Aus dem Immaculata-Archiv:


Die Mysterien des Christentums
von Dr. Matthias Scheeben, 1865
Professor am Erzbischöflichen Priesterseminar in Köln

 

Erstes Hauptstück

Das Mysterium des Christentums im allgemeinen

Spiritus autem loquitur mysteria (1 Cor 14,2).

§ 1. Interesse des Gegenstandes.

Das Christentum trat in die Welt als eine Religion voll von Geheimnissen. Dieser geheimnisvolle Charakter des Christentums, der sich schon in seinen Grundwahrheiten deutlich genug kundgab, war den Heiden eine Torheit, den Juden ein Ärgernis; und da das Christentum ihn in der Folge nie aufgab und auch nicht aufgeben konnte, ohne sein Wesen zu verleugnen, so blieb es fortan immer eine Torheit und ein Ärgernis für alle diejenigen, die, wie die Heiden, mit ungeweihtem Auge, oder, wie die Juden, mit unbeschnittenem Herzen ihm gegenübertraten, mit bitterem Hohne verspotteten sie sein geheimnisvolles Wesen als Finsternis, Aberglauben, Schwärmerei, Wahnwitz.

Nachdem das Mysterium des Christentums sich nichtsdestoweniger Bahn gebrochen und sich im Glauben der Völker festgesetzt hatte, stieß es auf andere, minder feindselige Gegner. Viele Geister nämlich, zu edel, um die hohe und wohltätige Kraft des Christentums zu verachten, oder zu ehrfurchtsvoll gegen den Glauben ihrer Kindheit, um sich hochmütig von ihm abzuwenden, aber doch auch nicht demütig genug, um sich mit kindlichem Sinne ihm hinzugeben, wollten den Schleier von dem Heiligtum des Christentums lüften und das Geheimnis aufheben, um den Kern der Wahrheit ganz aus seiner dunkeln Hülle zu befreien und ans Licht zu bringen.

Selbst Freunde, ja eifrige Verteidiger des Christentums konnten sich nicht immer einer gewissen Scheu vor dem Dunkel seiner Geheimnise erwehren. Um den Glauben an die christlichen Wahrheiten zu stützen und zu verteidigen, wollten sie ihn in Vernunftwissenschaft auflösen, die Glaubenslehren durch Vernunftgründe beweisen und sie so zustutzen, daß des Dunkeln, Unbegreiflichen und Unergründlichen wenig mehr übrig bliebe. Sie dachten nicht daran, daß sie durch ein solches Verfahren den schönsten Edelstein aus der Krone des Christentums herausbrachen.

Je größer, je erhabener und göttlicher das Christentum ist, um so unergründlicher und geheimnisvoller muß notwendig sein Inhalt sein. Wenn seine Lehre des eingeborenen Sohnes Gottes würdig ist, wenn der Sohn Gottes selbst aus dem Schoße seines Vaters herabgestiegen ist, um uns in dieselbe einzuführen, können wir da etwas anderes erwarten als die Enthüllung der tiefsten Geheimnisse, die im Schoße Gottes beschlossen liegen, etwas anderes als Aufschlüsse über eine höhere, unsichtbare Welt, über göttliche und himmlische Dinge, die "kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, und die in keines Menschen Sinn aufsteigen konnten" (1 Kor 2,9)? Und wenn Gott uns seinen eigenen Geist gesandt hat, "um uns in alle Wahrheit einzuführen" (Jo 16,13), den Geist seiner Wahrheit, der in seinem Innern wohnt und allda "die Tiefen der Gottheit ergründet" (1 Kor 2,10): konnte und sollte dieser Geist uns nichts Neues, Großes und Wunderbares offenbaren, konnte und sollte er uns keine erhabenen Geheimnisse lehren?

Weit entfernt also, daß man das Christentum wegen seiner Geheimnise verwerfen oder mit verdächtigem Auge ansehen sollte, muß man vielmehr in eben diesen Geheimnissen seine göttliche Erhabenheit erkennen; so wesentlich sind ihm seine Geheimnissse, daß es, als Offenbarung durch den Sohn Gottes und den heiligen Geist, einen inneren Widersprch an der Stirne tragen und sich selbst brandmarken würde, wenn es keine Geheimnise vorbrächte. Es wäre eine schlechte Empfehlung für die Gottheit seines Urhebers, wenn er uns nur soche Dinge lehrte, die wir allenfalls auch durch einen Menschen lernen oder durch uns selbst hätten erkennen können und die wir ganz zu begreifen vermöchten.

Ich füge hizu: Auch der Inhalt des Christentums würde uns nicht so anregen und begeistern, er würde nicht mit solcher Liebe und Freude von uns aufgenommen werden, wenn er keine Geheimnisse enthielte. Es ist nicht die Stimme der Natur, nicht der innerste Drang unseres Herzens, nicht die Sehnsucht nach Licht und Wahrheit. Es ist vielmehr die Anmaßung eines frevelhaften, übermütigen Stolzes, was manche Menschen vor den christlichen Geheimnissen wie vor unheimlichen Gespenstern zurückschrecken läßt. Wenn das Herz nach Wahrheit dürstet, wenn die Erkenntnis der Wahrheit seine reinste Wonne, sein höchstes Glück ist, so übt gerade das Erhabene, Wunderbare und Unerfaßliche einen ganz besondern Reiz auf dasselbe aus. Eine Wahrheit, die leicht gefunden und schnell begriffen wird, kann weder entzücken noch fesseln. Um uns zu entzücken und zu fesseln, muß sie uns durch ihre Neuheit überraschen und durch ihre Großartigkeit überwältigen, durch ihren Reichtum und ihre Tiefe muß sie dem forschenden Auge immer neue Herrlichkeiten, immer tiefere Abgründe darbieten. Wie wenig erquicken und erfreuen uns jene Wissenschaften, deren Gegenstand, bald erschöpft, nichts für unsere Bewunderung übrig läßt; wie sehr aber diejenigen, in denen jeder Blick neue Wunder ahnen läßt, wo jede Seite des Gegenstandes neue und größere Herrlichkeiten verbirgt!

Der größte Reiz in der Erkenntnis ist gerade das Staunen, die Verwunderung und Bewunderung; denn durch die Verwunderung sind die Menschen, wie Aristoteles sagt (Met. A. 2,982-b,12), zum Nachforschen veranlaßt worden. Je weniger wir von einer Sache kannten, namentlich aber je weniger wir aus uns von ihr zu erkennen hoffen durften, je mehr wir uns über ihr Dasein verwundern, desto glücklicher schätzen wir uns, wenn sie uns bekannt wird. Je erhabener der Gegenstand ist, je mehr uns seine Schönheit und Größe überwältigt, je mehr wir an ihm zu bewundern haben, desto mehr erfreut uns auch der kleinste Blick, den wir auf ihn heften dürfen. Kurz, die Wahrheit reizt uns desto mehr, je verborgener sie ist, je geheimnisvoller sie uns entgegentritt. Muß uns also nicht auch das Christentum gerade deshalb besonders wert und teuer sein, weil es Geheimnisse in sich schließt und um so teurer, je größer diese Geheimnisse sind? Erscheint es uns nicht noch einmal so groß, weil sein ganzes Wesen Geheimnis ist, und zwar ein großes, ja das größte Geheimnis, das Geheimnis Gottes?

Dennoch ist es im Grunde genommen nicht gerade die Dunkelheit, welche uns das Mysterium besonders wert und teuer macht. Unsere Seele, aus dem Lichte und zum Lichte geboren, flieht die Finsternis und seufzt nach dem Lichte; die Dunkelheit als solche hat keinen Reiz für sie. Warum übt gerade die Morgendämmerung einen so entzückenden Einfluß auf uns, warum entzückt sie uns selbst mehr als der lichte Tag? Nicht deshalb, weil hier das Licht mit Dunkelheit gemischt ist, sondern weil sie die Dunkelheit, die uns umgab, vertreibt und das ersehnte Licht herbeiführt, weil hier unser Herz ahnungsvoll den sich immer mehr enthüllenden Herrlichkeiten der Sonne entgegenschlägt. Was uns reizt, ist die Enthüllung eines Lichtes, das uns verborgen war. Die Geheimnisse müssen also an sich lichte, herrliche Wahrheiten sein; die Dunkelheit darf bloß auf unserer Seite liegen, insofern unser Auge nicht imstande ist, aus sich bis zu ihnen vorzudringen und sie zu erschöpfen. Es müssen Wahrheiten sein, die nicht wegen innerer Dunkelheit und Verworrenheit sich unserem Aug entziehen, sondern wegen ihrer zu großen Herrlichkeit, Erhabenheit und Schönheit, der auch das stärkste menschliche Auge nicht nahen kann, ohne geblendet zu werden.

