Aus dem Immaculata-Archiv:


Die heilige Jungfrau
Scholastika

Sr. Benedicta Kapp, O.S.B.

Imprimatur 3. Februar 1947, Benedikt Retz, Abt.


Hochsommerliche Hitze brütet über steirischem Land, obwohl die Menschen allabendlich vor den blütenhellen Altären singen: "Maria, Maienkönigin, dich will der Mai begrüßen!" Wäre also eigentlich eine Zeit zu zartem Sprießen und Prangen und dennoch ist es seit Wochen anders.

Fluren und Felder sind am Verdorren, alle Brunnen am Vertrocknen. Die Bäume, in deren schlanken Leibern sich lenzfrohes Wachstum und künftiges Fruchtbringen bis in das letzte Glied recken und dehnen will, lassen ihre Arme kraft- und saftlos hängen, in den Ställen zerrt das Vieh unruhig an den Ketten und äugt nach den Eimern, an deren kühl-glatten Rändern es nur ganz selten die weichen Lippen reiben und ebenso selten das erquickende Naß aus ihren Tiefen schlürfen darf. Wassernot! Ein unheimlich grinsendes Gespenst wider alles Leben in Mensch und Tier, Halm und Schaft.

Im Hof der Frauenabtei droben auf dem Berge steht die Ökonomin und hält besorgte Ausschau. Wieder und wieder ist der Himmel ein einziger leuchtender Saphir, nicht einmal ein Lammswölklein will sich zeigen. Wie lange noch? Das fragen voll Kümmernis auch die wetterharten Bauern, die des Sonntags über Hügelland heraufgestapft kommen, um Knie und Herz dem Erlösergott auf der güldenen Patene zu beugen. In den Feldern um und um glühen die Weizenähren beinahe, sodaß man Angst bekommen möchte, es müßte urplötzlich irgendwo eine rote Fackel im Gold aufsteigen. Ist eine arge Heimsuchung Gottes, solche Dürre und gewiß mit vermeint, wenn sich die klobrigen Finger ineinander schließen und die Not in kargem Laut über die Lippen bricht: "Von Pest, Hunger und Krieg, erlöse uns, o Herr!"

Nur der weise Erhalter da droben kann Abhilfe schaffen. Sind aber wohl ein recht sündhaftes Geschlecht, die schwachen Menschlein, daß ihr Beten schier nimmer fruchten will. Haben kein Ansehen vor ihrem Herrgott, oder geschäh' das Stammeln und Betteln nicht in der rechten Weis'? Müßte da Einer oder Eine kommen, die's besser verstünd', dieses Anklopfen an der letzten Tür vorm Gottesherzen. Einer oder Eine mit ganz sachten Händen, die in dienender Liebe für immer warm und weich geworden sind. Vor solchen Händen täte sich die Klinke ehrfürchtig von selber neigen und ein Torflügel aufspringen.

In stiller Betrachtung kommt der Äbtissin diese Eine in den Sinn. Zu ihr will sie drei Tage lang mit ihren geistlichen Töchtern flehen. Sie soll ihre Fürbitte hinbreiten, dort über dem Sonnengezelt, das sich in mitleidloser Majestät über einem Fleck Erde lückenlos geschlossen hat.

"Te, beata Sponsa Christi, te, columba virginum..." "Christusbraut in seligem Glanze, Himmelstaube, Jungfrau rein..." schwingt sich klarer Choral zur Vesperstunde im Frauenchor auf. Allein, wer ist sie, die Sponsa Christi, die die Himmel rühren soll? Eine, die Natur und Gnade blutwarm und seraphisch zugleich mit dem Gottesmanne Benediktus verbunden hatte - dessen heilige Schwester Scholastika. Sancta Scholastica, ora pro nobis!

Der flehenden Nonnen Auge ist mit solcher Andacht auf das rotschnittige Buch gesenkt, daß keine von ihnen merkt, wie die Helle von den Wänden mehr und mehr schwindet. Mechanisch nestelt eine Hand an dem Schalter. Licht flammt auf.

"Dum fluentis lacrimarum cogis imbres currere..."

Letzter Ton verhallt und man vernimmt nur mehr sachtes Schreiten und das weiche Wallen der schweren Gewänder. Dann schließt sich die Chortüre hinter der jüngsten Nonne.

