Aus dem Immaculata-Archiv:


Friedrich Wilhelm Weber

Dreizehnlinden

Unverkürzte Original-Ausgabe
mit Erläuterungen des Dichters
und 6 Bildern von K. Rickelt

 


Schöninghs Textausgaben, 76

Paderborn/Würzburg
Verlag Ferdinand Schöningh
1936


Einleitung

Der Dichter von Dreizehnlinden, Friedrich Wilhelm Weber, wurde zu Alhausen bei Driburg geboren und zwar am ersten Weihnachtstage des Freiheitsjahres 1813. Da die Eltern, brave, einfache Förstersleute, um das Fortkommen ihrer Kinder sehr besorgt waren, faßten sie zu gegebener Zeit den schweren Entschluß, auch den kleinen Friedel studieren zu lassen. Zunächst wurde er von seinem älteren Bruder Konstanz in Paderborn vorgebildet, um dann ebenfalls das Gymnasium Theodorianum zu besuchen, zu dessen besten Schülern er bald gehörte. In den Jahresberichten, die damals die Namen der Preisträger veröffentlichten, ist der Name unseres Dichters fast immer zu finden. Die Prämien für den deutschen Aufsatz fielen ihm stets zu; auch in den anderen Fächern zeigte er dauernd sehr gute Leistungen bis auf die Mathematik. Diese Lücke zeigte sich auch in seinem sonst glänzenden Abiturientenexamen, so daß die Kommission "zu ihrem Bedauern dem übrigens ausgezeichneten Schüler" nur die Gesamtnote II geben konnte. Das emsige Studium und die engen wirtschaftlichen Verhältnisse, die ihm viele Entbehrungen auferlegten, hatten dem jungen Abiturienten so zugesetzt, daß er sehr unter Lungenbluten litt. Daher hielt er es für ratsam, den Winter zu Hause zu bleiben. Im Frühjahre griff er dann "nach dem Wanderstabe" und zog, "den Blumenstrauß am Hute", durch die deutsche Tiefebene bis zur Musenstadt Greifswald, um zunächst philologischen und dann medizinischen Studien obzuliegen. Hier schloß er manche Freundschaft, so mit einem jungen Schweden, der ihn für die Ferien einlud. Dieser Reise vedankte Weber zum Teil seine Kenntnis nordischen Lebens, der wir unter anderem in Dreizehnlinden begegnen. Für ein Semester wanderte er nach Breslau, wo Gustav Freytag ihn liebevoll aufnahm; dagegen zog ihn Hoffmann von Fallersleben, der später in dem von Weber besungenen Corvey seine letzte Wirkungs- und Ruhestätte fand, nicht sonderlich an. Schon damals schätzten Studiengenossen den Dichter Weber ebensosehr wie den vielgepriesenen Hoffmann. Die Jahre 1838-1840 waren eine Zeit emsigen Schaffens neben schwerer Sorge, ob die Gesundheit den harten Anforderungen standhalten würde. In diesen Jahren reifte die schöne Frucht des glänzend bestandenen Staatsexamens. Mit einem Freunde durfte Weber dann eine prächtige Reise nach dem Süden machen. In der Heimat wartete seiner eine ernste, aber auch dankbare Aufgabe. In dem benachbarten Driburg war eine Typhusepidemie ausgebrochen. Unter vielen Widerwärtigkeiten bekämpfte der junge Arzt so energisch und rastlos die Seuche, daß mit ihrem Ende sein Ruf als Arzt begründet war. Seine ernste Auffassung vom ärztlichen Berufe spiegelt am besten sein Gedicht "Nur Traum?" aus den "Herbstblättern" wider.

1850 gründete er einen eigenen Hausstand mit Anna Gipperich aus Meschede. Schöne Perlen echter Poesie sind seine damals entstandenen Gedichte. Die glückliche Ehe wurde mit zwei Kindern gesegnet. Eine besondere Stellung erhielt der Driburger Arzt 1856 durch seine Berufung als Badearzt nach Lippspringe, dem er auch eine kleine Schrift, "Die Arminiusquelle in Lippspringe", widmete. So war er erst recht ein Mann der Arbeit geworden. Eine neue Bürde legte ihm die Bevölkerung des Wahlkreises Warburg-Höxter auf, als sie ihn 1861 in das Abgeordnetenhaus schickte, dem er fast ununterbrochen 30 Jahre lang als gewissenhafter Arbeiter angehörte. Dem Berliner Aufenthalt verdankte er die innige Freundschaft mit dem Gerichtsrat Hüffer, dem Berater seiner dichterischen Muse. Hier lernte er auch den antichristlichen Geist kennen, den der Uhu in Dreizehnlinden so treffend schildert. Nicht lange konnte er die Arbeit in Driburg, Lippspringe und Berlin aushalten. Bereits 1865 war seine Gesundheit so geschädigt, daß er seine Tätigkeit in Lippspringe aufgeben mußte. Für etwa 20 Jahre fand er dann ein prächtiges Heim in dem Schlosse Thienhausen, das ihm sein dankbarer Patient Freiherr von Haxthausen zur Verfügung stellte. In diesem schönen Landsitze herrschte neben der ernsten Arbeit des Arztes und der Pflege der Dichtkunst eine heitere Geselligkeit, wenn Weber nicht durch den Landtag in Anspruch genommen war. Zweimalige Brandstiftung in kurzer Zeit verleidete dem Dichter den schönen Wohnsitz so, daß er sich in dem nicht weit entfernten Nieheim niederließ, wo ihm ein herrlicher Lebensabend beschieden war. Ein besonders glücklicher Tag war sein achtzigster Geburtstag 1893, der ihm zahlreiche Ehrungen brachte. Am 5. April 1894 schloß Weber die Augen zum ewigen Schlafe, nachdem er noch bis zum letzten Tage seine ärztliche Tätigkeit mit Hilfe der geliebten Tochter ausgeübt hatte. Ein erfolgreiches Leben der Arbeit im Dienste der leidenden Menschheit hatte seinen Weg vollendet. Die schöne westfälische Dichterseele hatte ausgesungen.

Webers dichterischer Ruhm wurde durch Dreizehnlinden begründet, das er im Alter von 65 Jahren 1878 bei Ferd. Schöningh in Paderborn erscheinen ließ. Emanuel Geibel, der den Wert der dichterischen Schöpfung sofort erkannte, telegraphierte an seinen Freund Rittershaus in Barmen: "Wer ist dein Landsmann Weber, der Verfasser von Dreizehnlinden?" R. telegraphierte zurück: "Buch und Autor sind nicht aufzutreiben", woraufhin Geibel ihm sein Exemplar schickte, das er dann einer glänzenden Besprechung in der Elberfelder Zeitung unterzog. Wie Weber selbst sagte und wie diese kleine Episode bewies, war er über Nacht ein berühmter Mann geworden. So hatte Dreizehnlinden buchstäblich überall eingeschlagen, während Webers erste Veröffentlichungen, die Übersetzungen von "Enoch Arden", "Maud", wenig beachtet wurden. 1882 ließ Weber unter großem Beifall "Gedichte" erscheinen. Die Kritik war im Zweifel, ob sie dem Epiker oder dem Lyriker Weber die Palme reichen sollte. 1892 erschien sein "Goliath", der zwar hinter Dreizehnlinden zurückstand, aber ebenfalls eine sehr freundliche Aufnahme fand. Zur religiösen Dichtung sind seine "Marienblumen" und das "Vaterunser" zu zählen. Aus seinem Nachlasse gaben seine Kinder 1895 die "Herbstblätter" heraus. Ein schönes Denkmal setzten sie ihrem Vater in der von ihnen selbst besorgten und bei F. Schöningh in Paderborn erschienenen dreibändigen Gesamtausgabe seiner Werke.

In Dreizehnlinden beabsichtigt Weber den Endkampf zwischen Sachsen und Franken, zwischen Christentum und Heidentum zu schildern. Er wählte daher nicht die Kämpfe auf blutiger Walstatt. Ihm lag daran, die Verschmelzung von Franken und Sachsen zu zeigen. Darum auf der einen Seite das aufblühende Christentum und auf der anderen das versinkende Heidentum. Darum die Seelenkämpfe des Helden Elmar, bis er Christ wird, und sein Zwiespalt in der Liebe zu dem Frankenmädchen, die endlich den Sachsentrotz besiegt. Der Dichter deutet auch dadurch eine weitere Verschmelzung der beiden Stämme an, daß der sächsische Edeling demnächst Gaugraf werden soll. Da die Hauptträger der christlichen Idee die Mönche sind, hat der Dichter sein Werk nicht nach Elmar, sondern nach dem Kloster "Dreizehnlinden" genannt. Diesen Endkampf konnte Weber nicht in die Zeit Karls verlegen, wo die Gegensätze noch zu schroff waren; er wählte deshalb die Regierung Ludwigs des Frommen etwa vom Frühjahr 822 bis zum Sommer 823. Die engere Heimat des Dichters, der Nethegau, ist der Schauplatz der Begebenheiten. Die Bezeichnung Habichtshof (Abbenburg) ist ein freundlicher Zug gegen den Freiherrn von Haxthausen, dem diese Besitzung gehört. Nach Webers Worten steht nichts im Wege, sich unter Dreizehnlinden das Kloster Corvey vorzustellen. Der Stoff selbst beruht auf freier Erfindung, wenn auch geschlichtliche Persönlichkeiten genannt werden, wie Badurad, Bischof von Paderborn, und Warin, Abt von Corvey. Die gründliche Kenntnis, welche Weber durch fleißiges Lesen der alten Quellen und durch sein emsiges Studium der germanischen Altertumswissenschaften sich erworben hatte, befähigte ihn, seiner Dichtung den getreuen religiösen und kulturellen Hintergrund zu geben, der uns so sehr gefällt. Gustav Freytags "Bilder der deutschen Vergangenheit" boten ihm nach eigener Aussage wertvolle Winke. Nicht minder dürften ihn Scheffels "Ekkehard" und "Der Trompeter von Säkkingen" beeinflußt haben. Manche wollen auch in dem "Uhu" ein Abbild des Katers Hiddigeigei erblicken. Diesen Brauch, Tiere redend, betrachtend einzuführen, kannten schon die Griechen. Über den Uhu ist viel gestritten worden. Seine "abwegigen" Betrachtungen paßten nicht in die straffe Handlung. In seinen Briefen an Hüffer hat sich Weber eingehend über den Uhu ausgesprochen. Ursprünglich sollte der Uhu am Schlusse eines jeden Gesanges auftreten; schließlich blieb er nur im 1., 11. und 24. Im 1. bekennt er sich als krassen Materialisten, im 11. verachtet er die Vaterlandsliebe Elmars, und zum Schluß wettert er gegen den Glauben. Die treffende Charakterisierung dieses Zeitgeistes dürfte folgender Vers beleuchten:

"Glück zur Brut! Die Kreuzzerbrecher
Brechen auch die Königskronen,
Und der Rauch verkohlter Tempel
Wirbelt auf verbrannten Thronen."

Der Aufbau von Dreizehnlinden ist so einfach und durchsichtig, daß wir in dieser kurzen Skizze nicht darauf eingehen. Der erste und der letzte Gesang sind vielfach als nicht hingehörig bezeichnet worden. Man kann dem nur zustimmen, was der beste Biograph F. W. Webers, Professor Schwering, S. 275 sagt: "Mit einem herrlichen Frühlingsbilde wird die Dichtung eröffnet. Es gibt wenige poetische Ouvertüren von solcher Schönheit und einer so berauschenden Klangfülle, wie dieser von lyrischem Odem durchströmte Vorgesang von 'Dreizehnlinden', der, mit dem Preise frischer Wanderlust anhebend, uns in die liebliche Bergwelt des Nethegaues führt, wo der Lenz seinen Einzug hält." Dieser Einleitung entspricht der Schlußgesang, in dem der Dichter seiner Freude Ausdruck gibt, daß es ihm gelungen ist, sein Lied zu Ende zu singen.

Warum hatte Dreizehnlinden einen so durchschlagenden Erfolg? Diese Frage kann auf dem engen Raum nur kurz gestreift werden. Da ist zunächst die schöne, einfache und durchsichtige Handlung mit den ewig wertvollen Motiven: Religion, Vaterland, Liebe. Da sind die prächtigen Charaktere. Wie greifbar steht nicht Elmar vor uns, wie zart und lieblich die Jungfrau Hildegunde, wie väterlich der Prior, in dem übrigens Weber sich selbst in etwa dargestellt hat. Von den anderen nicht minder gelungenen Zeichnungen ganz zu schweigen. Da ist die herrliche episch-lyrische Darstellung. Man lasse die Schilderung des Klosters auf sich wirken, beobachte den wirkungsvollen Gegensatz zwischen der Mette und dem Opferfest, dann die packende Szene auf der Dingstätte! Mit dem schon besprochenen lyrischen Auftakt beginnt die Dichtung. Ein wunderschönes Bild ist "das Kreuz im Walde". Als drittes sei eine Stelle aus dem Gesang "Fromme Mönche" erwähnt, die den "Winterwald im Sonnenglanze" schildert.

Einige Worte noch über die schöne Form der Dichtung. Weber hat den vierfüßigen Trochäus gewählt, der eine meisternde Hand verlangt, wenn er nicht langweilig werden soll. Die ersten bereits 1874 entworfenen Gesänge waren reimlos. In der Neubearbeitung ließ er dann zum Vorteil des Ganzen Vers 2 und 4 sich reimen. Von den sonstigen Mitteln, die er anwandte, um seine Darstellung schön zu gestalten, sei in erster Linie der Stabreim genannt, der so prächtig in den Rahmen der ganzen Dichtung paßt. (Frisch und freudig, Haus und Hügel, Welt und Wissen, Zins und Zehnten.) Weiter liebt er es, Worte und Verse zu wiederholen, oft mit packender Steigerung. Ferner bewundern wir die kraftvolle Sprache, die manches neue Wort gefunden hat. Dabei befleißigt sich Weber äußerst kanpper Darstellung. Genau wie er selbst war. Er haßte die Schwätzer und Wortemacher. Das Ganze ist mit einem prächtigen Humor durchwoben.

Die Begeisterung, die Webers Dreizehnlinden in der ersten Zeit des Erscheinens auslöste, ist geblieben. Das beweisen die Übersetzungen in andere Sprachen, das beweist vor allem die weite Verbreitung dieser Dichtung in etwa einer halben Million Stücken.

Dr. W. Hüttermann.


 

I. Aus dem Nethegau

1 Wonnig ist's, in Frühlingstagen
Nach dem Wanderstab zu greifen
Und, den Blumenstrauß am Hute,
Gottes Garten zu durchschweifen.
8 Was die Linde mir erzählte,
Was der Eichenwipfel rauschte,
Wenn ich abends ihrer Blätter
Heimlichen Gesprächen lauschte;
2 Oben ziehn die weißen Wolken,
Unten gehn die blauen Bäche,
Schön in neuen Kleidern prangen
Waldeshöh' und Wiesenfläche.
9 Was die muntern Bäche schwatzten
Hastig im Bergunterrennen,
Wilde Knaben, die nicht schweigen
Und nicht ruhig sitzen können;
3 Auf die Bleiche bringt das Mädchen,
Was der Winterfleiß gesponnen,
Und dem Hain erzählt die Amsel,
Was im Schnee sie still ersonnen.
10 Was die Zwerge mir vertrauten,
Die in fernen Waldrevieren
Still in Spalten und in Klüften
Ihren kleinen Haushalt führen;
4 Sind es auch die alten Töne,
Die bekannten, längst vertrauten,
Doch die Bleicherinnen lauschen
Gern den süßen, lieben Lauten.
11 Was auf mondbeglänztem Anger
Ich die Elben lispeln hörte;
Was mich des ergrauten Steines
Moosumgrünte Inschrift lehrte:
5 Gern den süßen, lieben Lauten,
Die in Berg und Tal erklingen;
Hirtenbub' und Köhlerknabe
Horchen auf, um mitzusingen;
12 Dies und was ich las in staub'gen
Lederbänden und in alten
Halberloschnen Pergamenten,
Will zum Liede sich gestalten.
6 Mitzusingen frisch und freudig
Nach des Winters langen Schmerzen;
All die halbvergeßnen Lieder
Werden wach im Menschenherzen.
13 Nebelbilder steigen dämmernd
Aus der Vorzeit dunkeln Tagen;
Wispern hör' ich ihre Stimmen,
Freudenlaute, Zürnen, Klagen;
7 Halbvergeßne alte Lieder
Werden wach in meiner Seele:
Hätt' ich nur, sie auszusingen,
Wilde Amsel, deine Kehle! --
14 Männer, die vor tausend Sommern
Durch den Nethegau geschritten,
Heidenleute, Christenleute,
Was sie lebten, was sie litten;
       
       
15 Eines Sachsenjünglings Kämpfe
Mit dem Landesfeind, dem Franken,
Und in eigner Brust die schwersten
Mit den eigenen Gedanken;
23 Denkt, ich böt' euch Heideblumen,
Eine Handvoll, die ich pflückte,
Als mit herbstlich gelbem Laube
Sich bereits der Osning schmückte.
16 Einer Jungfrau stilles Weinen,
Einer Greisin finstres Grollen,
Runensang und Racherufe,
Die aus Weibermund erschollen;
24 Rügt es nicht, wenn ich den Helden
In der Heimat Farben male;
Dünkt er manchmal euch ein Träumer,
Nun, er war ja ein Westfale:
17 Frommer Mönche leises Walten
Im Konvent zu Dreizehnlinden,
Sanft bemüht, durch Lieb' und Lehre
Trotz und Wahn zu überwinden;
25 Zäh, doch bildsam, herb, doch ehrlich,
Ganz wie ihr und euresgleichen,
Ganz vom Eisen eurer Berge,
Ganz vom Holze eurer Eichen.
18 Ihre Hymnen, gottesfrohe,
Die bei Tag und Nacht erklangen,
Die den Sieg des Christenkreuzes
Jubelnd in die Berge sangen;
26 Heut noch ist bei euch wie nirgend
Väterbrauch und Art zu finden;
Darum sei es euch gesungen,
Dieses Lied von Dreizehnlinden.
19 Und darein des Waldes Rauschen,
Und dazu der Brandung Stöhnen:
Alles will zu einem Liede
Dumpf und hell zusammentönen.
27 Doch ein Uhu murrt dawider:
"Rauh sind deines Sanges Töne,
Und der Netheborn, der dunkle,
Deucht mir keine Hippokrene.
20 Sei's, und sei es euch gesungen,
Die ihr wohnt an Ems und Lippe,
Ruhr und Diemel, Neth' und Emmer:
Alle seid ihr edler Sippe;
28 Laß das Leiern, laß das Klimpern,
O es schafft dir wenig Holdes;
Beßres Klingen, bestes Klingen
Scheint das Klingen mir des Goldes.
21 Alle sprecht ihr eine Sprache,
Frommer Mutter biedre Söhne,
Ob sie rauh im Waldgebirge,
Weich in Sand und Heid' ertöne.
29 Und die eigne Haut zu pflegen,
Ist vor allem mir das erste;
Bau im Garten deine Rüben,
Bau im Felde deine Gerste.
22 Kinder ihr der Sachsengaue,
Nehmt das Beste, das ich habe;
Gern gereicht, ist unverächtlich
Auch des kleinern Mannes Gabe.
30 Laß die schimmligen Scharteken
Unterm Kessel rasch verrauchen;
Kohlen sind's, die wir bedürfen,
Dämpfe sind's, die wir gebrauchen.
       
       
31 All den Wust papierner Träume,
Grubenschätze, die vermodern,
Daß sie endlich nützlich werden,
Unterm Kessel laß sie lodern!
37 O du möchtest sie im Mörser
Erst zerstäuben und zerreiben.
Um in Tiegel und Retorte
Dann den Geist ihr auszutreiben!
32 Nur das Einmaleins soll gelten,
Hebel, Walze, Rad und Hammer;
Alles andre, öder Plunder,
Flackre in der Feuerkammer.
38 O du würfst sie in die Arme
Gern dem Moloch unsrer Tage,
Daß sie ganz in Rauch zergehe
Nach Sibyllenwort und Sage!
33 Mag es flackern, mag es flammen,
Daß die Wasser sprühn und zischen
Und der Welt zerrißne Stämme
Hastig durcheinander mischen;
39 Alter Uhu, gelber Neidhart,
Mag's dich ärgern und verdrießen:
Dennoch grünt ein reicher Garten,
Wo der Menschheit Rosen sprießen;
34 Denn das große Ziel der großen
Zukunft ist die Einerleiheit,
Schrankenloseste Bewegung
Ist die wahre Völkerfreiheit.
40 Dennoch blüht die weiße Lilie,
Und im Grottenheiligtume,
In des Waldes fernstem Tale
Träumt die stille blaue Blume.
35 Laß das Klimpern, laß das Leiern,
Wer erfreut sich solches Schalles?
Beßres Klingen, bestes Klingen
Ist das Klingen des Metalles." --
41 Dennoch klingt es aus den Lüften,
Aus des Haines Dämmerungen,
Und die Amsel hat ihr letztes
Lied noch lange nicht gesungen;
36 Gelber Neidhart, alter Uhu,
Wohl versteh' ich deine Meinung:
Bist du doch der seelenfrohen
Gotterlösten Welt Verneinung!
42 Und die Nachtigall im Busen,
Sie wird jubeln, sie wird klagen
Jeden Lenz, solang auf Erden
Rosen glühn und Herzen schlagen.

II. Das Kloster

1 Süßer Schlag der Heidelerche,
Sonnenschein auf allen Hügeln!
Tauwind sang, durch alle Schluchten
Flog er rasch auf weichen Flügeln.
2 Lustig hüpften alle Brunnen
Aus den Bergen durch die Bäume,
Um im Tale zu erzählen
Ihre langen Winterträume
       
       
3 Schwere Träume, und der kleinen
Zarten Elben frost'ges Schaudern
Und der Riesen lautes Schnarchen
Und der Zwerge kluges Plaudern.
11 Bis es ihrem Fleiß gelungen,
Haus und Kirche fest zu gründen,
Bis der Brunnen rauscht im Hofe
Des Konvents von Dreizehnlinden.
4 Denn der Schnee begann zu schmelzen,
Bräunlich stand des Berges Gipfel,
Und ein Frühlingsahnen rauschte
Durch die grünen Tannenwipfel.
12 In Gehorsam, Zucht und Armut
Schafften still die tapfern Streiter:
Reuteten des Urwald Riesen,
Dorn und Farn und wüste Kräuter;
5 Aus den Tannenwipfeln ragte
Eines Türmleins spitzer Kegel,
First und Giebel eines Klosters
Nach Sankt Benediktus' Regel.
13 Zogen Wall und Zaun und Hecke,
Hirsch und Keiler abzuwehren,
Daß im Tale wohlumfriedet
Grünten menschenholde Ähren;
6 Jüngst erst waren weise Männer
Angelangt aus fremden Reichen,
Segensworte auf den Lippen,
In der Hand des Friedens Zeichen;
14 Zwängten ein den ungestümen
Strom durch Pfahlgeflecht und Dämme,
Pfropften milde Südlandsreiser
Auf des Nordens herbe Stämme.
7 In der Hand die fromme Waffe,
Die mit Mut beseelt den Schwachen,
Die durch Huld bezwingt die Völker
Und besiegt, um frei zu machen;
15 Kräftig sproß im jungen Garten
Akelei und Ros' und Quendel,
Blasse Salbei, Dill und Eppich,
Eberraute und Lavendel.
8 Ernste Männer, vielgeprüfte,
Die in harter Weltverachtung
Einsam sich der Arbeit weihten,
Dem Gebet und der Betrachtung;
16 Aber noch ein andrer Acker
Blieb den Vätern: reicher Boden,
Tiefer Grund, doch schwer zu bauen
Und voll heidnisch wilder Loden.
9 Stille Siedler, die sich mühten,
Mit dem Spaten wilde Schluchten,
Wildre Herzen mit der Lehre
Lindem Samen zu befruchten.
17 Traun, da gab es viel zu rupfen,
Viel zu zähmen und zu zanken,
Viel zu zerren und zu zupfen
An den ungezognen Ranken!
10 Klugen Sinns und unverdrossen
Bauten sie mit Lot und Wage,
Winkelmaß und Säg' und Hammer,
Axt und Kelle Tag' auf Tage,
18 Auf den braunen Eichenbänken
Saß die Brut der Sachsenrecken,
Junge Bären; Riesenarbeit
War's, sie bildend zu belecken.
       
       
19 Erstlich galt's, der Römerrunen
Fremden Zauber zu ergründen:
O ein dornenvolles Rätsel,
Dessen Lösung kaum zu finden!
27 Preis den braven schwarzen Mönchen,
Preis den wackern Kuttenträgern,
Alles menschlich schönen Wissens
Frommen Hütern, treuen Pflegern!
20 Dann gefällig nachzubilden
All die wunderlichen Zeichen:
Hohes Ziel, nur auserwählten
Fingerkünstlern zu erreichen!
28 Was auf Hellas' blauen Bergen,
Was einst am Tyrrhenenmeere
Dichter sangen, Denker dachten
Später Welt zu Lust und Lehre;
21 Doch am schwersten war's, des Kreuzes
Milde Botschaft zu erklären,
Denn gar manchen Flachskopf dünkten
Gotteswort und Heldenmären,
29 Was der Geist geweihten Sehern
Offenbart' in Sturm und Stille,
Wort und Werk des Gottessohnes,
Als er ging in Manneshülle:
22 Weißer Christ und weißer Balder,
Lichte Engel, lichte Elben,
Jüngerschaft und Heerbannstreue
Ganz dasselbe, ganz dieselben.
30 Von der Mönche Hand geschrieben
Blatt auf Blatt mit Müh' und Sorgen,
In den Truhen der Abteien
Lag es liebevoll geborgen.
23 Nur begabtre Schüler wurden
Höhern Zwecken zugeleitet
Und die sieben freien Künste
Lehrhaft ihnen ausgedeutet.
31 Zärtlich ward der Schatz betrachtet,
Mit bescheidnem Stolz gepriesen
Und als Klosterhort dem fremden
Schrifterfahrnen Mann gepriesen.
24 Schwer und ungelenkig waren
Noch der deutschen Zunge Laute,
Gleich den ersten Schritten eines
Hünenkinds im Heidekraute.
32 Solch ein kostbar Gut zu sichern
Treu dem künftigen Geschlechte,
Schrieben sie, die braven Mönche,
Sommertag' und Winternächte.
25 Rasch indes wie ehrne Pfeile,
Klingend flog das Wort der Römer
Von den Lippen kurz und schneidig
Wie das Schwert derWeltbezähmer.
33 Rot und blau und grün und golden
Schimmerten die Anfangslettern,
Reich umrankt von Blumendolden
Und von traumhaft bunten Blättern.
26 Willig bot es knappe Schärfe
Logikern und Exegeten,
Kraft und Fülle den Rhetoren,
Reim und Rhythmen den Poeten.
34 Rührend bat der fromme Schreiber
An des langen Werkes Ende,
Daß man seiner armen Seele
Des Gebets Almosen spende.
       
       
35 Trutziglich, wie schwarze Krieger,
Lanzenknechte der Konvente,
Standen Glied an Glied die Runen
Auf dem weißen Pergamente.
41 Auch zu rauherm Dienste stählten
Die Geschornen ihre Kräfte:
Schicklich wußten sie zu führen
Bogen, Beil und Lanzenschäfte,
36 Ja, sie sind's, die schwarzen Krieger,
Die von einer weggestürmten
Schönheitswelt die letzten Inseln
Rettend vor den Wogen schirmten!
42 Waren Feinde zu verjagen,
Die des Feldes Frucht verbrannten,
Oder Räuber, die der frommen
Spendebringer Weg verrannten;
37 Weht dir aus der Mäoniden
Sängen, wie aus Meeresrauschen,
Tiefes unerkanntes Sehnen,
Was dich zwingt zum Weiterlauschen;
43 Oder war ein Festtagsbraten
Zu erbirschen in den Forsten,
Sei's ein stolzer Sechzehnender,
Sei's ein Bursch mit Wehr und Borsten. --
38 Mahnt der Zorn des letzten Römers,
Gott und Vaterland zu ehren,
Drängt er, vor dem Bild des Lasters
Dich der Tugend anzuschwören;
44 Also übten sie beständig
Friedenswerk und Kampfespflichten,
Doch der Arbeit für der Seele
Heil vergaßen sie mitnichten.
39 Strömt dir aus dem Buch der Bücher
Kraft und Trost im Kampfgewühle,
Wie dem matten Wüstenwaller
Aus des Palmenquelles Kühle:
45 Früh und spät zum Himmel schallte
Ihrer Hymnen und Gebete
Bange Klage, die für alle
Und für sie um Einlaß flehte. --
40 Sei gedenk der wetterfesten
Lanzenknechte der Konvente,
Sei gedenk der schwarzen Krieger
Auf dem weißen Pergamente! --
46 Süßer Schlag der Heidelerche,
Sonnenschein auf allen Hügeln!
Tauwind sang, durch alle Schluchten
Flog er rasch auf weichen Flügeln.
47 Friedensboten, Himmelsschlüssel
Sprossen auf der jungen Aue,
Und ein frohes Frühlingsahnen
Rauschte durch die Sachsengaue.

III. Auf dem Habichtshofe

       
       

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)