Wenn uns solche Wahrheiten, die uns ganz und gar unzugänglich waren, offenbart werden, wenn Gott es uns durch seine Gnade möglich macht, auch nur von ferne einen ahnungsvollen Blick in ihre Tiefen zu werfen, dann dämmert es in unserem Innern wunderbar, die Morgenröte einer himmlischen Welt geht uns auf, und obgleich wir uns in diesem Zustande erst recht der Dunkelheit, die uns umgab und noch umgibt, bewußt werden, so ist doch ein einziger Strahl des uns aufleuchtenden höheren Lichtes genug, um uns mit Entzücken zu erfüllen.

Der Reiz des Mysteriums ist so groß, daß auch außerhalb des Christentums fast alle Religionen und sozialen Verbindungen, welche einen begeisternden und nachhaltigen Einfluß auf die Menschen üben oder geübt haben, sich in das Dunkel des Geheimnisses gehüllt und eben hierein ihren Stolz gesetzt haben, obwohl manche aus ihnen, sehr inkonsequent, das Christentum gerade wegen seiner Geheimnisse verspotteten. Ihre Mysterien, Produkte menschlicher Erfindung, sind natürlich nur Zerrbilder der göttlichen Mysterien. Entweder sind es bloße Mystifikationen, mit denen man die Uneingeweihten täuscht, oder es sind teils wirkliche teils vermeintliche Wahrheiten, die aber eben dadurch den erhabenen Charakter des Mysteriums verlieren, daß sie den Eingeweihten als sonnenklar dargestellt werden. Der Christ hingegen wird eingeweiht in wahrhafte Geheimnisse Gottes, er betrachtet diese Einweihung mit Recht als eine wunderbare, gnadenvolle Erleuchtung, aber ebendeshalb ist er auch mit der tiefsten Ehrfurcht gegen die Erhabenheit seiner Mysterien erfüllt; mit heiligem Danke erkennt er die Gnade Gottes an, ohne darum die nicht Eingeweihten zu verachten; er wünscht sehnlichst, daß auch ihnen dieselbe große Gnade zu teil werde; und wenn vor alters die Christen ihre Mysterien vor den Ungläubigen geheim hielten, so geschah das nur deshalb, damit das Heilige in den Augen und Händen der Unreinen nicht geschändet und verunreinigt würde.

Wenn aber der Christ in Demut die Offenbarung der Geheimnisse Gottes als eine große Gnade aufnimmt, so ist er doch eben dadurch auch zu einem heiligen Stolze berechtigt. Mit heiligem Stolze kann und soll er sich durch die Gnade Gottes des Besitzes seiner hohen Mysterien rühmen, welche vor den Großen und Weisen dieser Welt verborgen sind. Heutzutage namentlich, wo eine flache Aufklärung mit ihrem gleißnerischen Lichte die Geheimnisse unseres Glaubens verdrängen will, tut es not, daß der Christ sich seiner hohen Erleuchtung bewußt werde, daß er stolz sei auf das im Glauben ihm aufgegangene Morgenrot einer schöneren, übernatürlichen Welt.

Wodurch werden wir dieses hohe Bewußtsein, diesen heiligen Stolz am besten hervorrufen und kräftigen? Nicht dadurch, daß wir von den Mysterien das Dunkel wegleugnen, welches sie auch noch vor dem Auge des Eingeweihten verhüllt, sondern durch den Nachweis, daß selbst das schwache Licht, welches aus dem Dunkel hervorbricht, stark genug ist, um die wunderbare Herrlichkeit der Mysterien wenigstens annähernd zu offenbaren. Diesen Nachweis wollen wir in vorliegendem Werke liefern und damit einen Beitrag stellen zur Hebung der christlichen Erkenntnis und des christlichen Lebens.

Um den Plan, den wir in unserer Schrift befolgen, und die Grundsätze, die uns leiten, von vornherein klar darzulegen, müssen wir uns zunächst durch eine genaue Analyse über den Begriff des Mysteriums verständigen.

(Fortsetzung folgt)


Transkription von P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell