Aus dem Immaculata-Archiv:


Das große Welttheater

Sakramentsspiel

von

Don Pedro Calderon de la Barca

Nach den Übersetzungen von Eichendorff und Lorinser
für die Aufführung in Einsiedeln bearbeitet
und mit Gesang- und Sprechchören eingerichtet


Personen und Chöre

  Der Meister  
Die Gnadenmutter   Der heilige Meinrad
     
Die drei Erzengel Das Gesetz Die drei Lichtengel
Die Chöre
der singenden Engel
  Die Chröe
der tanzenden Engel
     
Die Engel der Geburt   Der Tod
Die Begleitengel   Die Genien des Todes
     
  Die Welt  
Die Herolde   Die Erdgeister
     
Der König Die Schönheit Der Reiche
Der Chor
der Vasallen
Der Chor
der Edelfrauen
Der Chor
der Zechkumpane
Edelleute Offiziere
Soldaten
Hofdamen
Dienerinnen
Freunde Zechgenossen
Musikanten
Diener, Pagen
Der Landmann Die Weisheit Der Bettler
Der Chor
des Landvolkes
Der Chor
der Nonnen
Der Chor
des Bettelvolkes
Bauern, Bäuerinnen
Knechte, Mägde
Klosterfrauen Bettler, Krüppel,
Greise, Kinder
  Das Kind  

Spielfolge

Das Vorspiel

Das erste Zwischenspiel

Das Welttheater

Das zweite Zwischenspiel

Das Nachspiel

 

Schauplatz

Der nächtliche Klosterplatz vor der Kirche Unserer Lieben Frau
von Einsiedeln


Das Vorspiel

Glockengeläute von den Türmen der Stiftskirche leitet das Spiel ein. Der Himmelsthron flammt auf in gleißendem Licht. Es erscheinen die Erzengel Gabriel und Raphael. Posaunenstoß kündigt die himmlischen Heerscharen an. Das Thronportal öffnet sich. Die Chöre der singenden Engel treten ins Licht und ersteigen die Stufen des Thrones. Ihr Lobgesang erklingt dem Schöpfer der Sternenwelten.

Die Chöre der singenden Engel:

Creator alme siderum,
Aeterna lux credentium
Christe, redemptor omnium,
Exaudi preces supplicum.

Cuius forti potentiae
Genu curvantur omnia;
Coelestia, terrestria
Nutu fatentur subdita.

Deo Patri sit gloria
Eiusque soli Filio
Cum Spiritu Paraclito
Et nunc et in perpetuum.

Die Chöre der tanzenden Engel, Sternenfackeln tragend, bereiten im Verein mit den drei Lichtengeln dem nahenden Meister den Weg. Neue Posaunenrufe. Der Meister erscheint mit Sternenmantel und Strahlenkrone, gefolgt von Michael, dem Schwertträger Gottes, das Flammenschwert in der Hand, Huldigung der himmlischen Heerscharen. Der Meister spricht.

Der Meister:

Anmutige Gebilde
Im weiten Kreis der irdischen Gefilde,
Die zwischen Licht und Nächten
Des Himmels Abglanz sich erobern möchten
Mit Blüten, die überfunkeln der Gestirne Flammenbrände,
Ihr luft- und flutumspülten Berggelände,
Wo durch der Lüfte Wellen
Der Vögel Barken bunte Segel schwellen,
Wo wild Getier in tiefen Waldes Schatten wohnet,
Und frei der Mensch als Herr des Reiches thronet!
Du rastlos Ungeheuer,
Aus Erde, Wasser, Luft und Feuer
In ew'gen Wandelungen
Des Universums Werkstatt kühn entrungen,
Zu krönen Meiner Schöpfung Hochgedanken:
Erscheine, Welt, vor Meiner Allmacht Schranken!

Die Welt erscheint mit dem Chor der Erdgeister.

Die Welt:

Wer heißt zum Leben
Dem rauhen Kern des Balls, der mich umgeben,
Mit so gewalt'gem Rufe mich entsteigen?
Wer, mich mir selbst entreißend, bricht mein Schweigen?

Der Meister:

Dein Meister, Welt, des Hand gewaltig Weben
Dir Form verlieh und aller Kreaturschaft Leben!
Ein Hauch von seinem Munde
Enthebt dich hier des Urstoffs finstrem Grunde.

Die Welt wirft sich auf ihr Angesicht nieder.

Die Welt:

Und was gebietest Du? Was ist Dein Wille?

Der Meister:

Da Ich dein Schöpfer bin und Bildner deiner Hülle,
So will Ich auf der Erde Flur ein Fest bereiten
Aus eigner Macht Mir; denn zu allen Zeiten,
Um Meine Kraft und Herrlichkeit zu preisen,
Soll die Natur sich festlich Mir erweisen;
Und da vor allen Festen
An würd'gem Schauspiel sich am allerbesten
Die Geister kräftigen und heben,
Und nur ein Spiel ja alles Menschenleben,
So mag auf deinen Auen
Der Himmel heut ein Schauspiel schauen;
Und Menschen in gemeßnen Weisen
Auf den fünffach geschiednen Erdenkreisen
Des Welttheaters würdig spielen sollen!
Ich selbst verteil' die Rollen
Nach eines jeglichen Natur und Richtung.
Doch rüste du des Festes Dichtung,
Wie sich's gebühret, aus mit allen Prachten
Der Szenerie und mit dem Schmuck der Trachten.

Die Welt:

Mein erhabner Herr und Meister,
Dessen Winke, dessen Rufe
Alles ehrerbietig lauscht!
Meiner Bühne weite Runde
Öffn' ich denn, auf daß die Menschen
Sich im Schauspiel drauf versuchen.

Das Spielfeld erhellt sich.

Blindes Werkzeug Deiner Rechte
Führ' ich aus nur, was Du schufest.

Welt mit Chor:

Meine Tat ist Dein Gedanke,
Mein das Werk zwar, Dein das Wunder!

Der Meister:

Erstlich werden rasch, zu scheuchen
Grause Finsternis des Abgrunds,
Himmelskronen nun entzündet.
Hier des Tages heil'ge Fackel
Und des mitternächt'gen Dunkels
Hehre Leuchte dort, umflimmert
Von viel tausend lichten Funken,
Die vom Diadem der Nacht
Die Geschicke niederfunkeln.
Zu Beginn des Weltenmorgens
Soll empor der Garten Eden tauchen,
Daß man staune, wie gelungen
Der Natur so mächt'ges Bild.
Kaum noch aus den ros'gen Knospen
Äugelnd, sollen zarte Blumen
Da zum erstenmal den Morgen
Schüchtern grüßen und verwundert,
Wenn nicht schon der Schlange Neid
Listig sie mit Gift besudelt.
Berge zieh' Ich, wo Gebirge,
Täler tief, wo Niederungen
Zu dem Bilde passend scheinen.
Und wenn endlich, überwüchsig,
Der Gebirge Felsenwuchten
Alle Aussicht überdunkeln,
So verwandl' Ich rasch den Schauplatz,
Daß, vom Sturm aus tiefstem Grunde
Aufgewühlt, ein Ozean
Alle Gipfel überflute.
Nur ein einsam Schiff erscheine,
Das Geflügel, Tier und Menschen
Rettend birgt in seinem Rumpfe.
Doch wenn drauf der Friedensbogen
Über Meer und Schiff geschwungen,
Bricht des Elementes Wut sich,
Und erschrocken beugt die Woge
Dem Gesetz sich ihres Ursprungs
Vor der Felsenstirn der Erde,
Die nun aus dem Grab der Fluten
Wiederum ihr Antlitz hebt,
Wenn auch bleich, verweint und stumm noch.
Ungesäumt nun folgt die zweite
Weltzeit nach der ersten Schlusse:
Die von Moses -- unter seiner Führung
Kommen eilig, trocknen Fußes,
Aus Ägypten angerückt
Durch das Rote Meer die Juden.
Dann, um das Gesetz zu holen,
Wird auf einen mächt'gen Berg
Eine Wolke Moses heben.
Dieses zweite Alter schließt dann
Über des Kalvarienberges Höhen
Eine Sonnenfinsternis,
Und in tiefen Fieberschauern
Wird man da die Himmelskugel
Irre wanken sehn und weichen.
Drauf beginnt die dritte Zeit,
Die von Ahnungen durchklungen,
Daß hier Höheres im Spiel:
Das Gesetz des Neuen Bundes!
Also wird man in drei Alter
Einst das Weltgeschehen teilen
Von Jahrhundert zu Jahrhundert.
Doch dies dritte Weltenalter
Bricht in Schrecken aus zum Schlusse:
Berge bersten, und die Mauern
Taumeln, wie vom Wahnsinn trunken,
Bis der ganze morsche Bau
Rings in Trümmer ist gesunken
Und zuletzt im Blitzeszucken
Unversehens von einem grimmen
Feuermeere wird verschlungen.
O, daß dieser Tag noch lange
Weilte in der Zeiten Grunde,
Und ihn nie die Völker schauten,
Die noch ruhn im Schoß der Zukunft!
Und nun ans Werk! Dieweil Ich dirigiere,
Sei du die Bühne, und der Mensch agiere!

Welt mit Chor:

Herr! In Deinem Sinn verbunden,
Sind die Menschen, eh' sie sind,
Schon versichert ihres Ruhmes.

Posaunenruf. Huldigung der Heerscharen. Meister und die Chöre der Engel gehen durch das Thronportal ab. Die Welt wendet sich.

Die Welt:

Doch daß jeglicher imstande,
Auf der Bühne, Deinem Rufe
Folgend, auf- und abzutreten,
Habe ich zwei Türen hurtig
Eingerichtet: hier die Wiege,
Dort das Grab im Hintergrunde.

Das Tor der Geburt und das Tor des Todes erhellen sich. Die Begleitengel und die Genien des Todes erscheinen im Thronportal und treten an die Tore.

Und nicht minder auch gedacht' ich
Des Kostüms und nöt'gen Putzes,
Wie die Rollen ihn erheischen.
Denn bereit halt' ich zur Stunde
Für den, der den König gibt,
Lorbeerkränze und den Purpur,
Geistlich Regiment der Kirche,
Ehr' und Pracht dem Edelmann.
Auch den Landmann, der um
Adams Schuld in Angst und Kummer
Muß den harten Boden bauen,
Rüst' ich aus mit Hack' und Pfluge.
Doch vor allen dann des Schauspiels
Dame leih' ich reichen Schmuck
Und der Schönheit hohe Reize,
Wohl ein süßes Gift für viele.
Und den Bettler laß ich laufen,
Weil das seines Parts Natur so.
Keiner soll sich da beklagen,
Daß er nicht bereit gefunden,
Was er für sein Rollenfach
Irgend nur an Schmuck bedurfte.
Macht er dennoch seine Sache
Schlecht dann, so ist's meine Schuld nicht,
Sondern seine. Nun ans Werk!

Chor der Erdgeister geht ab.

Da nun alles vorbereitet,
So kommt, Sterbliche, herbei,
Um euch einzeln auszurüsten!
Auf dem großen Welttheater
Zeige jeder seine Kunst dann!

In schwarze Mäntel gehüllt, erscheinen der Reiche, die Schönheit, der König, das Kind, die Chöre der Zechkumpane, der Edelfrauen und der Vasallen unter den Arkadengängen rechts; der Bettler, die Weisheit, der Landmann, die Chöre des Bettelvolkes, der Nonnen und des Landvolkes unter den Arkadengängen links.

 

Das erste Zwischenspiel

Das Thronportal öffnet sich wiederum. Die Erzengel Gabriel und Raphael stoßen in die Posaunen. Die Chöre der tanzenden Engel erscheinen. Die drei Lichtengel und sieben tanzende Engel treten vor mit sieben Pergamentrollen im Arm. Hinter ihnen das Gesetz in mosesähnlicher Gestalt mit einem großen Buch.
Die Chöre der singenden Engel steigen die Rundtreppe hinab.

Die Chöre der singenden Engel:

Laudate Dominum, omnes gentes:
Laudate eum, omnes populi.
Quoniam confirmata est super nos misericordia eius
Et veritas Domini manet in aeternum.
Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto,
Sicut erat in principio et nunc et semper
Et in saecula saeculorum. Amen.

Ihr Jubelgesang gilt dem Könige der Welt, der, auf dem Tragethron von vier Engeln getragen, erscheint, mit Goldmantel und dreifacher Krone. Vor ihm her schreitet Michael mit dem Flammenschwert. Der Meister spricht.

Der Meister:

All' euch noch im Nichts verloren,
Ruf' Ich dennoch auf zum Licht,
Denn vor Meinem Angesicht
Seid ihr, eh ihr noch geboren.
Kommt herbei, erfüllt der Bühne Rund!
Was jeder sein soll, werd' ihm kund.

Rhythmisch schreitend, treten mit einem Male Reicher, Schönheit, König, Kind, Bettler, Weisheit und Landmann mit ihren Chören aus den Arkadenbögen und erfüllen schattenhaft die ganze Bühne, die in grünem gespenstischem Licht daliegt.

Der König:

Meister, siehe hier, die Deinen!
Deines Rufes Urgewalt
Reißt empor uns zur Gestalt.
Bebend wir vor Dir erscheinen.
Noch beschwingt die Seele keinen.

Alle Chöre:

Ohne Leben, ohne Sinnen,
Trüb, gestaltlos wir zerrinnen
Wie der Rauch, des Windes Raub.

Flehend mit erhobenen Händen:

Hauch' beseelend an den Staub,
Daß wir unser Spiel beginnen!

Alle Frauenchöre:

Deines Denkens Schattenrisse
Sind wir, die nicht schaun, nicht leben,
Halb im unentschiednen Schweben
Nichts von Gut' und Bösem wissen.

Alle Chöre:

Drum, wenn aus der Welt Kulissen
Wir hervor hier treten sollen,
So verteile nun die Rollen!

Alle Männerchöre:

Herrscher über dieses Land,
Den ich heut erst kennen lerne,
Deinem Winke folg' ich gerne,
Als Geschöpf aus Deiner Hand.

Alle Chöre:

Ohne Leben, ohne Sinnen,
Trüb, gestaltlos wir zerrinnen
Wie der Rauch, des Windes Raub.

Stärker flehend mit erhobenen Händen:

Hauch' beseelend an den Staub,
Daß wir unser Spiel beginnen!

Der Meister:

Wollte ich die unruhvollen
Menschen um die Wahl befragen,
Auch nicht einem wohl behagen
Möchten dann des Leidens Rollen.
Jeder würde herrschen wollen
Über alle frank und frei,
Und es fiele keinem bei,
Daß auf dieser Bühnenwelt,
Was er für das Leben hält,
Eben nur ein Schauspiel sei.
Doch Ich, Autor dieses Spiels,
Weiß, was jeder leisten kann,
Und so nehm' denn jedermann,
Welchen Part Ich ihm beschere.

Die Engel verteilen die Rollen.

Spiel' den König du!

Der König:

O Ehre!

Der Meister:

Du, die Dame, leucht' als Sonne Ird'scher Schönheit!

Die Schönheit:

Welche Wonne!

Der Meister:

Du den reichen Kavalier!

Der Reiche:

O, so ward das Glücklos mir,
Wolkenlos zu schaun die Sonne!

Der Meister:

Und des Landmanns Part sei dein.

Der Landmann:

Ist ein Dienst das oder Würde?

Der Meister:

Eine arbeitsel'ge Bürde.

Der Landmann:

Werd' ein schlechter Werkmann sein.
Nein, ich bitt' Euch, Herre mein,
Stamm' ich gleich von Adam her,
Macht mir's doch nicht gar so schwer!
Zwar ein Landgut wär' mir lieb;
Doch ein rechter Tagedieb
Steckt in mir, irr' ich nicht sehr;
Doch Ihr habt Erfahrenheit,
Die den Hut mißt nach dem Kopfe,
Also auch mir armem Tropfe
Meine Dummheit wohl verzeiht.

Der Meister:

Nun zum Höchsten laßt Uns greifen:
Meines Geistes Ebenbild
Senke Ich in deine Brust.
Weisheit hab' Ich dir erkoren.

Die Weisheit:

Hohe Gunst erweist Du mir.

Der Meister:

Den armsel'gen Bettler dir.

Der Bettler:

Gibst Du mich so ganz verloren?

Der Meister:

Und du stirbst, eh du geboren.

Das Kind:

Da ist meine Müh gar klein.

Der Bettler:

Weshalb ward der Armut Pflicht
Mir zuteil in der Komödie?
Daß sie nur für mich Tragödie
Und für alle andern nicht?
Warum ich ein armer Wicht?
Weshalb, da für meinen Part
Mir dieselbe Seele ward,
Wie dem Könige beschieden,
Unsre Rollen doch hienieden
Von so ganz verschiedner Art?
Und so scheint's ein strenges Schalten,
Ja, verzeih, erscheint es hart,
Daß er, der nicht besser ward,
Beß're Rolle soll erhalten.

Der Meister:

Wisse, diese Bühne ziert
Minder nicht, wer ohne Fehle,
Schlicht und recht aus voller Seele
Mit dem Bettelstab agiert,
Als wer Kron' und Zepter führt;
Und wenn einst der Vorhang fällt,
Werden beide gleichgestellt.
Jede Rolle kann dich heben,
Denn das ganze Menschenleben
Ist ja nur ein Schauspiel hier.
Und ist dann das Spiel geschlossen,
Speist an Meiner Seit' zur Nacht,
Wer's am besten hat gemacht
Und getreu und unverdrossen
Seiner Rolle Geist erschlossen.
Dort mach' Ich euch beide gleich.

Die Schönheit:

Doch wie heißt in Deinem Reich
Nun das Stück, zu dem wir kamen?
Sag' uns, Herr, erst seinen Namen.

Der Meister:

"Tue recht! -- Gott über euch!"

Posaunenruf.

Alle Chöre:

Tue recht -- Gott über euch.

Der König:

Not tut's, daß wir nichts versehn
In so wunderbarem Stücke.

Der Reiche:

Darum, daß es besser glücke,
Laßt uns an die Probe gehn.

Die Weisheit:

Ei, wie könnte dies geschehn,
Da wir, eh das Stück beginnt,
Alle seelenlos noch sind,
Ohne Licht und ohne Leben?

Der Bettler:

Doch wie läßt ein Stück sich geben
Aus dem Stegreif so geschwind?

Der Landmann:

Recht hat der da mit der Krücke.
Seht, selbst eins der alten Stücke,
Noch so oft schon aufgeführt,
Wird's nicht aus zu sonderem Lobe;
Wie nun, wenn man ohne Probe
Gar ein neues hier agiert?

Der Meister:

Ruhm wird sich das Spiel erwerben,
Nehmt ihr immerdar inacht,
Daß der Himmel richtend wacht,
Daß ihr wurdet, um zu sterben.

Die Schönheit:

Und doch fürcht' ich's zu verderben,
Da wir alle noch nicht wissen,
Wann wir nahn und abgehn müssen.

Der Meister:

Auch dies bleibe euch verhüllt
"Werden, Sterben" zeigt im Bild
Euch der Ein- und Ausgang an.
Haltet nur in allen Wirren
Abzutreten euch bereit.
So Ich rufe, kommt die Zeit.

Der Bettler:

Doch wenn wir vielleicht uns irren,
Geist und Sinne sich verwirren?

Der Meister:

Eines Buches heil'ge Seiten
Will vor euren Blick Ich breiten,
Dem, des Sinne sich verdüstern,
Draus nachhelfend zuzuflüstern:
Dem Gemeinen wie dem Großen,
Allen dieses Buch bedeutet,
Was zu tun zu jeder Frist.
Also klagt nicht! Frei nun ist
Euer Wille und bereitet
Steht die Bühne. So durchschreitet
Denn vom Aufgang nun sogleich
Bis zum Niedergang das Reich
Eures ird'schen Seins!

Alle Chöre:

Ohne Leben, ohne Sinnen,
Trüb, gestaltlos wir zerrinnen
Wie der Rauch, des Windes Raub.

Gewaltig flehend mit erhobenen Händen:

Hauch' beseelend an den Staub,
Daß wir unser Spiel beginnen!

Posaunenruf. Meister wird auf dem Tragethron zurückgetragen. Die Engel folgen durch das Thronportal.

Die Weisheit:

Schaut der Himmelsheere Glänzen,
Die den Meister hell umkränzen
Wie der Sterne stille Pracht! --
Doch was stehen wir noch zaudernd?

Der König:

Laßt uns gehen,
Recht zu tun! Gott über euch!

Alle Chöre:

Recht zu tun! Gott über euch!

Der Chor der Erdgeister tritt auf mit Kostümen und Requisiten.

Die Welt:

Kommt schnell herbei! Die Welt euch ziert
Nun mit Schmuck und Trachten mannigfalt,
Daß würdig eure Rollen ihr agiert
Nach eines jeden Pflichten und Gestalt.
Die Verkleidung kann beginnen.

Der König:

Nach der Krone steht mein Sinnen.

Die Welt:

Warum Kron' und Lorbeer dir?

Der König:

Weil dies meiner Rolle Zier.

Die Welt:

Nun, so nimm den Schmuck dahin.

Die Erdgeister reichen ihm Krone und Purpurmantel.

Die Schönheit:

Volle Kränze von Jasmin,
Nelken, Rosen reiche mir
Aus des Maien buntem Reiche,
Daß, besiegt, vor Neid erbleiche,
Wenn sie mich erblickt, die Sonne.

Die Welt:

Ei, wie gar so eitelsinnig
Trittst du, Kecke, in die Welt!

Die Schönheit:

Darauf ist mein Part gestellt.

Die Welt:

Und der ist?

Die Schönheit:

Die Schönheit bin ich.

Die Welt:

O, so töne, Lenz, herzinnig,
Funkeln soll's und Blüten schnein!
Strahl' im Frühlingswiderschein!

Sie gibt ihr einen Blumenstrauß.

Der Reiche:

Gebet Pracht und Reichtum mir,
Mir, was ihr bewahrt an Schätzen!
Mich behaglich zu ergötzen
Auf der Welt, erschein' ich hier.

Die Welt:

Ja, mein Innres will ich dir
Auftun, all Geklüft zertrümmern!
Die da in der Tiefe schimmern:
Gold und Silber, das ich karg
Seit Jahrhunderten dort barg,
Soll nach Wunsche dich umflimmern.

Der Reiche:

Heißa, welch ein lustig Leben,
Welch ein auserlesner Part!
Wein und Liebe gilt mein Streben
O des Glückes, das mir ward!

Die Weisheit:

Schmuck und Krone sind mir feil.
Ein Stück Erde, drauf zu leben,
Bitte ich für meinen Teil,
Einer Zelle schlichte Wände,
Drin das Glück sich mir vollende.

Die Welt:

Welcher Part ist dir gegeben?

Die Weisheit:

Weisheit und die Lernbegier.

Die Welt:

Steht's um dich so geistlich hier,
Nun, so bet' und faste sehr.

Sie reicht ihr Habit und Geißel.

Die Weisheit:

Weise wär' ich nimmermehr,
Nähm' ich anderes von dir.

Die Welt:

Wie? und du magst nichts begehren?
Ohne Wünsche trittst du auf?

Das Kind:

Ach, zu meinem Lebenslauf
Kann ich deiner ganz entbehren.
Ungeboren heimzukehren,
Brauch' ich so viel Zeit nur eben,
Um aus dunklem Kerkerleben,
Aus der Nacht in Nacht zu wandern;
Und ein Grab wie allen andern
Mußt du mir zuletzt doch geben.

Die Welt:

Was willst du denn, grober Knolle?

Der Landmann:

Ei, was schert dich meine Rolle?

Die Welt:

Das schmeckt ziemlich nach der Scholle;
Wett' ich doch, daß dieser Derbe
Sich als Knecht sein Brot erwerbe.

Der Landmann:

Traun, du hast mein Glück erraten.

Die Welt:

Nun, so nimm denn diesen Spaten.

Sie reicht ihm denselben.

Der Landmann:

Das ist Adams saubres Erbe.
Ja, Herr Adam konnt's wohl wissen,
Der so hochgelehrt doch war,
Daß sein Weib seit manchem Jahr
Des Geschwätzes sich beflissen.
Ich hätt' nicht mit dreingebissen,
Mocht' sie schwatzen Tag und Nacht!
Doch der Fant hat wohl gedacht:
"Ach, sie fleht so flehentlich!"
Und so hat er denn, wie ich,
Seine Rolle schlecht gemacht.

Der Bettler:

Gib mir Leiden, Mißgeschicke!
Von dem überreichen Glücke
Will ich ja der Kronen keine,
Nicht des Frühlings bunte Scheine,
Silber nicht, noch Gold für mich.
Nur um Lumpen bitt' ich dich.

Die Welt:

Welche Rolle ist die deine?

Der Bettler:

Meine Rolle ist die Trauer,
Ist der Jammer, ist der Schrecken,
Mitleid hier, dort Graun erwecken,
Vor den Türen auf der Lauer,
Zähneklappern, Fieberschauer,
's ist der Schimpf und das Verachten,
Schande, bittres Herzeleid,
Ekler Schmutz, die Niedrigkeit,
Stets nur nach der Notdurft trachten
Und vor Elend doch verschmachten.

Die Welt:

Für dich hab' ich nichts zur Hand!
Wem des Bettlers Rolle fällt,
Der empfängt nichts von der Welt,
Ja selbst noch dein Stück Gewand
Nehm' ich dir. So nun ins Land
Wandre nackt und bloß hinaus!

Der Bettler:

Arge Welt, wie bist du trüglich!
Schmückst den Glücklichen vergnüglich,
Und den Bettler ziehst du aus!

Rhythmisch schreitend, gehen die Chöre ab, wie sie gekommen. Reicher, Schönheit, König, Kind, Bettler, Weisheit und Landmann gelangen durch den letzten Arkadenbogen rechts von der Seite hinter das Tor der Geburt.

Die Welt:

Mannigfalt'ge Stände dort
Seh' ich nun zur Bühne schreiten:
Einen König, seiner weiten
Reiche hochbeglücktgen Hort,
Schönheit, deren Zauberwort
Alle Sinne hält gefangen,
Mächt'ge, die in Weltruhm prangen,
Bettler, singend ihre Lieder,
Bauern, fromme Ordensglieder.
All', auf höheres Verlangen,
Sind, das Schauspiel darzustellen,
Vor den Schranken schon erschienen.
Tritt nun, heil'ger Meister, ein,
Schau der Menschen Lust und Pein!
Erde, öffne deine Bühne,
Denn des Erdenfrühlings Grüne
Soll des Spieles Schauplatz sein!

 

Das Welttheater

Langgezogene, verklingende Posaunenrufe. Die Chöre der singenden Engel treten an die Thronstufen. Der Chor der Nonnen kommt von links, umgeht das Oval vor der Treppe und steht, das Angesicht gegen die Thronkapelle gewendet, still. Alle stehen in gespanntester Erwartung. Der Sternenvorhang an der Thronkapelle öffnet sich langsam. Man sieht den Meister mit Purpurmantel und dreifacher Krone auf einem Thronsessel, neben ihm die Gnadenmutter von Einsiedeln und den heiligen Meinrad sitzen. Alles kniet nieder.

Der Chor der Nonnen:

Mond, Sonne, Sterne, des Herren Ehre
Laßt durch die Himmel tönen!
Stimmet ein, ihr schönen
Blumen, ihr rauschenden Meere!
Lobsinge du, Licht, das alle weckt,
Du funkelnder Tau, der Flamme Sprühn,
Eisiger Winter und Sommerglühn!
Denn wo die Höhen sich lichten,
Wird Er ob Gutem und Bösem richten.

Der Chor der Nonnen geht ab, woher er gekommen.

Der Meister:

Schönres ist mir nie erklungen
Als aus treuer Menschenbrust
Dieser Hymne ernste Lust,
Die von Daniel einst gesungen,
Seines Königs Zorn bezwungen.

Die Chöre der tanzenden Engel huschen mit Sternenfackeln in der Hand aus dem Portal und gruppieren sich auf dem Spielfeld zum Reigen. Die Musik setzt leise ein. Es erklingen die Haydn-Variationen von Johannes Brahms (Chorale St Antoni), und der Reigen der tanzenden Engel beginnt. Wenn die Musik verklungen, huschen die Chöre der tanzenden Engel an die Thronstufen. Zu gleicher Zeit treten die Sprechchöre von beiden Seiten ein und nehmen vor den Arkaden Aufstellung.

Die Welt:

Wer wird den Prolog nun geben?
Doch aus Himmelshöhen eben
Seh' ich auf des Meisters Wort
Das Gesetz sich nahen dort,
Mächt'gen Schrittes niederschreiten
Nach der Erde Gründen hin.

In den Lichtglanz der Heerscharen tritt eine mächtige, dunkle Gestalt in wallendem Mantel: der große Souffleur im Welttheater. Mit gewaltigen Schritten tritt er an die Rundtreppe mit einem großen Buch im Arm, um den Prolog zu sprechen.

Das Gesetz:

Hört! Ich, Gottes ewiges Gesetz,
Lade euch zum Schauspiel jetzt.
Allen bin ich Helfer gern,
Die da irren; Sinn und Kern
Eures Spiels in diesem Reich
Faßt in eines Spruchs Bereich
Dieses Buch.

Mit beiden Armen das Buch über den Kopf schwingend:

Da steht geschrieben:
Sollst, wie dich den Nächsten lieben!
Tue recht! Gott über euch!

Posaunenruf.

Die Welt:

Wahrlich, mild ist dies Gesetz,
Von der Gnade Licht verklärt.
Wer solch' weisem Helfer folget
Reichsten Lohnes nicht entbehrt.
Aber still, das Spiel beginnet!
Sieh, da treten sie schon ein.

Ein Glöcklein am Tor der Geburt ertönt. Der Engel der Geburt führt die Schönheit und die Weisheit, deren Angesichter weiße Schleier verhüllen, heraus auf die Mitte des Spielfeldes. Von links tritt der Chor der Nonnen mit Prozessionskreuz und Kirchenfahnen und großen Rosenkränzen auf, von rechts kommt der Chor der Edelfrauen mit Blumenbogen und Blumenkörbchen. Sie umringen die Weisheit und die Schönheit. Der Engel entschleiert die Weisheit, sie erblickt das Licht der Welt, sieht sich im Kreise der Nonnen, erkennt ihren Beruf und fällt vor dem Kruzifixe auf die Knie. Die Schönheit erblickt gleichfall das Licht der Welt, auch sie erkennt sofort ihre irdische Bestimmung.

Die Schönheit:

Komm, laß fröhlich uns durchwandeln
Diese lachenden Gefilde,
Die des Maien Heimat sind
Und der Sonne süße Wiege!
Lichte Wonne, goldner Strahl,
Buntes Leben, Blum' an Blume.

Die Weisheit:

Weißt ja, daß ich's nimmer liebe,
Ob es Winter oder Mai,
Meine Zelle zu verlassen,
Meine stille Einsamkeit.

Die Schönheit:

Soll denn, was die andern freut,
Dir nur rauh und strenge sein?
Warum, sprich, hat Gott gestreut
Blumen über die Gefilde,
Wenn wir in der schönen Zeit
Ihren würz'gen Duft nicht atmen?
Wozu hieß er weit und breit
Vöglein mit dem süßen Schalle
Seiner Schönheit Sänger sein?
Warum gab der Herr die Früchte,
Wenn der goldbeladne Zweig
Dir umsonst die süße Speise
Aus dem dunkeln Laube reicht?
Warum schuf er diesen Himmel?
Berge, Tal und Sonnenschein,
Wenn kein Aug' sich dran ergötzet?

Mit Chor:

Muß nicht undankbar erscheinen,
Wer für Gottes Wunder blind?

Die Weisheit:

Sie in Wonne zu bewundern
Und mit Dank sich ihrer freuen,
Ist nicht irrig, noch zu tadeln.
Aber Unrecht tut fürwahr,
Der die Schönheit der Geschöpfe
Nur zu seiner Lust genießet,
Ihres Schöpfers ganz vergessend.
Nein, ich bleib' in meiner Klause
Still und für die Welt verborgen.
Deshalb bin ich ja die Weisheit.

Die Schönheit:

Ich die Schönheit. Deshalb geh' ich
Sehen und gesehn zu werden.

Sie scheiden voneinander.

Die Welt:

Kurze Zeit nur, wie ich sehe,
Ging die Schönheit mit der Weisheit.
Eine von den beiden Rollen
Scheint mir hier verfehlt zu sein.

Schönheit mit Chor:

Flechtet Netze, meine Locken!
Leget Schlingen, Herzenstriebe!
Fangt die kältesten der Herzen
Und entflammt zur Liebe sie!

Die Weisheit:

Wie am mächtigsten entfalt' ich
Meinen Geist?

Die Schönheit:

Was werd' ich tun,
Meiner Schönheit Sieg zu schaffen?

Das Gesetz tritt hinter sie und spricht über ihre Schulter.

Das Gesetz:

Tue recht! -- Gott über euch!

Die Welt:

Der Souffleur läßt sich vernehmen --
Doch die Schönheit hört ihn nicht.
Ist halt gar ein eitles Ding,
Hört wohl lieber Schmeichelreden.

Der Reiche und der Chor der Zechkumpane treten auf mit Musik.

Ah, wer tritt denn da heran?
Schau wie lustig die Gesellen,
Als ob Hochzeit wär' im Land!

Der Reiche:

Da verschwenderisch der Himmel
Macht und Gut mir hat verliehen,
Sei's dem fröhlichen Ergötzen
Auch verschwenderisch geweiht.
Nichts sei meinem Wunsch zu hoch,
Was mir wünschenswert erscheint;
Was da fliegt und springt auf Erden,
Soll auf meiner Tafel prangen.
Meine Heimat schlag' ich auf
In Frau Venus' heiterm Reich.
Liebe, Lust und goldner Wein,
Euch gilt all mein Sinn und Streben.

Mit Chor:

Liebe, Lust und goldner Wein,
Euch gilt all mein Sinn und Streben.

Der Landmann und der Chor des Landvolkes kommen.

Der Landmann:

Wer sah härtres Los als meines?
Mir obliegt, den Pflug zu führen,
Der der Erde Stirn zerreißt.
So bezahl' ich ihre Wohltat.
Braucht man irgendeine Steuer,
Hat man's immer abgesehen
Auf den armen Bauersmann.

Mit Chor:

Aber wart' nur, muß ich schwitzen,
Nun, so soll auch meinen Schweiß
Mir mein Kunde wohl bezahlen;
Denn ich stelle selbst den Preis.

Der Landmann:

Regnet's diesen Mai nicht -- und ich
Bitte Gott um Trockenheit --
Ei, so weiß ich, daß mein Weizen
Um ein paar Dukaten steigt.
Und so werden hier die Leute
Bald nach meiner Geige tanzen.
Alles wird mich fürchten, ehren.
Wenn ich einmal droben bin,
Ei, was fang' ich dann noch an!

Das Gesetz:

Tue recht! -- Gott über euch!

Die Welt:

Hörst du den Souffleur nicht flüstern?

Der Landmann:

Bin zuweilen etwas taub.

Mit Chor:

Heute wolln wir Haber mähen,
Morgen wolln wir binden.
Wo ist denn die Liebste mein,
Wo soll ich sie finden?

Der Bettler und der Chor des Bettelvolkes treten auf.

Der Bettler:

Wer von allen, die da leben,
Sah wohl jemals größre Pein,
Als die meine ist? Mein bestes
Ruhelager ist der Stein,
Und ob auch der ganze weite
Himmel meine Decke sei,
Bleiben doch mir Schlafgesellen
Sonnenglut und kalter Reif,
Durst und Hunger meine Wecker.

Mit Chor:

Wolle Gott Geduld verleihn!

Der Reiche:

Was beginn' ich, meine Pracht
Recht zu zeigen?

Der Bettler:

Und was tu' ich,
Um mein Unglück zu ertragen?

Das Gesetz:

Tue recht! -- Gott über euch!

Der Bettler:

O, wie trostreich diese Stimme!

Der Reiche:

Wie sie langweilt, diese Stimme!

Trommelwirbel. Diener des Königs tragen den Thron herein.

Die Weisheit:

Seht den König mit den Edeln!

Der Reiche:

Wie mein stolzer Sinn sich sträubt,
Sich vor irgendwem zu beugen!

Die Schönheit:

Ich stell' mich ihm vor, vielleicht
Glückt es, daß vor meiner Schönheit
Sich besiegt der Hohe neigt.

Der Landmann:

Und ich geh', denn sieht er mich,
Kommt ihm das Gelüsten gleich,
Mich mit Steuern neu zu quälen.
Solche Gunst ist stets mein Teil.

Der König und der Chor der Vasallen treten auf.

Der König:

Allzu enge und beschränkt
Für mein schrankenloses Reich
Sind die Marken all der Gaue,
Die der Erdenrund umfaßt.
Alles, was das Meer umfließet,
Was der Sonnenglanz betrahlet,
Ist mein Eigentum; ich herrsche
Unbeschränkt als König drüber.

Die Vasallen knien nieder. Der König schreitet zum Throne.

Alle Chöre:

Heil dem König, Heil!

Der König:

Und es werfen die Vasallen
Nieder sich, geh' ich vorbei.
Was bedarf ich noch hienieden?

Das Gesetz:

Recht zu tun! -- Gott über euch!

Die Welt:

Traun, der kommt mit seinem Spruche
Überall zur rechten Zeit!

Der Bettler:

Doppelt unglückselig bei des
Fremden Glückes Widerschein
Steh' ich hier in meinem Elend.
Dort sonnt in der Herrlichkeit
Seiner Hoheit sich der König
Und bedenkt nicht, daß ich sein
Nicht entbehren kann. Die Dame,
Ganz versenkt in Eitelkeit,
Ahnt kaum, daß es in der Welt
Kummer gibt und herbe Pein.
Selbst der vielgeplagte Landmann,
Kehrt er müd vom Felde heim,
Findet, wenn auch nicht verschwendrisch,
Dennoch seinen Tisch bereit,
Und der Reiche schwelgt in allem,
Während in der Welt allein
Ich an allem Mangel leide.
Und so nah' ich allen heut,
Ohne sie kann ich nicht sein.
Zu der Schönheit fass' ich Mut,
Denn so schönes Angesicht
Muß ein gutes Herz auch haben.

Mit Chor:

Barmherzigkeit! Eine Gabe!

Die Schönheit:

Sprecht, ihr Quellen,
Die ihr meine Spiegel seid,
Welcher Schmuck ziert mich am schönsten?
Steht mir diese Locke fein?

Bettler mit Chor:

Seht ihr mich nicht?

Die Welt:

Tor! Gewahrst nicht,
Daß dein Hoffen eitel sei?
Wie mag, wer sich selbst vergessen,
Andrer eingedenk noch sein?

Der Bettler:

Doch da stehen ja reiche Leute;
Schlemmen, prassen jeden Tag.
Liebe Herrn, erbarmt euch mein,
Hungrig bin ich heut wie gestern,
Und die Kindlein schrein um Brot.

Mit Chor:

Drum aus eurem Überflusse
Schenkt mir eine Kleinigkeit!

Der Reiche:

Gibt's nicht Türen, dran zu klopfen?
Dringt man bis zu mir herein?
An der Schwelle auf dem Hofe
Harret man und bittet leis,
Fällt nicht mit der Tür ins Haus!

Der Bettler:

Seid nicht hart!

Mit Chor:

Erbarmt Euch mein!

Der Reiche:

Fort da, unverschämter Bettler!

Der Bettler:

Wer zur Lust so vielerlei
Wegwirft, hätte der für mich
Nicht auch was übrig?

Der Reiche:

Nein.

Die Welt:

's ist der Prasser und der Arme
Aus dem Gleichnis, wie mir scheint.

Der Bettler:

Da man meiner Not nicht glaubt,
Wage ich's, in meinem Leid
An den König mich zu wenden.

Mit Chor:

Herr, gedenkt in Milde mein!

Der König:

Daß es nicht die Hoheit schände,
Jaget fort das Bettelvolk.
Meinen Großalmosenier
Setzt' ich zu dem Zwecke ein.

Die Welt:

Mit Ministern schanzt der König
Klüglich sein Gewissen ein.

Der Bettler:

Guter Landmann, da
Für jedes Körnlein, das Ihr ausgestreut,
Euch das Zehn- und Hundertfache
Gottes Segen hat erteilt --

Mit Chor:

O, so helft mir in dem Elend!

Der Landmann:

Freund, mir hat es Gott gegeben.
Doch zuerst da hieß es pflügen,
Und es kostet meinen Schweiß.

Mir Chor:

Saget, schämt Ihr Euch denn gar nicht?

Der Landmann:

So ein Kerle, stark und breit,
Soll nicht betteln!

Mit Chor:

Dienst genommen!
Nicht so faul durchs Land geschweift!
Ja zum Henker! nehmt das Beil,
Euer Brot Euch zu verdienen!

Der Bettler:

Aber in dem Schauspiel heut
Ward mir ja des Armen Rolle,
Nicht des Landmanns Part zuteil.

Der Landmann:

Mit der Rolle gab der Meister
Euch gewiß nicht das Geheiß,
Nur als Vagabund zu betteln;

Mit Chor:

Denn die Arbeit und der Schweiß
Paßt recht zu des Armen Rolle.

Der Bettler:

Ach, um Gott's Barmherzigkeit,
Bruder, Ihr seid gar zu strenge.

Landmann mit Chor:

Und Ihr gar zu betteldreist.

Der Bettler:

Eine Hoffnung mir noch bleibt,
Dort die frommen Klosterfrauen!

Mit Chor:

Um der Liebe Gottes willen
Reicht mir eine milde Gabe!

Die Weisheit:
ihm Brot gebend.

Unser Herrr und Meister
Hat geboten, gut zu sein,
Hungrige zu speisen,
Und den Durstigen mit Trank zu laben.
Also nehmt -- verzeiht, daß es so wenig!

Bettler mit Chor:

Habt Dank,
Lohn's Euch der Himmel!

Der Bettler:

Ja, barmherzig Brot zu spenden
Ziemt vor allen andern Euch,
Da ja stets das Brot des Lebens
Uns der heil'ge Glaube reicht.

Der Reiche:

Ha! Seht da die Klosterfrauen
Wie sie um das Bettelpack sich mühen!
Weisheit? Torheit sollt' sie heißen,
Die das Brot auf Gassen wirft
Und sich aus der Tugend
Ein Geschäfte macht.

Der König:

Schweig! Wer wagt es, frech zu spotten
Ueber Gottes heilge Kirche!
Wer sie schlägt, trifft auch mein Antlitz.
Denn wie Sonn und Mond verschwistert
Sind wir beide vor dem Meister,
Sie das Licht und ich der Abglanz.
Erbleichte sie, wär' auch mein Stern dahin,
Ein öder Schatten nur mehr meine Macht,
Ein Narrenspiel, von jedem Wicht verlacht!
Drum tastet nicht die Kirche an!

Die Weisheit:

Dank sei edler König Dir,
Daß Du also mich beschützest.

Der Meister:

Manchen Fehl könnt' Ich verbessern,
Der sich Meinem Blick hier beut,
Doch dazu gab Ich dem Menschen
Freien Willen, zu beherrschen
Seine wilden Leidenschaften,
Durch sein Tun sich selbst zu adeln;
Darum lass' Ich alle frei
Heute ihre Rollen spielen.
Doch wie bunt die Wirrung sei,
Im Zusammenspiel beacht' Ich
Jeglichen für sich allein,
Allen das Gesetz verkündend:

Das Gesetz:

Tue recht -- Gott über euch

Posaunenruf.

Jedem einzeln rief ich's zu,
Wie auch allen im Verein.
Wenn sie irr'n, ist's ihre Schuld.
Sollst, gleich dir, den Nächsten lieben,
Tue recht! Gott über euch!

Posaunenruf. Der König erhebt sich.

Der König:

Da uns all zu einem Schauspiel
Dieses Leben hat vereint,
Und denselben Pfad wir wandeln,
Lasset durch Gespräch den Weg uns
Kürzen in Vertraulichkeit.

Trommelwirbel. Alle kommen zusammen.

Die Schönheit:

's gäb ja wahrlich keine Welt
Ohne die Geselligkeit.

Der Reiche:

Bringe jeder ein Geschichtchen!

Die Weisheit:

Das möcht' allzu lange dauern.
Besser scheint's, daß jeder sage,
Was im Herzen still er denkt.
Denn der stillste der Gedanken
Heimlich in der Brust gehegt,
Offenbart die ganze Seele.

Der König:

Bedenk ich meiner Herrschaft Hochgewalten,
Den hehren Glanz, zu dem ich auserkoren,
Dann stehe ich in Sinnen ganz verloren
Und kann nur danken für des Schicksals Walten.
Doch soll dies vielgestaltet Ungeheuer,
Das so viel Köpfe mir entgegenbäumet,
Mit sichrer Hand zu bänd'gen mir gelingen:
O, so gib, Himmel, mir der Weisheit Feuer!
Denn eitel Menschenkraft vergeblich träumet,
Ein Joch so vielen Nacken aufzuzwingen.

Die Welt:

Gleich wie Salomon erfleht er
Sich des Herrschers Wissenschaft.

Der Tod:

König dieses schwanken Reiches,
Lasse, daß den stolzen Wahn,
Denn schon dunkelt rings die Bühne,
Deine Rolle ist vollbracht!

Schrei des Entsetzens ertönt von aller Lippen. Die Vasallen entfliehen nach links. Alle anderen Chöre weichen entsetzt zurück. Der König steht allein.

Der König:

Meine Rolle sei vollbracht,
Rufet eine düstre Stimme.
O, wie mir das Herz sich wendet
Bei dem schauerlichen Klang!
Gehen muß ich, doch wohin?
Dorthin zu der ersten Türe,
Wo ich meine Wiege sah,
Ist der Pfad verwehrt, ich kann
Nicht mehr zurück. O wehe, wehe,
Keinen einz'gen Schritt zur Wiege
Lenken dürfen! Nach dem Grab
Ziehen alle. Ungeheures faßt mich an
Schwertgleich dringt's durch Mark und Adern
Schnürt mit Geistergriff die Kehle.
Doch da ausgespielt die Rolle,
Meister, der uns überwacht,
So verzeihe, wo ich fehlte --
Sieh, bereuend knie ich da.

Der Tod tritt hinter ihn, schlägt mit der Knochenhand auf des Köngis Herz. Die Genien senken die Fackel. König und Tod gehen in die Todespforte.

Die Welt:

Gut beschloß er seine Rolle,
Da er um Vergebung bat.

Alle Chöre:

Seht, inmitten der Vasallen,
In der Blüte seiner Pracht
Fällt der König.

Der Landmann:

Fällt im Mai
Regen nur auf meine Saat,
Werden wir bei guter Ernte
Ohne König leichter leben.

Weisheit mit Chor:

Und doch -- 's ist ein großer Schmerz.

Die Schönheit:

Und Verwirrung mannigfach.
Was nun ohne ihn beginnen?

Der Reiche:

Pah, auch ohne König lebt sich's
Wohl noch lust'ger als zuvor!
Tot ist tot! Was kümmert uns,
Daß der Alte abgetreten!
Laßt uns plaudern nach wie vor.

Alle kommen zurück.

Sag' nun du uns, was du denkest?

Die Schönheit:

Nun, ich habe mir gedacht,
Ja, -- vielleicht -- tot ist der König --
Und -- der Dame ziemt es nicht,
Unbeschützt allein zu sein.

Der Reiche küßt ihr die Hand. Musik.

Ein Zechgenosse:

Ei, wie niedlich ist zu schauen,
Dieses holden Glückes Bild.
Reich und schön, das paart sich trefflich.
Darum laßt uns lustig sein
Und dem Glück die Stunde weihn.

Die Welt:

Wie sich Lebende schnell trösten
Über des Geschiednen Grab!

Der Landmann:

Ja, zumal wenn der Verstorbne
Ihnen reiche Erbschaft ließ.

Die Schönheit:

Es herrscht der König über schwankes Leben,
Doch über Seelen ich, die nie vernachten;
Drum kann ich höher wohl mein Reich erachten;
Denn über Ew'ges ward mir Macht gegeben.
Es haben "eine kleine Welt" die Weisen
Den Mann genannt; nun wohl, beherrsch' ich diesen,
So wie der Himmel herrschet überm Weltgewimmel:
So darf mein göttergleiches Los ich preisen;
Denn wenn die Männer eine Welt umschließen,
So ist fortan das Weib ein kleiner Himmel.

Sie betrachtet sich im Spiegel.

Die Welt:

Sie gedenket nicht der Mahnung
Des Ezechiel, der da sagt,
Daß der Schönheit Reiz durch Hochmut
Ward verkehrt in Mißgestalt.

Der Tod erscheint hinter ihr. Sie erblickt ihn im Spiegel und erschrickt.

Der Tod:

Du, der Menschen holde Schönheit,
Blume, allzufrüh erwacht:
Welke, denn in deinen Morgen
Dämmert schon herein die Nacht!

Entsetzen rings. Alles flieht.

Die Schönheit:

Daß die Schönheit muß verbleichen,
Sagt ein trauriger Gesang.
Nicht verblühen! Nicht verbleichen!
Fühling, wahr mir deinen Glanz!
Aber weh mir! Keine Rose,
Keine Blume legt das Brautkleid
Ihrer Knospe wieder an.
Und doch! Höh're Blume bin ich,
Von so großer Lebensdauer,
Daß die Sonne wohl mein Keimen,
Doch nicht mein Verblühen schaut.
Ewig bin ich, kann nicht welken.
Stimme, sprich, red' ich nicht wahr?

Der Tod:

Ewig blühst du in der Seele,
Sterblich in des Leibes Haft.

Die Schönheit:

Daß ich solcher Unterscheidung,
Ach, kein Wort entgegnen kann!
Dorther von der Wiege kam ich,
Hierhin muß ich nun zum Grab.
Wie bereu' ich, daß nicht besser
Meine Rolle ich gespielt.

Der Tod tritt hinter sie und wirft ihr einen schwarzen Schleier über. Sie gehen ab.

Die Welt:

Gut beschloß sie ihre Rolle,
Da ihr Herz in Reue brach.

Alle Chöre:

Mitten aus der Lust der Feste,
Weg aus Spiel und Jubelsang
Schwand die Schönheit.

Der Landmann:

Bleibt nur Schinken
Und ein Schlückchen Wein im Schrank
Uns auf's Osterfest, pah, wenig
Frag ich nach der Schönheit dann.

Weisheit mit Chor:

Dennoch -- wen erfaßt nicht Trauer!

Der Bettler:

Auch in mir ist Mitleid wach. --
Was nun sollen wir beginnen?

Der Reiche:

Ei, wir plaudern einfach weiter!

Der Landmann:

Denk' ich, mit wie großem Fleiß
Ich die Feldarbeit betreibe,
Nicht bei Kälte müßig bleibe,
Noch mich fürchte vor dem Schweiß,
Doch von wenig Sorge weiß
Um die Seele: ja dann möcht ich
Lau ein solches Leben nennen.
Für das Korn, für Frucht und Blatt
Sie stets Lob und Dank will sagen
Nur dem Acker, der's getragen,
Und nicht Gott, von dem er's hat.

Die Welt:

Nahe ist der Dankbarkeit,
Wer als Schuldner sich erkennt.

Der Bettler:

Nicht so schlimm ist dieser Bauer,
Hat er mich auch hart gescholten.

Der Tod geht vorne mit der Sense vorbei.

Der Tod:

Landmann, deiner Arbeit Ende
Ist nunmehr herangerückt.
Andern Acker wirst du bauen --
Wo, ist Gott allein bekannt.

Der Landmann:

Stimme, wenn von solchem Spruche
Jemals noch Berufung galt,
Mit Vergunst, so appellier' ich
An die höhere Instanz.
Warum grade jetzt schon sterben?

Paßt doch bessern Zeitpunkt ab,
Daß ich wenigstens in Ordnung
Erst mein Feld noch bringen kann.

Der Tod erhebt die Sense. Alles flieht.

Doch ich merk, die Zeit ist aus.
Und es schnappt mit offnem Rachen
Schon das öde Grab nach mir.
Fehlte ich in meiner Rolle,
Ficht mich nur der Kummer an,
Daß ob meiner wen'gen Reue
Mich nicht größrer Kummer plagt.

Der Tod klopft ihm auf die Schulter. Sie gehen ab.

Die Welt:

Anfangs hielt ich ihn für töricht.
Doch jetzt zeigt er durch die Tat,
Daß mein rasches Urteil irrte --
Gut beschloß der Ackersmann.

Alle Chöre:

Von den Spaten und den Pflügen,
Müde aus des Staubes Qualm
Ist der Landmann nun geschieden.

Bettler mit Chor:

Und, wir schaun voll Sorgen nach.

Alle Chöre:

Welch Bedrängnis! Welcher Kummer!
O betrübter Ungückstag!
Was nun ohne ihn beginnen?

Der Reiche:

Weiter plaudern nach wie vor.

Alle kommen wieder zurück.

Nach dem Beispiel all der andern
Sag' auch ich, was ich gedacht:
Wer sah ohne Schreck dies Leben,
Einer zarten Blume gleich,
Sich im Morgentau erheben
Und im Abendrot schon bleich?
Muß es denn so schnell entschweben,
Nun, so spart vergebne Not
Und genießt, was man euch bot!
Laßt den Bauch zum Gott uns machen,
Heut noch essen, trinken, lachen
Morgen, morgen sind wir tot!

Mit Chor:

Laßt den Bauch zum Gott uns machen,
Heut noch essen, trinken, lachen!
Morgen, morgen sind wir tot!

Die Welt:

Das ist ja ein saubres Sprüchlein,
Recht nach Heidensinn und Art,
Wie schon Isaias sagte.

Die Weisheit:

Wer kommt jetzt?

Der Bettler:

Ich folge nach.
Fluch dem Tag, da ich erwacht,
Um die harte Welt zu sehen,
Und verflucht die falsche Nacht,
Wo ich zu so herben Wehen
Ward gezeugt!
Herr! Nicht darum so verloren
Siehst du mich in wildem Schmerz,
Weil zur Armut ich erkoren,
Nein, nur das bricht mir das Herz,
Daß in Sünden ich geboren.

Die Welt:

Ha, der spiegelte recht täuschend
Der Verzweiflung Wesen ab!
Wie einst Job in düstrem Schmerze
Fluchte seiner Sünden Schmach.

Der Reiche:

Höret doch den alten Narren!
Faselt uns von Sünden etwas vor.
Kinderschreck und Hirngespinst!
Nach wie vor bleibt unsre Losung:

Mit Chor:

Laßt den Bauch zum Gott uns machen,
Heut noch essen trinken, lachen!
Morgen, morgen sind wir tot!

Der Tod steht plötzlich mitten unter ihnen. Alle fliehen.

Der Tod:

Streng bemessen ist das Glück,
Streng bemessen ist die Qual;
Von den Qualen, von dem Glücke
Gebt nun beide Rechenschaft!

Der Reiche:

Weh mir!

Der Bettler:

Welch' frohe Kunde!

Der Reiche:

Wie! Bei dieses Rufes Klang
Bebst du nicht zusammen?

Der Bettler:

Ja.

Der Reiche:

Und bist nicht auf Flucht bedacht?

Der Bettler:

Nein, denn diese Schauer rieseln
Jeglichem durch Bein und Mark,
Fühlt der schwache Mensch voll Zagen
Die Gerichte Gottes nahn.
Doch die Flucht, die ist vergebens.
Wohin sollt' die Armut fliehen?
Nein, viel tausend-, tausendmal
Dank' ich ihm, daß er nun endet
Mit dem Leben meine Qual.

Der Reiche:

So ganz ohne Herzeleid
Trittst du von der Bühne ab?

Der Bettler:

Da ich hier nicht Liebes lasse,
Geh' ich willig diesen Pfad.

Der Reiche:

Und ich wie geschleift vom Henker.
Denn mein Herz bleibt bei dem Schatz.

Tod erhebt den Arm. Unter der Last seiner Sünden bricht der Reiche zusammen. Der Bettler steht trostvoll. Beide gehen ab mit Tod.

Die Welt:

Wie so anders ist des Reichen
Und des Bettlers Todesbahn!

Die Weisheit:

Alle schieden. Auf der Bühne
Stehe ich allein noch da.

Die Welt:

Unter allen hält die Kirche
Stets am längsten bei mir stand.

Die Weisheit:

Nicht die hehre Kirche bin ich;
Sie besteht, ich muß hinab,
Denn nur eines ihrer Glieder
War ich hier aus eigener Wahl.
Doch dem Ruf der Todesstimme
Eilt' ich sehnsüchtig voran,
All mein Tun und Sein versenkend
Lebend schon ins stille Grab.
Und so schließ ich heut das Schauspiel.
Morgen spielt der andere Akt,
Und ihr, bessert euch für morgen,
Die ihr heut uns irren saht!

Die Nonnen küssen ihr unter Tränen die Hand zum Abschied. Ruhig geht sie mit gefalteten Händen dem Tod entgegen, der an der Pforte erscheint. Der Chor der Nonnen geht nach rechts ab.

Der Meister:

Straf' und Lohn verhieß ich jedem,
Wer da schlecht, wer gut bestand;
Kommt nun allzumal herbei!
Lohn und Strafe abzuwägen,
Gilts im schrecklichen Gericht.

Der Vorhang der Thronkapelle schließt sich. Die Engelchöre gehen singend ab.

Die Chöre der singenden Engel:

Dies irae, dies illa
Solvet saeclum in favilla.
Teste David cum Sibylla.

Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!

Rex tremendae majestatis
Qui salvandos salvas gratis,
Salva me, fons pietatis.

Huic ergo parce, deus,
Pie Jesu Domine,
Dona eis requiem. Amen.

Sämtliche Sprechchöre gehen langsam nach beiden Seiten ab. Die Spielfeldbeleuchtung geht über in violettes Licht.

 

Das zweite Zwischenspiel

Die Welt tritt ins Spielfeld.

Die Welt:

Kurz war das Schauspiel; aber so verwehen
Rasch des Lebens Spiele, kaum erklungen.
Alles ist ein Kommen und ein Gehen.
Verödet schon seh' ich die Bühne stehen;
Zu ihrem Urstoff, dem sie sich entrungen,
Kehrt nun die Form, die jeder angenommen;
Als Staub sind sie gekommen.
Staub sind sie, da sie scheiden.
Von allen jetzt, vom Kön'ge bis zum Bauer,
Fordr' ich zurück, was sie von mir erbeutet
An eitlem Tand für dieses Schauspiels Dauer.
Und wer da meine Schwelle überschreitet,
Leg' ab, was er an Schmuck mir hat entnommen,
Denn Staub sei wieder, wer als Staub gekommen.

Der König tritt aus der Grabespforte.

Du, der zuerst aus diesem Tor gezogen,
Sprich, welche Rolle hattest du empfangen?

Der König:

Du fragst? Vergißt die Welt so schnell des Hohen?

Die Welt:

Die Welt wirft hinter sich, was da vergangen.

Der König:

Ich war's, dem die Gewalt man anvertraute,
Der mit den Völkern einst ging ins Gerichte,
Der sinnend nach den höchsten Gütern schaute,
Der mit dem Schwerte schrieb die Weltgeschichte
Und über sich den Thronenhimmel glänzen
Von Purpur sah, von Kron' und Lorbeerkränzen.

Die Welt:

So löse denn, verlaß, wirf hin die Krone,
Leg' ab die Majestät! Vom stolzen Schlosse
Verbannt, vergessen, wie zu herbem Hohne,
Scheid' nackt und bloß aus dieses Lebens Posse!
Der Purpur, den du rühmst in hohem Tone,
Bald hüllt sich drein ein anderer Genosse;
Nichts nimmst du mit von allem, was da glänze
Mir bleiben Purpur, Kron' und Lorbeerkränze.

Sie entkleidet ihn. Die Erdgeister nehmen die Kostüme und Requisiten.

Der König:

Hast du nicht selbst mir diesen Schmuck verliehen?
Warum nun nimmst du, was du kaum gespendet?

Die Welt:

Weil's nicht geschenkt dir wurde, nur geliehen
Für kurze Frist, bis du dein Spiel geendet.
Laß nun für andere deine Reiche blühen
Und alle Herrlichkeit, die dich geblendet.

Der König:

Was nun vor andern habe ich voraus,
Daß ich das Zepter auf der Welt geführet?

Die Welt:

Lohn und Züchtgung wird dir zum Gewinne
Von deinem Herrn, der weiß, was dir gebühret.
Ich frage nicht, ob du nach Seinem Sinne
Den König wacker oder schlecht agieret.
Mich kümmert nur der Schmuck, den du entnommen!
Denn du mußt von mir gehn, wie du gekommen.

Die Schönheit tritt auf.

Was spieltest du?

Die Schönheit:

Das Zauberspiel der Blicke.

Die Welt:

Was gab ich dir?

Die Schönheit:

Der Schönheit süßes Prangen.

Die Welt:

Wo hast du sie?

Die Schönheit:

Sie blieb im Grab zurücke.

Die Welt:

Es schauert die Natur in leisem Bangen,
Sieht sie das Glück der Schönheit also schwanken.
Schau' in den Spiegel hier!

Die Schönheit:

Ich seh's mit Beben.

Die Welt:

Wo hast du deiner Reize Schmuck gelassen,
Die ich dir einst geliehn? Gib sie mir wieder!

Die Schönheit:

Sank alles, alles dort im Grabe nieder.
Dort ließ ich den Jasmin und die Korallen,
Dort sah ich Mund und Wangen leis erbleichen,
Dort, Blatt um Blatt, die Rosen, Nelken fallen,
Dort gingen unter meiner Augen Schimmer,
Dort blieb von aller Schönheit nicht ein Glimmer.

Der Landmann tritt auf.

Die Welt:

Ha, Bauer, was warst du?

Der Landmann:

Nun, Bauer eben,
Weil ich's mußte sein. Im Schweiß des
Angesichtes führte ich den Pflug,
Für andere, die unser lachen.

Die Welt:

Gib her, was ich dir lieh.

Der Landmann:

Du mir geliehen?

Die Welt:

Ein Spaten war's.

Der Landmann:

Das lohnt auch noch zu schwatzen!

Die Welt:

Gleichviel! Darfst nicht damit von dannen ziehen.

Der Landmann:

Aus der Haut möcht man da fahren!
Seht die vertrackte Welt! Erst ab mich mühen,
Mit Not das bißchen Brot zusammenscharren.
Und jetzt, wo aus das mühevolle Spiel,
Da keift sie noch um eines Spatens Stiel.

Der Reiche und der Bettler treten auf.

Die Welt:

Wer naht?

Der Reiche:

Ein Mensch, der nimmer von dir möchte scheiden.

Bettler:

Und ich, der längst schon gern geschieden wäre.

Die Welt:

Wie kommt es, daß von Euch der eine
Mich lassen möcht, der andre davor banget?

Der Bettler:

Weil ich viel bittre Armut mußte leiden.

Der Reiche:

Und ich mit Schätzen übermächtig prangte.

Die Welt:

Her dein Geschmeid'!

Sie nimmt ihm seinen Staat.

Der Bettler:

Da bin ich besser dran.
Nichts zu verlieren hat der arme Mann!

Das Kind kommt.

Die Welt:

Auch dich sah ich doch zum Theater streben.
Warum erschienst du niemals in dem Stücke?

Das Kind:

Du nahmst in meinem Grabe mir das Leben.
Im Grab lass' ich, was du mir gabst, zurücke.

Die Weisheit tritt auf.

Die Welt:

Was hatt' ich dir zum Schmucke mitgegeben?

Die Weisheit:

Ein härenes Gewand, daß demutsvoll ich's trage,
Die Geißel, das Gebet. So lebt' ich ohne Klage.

Die Welt:

So gib mirs wieder nun! Man soll nicht sagen,
Daß jemand aus der Welt sein Kleid hinweggetragen.

Die Weisheit:

Ich wollte, daß Gebet und Buße, reich an Tränen,
Verblieb der Welt bis an das End der Tage.
Und dennoch ich's mit mir von hinnen trage.
Versuch's, ob du's ermagst, sie zu erfassen.

Die Welt:

Kann nicht, muß dir die guten Werke lassen,
Das einzige, was man mit sich kann nehmen.

Alle knien nieder.

Der König:

O, wer doch nimmer nach Gewalt getrachtet!

Die Schönheit:

Und nimmer nach der Schönheit Huldigungen!

Der Reiche:

O, hätt' ich nie mit Schätzen mich befrachtet!

Der Landmann:

O, wer den Spaten rüst'ger doch geschwungen!

Der Bettler:

O, wer in größern Nöten noch geschmachtet!

Die Welt:

Zu spät, zu spät! Was schauert ihr? Im Sterben
Mag sich nicht Gnade mehr der Mensch erwerben.
Und, da ich ausgelöscht der Schönheit Züge
Und was gewaltig war, gestürzt nun habe,
Da ich verstört des Hochmuts eitle Flüge,
Das Zepter gleich gemacht dem Bettelstabe;
So gehet vom Theater denn der Lüge
Ein in das Reich der Wahrheit aus dem Grabe!

Der Bettler:

Da die Welt hier nun so herrisch
Fort uns treibt aus ihrer Mitte,
Laßt uns zu dem Gastmahl gehen,
Das zu unseres Spieles Lohne
Uns der Meister hat verheißen.

Der König:

Höhnst du also meine Hoheit,
Daß du's wagst,voran zu gehen?
Hast du gar so schnell verloren
All' Erinnern, plumper Bettler,
Daß du als mein Knecht geboren?

Der Bettler:

Deine Rolle ist zu Ende
In des Grabes Garderobe
Sind wir all' einander gleich;
Was du warst, kann wenig frommen.

Der König:

Wie! vergißt du, daß du gestern
Mich noch bettelnd angesprochen?

Der Bettler:

Und vergißt du, daß du mir
Nichts gegeben?

Die Schönheit:

Schon enthoben
Wähnst du dich der schuld'gen Achtung,
Die man hohen Damen zollet?

Die Weisheit:

Alle gleichen wir einander
Hier an dieser stillen Pforte,
Im armsel'gen Grabgewand
Gilt nicht mehr gering noch vornehm.

Der Reiche:

Fort doch, aus dem Wege, Bauer!

Der Landmann:

Laß nun endlich deine Possen.
Tot ist tot, und nur noch Schatten
Bist du deiner frühern Sonne.

Alle gehen ab. Das Spielfeld leuchtet auf im hellsten Licht.

 

Das Nachspiel

Die Chöre der singenden und tanzenden Engel treten in anbetender Haltung hervor und umgehen den Tisch des Abendmahles, der von Engeln getragen und vor der Rundtreppe aufgestellt wird. Der Meister im leuchtenden Gewande tritt mit dem Kelch in der Hand vor und nimmt am Tische Platz. Die Hymne der singenden Engel ertönt zum Lobe des eucharistischen Gottes.

Die Chöre der singenden Engel:

Tantum ergo Sacramentum
Veneremur cernui
Et antiquum documentum
Novo cedat ritui.
Praestet fides supplementum
Sensuum defectui.

Genitori genitoque
Laus et jubilatio,
Salus, honor, virtus quoque
Sit et benedictio
Procendenti ab utroque
Compar sit laudatio. Amen.

Der Meister:

Schon harrt euer dieser Tisch
Und das Brot, vor dem erschrocken
Sich die Hölle beugt und alle
Himmel im Beschaun verloren.
An der Zeit ist's, zu verkünden,
Wer jetzt mit Mir speisen soll,
Denn aus Meiner Nähe müssen
Scheiden nun, die ihre Rollen
Dort verfehlt, auf daß nun endlich
Sie erkennen all die Gnade,
All den Segen, die Ich ihnen
So barmherzig dargeboten. --

Die Chöre treten von beiden Seiten auf und erfüllen das Spielfeld.

Reicher mit Chor:

Weiß nicht, vor des Meisters Anblick
Will mir fast der Atem stocken.

Bettler und Weisheit mit Chor:

Meister Himmels und der Erde!
Die nach Deinem Machtgebote
Dieses kurzen Menschenlebens
Schauspiel vorgestellt, sie kommen
Alle nun zum großen Gastmahl,
Das Du ihnen einst versprochen
Vor dem Glanze Deines Thrones!

Der Meister:

Kommt herauf, mit Mir zu speisen
Bettler du und jene Nonne!
Essen sie auch nicht dies Brot,
Da sie von der Welt geschieden,
Ist's doch Labsal, anzubeten
Das Mysterium der Wonne.

Bettler und Weisheit mit Chören werden von den tanzenden Engeln emporgeführt.

Der Bettler:

O glückselig bin ich nun!
Härtre Not noch wollt ich tragen,
Da, was ich um Gott erlitten!
Nun mir wird zum Himmelslohne.

Die Weisheit:

O, welch Glück bringt mir die Buße
Und die herbe Strenge. Selig,
Wer da Tränen hat vergossen
Und als Sünder sich bekannt.

Der König:

Mitten in dem Glanz der Hoheit
Hab um Gnade ich geflehet.
Warum hast Du mich verworfen?

Der Meister:

Schönheit und Gewalt, voll Hochmut
Hatten sie sich überhoben,
Doch bereut auch. Beide seien,
Jedoch später, aufgenommen.
Ebenso gescheh' dem Landmann.
Wenn er dir nichts geben mochte,
War's nicht Herzenshärtigkeit.
Seine Absicht war zu loben,
Als er damals dich gescholten,
Um dir durch dich selbst zu helfen.

Der Landmann:

Ja, das war es, was ich wollte,
Denn ich haßt' die Vagabunden.

Der Meister:

Hoffet nur auf künftges Glück,
Da ihr, eure Schuld bereuend,
Um Barmherzigkeit geworben!
Im Fegefeuer nun ihr drei
Harret büßend, bis gekommen
Eure Zeit.

Die Weisheit:

O heilger Meister!
Da man ruchlos mich verfolgte,
Schützte mich des Königs Wort.
Drum bitte ich mit meinem Worte
Jetzt für ihn in seiner Not.

Sie reicht dem Könige die Hand und hebt ihn empor.

Der Meister:

Und Ich kürze seine Buße,
Da die Kirche ihn empfohlen.
Fliegt, Jahrhunderte, dahin!

Der König wird mit Chor nach oben geleitet.

Der Landmann:

Regneten doch auf mich nieder
Soviel Bullen für Verstorbne
Und so hageldicht, daß eine
In der Luft die andere stoße!
Denn des heil'gen Vaters Briefe,
Die aus Rom zu Hilfe kommen,
Lindern wunderbar die Qualen
Dieses finstern Fegefeuers.

Das Kind:

Fehlt' ich nicht in meiner Rolle,
Warum wird mir nichts zum Lohne,
Hoher Herr?

Der Meister:

Weil allzu wenig
Du gerungen. Nicht belohnen,
Noch bestrafen kann Ich dich;
Schuldlos, doch in Schuld geboren,
Bleibt dir Lohn und Strafe fremd.

Das Kind:

Tiefe Nacht hält mich umschlossen;
Wie im Traume steh' ich blind,
Ohne Schmerz und ohne Wonne.

Der Reiche:

Wenn der König und die Schönheit,
Ob sie auch den eitlen Ruhm
Reuevoll zuletzt beweinten,
Doch so trübes Schicksal fanden,
Wenn der Bauer, dessen Stöhnen
Einen Fels erweichen möchte,
Zitternd in der Gegenwart
Hier des hohen Meisters steht.
Wie wag' ich den Blick zu heben!
Doch ich muß -- wo flöh' ich hin.
Da kein Winkel bleibt verborgen
Vor dem schrecklichen Gericht?
Meister!

Der Meister:

Unglückseliger, stockt dir
Nicht die Stimme bei dem Namen?
Hätt'st du nie ihn ausgesprochen!
Denn hier aus der Zahl der Meinen
Bist fortan du ausgestoßen.
Steig' zu der verlornen Nacht
Nieder nun, wo deine stolzen
Lüste dich in Ewigkeit
Zwischen Furcht und Qualen foltern!

Der Reiche:

Wehe, ew'ge Qual im Herzen
Stürz ich in die grause Tiefe.

Mit Chor:

Ach, ihr Berge fallet nieder;
Hügel ihr, bedecket mich!

Der Reiche und der Chor der Zechkumpane fliehen durch das Seitentor links.

Weisheit und Bettler mit Chören:

Ew'ge, ew'ge Seligkeit!

Schönheit und Landmann mit Chören:

Einst wird sie auch mir erstrahlen.

Das Kind:

Schmerz und Wonne überall
Nur für mich nicht Schmerz noch Wonne,
Keine Seligkeit für mich.

Das Kind geht ab durch das Seitentor rechts.

Der Meister:

Die vier letzten Dinge hat hier
Euer Auge wahrgenommen.
Doch damit ein jeder wisse,
Daß nicht alle ewig dauern,
Steige Schönheit nun hinauf
Mit dem Landmann zu dem heilgen
Gastmahl, das euch wartet.

Schönheit und Landmann werden mit ihren Chören emporgeführt.

Die Schönheit:

Welches Glück durchzittert mich,
Da zum heilgen Wundermahle
Uns des Meisters Güte ruft!

Der Landmann:

Bebend tret ich hin zum Tische,
Drauf des ew'gen Lebens Speise
Lilienrein auf Linnen liegt.

Der König:

Glück durchschüttert süß mein Herz!

Die Weisheit:

Wonne füllet meine Brust!

Der Bettler:

Jubel strömt durch meine Seele!

Schönheit mit Chor:

Welche Gnade!

Landmann mit Chor:

Welcher Segen!

König mit Chor:

Welcher Reichtum!

Alle Chöre:

Welches Glück und welche Seligkeit!

König mit Chor:

Dank dem Meister!

Bettler mit Chor:

Heil dem Retter!

Schönheit mit Chor:

Heil dem Glanz der ew'gen Schöne!

Bettler mit Chor:

Heil dem Vater aller Armen!

Weisheit mit Chor:

Heil der Wahrheit lichten Sonne!

Landmanmn mit Chor:

Heil dem liebenden Erhalter!

Alle Chöre:

Heil des Alls urew'gem Herrscher!

Der Meister:

Die himmlischen Geister,
Der Hölle Bewohner,
Die Menschen auf Erden,
Sie beugen sich alle
Vor diesem Brote.
Also soll durch Himmel, Hölle
Und die Welt zu seinem Preis
Lobgesang und Jubel klingen
Rings in ungemeßnem Chore!

Alle Männerchöre:

Heilig!

Alle Frauenchöre:

Heilig!

Alle Chöre:

Heilig ist der Jungfrau Sohn.

Die Thronkapelle öffnet sich. Man sieht die Gnadenmutter von Einsiedeln in betender Haltung, umgeben von knieenden Engeln. Die Klosterkirche erstrahlt im hellsten Lichte.

Die Chöre der singenden Engel:

Sanctus, Sanctus, Sanctus
Deus in Aula gloriosae Virginis,
Benedictus Mariae filius in aeternum regnaturus,
Qui venit in nomine Domini.

Der Meister erhebt sich mit dem Kelch in der Hand. Posaunenrufe. Die Chöre knien anbetend nieder. Die Welt tritt mit Herolden und Erdgeistern in das Spielfeld.

Die Welt:

Wisset, euer ganzes Leben
Ist ein Spiel vor Gottes Antlitz.
Über jenen goldnen Sternen
Thronet Er und blickt hernieder.
Spielet trefflich drum die Rolle,
Die der Meister euch verliehen
Ohne Fehl und ohne Murren!
Dann wird euch, so ihr geendet,
Glück in Gottes ew'gem Reich!

Posaunen.

Die Chöre ziehen in langer Porzession um das ganze Spielfeld. Die Orgel ertönt. Alle Chöre singen gemeinsam mit den Zuschauern "Großer Gott, wir loben Dich". Unter Glockengeläut zieht die Prozession in das Portal. Das Spielfeld verdunkelt sich.


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)