff ihr mithabendes Kind / welches sie gar wol versorget zu seyn vermeinte / warffe. Als nun die fromme Mutter jetzt aller Sorg frey da ein gute Weil schlieffe und aussrastete / lieffe inmittels ihr unruhiges Kind in disem holen Felss herum / biss endlich als es auss angeborner Fürwitz in das tieffe Thal wollte hinab schawen / es auss kindischer Unachtsamkeit sich zu weit über den Felss hinauss gewagt / gählings gestrauchelt / entschlipft / und über den stutzigen Felss in das vier und zwantzig Klafter tieffe Thal (O grausamer Fahl!) plötzlich hinunder geschossen.

Demnach nun die Mutter zu genügen schlaffen / und widerum erwachet / giengen alsobald ihre ersten Gedanken nach ihrem hinderlassenen Kind / wie es um dasselbige stehe; da sie aber hin- und her-sehend selbiges weder sehen noch hören oder anderwerts verspühren könnte / erschracke sie über die massen / bildete ihr nach langem Suchen und Ruffen / nichts anderes ein / als müsse das unbehutsame Kind in das tieff und schroffächtige Thal gefallen seyn / wie es dann auch ware: Laufft derohalben aller entrüst und angsthafft in höchstem Herzleyd durch einen rauch und stutzigen Umweg in das Thal hinunder ihr arm-unglückseligges / wo nicht in Stücke zerfallenes / aufs wenigest doch todes Kind für ein ungezweiffelte Leich auffzuheben / und zur Erden zu bestatten. Aber o unverhofftes Wunder! Nachdem die betrübte Mutter in das Thal gelangt / an statt da sie ihr nichts anders einbildete / als ein hertzbrechendes Traurspihl / sihe! da fande sie mit frölichem Anblick ihr tausent liebes Kind gantz unverletzt / frisch und gesund mit frewdigen Geberden Blümlein brechend.

Die Mutter von so unverhofftem Anblick theils vor Frewden / theils vor Verwunderung aller erstaunet / wusste nicht / ob sie ihren Augen glauben / oder die Sach in Zweiffel ziehen sollte? biss dass sie endlich sich um etwas erholend gefragt: Ey mein Kind / wie finde ich dich allda? Wie kommt es doch? Ja wie ist es je möglich / dass dir in so grausamen Fahl kein Leyd geschehen / noch widerfahren? Tausend- für einmal hättest du sollen zerschmettert und zerfallen seyn; sag mir / wie bist du dannoch in solchem Fall mit deinem so zart und wuntzigem Leben davon kommen / dass ich dich jetzt da frisch und gesund finde und antriffe? Ach liebe Mutter / antwortet das Kind / Ja freylich mehr dann tausent- für einmal hätte ich sollen von so erschröcklichem Fall natürlicher weiss um mein junges Leben kommen seyn / wann nicht ein überauss schön hellglantzende Jungfrau gleich wie die Sonn von gar vil lieben Engeln begleitet und umgeben / in währendem Fahl mich in Ihr Jungfräwlichen Schos empfangen / und wie du nun sihest / mich beym Leben erhalten hätte / darum ich jetzt allhier dise Blümlein abbriche und samble / ihro zu Lob u. Danck ein schönes Ehren-Kräntzlin zu flechten und zu verehren: Dann ebendise so liebreiche Jungfraw hat mir gesagt / sie seye Maria die Mutter Gottes / und Himmelskönigin / und habe disen Ort und holen Felss / von dem ich bin herunder gefallen / Ihro zu einer heiligen Wohnung ausserwöhlet / allwo Ihr gebenedeyter Nam immer sollte gepriesen werden: hat auch versprochen / Sie wölle allen denjenigen / so sie in disem Stein oder Felss inbrünstig anrufen / und andächtig besuchen werden / alle erwünschte Hilff und Gnad bey Ihrem liebsten Sohn für gewiss aussbringen und erlangen, Dessen dan zu einem ungezweiyffelten Warzeichen habe sie mir in so entsetzlich hochen Fahl der Ursachen halber das Leben geschenkt und erhalten / auff dass ich disen Ihren endlichen Willen / in Ansehen dises gross an mir erwiesenen Wunderwercks aller Welt ehest solte offenbar machen und aussbreiten. darauff Sie eben aller erst in selbem Augenblick / da du zu mir kamest / mit herrlichem Glantz in den Himmel gestiegen / und vor meinen Augen verschwunden."

Dass dieses Ereignis nicht verborgen bleiben konnte, ist selbstverständlich. Die glückliche Mutter gab ihrer Freude Ausdruck und erzählte von der wunderbaren Errettung ihres Kindes. Wie ein Magnet zog in Zukunft die Felsenhöhle von Mariastein die gläubigen Seelen an. In kurzer Zeit stieg die Hochschätzung, Liebe und Andacht, und auch die Freigebigkeit der Pilger ermangelte nicht, so dass in kurzer Zeit eine Kapelle errichtet werden konnte, zumal ja die Natur eigentlich Baumeisterin war und es nicht grossen Aufwand erforderte, die Höhle in eine Kapelle umzuwandeln. Besonders tat sich da ein edler Ritter aus dem Hause Landenberg mit seiner Freigebigkeit hervor, so dass darin Altäre errichtet und eingeweiht werden konnten.

Vor allem aber trachtete man darnach, ein schönes Marienbild, aus Stein kunstreich gehauen, in der Kapelle anzubringen zum ewigen Gedächtnis der wunderbaren Begebenheit. Der alte Chronist schildert das Bild, das nach der Schilderung das heutige Gnadenbild sein muss, mit folgenden Worten: So ist diese braunlecht / doch etwas mit Rosen- oder Leibfarb undermengt / und lächlendem Angesicht, also dass selbiges ohne sonderbahre Hertzens Erquickung nicht kan angesehen werden / so je mein Pilger / dein Aug einfältig / und dein Hertz auffrichtig ist, die jemals solches begrüsst und gesehen haben / können es besser aussagen / als wir beschreiben: Sonsten sitzet ehrengemelte Bildnuss drey Schuh hoch / gleichwol jemand ihm solches stehend / wegen heut zu Tag herrelichem Geschmuckskleydung möchte einbilden: Auff dem rechten Armb halt sie ihr Jesus Kindlein über die massen lieblich und holdselig seine Aüglein gegen dich schiessend, in der Schos tragt sie die Weltkugel, die linke Hand darob haltend / als ein getrewe und hochmächtige Beschützerin ihres Reichs-Apfel: Ist kurz zu sagen sehr anmühtig, süss, lieb- und trostreich anzusehen.

Zu gleicher Zeit wurde über dem Felsen eine Behausung für einen Einsiedler gebaut, der den hl. Ort betreuen und bewachen sollte. Der erste Einsiedler soll jenes gerettete Kind gewesen sein. Später betreuten die Pfarrer von Metzerlen und Hofstetten den hl. Ort. Da aber die Grenze nicht bestimmt war und jeder der beiden meinte, die Wallfahrt befinde sich in seiner Pfarrei, gab es des öfters Händel unter ihnen.

Der Wunderfelsen vom Stein lag in der Herrschaft Rotberg. Da die Andacht zur Mutter Gottes an diesem Orte von Tag zu Tag zunahm, stiftete der hochherzige und fromme Arnold von Rotberg, Bürgermeister der Stadt Basel, eine Pfründe für einen Priester, der dort die Messe lesen und den erforderlichen Gottesdienst halten sollte. Dieses sein Vorhaben liess Arnold von Rotberg den damals in Basel versammelten Konzilsvätern vortragen und diese bestimmten am 14. März 1442, dass der Generalvikar von Basel, Peter zum Luft, dafür besorgt sein soll, dass die Pfründe mit einem Wallfahrtspriester im Stein errichtet werden solle, der unabhängig von jeglicher Pfarrei sei und direkt unter dem Bischof stehe.

Mariastein wurde immer mehr berühmt, die Zierden und Kirchen-Ornamente mehrten sich, bis eine Freuersbrunst alles vernichtete, Kapelle und Pfrundhaus. Der Pfrundherr musste den Stein verlassen, und einige Zeit blieb die Wallfahrt verödet, bis Bischof Johann von Veningen sich ins Mittel legte. Nach dem Ableben des Ritters Arnold von Rotberg und seiner Gemahlin Clara Rötlin übergab er im Einverständnis mit dessen Tochtermann Peter Reich von Reichenstein und seiner Frau Margaretha von Rotberg die Wallstatt Mariastein mit aller Zubehör den Augustiner Mönchen von Basel durch den Geheimkämmerer des Grafen Karl von Burgund und der Kurie von Basel, Peter von Hagenbach.

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)