Aus dem Immaculata-Archiv:


KATHARINA LABOURÉ

Die Seherin der Wunderbaren Medaille

Dr. M. Cuylen

Imprimatur:
Coloniae, die m. 24. Maii 1947 (Jr. Nr. 3037 I/47) David, vic. glis.)


I. DIE BEGNADETE SCHWESTER

1. Schwester Katharina schweigt

1832. Ein sonniger Frühlingstag durchstrahlt den großen Garten zwischen dem Hospiz von Reuilly und dem Altersheim von Enghien im Norden von Paris. Durch den Garten sind die beiden Häuser der Karitas miteinander verbunden.

Die sieben Schwestern von Enghien halten eben mit den Schwestern von Reuilly ihre gemeinsame Erholungsstunde im Garten. -- Der erste warme Fürhlingstag malt lebhafte Freude auf alle Gesichter.

Die unruhigen Flügel der vielen Cornetten scheinen aus der Ferne wie Lilienblüten, die der Wind bewegt.

Herr Aladel, der Schwestern-Direktor im Mutterhaus der Vinzentinerinnen in der Rue du Bac in Paris, wandert mit der Oberin von Reuilly über den breiten Mittelweg. Sie sind in ein ernstes Gespräch vertieft.

Aber die Munterkeit der Schwestern schallt ihnen entgegen, und erfreut schauen beide hinüber: ein hübsches Bild, diese fröhliche Klosterjugend in ihrer malerischen Tracht im frühlingsfrischen Klostergarten!

Kaum haben die jungen Schwestern ihren Direktor erkannt, da springt ein einheitlicher Gedanke unter sie. Man sieht, wie sie alle in gleicher Weise davon bewegt sind.

"Ja, wir wollen fragen!"

Dann kommen sie heran. Herr Aladel lächelt; er weiß, was sie ihn fragen wollen. Es geht ja wie ein stilles Feuer durch die ganze Genossenschaft der Vinzentinerinnen: Eine Schwester hat Erscheinungen gehabt. Die Mutter Gottes hat ihr den Auftrag gegeben, die Medaille der Unbefleckten Empfängnis Mariens prägen zu lassen.

Seit einigen Monaten nun ist die Medaille geprägt: Maria mit den ausgebreiteten, gnadenspendenden Händen und der Umschrift: O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen.

Eifrigst haben die Schwestern die Medaille unter ihren Armen und Kranken verbreitet -- und mit welch herrlichem Erfolg! Auffallende Heilungen und noch auffallendere Bekehrungen konnten bei andächtiger Anwendung der Medaille immer wieder festgestellt werden. Nicht die Schwestern -- aber die beglückten Weltleute -- prägten das Wort: Die Medaille der Unbefleckten Empfängnis ist eine "Wundertätige Medaille".

Viele Tausende von Medaillen wurden von Priestern und Bischöfen als Hilfe der Seelsorgsarbeit gewünscht.

Und nun stürmen die Fragen durch die Köpfe der jungen Schwestern und auf ihre Lippen:

"Herr Direktor, ist es wirklich wahr, daß eine unserer Schwestern die Mutter Gottes gesehen hat? -- Welche Schwester ist das? -- Und wie waren die Erscheinungen? -- Wie hat Maria den Auftrag gegeben, die Medaille prägen zu lassen?"

"Erzählen Sie, Herr Direktor! Bitte erzählen Sie!"

Herrn Aladels Augen durchsuchen den Kreis der ihn umdrängenden Schwestern. -- Da erblickt er Schwester Katharina Labouré, die mit großen, ruhigen, klugen Augen auf ihn schaut. Er liest in diesem reinen Blick der Schwester die Bitte: Verrate mich nicht! Ich werde das Geheimnis hüten!

Da weiß der Direktor: Meine Erzählung wird Schwester Katharina nicht in Verwirrung bringen. Sie wird ihre Fassung bewahren.

So beginnt er im Vertrauen auf den Beistand der Immaculata und zu ihrer Verherrlichung:

"Ja, es ist wahr! Eine unserer Seminarschwestern hat vor zwei Jahren von der Mutter Gottes selbst den Auftrag erhalten, eine Medaille ihrer Unbefleckten Empfängnis prägen zu lassen -- und Maria versprach, durch diese Medaille der Welt viel Segen zu schenken. -- Ihr wißt, wie sie dies Versprechen so herrlich erfüllte!"

Die erwarungsvoll-fragenden Augen der Schwestern werden freudig bewegt; die Wangen röten sich.

"Wunderbar! Herr Direktor!" ruft eine. "Aber wie hat die Mutter Gottes den Auftrag gegeben? -- Ist sie der Schwester wirklich erschienen?"

"Die Schwester hat die Mutter Gottes während der Abendbetrachtung gesehen", sagte Herr Aladel leise und nachdrücklich. "Niemand sonst sah sie -- nur die Schwester hatte diese visionäre Schau. -- Sie sah sie auf der Erdkugel stehend. In beiden Händen hielt sie eine eine goldene Kugel, die sie vor der Brust hielt -- gleichsam um sie Gott aufzuopfern. -- Dabei wußte die Schwester sogleich durch eine innere Eingebung: Die kleine goldene Weltkugel stellt die Gesamtheit aller Menschen dar -- ist auch ein Bild jeder einzelnen Seele. Alle sind in Mariens Hand -- alle liebt sie mütterlich. -- Dann sah die Schwester plötzlich, wie die goldene Kugel aus den Händen Mariens aufstieg und verschwand; ihre Finger schmückten sich mit leuchtenden Ringen; -- die Mutter Gottes senkte die Hände, wie ihr es auf der Medaille seht.-- Von den glänzenden Ringen sah die Schwester leuchtende, silberweiße Strahlen ausgehen, die sich über die Erdkugel ausbreiteten, auf der die Mutter Gotte stand. Und eine innere Stimme sagte der Schwester: Die Strahlen sind die Gnaden, die Maria über die Welt und jeden einzelnen Menschen ergießt.

Lange schaute die Schwester das übernatürliche Bild und prägte es sich Zug um Zug ein. Sie mag wohl demütig in ihrem Herzen gefragt haben: Wie kommst du zu mir, du himmlische Frau? Warum kommst du zu der kleinen Novizin? Maria aber gab der Schwester als Antwort den Auftrag: 'Laß nach diesem Bilde eine Medaille prägen'.

Sogleich sah die Schwester auch die Rückseite der Medaille: das M; darunter die beiden Herzen Jesu und Mariens und darüber das Kreuz."

Die meisten Schwestern sind still und besinnlich geworden; einige beginnen lebhaft zu reden:

"Wie schön ist das", sagt eine ältere Schwester, "daß die liebe Mutter Gottes unserer Schwester und damit unserer Genossenschaft den Auftrag gegeben hat, die Medaille zu prägen. -- Was ist das ein Aufschwung und eine Verpflichtung für uns!"

Eine andere fagt: "Hat die Mutter Gottes auch selbst das Gebetchen angegeben: O Maria, ohne Sünde empfangen...?"

Herr Aldel antwortet: "Das Gebetchen hat die Seminarschwester wie in einem Halbkreis um die Erscheinung derMutter Gottes gesehen; sie konnte es ablesen."

"Ja", meint eine andere Schwester, "wie ist es denn weiter gegangen? Wie ist die Seminarschwester dazu gekommen, die Medaille prägen zu lassen? Man kennt sie ja gar nicht."

"Die Schwester will auch weiter unbekannt bleiben", sagt Herr Aladel, "Sie hat dieses Erlebnis nur mir erzählt. -- Anfangs glaubte ich ihr nicht. Monatelang habe ich sie abgewiesen. -- Aber die Mutter Gottes mahnte mehrmals -- und ich fürchtete doch, sie zu betrüben. Da entschloß ich mich endlich, die Hochgeehrte Mutter in das Geheimnis der Erscheinungen einzuweihen. Auch den Herrn Kardinal von Paris benachrichtigte ich. Eminenz drängte sehr, den Auftrag Mariens zu erfüllen. So ließen wir endlich die Medaille prägen; ihr wißt, wieviel Segen sie verbreitet."

"Ach, wenn man nur wüßte, wer die begnadete Schwester ist!" meinten einige seufzend.

"Schwester Labouré", wandte sich eine Schwester schnell an Schwester Katharina; "haben Sie denn keine Ahnung? Die Schwester der Erscheinungen muß doch mit Ihnen im Seminar gewesen sein."

Schwester Labouré erschrak nicht, als sie angesprochen wurde. Sie sagte ganz ruhig: "Ich war 1830 im Seminar; da wird die Schwester der Erscheinungen es auch wohl durchgemacht haben. Aber was weiß man da voneinander? -- Man hat so viel mit sich selbst zu tun."

Nach einer kleinen Weile sagte sie ein wenig lebhafter: "Aber die Schwester tut gut daran, daß sie sich verborgen hält. Man darf die Geheimnisse Gottes und der Gottesmutter nicht preisgeben."

Herr Aladel staunte. Nichts in Gesicht und Haltung von Schwester Katharina verriet, daß sie die begnadete Schwster war.

Und er segnete sie im stillen und ehrte die Demut des Stillschweigens, in das sie sich flüchtete und verbar.

 

2. Der Priester Ratisbonne sucht die Schwester der Erscheinungen

16 Jahre später; 1848.

Schwester Katharina Labouré hat Pfortendienst im Hospiz von Enghien. Sie sitzt an einem kleinen Tisch und schreibt den Ertrag an Eiern auf, die der Hühnerhof im letzten Monat brachte.

Sie ist in den Jahren gereifter geworden. Ihre großen, blauen Augen spiegeln den Frieden ihrer Seele wider -- Augen, die Maria sahen!

Schwester Katharina hat sich und ihr Geheimnis immer mehr in tiefe Verborgenheit hinein gerettet. Sie weiß: Gott will im 19. Jahrhundert die Ehre seiner Mutter offenbaren. Sie, die kleine Novizin, durfte ein geringes Werkzeug sein. Um der großen Aufgabe willen -- um der andern willen durfte sie die himmlische Mutter sehen -- ihre Stimme hören -- ihren Auftrag erfüllen. -- In ihre stille Einsamkeit dringt immer wieder die Kunde von den Gnadenwundern, die durch die Medaille der Unbefleckten Empfängnis Mariens in den Seelen der Sünder geschehen.

Vor Jahren schon hörte sie von der Bekehrung des Juden Ratisbonne in Rom, im Januar 1842, der auch die Mutter Gottes sehen durfte wie sie. Und nun hatte Maria ihm zu diesem großen Glück noch die Gnade des Priestertums geschenkt. Er sei Jesuit geworden, erzählte man sich, und er sei augenblicklich in Paris. Schwester Katharina betete viel für ihn und für alle Priester.

Die Uhr im Pfortenzimmer macht elf helle Schläge. Schwester Katharina betet das Stundengebet; sie steht dabei andächtig vor ihrem mit viel Liebe und Sorgfalt geschmückten Marien-Altärchen. -- Dann geht sie wieder eifrig an ihre Arbeit.

Wahrhaftig! In diesem Monat haben die Hühner 190 Eier gelegt! Und alle kamen in die Küche, kamen ihren lieben Greisen zugute. Alle freuen sich, daß der Ertrag des Hühnerhofes von Monat zu Monat zunimmt.

Es schellt. -- Eilig legt Schwester Katharina den Bleistift hin und öffent die Pforte.

Ein Priester tritt ein; er ist etwa 30 Jahre alt und trägt einen schwarzen Bart. Er wünscht die Schwester Oberin zu sprechen.

Schwester Katharina führt ihn ins Sprechzimmer und bittet: "Wen darf ich melden?"

"Alfons Maria Ratisbonne", sagt der Priester und nimmt den angebotenen Stuhl.

Schwester Katharina stutz. -- Einen Augenblick steht sie unbeweglich und wagt es nicht, den Priester anzuschauen, der die Mutter Gottes sah wie sie.

Alfons Ratisbonne hat ihre kleine Verwirrung nicht bemerkt.

Schwester Katharina eilt hinaus, die Oberin zu suchen.

Der Priester überlegt noch einmal, was er der Oberin sagen will:

Die Schwester möchte ich sehen, die die Immaculata geschaut hat wie ich. Einen Augenblick nur mag sie aus ihrer Verborgenheit heraustreten. Ich möchte sie in Maria grüßen. Sie ist doch mehr als andere Gottgeweihte "meine" Schwester. -- Man sagt, sie sei in diesem Hause. Ach, mein Gefühl sagt mir: sie ist wirklich hier. -- Aber ob ich sie sehen werde?

Schwester Oberin tritt ins Zimmer.

"Hochwürdiger Vater!"

"Ehrwürdige Schwester!" sagt Ratisbonne bescheiden, "wollen Sie mir gütigst eine Bitte gewähren! Ich möchte die Schwester sprechen, die die Gottsmutter sah. -- Ich sah sie auch" -- fügt er leise hinzu. -- "Ich bitte Sie herzlich darum; -- sie soll sich in diesem Hause aufhalten."

Schwester Oberin zeigt sich außerordentlich überrascht.

"Unmöglich! Hochwürden! -- In diesem Hause? -- Davon weiß ich nichts." Nach einem Weilchen Nachdenken meint sie: "Mir scheint, ich müßte das doch schon herausgefunden haben."

Ratisbonne ist enttäuscht. "Sie verbirgt wohl ihr Geheimnis", sagt er.

"Aber ich kann kaum glauben, daß ich einen solchen Schatz nicht entdeckt hätte. -- Ich wüßte wirklich nicht, wer..."

Schwester Oberin schaut durch die offene Tür ins Pfortenzimmer; ihr ist plötzlich, als müsse Schwster Katharina ihr helfen.

"Schwester Labouré!"

Die Angerufene steht sofort auf und kommt ins Sprechzimmer.

"Liebe Schwester", fragt Schwester Oberin etwas schneller als sie sonst spricht, "haben Sie jemals sagen oder vermuten gehört, daß in unserem Hause hier die Schwester lebt, der die Unbefleckte Jungfrau die Medaille anvertraute?"

"Sehen Sie, mein Herr!" wendet sich Schwester Oberin lebhaft an Ratisbonne.

Der Priester sagt leise:"Das ist eigenartig!" Er schaut fast andächtig in die reinen Züge Schwester Katharinas.

Schwester Oberin fragt ihre Pfortenschwester: "Aber Schwester Labouré, Sie waren im Seminar zu Zeit der Erscheinungen?"

"Gewiß, meine Schwester, im Jahre 1830."

"Haben denn die wunderbaren Erscheinungen damals kein Aufsehen erregt?"

"Man sprach allgemein davon, daß die himmlische Mutter einer Novizin erschienen sei."

Ratisbonne wirft erregt dazwischen: "Aber wem?, liebe Schwester, wem?"

Schwester Katharina schaut den Priester groß und ernst an:

"Hochwürden, man hat uns erzählt, daß sogar der Erzbischof von Paris die Schwester sehen und sprechen wollte. Aber die Schwester hat diese Ehre ausgeschlagen. -- Der Herr Erzbischof weiß weder ihren Namen, noch hat er sie jemals gesehen."

"Liebe Schwester", fragt Schwester Oberin sehr interessiert, "vielleicht wissen Sie persönlich, wer die begnadete Schwester ist?"

"Schwester Oberin", antwortet Schwester Katharina und senkt den Blick; "im Seminar bin ich wie mit geschlossenen Augen umhergegangen. -- Ich weiß nicht, welcher von meinen Gefährtinnen die Hmmelskönigin erschienen sein könnte." -- "Übrigens", setzt sie lebhafter hinzu, "es kommt wohl nicht so sehr darauf an, wem die Mutter Gottes erschienen ist, als darauf, daß sie uns die Medaille gab, und daß wir für ihre Verbreitung sorgen, damit die Erlösungsgnaden, die Maria durch die Medaille vermitteln will, weiter fließen in alle Welt."

Schwester Oberin lächelt. "Sie haben recht, Schwester, ich danke Ihnen."

Schwester Katharina verneigt sich und geht bescheiden in ihr Pfortenzimmer zurück.

Ratisbonne ist nachdenklich geworden. -- Nach einer Weile sagt er: "Diese einfache Pfortenschwester hat ein Licht in meine Seele geworfen. -- Es ist ja wirklich gleichgültig, welche Augen die himmlische Mutter schauten, welche Hände sie berührten -- wenn nur das Werk der Erlösung in der Welt vollendet wird --, wenn nur die wundertätige Medaille in aller Welt verbreitet wird -- wenn nur die Sünder sich bekehren."

Schwester Katharina hat sich, als Herrr Ratisbonne zu reden anfing, leise aus dem Pfortenstübchen entfernt.

Der junge Priester steht auf und sagt bewegt: "Wer es auch sei! Ich ehre die wunderbare Verborgenheit, in die die Schwester sich zurückzieht. Sie will im Schatten bleiben, indes die Kirche das Wunder feiert und Unzählige in der Christneheit die wundertätige Medaille preisen. Sie ist eine große Seele, diese demütige Seherin! Vielleicht tut sie jetzt die niedrigste Arbeit. -- Aber, wenn auch niemand sie kennt, die Gottesmutter redet mit ihr."

Als Ratisbonne sich der Tür zuwendet, sagt er noch leise: "Vielleicht habe ich sie heute doch gesehen. Vielleicht ist es diese Schwester!" -- Er deutet zum Pfortenzhimmer hin.

Abwehrend sagt Schwester Oberin: "Hochwürden, das glaube ich nicht!"

Doch Ratisbonne hat eine Freude in der Seele: "Wer es auch sei, Schwester Oberin, ich habe die Lehre verstanden, die das Schweigen der Schwster mir gibt. Ich werde sie im Himmel sehen; da werden wir uns verstehen und die ganze Ewigkeit hindurch Maria, die Immaculata, sehen und preisen!"

Ratisbonne verabschiedet sich und geht leichten Schrittes, als sei sein Wunsch erfüllt worden -- mit seinen stillen Gedanken hinaus in die lärmende Großstadt.

 

3. Schwester Katharina schreibt drei Berichte über ihre Erscheinungen

An einem Sommertag des Jahres 1856 sitzt Herr Aladel in seinem Zimmer am kleinen Schreibtisch in der Fensterecke. Gerade hat er einige Briefe an die Vorstände von Marienvereinen geschrieben. Er ist seit Jahren der Leiter sämtlicher Marienvereine.

Müde faltet er die Hände und sinnt: In Hunderten von Pfarreien, in denen die Vinzentinerinnen Niederlassungen haben, blühen die Marienvereine und halten die Jugend rein unter dem Schutzmantel Mariens. Welch herrliches Werk! -- Und all der Segen ging aus von der kleinen Kapelle in der Rue du Bac, wo Maria erschien!

Und das zweite, noch größere Wunder, das in dieser Kapelle seinen Anfang nahm: Die Medaille der Unbefleckten Empfängnis! -- Nun durcheilt sie im Siegeszug die Welt, die zivilisierte und die primitive in den überseeischen Missionsländern. Herr Aladel staunt und sinnt:

All die Gnadenerweise des Himmels durch ein kleines, verborgenes Werkzeug -- diese unwissende Schwester, die kaum richtig schreiben kann, eine Schwester, die ihren Dienst an den Armen tut, wie tausend andere Schwestern ihn tun! -- Oder ist da doch ein Unterschied? -- Hat er je Nachteiliges über Schwester Katharina gehört? -- Hat er je eine Regel-Untreue an ihr bemerkt? Nein! -- Er stellt sie sich vor in ihrer ernsten, besonnenen Art. Er weiß um dies nach innen schauenden Augen, um die nach innen lauschende Sammlung der Schwester. Es scheint, als habe das natürliche Eigenleben keine Bedeutung mehr für sie, als habe nur das übernatürliche Leben Wert und Geltung in ihren Augen.

Sprach sie jemals von sich -- von ihrem Geheimnis? Herr Aladel lächelt: Undenkbar, es ihr mit List zu entlocken!

Aber darf man solche Gnadenerweise Mariens der Nachwelt vorenthalten? Bin ich nicht verpflichtet, die Geschichte der Medaille der Unbefleckten Empfängnis festzuhalten? -- Wohl hat Schwester Katharina, auf mein Drängen hin, schon vor Jahren einen Bericht über die zweite Erscheinung geschrieben; aber von der ersten Erscheinung und den anderen weiß niemand. Wenn ich sterbe -- und das kann bald sein --, wird niemand den wahren Sachverhalt erfahren. Schwester Katharina wird ihr Geheimnis wohl mit ins Grab nehmen.

Ob das wohl Gottes Wille ist?

Herr Aladel sinnt weiter in die beginnende Dämmerung hinein und unwillkürlich falten sich seine Hände wie zum Gebet.

Ist nicht die Kapelle der Barmherzigen Schwestern in der Rue du Bac ein bevorzugtes Heiligtum der Mutter Gottes geworden? Müßte sie nicht ein Wallfahrtsort werden wie Lourdes, wo Maria vor wenigen Monaten einem Kinde erschien? -- Was soll man tun?

Herr Aladel seufzt; ihm ist der Mund versiegelt durch das Schweige-Versprechen. -- Ich will beten; der heilige Vinzenz wird raten.

Am folgenden Tage hat Herr Aladel einige Klarheit erlangt. Ihm sagte eine innere Stimme: Du darfst nicht zögern. Du mußt Maria verherrlichen.

Er macht sich auf nach Enghien und spricht mit Schwester Katharina:

"Es wird gut sein, wenn Sie mir einen Bericht über die ersten Erscheinungen machen. Er soll dazu dienen, daß Maria verherrlicht werde. Noch nicht --o ich hüte Ihr Geheimnis -- aber später. Tun Sie es einfach als gehorsames Kind des heiligen Vinzenz. Auch die ersten Visionen erzählen Sie noch einmal im Brief."

Schwester Katharina wendet ein: "Mein Vater, ich bin nicht recht fähig dazu -- vielleicht erinnere ich mich nicht mehr an alles, was vor 26 Jahren geschah."

Aber Herr Aladel hört nicht hin: "Also schreiben Sie mir den Brief, liebe Schwster, ich erwarte ihn in etwa vierzehn Tagen."

Schwester Katharina geht zu ihrer Schwester Oberin und bittet um mehrere Bogen Schreibpapier. "Hochwürdiger Herr Aladel wünscht, daß ich etwas aufschreibe."

"Gut! Liebe Schwester, Sie können den Brief geschlossen abgeben."

An einem stillen Sonntagmorgen sitzt Schwester Katharina in ihrem Pfortenstübchen an dem kleinen gelben Tisch und beginnt ihren Bericht über die ersten Erscheinungen aus dem Jahre 1830:

"Mein Vater, Sie wünschen, ich solle einen kurzen Bericht über alles bringen, was sich vor 26 Jahren zugetragen hat... Ich bitte Maria, meine gute Mutter, sie möge mich an alle Einzelheiten erinnern...

Ich kam am 21. April 1830, Mittwoch vor der Reliquienübertragung des heiligen Vinzenz (ins Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern). Ich war ganz glücklich, daß ich an diesem schönen Feste teilnehmen konnte, und es schien mir, als sei ich gar nicht mehr auf dieser Erde. (Die Reliquien des heiligen Vinzenz hatte man zu Beginn der Französischen Revolution verborgen. Am 25. April 1830 wurden sie in feierlicher Prozession unter zahlreicher Beteiligung von Bischöfen, Priestern und Gläubigen von der Kirche Notre-Dame in das Mutterhaus der Missionspriester übertragen.)

Ich bat den heiligen Vinzenz um alle Gnaden, die mir notwendig waren und auch für die beiden Familien (des heiligen Vinzenz, nämlich der Missionspriester und der Barmherzigen Schwestern); es schien mir, als ob sie die Gnaden ganz besonders brauchten. Endlich bat ich den heiligen Vinzenz, er möge mir eingeben, was ich in lebendigem Glauben erbitten solle.

So oft ich vom Mutterhause der Missionare zurückkehrte (wohin die Schwestern täglich in dieser Novene prozessionsweise wallfahrteten), fühlte ich einen großen Schmerz.

Ich hatte aber den Trost, das Herz des heiligen Vinzenz in der Kapelle der Schwestern oberhalb des kleinen Reliquienschreines zu sehen, in dem die Reliquie des heiligen Vinzenz ausgesetzt war.

Das Herz erschien mir drei Tage nacheinander immer in anderer Gstalt: zuerst weiß wie Fleisch, was Frieden, Unschuld, Ruhe und Eintracht anzeigen sollte; dann sah ich es rot wie Feuer, zum Zeichen, daß in den Herzen die Liebe entbrennen soll; es kam mir vor, als ob die ganze Versammlung sich erneuern und sich an die äußersten Grenzen der Erde ausdehnen sollte; dann sah ich es ganz dunkelrot, was mich mit großer Trauer erfüllte. Ich wrude von einer solchen Traurigkeit befallen, daß ich sie kaum überwand.

Ich konnte mich aber nicht enthalten, darüber mit meinem Beichtvater zu sprechen (Herr Aladel war damals Beichtvater der Schwestern), der mich soviel als möglich beruhigte und mich von allen diesen Gedanken abzubringen suchte.

Es wurde mir auch eine andere große Gnade zuteil, daß ich nämlich unsern Herrn im Allerheigsten Sakramente sah, und zwar durch die ganze Zeit meines Seminars, außer wenn ich zu zweifeln begann. Dann sah ich das nächste Mal nichts mehr.

Am Feste der Allerheiligsten Dreifaltigkeit erschien mir unser Herr wie ein König, mit dem Kreuze auf der Brust, im Allerheiligsten Sakramente während der heiligen Messe. Beim Evangelium kam es mir vor, als ob das Kreuz sich zu den Füßen unseres Herrn herabsenkte; es war, als ob aller Schmuck von unserm Herrn wiche und zu seinen Füßen fiele; da hatte ich die düstersten und traurigsten Gedanken.

Dann kam das Fest des heiligen Vinzenz, wo unsere gute Mutter Martha (die damalige Seminardirektorin) eine Unterweisung über die Verehrung der Heiligen, vor allem der seligsten Jungfrau, hielt. Das flößte mir einen so sehnlichen Wunsch ein, einmal die seligste Jungfrau zu sehen, daß ich mit diesem Gedanken zu Bett ging: ich würde in dieser Nacht meine gute Mutter sehen. Ich hatte schon lange gewünscht, sie zu sehen. Endlich schlief ich ein.

Um halb zwölf Uhr in der Nacht hörte ich mich bei meinem Namen rufen: 'Schwester! Schwester! Schwester!' Ich wachte auf und wandte mich nach jener Seite, woher die Stimme kam; es war die Seite des Durchganges. Ich zog den Vorhang zurück und sah nun einen weißgekleideten Knaben, ungefähr vier oder fünf Jahre alt, der zu mir sagte: 'Komm in die Kapelle; die seligste Jungfrau wartet auf dich.' -- Da kam mir sogleich der Gedanke: Aber, man wird mich hören. Der Knabe antwortete mir: 'Sei ruhig, es ist halb zwölf Uhr; alle schlafen; komm, ich warte auf dich'.

Ich kleidete mich schnell an und wandte mich nach der Seite dem Kaben zu, welcher am Kopfende meines Bettes stehen geblieben war. Er folgte mir, oder vielmehr ich folgte ihm; er ging immer zu meiner Linken. Überall, wo wir durchgingen, war das Licht angezündet, worüber ich sehr erstaunt war. Aber noch größer war meine Überraschung, als ich zur Kapelle kam und die Tür sich von selbt öffente, sobald der Knabe sie mit dem Finger berührte. Doch am größten war mein Staunen, als ich alle Kerzen und Lichter angezündet sah, was mich an die Mitternachtsmette von Weihnachten erinnerte.Ich sah aber die seligste Jungfrau noch nicht.

Der Knabe führte mich in das Sanktuarium neben den Stuhl des hochwürdigen Herrn Direktors; dort kniete ich nieder, während der Knabe die ganze Zeit stand. Da mir die Zeit lang vorkam, so blickte ich umher, ob die nachtwachenden Schwstern nicht über die Empore kommen würden. ... Endlich meldete mir der Knabe: 'Da ist die seligste Jungfrau.'Ich hörte dann ein Geräusch wie das Rauschen von Seide, welches von der Empore vom Bilde des heiligen Josef herzukommen schien. Die Gestalt ließ sich vor den Stufen des Altares auf dem Stuhl nieder...

Ich zweifelte, ob es die seligste Jungfrau sei; aber der Knabe sagte zu mir: 'Da ist die seligste Jungfrau.' Ich kann nicht aussprechen, was ich in jenem Augenblick fühlte, und was um mich her vorging; doch kam es mir vor, als sehe ich nicht wirklich die seligste Jungfrau. Da redete der Knabe zu mir, aber nicht mehr wie ein Kind, sondern wie ein starker Mann, und er redete in entschiedenem Tone. -- Als ich dann auf die seligste Jungfrau hinblickte, stürzte ich mich sozusagen auf sie zu und warf mich auf den Stufen des Altars auf die Knie, indem ich meine Hände der seligsten Jungfrau auf den Schoß legte.

Da verbrachte ich die süßesten Augenblicke meines Lebens. Es wäre mir unmöglich, zu sagen, was ich alles empfand.

Sie sagte mir, wie ich mich gegen meinen Direktor benehmen solle, und mehreres andere, was ich noch nicht sagen darf; ferner, wie ich mich in meinen Prüfungen benehmen solle. Sie wies dann mit der Hand auf den Fuß des Altares und sagte, ich solle mich oft am Fuße des Altares niederwerfen und dort mein Herz ausschütten; dort würde ich allen Trost finden, den ich nötig habe. ... Dann fragte ich sie um die Bedeutung alles dessen, was ich gesehen und gehört habe, und sie erklärte mir alles...

Ich blieb dort, ich weiß nicht, wie lange; ich weiß nur, daß ich, als sie forting, nichts anderes bemerkt habe, als etwas, das zu verlöschen schien, wie ein Schatten, der nach der Empore hin verschand, auf demselben Wege, auf dem sie gekommen war.

Ich erhob mich von den Stufen des Altares und bermerkte nun den Knaben noch an derselben Stelle stehen, wo ich ihn gelassen hatte. Er sagte mir: 'Sie ist fort', und wir traten nun den Rückweg an, wobei wieder alle Lichter angezündet waren; der Knabe ging dabei immer zu meiner Linken. Ich glaube, daß dieser Knabe mein Schutzengel war, der mir sichtbar erschien, um mir die seligste Jungfrau zu zeigen, weil ich ihn inständig gebeten hatte, mir diese Gnade zu erlangen. Er war weißgekleidet und trug ein wunderbares Licht, das heißt, er war ganz strahlend von Licht; er schien ungefähr vier bis fünf Jahre alt zu sein.

Als ich zu meinem Bette zurückkam, war es zwei Uhr morgens; ich hörte die Uhr schlagen. Ich konnte dann nicht mehr einschlafen."

So lautet der Bericht der heiligen Katharina aus dem Jahre 1856 über die Erscheinung in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 1830: einfältig, demütig, genau

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)