Draußen ist die Luft zum Ersticken schwül. Eine brodelnde Masse, die Herz und Stirn beklemmt. Von weit herein Rollen - jetzt durchzuckt das nachtschwarze Zelt, das sich so urplötzlich über der Abtei spannt, blaues Leuchten. Wieder und wieder... Ein Höllenkrach... In freudigem Schreck heben sich die Häupter. Und nun öffnet der Himmel alle Schleusen. Der Regen brandet in Strömen nieder, in allen Rinnen und Röhren zischt und gurgelt es, aus allen Tonnen und Eimern steigt es randvoll auf, stürzt über, hinein in die klatschende Flut, die sich über Weg und fahles Grün, Stock und Stein wälzt. Sie dauern an, die Segensbäche, Nächte, Tage. Im Schutze der Scheunen- und Hoftore stehen die Bauern und tragen lichte Befriedigung im Blick. Im Klostergang aber verzehrt sich ein Flämmchen dankesheiß vor dem Bildnis einer Bedediktinernonne. Das Flackern des Lichtes taucht die edlen Züge bald in mystisches Dunkel, bald läßt es sie wie in überirdischem Glanze aufleuchten. So scheint sie Leben zu atmen, die Gestalt der Geistesheldin längst verklungener Tage - der zarten Christusbraut Scholastika.

... Ortus avo illustri, cui Justinianus
Nomen erat, patria ejus Nursia gaudet haberi;
Eutropii haec dictio patris. Abundantia mater,
Dicta est, e qua et nata gemella Scholastica sancta.
Er stammte von einem erlauchten Ahnen; Justinian
dessen Name. Nursia freut sich seine Heimat zu sein.
Eutropis war sein Vater. Abundantia seine Mutter,
die auch seine Zwillingsschwester, die heilige Scholastika, gebar.
(Aus einer alten Handschrift, angeführt in der "Chronik von Subiaco" des Mönches Cherubim Myrtius.)

Blutrote Strahlen des versinkenden Sonnenballs umspielen das rissige Mauerwerk einer nursianischen Kirche. Sieghaft sticht das blitzende Kreuz, wie von sehnigem Arm emporgereckt, in die italienische Abendbläue. Ein steinernes Credo, als Gedenken an lebendurchpulsten Mannesglauben zum sakralen Massiv geformt. Soll dieses Gotteshaus ja auf den Grundpfeilern ruhen, die dereinst den Palast des erlauchten Geschlechtes der Anicier trugen, einer römischen Hochadelsfamilie, die zwei begnadeten Sprößlingen die Wiege bereiten durfte: dem Zwillingspaar Benedikt und Scholastika.

Nursia, das heutige Norcia, war ihre Heimat, dieses liebliche, von Wall und Grün umsäumte Städtchen an der Grenze zwischen Umbrien und dem Sabinerland. Heilige Männer segneten einst durch ihr Dahinschreiten die staubheißen Gassen: ein heiliger Abt Spes, die Mönche Eutychius und Florentius und der Priester Sanctulus. Auch Heldengestalten, Römertugend sonder Falsch in der Brust, sind aus Nursiens steinichtem Wall klingenden Schrittes herausgetreten und haben die Welt mit gerechtem Streitruf erfüllt: Sertorius, der todesmutige Vorkämpfer der Freiheit in Spanien und der hochgesinnte Cäsar Vespasian.

Hier stand also das Geburtshaus des heiligen Benedikt, das schon seinem Äußeren nach ansehnlichen Reichtum verriet. Vor dem Aufgang dehnten sich die Steinfließen eines weiten Platzes, den eine Mauer mit kunstvollem rotem Gitter umgürtete. In einem heimeligen Hof spielten die Wasser eines Springbrunnens, dessen labende Kühle bis in das Gartenhaus strich, das oft die gastliche Stätte liebvertrauter Besucher der Familie war.

Als die Zwillinge um das Jahr 480 ins Erdendasein traten, waren Tränen und Trauer die Erstlingsgaben an ihrer Wiege: Das zitternde Lebenslicht der jungen Mutter mußte an den neu hervorbrechenden Strahlen, die dereinst wegweisend das Dunkel einer ganzen Welt erhellen sollten, im Opfertod erlöschen. Der hart betroffene Vater Eutropius blieb zeitlebens Witwer.

Scholastika hing mit herzlicher Liebe an ihrem Bruder und empfand oft Schmerz darüber, daß beider Erziehung streng geteilt war und sie nur manchmal mit dem besinnlichen Knaben im Garten spielen durfte. Dann unterhielten sie sich in echt kindlicher Weise. Am vertrautesten waren ihnen Gottes unschuldige Geschöpfe, die Vögel und die Blumen. Furchtlos umhüpften die niedlichen gefiederten Sänger das Kinderpärchen, hielten mitunter ein farbenfrohes Blümlein im Schnabel und streuten es zu ihren Füßen hin.

Eines Morgens fing sich ein junges Täubchen im Innern des Gartenhauses und beim verzweifelten Suchen nach einem Weg ins Freie stieß es so lange mit Kopf und Flügel gegen die Wand, bis es wie tot auf einen Polstersitz fiel. Scholastika nahm das arme Ding in ihre weiche Kinderhand und mit Tränen in den Augen sagte sie zu ihrem Bruder: "Sieh! Es hat sich erschlagen! Armes, kleines Täubchen! Kannst du es nicht wieder lebendig machen?" - "Das kann nur Gott", erwiderte Benedikt. - "Doch kannst du Gott bitten, daß er es tut". - Nun nahm der Knabe das flaumweiche Körperchen in seine Hände, überströmte es eine Weile mit dem Hauch seines Mundes und das betäubte Tierchen öffnete wieder die Augen und versuchte zu flattern. - "Es lebt!" - jauchzte Scholastika, setzte sich das Täublein auf den Finger und hielt es beim Fenster der Sonne entgegen. Der Vogel breitete die Schwingen und flog davon. Scholastika aber wandte sich zu ihrem Bruder zurück und sah ihn mit ernstem Kinderblick an. "Nicht wahr, wenn du einmal groß sein wirst, dann wirst du Gott bitten, daß er dich alles lebendig machen läßt, auch die Menschen." - "Du aber mußt froh sein, wie eine Taube, die zur Sonne fliegen darf..." sprach der Knabe Benedikt.

Von ihrer Wärterin lernte Scholastika allerlei bunte Teppiche für Wand und Tisch anfertigen und später auch von ihres Bruders priesterlichem Lehrer die Kunst des Schreibens und Lesens. Wenn Zyrilla, die treue Amme, am Morgen das Schlafgemach verließ, sprang Scholastika von ihrem niedrigen Lager auf und warf sich vor einem Kreuz an der Wand auf die Knie. Dort betete sie in tiefster Sammlung, bis sie den leisen Tritt der zurückkehrenden Dienerin vernahm. Da schlüpfte das Kind rasch wieder hinter den kostbaren Vorhang seiner Liegestatt.

Es kam die Stunde, in der Zyrilla den Beweis ihrer mütterlichen Bereitschaft erbringen durfte. Sie wollte den jungen Benedikt fürsorgend begleiten, jetzt, da das Leben mit verlangenden Händen nach ihm griff. Rom, die Ewige Stadt, sollte ihn zu ernstem Studium aufnehmen. Und so stand er ein letztesmal vor seiner inniggeliebten Schwester Scholastika. Die edle Haltung beider verklärte den Trennungsschmerz. Sollten sie hinfort auch nicht mehr Seite an Seite sein, ihre Seelen würden ineinander tauchen... im Gebet... in überreichem Innenleben.

Abgewandt den Spielen und Freuden der Altersgenossinnen, will Scholastika künftig in Verborgenheit und Stille Gott dienen. Ruft sie dazu nicht eigentlich Verpflichtung? Als ihr die Gnade des irdischen Lichtes zuteil wurde, weihte sie ihr Vater, frommer Sitte gemäß, Gott, dem Schöpfer, dem Herrn über ihr Leben. Ihm war sie von dieser Stunde an zu eigen und darum will sie nun all ihre glühende Minne in die Erfüllung des väterlichen Gelöbnisses legen. Mit den neugierigen Blicken der Welt sollte man sie nicht mehr schauen, im Lärm des Tages ihre Stimme nicht mehr hören, nur die Wände ihrer Kammer sollten erfüllt werden vom Beten und Psalmengesang.

Von Zeit zu Zeit langte Kunde von Rom ein und jedesmal kam der Jungfrau ein liebliches Bibelwort in den Sinn: "Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen." Und einmal fand überraschende Botschaft den Weg in der Beterin Klause. In des Bruders junger Seele hatte die süße Gewalt der Gnade das Streben und Suchen nach menschlicher Weisheit besiegt, er hatte "seinen Fuß, den er gleichsam erst auf die Schwelle der Welt gesetzt hatte, wieder zurückgezogen, damit er nicht etwa, von ihrer Weisheit kostend, durch einen jähen Sturz zugrunde ginge" und war mit der treuen Amme den brausenden Anio aufwärts gewandert, nach dem einsamen Bergdorfe Enfide. Er war ausgezogen, "das Kleid des heiligen Wandels zu erhalten", eine klösterliche Stätte zu finden und sich dort der Leitung eines Abtes anzuvertrauen oder als Einsiedler Gott zu dienen.

Da schlug Scholastikas Herz höher. Tiefes Verstehen flammte in ihrem Antlitz auf, brach ihr in Tränen seliger Freude aus dem Auge. Nun waren sie einander noch näher. Das Verlangen, die Spuren des königlichen Kreuzträges zu finden, wob ein goldenes Band von Seele zu Seele.

So verstrichen die Tage, die Monde, bis es plötzlich ganz Nursia wie unfaßbare Mär' durchlief: des Eutropius seltsamer Sohn hat in ferner Bergeinsamkeit sein erstes Wunder gewirkt. Nicht in der Öffentlichkeit, nicht an menschlicher Bresthaftigkeit, nein ein Wunder der Liebe für seine mütterliche Amme. Scholastika schwieg in all dem Taumel... mit seligem Lächeln auf den Lippen. O, sie wußte, Benedikt konnte so zart mit anderen fühlen! Was war geschehen? Zyrilla hatte bei Nachbarn eine Multer zum Reinigen des Weizens entliehen, sie unvorsichtiger Weise auf dem Tische stehen gelassen und war weggegangen. Bei ihrer Rückkehr fand sie die Multer zerbrochen auf dem Boden. Da fing die arme Zyrilla zu weinen an und berichtete Benedikt ihr Leid. Der nahm die beiden Stücke der zerbrochenen Multer und zog sich zum Gebet zurück. Und da geschah das Wunder. Als er vom Gebete aufstand, lag die Multer heil und ganz neben ihm. Nicht einmal die Spur eines Bruches war daran sichtbar. Gott hatte seiner reinen Liebe ein Wunder gewährt. Nun aber durchrauschte Enfide ein Sturm der Bewunderung, die Multer wurde am Eingang der Kirche aufgehängt, damit alle von der Begnadung des Knaben Benedikt erfahren sollten.

Durch Scholastikas Seele schauerte ein Bangen. Man zählte ihren Bruder aufdringlich laut zu den Heiligen - würde solches nicht seine Demut antasten? Sie wollte also die Inbrunst ihres Betens noch steigern. Benedikt mußte im Herzen so schlicht und fromm bleiben, wie er in der Abschiedsstunde vor ihr gestanden war.

Und der Himmel erhörte ihr Bitten.

Der fromme Jüngling zu Enfide, der sein Ohr nicht schmeichlerischer Rede leihen wollte, war flüchtigen Fußes enteilt. Niemand hatte Kenntnis von der geheimnisvollen Stunde, in der dies geschehen war. Kein Wort lieh ihr klärendes Licht, kein Zeichen - selbst nicht für sie, seine Schwester. Allein es war gut so, eine innere Stimme sagte es ihr. Der glühende Gottsucher wollte gewiß irgendwo in unzugänglicher Einsamkeit sein Herz nur mehr himmlischen Dingen zuwenden. Damit war aber auch seiner Schwester Zeitpunkt gekommen. Nun sollte ein langgehegter Plan Verwirklichung finden.

So trat die Jungfrau vor ihren Vater hin und bat in kindlicher Unterwürfigkeit um die Erlaubnis, sich in einem benachbarten Kloster dem Kranze gottgeweihter Frauen eingliedern zu dürfen. Schweren Herzens gab Eutropius seine Einwilligung und Scholastika zog, von den heißen Segenswünschen ihres Vaters begleitet, in ein Klösterchen, mitten in die Schar frommer Jungfrauen. Da durfte sie nun ihrem himmlischen Bräutigam ganz angehören, und bald leuchtete sie als ein Vorbild jeglicher klösterlicher Tugend. Fasten, Nachtwachen und Stillschweigen waren ihre gewöhnlichen Übungen. Voll Bewunderung blickten die Mitschwestern auf ihre unerschütterliche Sanftmut, die sich, gepaart mit zartester Reinheit, auf ihren holdseligen Zügen widerspiegelte. Oft kniete die Jungrfrau im nächtlichen Dunkel und vor ihrer Seele stand plötzlich das Bild eines Beters... eines Beters irgendwo in der Wildnis... dessen Werk sie im Opfer stützen wollte.

Durfte nicht einst demütiges Hirtenvolk in karger Felsengrotte den neugeborenen König auffinden und der Welt verkünden? Wie selige Weihnachtsbotschaft drang es nach Jahren in Scholastikas stille Klosterzelle: Hirten waren in den Simbruinischen Bergen zu einer einsamen Höhle gelangt, vor deren Zugang sie zwischen wildem Strauchwerk Tierfelle gewahrten. Schon wollten sie entfliehen, vermutend, daß sie an den Schlupfwinkel eines reißenden Tieres geraten seien, als ihnen plötzlich eine hagere Gestalt in den Weg trat, angetan mit rauhen Tierfellen, dem Kleide der Eremiten. Als sie genauer hinsahen, erkannten sie einen jungen Mann mit vergeistigten Zügen und strahlendem Auge. Er nannte ihnen seinen Namen: Benediktus. Und dann begann er mit schlichtem und doch gewaltigem Wort zu ihren Seelen zu reden, daß sie umgewandelt und für seine heilige Belehrung empfänglich wurden. Damit war aber das Geheimnis der weltentlegenen Höhle entdeckt und ein frohes Raunen pflanzte sich von Mund zu Mund. Kommt! Wir haben einen gefunden, der die Welt überwunden durch Einsamkeit und Schweigen. Kommt und seht und lernt von dem verborgenen Großen!

Und so kamen sie denn in hellen Scharen, die um ihrer Seelen Heil Beflissenen, die nach ewiger Stättigung Hungernden und Dürstenden, die Armen und Enterbten, die ob ihrer Unbeschwertheit sich ungehindert zu den reinen Höhen heben konnten, über die der Geist Gottes wehte. Der Fels nahm Leben an, seine starren Pfade begannen zu grünen unter den Tritten der sehnsuchterfüllten Pilger, die die heilige Höhle aufsuchten. Im brausenden Föhn wehte Bart und Gewand des Predigers, der mitten in dieser steinernen Welt stand und mit seiner Rede Macht an die Herzen griff, der einen Himmel voll ungeahnter Seligkeit vor ihnen aufriß, verheißen all denen, die den kurzen irdischen Kampf in Treuen bestünden.

Gottes Weisheit aber plante noch Größeres. Benediktus sollte fürder nicht länger in der vertrauten Gesellschaft des rauschenden Anio und der wiegenden Adler zu seinen Häupten bleiben. Jünger scharten sich um ihn, Klöster und Kapellen wuchsen aus heiligem Erdland, bis Benedikt den Berg des Segens erklommen hatte - Monte Cassino. Dort erstand alsbald eine Gottesburg, Kirche und Hof, Tor und Turm, Erker und Zelle, Stall und Grün genau nach des ehrwürdigen Mannes weiser Anordnung auf den felsigen Boden hingelagert. Eine "leuchtende Stadt auf hohem Berge", ein Ort des Betens und der Arbeit. Auf allen Wegen, über Bach und Brücken, über Halde und Tal kamen sie gezogen, die Geistesschüler, die alle irdischen Straßen in den schmalen Pfad zur Ewigkeit einmünden lassen wollten. Vornehme brachten ihre Söhne zur Erziehung, Mütter ihre Kinder, auf daß der gütige Vater ihnen seine Hände segnend aufs Haupt lege. Gelehrte und Ungelehrte, reife Männer, Jünglinge und Knaben füllten die Mauern des lichten Zeltes auf dem Berge, legten die Kriegsrüstung des gerechten Kampfes an.

