Aus dem Immaculata-Archiv:


14. Juni 1738

Tränenwunder in der Wies / Oberbayern

Die Pfarrkirche RÜTHI, St. Gallen, ist durch ihre Votivtafel vom "Geisselheiland" mit einer der schönsten Kirchen Bayerns verbunden. Am Sonntag, den 5. Juni 1988, wurde die 250. Wiederkehr des Tränenwunders in der "Wies" festlich gefeiert. Dieser weinende Heiland hat seine eigene Geschichte.

Im Jahre 1734 wurde für die Karfreitagsprozession des Stiftes Steingaden eine Statue des Geisselheilandes geschaffen, zusammengesetzt aus vorhandenen Figurenteilen. Sie geriet sehr realistisch und zeigt die Wunden des grausam gequälten Heilandes so peinlich genau und drastisch, daß selbst die Zeitgenossen das Bildnis als unerträglich empfanden und es nicht mehr ansehen mochten. So kam es auf den Dachboden des Klosterwirts in Steingaden. Er schenkte es seiner ihn darum bittenden Verwandten Maria Lory vom nahen Bauernhof "Wies". Am 4. Mai 1738 hält es Einzug im abgelegenen Haus. Und in der schlichten Bauernkammer beginnt die Verehrung, die dann bald im prachtvollen Kirchenraum der "Wies" bis auf den heutigen Tag nicht mehr abbrechen sollte. Bei dem Abendgebet vor dem Bildnis geschah es nun am Samstagabend, den 14. Juni 1738 - also vor 250 Jahren -, daß die Bäuerin Tränen in den Augen des "Gegeisselten Heilandes" wahrnahm. Am Sonntagmorgen wiederholte sich das Seltsame. Vor der kirchlichen Untersuchungskommission sagten dann die Bauersleute Johann und Maria Lory unter Eid aus, sie hätten beim Bildnis des "Gegeisselten" gesehen, daß Tränen, sie sagten "Zähren", wirklich aus den Augen über die Wangen und den Bart herabgeflossen sind. Auch die Tochter Magdalen sagte schwörend aus: "Ich habe solches Weinen gesehen." Abt Marianus, der Erbauer der Wallfahrtskirche, schrieb an den bayrischen Kurfürsten, "daß sein Vorgänger Abt Hyazinth selbst in die Wies gegangen sei und diese Tränen mit einem Tüchlein aufgetrocknet habe."

Die beiden Äbte glaubten nicht nur an die Echtheit des Tränenwunders, sie gaben sogar - unter Aufwendung finanzieller Mittel bis fast zum Bankrott - alles, dem Gnadenbild eine würdige, herrliche Wohnstatt und ungezählten Pilgern eine tröstliche Zufluchtsstätte zu bereiten. Votivtafeln auch neuester Zeit sind Zeugnis ungebrochenen und eben auch belohnten Vertrauens. Wie eine Votivtafel vom "Gegeisselten Heiland", schon um 1760 gemalt, in die Pfarrkirche Rüthi kam, bleibt eine wahrscheinlich kaum zu beantwortende Frage. Aber keine Frage ist es: Wir sind stolz, durch diese Tafel mit der "Wies", aber noch mehr mit dem Heiland "in seinem Elend" verbunden zu sein. Mit Reinhold Schneider werden auch wir erfahren: "Vor seinem Schmerze ist kein Schmerz allein..."

"Sei gepriesen, Herr Jesus Christus,
Sohn des lebendigen Gottes.
Du bist der Erlöser der Welt,
unser Heiland und Herr,
der für uns gegeisselt worden ist.
Komm, Herr Jesus und steh uns bei,
daß wir an deiner Hand
in das Reich deines Vaters
gelangen. Amen."

Bruderschaftsgebet zum "Wiesheiland"

Das Textbild für das 1988 herausgegebene Faltblatt mit dieser Beschreibung wurde realisiert von Frau Berty Resenterra-Sorg, CH-8585 Erlen nach der Votivtafel um 1760 in der Pfarrkirche Rüth SG, Rheintal.


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell