Aus dem Immaculata-Archiv:


DIE LIEBE RUFT

Botschaft des Herzens Jesu an die Welt

und ihre Künderin

Schwester Josefa Menéndez
aus der Gesellschaft der Ordensfrauen vom Heiligsten Herzen Jesu
1890 - 1923

Auszug aus dem gleichnamigen Buch von H. Monier-Vinard S.J.


SCHWESTER JOSEFA MENÉNDEZ

Im Kloster "Les Feuillants" zu Poitiers starb am 29. Dezember 1923 Schwester Josefa Menéndez im Alter von 33 Jahren eines heiligmäßigen Todes. Als bescheidene Laienschwester der Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu hatte sie nur vier Jahre verborgen im Orden gelebt. Allem Anschein nach gehörte sie zu denen, deren Name der Welt auf immer unbekannt bleiben und deren Bild selbst im Gedächtnis der Mitschwestern rasch verblassen sollte. Doch im Gegenteil, kaum zwanzig Jahre nach ihrem Tode beschäftigt sich die ganze Welt mit ihr. In Amerika, in Afrika, Asien und Ozeanien ruft man sie eifrig an und lauscht mit Andacht und Ehrfurcht der Botschaft, die sie im Auftrag des Herzens Jesu den Menschen vermittelt hat.

Im Jahre 1938 erschien im Verlag des Gebetsapostolates zu Toulouse unter dem Titel "Un Appel à l'Amour" das Wesentliche dieser Botschaft. Kardinal Pacelli, der heute unter dem Namen Pius XII. glorreich regiert, war gern bereit, in einem brieflichen Vorwort allen die Lesung anzuempfehlen. Fünf Jahre später wird dringend eine vollständige Biographie gefordert. Man will ein so reiches und so verborgenes Leben, in dem gerade menschliches Unvermögen den Glanz göttlicher Wirksamkeit wunderbar hervortreten läßt, in allen Einzelheiten kennenlernen.

Die zweite, vollständigere Auflage des Buches erfüllte dieses berechtige Verlangen. Sie wurde auf Grund der Aufzeichnungen verfaßt, die Schwester Josefa Tag für Tag im Gehorsam niedergeschrieben hat. Sie ist umso glaubwürdiger, als diese Aufzeichnungen durch die genaue Erinnerung der Zeugen ihres Lebens, der Oberin und der Assistentin im Hause zu Poitiers und des hochwürdigen Dominikanerpaters Boyer, ihres Seelenführers, bestätigt werden.

Man wird das Buch mit großem Interesse zur Hand nehmen, mit Ergriffenheit und Bewunderung lesen und mit dem festen Willen schließen, besser zu werden und endlich Gott zu lieben, der eine so große Liebe zu Seinen Geschöpfen offenbart.

Alles spricht hier von der wunderbaren Liebesvorsehung Gottes.

Die Heilige Schrift zeigt Ihn uns in den Psalmen, wie Er mit steter Wachsamkeit den Menschenkindern nachgeht, auf ihre Werke schaut und die leisesten Regungen ihres Betens beantwortet; liebevoll neigt Er sich Seinen widerspenstigen Kindern zu. Von Anbeginn spricht Er durch Seine Wunder und durch die Stimme Seiner Propheten bis zu dem Tage, an dem Er selbst herabkommt, im Schoße der Jungfrau Maria eine menschliche Natur annimmt und den Menschen in menschlicher Sprache die große Liebe kündet, die Sein Herz erfüllt.

Und Jesus, das fleischgewordene Wort, überbrachte den Menschen die Fülle der Botschaft, die Er selbst vom Vater empfangen hatte: "Omnia quaecumque audivi a Patre meo nota feci vobis" - "Alles, was Ich von Meinem Vater gehört, habe Ich euch kundgetan" (Jo. 15,15). Nichts ist dem hinzuzufügen, was Jesus Christus gesagt hat. Mit dem Tode des heiligen Johannes, des letzten Apostels, ist die göttliche Offenbarung abgeschlossen und besiegelt. Man hat im Laufe der Jahrhunderte nur ihren Inhalt auszudeuten. Er ist von unergründlichem Reichtum. Die Menschen sind im allgemeinen in religiöser Hinsicht so unachtsam und oberflächlich, daß sie das Evangelium, das vertieft sein will, nicht gründlich zu lesen verstehen. Und so wie einst im Alten Bunde Gott Seine Propheten sandte, um Glaube und Hoffnung Seines Volkes neu zu beleben, so erweckt Christus von Zeit zu Zeit Seelen, denen Er die Sendung anvertraut, den Menschen Seine Worte zu erklären und deren Tiefe und verborgenen Sinn zu enthüllen.

Am Ostermorgen beauftragt Er Maria Magdalena, den Aposteln die Botschaft Seiner glorreichen Auferstehung zu bringen; und auch in späteren Zeiten fordert Er oft unbekannte und unbedeutende Frauen auf, der Welt Seine Absichten zu übermitteln.

Um nur die wichtigsten Beispiele anzuführen: Durch die heilige Juliana von Montcornillon führte Er in der Kirche das Fronleichnamsfest ein und belebte die Andacht zum Allerheiligsten Altarssakrament. Durch die heilige Margareta Maria verlieh Er der Andacht zum Heiligsten Herzen durch neue Sinngebung und neue Zielsetzung neuen Aufschwung.

So verfuhr Er auch mit Schwester Josefa.

Den beiden Erstgenannten wurde durch ihre Heiligsprechung eine Art offzieller Anerkennung ihrer Sendung durch die Kirche zuteil. Schwester Josefa hat diese Ehre noch nicht erhalten; doch ehe sie die Schwester der genannten Heiligen in der Glorie wird, ist sie schon deren Schwester in der Gnade, und es hat Gott gefallen, auch ihr Zeugnis zu beglaubigen. Er, Der die menschlichen Geschöpfe mit großer Ehrfurcht behandelt: cum magna reverentia disponis nos - mit aller Schonung leitest Du uns (Weish. 12,18), prägt jenen, die Er sendet, Sein göttliches Siegel auf: Man muß sie als Künder Seiner Worte anerkennen. Gottes Wege sind nicht unsere Wege, noch Seine Gedanken unsere Gedanken. Um besser zu beweisen, daß alles von Ihm kommt, wählt Er schwache Werkzeuge, die nach menschlichem Ermessen für das beabsichtigte Werk ungeeignet scheinen.

Er läßt Seine Kraft in der Schwachheit aufleuchten.

"Um Seine Kirche zu gründen", sagt der heilige Paulus, "hat Er weder die Weisen noch die Großen der Welt erwählt." Man hätte sonst ihrer Begabung oder ihrem Ansehen die rasche Ausbreitung des Christentums zuschreiben können. Er berief die Unwissenden, die Armen aus dem einfachen Volk, und machte sie zu Gefäßen der Auserwählung.

Und damit die Größe ihrer Sendung sie nicht blende und sie nicht zum Stolz versuche, gefällt Er sich darin, sie beständig ihr Nichts, ihr angeborenes Elend, ihre Schwäche fühlen zu lassen.

Nur in wahrhaft demütigen Seelen sind Seine Gnaden in Sicherheit.

Das ist die Weise der Vorsehung: Auf dem Nichts gründet Gott Seinen Ruhm.

"Hätte Ich eine Elendere gefunden als dich", sagte Er zur heiligen Margareta Maria, "so hätte Ich diese erwählt."

Schwester Josefa wird oftmals dieselben Worte hören:

" - Hätte Ich einem elenderen Geschöpf begegnen könen, so hätte Ich meinen Blick darauf gerichtet. Da Ich es aber nicht gefunden habe, so bist du die Erwählte (7. Juni 1923)."

Und kurz nachher fügt Er bei:

" - Ich habe dich erwählt, weil du ein unnützes und ganz armseliges Geschöpf bist und damit in Wahrheit Ich es sei, Der da redet, bittet, handelt (12. Juni 1923)."

Nichts schien Josefa für eine solche Sendung vorauszubestimmen. Das Zögern, das sie der Verwirklichung ihres Berufes entgegenstellte, hatte von vornherein Zweifel an ihrer Seelenstärke aufkommen lassen. Ihre bescheidene Stellung im Orden, ihre Liebe zum verborgenen Leben, ihre mangelnde Sprachfertigkeit im Französischen hätten vielmehr unüberwindliche Hindernisse sein können. (Hätte man unter den damaligen Novizinnen, von denen die meisten Polinnen waren, auf Grund irgendwelcher mystischer Anzeichen die Wahl Gottes zu erraten versucht, so hätte man nicht an Schwester Josefa gedacht; nichts an ihrem Äußeren war auffallend und hätte eine göttliche Erwählung vermuten lassen.)

Doch gerade darin liegt das göttliche Zeichen: Die bescheidene kleine Novizin, die in ihrer außergewöhnlichen Empfindsamkeit für den Kampf so wenig geeignet erscheint, erweist sich von unüberwindlicher Kraft. Je mehr göttliche Offenbarungen ihr zuteil werden, umso mehr flüchtet sie in ihr Nichts. Je mehr Gott sich ihr nähert, desto tiefer erniedrigt sie sich. Obgleich so augenscheinlich Gott am Werke ist, fürchtet sie ständig, getäuscht zu werden und andere zu täuschen. Ihre Obern gegenüber ist sie das lenksamste, gelehrigste, ihrer Autorität ehrfürchtig ergebenste Kind. Sie sehnt sich nach ihrer Leitung und ist zu allen Opfern bereit.

Nichts Übertriebenes ist an ihrer Frömmigkeit, an ihrer Art zu sein und zu handeln, alles ist einfach und wahr, kerngesund. Sie hat Sinn für Maß und Ordnung. Das Göttliche, das sie in sich trägt und dessen ganze Bürde sie besonders zu gewissen Stunden empfindet, die unsagbaren Leiden, die daraus folgen, stören ihr inneres Gleichgewicht nicht. Auch die übermenschliche Ausdauer, mit der sie Prüfungen und Leiden erträgt, die bei weitem die Grenzen ihrer natürlichen Kräfte übersteigen, bietet ihren Obern die beste Gewähr für die göttliche Wirksamkeit.

"In dir selbst werde Ich Mich bezeugen", hatte der Heiland zu Josefa gesagt. Ihr Seelenführer und ihre Obern, die zuerst zweifelnd und zurückhaltend gewesen waren, mußten so endlich dazu gelangen, aus innerer Überzeugung heraus Josefas Sendung Glauben zu schenken.

 

JOSEFAS SENDUNG

Der Herr enthüllt sie ihr nach und nach.

Mehrmals schon hatte Er gesagt, Er wolle sich ihrer bedienen, "um Seine Absichten zu verwirklichen (9. Februar 1921)" und "um viele Seelen zu retten, die Er um so teuren Preis erworben (15. Oktober 1920)." Am 24. Februar 1921 abends während der heiligen Stunde erneuert Er Seinen Ruf in bestimmterer Form:

" - Die Welt kennt das Erbarmen Meines Herzens nicht. Ich will Mich deiner bedienen, um es ihr zu künden. Ich will, daß du ein Apostel Meiner Güte und Barmherzigkeit seist. Ich werde dich lehren, was es bedeutet, dich selbst ganz zu vergessen."

Und da Josefa ihre Befürchtungen ausdrückt:

" - Liebe, und fürchte nichts. Ich will, was du nicht willst, aber Ich kann, was du nicht kannst; es ist nicht an dir, zu wählen, sondern dich hinzugeben."

Einige Monate später, am Montag, den 11. Juni 1921, wenige Tage nach dem Herz-Jesu-Fest, an dem sie viele Gnaden empfangen hatte, sagte ihr der Herr:

" - Denke an Meine Worte und glaube ihnen. Ich will dich in Meinem Herzen gefangen halten und dich in Meiner Liebe besitzen, um dann deine Kleinheit und Armseligkeit zu einem Werkzeug Meines Erbarmens für viele Seelen zu machen, die durch deine Vermittlung gerettet werden. Später werde Ich dir die Geheimnisse Meines Herzens enthüllen, und sie werden vielen Seelen zum Heile gereichen. Ich will, daß du alles aufschreibst und bewahrst, was Ich dir sage. Alles wird man lesen, wenn du im Himmel bist. Nicht wegen deiner Verdienste will Ich Mich deiner bedienen, sondern damit die Seelen erkennen, wie Meine Allmacht sich armer und schwacher Werkzeuge bedient."

Und da Josefa Ihn fragt, ob sie auch dies ihrer Oberin sagen solle, antwortet Er:

" - Schreibe es auf und man wird es nach deinem Tode lesen."

So gibt sich Gottes Absicht immer deutlicher zu erkennen: Er erwählt Josefa zur lebendigen Opfergabe für die Seelen, besonders für die gottgeweihten. Er erwählt sie zur Künderin einer Botschaft des Erbarmens und der Liebe an die Welt. Ihre Sendung ist zweifach: Sie soll Sühnopfer und Botin sein; und diese beiden Sendungen stehen in innerem Zusammenhang. Indem sie Sühnopfer ist, ist sie Botin; und weil sie Botin ist, muß sie Sühnopfer sein.

Das Sühnopfer

Ein Schlachtopfer ist seinem Wesen nach dem Tode ausgeliefert und zwar zumeist dem Sühnetod.

Wenn man sich auch als Sühnopfer anbieten kann, um dadurch Gott Freude und Ruhm zu bereiten, so führt Gott doch größtenteils nur jene Seelen auf diesen Weg, denen Er eine Mittlersendung anvertraut: Sie sollen leiden und sühnen für andere, denen ihre Hinopferung zugute kommt. Sie ziehen Gnaden der Erbarmung auf die Seelen herab und halten die strafende göttliche Gererchtigkeit von ihnen zurück. Es versteht sich von selbst, daß man sich eine solche Aufgabe nicht anmaßen darf. Um sich so zwischen Gott und Sein Geschöpf zu stellen, bedarf es der göttlichen Zustimmung. Wie könnte ein Mensch vermitteln, den Gott nicht dazu berufen hat?

Schon im Alten Testament durfte man Gott nicht irgendwelche Schlachtopfer darbringen. Um gnädige Aufnahme zu finden, mußten sie von dieser oder jener genau betimmten Art sein. Sie mußten ohne Flecken oder Makel in voller Jugendkraft stehen. Sie mußten vor allem durch einen Priester nach vorgeschriebenem Ritus dargebracht werden, und eben dieser Ritus, streng gefordert und beobachtet, war Ausdruck der Gesinnung, die den opfernden Priester und den Spender beseelen sollte.

Im Neuen Testament, in dem das neue Opfer die alten ablöste, ist Jesus Christus der einzige Mittler, der einzige Priester, die einzige Opfergabe; und Seine Hinopferung hat nicht mehr einen bloß stellvertretenden, sondern einen wirklichen und unendlichen Wert.

Will sich also der Herr andere lebendige Opfergaben zugesellen, so müssen sie, um in Sein Opfer mit einzugehen, mit Ihm nur ein Leben haben, an Seiner Gesinnung teilnehmen. Folglich können es nur menschliche, mit Verstand und Willen begabte Personen sein.

Diese Personen wählt Er selbst, und, da sie freien Willen haben, verlangt Er ihre Zuistimmung. Geben sie Ihm diese, so liefern sie sich Ihm dadurch gänzlich aus. Er verfügt daher über sie unumschränkt.

Die Christus ähnliche und in Ihn verwandelte Opferseele stellt dem himmlischen Vater die Gesinnung Jesu Christi dar und Christus gegenüber die Gesinnung, die jene Menschen haben sollten, welche sie vertritt; sie verharrt im Zustand der Erniedrigung, der Buße, der Sühne.

Auf Grund dieses Hineingenommenseins in Jesus Christus nimmt sie innigsten Anteil an Seiner Passion; sie erduldet die Peinen und Todesnöte in verschiedener Stärke und auf mannigfache, doch zumeist übermenschliche Weise.

Oft sühnt sie für namentliche, bekannte Sünder, erduldet die gerechten Strafen für deren Verbrechen. Krankheiten, Prüfungen jeder Art, sogar Verfolgungen seitens des bösen Geistes, dessen Spielball sie wird.

Dies war in selten hohem Grade bei Schwester Josefa der Fall.

Sie ist Opfergabe auf Grund des ausdrücklichen Wunsches Unseres Herrn, und sie ist es ohne Vorbehalt. Nicht nur ist ihr ganzes Wesen als Sühnoper Gott hingegeben, auch die einzelnen Eigenschaften Gottes finden in ihr eine entsprechende Opferhuldigung.

Die heilige Theresia vom Kinde Jesu hat sich als Sühnopfer der barmherzigen Liebe angeboten; Marie des Vallées war besonders gekennzeichnet als Sühnopfer der göttlichen Gerechtigkeit; die heilige Margareta Maria war sowohl der Gerechtigkeit als der Barmherzigkeit geopfert: Dies gilt auch von Schwester Josefa, und der Herr erklärt es ihr ausdrücklich und noch genauer als der heiligen Margareta Maria.

" - Ich habe dich als Sühnopfer Meines Herzens erwählt (19. Dezember 1920)."

" - Du bist das Sühnopfer Meiner Liebe (2. Oktober 1922, 23. November 1920)" - "Meiner Liebe und Meiner Barmherzigkeit (30. Juni 1921)."

" - Ich will, daß du das Sühnopfer der göttlichen Gerechtigkeit und der Trost Meines Herzens seist (9. November 1920)."

Um Gott in all diesen Eigenschaften zu verherrlichen, mußte sie leiden.

" - Du leidest in deiner Seele und an deinem Leibe, weil du das Sühnopfer Meiner Seele und Meines Leibes bist. Wie solltest du kein Herzeleid tragen, da Ich dich als Sühnopfer Meines Herzens auserwählt habe (19. Dezember 1920)?"

Als Sühnopfer des Herzens Jesu leidet sie, um dieses durch den Undank der Menschen verwundete Herz zu trösten;

als Sühneopfer der Liebe und Barmherzigkeit leidet sie, damit die barmherzige Liebe Jesu die von Ihm so geliebten Sünder mit Ganden überhäufen könne;

als Sühnopfer der göttlichen Gerechtigkeit trägt sie die Qualen der Verdammnis und sühnt für viele Verbrecherseelen, die ihr das Heil verdanken werden.

Ihre Sendung verlangt von ihr dauernde Hinopferung. Der Herr verbirgt ihr dies nicht:

" - Liebe, leide, gehorche, so kann Ich Meine Absichten in dir verwirklichen (9. Januar 1921)."

Und am 12. Juni 1923 bestätigt Er ihr alle Seine Absichten:

" - Du wirst in tiefster Verborgenheit leben; weil du aber von Mir als Opfer erwählt bist, wirst du leiden, und im Abgrund des Leidens versenkt, wirst du sterben. Suche weder Ruhe noch Erleichterung; du wirst sie nicht finden; denn so ist es Mein Wille. Meine Liebe wird dich stützen, Ich werde dich nie verlassen."

Wenn der Heiland sie aber so leiden lassen will, verlangt Er vorher ihre Zustimmung. Obgleich Er der Herr und Meister ist, beugt Er sich vor dem freien Willensentscheid, den Er Seinem Geschöpfe gelassen hat.

" - Du aber, willst du?" fragt Er Josefa; und da sie furchtsam zaudert, entfernt sich der Herr und läßt sie trostlos über diesen Abschied zurück. Und die Muttergottes kommt, um ihr zu sagen:

" - Vergiß nicht, daß deine Liebe frei ist (3. März 1922)."

Mehrmals wird Josefa sich Ihm entziehen, dann verschwindet Jesus, und sie muß Ihn wiederholt rufen, damit Er ihr doch geben möge, was Er ihr zuvor anbot.

Meistens aber nimmt sie an, und mit welcher Hochherzigkeit (Gott drängt nichts auf; Er zwingt nicht; um jedoch die gewünschte Zustimmung zu erlangen, geht Er mit göttlicher Geschicklichkeit vor. Er entfernt sich nach ihrem Zaudern, und Seine Abwesenheit, die für Josefa unerträglich wird, bewegt sie zu vollkommener Zustimmung. Oder Er sagt ihr nicht gerade heraus, daß Er sich ihrer bedienen will, um zur Welt zu sprechen - der Schrecken wäre zu heftig gewesen; Er sagt ihr einfach: "Willst du leiden? Willst du Sühnopfer sein?" Ein Sühnopfer braucht nur zu leiden, nicht hervorzutreten, und Josefa nimmt an.)!

"Ich habe mich Ihm zur Verfügung gestellt, sagt sie, damit Er mit mir mache, was Er will."

Gott weiß von da an, daß Er nach Seinem Wohlgefallen handeln kann, und wiederholt es ihr:

" - Ich bin dein Gott, du gehörst Mir, du hast dich ausgeliefert; von nun an kannst du Mir nichts mehr verweigern (23. Juli 1921)."

" - Was sollte Ich tun, wenn du dich Meinem Willen nicht überläßt (21. April 1922)?"

Sie gibt sich Ihm anheim. Wie ihr Meister wird auch sie die freiwillig dargebrachte Opfergabe sein: Oblatus est quia ipse voluit. - Er ward geopfert, weil Er es selbst wollte. Wie Er wird auch sie reine Opfergabe sein. Man kann nicht für die andern sühnen, wenn man für sich selbst zu sühnen hat. Und Gott hat Josefa rein erhalten. Man findet in ihrem Leben keinen einzigen wahrhaft freiwilligen Fehler. Ihre größten Treulosigkeiten bestehen nach ihrem eigenen Geständnis in der zu zögernden Beantwortung der Gnadenrufe, im Zaudern angesichts einer Aufgabe, die sie erschreckt; nichts also, das auch nur im geringsten ihr Herz und ihre Seele beflecken könnte.

Der Herr wachte eifernd darüber.

" - Ich will dich so selbstvergessen und so hingegeben an Meinen Willen, daß Ich dir künftig nicht die kleinste Unvollkommenheit durchgehen lasse, ohne dich aufmerksam zu machen (21. Februar 1921)."

Mehrmals, wenn Er von ihr verlangt, sich als Sühnopfer hinzugeben, schenkt Er ihr zuvor eine besondere Gnade vollkommener Reinigung.

" - Jetzt leide für Mich, Josefa; doch zuvor werde Ich auf deine Seele einen Strahl der Liebe fallen lassen, um sie zu reinigen; denn du mußt rein sein, wie es sich für Meine Opferseelen ziemt (17. Juni 1923)."

Bei solcher Reinheit braucht das Leiden nicht zu läutern, sondern bringt andern Seelen die Früchte des Heiles.

Wie es bei allen wahren Opfergaben der Fall ist, weist auch Josefas Leiden einen zweifachen Charakter auf:

Sie, die von Jesus Christus selbst erwählt wurde, um Sein Erlösungswerk als Sühnopfer fortzusetzen und zu vollenden, muß dem Heiland vollkommen gereint sein und Christi Leiden teilen, indem sie die gleichen Schmerzen duldet wie Er. Da sie Sühnopfer für die Sünden anderer ist, muß ihr Leiden zu den Sünden in Beziehung stehen, die gesühnt werden sollen.

a) Teilnahme am Leiden Christi

Christi Leiden allein hat die Kraft zu erlösen. Nur durch das Blut des Lammes kann die Seele von Sünden gereinigt und gerettet werden. Der laute Schrei des sterbenden Heilandes ist ein drängender Ruf an das ganze Menschengeschlecht. Möchten doch alle zu den Quellen des Erlösers eilen, denen alle Gnaden entströmen.

Mit den Seelen, die dem Rufe folgen, vollzieht sich die lebenspendende Berührung unmittelbar. Leider halten sich viele absichtlich fern. Um auch sie zu erreichen, bedient sich Christus anderer Seelen, die Er zu Vermittlern Seines Erbarmens macht. Diese fruchtbarsten Reben am geheimnisvollen Weinstock sind infolge ihrer engen Verbindung mit dem Stamme durchpulst vom göttlichen Gnadenstrom. Sie machen sich für die Sünder verantwortlich. Eins mit ihnen, wie sie eins mit Christus sind, vollzieht sich durch sie das Einströmen der Gnade. Das sind die Opferseelen.

Um diesen Beruf zu erfüllen, müssen sie dem gekreuzigten Christus so innig verbunden sein, daß ihre Herzen im vollen Einklang mitdem Seinen schlagen; Er aber prägt den Tiefen ihrer Seele, ihres Herzens und ihres Leibes Sein schmerzhaftes Leiden ein, um aus ihnen Seine lebendigen Abbilder zu gestalten.

In solchen Seelen erneurt Er all Seine Geheimnisse: Sie erfahren wie Er Widerspruch, Verfolgung, Demütigung, Geißelung, Kreuzigung; und was die Menschen ihnen nicht zufügen, das vollendet Gott selbst durch geheimnisvolle Schmerzen, Todesangst, Wundmale, die sie zu lebendigen Bildnissen des Gekreuzigten machen.

Leicht ist die Macht zu ermessen, die der Fürsprache und Vermittlung solcher Seelen bei Gott zukommt, wenn sie die göttliche Barmherzigkeit für das Heil ihrer Brüder anflehen; es ruft ja in ihnen und durch sie das kostbare Blut Jesu Christi zum Vater, unendlich beredter als Abels Blut!

Sühnopfer sind wie enteignet zugunsten der Anderen. Ihnen drückt die Passion Christi das Siegel auf und bringt durch sie hindurchströmend in anderen Seelen Früchte des Heiles hervor. So sind sie Träger der Gnade von Kalvaria.

Diese sind Miterlöser im wahren Sinne des Wortes: Die Nächstenliebe drängt sie; ihnen enthüllt Gott in der Beschauung die Unermeßlichkeit Seiner Liebe zu den Seelen und Seinen Schmerz über den Verlust der Sünder. Dieser Anblick bricht ihnen das Herz. Das Verlangen, Jesus zu trösten, bleibt nicht dabei stehen, Ihm ihre Liebe zu beteuern, es weckt ihren Eifer. Sie wollen um jeden Preis Seelen zu Christus führen, und Er, Christus, facht diesen Eifer noch mehr an. Er teilt ihnen Seine brennende Liebe zu den Seelen mit, von nun an lieben sie sozusagen mit Seinem Herzen. Diese Liebe gibt ihnen übermenschliche Ausdauer, wie Josefa sie selbst gut beschreibt:

"Seit zwei bis drei Wochen fühlt meine Seele den Zug zum Leiden. Früher hatte ich Angst vor allem. Wenn Jesus mir sagte, Er habe mich zum Sühnopfer ausersehen, so schauderte mein ganzes Wesen; jetzt ist es das Gegenteil. Es gibt Tage, an denen ich so sehr leide, daß ich nicht leben könnte, wenn Er mich nicht aufrecht hielte, denn keines meiner Glieder bleibt verschont! Trotzdem möchte meine Seele noch viel mehr für Ihn erdulden, wenn auch nicht ohne Widerstreben der sinnlichen Natur. Wenn die Schmerzen anfangen, so zittere ich und weiche unwillkürlich zurück; doch im Willen ist eine Kraft, die zustimmt, die sogar noch mehr leiden möchte; würde ich in solchen Augenblicken vor die Wahl gestellt, entweder in den Himel einzugehen oder weiter zu leiden, so zöge ich es tausendmal vor, weiter hier zu leiden, um Sein Herz zu trösten, und doch verzehre ich mich vor Sehnsucht, zu Ihm zu gehen. Ich weiß, daß Jesus diese Verwandlung bewirkt hat (30. Juni 1921)."

Josefa hat recht: Diese Kraft kommt nicht aus ihr, sondern aus Jesus; oder vielmehr, es ist Jesu eigenste Kraft, die in sie einströmt, Er teilt ihr Seine Gesinnungen, Seine Wünsche, Seine Leiden mit. (" - Es ist Meinem Herzen ein Trost, wenn Es sich mitteilen kann. Ich komme in dein Herz, um darin zu ruhen, wenn eine Seele Mich kränkt, und es ist Mein Wunsch, ihr Gutes zu tun, der in dich übergeht und der deine wird." (23. Oktober 1922)).

" - Weil du bereit bist zu leiden - sagt Er ihr - so leiden wir gemeinsam (19. Dezember 1920)."

Und Er gibt ihr Sein Kreuz:

"Jesus kam, mit dem Kreuze beladen, und legte es auf meine Schulter (18. Juli 1920)."

" - Ich bringe dir Mein Kreuz, denn Ich will es auf dich legen (26. Juli 1921)."

" - Ich will, daß du Mein Simon von Cyrene seist. Du wirst Mir helfen, das Kreuz tragen (23. Februar 1922)."

" - Mein Kreuz sei dein Kreuz (30. März 1923)."

Und dieses Kreuz, das Er unzählige Male auf ihre Schultern legt, trägt sie Stunden, Tage, ja ganze Nächte lang.

Er vertraut ihr Seine Dornenkrone an, die sie oft so lange trägt, daß sie gleich Ihm nicht weiß, wohin sie den schmerzenden Kopf legen soll:

" - Ich gebe dir meine Dornenkrone. Beklage dich nicht darüber, denn das ist Teilnahme an Meinem Leiden (26. November 1920)."

" - Ich selbst werde deine Stirne mit Meiner Dornenkrone umgeben (17. Juni 1923)."

Er läßt sie Seine Seitenwunde fühlen:

" - Dieser Schmerz - so sagt ihr die Muttergottes am 20. Juni 1921 - ist ein Funke aus dem Herzen meines Sohnes; wenn er heftiger wird, so ist er das Zeichen, daß zu dieser Stunde Jesu Herz von einer Seele tief verwundet wird."

Er will, daß sie den Schmerz der Nägel in ihren Händen und Füßen empfinde.

" - Ich will dir einen neuen Liebesbeweis geben: Heute wirst du den Schmerz Meiner Nägel teilen. (16. März 1923)."

Und am Karfreitag, den 30. März 1923, erleidet sie eine wahre Kreuzigung:

" - Lege deine Hände unter Meine Hände, deine Füße unter Meine Füße, um dich mit Meinen Schmerzen zu vereinigen. Deine Glieder sollen mit den Meinen leiden."

Er gesellt sie enge den Qualen Seiner Seele und Seines Herzens zu:

" - Jeden Freitag und besonders am ersten Freitag im Monat werde Ich dich an der Bitterkeit Meines Herzens teilnehmen lassen und du wirst in besonderer Weise die Qualen Meiner Passion erdulden (4. Februar 1921)."

Am 1. März 1922 erscheint Er ihr mit blutigem Antlitz:

" - Komm, ruhe in Meinem Herzen und nimm teil an Seiner Bitterkeit."

"Er zog mich an Sein Herz, und meine Seele wurde von solcher Todesangst und Bitterkeit erfüllt, daß ich es nicht beschreiben kann."

Und wie Jesus leidet sie für die andern.

" - Ich will, daß dein ganzes Wesen leidet, um Mir Seelen zu gewinnen (21. Dezember 1920)."

" - Eine Seele beleidigt Mich durch ihre Sünden. Hab keine Furcht, wenn du dich verlassen fühlst, denn Ich wede dich an der Todesangst Meines Herzens teilnehmen lassen (13. September 1921)."

" - Behalte Mein Kreuz, bis diese Seele die Wahrheit erkennt (24. März 1923)."

" - Nimm Mein Kreuz, Meine Nägel, Meine Dornenkrone. Ich werde den Seelen nachgehen (17. Juni 1923)."

Diese wenigen Beispiele genügen; es finden sich noch viele in diesem Buche. Als Sühnopfer nimmt Josefa an allen Qualen Jesu teil; ihren Gliedern wie ihrem Herzen sind die unsagbaren Leiden Christi eingeprägt. Sie ist ganz eins mit Jesus, dem Gekreuzigten; Seine Todesängste martern sie, Seine Wünsche verzehren sie; derselbe brennende Durst nach dem Heil der Seelen veranlaßt sie, sich aufzopfern, um wieder gutzumachen und zu sühnen.

b) Verfolgungen durch den Teufel

Und Gott läßt zu, daß von allen Seiten Prüfungen über sie hereinbrechen.

Wenn sie von Krankheit verschont blieb (doch kann man es wissen,da sie sich nie beklagte?) und wenn sie von ihren Mitmenschen keine Leiden erduldet hat (weder in ihrem Leben vor dem Eintritt noch im Orden erscheinen jene großen Prüfungen, die wir bei einer heiligen Margareta Maria finden), so war sie hingegen, mehr als viele andere, der Wut Satans ausgeliefert. Das ist nicht erstaunlich.

Selten gibt es Heiligenleben, in denen sein böswilliger Zorn sich nicht austobt. Als persönlicher Feind Jesu Christi, den er in der himmlischen Glorie nicht erreichen kann, setzt er alle Kräfte seiner dämonischen Macht in Bewegung, um Gottes Werk in der Welt zu hemmen.

Je mehr eine Seele von Christus geliebt wird, desto leidenschaftlicher ist Satan auf ihren Untergang bedacht; zweifellos aus dem stolzen Verlangen heraus, die Zahl seiner unseligen Untertanen zu vermehren, vor allem aber aus der teuflischen Absicht, Christus die Seelen zu entreißen, die Er liebt und mit dem Preis Seines Blutes erkauft hat. Satan greift also mit Vorliebe die Heiligen und die Gottgeweihten an, die er beschmutzen, verführen und entehren will. Am heftigsten wütet er gegen die miterlösenden Seelen. Josefa war ihm also ganz besoders verhaßt.

Aus Liebe zu Jesus hatte sie freudig das dreifache Opfer gebracht, das sie am meisten kostete: Die Trennung von Mutter, Schwester und Heimat. Sie hatte sich für das Heil der Seelen angeboten und sollte beträchtlich viele der Hölle entreißen. Darum werden wir sehen, wie Satan sich ihr in den Weg stellt und förmlich sein Spielzeug aus ihr macht. Gott läßt ihm größere Gewalt über die Opferseelen. Entspricht das nicht dem Wesen ihrer Berufung (man vergleiche besonders die teuflischen Verfolgungen, wie sie die heiligen Margareta von Cortona, die heilige Veronika Giuliani, der heilige Pfarrer von Ars und so viele andere erlitten haben!)?

Solche Seelen erklären sich bereit, die Sünden anderer auf sich zu nehmen und deren Folgen zu tragen.

Willigt der Mensch in die Sünde ein, so räumt er, ob er es nun will oder nicht, bewußt oder unbewußt, dem Teufel eine große Macht über sich ein, Macht der Verführung und der Besitznahme. Man nimmt es gewöhnlich kaum wahr; denn der Teufel verstellt sich meisterhaft, um die Seelen nicht zu beunruhigen. Er stärkt die böse Natur, hinter der er sich verschnazt, und von da aus vermehrt er die Gelegenheiten zur Sünde und wiegt die Seele in tödliche Schlaffheit ein.

Setzt sich aber eine Opferseele für den Südner ein, so stößt der Teufel auf einen Willen, der ihm hartnäckig widersteht. Da er unfähig ist, sie zur Sünde zu bewegen, rächt er sich wütend und übt an ihr die Macht aus, die er über den Schuldigen selbst besitzt.

Gott läßt dies vor allem zu, um die Existenz des Teufels, die viele bezweifeln, zu beweisen. Er exisitert ebenso wie die Hölle, die man mit ihm vergessen oder im Schweigen begraben möchte.

Er ist durchaus ein wirkliches Wesen, und in seinem Verhalten den Heiligen gegenüber erscheint er in der ganzen Verderbtheit seiner Natur. Und ist seine Grausamkeit schon so groß gegen Seelen, über die er letzten Endes nur sehr beschränkt Macht besitzt, wie grausam mag er dann erst mit den Verdammten verfahren, die er völlig in seiner Gewalt hat? Wer wagt zu behaupten, daß eine solche Lehre überflüssig sei, besonders heutzutage?

Gott will ferner den Stolz des Fürsten der Finsternis beschämen. Trotz all seiner Macht und hartnäckigen Wut erreicht er nichts und endet nur mit einer Niederlage. Gottes Ehre aber wird dadurch wunderbar vermehrt!

So war es bei Schwester Josefa.

Mit allen Mitteln sucht der Teufel sie zu betrügen, verkleidet sich als "Engel des Lichtes", nimmt sogar die Züge Jesu Christi an; meistens aber sucht er sie durch Quälereien gewaltsam von dem Wege abzuziehen, auf dem sie ihm so viele Seelen entreißt.

In diesem Ringen, bei dem menschliche Schwachheit und satanische Macht einander gegenüberstehen, greift Gott ein, um die Standhaftigkeit Josefas zu stärken. Er gibt ihr sieghafte Kraft, so daß sie alle Versuchungen und Leiden überwindet. Die Macht des Teufels zerschellt an Josefas Gebrechlichkeit. Mit göttlicher Hilfe triumphiert sie, das "Nichts", das "Elend", wie der Herr sie nennt, über den "bewaffneten Starken".

Doch was hatte sie nicht alles zu erdulden!

Seit ihrem Postulat hageln die Schläge von unsichtarer Hand Tag und Nacht auf sie herab, besonders wenn sie betet und ihren Willen zur Treue kundgibt. Sie wird gewaltsam aus der Kapelle gezerrt oder daran gehindert, einzutreten.

Dann folgen einander Erscheinungen des Teufels als widerlicher Hund oder als Schlange oder - noch schreckicher - in menschlicher Gestalt.

Bald entführt Satan sie oft und öfter, trotz der Wachsamkeit der Obern. unter deren Augen verschwindet sie plötzlich, und man findet sie erst lange Zeit später, auf einem Speicher zu Boden geworfen, unter Möbelstücken oder an irgendeinem einsamen Ort. In Gegenwart der Obern brennt der Teufel sie; ohne daß er den Anwesenden sichtbar wird, sehen diese Josefas Kleider in Flammen und tiefe Brandmale an ihrem Leibe.

Gedanken der Verzweiflung und Gotteslästerung, abscheuliche Versuchungen halten Tage und Nächte lang an. Gott verbirgt sich unterdessen, und sie weiß nicht mehr, woran sie ist, so sehr fühlt sie sich der Willkür des gemeinsten aller Wesen ausgeliefert.

Endlich erlaubt Gott sogar, was in den Heiligenleben äußerst selten vorkommt (mehrere Heilige hatten Höllenvisioen, nur wenige sind wirklich hinabgestiegen; noch seltener sind solche, die, wie Schwester Josefa, zur Sühne häufig zur Hölle hinabstiegen. Bei der heligen Veronika Giuliani (geb. 1660, gest. 1727), einer Zeitgenossin der heiligen Margareta Maria und so wie diese und Schwester Josefa eine Opferseele, scheint das gleiche der Fall gewesen zu sein), daß der Teufel sie lebendig in die Hölle versetzt. Sie verbringt dort lange Stunden, manchmal eine ganze Nacht, in unbeschreiblichen Todesängsten. Mehr als hundert mal ist sie in diesen Abgrund niedergestiegen, und immer glaubte sie sich zum erstenmal hineinversenkt und meinte, seit Jahrhunderten dort zu weilen. Bis auf den Gotteshaß hat sie an allen Martern teilgenommen; eine besondere Qual bereitete es ihr, die fruchtlose Selbstanklage der Verdammten zu hören, ihre haßerfüllten Ausbrüche von Schmerz und Verzweiflung.

Kommt sie aus der Hölle zurück, gebrochen und zerschlagen, so erscheint ihr alles Leid ein geringer Preis für die Rettung der Seelen; und hat sie wieder ins Leben zurückgefunden, so kann ihr Herz nicht an sich halten bei dem Gedanken, daß sie noch zu lieben vermag.

Ihre große Liebe trägt sie. Doch manchmal lastet die Prüfung schwer auf ihr. Wie Jesus in Gethsemani, so hat sie Stunden der Niedergeschlagenheit und der Todesangst. Als Zeugin des Untergangs so vieler Seelen fragt sie sich, wozu diese Höllenfahrten und schrecklichen Leiden? Rasch aber hat sie sich wieder in der Hand, und ihr Mut läßt nicht nach. Die allerseligste Jungfrau hilft ihr:

" - Während du kämpfst, hat der Angriff des Teufels weniger Macht über diese Seele (22. Juli 1921)."

" - Du leidest, damit dein Vielgeliebter ruhen kann. Genügt dirdas nicht, um dir Mut zu geben (12. Juli 1921)?"

Und der Heiland enthüllt ihr die Schätze der Wiedergutmachung und Sühne, welche diese Prüfung birgt. Gott erlaubt auch, daß sie in der Hölle bei Wutausbrüchen des Teufels zugegen ist, wenn ihm Seelen entgehen, die er schon zu fassen glaubte, nämlich jene, für die sie Sühne leistet.

Die beiden Gedanken, daß sie einerseits dem Heiland Trost und Ruhe bietet, anderseits Ihm Seelen gewinnt, stützen und beleben ihren Mut.

Obwohl sie vor dem Teufel instinktiv Furcht empfindet, da sie aus Erfahrung seine Bosheit und Macht nur zu gut kennt, hält diese Angst sie doch niemals von der Pflichterfüllung ab. Eine bestimmte Zeit hindurch entführte er sie fast täglich, wenn sie sich an ihr Amt begibt: Sie sieht es voraus, sie zittert, doch sie weicht vor dieser Bedrohung nie zurück, und jeden Morgen ist sie mit gleichem Mut entschlossen, der Furcht nicht nachzugeben.

Bei solch heldenhafter Treue erscheint es wunderbar, daß Josefa, unter dem Eindruck der Angst und - manchmal - ihres Widerwillens, sich in ehrlicher Überzeugung für eine undankbares und treuloses Geschöpf hält und glaubt, nichts für Gott getan zu haben.

Nach Nächten unsäglicher Qual nimmt sie gebrochen, aber tapfer bei Morgengrauen ihre tägliche Arbeit auf, ohne sich von irgendeiner Übung des gemeinschafltichen Lebens dispensieren zu lassen. Hier brennt das Feuer des Herzens Jesu; denn alles, was sie in der Hölle erduldet hat, alles, was ihr als Anteil am Leiden Christi widerfährt, ist weit entfernt davon, sie zu entmutigen oder zu bedrücken, sondern belebt und vermehrt nur ihren Leidensdurst.

Wie einst die heilige Margareta Maria opfert sie sich für die Ordensleute, für die Priester, die Sünder. Sie überläßt sich vollständig dem Wohlgefallen Gotte: Ihm gibt sie sich anheim, nur Ihn will sie trösten. Sie bietet sich für alle Martern an, um Ihm Seelen zu gewinnen, die ihr zumeist unbekannt sind, die sie aber um Seinetwillen glühend liebt.

Zu Beginn sagten wir: Sie mußte lebendige Opfergabe werden, um Vermittlerin der Botschaftdes Herrn zu sein. Hat sie nicht Anrecht, von den Menschen gehört zu werden, da sie so viel für sie gelitten hat?

Und sie, die so gut um die Liebe Jesu zu den Seelen wußte, ward sie nicht mehr als andere auserwählt und bereitet, der Welt die Botschaftder Liebe und Barmherzigkeit zu bringen?

 

DIE BOTSCHAFT

I. Wesensgehalt

Es ist eine Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit. Nirgends ist sie als Ganzes gegeben; doch man findet sie bruchstückweise auf fast allen Seiten des Buches. Die wesentlichen Punkte werden oftmals in wenig unterschiedlichen Formen wiederholt.

Es folgt hier eine gedrängte Zusammenfassung:

A) Vor allem wird das Herz Jesu und Seine übergroße Liebe zu den Menschen in ergreifender Weise gezeigt. Es ist, als ob diese neue Offenbarung des heiligsten Herzens dazu bestimmt sei, jene, die einst die heilige Margareta Maria empfangen hat, zu bestätigen und in gewissen Punkten zu ergänzen.

Seit dem Jahre 1675 sind zweieinhalb Jahrhunderte verflossen. Neue Andachtsrichtungen kamen in der Kirche auf. Augenblicklich begeistern sich die Menschen mit Recht für das Geheimnis vom mystischen Leibe Christi, einer Wirkichkeit, die das Innerste der christlichen Seele berührt. Es scheint, als ginge die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu zurück, als würde sie immer weniger verstanden. (In seiner Enzyklika über den mystischen Leib Christi vom Juni 1943 sagt Pius XII., daß die Andacht zum heiligsten Herzens Jesu die Seelen für das Verständnis der Lehre vom mystischen Leibe Christi vorbereitet hat. Zweifellos setzt der Gedanke einer Sühneleistung für andere, den der Herr mit der Verehrung des Heiligsten Herzens verbunden und zu einem ihrer wesentlichen Bestandteile gemacht hat, die Einheit aller Christen untereinander im mystischen Leibe voraus. Hingegen könnte aber die Andacht zum mystischen Christus, zum "totalen" Christus, mit ihren weiten Horizonten oberflächliche Seelen dazu verführen, die Herz-Jeus-Verehrung für zu eng zu halten. Sie begreifen nicht, daß die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu eben die Andacht zum leidenden, aus Liebe verwundeten Christus ist, der alle Glieder des mystischen Leibes in dieser Liebe mit sich und untereinander vereint.)

Scheinbar halten viele sie für eine Beeinträchtigung der Verehrung des totalen Christus, oder für eine Andacht, an der das Gefühl, oder besser gesagt die Sentimentalität zu großen Anteil hat.

Gegen diese irrigen Auffassungen wendet sich der Herr mit aller Entschiedenheit. Tatsächlich gibt Er Sein leibliches, von der Lanze durchbohrtes Herz den Menschen hin; dieses Herz, das uns so sehr geliebt hat und so wenig Gegenliebe empfängt, dessen noch immer geöffnete Wunde uns in unendlicher Liebe ruft.

Wie jede wahre Liebe, so verlangt auch Jesu Liebe Erwiderung, umso mehr, als die Menschen nur dadurch hienieden glücklich sein und die ewige Seligkeit erlangen können. Verweigern sie diese Gegenliebe,so mögen sie der furchtbaren Hölle gedenken, die ihrer wartet!

Und das Herz Jesu richtet durch Josefa einen lauten Aufruf zur Liebe an die Welt.

B) Um die Menschen wirksamer anzuziehen, offenbart das Heiligste Herz durch sie - und darin liegt das Neue und Kraftvolle der Botschaft - Seine unendliche Barmherzigkeit.

Er liebt sie alle, so wie sie sind, auch den Elendesten, sogar den Sündigsten, man könnte fast sagen, den Elendesten und Sündigsten besonders.

Er verlangt von den Menschen weder ihre Fähigkeiten noch ihre Tugenden, sondern ihr Elend und ihre Sünden. Armseligkeit und Fehler bilden also durchaus kein Hindernis, sondern sind geradezu ein Grund mehr, sich Ihm zu nahen.

Dies ist das Geschenk, das Gott in Seiner Barmherzigkeit von den Sündern erwartet, unter der einzigen Bedingungn, daß sie wahrhaft bereuen und bereit sind, sich aus Liebe zu Ihm zu bekehren.

Sein Herz wartet mit liebender Ungeduld auf die Rückkehr Seiner armen Verirrten. Es verspricht ihnen volle Verzeihung.

" - Nicht die Sünde selbst verwundet Mein Herz am meisten, sagt Er, sondern daß die Seelen sich nicht zu Mir flüchten, nachdem sie sie begangen haben (29. August 1922)."

Er will ihr Vertrauen auf Seine Güte und Sein unendliches Erbarmen.

C) An die Ihm geweihten Seelen, die Er mit besonderer Innigkeit liebt, richtet Jesus den Ruf, Sein Erlöserleben zu teilen.

Er will, daß sie Ihm Vermittler seien, um die Seelen zu retten; deshalb fordert Er von ihnen den Geist des Opfers in der Liebe.

Meistens verlangt Er keine großen Leiden, sondern Er lehrt Seine auserwählten Seelen den Wert der gewöhnlichen Handlungen. Werden auch die geringfügigsten im Geiste der Hinopferung und der Liebe verrichtet, gewinnen sie große Bedeutung (30. November 1922; 2. Dezember 1922).

Er enthüllt ihnen den Wert der geringsten Opfer, die sie in der Heiligkeit weit voranbringen und die zugleich der Rettung vieler Seelen dienen können (20. Oktober 1922).

Dagegen erinnert Er sie an die Gefahr der kleinen Nachlässigkeiten. Sie werden zur abschüssigen Bahn, auf der die Seelen in große Treulosigkeiten abgleiten und den Strafen der Hölle verfallen könnten, wo sie unvergleichlich mehr zu leiden hätten, als weniger begnadete Seelen (3. August 1921; 12. Dezember 1922; 14., 15., 20., 24. März 1923; 4. September1922).

Die gottgeweihten Seelen sollen ihr Vertrauen auf das Herz Jesu neu beleben.

" - Ihre Armseligkeit macht Mir nichts aus; sie sollen erkennen, daß Ich sie noch inniger liebe, wenn sie sich nach ihren Schwächen und Niederlagen demütig in Mein Herz flüchten: Dann verzeihe Ich ihnen und liebe sie immerdar."

" - Weißt du nicht - fügt Er hinzu - daß Ich die Seelen umso mehr liebe, je armseliger sie sind?"

Und Er besteht darauf:

" - Ich will nicht sagen, daß eine Seele schon deshalb von ihren Fehlern und ihrer Armseligkeit befreit sei, weil Ich sie auserwähle. Sie kann fallen und sie wird noch mehr als einmal fallen. Wenn sie sich aber demtütigt und ihr Nichts erkennt, wenn sie versucht, ihren Fehler durch Hochherzigkeit und Liebe wieder gutzumachen, wenn sie sich von neuem Meinem Herzen anvertraut und sich Ihm überläßt, so erweist sie Mir größere Ehre und kann den Seelen mehr Gutes tun, als wenn sie nicht gefallen wäre. Ihre Armseligkeit macht Mir nichts aus, Ich verlange aber ihre Liebe (20. Oktober 1922)."

Das Herz Jesu erwartet also von den Seinen Demut, Vertrauen und Liebe.

D) Allen endlich ruft Er unermüdlich Sein bitteres Leiden in Erinnerung, das ja Zeugnis Seiner unendlichen Liebe zu den Menschen und zugleich der einzige Weg des Heils ist.

Immer offenbart sich das schmerzerfüllte und leidende Herz Jeus. Es ermahnt uns und fleht uns an mit Hinweis auf Seine unermeßlichen Schmerzen. Wie sehr muß Er uns lieben, wenn Er für uns soviel Leid auf sich genommen hat! Wie schreckich aber ist das Ungklück derjenigen, die sich durch eigene Schuld der Erlösung entziehen!

Durch seine Sünde hat der Mensch die Beziehung zu Gott abgebrochen. Seither klafft ein unüberwindlicher Abgrund. Christus schlägt durch Sein bitteres Leiden die Brücke zwischen sich und den Menschen. Um zu uns zu gelangen, überschreitet Er den Abgrund unserer Sünde; Er tilgt sie mit Seinem Blut. Nun ist der Weg zu Gott wieder offen, doch man muß die Passion durchschreiten, um die Verbindung mit Ihm wieder aufzunehmen. Unmöglich also kann man sich retten, ohne auf irgendeine Weise das Leiden Christi zu teilen. Es gibt keine andere Wahl: Leiden oder Hölle.

Es ist Sendung und Aufgabe der Gottgeweihten, sich ganz in die Passion hineinzustellen, sie in sich eindringen zu lassen und durch persönliche Opfer den Seelen, für die sie beten und sich hingeben, die Früchte des Leidens Christi zu vermitteln und ihnen den Weg zu öffnen zu den Quellen seiner Kraft.

 

II. Zeitgemäßheit

 

Diese so eindringliche Botschaft ist erschütternd zeitgemäß.

Überall wuchert erschreckend die Sünde auf. Der Stolz des Menschen, der ohne Gott auskommen will, maßt sich an, die Erde in ein Paradies zu verwandeln. Er erreicht damit nur, sie zu einem Vorraum der Hölle zu machen, in dem Unmoral und Gottlosigkeit herrschen, wo alle bösen Leidenschaften sich austoben, wo die wildesten Kriege entfesselt werden und wo die unermeßliche Überzahl der Menschen in Armut und Knechtschaft leidet, ohne den Trost, den allein der Glaube geben kann.

Das Gottesherz neigt sich Seinen armen Kindern zu. Es weist ihnen den Weg zu Glück, Frieden und Heil.

Diese Botschaft wird den Menschen nicht nur übermittelt, sie wird gelebt. Jesus Christus belehrt uns nicht nur durch das, was Er Josefa sagt, sondern auch durch das, was Er in ihr wirkt: Worte begeistern, Taten reißen hin.

Will man Gottes Liebe zu den Seelen erkennen, so lausche man mit Josefa den Schlägen Seines Herzens. Jesus sagt:

" -- Mit jedem dieser Schläge rufe Ich eine Seele (26. Oktober 1920)." Kann man an der Wirklichkeit dieser Liebe zweifeln, wenn man sieht, wie sie das Herz Josefas entflammt und es so unerschrocken und tapfer macht, um die Seelen vor der Hölle zu retten?

Kann man an der Unermeßlichkeit dieser Liebe zweifeln, wenn Josefa ein unaussprechliches Martyrium auf sich nimmt, dessen Wirkkraft offensichtlich ist, wenn sie, die darum weiß, uns sagt, ihre Liebe sei nichts im Vergleich zu Jesu Liebe, ihr Leiden sei nur ein Schatten, verglichen mit Seiner Passion (28. Oktober 1920)?

Kann man zweiflen an der Güte dieser Liebe, wenn man im Leben Josefas von dem unermeßlichen Kummer des Herzens Jesu über das Verderben der Seelen und von Seiner Freude über ihre Heimkehr hört (25. August 1920; 26. Dezember 1920; 3., 4. August 1921; 29. Juli 1921; 3., 12., 25. September 1922)?

" -- Hilfe Mir -- so sagt Er -- hilf Mir, Mein Herz den Menschen zu enthüllen. Sieh, Ich will ihnen sagen, daß sie vergebens ihr Glück fern von Mir suchen; sie werden es nicht finden. Leide und liebe, denn wir müssen Seelen retten (13. Juni 1923)."

Wie sollte man in Josefas echter Liebe zu den Seelen nicht die große Liebe des göttlichen Herzens wiedererkennen, die allein sie so entflammen konnte?

Ebenso kündet das Leben Josefas auch die unendliche Barmherzigkeit des Heilandes.

" -- Ich werde dich lieben -- sagt Er ihr am Herz-Jesu-Fest, den 8. Juni 1923 -- und die Seelen werden Meine Liebe erkennen an der Liebe, die Ich zu dir hege.

Ich werde dir verzeihen, und die Seelen werden Meine Barmherzigkeit erkennen an der Verzeihung, die Ich dir schenke."

Eines Tages sagt Er sogar:

" -- Ich liebe die Seelen bis zur Torheit (27. September 1922)."

Das mag überraschen; aber finden sich nicht gleichbedeutende Worte auch in der Heiligen Schrift?

"Könnte eine Mutter ihres Kindes vergessen? Ich werde dich nie vergessen! Sieh, dein Name ist in Meine Hand geschrieben" (Is. 49, 15-16).

"Wo sind deine Sünden? Ich habe sie auf den Grund des Meeres versenkt" (Mich. 7, 19; Is. 38, 17).

"Er hat mich geliebt und sich für mich dahingegeben" (Gal. 2, 20).

Ist das nicht Torheit?

Auch von der Hölle und ihrer Wirklichkeit bringt uns Josefa eine selbst erlebte Botschaft. Alle Leiden der Passion, die sich in ihr fortsetzen, alle Verfolgungen durch den Teufel und die Abstiege zur Hölle haben keinen anderen Zweck, als die Seelen dem Verderben zu enreißen und die Sünder auf den Weg des Heiles zurückzuführen. Wie könnte man die Existenz von Teufel, Hölle und Fegfeuer nicht glauben oder den Wert des stellvertretenden Leidens bezweifeln, wenn man die erschütternden Stellen liest, in denen sich diese großen übernatürlichen Wahrheiten dem Leibe und der Seele Josefas einprägen?

Das Wesentliche der Botschaft bringt uns nichts Neues; es enthüllt nur eindringlicher und klarer, was wir durch den Glauben schon wissen.

" -- Ich wiederhole es nochmals: Was Ich jetzt sage, ist nichts Neues. Aber wie die Flamme der Nahrung bedarf, um nicht zu verlöschen, so brauchen die Seelen neuen Aufschwung, der sie emporreißt, und neue Glut, die sie belebt (5. Dezember 1923)." Und welche Kraft hat der Rufe, den die demütige Josefa vermittelt!

 

III. Glaubwürdigkeit

 

Man konnte schon feststellen, daß die Botschaft nicht nur in den Worten besteht, die Josefa anvertraut sind; vielmehr ihr ganzes Leben gibt Zeugnis. Ja, diese Bevorzugte des Herzens Jesu spricht sogar vorwiegend durch ihr Leben. Ihr ganzes Dasein ist ein wunderbaer Beweis für die göttliche Wirksamkeit.

Sie allein hat die Worte des Herrn gehört. Sie allein ist also Zeuge. Ihr Leben aber bürgt für die Wahrheit dieser Botschaft. Aus nächster Nähe wurde es von berufenen Zeugen beobachtet. Sie können uns die unbestreitbare Tugend der kleinen und verborgenen Botin von Gottes unendlicher Liebe und auch die Wirklichkeit ihrer übernatürlichen Zustände bestätigen, für die sie greifbare Beweise haben.

Ihre Tugend wurde allgemein anerkannt, obwohl sie nicht auffällig hervortrat. Josefa ist immer mehr nachzuahmen als zu bewundern gewesen. Aber unbewußt empfand man ihren starken und nachhaltigen Einfluß. Nie suchte sie das Ihre; in allem war sie vollkommen abgetötet; sie gehorchte ohne Vorbehalt; sie war geduldig und sanft. Das bewirkte ihre tiefe Demut.

" -- Du bist das Echo Meiner Stimme", hat der Herr ihr gesagt (10. Dezember 1922), und wirklich ist alles in ihr Sein Widerhall.

Diese schlichte Tugend überzeugt uns von dem wahren und tiefgreifenden Wirken Gottes in Josefas Seele und könte schon allein ihre übernantürlichen Zustände als von Gott kommend beglaubigen.

Dennoch verhalten sich ihre Obern absichtlich eine Zeitlang zögernd und abwartend. Man muß ihnen danken für diese kluge Zurückhaltung und für dieses natürliche Mißtrauen, das Beweise fordert. Unschuldig und ehrlich, wie sie war, hätte Josefa niemals täuschen wollen. Und doch könnte man sich fragen, ob sie nicht selbst die Getäuschte ihrer Phantasie und ihres Herzens gewesen sei. Das kommt häufig, auch bei wahrhaft frommen Seelen vor. Josefa aber -- und dies war ein sehr gutes Zeichen -- lebte in dauernder Furcht und war ganz bereit, alles, was ihr widerfuhr, auf das Wort ihrer Obern hin als Illusion anzusehen. Nichts ist bedeutsamer als diese Tatsache.

Sie war nach Rom gekommmen, um der Ehrwürdigen Mutter Generaloberin im Namen des Heilandes eine Botschaft zu überbringen, die die Gesellschaft des Heiligsten  Herzens Jesu betraf. Unter dem lügnerischen Einfluß Satans glaubt sie plötzlich, nur der Spielball des Teufels zu sein; es scheint ihr, als wäre ihr in Wahrheit gar keine Botschaft von Gott aufgetragen worden. Ohne zu zaudern, ohne auf den Nachteil zu achten, den sie dadurch in der Meinung ihrer Obern erleiden könnte, gesteht sie ihre Angst ein, ihre Überzeugung, sich alles nur einzubilden und bittet, ihr nichts zu glauben. Diese selbstlose Wahrheitsliebe in solchem Augenblick bezeugt allein schon Josefas Glaubwürdigkeit. Nur eine heldenhaft demütige und selbstvergessene Seele vermag so zu handeln. In ihren Aufzeichnungen finden wir die gleiche Aufrichtigkeit.

Im Auftrag des Herrn und der allerseligsten Jungfrrau hält sie ihre Obern über alles auf dem Laufenden. "Du mußt schreiben!" hat der Meister zu ihr gesagt. Zweifellos will Er, daß von Seinen Worten nichts verloren gehe (6. August 1922). Doch Er beabsichtigt dadurch auch, das geringste Tun und Lassen Josefas unter Kontrolle zu stellen, um ihr desto mehr Glaubwürdigkeit zu verschaffen. In diesen Aufzeichnungen nun findet sich nichts Unnützes, nichts Falsches, nichts auch nur Mißverständliches, nichts, was sie selbst zur Geltung brächte oder einen Schatten von Eitelkeit verraten könnte; alles ist richtig, maßvoll, ergreifend, heilig.

Ihre übernatürlichen Zustände entgehen dieser Kontrolle nicht.

Steigt sie zur Hölle hinab oder kommt sie aus der Ekstase wieder zu sich, so sind ihre Vorgesetzten an ihrer Seite und überwachen aufmerksam und mütterlich ihre Rückkehr zum normalen Leben; sie zeichnen die im Verlaufe dieser ergreifenden Stunde geäußerten Worte auf.

Tritt sie mit dem Fegfeuer in Verbindung und erfährt sie von den Seelen, die sie um Hilfe anflehen, Namen, Ort und Datum ihres Todes, so erweisen sich diese genauen Feststellungen jedesmal als richtig, wenn sie nachgeprüft werden.

Ebenso ist kein Zweifel möglich über die Tatsache der Entführungen Josefs durch den Teufel: Sie geschahen vor den Augen der Obern, die machtlos waren, sie zu verhindern. Ebenso beglaubigt sind auch die Verbrennungen, die an ihrem lebendigen Leibe und an den Resten der geschwärzten Wäsche, die noch aufbewahrt sind, festgestellt werden konnten.

Noch überzeugender aber wirkt es, daß all diese geheimnisvollen Verfolgungen des Satans (Teufelsvisionen, Abstiege zur Hölle) weder ihren Seelenfrieden noch ihr inneres Gleichgewicht stören, und daß sie ebenso ruhig und verschwiegen bei den Erscheinungen Christi und der allerseligsten Jungfrau bleibt (liebliche Erscheinungen des Jesuskindes zu Weihnachten, der allerseligsten Jungfrau, "so schön und mütterlich", wie Josefa sie immer beschreibt.), die so leicht ihre Einbildunskraft und ihr lebhaftes Gemüt hätten errregen können; ja, daß sie nicht einmal das so natürliche Bedürfnis fühlt, anderen davon Mitteilung zu machen. Ihre Obern, die alleinigen Mitwisser jener Gunstbeweise, heben hervor, mit welch äußerster Zurückhaltung Josefa darüber Rechenschaft gibt.

Menschlich gesprochen, hätten sie in so großen Leiden um Linderung bitten müssen (Nächte in der Hölle oder unter der Kreuzeslast oder mit stechenden Schmerzen von der Dornenkrone usw.); aber sie spornen nur ihren Eifer an, aus Liebe zum Herzen Jeus noch mehr zu leiden für das Heil der Seelen, die Er bis zur Torheit liebt.

So stimmen die Aufzeichnungen in ihrer Gesamtheit mit Josefas Leben überein und bezeugen das Wirken Gottes in ihr. Sogar die außergewöhnlichen Tatsachen bergen bedeutungsvollen Sinn. Keine Einzelheit ist überflüssig: Keine Offenbarung, kein Wort findet sich, das nicht eine dogmatische Wahrheit stärker betonte und nicht tieferes Verständnis für das Herz Jesu, Seine Liebe, den Preis der Seelen, das Glück des Himmels und das rettungslose Unglück der Verdammten vermittelte.

Alles in diesem Leben ist Gnade und zugleich ein Aufruf, der auch uns nicht gleichgültig lassen kann.

Zweifellos werden Theologen und Geisteslehrer die Aufzeichnungen dieser demütigen, in den Augen der Welt ungebildeten Schwester lesen und betrachten. Wie über die heilige Theresia vom Kinde Jesu werden auch hierüber zahlreiche Werke erscheinen, die den tiefen Lehrgehalt entwickeln und die Geheimnisse der Liebe bekanntmachen wollen. Doch, was noch besser ist, die Lesung wird unzählige Gnaden der Bekehrung und Heilgung zur Folge haben. Die Welt mag staunen, daß aus Josefas Leben -- einem solchen "Nichts" -- so Großes hervorgeht; doch gerade dieses Nichts erbringt den Beweis.

Wahrlich, die Botschaft trägt das göttliche Siegel.

Digitus Dei est hic. -- Das ist der Finger Gottes.

H. Monier-Vinard S.J.


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell