Aus dem Immaculata-Archiv:
Pilgerbüchlein
für
Werthenstein
von
Simon Zihlmann, Pfarrer
Mit kirchlicher Druckbewilligung
Im Selbstverlag des Pfarramtes Werthenstein - 1945
Der lieben schmerzhaften Gottesmutter gewidmet
Mit bischöflicher
Druckerlaubnis
des Ordinariates Basel vom 12. Februar 1945.
Dr. Lisibach, Generalvikar
I. Geschichte
1. Alte und neue Klänge
Die kleine Emme, als längster Fluß im Kanton Luzern, entspringt den Nordhängen des Rothorns und den benachbarten Obwaldnerbergen. Bekannt ist der mächtige "Emmensprung", der als eiskalte gewaltige Quelle dem Boden entströmt als unterirdischer Abfluß des Eiseeleins. Das Entlebuch in nördlicher Richtung durcheilend, wendet sich die Emme bei Wolhusen nach Osten, um nach einem Lauf von über 50 Kilometern bei Emmenbrücke die Reuß zu erreichen. Der an Romantik reichste Punkt am Lauf der Emme ist Werthenstein. Da umspülen die Wasser in prachtvoll gewundener Schlangenlinie einen 50 Meter hohen fast senkrechten Felsvorsprung des Staldigberges auf drei Seiten. Das Tal liegt hier 549 Meter über Meer und der Staldigberg steigt bis 1006 Meter empor.
In der Eiszeit lagerte in diesem Tal der Reußgletscher, der bis 700 Meter über Meer reichte und bis auf diese Höhe seine Gotthard-Granitblöcke zurückließ. Wir bestaunen diese Findlinge heute noch beim Emmenknie vor der gedeckten Brücke, im Sulzigbach und am mittleren Brückenpfeiler. Nach dem Zurückweichen des Gletschers bahnte sich das Wasser der Emme seinen Lauf, durchbohrte das Tal bei Werthenstein 50 Meter tief und in einer oberen Breite von 125 Metern; die alten Uferränder sind heute noch gut sichtbar und liegen 50 Meter über dem jetzigen Emmenlauf; auf dieser Höhe finden wir heute noch Emmenkies und Sand und große Emmensteine. Wir brauchen für das Abtragen und Fortspülen dieser gewaltigen Erd- und Felsmassen durch das rauschende Emmenwasser nicht die phantastischen Jahrtausendzahlen mancher Geschichtsbücher anzunehmen, wenn wir bedenken, daß innert der letzten 25 Jahre die jetzt verbaute Emme sich ihr Bett um einen ganzen Meter tiefer gegraben hat, so daß Sohlensicherungen dringend nötig werden.
Wann die Gegend zuerst bewohnt wurde ist nicht nachgewiesen. Wohl waren in der Nähe, zwischen Schötz -- Egolzwil -- Wauwil -- Sursee Ureinwohner heimisch, die Pfahlbauer, die über 2000 Jahre vor Christus zurückreichen und in unserem Kanton schon lange lebten zu jener Zeit, da Moses das auserwählte Volk aus Aegypten führte. Ob diese Ureinwohner auf ihren Jagdzügen bis in unsere Gegend kamen?
Römersiedlungen sind im nahen Rottal nachgewiesen und die große römische Hauptstraße von Aosta über die Westschweiz nach Vindonissa hatte ihre Abzweigungen vom Tal der Aare durch das Seetal, das Surental, das Wiggertal mit einer Hochstraße ins Rottal und Verästelungen nach Willisau und Wolhusen-Werthenstein.
Der Name Werthenstein-Markt deutet auf die Verteilung des Landes durch die Alemannen hin; die Gegend wurde für diese zur Urmark und war damit Gemeinbesitz. In dieser Urmark entwickelte sich der Hof Schwanden, der zur Gemeinde wurde. Der Name Schwanden ist schon früh in Akten erwähnt. Ums Jahr 809 schenkten die Brüder Kibicho, Odker und Walker dem Benediktinerkloster im Hof zu Luzern ihre Güter von Schwanden bis zum Rümlig. Dieses Schwanden dürfte nicht die Gemeinde Schwanden betreffen, sondern einen Hof Schwanden im Rümliggebiet. Neue und alte Namen wie Schwand, Eggischwand, Oeggischwand, Odchersschwand mögen noch daran erinnern. Der Name Schwanden kommt von "schwenden", "schwändten" = ausroden, urbar machen. Diese Schenkung ist uns auch Zeuge, daß der Segen des Christentums in unserer Gegend frühzeitig Einlaß fand; die geordneten kirchlichen Verhältnisse lassen sich bis in die Karolingerzeit zurückverfolgen, bis ums Jahr 800. Ruswil, Wolhusen und Werthenstein bildeten eine einzige Pfarrei, die von Hellbühl bis zum Napf reichte. Die Namen der Pfarrherren sind bis zum Jahre 1233 zurück bekannt:
Bis 1657 haben Ruswil, Wolhusen und Werthenstein als eine Pfarrei den gleichen Pfarrer, bis 1808 haben Wolhusen und Werthenstein den gleichen Pfarrer; denn Wolhusen und Werthenstein wurden im Jahre 1657 als Pfarrei Wolhusen von der Pfarrei Ruswil losgelöst und im Jahre 1808 wurde Werthenstein als Pfarrei von der Pfarrei Wolhusen losgelöst und hat von da an seinen eigenen Pfarrer, nachdem die Wallfahrts- und Klosterkirche schon 1657 von Nuntius Fridericus Borromaeus als exempt erklärt worden war.
Um die Mitte des 11. Jahrhunderts, wo in unserer Gegend so viele schöne Burgen und Schlösser entstanden und während 200 Jahren unter der Herrschaft edler Ritter eine glückliche Friedenszeit herrschte, wurde durch die Herren von Rotenburg auf dem Felsen bei Wethenstein eine Burg erbaut. Der Fels sah von Natur aus schon wie eine Burg aus, so daß die Urkunden mit Recht von einer "Burgstelle" reden, also einer natürlichen Burg, auf die Menschenhand noch eine künstliche Burg aufbaute. Dieser Burg Werthenstein gegenüber am linken Emmenufer diente eine weitere Naturburg und Wehranlage als Talsperre, man nennt sie Alt-Werthenstein oder Dietenei. Ein Beobachtungsturm war auf der Anhöhe von Schauisfeld, eine Burg war zu Schwanden, und über Werthenstein-Markt erhob sich die starke innere Burg von Wolhusen mit eine Vorburg. "Auf der Burg Werthenstein saßen die Edlen und Ritter von Werthenstein, die als Mannlehen den Hof Unterschlechten bei Menznau besaßen." (Burg und Burgbewohner harren noch der Erforschung.) Als wegen veränderter wirtschaftlicher Verhältnisse die Ritter vearmten und unsere Gegenden an das mächtige Haus Oesterreich kamen, dessen Vögte dann ein strenges und unbarmherziges Regiment führten, erwachte der Freiheitsdrang des Volkes und gegen die Zeit des Sempacherkrieges fielen die Burgen der Zerstörung anheim. Ihre Ruinen bestaunen wir heute noch.
2. Entstehung der Wallfahrt
Man zählte das Jahr 1500. An den Ufern der Emme sah man oft Männer, die der Arbeit des Goldwaschens oblagen. Auf primitive Weise schöpften sie an ruhigen, sandigen Stellen den feinen Sand mit Wasser in durchlässige Wolltücher, die sie an vier Stäben festgemacht hatten. Das Wasser und der feine Sand wurden wieder ausgespült, im Wolltuch blieb ein kleiner Rest von feinen Goldkörnchen hangen. Die Emme ist nämlich wegen ihrer Zuflüsse vom Napf her goldhaltig, so daß selbst in der Reuß noch Gold gewonnen wurde. Der Tagesverdienst war ein kleiner, reichte aber zum Lebensunterhalt bei den damaligen bescheidenen Ansprüchen. Die Regierung besaß im Jahre 1650 über 18000 Golddukaten, aus heimatlichem Gold geprägt und die Kuppeln der wieder aufgebauten Hofkirche wurden mit einheimischem Emmengold vergoldet. Das Goldwaschen in der Reuß geht bis ins 11. Jahrhundert zurück und von 1530 bis 1800 wurden von den Goldwäschern über 32 Kilogramm Gold der Regierung abgeliefert. Sogar Ludwig Pfyffer, der Schweizerkönig, ließ um 1580 im Napfgebiet durch Bergknappen nach Gold graben. Bei den heutigen Lebensansprüchen rentiert das Goldwaschen nicht mehr. Von weit her kamen die "Golder" damals, und so erzählt uns der Luzerner Geschichtsschreiber Renward Cysat, daß ein Mann aus den Niederlanden sich bei Werthenstein mit Goldwaschen beschäftigte. Als er eines Abends sich verspätete und seine Herberge nicht mehr erreichen konnte, schickte er sich an unter einem vorspringenden Felsen zu übernachten. Als inniger Marienverehrer betete er kniend sein Nachtgebet und empfahl sich dem Schutz der lieben Gottesmutter. Da hörte er auf dem Felsen, wo die Burgruine Werthenstein emporragte, einen wunderlieblichen Engelsgesang und sah einen leuchtenden Glanz von hellen Lichtern. Von da an besuchte er stets diesen Ort und hängte an einer Tanne ein kartonpapierenes Bild auf, die Krönung Mariens darstellend und erschien täglich hier zum Gebete, so daß das Volk ihn den frommen Bruder nannte.
Die Erscheinung wurde in einem Werthensteinerlied besungen, das 1635 bei Johann Hederlin zu Luzern gedruckt wurde. Es lautet in seiner alten Fassung:
| Im Schweitzerlandt, Seynd veste Flüe, hoch Felsen, Vil schöne Berg bekandt, Doch ist ein Zier, Under den Bergen allen, Ein Felß allein, Zu Werdenstein, Die Gott selber gefallen. Maria rein, An disem Orth, Weil diß bekandt, Sich Wunder zu, Als nun der Glantz, Lucern die Statt, Drauff wurdt baldt kundt, Als dises sach, Baldt schickte Gott, Weil dann je hat, Du schöne Sonn, Wir bitten dich, Laßt uns in gmein, Betrübte Hertz, O Sünder groß, Wüßt, die jhr seyndt, Zum Bschluß ich bitt, |
Mit besonderer Klarheit betont dieses alte, 1635 gedruckte Lied die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter, jene allemeine kirchliche Lehre, die im Jahre 1854 durch Pius IX. feierlich dogmatisiert wurde.
Die gewohnte Andachtsverrichtung des frommen Goldwäschers fand bald Nachahmung. Sein Beispiel zog andere an. Leute aus der Umgebung fanden sich ein, um am Ort der Erscheinung ihre Gebete zu verrichten. Als im Jahre 1518 das Vertrauen und inständige Bitten des Volkes seine plötzliche Erhörung fand in der auffallenden Rettung eines Kindes des Schusters Niklaus Murer in Wolhusen, wuchs das Vertrauen immer mehr und der Ort wurde, geheiligt durch Gottes Gnadenerweise und durch viel inständiges und vertrauensvolles Gebet, mehr und mehr zur Gnadenstätte. In allen Anliegen der Seele und des Leibes pilgerten Scharen hieher und fanden trostvolle Rettung und Erhörung. Der fromme Sinn des Volkes erbaute im selben Jahre in kurzer Frsit unter den Tannen des alten Burgplatzes, umgeben von den Burgruinen ein kleines Gebetshäuschen, dessen Abbildung auf dem Hallenbild 48 dargstellt ist. Dieses Kapellchen konnte wegen stets zunehmender Wallfahrt, besonders infolge der Heilung des Knaben Balthasar Grüter von Ruswil, seinen Zweck nicht lange erfüllen. Schon im Jahre 1520 wurde auf dem gleichen Platz eine größere Wallfahrtskapelle errichtet. Die Regierung hatte gerne die Bewilligung erteilt und Luzern war eifrig um den Bau dieser Wallfahrtskapelle bemüht, wie Bild 18 auf der Kapellbrücke in Luzern uns kundtut. Die Bauern führten zum Bau das Holz herbei; Frauen und die Jugend reichten während 3 Tagen aus der 50 Meter tiefer gelegenen Emme die nötigen Steine von Hand zu Hand bis zum Bauplatz hinauf. Ein heiligerWetteifer hatte alle erfaßt. Am 28. August 1520 wurde die erbaute marianische Kapelle mit 3 Altären vom Weihbischof von Konstanz, Melchior, Bischof von Askalon, geweiht. Der Hauptaltar wurde geweiht zu Ehren der hochheiligen Dreifaltigkeit, der allerseligsten Muttergottes Maria, St. Jodokus, St. Anastasius und aller heiligen Apostel. Das Innere dieser Kapelle ist noch abgebildet auf dem Bild einer alten, wertvollen Kirchenfahne. Kaspar Meglinger hat sie gemalt.
Bild 18 auf der Kapellbrücke mit Kapelle vom Jahre 1520 und Pilgerhaus.
(Fortsetzung folgt)
Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)