Aus dem Immaculata-Archiv:


Unsere liebe Frau
von
Tschagguns

1948

Caritas-Verlag Gebh. Lins, Altenstadt - Vorarlberg

A/1471. Kirchliche Druckbewilligung erteilt. Apostolische Administratur Feldkirch, am 23. August 1946. L.S. + Franz Tschann, Generalvikar
Druck: Buchdruckerei Lustenau, Raiffeisenstraße


I. TEIL

1. Wir ziehen zur Mutter der Gnaden...

Seit uralten Zeiten zieht ein Strom von Wallfahrern zu den Gnadenstätten der Muttergottes. Zur himmlischen Mutter trägt das katholische Volk in einem rührenden Vertrauen seine Freuden und Leiden, seine Sorgen und Nöten. Wer will es darob tadeln? Nur jene, die kein Verständnis für die Seele des Volkes haben, aber auch kein Verständnis für die katholische Marienverehrung und für die großen Glaubenswahrheiten, aus denen diese Marienverehrung emporblüht. Maria ist nun einmal die Hochgebenedeite, die Mutter des Herrn, das herrlichste Abbild ihres göttlichen Sohnes, wie auch seine treueste Mitarbeiterin am großen Werk der Erlösung. In ihre Hände hat Gott vielfach die Ausspendung seiner Gnaden, die Gewährung seiner Hilfe gelegt. Sie ist Mutter und Königin zugleich dem Menschengeschlecht, das durch alle Dunkelheiten, Leiden und Kämpfe dieses Lebens dem Lichte Gottes, dem ewigen Himmel zuwandern soll. In ungezählten Fällen hat Maria sich erwiesen als die Trösterin der Betrübten, das Heil der Kranken, die Zuflucht der Sünder, die Hilfe der Christen. Das katholische Volk weiß schon, warum es so gerne und so vertrauensvoll zur Muttergottes betet. Es ist darüber belehrt worden durch Gott und seine Offenbarung, durch die Kirche Gottes und durch eigene vielfältige Erfahrung.

Darum lasse man dem katholischen Volk aber auch seine Wallfahrten und Gnadenstätten, wie es den anderen ihre Vergnügungs- und Luxusreisen, ihre Sommerfrischen und Sportfeste läßt.

Oder will man mit Gott rechten, daß er an bestimmten Orten seine Gnaden reichlicher austeilt als anderswo? Daß er durch Erweise vielfältiger Hilfe an diesen Gnadenstätten die Herzen der Menschen der seligsten Jungfrau und Mutter Maria zuwendet? Daß er durch den Zug seiner Gnade die Menschenkinder zur himmlischen Mutter führt, damit sie bei ihr geborgen sind, christlichen Geist und christliche Zucht lernen und bewahren und an ihrer Hand leichter den Lebensweg gehen, der ihnen durch die Welt, durch eingene Armseligkeit und durch die Geister der Hölle oft so schwer gemacht wird?

Das katholische Volk läßt sich aber auch nicht beirren in seinem Vertrauen zu Maria und in seinem Wallfahren zu ihren Gnadenstätten. Das hat sich wieder so ergreifend gezeigt in den Nöten des vergangenen grauenhaftes Krieges. Wie waren da die Gnadenbilder der allzeit hilfreichen himmlischen Frau umlagert! Ihr wurde die Sorge um Mann und Gatten und Sohn draußen an der Front anvertraut, ihr wurde alles Leid geklagt. Und als die Soldaten aus der Hölle des Krieges zurückkamen, machten sie ihre Dankeswallfahrt, nach Rankweil, nach Tschagguns, nach Bildstein oder einen anderen der vielen Marienwallfahrtsorte.

Und so wird es bleiben. Solange die Not durch die Welt geht, solange geht das katholische Volk zur Muttergottes. Aber nicht nur die Not treibt es, auch die Liebe und Verehrung und die Dankbarkeit. Wahrheit und Leben ist das Wort, das einst Maria, vom Geist Gottes erleuchtet, gesprochen hat: "Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter der Erde." Möge auch dieses bescheidene Wallfahrtsbüchlein dazu ein wenig beitragen.

2. Was die Geschichte erzählt

Im Süden Vorarlbergs, mitten im schönen Alpental Montafon gelegen, gehört Tschagguns mit Rankweil und Bildstein zu den großen Marien-Wallfahrtsorten des Landes. Es ist schon seit alten Zeiten ein Muttergottes-Dorf. Darum hieß auch sein Name früher Unserer Lieben Frauen Kirchspiel. So lesen wir noch in alten Urkunden. Erst später erhielt es den romanischen Namen Tschagguns. In seiner langen Geschichte hat es auch schwere Tage gesehen, so als 1622 die Schweizer ins Land einbrachen und in der Nähe der Tschaggunser Kirche ihr Lager aufschlugen -- damals sollen auch alle Pfarrbücher verloren gegangen sein; -- dann wieder in den Franzosenkriegen 1799-1800. Schwere Überschwemmungen, 1762 und 1764, 1910 und 1912, Lawinenkatastrophen, 1689, suchten das Dorf und seine fleißigen Bewohner heim, ohne aber ihren Mut brechen zu können. An ihrer Wallfahrtskirche hingen sie mit ganzer Seele. So nur war es möglich, daß die Kirche immer wieder vergrößert wurde, besonders in den Jahren 1812-1814. Wieviel Glaubensliebe und Opfergeist gehörten dazu, die große, schöne Wallfahrtskirche zu bauen in einer Zeit, in der durch die jahrelangen Franzosenkriege Land und Volk verarmt waren!

Die Wallfahrt zum Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes in Tschagguns ist sehr alt. Das Gnadenbild stand ursprünglich in einer Kapelle südwestlich der Kirche, "Sturmer-Käppele" oder "Platz-Kapelle" genannt. Vielleicht wurde diese Kapelle 1452 zugleich mit der Kirche gebaut, wahrscheinlich aber war sie älter als die Kirche und überhaupt das erste Heiligtum von Tschagguns, zu dessen Seelsorgsbezirk damals auch das ganze Gemeindegebiet von Vandans gehörte, das sich aus ehemaligen Maisäßanlagen der Tschaggunser zu einem Dorf entwickelt hat. Das Gnadenbild, das die Schmerzhafte Mutter mit dem Leichnam ihres göttlichen Sohnes auf dem Schoße darstellt, stammt aus der Mitte des 15. Jahrhundert. Es wurde mehrmals renoviert, zuletzt 1901 durch Meister M. Schlachter, Ravensburg.

Schon längst genügte die nur etwa 3 Meter lange und 2 Meter breite Gnadenkapelle dem Andrang der Wallfahrer nicht mehr. Darum faßte Pfarrer Jakob Lenz den Plan, die Pfarrkirche durch Anbau eines westlichen Seitenschiffes zu vergrößern. Er führte den Plan auch durch und das Gnadenbild wurde unter großer Feierlichkeit in das neue Seitenschiff der Kirche übertragen. Aber die Wallfahrt nahm immer größeren Umfang an, die Kirche war bald wieder zu klein und so schritt 1812 die Tschaggunser Pfarrgemeinde zu einer neuerlichen Vergrößerung der Kirche, die aber schon eher ein Neubau genannt werden muß. Das Hauptschiff wurde verlängert und erhöht, an der Ostseite wurde ein Seitenschiff angebaut, auch der Chor wurde erhöht, während der Turm schon 1783 die jetzige Form erhalten hatte.

Die Kirche wurde gebaut nach dem Plan des hiesigen Maurermeisters Joh. Nep. Bitschnau. Nach seinem allzuführen Tod übernahmen die Maurermeister Johann Josef Vonbank und Franz Josef Keßler die Bauleitung. Für die Ausmalung der Kirche wurde Meister Michael Fuetscher von Ludesch gewonnen. Der Gnadenaltar mit dem Gnadenbild wurde in das neue, östliche Seitenschiff übertragen und im westlichen Seitenschiff der neue Kreuzaltar erstellt.

Der Plan des Neubaues der Wallfahrtskirche hält sich an die barocke Bauform, der Chor weist aber weitgehend gotische Bauelemente auf.

3. Im Heiligtum der Gottesmutter

Die Kirche ist reich und würdig ausgetattet und wird nach vollzogener Renovierung sicher eine der schönsten Kirchen des Landes sein.

Die Kirche hat fünf Altäre. Der Hochaltar wurde 1774/75 durch Altarbauer und Bildhauer Josef Vanier, Schruns, erbaut. Das Altarbild, darstellend Maria mit dem Jesusknaben, malte Franz Bertle, Schruns (1861) nach dem Original von Deschwanden. Das Rundbild darüber zeigt uns den heldenhaften Bischof von Augsburg, den hl. Ulrich, der in alter Zeit Hauptpatron der Kirche war. Links und rechts stehen die schönen Barockgestalten des hl. Petrus und des hl. Paulus (vom Erbauer des Altares Josef Vonier, 1775). Die Statuen St. Joachim und St. Anna schuf 1861 Bildhauer Lang, Vorkloster. Der Glasschrein unter dem Altarstein enthält auf einem Kissen die Symbole des Martyriums, Schwert, Krone, Palme und wertvolle Reliquien von Märtyrern aus den römischen Katakomben: (St. Pius, St. Viktor, St. Vitalis, St. Honestus, St. Clemens, St. Jucundinus, Faustus, Dignatianus, St. Modestina, St. Benigna.)

Links vom Hochaltar steht, in die Kirchenwand eingelassen, der Taufstein mit Bild "Die Taufe Jesu" von Franz Bertle.

Das Chorgestühl mit Rokoko-Relief-Schnitzerei stammt aus dem Jahr 1765. Die Seitenaltäre am Chorbogen wurden 1861 an Stelle früherer Altäre errichtet. In den Altarbildern zeigt uns Meister Franz Bertle den hl. Josef mit dem Jesusknaben und den hl. Johannes Nepomuk, den Martyer des Beichtgeheimnisses.

Die barocke Kanzel baute Josef Vonier, Schruns (1777) und schmückte Bildhauer Lang, Vorkloster, 1861 mit den schönen Reliefs: Christus als Lehrer und die 4 Evangelisten. Auch die allegorische Figur auf dem Kanzeldach, darstellend die Religion mit Kreuz und Evangelienbuch, ist sein Werk, während das Bild an der Rückwand der Kanzel, Moses mit den Gesetzestafeln, Franz Bertle malte.

Der Kreuzaltar im rechten Seitenschiff stammt aus dem Jahre 1814. Die ergreifende Kreuzigungsgruppe eines unbekannten Meisters gibt ihm den Namen. Ein schöner Glasschrein auf dem Altar birgt die Reliquien des hl. Martyrers Aurelius, die im Jahre 1830 aus der Pontianus-Katakombe in Rom nach Tschagguns gebracht wurden. Der berühmte bischöfliche Hofkanzler Johann Josef Baal in Chur, ein Sohn der Pfarrgemeinde Tschaggguns, hat diese kostbaren Reliquien von Papst Pius VIII. für seine Heimatgemeinde erbeten. Oben, Abschied Jesu von seiner Mutter (Bild von Franz Bertle).

Und nun zum Gnadenaltar. Es ist nicht mehr der alte Gnadenaltar früherer Jahrhunderte. Im Jahre 1901 wurde er im Renaissance-Stil von Altarbauer Moritz Schlachter aus Ravensburg erbaut. Reich in seiner Ornamentik, zeigt er uns in seinen Reliefs Leiden und Leidenswerkzeuge des Herrn und bildet so sicher einen würdigen Thron des alten Gnadenbildes, wenn wir auch um der Einheitlichkeit der Kirche und des ehrwürdigeren Alters willen lieber den alten Gnadenaltar hier sehen würden. Das Gnadenbild, aus Holz geschnitzt um 1450, zeigt uns die Schmerzensmutter, wie sie am Abend des furchtbaren Karfreitags den Leichnam ihres göttlichen Sohnes im Schoß hält. Zahllose leiderfüllte Menschen haben seit einem halben Jahrtausend vor diesem ergreifenden Bild gebetet. Einzeln, in kleinen Gruppen, in großen Prozessionen sind sie gekommen, und keiner hat umsonst gebetet, alle Bitten hat Maria vernommen und zum Thron Gottes gebracht und alle, die da kamen, nahmen den Trost der Mutter mit heim; und oft auch kam es vor, daß Mariens Fürbitte wunderbar das Leid gewendet und die Sorge behoben hat. Das bezeugen uns die vielen Votivtafeln an den Wänden aus alter und neuer Zeit mit der dankbaren Inschrift: "Maria hat geholfen".

Auch die Deckengemälde, die freilich im Lauf der Zeit verblaßt sind und durch Rauch und Staub gelitten haben, stehen als alttestamentliche Vorbilder in Beziehung zum Leben Mariens: an der Decke der Gnadenkapelle die Königin Esther vor dem König Assuerus, im Chor das Brandopfer mit dem opfernden Priester, im Hauptschiff Moses vor dem brennenden Dornbusch, die Weihe des Tempels durch König Salomon, die Auserwählung des Saul zum König und seine Salbung durch Samuel, im rechten Seitenschiff die Eherne Schlange und Isaaks Opferung. Alle diese Gemälde wie auch die Bilder der Kreuzwegstationen malte Meister Joh. Mich. Anton Fuetscher aus Ludesch, 1814.

Die Kirche besitzt auch eine wertvolle Orgel aus der berühmten Orgelbau-Werkstätte des Orgelbauers Josef Bergentzle (Bergöntzle). Leider hat sie durch späteren Umbau den berühmten Silberton der Bergenthle-Orgeln verloren, ist aber auch jetzt noch von reicher Klangfülle.

Ein großes Tafelbild im rechten Seitenschiff erinnert an die schwere Zeit des Weltkrieges 1914-18. Ein Sohn der Gemeinde, Universitätsprofessor Dr. Arnold Durig schenkte das Bild als Weihegabe und als Erinnerung an seine Tätigkeit als Leiter eines Militärlazarettes an die Kirche seiner Stammgemeinde.

1903/04 hat Anton Jehly, Bludenz, Hochaltar, Seitenaltäre und Kreuzaltar, sowie Kanzel und Beichtstühle mit viel Fleiß und Verständnis renoviert. (s.A.)

Wir sind aber in das Marienheiligtum nach Tschagguns nicht bloß gekommen, um heilige Kunst zu sehen und alte Erinnerung wach werden zu lassen, sondern um zu beten. Und diesem Zweck möge der zweite Teil dieses Büchleins dienen. Wir wollen aber nicht vergessen, daß wir mit Andacht und Vertrauen beten müssen, ergeben in Gottes heiligen Willen und in geduldigem Harren auf die Hilfe Gottes.

Wenn es dir möglich ist, verbinde mit deiner Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter die Teilnahme am heiligen Meßopfer und die hl. Kommunion. In der hl. Messe stehst du neben Maria unter dem Kreuze Jesu und nimmst teil an seinem und ihrem Opfer; in der hl. Kommunion darfst du den Leib des Herrn empfangen, der vom Kreuz herab in ihren Schoß gelegt wurde.

Anmerkung: Die geschichtlichen Angaben sind größtenteils entnommen den Forschungen und Studien des Herrn Kirchenarchivars Consiliarus Dr. Andreas Ulmer.


Pilgerlied zur Gnadenmutter in Tschagguns

1. Wir ziehen froh zum Gnadenbild,
Zur Schmerzensmutter von Tschagguns.
Sie trägt auf ihrem Schoß so mild
den Sohn, der blutend starb für uns.
[: O Mutter, wer erfaßt den Schmerz,
den einstens litt dein Mutterherz?:]
2 Nun jubelst du an Gottes Thron
als Königin der Herrlichkeit,
beglückt durch Jesus deinen Sohn
in einem Meer von Seligkeit.
[: Dein Lob erschallt aus Engelsmund.
Und selig preist dich's Erdenrund.:]
3. Und wir, verbannt im Tränental,
erheben Aug' und Herz zu dir.
Sieh', Mutter! Leiden ohne Zahl
sind unser Los auf Erden hier.
[: Doch wende du auf uns den Blick
dann kehret Trost ins Herz zurück.:]
4 Wenn schon an des Verderbens Rand
der Sünder tief im Elend steht,
dann reichst du ihm die Mutterhand,
wenn er zu dir um Hilfe fleht.
[: Und klagt er seiner Seele Schmerz,
dann bringst du Trost ins wunde Herz.:]
5. O Mutter der Barmherzigkeit!
an Gnade und an Tugend reich:
so werde auch die Christenheit
an Tugend deinem Bilde gleich.
[: O fleh, daß Gott in seiner Huld,
dem Volk verzeih' die Sündenschuld.:]
6. Wenn einst die letzte Stunde schlägt,
dann, Mutter! komm, laut rufen wir!
Und wenn erblaßt das Haupt sich legt,
dann steh uns bei im Kampfe hier;
[: und tröste uns und rette uns,
o Gnadenmutter von Tschagguns.:]

 

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)