All dies hörte die einsame Nonne Scholastika. Wie heiliger Rausch brannte es ihr in Herz und Ohr. Sie verließ daher die Stille ihres Klosters und zog aus, ihren ferneren Wandel gleichfalls dem großen Erzieher auf Monte Cassino zu unterwerfen. Benediktus hatte ihn die Vorsehung benannt... und er war wahrhaftig ein "Gesegneter". Sie aber wollte zu seinen Füßen neue, letzte Wahrheit erlauschen, als "Schülerin", treu ihrem Namen: Scholastika.

In einer Zelle des waldumhegten Frauenklosters Plumbariola an der Nordseite des heiligen Berges von Cassino flackert fahles Öllicht und erhellt zu nächtlicher Stunde die bleichen Züge einer Nonne, die sich sinnend über eine Pergamentrolle beugt. Wie Boten einer anderen Welt leuchten die Lettern auf gelbem Grund, bald gold, bald rot, bald blau. Die einsame Leserin - Scholastika - hebt kostbaren Schatz zu ihrem und ihrer Töchter Nutz und Frommen. Das ganze Haus, die schweigende Frauenabtei, erfüllt er seit langem mit geheimnisvoller Glut, doch ist er unermeßlich, unerschöpflich. Da - am Beginn der Rolle - grüßt sein Name: Regula Patris Benedicti. Wie atmet jedes Wort des weisen Gesetzgebers Geist, des großen Lehrmeistes Sinnen und Trachten.

Das Licht schwelt - - - Zeile für Zeile wird ewigkeitsschwer. "Höre auf die Weisungen des Meisters, neige das Ohr deines Herzens!" Hängen sie nicht hier unsichtbar an den Wänden, "die herrlichen Heldenwaffen des Gehorsams", mit denen Christus, dem wahren König, "Kriegsdienst geleistet weden soll!" Klingt sie nicht im Schweigen der Nacht doppelt laut aus allen Zellen und Kammern die Stimme, die da ruft: "Jetzt ist die Zeit, vom Schlafe aufzustehen! Verhärtet eure Herzen nicht! Laufet, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit euch des Todes Finsternis nicht ergreife!" O, nicht nur die starken Manneslenden da droben auf der Gottesburg sind "mit dem Glauben und der Übung guter Werke umgürtet". Auch die Frauen im Tal herunten schreiten auf den Wegen des Evangeliums, wohnen in einem Königszelt! Ohne Makel wollen auch sie den von Benediktus vorgezeichneten steilen Pfad gehen, wollen die Wahrheit wie brennendes Licht im Herzen tragen. Eine "Schule für den Dienst des Herrn" haben sie eingerichtet, in demütiger Unterwerfung unter den Geist des heiligen Abtes vom Berge Cassino. "Sie leben nicht nach eigenem Gutdünken und folgen nicht ihren Neigungen und Launen, sondern wandeln nach dem Ermessen und Befehl eines andern". Ihm kommt "Reden und Lehren zu, den Jüngerinnen aber Schweigen und Hören". Darum ist unter ihnen der Laut der Sprache karg, nur selten vernehmlich. In acht Gebetsstunden aber - während des Tages und der Nacht - singen die Jungfrauen das Lob des Herrn. Sie singen mit Christus, klagen mit dem Psalmisten und Propheten, erheben ihre Stimme als Tochter und Schwester der Apostel, jubeln mit dem Heiligen Geiste. -

"Wem mehr anvertraut ist, dem wird auch mehr abgefordert." Der einsam Sinnenden Haupt sinkt auf das knisternde Blatt. Wieder und wieder mahnt Benediktus an den sengenden, brennenden Strahl letzter Klarheit.Wird sie in untrügerischem Lichte bestehen können? Wie gerne wollte sie einmal wieder den Gesetzgeber klösterlichen Tugendwandels von Angesicht zu Angesicht sehen, Trost von ihm vernehmen, der gleich seinem Herrn und Meister "Worte des Lebens" hatte. Bloß an einem Tag des Jahres gönnte sie ihrer Seele die Gnadenstunden solcher Zusammenkunft. Sie wollte nichts vor ihren Töchtern voraus haben, die sie dazu verhielt, bis zum Tode treu hinter den schirmenden Mauern auszuharren und ihren Fuß nicht über die geweihte Schwelle zu setzen. Durfte sie den Gottesmann vom Berge sprechen? Wann?...

In einem stillen Gehöft zwischen Cassino und Plumbariola traf das heilige Geschwisterpaar zusammen. Traute Zwiesprache entrückte ihren Sinn zum Ewigen. Also entfloh der Tag und der Sonnenball im wolkenlosen Ätherblau rüstete sich zum Scheiden. Seltsam! Scholastika mußte an eine Stunde denken, in der sie beide fast noch Kinder waren. Da nahm Benedikt von ihr Abschied - Abschied für wie lange? Heute ging er wieder von dannen und ein Ahnen sagte ihr: für immer. Sie fühlte es: ihr Lebenslicht glich der milden Abendsonne über dem cassinischen Berge... es ging zur Neige. Vor ihr lag die Sraße ins himmlische Jerusalem. Noch viel, viel hatte sie mit dem heiligen Manne und Bruder zu reden...

"Und sie schauten miteinander im Geiste die herrliche Stadt, die da glänzt von gediegenem Golde und strahlt von kostbaren Juwelen; deren Fundamente geschmückt sind mit köstlichem Gestein, und deren Gassen glänzen wie lauteres Gold und durchsichtiger Kristall.

Und sie erinnerten einander an das wiederzugewinnende Paradies, wo das wahre Freudental der Gerechten harret, wo ewige Frühlingswonne blüht und des lichten Maien Blumenauen winken; wo fröhliche Blicke vom Freund zum Freunde eilen; wo Liebe sich findet ohne Leid, in ewiger, immerwährender Seligkeit.

Und sie tranken bereits aus dem göttlichen Lebensborne und richteten ihre Blicke auf zum lauteren und klaren Spiegel der Gottheit, dessen Angesicht ihnen nur noch ein dünner, zarter Schleier verhüllte; ein winziges Restchen irdischen Daseins, das noch übrig war.

Mit dem während eines langen Lebens geschärften Ohre des Herzens hörten sie bereits die heimatlichen Lieder des himmlischen Vaterlandes, mit denen alle Engel und Heiligen dem allmächtigen Gotte Herrlichkeit, Ehre und Dank darbringen in alle Ewigkeit. Sie hörten bereits jenes schöne neue Lied, das sie bald mitsingen sollten, und das niemand singen kann als die Jungfrauen, die Erstlinge, die erkauft wurden mit dem Blute des Lammes, und die, blendend weiß gekleidet, diesem folgen, wohin es immer geht.

Und sie schauten hinein in die Hallen des himmlischen Jerusalem und erblickten all sein himmlisches Volk, geschart um seinen gottmenschlichen König. Und sie sahen, wie er all sein unzählbares Volk an Seligkeit und Jubel und Würde übertraf. Sie sahen des himmlischen Königs minnereiche Mutter und sahen, wie sie alle Himmelsbürger mit Wonne und Freude erfüllte und wie sie ihre barmherzigen Augen auch ihnen zuwandte.

Sie schwangen sich empor im Geiste von Engelchor zu Engelchor, von Himmel zu Himmel, von Geist zu Geist, um immer wieder zurückzukehren zur Quelle des Lichtes, aus der all die Millionen seliger Geister Gnade und Seligkeit trinken".

"Verlaß mich nicht in dieser Nacht, Benedikt", sagte Scholastika plötzlich voll flehender Kindlichkeit. "Ich möchte bis zum Morgen mit dir von den Freuden des himmlischen Lebens reden". - Ernst schüttelte der ehrwürdige Mann das Haupt. "Wie kann solches dein Begehr sein, Schwester? Ich darf doch nicht eine ganze Nacht außerhalb meines Klosters bleiben."

Da nun die gottgeweihte Frau die abschlägige Antwort ihres Bruders vernahm, schloß sie ihre Hände zusammen und legte sie auf den Tisch und barg das Haupt in die Hände, den allmächtigen Gott anzuflehen. Und als sie das Haupt vom Tisch erhob - - - "

Siehe! Wo blieb der glutrote Sonnenball? Lichtlos lagerte das Firmament über dem ganzen Berge und es hub ein Blitzen und Donnern an, als ob die starren Felsen bersten müßten. Aus allen Klüften und Schründen brach das Unwetter hervor, der Regen brauste mit dem Gischt eines Sturzbaches zu Tal, sein Rauschen mischte sich mit dem Grollen des Donners, sein schäumendes Silber mit dem weiß-blauen Flammen der Blitze. "Wehe, Schwester!", klagte der heilige Mann, "was hast du getan?" - Noch tränenfeuchten Auges erwiderte die Jungfrau: "Siehe, ich habe dich gebeten, und du wolltest mich nicht erhören; da bat ich meinen Herrn, und er hat mich erhört. Gehe jetzt, wenn du kannst und laß mich hier allein und kehre in dein Kloster zurück!"

So war der Diener Gottes gegen seinen Willen zurückgehalten, da er seinen Fuß nicht in die tosende Flut setzen konnte, die seiner Schwester Gebet dem Hiimmel auf so wunderbare Weise entlockt hatte. Und im Schweigen einer langen Nacht duften zwei begnadete Seelen ineinander ruhen.

Drei Tage nach diesem seltsamen Ereignis weilte Benediktus in seiner Zelle, das Herz voll überströmenden Gebetes, die Augen gen Himmel erhoben. Plötzlich überkam ihn heiliges Schauen. Er gewahrte seiner Schwester Seele, die aus dem jungfräulichen Leibe schied und in Gestalt einer weißen Taube zu geheimnsivollen Höhen flog. Verklärt folgte ihr des Sehers Blick. "Du mußt froh sein wie eine Taube, die zur Sonne fliegen darf...", klang es in irgendeinem Winkel seines Innern. Hatte er nicht selber einmal diese Worte gesprochen... zu einem magdlichen Kinde...? Und wie hatte zur selbigen Stunde dieses Kindes Wunsch an ihn gelautet? "Du wirst Gott bitten, daß er dich alles lebendig machen läßt - auch die Menschen..." Gott hat es gewährt, er hat seinen Händen lebenspendende Kraft geliehen - für die Hülle irdischer Leiber, noch mehr aber für die kostbaren Seelen. Atmete nicht dieser ganze Berg Leben, Leben, das sich fortpflanzen würde in einem starken Geschlecht von Betern... durch die Jahrtausende? Wer aber hat dieses Leben unsichtbar umhütet und mit Tränen der Treue genährt? Scholastika, die Heldin der Liebe.

Und so ruft Benediktus seine Mönche zu sich und stimmt einen Lob- und Dankhymnus ob des wunderbaren Heimganges seiner Schwester an. Dann entsendet er ein Häuflein hinunter ins Tal und begehrt der gottseligen Jungfrau Leib, auf daß er im selbigen Grabe zur Ruhe gesenkt werde, das über eine kleine Weile sein Gebein aufnehmen wird. So ist es geschehen, daß auch das Grab die Leiber derer nicht trennte, deren Geist stets in Gott vereinigt war. Das letzte Wort aber zu deinem großen Wunder, heilige Jungfrau Scholastika,. schreibt dir päpstliche Hand, schreibt dir ein Gregor der Große: "Es ist nicht zu verwundern, daß die Frau, die solange sich gesehnt hatte, ihren Bruder zu sehen, in jener Stunde mehr vermochte als er selber; denn da nach dem Worte des heiligen Johannes "Gott die Liebe ist" (1 Joh. 4,8), so war es nach seinem Urteil recht und billig, daß sie, die mehr liebte, auch mehr vermochte!"

Lehre uns die Liebe ohne Gesehensein, das Helfen ohne Gekanntsein, das Opfern ohne Dankwissen, das Bereitsein ohne Aufdringlichkeit - lehre uns das Leben aus Liebe, heilige Christusbraut Scholastika!


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell