MAHNSCHRIFT
gegen die Irrlehrer

Commonitorium adversus Haereticos

des
hl. Vinzenz von Lerin

Übersetzt von Ulrich Uhl

Bibliothek der Kirchenväter –
Auswahl der vorzüglichsten patristischen Werke in deutscher Übersetzung,
herausgegeben unter der Oberleitung von Prof. Dr. Fr. X. Reithmayr, 1870, Jos. Kösel.

Unveränderter Neusatz und Neudruck mit einigen Vereinfachungen und mit Weglassung der Fußnoten.

Text für die Erste Auflage 1. – 4. Tausend
Oktober 1972

©
Petrus-Verlag
D-57548 Kirchen (Sieg)

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Herausgeber dieser digitalisierten Version:
Paul O. Schenker
IMMACULATA-Verlag,
CH-9050 Appenzell

Elektronisch erfaßter Text von
Paul O. Schenker

 


INHALTSVERZEICHNIS

 

EINFÜHRUNG

Der hl. Vinzenz von Lerin wird von einigen als Bruder des hl. Bischofs LUPUS von Troyes ausgegeben; danach wäre er zu Toul in Lothringen geboren. Geschichtliche Anhaltspunkte gibt es für diese Annahme nicht. Wir kennen ihn nur als Mönch und Priester zu Lerin, wo er um das Jahr 434 sein berühmtes Buch: Commonitorium adv. Haereticos (Gedenkschrift oder Warnung gegen die Ketzereien) herausgab. Aus demselben lernen wir aber den heiligen Mann und dessen Grundsätze besser kennen, als aus der ausführlichsten Lebensbeschreibung, weshalb wir aus mehrfachen Gründen einen zum großen Teil wörtlichen Auszug aus demselben nicht unterlassen dürfen. Wo er geboren war, welchem Beruf er sich ursprünglich gewidmet hatte, ist unbekannt. Auch daß er früher Soldat gewesen, wie manche behauptet haben, ist ungewiß. Er nennt sich selbst einen Fremdling, der dem Kriegsdienste dieser Welt entflohen, allen Eitelkeiten und vergänglichen Vergnügungen, die er als traurige Verirrungen beklagt, Lebewohl gesagt habe, um dem Dienste Christi, als einer seiner geringsten Diener in der Einsamkeit des Klosters zu obliegen. Hier studierte, schrieb und betete er mit allem Eifer für as Heil seiner Seele, für die Verbreitung und die Einheit des Glaubens, für die Bekehrung der Ketzer und Sünder. Aus seiner Schrift klingt als Grundton die Überzeugung: wer nicht er katholischen Kirche und dem reinen unverfälschten Glauben anhängt, welchen sie lehrt, leidet ewigen Schaden. Da nun zu seiner Zeit die Wunden, welche die seit Arius entstandenen Ketzereien der Kirche Gottes geschlagen hatten, jeden Tag neu aufgerissen werden konnten, beschrieb er zunächst zu seiner eigenen Belehrung und beständigen Erinnerung die Merkmale, an welchen man die Wahrheit des katholischen Glaubens und die falschen Lehren der Häretiker gleichsam wie an einer sicheren und allgemeinen Regel erkennt, und bediente sich dabei des Rates und der Beihilfe der frömmsten und gelehrtesten Männer seiner Zeit. Die von ihm aufgestellte Regel, um die Trugschlüsse der Ketzer aufzufinden, ihre Schlingen zu vermeiden, und im Glauben rein und unversehrt zu verharren, ist zweifach: man muß sich erstens nach den Aussprüchen des göttlichen Gesetzes und zweitens nach der überlieferten Lehre (traditio) der katholischen Kirche richten (Kap. 1) Der Kanon der Heiligen Schrift für sich allein, setzt er (Kap. 2) hinzu, kann nicht Glaubensregel sein, weil dieselben verschiedener Auslegung unterliegen, und die Ketzer, die hierin den Marktschreiern und Giftmischern ähnlich sind, die Gewohnheit haben, haufenweise Schrifttexte auch für ihre falschen Behauptungen anzuführen, um dieselben annehmbar zu machen, wofür er zahlreiche Beispiele aus seiner Zeit namhaft macht. Nur die Auslegung durch die Kirche, als einer Autorität, welcher niemand widersprechen kann, sichert das rechte Verständnis der Heiligen Schriften. Da jedoch in der Kirche selbst zu seiner Zeit über manche wichtige Fragen, hinsichtlich welcher die Kirche nicht endgültig entschieden (definiert) hatte, noch Streitigkeiten obwalteten, fügt er (Kap. 3) hinzu: „Man muß mit großer Mühe darauf bedacht sein, zu ergreifen und festzuhalten, was immer, was überall, was von allen geglaubt worden ist. Was die Gesamtheit festhält, ist wahrhaft und zuverlässig katholisch, wie der Name selbst erkennen läßt. Also werden wir katholisch sein, wenn wir der Gesamtheit, dem Altertum und der Gemeinsamkeit folgen. Der Gesamtheit folgen wir, wenn wir nur allein denjenigen Glauben als den wahren bekennen, welchen die ganze auf dem Erdkreise verbreitete Kirche bekennt; dem Altertume, wenn wir an der Auslegung festhalten, welche unsere Heiligen und die Altväter unseres Glaubens in klarer Weise gegeben haben; der Gemeinsamkeit folgen wir, wenn wir bei Erforschung des Altertums dasjenige suchen, was alle heiligen Priester und Lehrer, oder doch fast alle, als Glaubenswahrheit erklärt haben." Wie aber, wenn auch diese Regel nicht mehr Stich hält, und die Spaltung so groß wird, daß die ganze Kirche davon ergriffen ist? Oder wenn das Altertum, weil die aufgeworfene Frage völlig neu ist, keine Antwort zu erteilen vermag? In diesem Falle bleiben die Konzilien, welche wie der siebenarmige Leuchter im jüdischen Tempel, die Sieben Gaben des Heiligen Geistes ausstrahlen, und den Späteren eine vollkommen klare Entscheidung geben, die sicheren Zeugen des von altes her überlieferten Glaubens. (Kap. 4-9) Umgekehrt sind Neuerungen, wo sie immer auftauchen mögen, sichere Kennzeichen des Irrtums, besonders wenn sie den Entscheidungen des Apostolischen Stuhles sich entgegen stellen. Selbst Beschlüsse von Partikular-Konzilien haben hiergegen nichts zu bedeuten. (Kap. 10) Wer aber mittelst Verkündigung neuer Lehren vom katholischen Glauben wissentlich abweicht, ist ein Ketzer, und wer die ketzerische Lehre glaubt und verkündet, was Gott zur Prüfung der Rechtgläubigen manchmal zuläßt, kann nicht selig werden. Wenn also was immer für eine wichtige neue Frage auftaucht, so darf sie nicht nach eigenem Ermessen entschieden, sondern muß nach dem Ausspruche des göttlichen Gesetzes auf Entscheidung des kirchlichen Lehramtes endgültig behandelt werden (cui tamen non ingenio proprio, sed divinae legis autoritate, ecclesiastici magisterio documento sitisfaciendum est). Nachdem der Heilige die hauptsächlichsten Ketzereien und Ketzer der älteren und seiner Zeit aufgezählt hat, weist er (Kap. 23) noch darauf hin, daß auch gelehrte, im Dienste der Kirche ergraute und bisher hoch angesehene Männer noch in den letzten Jahren ihres Lebens zu einer Sekte abfallen, oder eine Ketzerei aufrichten können und hierbei müsse man sich merken, daß alle wahren Katholiken diese Lehrer gerne annehmen, so lange sie mit der katholischen Kirche vereinigt sind, aber niemals diese Kirche verlassen dürfen, wenn die Lehrer es tun. Auch über den Fortschritt oder besser die Fortbildung des Glaubensinhaltes spricht er mit dankenswerter und äußerst lehrreicher Ausführlichkeit, und sagt unter anderem, daß unser Glaube ein Monstrum wäre, wenn er außer den in der ursprünglichen Offenbarung enthaltenen Wahrheiten auch andere von Menschen erdachte Meinungen als Glaubenswahrheiten in sich aufnehmen würde, wie der Mensch, welchem außer den ursprünglich seiner Natur zugehörigen Gliedern noch andere hinzuwachsen würden. Was aber schon damals die Neuerer an den Beschlüssen der Konzilien auszusetzen hatten, daß sie bisher unerhörte „neue Dogmen" verkündeten, weist er mit Entschiedenheit zurück: wenn auch die Ausdrücke neu klingen, so sei in denselben doch nur der alte, unveränderte Glaubensinhalt zum besseren Verständnis gebracht, und was bisher nur in der Überlieferung verschlossen war, durch schriftliche Feststellung zum Dogma erhoben. Es ist in der Tat eine große Unverschämtheit der reformatorischen Glaubensneuerer gewesen, daß sie es wagten, diesen hl. Vinzenz sozusagen zu ihrem Vormanne zu machen, indem sie seine Worte: „Was immer, was überall, was von allen" ihres ursprünglichen Sinnes entkleideten, und von den übrigen Ausführungen des hl. Lehrers, besonders von seinen Hinweisung auf die Entscheidungen der Konzilien so gut wie keine Notiz nahmen. Setzen wir hinzu, daß derselbe von den jeweiligen Aussprüchen des Hl. Stuhles mit größter Ehrfurcht redet, und sie höher stellt, als die Aussprüche von Partikular-Konzilien; daß er die Ehre und das Lob der Heiligen Gottesmutter Maria mit großem Enthusiasmus verkündet; daß er überall seine Schrifterklärung mit den Aussprüchen der heiligen Väter verbindet und erhärtet, so steht sein Bild als eines der größten Bekenner und Verteidiger des katholischen Glaubens so ehrwürdig vor uns da, daß wir die Verdächtigung, er habe der Semipelagianischen Sekte zugeneigt, einer Berücksichtigung nicht mehr wert halten dürfen. Sein Todesjahr ist nicht bekannt, fällt aber noch in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts. Die Proprien von Frejus und Nancy feiern sein Andenken am 28., das Martyrologium Romanum und die übrigen am 24. Mai.

J.N. Ginal


Es beginnt die Abhandlung des Peregrinus

Für das Altertum und die Allgemeinheit
des katholischen Glaubens
wider die gottlosen Neuerungen aller Häretiker

Vorrede

Da die Schrift sagt und mahnt (V. Mos. 32,7): „Frage deine Väter, und sie werden dir sagen, deine Ältesten, und sie werden dir verkünden", und wiederum (Sprüche 22,17): „Den Worten der Weisen leihe dein Ohr", und desgleichen (Sprüche 3,1): „Mein Sohn, diese Reden vergiß nicht, sondern meine Worte bewahre dein Herz"; so scheint es mir, dem Geringsten unter allen Dienern Gottes, Peregrinus, daß es mit Hilfe des Herrn eine Sache von nicht geringem Nutzen sein werde, wenn ich das, was ich in zuverlässiger Weise von den heiligen Vätern überkommen habe, schriftlich zusammenfasse. Es ist dies wenigstens für meine eigene Schwäche sehr notwendig, da nämlich (solchermaßen) etwas zu Handen ist, wodurch dem Mangel meines Gedächtnisses mittelst fleißigen Lesens abgeholfen werden mag. Zu diesem Unternehmen ermutigt mich nicht allein der von dem Werke zu hoffende Gewinn, sondern auch die Erwägung der Zeit und die Zweckmässigkeit des Ortes. Die Zeit deshalb, weil, da von ihr alles Menschliche geraubt wird, auch wir hinwiederum ihr etwas rauben müssen, was zum ewigen Leben förderlich ist, besonders da sowohl die schreckliche Erwartung des herannahenden göttlichen Gerichtes ein vermehrtes Studium der religiösen Dinge dringend erfordert, als auch die Arglist der neuen Häretiker viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit angezeigt sein läßt. Der Ort aber, weil wir, fern von der Volksmasse und dem Gewühle der Städte, ein abgelegenes Gütchen und auf demselben die stille Klosterzelle bewohnen, wo ohne große Zerstreuung das geschehen kann, wovon man im Psalme singt: „Haltet ein", heißt es (Ps. 45,11), „und sehet, daß ich der Herr bin". Aber auch die Beschaffenheit unseres Lebensplanes paßt dafür, da wir nämlich, nachdem wir eine Zeit lang von verschiedenen und widrigen Stürmen des weltlichen Kriegsdienstes umhergetrieben worden, uns endlich in den Hafen der Religion (Ordensstand), der für alle immerdar der sicherste bleibt, mit der Hilfe Christi geborgen haben, um dortselbst nach Ablegung der Aufblähungen der Eitelkeit und Hoffart, durch das Opfer christlicher Demut Gott versöhnend, nicht nur den Schiffbrüchen des gegenwärtigen Lebens, sondern auch dem Feuerbrande der künftigen Welt entrinnen zu können.

Nun aber will ich im Namen des Herrn an die Arbeit mich machen, nämlich das von den Vorfahren überlieferte und bei uns Hinterlegte aufzuzeichnen, mehr mit der Gewissenhaftigkeit eines Berichterstatters als mit dem Anspruche eines Autors, jedoch mit Beobachtung dieser Schreibweise, daß ich keineswegs alles, sondern nur das Notwendige berühre und auch dies nicht in schmuckvoller und abgerundeter, sondern in leichtfaßlicher und gemeinverständlicher Sprache, so daß das meiste mehr angedeutet als ausgeführt erscheint. Mögen diejenigen glänzend und abgemessen schreiben, welche zu einer solchen Arbeit entweder im Vertrauen auf ihr Talent oder auf Grund ihrer amtlichen Stellung berufen sind. Mir aber genüge es, zur Unterstützung meines Gedächtnisses oder vielmehr meiner Vergeßlichkeit wegen für mich selber ein Gedenkbüchlein abgefaßt zu haben, welches ich jedoch nach und nach durch wiederholtes Überdenken dessen, was ich gelernt habe, tagtäglich zu verbessern und zu ergänzen, so es der Herr gewährt, versuchen werde. Und dieses habe ich deshalb im voraus bemerkt, damit, wenn es etwa aus unserer Hand entschlüpft in die der Heiligen gelangt, sie in demselben nicht vorschnell etwas tadeln, was noch, wie sie sehen, zufolge der versprochenen Verbesserung gefeilt werden soll.

1.

Gegenüber häretischer Verkehrtheit sollen wir unseren Glauben sichern durch die Autorität der Heiligen Schrift und durch die kirchliche Überlieferung.

Auf vielseitige mit großem Eifer und angestrengtester Sorgfalt bei sehr zahlreichen, durch Heiligkeit und Gelehrsamkeit hervorragenden Männern gestellte Anfrage, in welcher Weise ich auf einem sicheren und gewissermaßen allgemeinen und regelrechten Wege die Wahrheit des katholischen Glaubens von der Falschheit häretischer Verkehrtheit unterscheiden könnte, erhielt ich immer von allen die Antwort, daß, wenn nun ich oder irgend ein anderer die Betrügereien auftretender Häretiker entdecken, deren Fallstricke meiden und im gesunden Glauben gesund und lauter verharren wollte, er auf doppelte Weise seinen Glauben mit Hilfe des Herrn bestärken müßte, nämlich erstens durch die Autorität des göttlichen Gesetzes, sodann durch die Überlieferung der katholischen Kirche.

2.

Bedürfnis der kirchlichen Autorität neben der Heiligen Schrift, weil diese von Verschiedenen verschieden ausgelegt wird.

Hier möchte vielleicht einer fragen: Da der Schriftkanon vollkommen ist und für sich allein zu allem genug und übergenug hinreicht, warum ist es nötig, mit demselben noch die Autorität der kirchlichen Erkenntnis zu verbinden? Deshalb, weil nämlich nicht alle die Heilige Schrift vermöge der ihr eigenen Tiefe in einem und demselben Sinne nehmen, sondern ihre Aussprüche der eine so, der andere anders deutet, so daß es fast den Anschein hat, es könnten daraus ebenso viele Meinungen, als es Menschen gibt, entnommen werden. Denn anders erklärt sie Novatian, anders Sabellius, anders Donatus, anders Arius, Eunomius, Macedonus, anders Photinus, Coelestius, anders endlich Nestorius. Und deshalb ist es wegen der so großen Winkelzüge so verschiedenen Irrtums sehr notwendig, daß bei der Auslegung der prophetischen und apostolischen Bücher die Richtschnur nach der Norm des kirchlichen und katholischen Sinnes gezogen werde.

3.

Definition von dem, was man kirchlich katholisch nennt.

Ebenso muss man in der katholischen Kirche selber sehr dafür Sorge tragen, daß wir das festhalten, was überall, was immer, was von allen geglaubt worden ist. Denn das ist wahrhaft und eigentlich katholisch, wie schon die Bedeutung und der Sinn des Namens erklärt, welcher soviel wie „allüberall (allumfassend)" besagt. Dies aber wird nur dann geschehen, wenn wir der Allgemeinheit, dem Altertum, der Übereinstimmung folgen. Wir werden aber der Allgemeinheit auf die Weise folgen, wenn wir bekennen, daß jener eine Glaube der wahre sei, welchen die ganze auf dem Erdkreise verbreitete Kirche bekennt. Dem Altertume aber so, wenn wir uns unter keinen Umständen von jenen Ansichten entfernen, von welchen klar ist, daß ihnen die heiligen Vorfahren und unsere Väter gehuldigt haben. Ebenso auch der Übereinstimmung, wenn wir innerhalb des Altertums selber uns den Bestimmungen und Aussprüchen aller, oder doch wenigstens fast aller Priester (Bischöfe) und Lehrer anschließen.

4.

Weitere Entwicklung der aufgestellten Glaubensregel.

Was wird also ein katholischer Christ dann tun, wenn sich irgend ein Teilchen der Kirche von der Gemeinschaft des allgemeinen Glaubens lossagt? Was anderes, als daß er dem verpesteten und angefaulten Gliede die Gesundheit des ganzen Körpers vorzieht? Was, wenn irgend eine neue Seuche nicht bloß mehr ein Teilchen, sondern gleicherweise die ganze Kirche zu beflecken sucht? Dann wird er ebenso darauf Bedacht nehmen, an das Altertum sich anzuschließen, welches ja nicht mehr durch irgend eine betrügerische Neuerung verführt werden kann. Was, wenn innerhalb des Altertums selber ein Irrtum zweier oder dreier Männer, oder selbst einer Stadt oder auch irgend einer Provinz angetroffen würde? Dann wird er sich’s aus allen Kräften angelegen sein lassen, der Vermessenheit der Unwissenheit Weniger die Beschlüsse eines von der Gesamtheit vor alters abgehaltenen allgemeinen Conciliums vorzuziehen. Was, wenn etwas solches auftaucht, wo sich nichts derartiges finden läßt? Dann wird er sich Mühe geben, die Aussprüche der Alten unter sich zu vergleichen und zu Rate zu ziehen und zu befragen, jedoch nur jener, welche, obgleich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten doch in der Gemeinschaft und dem Glauben der katholischen Kirche verharrend als glaubwürdige Lehrer sich bewährt haben; und was er sieht, daß nicht nur einer oder zwei, sondern alle gleicherweise in einem und demselben Sinne klar, oftmals, andauernd festgehalten, geschrieben, gelehrt haben, das soll er wissen, muß auch er selber ohne irgend einen Zweifel glauben. Damit aber das Gesagte noch deutlicher werde, müssen wir es im einzelnen durch Beispiele erläutern und etwas reichhaltiger ausführen, damit nicht bei dem Bestreben nach übermäßiger Kürze aller Eindruck der Sache durch die Eilfertigkeit der Rede hinweggenommen werde.

5.

Erprobung der aufgestellten Glaubensregel an der donatistischen Spaltung, wo es galt, gegen die Vermessenheit weniger den Glauben der Gesamtheit festzuhalten.

Als sich zur Zeit des Donatus, von welchem die Donatisten herstammen, ein großer Teil Afrikas in die Raserei seines Irrtums hineinstürzte und, uneingedenk des (christlichen) Namens, der Religion, des Bekenntnisses, der gotteslästerlichen Vermessenheit eines Mannes vor der Kirche Christi den Vorzug gab: damals konnten diejenigen, welche in Afrika mit Verabscheuung des ruchlosen Schisma an sämtliche Kirchen der Welt sich anschlossen, allein aus jenen allen innerhalb des Heiligtums des katholischen Glaubens das Heil erlangen, den Späteren fürwahr ein ausgezeichnetes Vorbild hinterlassend, wie man nämlich in der Folge nach gutem Brauche dem Wahnsinn eines oder doch nur weniger den gesunden Glauben aller vorziehen soll.

6.

Das Unheil der arianischen Irrlehre, welche als ruchlose Neuerung den Glauben des Altertums bedrängte.

Ebenso als das Gift der Arianer nicht mehr einen kleinen Teil, sondern fast den ganzen Erdkreis angesteckt hatte, so, daß, nachdem nahezu alle Bischöfe lateinischer Sprache, teils durch Gewalt, teils durch List irregeführt worden waren, die Geister von einer Art Schwindel befallen wurden und nicht mehr wußten, an was sie denn bei einer so großen Verwirrung der Dinge sich halten sollten; damals blieb, wer immer als wahrer Liebhaber und Verehrer Christi sich erwies dadurch, daß er den alten Glauben dem neuen Glaubensbruche vorzog, von aller Pest dieser Ansteckung unbefleckt. In dieser gefahrvollen Zeit zeigte es sich zur Genüge und mehr als zur Genüge, wie viel Unheil durch die Einführung einer neuen Glaubenslehre herbeigeführt wird. Denn damals wurden nicht nur geringfügige Dinge, sondern selbst die größten zum Wanken gebracht. Denn nicht bloß Schwägerschaften, Blutsverwandtschaften, Freundschaften, Häuser, sondern auch Städte, Völker, Provinzen, Nationen, zuletzt das ganze römische Reich wurden von Grund aus erschüttert und aufgeregt. Nachdem nämlich eben jene ruchlose Neuerung der Arianer, gleich wie eine Art von Bellona oder Furie vor allem zuerst des Kaisers sich bemächtigt und sodann sämtliche Spitzen des Palastes den neuen Grundsätzen unterworfen hatte, so hörte sie nachher keineswegs auf, alles untereinander zu mengen und zu rühren, Privates und Öffentliches, alles Heilige und Profane, auf das Gute und Wahre keinen Wert mehr zu legen, sondern allen, von denen es beliebte, wie von oben herab Schläge zu versetzen. Damals wurden Gattinnen entehrt, Witwen in ihrer Trauer mißhandelt, Jungfrauen geschändet, Klöster zerstört, Kleriker beunruhigt, Leviten geschlagen, Priester in die Verbannung getrieben, die Zuchthäuser, die Gefängnisse, die Bergwerke mit Heiligen angefüllt, von welchen der größte Teil, da ihnen die Städte untersagt waren, ausgestoßen und verjagt in Wüsteneien und Höhlen, unter wilden Tieren und Felsen durch Blöße, durch Hunger, durch Durst gequält, aufgerieben und zu Grunde gerichtet wurde. Und dies alles etwa aus einer anderen Ursache, als weil statt der himmlischen Glaubenslehre menschlicher Aberglaube eingeführt wird: weil das wohlbegründete Altertum durch frevelhafte Neuerung untergraben wird, weil die früheren Einrichtungen verdrängt, weil die Anordnungen der Väter aufgehoben, weil die Beschlüsse der Vorfahren umgestoßen werden, weil sich die Gier einer ruchlosen und neu aufgekommenen Grübelei nicht in den so keuschen Grenzen des geheiligten und unverdorbenen Altertums zu halten weiß?

7.

Lob derer, welche gegenüber der arianischen Ketzerei am alten Glauben festhielten.

Aber vielleicht erdichten wir dies nur aus Haß gegen die Neuerung und aus Liebe zum Altertum. Wer dieses meint, der glaube wenigstens dem seligen Ambrosius, welcher im 2. Buche an den Kaiser Gratian die Gräulichkeit der Zeit beklagend sagt: „Aber schon hinreichend, allmächtiger Gott, haben wir mit unserem Untergang und unserem Blute den Mord der Bekenner, die Verbannung der Priester und den Frevel so großer Gottlosigkeit gesühnt. Hinreichend ist es klar geworden, daß diejenigen, welche den Glauben verletzt haben, nicht sicher sein können." Ebenso heißt es im 3. Buche desselben Werkes: „Beobachten wir also die Vorschriften der Vorfahren und verletzen wir nicht die ererbten Siegel in roh vermessenem Unterfangen. Jenes versiegelte prophetische Buch (Offenb. Kap. 5,1) wagten nicht die Ältesten, nicht die Mächte, nicht die Engel, nicht die Erzengel zu öffnen; Christus allein wurde das Vorrecht es aufzuschlagen vorbehalten. Wer von uns möchte wagen, das priesterliche Buch zu entsiegeln, welches gesiegelt ist von den Bekennern und geweiht durch das Martyrium vieler? Die sich drängen ließen es zu entsiegeln, haben es doch nachher nach Verdammung des Truges besiegelt; die es nicht zu verletzen wagten, sind Bekenner und Martyrer geworden. Wie können wir den Glauben derer verleugnen, deren Sieg wir preisen?" Gewiß wir preisen sie, sage ich, o verehrungswürdiger Ambrosius, gewiß wir preisen sie und loben und bewundern sie. Denn wer ist jener so Unsinnige, welcher denjenigen, wenn er sie auch nicht zu erreichen vermag, nicht nachzufolgen wünschte, welche von der Verteidigung des Glaubens der Vorfahren keine Gewalt abbrachte, nicht Drohungen, nicht Schmeicheleien, nicht (die Liebe zum) Leben, nicht (die Furcht vor dem) Tod, nicht der Palast, nicht die Trabanten, nicht der Kaiser, nicht die kaiserliche Macht, nicht Menschen, nicht Dämonen, ihnen, sage ich, welche für ihr Festhalten an der Religion des Altertums der Herr so großer Gnade für würdig hielt, daß er durch sie die zu Grunde gerichteten Kirchen wieder herstellte, die geistig erstorbenen Völker neu belebte, die herabgefallenen Kronen der Priester wieder aufsetzte, jene ruchlosen Schriften, oder vielmehr Schmierereien der neuen Gottlosigkeit durch einen vom Himmel den Bischöfen eingegossenen Quell gläubiger Tränen auslöschte, endlich die Welt, die fast schon in ihrer Gesamtheit durch den wütenden Sturm der plötzlich ausgebrochenen Häresie darniedergeworfen war, zum alten Glauben von dem neuen Glaubensbruche, zur alten Gesundheit von dem Wahnsinn der Neuerung, zum alten Lichte von der Finsternis der Neuerung zurückführte.

8.

Die heldenmütigen Bekenner zur Zeit des Arianismus verteidigten den Glauben, welchen die Gesamtheit der alten Kirche gelehrt hatte.

Aber bei dieser, sozusagen, göttlichen Standhaftigkeit der Bekenner müssen wir auch dies ganz besonders erwägen, daß damals im Bereiche der alten Kirche selber von ihnen die Verteidigung (des Glaubens) nicht eines Teiles, sondern der Gesamtheit übernommen worden ist. Denn es wäre unzukömmlich gewesen, daß so große und so ausgezeichnete Männer die unsteten und sich selber widersprechenden Ansichten eines oder zweier Menschen mit so großer Anstrengung behaupteten, oder auch für das zufällige Einverständnis irgend einer kleinen Provinz (in einer irrigen Glaubenslehre) gekämpft hätten; sondern den Beschlüssen und Verordnungen aller Priester der heiligen Kirche, der Erben der apostolischen und katholischen Wahrheit getreu, wollten sie lieber sich selber als den Glauben der alten Gesamtheit aufopfern. Daher verdienten sie auch, zu so großem Ruhme zu gelangen, daß sie nicht bloß für Bekenner, sondern sogar für Fürsten und Bekenner mit Fug und Recht gehalten werden. Herrlich ist also dieses Beispiel eben jener Heiligen und wahrhaft göttlich und wert, von allen wahren Katholiken in unermüdeter Betrachtung erwogen zu werden, da sie nach Art des siebenarmigen Leuchters (vgl. II. Mos. 25,31 ff.), im siebenfachen Lichte des Heiligen Geistes strahlend, den Nachkommen das herrlichste Vorbild zeigten, auf welche Weise in der Folge bei dem jedesmaligen Gefasel (der Lehrer) des Irrtums durch das Ansehen des geheiligten Altertums die Frechheit gottloser Neuerung zunichte gemacht werden soll.

9.

Beispiel des Papstes Stephanus, welcher gegenüber der Neuerung der Wiedertäufer die Überlieferung aufrecht hielt.

Und dies ist auch wahrlich nicht neu. Denn dieser Brauch herrschte immerdar in der Kirche, daß je gottesfürchtiger einer war, er desto eifriger den neuen Erfindungen sich widersetzte. Solcher Beispiele ist alles voll. Um aber nicht weitläufig zu werden, wollen wir irgend eines und zwar vom apostolischen Stuhle hernehmen, damit alle klarer als das Tageslicht sehen, mit welcher Kraft, mit welchem Eifer, mit welcher Anstrengung die seligen Nachfolger der seligen Apostel immerdar die Reinheit des einmal angenommenen Glaubens verteidigt haben. Vorzeiten also behauptete Agrippinus, ehrwürdigen Angedenkens, Bischof von Carthago, zuerst von allen Sterblichen, entgegen der göttlichen Schrift, entgegen der Lehre der gesamten Kirche, entgegen der Ansicht aller Mitpriester, entgegen dem Brauche und den Verordnungen der Vorfahren die Notwendigkeit der Wiedertaufe. Diese Annahme stiftete soviel Unheil, daß dadurch nicht nur allen Häretikern ein Beispiel der Glaubensverletzung, sondern auch einigen Katholiken Gelegenheit zum Irrtum gegeben wurde. Da nun von allüberallher gegen die Neuheit der Sache sich allgemeiner Widerspruch erhob, sämtliche Priester aller Orten jeder nach dem Maße seines Eifers sich widersetzten, da widerstand Papst Stephanus, seligen Angedenkens, der Vorsteher des apostolischen Stuhles, zwar gemeinsam mit seinen übrigen Amtsgenossen, aber doch den anderen voran, indem er, wie ich glaube, es für angemessen hielt, alle übrigen ebensosehr an Glaubenshingabe hinter sich zu lassen, als er ihnen an Ansehen des Sitzes voranging. Darum hat er in dem Briefe, welchen er damals nach Afrika absendete, folgendermaßen verordnet: „Man darf nichts Neues einführen gegen das, was überliefert ist." Denn der heilige und kluge Mann sah ein, daß die Frömmigkeit ihrer Natur nach nichts anderes gestattete, als daß in allem ebenderselbe Glaube, der von den Vätern überkommen worden, an die Söhne vererbt werde, und daß wir die Religion, nicht wohin wir wollen, zu führen, sondern ich vielmehr, wohin sie uns führt, zu folgen haben, und daß dies das Eigentümliche der christlichen Bescheidenheit und Bedachtsamkeit sei, nicht das Seinige den Nachkommen zu überliefern, sondern das von den Vorfahren in Empfang genommene zu bewahren. Was war nun damals der Ausgang der ganzen Angelegenheit? Was für ein anderer wohl als der stets wiederholte und gewöhnliche? Zurückbehalten wurde nämlich der alte Glaube, verworfen die Neuerung.

10.

Trotz ihrer bedeutenden Stützen konnte die Lehre von der Notwendigkeit der Ketzertaufe sich in der Kirche nicht halten.

Aber vielleicht hat es damals der Neuerung an Vertretern gemangelt? Im Gegenteil stand ihr so große Kraft des Geistes zu Gebote, so reiche Ströme der Beredsamkeit, eine so große Anzahl Verteidiger, so große Wahrscheinlichkeit, so gewichtige Aussprüche des göttlichen Gesetztes, die aber in neuer und unrichtiger Weise verstanden wurden, daß es mir scheint, jene ganze Verschwörung habe auf keine andere Weise vereitelt werden können, als daß das neue Bekenntnis, es selber, das doch angenommen, es selber, das doch verteidigt, es selber, das doch angepriesen worden, die auf sich allein angewiesene Sache des so großen Unterfangens im Stiche ließ. Was hatte zuletzt das afrikanische Konzil selber oder dessen Beschluß für Wirkungen? Mit Gottes Gnade keine, sondern alles wurde wie eine Träumerei, wie eine Fabel, wie etwas Überflüssiges beseitigt, verworfen, niedergeschlagen.

11.

Mißbrauch der Sektierer, wenn sie einen dunklen Ausspruch eines alten heiligen Lehrers für sich ausnützen.

Und o wunderbarer Wechsel der Dinge! Die Urheber eben jener Meinung werden für Katholiken, die (späteren) Anhänger aber für Häretiker erklärt. Losgesprochenwerden die Lehrer, verdammt die Schüler; die Verfasser der Bücher werden Kinder des (himmlischen) Reiches sein, die Verteidiger aber wird die Gehenna aufnehmen. Denn wer ist so von Sinnen, daß er zweifeln möchte, der überglückselige Cyprian, jenes Licht aller heiligen Bischöfe und Martyrer, werde mit seinen übrigen Amtsgenossen in Ewigkeit mit Christus herrschen? Oder wer ist im Gegenteil so verrucht, daß er leugnen möchte, die Donatisten und die übrigen pestartigen Irrlehrer, welche sich rühmen auf das Ansehen jenes Conciliums hin wiederzutaufen, werden in Ewigkeit mit dem Teufel brennen? Dieses Gericht scheint mir durch göttliche Fügung ergangen zu sein, hauptsächlich um der Arglist derjenigen willen, welche, da sie unter fremdem Namen eine Häresie anzustiften trachten, die in etwas unklaren Ausdrücken abgefaßt sind, und die gemäß der in ihnen herrschenden Dunkelheit mit ihrer Lehre übereinzustimmen scheinen, so daß es aussieht, als ob all jenes, ich weiß nicht was, das sie vorbringen, weder von ihnen zuerst noch allein behauptet werde. Diese ihre Nichtswürdigkeit halte ich doppelten Hasses wert, einmal darum, weil sie sich nicht scheuen, das Gift der Häresie auch anderen zu trinken zu geben, sodann auch deshalb, weil sie das Andenken irgend eines heiligen Mannes, wie bereits verglühte Asche, mit ruchloser Hand anfachen und Meinungen, welche in Stillschweigen hätten begraben werden sollen, wiederauffrischen und unter die Leute bringen, ganz und gar den Fußstapfen ihres Lehrmeisters Cham folgend, welcher die Blöße des ehrwürdigen Noe nicht bloß zu bedecken unterließ, sondern davon auch, um ihn dem Gespötte preiszugeben, andern Nachricht gab. Hierdurch zog er sich eine so große Schuld verletzter Kindespflicht zu, daß sogar auch seine Nachkommen von dem über seine Sünde ausgesprochenen Fluche getroffen wurden, seinen preiswürdigen Brüdern in allweg ungleich, welche die Blöße ihres ehrwürdigen Vaters weder mit eigenen Augen schänden noch auch fremden preisgeben wollten, sondern denselben, wie es in der Schrift heißt, mit abgewandtem Gesichte zudeckten. Das heißt, sie billigten weder den Fehler des heiligen Mannes, noch zogen sie ihn ans Tageslicht. Und deshalb wurden sie mit heiligem bis auf die Nachkommen sich erstreckenden Segen bedacht. Doch wir wollen zu unserem Gegenstande zurückkehren.

12.

Aussprüche des Apostels Paulus, daß man an dem überlieferten Glaubensinhalte nichts ändern dürfe.

Mit ängstlicher Sorge müssen wir uns daher vor dem Verbrechen der Glaubensänderung und Religionsentweihung in Acht nehmen, wovon uns nicht bloß die Zucht der kirchlichen Verfassung, sondern auch die Strenge auf apostolischem Ansehen beruhender Aussprüche zurückschreckt. Denn es ist allen bekannt, wie eindringlich, wie ernstlich, wie heftig der Apostel Paulus gegen einige sich wendet, „welche in befremdlicher Leichtfertigkeit sich allzu bald wegwenden ließen von demjenigen, welcher sie berufen hatte zur Gnade Christi, zu einem anderen Evangelium, da ein anderes nicht ist." (Gal. 1, 6.7.) „Sie hatten sich Lehrer nach ihren Gelüsten zusammengehäuft, von der Wahrheit das Gehör abkehrend, zu Fabeln aber sich hinwendend" (II. Tim. 4, 3.4.); „Verdammnis sich zuziehend, weil sie die erste Treue zunichte gemacht." (I. Tim. 5,12) Sie waren von denjenigen hintergangen worden, von welchen derselbe Apostel an die römischen Brüder schreibt (Röm. 16,17.18.): „Ich bitte euch aber, Brüder, daß ihr auf diejenigen Obacht gebet, welche die Spaltungen und Ärgernisse wider die Lehre, welche ihr gelernt, verursachen; und weichet ihnen aus. Denn derartige dienen nicht unserem Herrn Christus, sondern ihrem Bauche; und durch süße Reden und Anpreisungen verführen sie die Herzen der Unschuldigen." „Sie (II. Tim. 3,6) schleichen sich in die Häuser ein und nehmen Weiblein gefangen, beladen mit Sünden, welche getrieben werden von mancherlei Gelüsten, immer lernend und zur Erkenntnis der Wahrheit niemals gelangend." „Eitle (Tit. 1,10.11.) Schwätzer und Verführer, die ganze Häuser verkehren, lehrend, was man nicht soll, schändlichen Gewinnes halber." „Menschen, (II. Tim. 3,8) verderbten Sinnes, verworfen hinsichtlich des Glaubens." „Aufgeblasen (I. Tim. 6,4.5.) und doch nichts wissend, sondern krank an Streitfragen und Wortgefechten, die der Wahrheit beraubt sind, glaubend, ein Erwerbmittel sei die Religion." „Zugleich aber auch (I. Tim. 5,13) müßig, lernen sie in den Häusern herumgehen; nicht nur aber müßig, sondern auch geschwätzig und vorwitzig, redend, was sich nicht geziemt"; „ein gutes Bewußtsein (I. Tim. 1,19) von sich stoßend, haben sie am Glauben Schiffbruch gelitten"; „ihr (II. Tim. 2,16.17.) heilloses leeres Geschwätz befördert gar sehr Gottlosigkeit, und ihre Rede frißt wie Krebsschaden um sich". Treffend aber heißt es von ihnen gleichfalls (II. Tim. 3,9): „Weiter aber werden sie es nicht bringen. Denn ihr Unverstand wird allen offenbar sein, wie er es auch bei jenen geworden." Da also einige solche in den Provinzen und Städten umherziehend und um’s Geld feile Irrtümer mit sich bringend, auch zu den Galatern gekommen waren, und die Galater, nachdem sie dieselben gehört, gewissermaßen von Eckel an der Wahrheit befallen, das Manna der apostolischen und katholischen Lehre wieder von sich gebend am Unflat der häretischen Neuerung ihre Lust fanden; da machte sich das Ansehen der apostolischen Machtvollkommenheit derart geltend, daß er mit dem höchsten Ernste erklärte (Gal. 1,8): „Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündigte als das, welches wir euch verkündigt haben, so sei er anathema." Warum sagt er: Aber wenn auch WIR? Warum nicht vielmehr: Aber wenn auch ICH? Das heißt: Wenn auch Petrus, wenn auch Andreas, wenn auch Johannes, wenn endlich auch die gesamte Schar der Apostel euch ein anderes Evangelium verkündigte als das, welches wir verkündigt haben, so sei er anathema! Fürchterliche Drohung, um zum Festhalten am ersten Glauben anzueifern! Und weder sich noch die übrigen Apostel geschont zu haben, ist noch zu wenig. „Wenn auch ein Engel", sagt er, „vom Himmel herab euch ein anderes Evangelium verkündigte als das, welches wir verkündigt haben, so sei er anathema." Es genügte nicht zum Schutze des einmal überlieferten Glaubens, nur den Bereich der menschlichen Wesen erwähnt zu haben, ohne auch die erhabenen englischen Geister miteinzubegreifen. „Wenn auch wir", sagt er, „oder ein Engel vom Himmel". Nicht als ob die heiligen und himmlischen Engel sündigen könnten, sondern das will er sagen: Wenn es auch geschehe, was aber nicht geschehen kann; wer immer den einmal überlieferten Glauben zu ändern versucht, der sie anathema!

13.

Diese Aussprüche des heiligen Paulus sind strenge und als für alle gleich verbindlich aufzufassen.

Aber vielleicht hat er dieses nur so obenhin gesprochen und mehr in menschlichem Ungestüm als in göttlicher Weise erklärt. Das sei ferne. Denn es folgt darauf, und er legt eben dies mit dem größten Nachdrucke wiederholte Einschärfung an’s Herz (Gal. 1,9): „Wie wir vorher gesagt haben, so sage ich nun wiederum. Wenn jemand euch ein anderes Evangelium erkündet als das, welches ihr empfangen habt, so sei er anathema!" Er sagte nicht: „Wenn jemand euch etwas anderes verkündigt als das, was ihr empfangen habt, so sei er gesegnet, so werde er gelobt und aufgenommen; sondern „so sei er anathema", sagt er, das heißt abgesondert, ausgeschieden, ausgeschlossen, damit nicht die unheilvolle Anstreckung eines Schafes die gesunde Herde Christi durch giftige Vermischung verderbe. Aber vielleicht wurde jenes nur den Galatern befohlen. Also wäre auch das den Galatern allein geboten, was im Verlaufe desselben Briefes erwähnt wird (Gal. 5,25.26.): „Wenn wir leben im Geiste, laßt uns im Geiste auch wandeln. Werden wir nicht nach eitlem Ruhme begierig, indem wir einander aufreizen, einander beneiden", und so weiter. Wenn nun dieses ungereimt ist, und diese Gebote allen gleichmäßig gegeben sind, so bleibt nur übrig, daß gleichwie diese Sittenpflichten, so auch jene Glaubensverordnungen alle in gleicher Weise umfassen.

14.

Gemäß der Lehre des Apostels war, ist und wird es niemals gestattet sein, etwas anderes im Glauben anzunehmen, als was überliefert worden.

Und so wie es niemand gestattet ist, den andern herauszufordern oder zu beneiden, so soll es niemandem gestattet sein, etwas anderes als das anzunehmen, was die katholische Kirche von jeher als Evangelium verkündet. Oder wurde vielleicht damals befohlen, daß jemand, wenn er etwas anderes verkündigt als das, was verkündigt worden war, anathema sein soll; jetzt aber wird es nicht mehr befohlen? Also wäre auch das, was er gleichfalls dort sagt (Gal. 5,16): „Ich sage aber: Wandelt im Geiste und das Gelüste des Fleisches vollbringet nicht", nur damals befohlen worden, gegenwärtig aber wird es nicht befohlen. Wenn es nun gottlos und verderblich ist, so zu glauben, so folgt notwendig, daß, gleich wie dieses zu allen Zeiten beobachtet werden muß, so auch jenes, was in Betreff der Unveränderlichkeit des Glaubens verordnet wurde, für alle Zeiten geboten sei. Den katholischen Christen also etwas anderes zu verkündigen als das, was sie empfangen haben ,war niemals gestattet, ist niemals gestattet, wird niemals gestattet sein; und diejenigen mit dem Anathema zu belegen, die etwas anderes verkündigen als das, was einmal empfangen worden ist, war immerdar notwendig, ist immerdar notwendig, wird immerdar notwendig sein. Da dem sich also verhält, ist da wohl jemand so frech, etwas anderes als das, was in der Kirche verkündet worden, zu verkünden, oder so leichtsinnig, etwas anderes als das, was er von der Kirche erhalten, anzunehmen? Er ruft und ruft es wiederholt und ruft es allen und immerdar und allenthalben durch seine Briefe zu, Er, das Gefäß der Auserwählung, Er, der Lehrer der Heiden, Er, der Apostel Posaune, Er, der Lande Herold, Er, der Kundige des Himmels, daß, wenn einer eine neue Glaubenslehre verkündigt, er mit dem Anathema belegt werden soll. Dagegen aber rufen einige Frösche und Bremsen und Eintagsfliegen, dergleichen die Pelagianer sind, und zwar (rufen sie es) den Katholiken zu: Auf unser Ansehen, auf unsere Führung, auf unsere Auslegung hin verdammet, was ihr festgehalten, haltet fest, was ihr verdammt habt; verwerfet den alten Glauben, die väterlichen Satzungen, der Vorfahren Hinterlage; und nehmet an, nun was denn? Ich entsetze mich es zu sagen: Denn es sind so hochmütige Dinge, daß mir nicht bloß ihre Behauptung, sondern sogar ihre Zurückweisung nicht ohne alle Sünde möglich erscheint.

15.

Warum Gott duldet, daß manchmal sonst ausgezeichnete Männer in der Kirche neue Glaubenssätze aufstellen.

Aber wird einer sagen: Warum also wird es von Gott so oft zugelassen, daß Personen, die innerhalb der Kirche stehen, den Katholiken Neues verkünden? Eine berechtigte Frage und wert, sorgfältiger und eingehender behandelt zu werden; doch soll ihr nicht nach meinem eigenen Verstande, sondern nach dem Ansehen des göttlichen Gesetzes, nach dem Ausspruche des kirchlichen Lehramtes Genüge geschehen. Hören wir also den heiligen Moses; er selber soll uns lehren, warum es gelehrten Männern und solchen ,welche wegen der Gabe der Wissenschaft von dem Apostel sogar Propheten genannt werden, bisweilen gestattet wird, neue Glaubenssätze vorzubringen, welche das Alte Testament in allegorischer Sprache fremde Götter zu nennen pflegt, deshalb, weil nämlich von den Häretikern deren Meinungen so, wie von den Heiden jene Götter verehrt werden. Es schreibt also der selige Moses im Deuteronomium (V. Mos. 13,1-3): „Wenn aufsteht", sagt er, „in deiner Mitte ein Prophet oder einer, der ein Traumbild gesehen zu haben vorgibt", das heißt, ein in der Kirche aufgestellter Lehrer, von dem seine Schüler oder Zuhörer glauben, daß er zufolge irgend einer Offenbarung lehre. Was weiter? „Und er sagt voraus", heißt es, „ein Zeichen oder Wunder, und es trifft ein, was er gesprochen hat". Es wird in der Tat ein großer, ich weiß nicht, was für ein Lehrer angedeutet von so großer Wissenschaft, daß seine Anhänger glauben , er wisse nicht bloß das, was menschlich ist, sondern könne auch das, was über den Menschen hinausgeht, vorauswissen, dergleichen, wie gemeiniglich ihre Schüler prahlen, Valentinus, Donatus, Photinus, Apollinaris und die übrigen dieser Art gewesen. Was hernach? „Und er spräche zu dir, heißt es: Laßt uns gehen und anderen Göttern folgen, welche du nicht kennst, und ihnen dienen". Wer sind die anderen Götter als Irrtümer, welche du nicht kanntest, das heißt, neue und nicht gehörte? „Und laßt uns ihnen dienen", das heißt, ihnen glauben, ihnen folgen. Was nun am Schlusse? „Höre nicht", heißt es, „auf die Worte jenes Propheten oder Träumers." Und warum, ich bitte dich, wird von Gott nicht verwehrt, daß solches gelehrt werde, was von Gott verwehrt wird anzuhören? „Weil", heißt es, „der Herr, euer Gott, euch versucht, damit offenbar werde, ob ihr ihn liebet, oder nicht, aus ganzem Herzen und aus eurer ganzen Seele." Klarer als das Sonnenlicht ist der Grund dargelegt, warum bisweilen die göttliche Vorsehung duldet, daß einige Lehrer der Kirchen neue Glaubenssätze predigen. „Damit euch versuche", heißt es, „der Herr, euer Gott." Und in der Tat, es ist eine große Versuchung, wenn derjenige, welchen du für einen Propheten, welchen du für einen Prophetenschüler, welchen du für einen Lehrer und Verteidiger der Wahrheit hältst, an welchem du mit höchster Verehrung und Liebe gehangen, wenn dieser p0lötzlich insgeheim schädliche Irrtümer einführt, welche du weder sogleich zu bemerken vermagst, da du noch von Vorurteil zu Gunsten des alten Lehrers eingenommen bist, noch leicht zu verdammen für Pflicht hältst, indem du durch die Liebe zum ehemaligen Lehrer daran verhindert wirst.

16.

Der angeführte Ausspruch des Moses wird auf die Irrlehren des Nestorius, Photinus und Apollinaris angewendet.

Hier möchte vielleicht einer verlangen, daß das, was auf Grund der Worte des heiligen Moses behauptet worden, durch einige kirchengeschichtliche Beispiele nachgewiesen werde. Eine billige Forderung, welcher nachzukommen nicht lange gesäumt werden darf. Denn, um von dem Nächsten und von Bekanntem anzufangen, wie gefährlich glauben wir, daß neulich die Versuchung gewesen sei, als jener unglückselige Nestorius, plötzlich aus einem Schafe in einen Wolf verwandelt, die Herde Christi zu zerreißen anfing, da ihn diejenigen selber, welche angefallen wurden, noch großenteils für ein Schaf hielten und deshalb seinen Bissen umso mehr bloßgestellt waren? Denn wer hätte geglaubt, daß der so leicht irre, den man durch das so erhabene Urteil des kaiserlichen Hofes erwählt, den man mit so großem Eifer von den Priestern verlangt sah; der, da er großer Liebe der Heiligen, höchster Gunst des Volkes sich erfreute, täglich in öffentlichen Vorträgen die göttlichen Offenbarungen behandelte und alle die verderblichen Irrtümer der Juden und Heiden in ihrer Nichtigkeit nachwies? Wie hätte nicht der jedem Vertrauen einflößen sollen, er lehre Rechtes, erpredige Rechtes, er behaupte Rechtes, welcher, um seiner einen Häresie den Zugang zu eröffnen, den gotteslästerlichen Behauptungen aller Häresien zu Leibe ging? Aber hier traf ein, was Moses sagt: „Es versucht euch der Herr, euer Gott, ob ihr ihn liebet, oder nicht." Und um Nestorius zu übergehen, der von jeher mehr Bewunderung genoß als Verdienste hatte, größeren Rufes sich erfreute als Kenntnisse besaß, den durch die Volksmeinung eine Zeit lang mehr die menschliche als die göttliche Gunst groß gemacht hatte; so wollen wir vielmehr diejenigen erwähnen, welche mit vielen Vorzügen und großer Tätigkeit ausgestattet, den Katholiken zu nicht geringer Versuchung gereichten, wie nach dem Gedenken unserer Vorfahren von Photinus gemeldet wird, daß er bei den Pannoniern die sirmische Kirche versucht habe, wo er, nachdem er mit großem Beifalle aller auf den bischöflichen Stuhl berufen worden war und eine Zeit lang als Katholik sein Amt verwaltet hatte, plötzlich, wie jener schlimme Prophet oder Träumer, auf den Moses hindeutet, dem ihm anvertrauten Volke Gottes einzureden anfing, andern Göttern zu folgen, das heißt, fremden Irrtümern, von welchen es vorher nichts wußte. Doch dies ist häufig der Fall. Das Verderbliche aber war dies, daß er zu so großem Frevel keine geringen Hilfsmittel gebrauchte. Denn er besaß große Geistesgaben und war ausgezeichnet durch reiche Gelehrsamkeit, und von hinreißender Beredsamkeit, wie er denn in beiden Sprachen geläufig und eindringlich redete und schrieb. Es erhellt dies aus den Urkunden seiner Bücher, welche er teils in griechischer, teils in lateinischer Sprache verfaßte. Doch zum Glück waren die ihm anvertrauten Schafe Christi für ihren katholischen Glauben sehr wachsam und vorsichtig, besannen sich schnell auf die Aussprüche des zum voraus warnenden Moses und waren, wenn sie auch die Beredsamkeit ihres Propheten und Hirten bewunderten, doch über die Versuchung nicht im Unklaren. Denn wie sie ihm vorher gleichsam als dem Widder der Herde folgten, so fingen sie an, ihn nachher wie einen Wolf zu fliehen. Und nicht bloß durch das Beispiel des Photinus, sondern auch des Apollinaris lernen wir die Gefahr einer solchen in der Kirche auftauchenden Versuchung kennen und werden zugleich zur Hut des Glaubens und zur sorgfältigeren Achtsamkeit auf denselben gemahnt. Denn er brachte seine Zuhörer in große Verlegenheit und arge Bedrängnis, da sie nämlich das Ansehen der Kirche hierher zog, die Anhänglichkeit an den Lehrer aber dorthin, und da sie zwischen beiden Seiten schwankend und hin und her treibend zu keinem Entschlusse kommen konnten, welche Partei sie wählen sollten. Aber vielleicht war jener Mann der Art, daß er verdiente, ohne weiteres verachtet zu werden? Im Gegenteil war er so hervorragend und ausgezeichnet, daß er nur allzubald bei sehr vielen Glauben fand. Denn wer hätte ihm in Schärfe des Verstandes, in Übung, in Gelehrsamkeit den Vorrang abgewonnen? Wie viele Häresien er durch seine zahlreichen Schriften unterdrückte, wie viele dem Glauben feindselige Irrtümer er widerlegte, Beweis dessen ist jenes so berühmte vortreffliche Werk von nicht weniger als 30 Büchern, womit er die unsinnigen Verleumdungen des Porphyrius durch die nachdrucksame Kraft seiner Beweise zu Schanden machte. Es wäre zu weitläufig, alle seine Werke zu erwähnen, wodurch er in der Tat den größten Erbauern der Kirche hätte gleichkommen können ,wenn nicht durch jene heillose Sucht häretischer Grübelei ein, ich weiß nicht was für Neues hinzugekommen wäre, wodurch er alle seine Arbeiten wie durch Beimischung eine Art von Aussatz befleckte und verschuldete, daß seine Lehre nicht so sehr eine Erbauung als vielmehr eine Versuchung für die Kirche zu nennen war. Hier wird vielleicht von mir gefordert, daß ich die Häresien der Männer, welche ich oben erwähnt, darlege, des Nestorius nämlich, des Apollinaris und des Photinus. Dies gehört zwar nicht zur Sache, um die es sich gegenwärtig handelt. Denn wir haben uns vorgenommen, nicht auf die Irrtümer einzelner einzugehen, sondern einige wenige Beispiele vorzubringen, aus denen klar und deutlich hervorgehen soll, was Moses sagt, daß nämlich, wenn irgend ein kirchlicher Lehrer, und wäre er auch ein Prophet in Erklärung der Geheimnisse der Propheten, etwas Neues in der Kirche Gottes einzuführen versucht, dies die göttliche Vorsehung zu unserer Versuchung geschehen läßt.

17.

Nähere Darlegung der Irrlehren des Photinus, Apollinaris und Nestorius.

Nichtsdestoweniger wird es nützlich sein, im Vorbeigehen kurz auseinanderzusetzen, was die obenerwähnten Häretiker behaupten, nämlich Photinus, Apollinaris, Nestorius. Die Lehre des Photinus nun ist folgende. Er sagt, Gott sei einzig und alleinig, und man müsse ihn nach Art der Juden bekennen. Die Fülle der Dreifaltigkeit leugnet er und glaubt nicht, daß es eine Person Gottes des Wortes (Logos) oder des Heiligen Geistes gebe. Christus aber, behauptet er, sei nur alleinig Mensch, und schreibt ihm einen Anfang aus Maria zu. Und das behauptet er auf alle Art, daß wir nur allein die Person Gottes des Vaters, Christus aber nur als bloßen Menschen verehren dürfen. So nun Photinus. Apollinaris aber sagt, er stimme zwar in der (Lehre von der) Einheit der Dreifaltigkeit (mit dem kirchlichen Glauben) überein – doch auch dieses (tut er) nicht mit voller Gesundheit des Glaubens -; aber in der (Lehre von der) Menschwerdung des Herrn ist sein Bekenntnis offenbar ein lästerliches. Denn er sagt, im Fleische unseres Heilandes sei entweder eine menschliche Seele gar nicht gewesen, oder doch nur eine solche, der es an Verstand und Vernunft fehlte. Aber auch selbst das Fleisch des Herrn, sagt er, sei nicht vom Fleische der heiligen Jungfrau Maria angenommen, sondern vom Himmel in die Jungfrau herabgestiegen; und immer schwankend und unschlüssig lehrte er bald, dasselbe sei gleich ewig mit Gott dem Worte, bald es sei von der Gottheit des Wortes geschaffen. Denn er wollte nicht (annehmen), daß in Christus zwei Substanzen (d.h. Naturen) sind, die eine göttlich, die andere menschlich, die eine vom Vater, die andere von der Mutter; sondern er glaubte, die Natur des Wortes selber sei gespalten worden, gleichsam als ob der eine Teil davon in Gott zurückgeblieben, der andere aber in Fleisch verwandelt worden wäre, so daß, während die Wahrheit sagt, aus zwei Substanzen sei ein Christus, jener der Wahrheit entgegen behauptet, aus der einen Gottheit Christi seien zwei Substanzen geworden. So also Apollinaris. Nestorius aber, von einer dem Apollinarismus entgegengesetzten Krankheit angesteckt, führt, indem er angeblich zwei Substanzen in Christus unterscheiden will, plötzlich zwei Personen ein und will mit unerhörtem Frevel, daß zwei Söhne Gottes seien, zwei Christusse, der eine Gott, der andere ein Mensch; der eine, der aus dem Vater, der andere, der aus der Mutter gezeugt sei. Und deshalb behauptet er, die heilige Maria sei nicht Gottesgebärerin, sondern Christusgebärerin zu nennen, weil nämlich aus ihr nicht jener Christus, welcher Gott ist, sondern jener, welcher Mensch war, geboren worden sei. Wenn aber einer meint, derselbe rede in seinen Schriften von einem Christus und lehre eine Person Christi, so traue er nicht ohne weiteres. Denn entweder hat er dies nur aus Arglist ersonnen, um durch das Gute desto leichter auch das Böse aufzuschwätzen, wie der Apostel sagt (Röm. 7,13): „Mittels des Guten hat es mir den Tod gewirkt." Entweder also spricht er, wie wir gesagt haben, nur um zu täuschen, in einigen Stellen seiner Schriften sich aus, daß er an einen Christus und an eine Person Christi glaube, oder er meint doch sicherlich, erst nach der Geburt der Jungfrau hätten sich die beiden Personen zu einem Christus vereinigt, so daß er doch behauptet, zur Zeit der jungfräulichen Empfängnis oder Geburt und noch einige Zeit nachher seien zwei Christusse gewesen, als ob nämlich, während Christus zuerst als gewöhnlicher und bloßer Mensch geboren und noch nicht mit dem Worte Gottes in Einheit der Person verbunden worden, nachher die Person des (Fleisch) annehmenden Wortes auf ihn herabgekommen, und, obgleich er jetzt in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen bleibt, doch eine Zeit lang zwischen ihm und den übrigen Menschen kein Unterschied gewesen sei.

18.

Gedrängte Wiederholung dieser Irrlehren und kurze Gegenüberstellung der katholischen Wahrheit.

So also bellen die wütenden Hunde Nestorius, Apollinaris, Photinus wider den katholischen Glauben; Photinus, indem er die Dreifaltigkeit nicht bekennt; Apollinaris, indem er die Natur des Wortes veränderlich nennt und nicht zwei Substanzen in Christus bekennt und entweder die ganze Seele Christi oder doch wenigstens den geistigen und vernünftigen Teil derselben leugnet und behauptet, das Wort habe die Stelle des Geistes eingenommen.; Nestorius, indem er dartun will, zwei Christusse seien entweder von jeher oder doch einmal gewesen. Die katholische Kirche aber, die von Gott und unserem Heilande das Rechte glaubt, stellt weder in Betreff des Geheimnisses der Dreifaltigkeit, noch in Betreff der Fleischwerdung Christi gotteslästerliche Behauptungen auf. Denn sie verehrt sowohl eine Gottheit in der Fülle der Dreiheit als auch die Gleichheit der Dreiheit in einer und derselben Majestät und bekennt einen Christus Jesus, nicht zwei, und eben diesen zugleich als Gott und Mensch. Sie glaubt, daß in ihm zwar eine Person aber zwei Substanzen, zwei Substanzen aber eine Person sei; zwei Substanzen, weil das Wort Gottes nicht veränderlich ist, so daß es sich in Fleisch verwandelte; eine Person, damit es nicht, wenn wir zwei Söhne bekennen würden, den Anschein gewinne, als verehrten wir eine Vierheit, nicht eine Dreiheit.

19.

Ausführlichere Darlegung der katholischen Lehre von der Trinität und der Person Christi.

Doch es ist der Mühe wert, dieses einer wiederholten noch genaueren und ausführlicheren Erörterung zu unterziehen. In Gott ist eine Substanz, aber drei Personen; in Christus sind zwei Substanzen, aber eine Person. In der Dreifaltigkeit sind die Personen verschieden, nicht das Wesen; im Heilande ist Verschiedenheit der Substanzen, nicht Verschiedenheit der Person. Wie sind in der Dreifaltigkeit die Personen verschieden, das Wesen nicht? Weil nämlich eine andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes; aber doch ist die Natur des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes nicht eine verschiedene, sondern ein und dieselbe. Warum sind im Erlöser die Substanzen verschieden, nicht die Person? Weil nämlich eine andere ist die Substanz der Gottheit, eine andere die der Menschheit; aber doch sind Gottheit und Menschheit nicht verschiedene, sondern ein und derselbe Christus, ein und derselbe Sohn Gottes und ein und dieselbe Person eines und desselben Christus und Sohnes Gottes; wie im Menschen etwas anderes ist das Fleisch und etwas anderes die Seele, aber doch Seele und Fleisch ein und derselbe Mensch sind. In Petrus und Paulus ist etwas anderes die Seele, etwas anderes das Fleisch, doch sind Petri Fleisch und Seele nicht zwei (Personen), oder ist ein Paulus die Seele und ein anderer das Fleisch; sondern es ist ein und derselbe Petrus, ein und derselbe Paulus, besehend aus der doppelten und verschiedenen Natur der Seele und des Leibes. So also sind in einem und demselben Christus zwei Substanzen; aber die eine ist göttlich, die andere menschlich; die eine aus dem Vater, Gott, die andere aus der Mutter, der Jungfrau, die eine ewig und gleich mit dem Vater, die andere zeitlich und geringer als der Vater; die eine wesensgleich mit dem Vater, die andere wesensgleich mit der Mutter; doch ein und derselbe Christus in beiden Substanzen. Nicht also ist ein anderer Christus Gott, ein anderer Mensch; nicht ein anderer leidensunfähig, ein anderer leidensfähig; nicht ein anderer gleich dem Vater, ein anderer geringer als der Vater; nicht ein anderer aus dem Vater, ein anderer aus der Mutter; sondern ein und derselbe Christus (ist) Gott und Mensch, derselbe unerschaffen und geschaffen, derselbe unveränderlich und leidensunfähig, derselbe veränderlich und leidend, derselbe dem Vater gleich und nachstehend, derselbe aus dem Vater vor allen Zeiten gezeugt, derselbe in der Zeit aus der Mutter geboren, vollkommener Gott, vollkommener Mensch. In Gott die höchste Gottheit, im Menschen die volle Menschheit. Die volle Menschheit, sage ich, die nämlich Seele und Fleisch zugleich hat, aber wahres Fleisch, unseres, von der Mutter hergenommen; eine Seele aber, welche mit Erkenntnis begabt, mit Verstand und Vernunft ausgestattet ist. Es ist also in Christus das Wort, die Seele, das Fleisch; aber dieses alles ist ein Christus, ein Sohn Gottes und unser einer Heiland und Erlöser. Einer aber nicht durch, ich weiß nicht was für eine verschlechternde Mischung von Gottheit und Menschheit, sondern durch eine unversehrte und einzigartige Einheit der Person. Denn nicht hat jene Verbindung das eine in anderes verwandelt und verändert (was der den Arianern eigentümliche Irrtum ist), sondern hat vielmehr beides so in eines zusammengefügt, daß, während in Christus immerdar die Einzigkeit einer und derselben Person bleibt, in Ewigkeit auch die Eigentümlichkeit einer jeden Natur verbleibt, so daß demzufolge weder jemals Gott anfängt Leib zu sein, noch einmal der Leib aufhört Leib zu sein. Dies zeigt sich auch an dem Beispiele der menschlichen Wesensart. Denn nicht bloß in der Gegenwart, sondern auch in alle Zukunft wird jeder Mensch aus Seele und Leib bestehen, und doch wird niemals weder der Leib in Seele noch die Seele in Leib verwandelt werden, sondern obgleich jeder Mensch nie aufhören wird zu leben, wird doch bei jedem Menschen ohne Aufhören notwendig die Verschiedenheit der beiden Substanzen fortdauern. So muß auch bei Christus für jede der beiden Substanzen die ihr in alle Ewigkeit zukommende Eigentümlichkeit, jedoch unbeschadet der Einheit der Person, festgehalten werden.

20.

Der Sohn Gottes hat in der Menschwerdung die menschliche Natur nicht bloß fingiert oder simuliert, sondern wahrhaft angenommen, so daß er, ohne Vermischung der Naturen, eine gottmenschliche Persönlichkeit ist.

Doch wenn wir öfters die „Person" nennen – und sagen, daß Gott persönlich Mensch geworden sei, so ist sehr zu besorgen, es möchte den Anschein haben, als wollten wir sagen, daß Gott das Wort durch bloße Nachahmung der Tätigkeit das, was unser ist, angenommen und alles das, was zur menschlichen Handlungsweise gehört, gleichsam nur zum Scheine, nicht als wahrer Mensch getan habe; wie es auf dem Theater zu geschehen pflegt, wo einer mit einem Schlage mehrere Personen darstellt, ohne selbst irgend eine derselben zu sein. Denn so oft die Nachahmung einer fremden Tätigkeit übernommen wird, werden die Rollen der anderen so durchgeführt, daß doch die Darsteller nicht diejenigen sind, welche sie darstellen. Denn wenn ein Tragödien-Schauspieler (um von den Säkularspielen und Manichäern ein Beispiel herzunehmen) einen Priester oder einen König darstellt, so ist er kein Priester oder König; denn wenn das Spiel aufhört, hört auch zugleich die Rolle auf, die er übernommen hatte. Ferne sei von uns solch gottloser und frevelhafter Spott. Der Manichäer Sache sei jener Unsinn, die als Prediger des Scheingebildes behaupteten, daß der Sohn Gottes Gott nicht dem Wesen nach die die Person eines Menschen gewesen sei, sondern nur durch eine Art vermeintlichen Handelns und Wandelns vorgestellt habe. Der katholische Glaube aber sagt, das Wort Gottes sei in der Weise Mensch geworden, daß es das, was unser ist, nicht trügerisch und nur dem Scheine nach, sondern wahrhaft und wirklich annahm und das Menschliche nicht als etwas Fremdes nachmachte, sondern vielmehr als sein Eigenes ausprägte und ganz und gar das, was es darstellte, auch war; wie auch wir selber darin, daß wir reden, denken, leben, bestehen, Menschen nicht nachahmen, sondern sind. Denn auch Petrus und Johannes, um gerade sie zu nennen, waren nicht durch Nachahmung Menschen, sondern durch wirkliches Sein. Und ebenso simulierte Paulus nicht den Apostel oder fingierte den Paulus, sondern er war Apostel und bestand als Paulus. So hat auch Gott das Wort, indem es Fleisch annahm und hatte, redete, handelte, litt durch das Fleisch, jedoch ohne irgend einen Verschlechterung seiner (göttlichen) Natur, dies alles zu tun sich gewürdigt, um einen vollkommenen Menschen nicht nachzuahmen oder zu fingieren, sondern sich wirklich als solchen zu betätigen, so daß er ein wahrer Mensch nicht bloß schien oder dafür gehalten wurde, sondern war und als solcher wirklich bestand. Wie daher die Seele mit dem Fleische verbunden, aber doch nicht in Fleisch verwandelt, nicht einen Menschen darstellt, sondern ein Mensch ist, und zwar ein Mensch nicht dem bloßen Scheine, sondern der Substanz nach, so ist auch Gott das Wort, indem es ohne irgend eine seinerseitige Verwandlung mit dem Menschen sich verband, nicht durch Vermischung, nicht durch Nachahmung Mensch geworden, sondern in wirklichem Bestand. Darum fort mit der ganzen Auffassung einer solchen Peson, welche durch Fingieren, durch Nachahmung angenommen wird, wo immer etwas anderes ist, und etwas anderes vorgegeben wird, wo derjenige, welcher darstellt, niemals derjenige ist, den er darstellt. Denn ferne sei es zu glauben, daß Gott das Wort auf diese trügerische Weise die Peson eines Menschen angenommen habe, sondern vielmehr so, daß es, indem seine eigene Substanz unveränderlich blieb, und es die Natur eines in sich vollkommenen Menschen annahm, selber Fleisch, selber Mensch, selber die Person eines Menschen wurde, nicht eine scheinbare; nicht endlich eine solche, welchem mit ihrer Tätigkeit aufhörte, sondern welche für immer in der Substanz verblieb. Diese Einheit der Person in Christus ist also keineswegs erst nach der Geburt der Jungfrau, sondern schon im Schoße der Jungfrau zusammengefügt und vollendet worden.

21.

Christus war immerdar nur eine gottmenschliche Person, selbst schon im Augenblicke der jungfräulichen Empfängnis, und Maria ist daher mit Recht Gottesgebärerin zu nennen.

Denn wir müssen uns gar sehr in Acht nehmen, daß wir Christus nicht bloß als einen, sondern auch als immerdar einen bekennen; denn es ist eine unerträgliche Lästerung, daß man, wenn man auch zugesteht, derselbe sei gegenwärtig einer, doch behauptet, er sei einmal nicht einer, sondern zwei gewesen, einer nämlich nach dem Augenblicke der Taufe, zwei aber zur Zeit der Geburt. Diese ungeheure Gotteslästerung werden wir fürwahr nicht anders vermeiden können, als wenn wir bekennen, daß der Mensch mit Gott vereinigt worden sei, und zwar in Einheit der Person, nicht von der Himmelfahrt oder Auferstehung oder Taufe an, sondern schon in der Mutter, schon im Mutterschoße, ja sogar schon bei der jungfräulichen Empfängnis selber; und wegen dieser Einheit der Person wird unterschiedslos und durcheinander sowohl, was Gott eigentümlich ist, dem Menschen zugeteilt, als auch, was dem Fleische eigentümlich ist, Gott zugeschrieben. Denn daher kommt es, daß in der Heiligen Schrift geschrieben steht (Joh 3,13), sowohl der Sohn der Menschen sei vom Himmel herabgestiegen, als auch (1. Cor. 2,8) der Herr der Herrlichkeit sei auf Erden gekreuzigt worden. Daher kommt es auch, daß, nachdem nur das Fleisch des Herrn geworden, nur das Fleisch des Herrn geschaffen ist, das Wort Gottes selber geworden, die Weisheit Gottes selber erfüllt, die Allwissenheit erschaffen genannt wird, wie in der Weissagung von einer Durchbohrung seiner Hände und Füße berichtet wird (Ps. 21,17). Kraft dieser Einheit der Person, sage ich, ist es auch auf Grund eines ähnlichen Geheimnisses geschehen, daß, weil das Fleisch des Wortes von der unversehrten Mutter geboren wird, die Geburt Gottes des Wortes selber aus der Jungfrau in echt katholischer Weise geglaubt, auf ganz gottlose Art geleugnet wird. Da nun dem sich also verhält, so sei es ferne, daß einer die heilige Maria um ihre Vorrechte der göttlichen Gnade und ihren besonderen Ruhm zu bringen suche. Denn sie ist durch unseres Herrn und Gottes, ihres Sohnes aber besondere Gnade ganz der Wahrheit gemäß und mit höchster Seligpreisung als Gottesgebärerin zu bekennen; jedoch nicht in der Weise Gottesgebärerin, wie es eine gottlose Häresie wähnt, welche behauptet, daß ihr der Name Mutter Gottes nur als bloßer Ehrentitel gegeben werden dürfe, weil sie nämlich denjenigen Menschen geboren habe, welcher nachher Gott geworden ist, sowie wir eine Mutter die Mutter eines Presbyters oder die Mutter eines Bischofs nennen, nicht als ob sie einen Presbyter oder Bischof geboren habe, sondern weil sie einen Menschen auf die Welt gebracht hat, welcher nachher Presbyter oder Bischof geworden ist. Nicht so, sage ich, ist die heilige Maria Gottesgebärerin, sondern vielmehr darum, weil, wie oben gesagt worden, schon in ihrem geheiligten Schoße jenes hochheilige Geheimnis zu Stande kam, daß zufolge einer besonderen und einzigartigen Einheit der Person wie das Wort im Fleische Fleisch, so auch der Mensch in Gott Gott ist.

22.

Rekapitulation der Irrlehren des Photinus, Apollinaris und Nestorius mit Gegenüberstellung der katholischen Lehre.

Doch laßt uns nunmehr dasjenige, was oben über die erwähnten Häresien oder über den katholischen Glauben kurz gesagt worden ist, der Auffrischung des Gedächtnisses halber in aller Kürze und Gedrängtheit wiederholen, damit es nämlich durch die Wiederholung besser verstanden und so eingeschärft und dauernder behalten werde. Anathema also dem Photinus, der nicht die Fülle der Dreifaltigkeit annimmt und Christus nur für einen bloßen Menschen erklärt. Anathema dem Apollinaris, der in Christus eine Verwandlung und damit Verschlechterung der Gottheit behauptet und die Eigentümlichkeit der vollkommenen Menschheit aufhebt, Anathema dem Nestorius, welcher leugnet, aus der Jungfrau sei Gott geboren, zwei Christusse behauptet und mit Zerstörung des Glaubens an die Dreieinigkeit eine Vierheit einführt. Glückselig hingegen die katholische Kirche, welche einen Gott in der Fülle der Dreifaltigkeit und ebenso die Gleichheit der Dreifaltigkeit in einer Gottheit verehrt, so daß weder die Einheit der Substanz die Eigentümlichkeit der Personen vermengt, noch ebenso die Unterscheidung der Dreifaltigkeit die Einheit der Gottheit trennt. Glückselig, sage ich, die Kirche, welche in Christus zwei wahre und vollkommene Substanzen, aber nur eine Person Christi glaubt, so daß weder die Unterscheidung der Naturen die Einheit der Person teilt, noch ebenso die Einheit der Person den Unterschied der Substanzen vermengt. Glückselig, sage ich, die Kirche, welche, um zu bekennen, daß immerdar ein Christus sei nicht und gewesen sei, die Vereinigung des Menschen mit Gott nicht erst nach der Geburt, sondern schon im Schoße der Mutter lehrt. Glückselig, sage ich, die Kirche, welche erkennt, Gott sei Mensch geworden nicht durch Verwandlung der Natur, sondern in der Weise der Person, sondern einer wesenhaften und bleibenden. Glückselig, sage ich, die Kirche, welche erklärt, diese Einheit der Person habe so große Kraft, daß sie wegen derselben auf Grund des wunderbaren und unaussprechlichen Geheimnisses sowohl das Göttliche dem Menschen, als auch Gott das Menschliche zuschreibt. Denn wegen derselben stellt sie es nicht in Abrede, daß der Mensch gemäß der göttlichen Natur vom Himmel herabgekommen sei, und glaubt, daß Gott gemäß der menschlichen Natur auf Erden geworden sei, gelitten habe und gekreuzigt worden sei. Wegen derselben bekennt sie denn auch den Menschen als Sohn Gottes und Gott als Sohn der Jungfrau. Glückselig also und verehrungswürdiges, gepriesenes und hochheiliges und in jeder Hinsicht jenem erhabenen Lobgesange der Engel zu vergleichendes Bekenntnis, welches einen Herrn als Gott mit dreifacher Heiligpreisung verherrlicht. Denn hauptsächlich deshalb erklärt sie (die Kirche) die Einheit Christi, um nicht über das Geheimnis der Dreifaltigkeit hinauszuschreiten. Dieses wurde im Vorbeigehen gesagt und soll, so Gott will, bei einer anderen Gelegenheit noch ausführlicher behandelt und erklärt werden. Für jetzt wollen wir zu unserem Gegenstande zurückkehren.

23.

Zu welch großer Versuchung den Gläubigen die Irrlehren des Origenes gereichten.

Wir sagten also im Früheren, daß in der Kirche Gottes der Irrtum eines Lehrers für das Volk eine Versuchung sei, und zwar eine um so größere Versuchung, je gelehrter derjenige ist, welcher irrt. Dieses zeigten wir zuerst durch die Autorität der Heiligen Schrift, hierauf durch kirchengeschichtliche Beispiele, nämlich durch Anführung solcher Männer, welche, nachdem sie eine Zeit lang für rechtgläubig gehalten worden, zuletzt doch entweder zu einer anderen Sekte abfielen, oder selber eine eigene Häresie stifteten. Gewiß eine wichtige Sache, deren Kenntnis nützlich, und deren erneute Prüfung notwendig ist, und die wir noch des Weitern durch gewichtige Beispiele erläutern und einschärfen müssen, damit alle wahrhaft Katholischen wissen, daß sie mit der Kirche die Lehrer annehmen müssen, nicht mit den Lehrern den Glauben der Kirche verlassen dürfen. Doch glaube ich so, daß, wenn wir auch in dieser Art der Versuchung viele Beispiele beibringen könnten, doch fast niemand sei, welcher mit der durch Origenes hervorgerufenen Versuchung verglichen werden könnte; denn in ihm fand sich so vieles, so Vortreffliches, so Einziges, so Wunderbares, daß beim ersten Anblicke jeglicher gar leicht urteilen möchte, allen seinen Behauptungen sei Glauben zu schenken. Denn wenn der Lebenswandel Ansehen verschafft, - er besaß großen Fleiß, große Sittsamkeit, Geduld, Standhaftigkeit. Wen das Geschlecht oder die Bildung; wer ist edler als er, welcher erstens in einem Hause geboren wurde, welchem das Martyrium Glanz verliehen hatte, und der sodann für Christus nicht nur seines Vaters, sondern auch all seines Vermögens beraubt, mitten unter den Bedrängnissen heiliger Armut so weit fortschritt, daß er um des Bekenntnisses des Herrn willen öfters, wie berichtet wird, zu leiden hatte. Doch war das nicht das Einzige an ihm, was alles nachher zur Versuchung werden sollte, sondern er besaß auch eine so große Kraft des Geistes, eines so tiefen, so scharfsinnigen, so glänzenden Geistes, daß er beinahe allen um vieles und weitaus den Vorrang abgewann; so groß war seine Gelehrsamkeit und so umfassend seine Bildung, daß es in der göttlichen Wissenschaft nur weniges, in der menschlichen vielleicht beinahe nichts geben mochte, was er nicht ganz und gar inne hatte; wenn es seine wissenschaftlichen Arbeiten in griechischer Sprache gestatteten (= ihm Zeit ließen), wurde auch Hebräisches ausgearbeitet.

Was aber soll ich sagen von seiner Beredsamkeit, deren Redestrom so lieblich, so angenehm, so süß war, daß mir aus seinem Munde nicht so sehr Worte als vielmehr Honig geflossen zu sein scheint. Was hat er nicht, war es auch schwierig zu beweisen, durch die Kraft seiner Auseinandersetzung aufgehellt? Was mühevoll auszuführen war, hat er nicht bewirkt, daß es federleicht erschien? Aber vielleicht hat er seine Behauptungen nur auf den Zusammenhang der Beweise gebaut? Gerade im Gegenteil hat es niemals einen Lehrer gegeben, welcher sich zahlreicherer Anführungen des göttlichen Gesetzes bedient hätte. Aber, ich glaube, er hat nur weniges geschrieben? Kein Sterblicher mehr, so daß mir scheint, alle seine Werke können nicht bloß nicht durchgelesen, sondern nicht einmal aufgeschrieben werden; und damit es ihm an gar keinem Mittel der Wissenschaft fehle, so wurde ihm auch noch Fülle des Altes zu Teil. Aber vielleicht war er mit den Schülern nicht recht glücklich? Wer war hierin je glücklicher? Denn Unzählige aus seiner Schule sind Lehrer, Unzählige Priester, Bekenner und Martyrer geworden. Wie groß aber bei allen die ihm gezollte Bewunderung, wie groß sein Ruhm, wie groß seine Beliebtheit gewesen, wer vermöchte das zu beschreiben? Wer, der etwas religiöser gesinnt war, eilte nicht zu ihm von den äußersten Teilen der Welt herbei? Welcher Christ verehrte ihn nicht beinahe wie einen Propheten, welcher Philosoph nicht wie seinen Meister? Wie sehr er aber nicht bloß von Privaten, sondern auch vom kaiserlichen Hofe selber verehrt worden, bezeugt die Geschichte, welche erzählt, daß ihn die Mutter des Kaisers Alexander zu sich bescheiden ließ, ohne Zweifel um der himmlischen Weisheit willen, von deren Gnade er, von deren Liebe sie überfloß. Aber auch seine Briefe geben Zeugnis davon, welche er an den Kaiser Philippus, der zuerst unter den römischen Herrschern ein Christ war, mit der Autorität eines christlichen Lehrers richtete. Wenn in Betreff seiner unglaublichen Wissenschaft einer unserer Erzählung als einem christlichen Zeugnisse nicht Glauben beimißt, so anerkenne er doch wenigstens die Versicherung von Philosophen als ein heidnisches Geständnis. Es sagt nämlich jener gottlose Porphyrius, daß er durch den Ruf desselben veranlaßt fast noch als Knabe nach Alexandria sich begeben und ihn, der schon ein Greis war, dortselbst gesehen habe, und zwar ganz und gar als einen so großen und ausgezeichneten Mann, welcher die Burg der ganzen Wissenschaft erbaut habe. Eher würde der Tag dahinschwinden, als ich da, was an jenem Mann Vorzügliches sich fand, auch nur zum geringsten Teile aufzählen könnte. Doch diente alles dieses nicht bloß zum Ruhme der Religion, sondern auch zur Erschwerung der Versuchung. Denn wie viele mochten wohl einen Mann von so großem Verstande, von so großer Gelehrsamkeit, von so großer Beliebtheit so leichthin aufgeben und nicht vielmehr jenes Ausspruches sich bedienen, "sie wollten lieber mit Origenes irren, als mit anderen Recht haben." Und was weiter? Es kam dahin, daß die von einer so großen Persönlichkeit, einem so großen Lehrer, so großen Propheten ausgehende, nicht mehr bloß menschliche, sondern, wie der Ausgang lehrte, allzu gefährliche Versuchung sehr viele von der Reinheit des Glaubens abwendig machte. Deshalb hat es dieser so große und ausgezeichnete Origenes, weil er die Gnade Gottes übermütig mißbrauchte, weil er auf sein Genie sich allzuviel zu Gute tat und zu sehr auf sich selber vertraute, weil er die alte Einfachheit der christlichen Religion geringschätzte, weil er sich anmaßte, mehr als alle zu wissen, weil er die kirchlichen Überlieferungen und die Lehren der Alten mißachtend einige Stellen der Schriften auf neue Weise erklärte, verschuldet, daß auch in Betreff seiner Person zu der Kirche Gottes gesagt wurde: "Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht". Und kurz darauf: "So höre nicht die Worte jenes Propheten." Und ebenfalls: "Denn es versucht euch der Herr, euer Gott, ob ihr ihn liebet oder nicht." Wahrhaftig es war nicht bloß eine Versuchung, sondern sogar eine große Versuchung, die ihm ergebene und, weil sie sein Genie, seine Wissenschaft, seine Beredsamkeit, seinen Wandel und den ihm eigenen Reiz bewunderte, an ihm hangende Kirche, die in Betreff seiner nichts argwöhnte, über nichts in Sorge war, plötzlich von der alten Religion zu einer neuen Profanlehre unvermerkt und allmählich hinüberzuführen. Aber es wird einer sagen, die Schriften des Origenes seien gefälscht worden. Ich widerstreite nicht; vielmehr ist mir das lieber. Es ist dies nämlich von einigen überliefert und auch aufgezeichnet worden, nicht bloß von Katholiken, sondern auch von Häretikern. Dann aber müssen wir das beachten, daß, wenn auch nicht er selber, doch die unter seinem Namen herausgegebenen Schriften zu großer Versuchung gereichten, welche von zahlreichen gotteslästerlichen Behauptungen wimmelnd nicht als die eines andern, sondern als die seinigen gelesen und wert gehalten werden, so daß, wenn auch ursprünglich die Meinung des Origenes dem Irrtume fremd war, doch das Ansehen des Origenes zur Verbreitung des Irrtums beigetragen hat.

24.

Auch an Tertullian ersehen wir, daß die göttliche Vorsehung die Irrtümer großer kirchlicher Lehrer zur Prüfung der Gläubigen zuläßt.

Aber auch mit Tertullian hat es dieselbe Bewandtnis. Denn wie jener bei den Griechen, so darf dieser bei den Lateinern unbedenklich für den Ersten unter all den Unsrigen gehalten werden. Denn wer war gelehrter als dieser Mann, wer gewandter in allen göttlichen und menschlichen Dingen? Umfaßte er doch mit einer wunderbaren Fassungskraft des Geistes die ganze Philosophie und alle Schulen der Philosophen, die Gründer und Anhänger der Schulen und all ihre Systeme, die ganze Mannigfaltigkeit der geschichtlichen Ereignisse und der wissenschaftlichen Bestrebungen. Hat er nicht durch so feinen und durchdringenden Verstand sich ausgezeichnet, daß er fast nichts zum Gegenstande seiner Bekämpfung machte, was er nicht mit seinem Scharfsinn durchschaute oder durch das Gewicht seiner Widerlegung zermalmte? Wer vermöchte ferner die Vorzüge seiner Rede zu beschreiben, in der sich überall eine so große, ich weiß nicht was für eine, unwiderstehliche Kraft der Beweisgründe findet, daß er diejenigen, welche ihm nicht glauben wollen, zwingt, ihm beizustimmen; in ihr sind fast so viele Gedanken als Worte, so viele Siege als Sätze. Es wissen dies die Marcion, Apelles, Praxeas, Hermogenes, Juden, Heiden, Gnostiker und die übrigen, deren gotteslästerliche Lehren er durch die Wucht seiner zahlreichen und umfassenden Schriften, sozusagen wie mit Blitzstrahlen, vernichtete. Und doch hat auch dieser nach all dem, dieser Tertullian, sage ich, an der katholischen Lehre, das heißt, am allgemeinen und alten Glauben zu wenig festhaltend und viel mehr beredt als glückselig, er hat zuletzt, da er in der Folge seine Gesinnung änderte, getan, was von ihm der selige Bekenner Hilarius an einer Stelle schreibt: "Durch den nachfolgenden Irrtum", sagt er, "hat er seinen preiswürdigen Schriften das Ansehen entzogen". Und auch er ist in der Kirche zu einer großen Versuchung geworden. Doch ich will von ihm nicht weiter reden. Nur das möchte ich noch erwähnen, daß er dadurch, daß er der Vorschrift des Moses zuwider den in der Kirche eben erst auftauchenden Unsinn des Montanus und jene tollen von tollen Weibern gehegten Träumereien der neuen Lehre als wahre Prophezeiungen verfocht, verschuldete, daß auch von ihm und seinen Schriften gesagt wurde: "Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht". Und unmittelbar darauf: "Du sollst auf die Worte jenes Propheten nicht hören". Warum? "Weil", heißt es, "der Herr, euer Gott, euch versucht, ob ihr ihn liebet oder nicht."

Aus diesen so vielen und bedeutenden und anderen derartigen schwerwiegenden kirchengeschichtlichen Beispielen können wir deutlich ersehen und gemäß der Verordnung des Deuteronomiums sonnenklar erkennen, daß, wenn je einmal irgend ein kirchlicher Lehrer vom Glauben abirrt, die göttliche Vorsehung dies zu unserer Prüfung geschehen läßt, ob wir Gott lieben oder nicht aus ganzem Herzen und aus unserer ganzen Seele.

25.

Bei dem Auftreten einer neuen Irrlehre scheidet sich die Spreu vom Weizen.

Da dem also ist, so ist jener ein wahrer und echter Katholik, welcher die Wahrheit Gottes, welcher die Kirche, welcher den Leib Christi liebt, welcher der göttlichen Religion, welcher dem katholischen Glauben nichts vorzieht, nicht das Ansehen irgend eines Mannes, nicht die Liebe, nicht das Genie, nicht die Beredsamkeit, nicht die Philosophie, sondern dies alles gering achtend und im Glauben fest gegründet standhaft verbleibt und sich entscheidet, nur allein das, wovon er erkennt, daß es die katholische Kirche in universeller Weise von Alters her festgehalten habe, selber auch festzuhalten und zu glauben, das aber, wovon er sieht, daß es von irgend einem im Gegensatze zu allen oder im Widerspruche gegen alle Heiligen als neu und unerhört eingeführt wird, nicht als zur Religion, sondern vielmehr zur Versuchung gehörig erachtet, indem er sich besonders auch durch die Aussprüche des seligen Apostels Paulus bericht(ig)en läßt. Denn so lautet, was er im ersten Briefe an die Korinther schreibt (I. Kor. 11,19): "Es ist notwendig", sagt er, "daß auch Häresien seien, damit die Bewährten offenbar werden unter euch"; gleich als wenn er sagen wollte: Deshalb werden nicht sogleich die Urheber der Häresien durch göttliche Strafe ausgerottet, damit die Bewährten offenbar werden, das heißt, damit es von jedem sich zeige, wie standhaft und getreu er in der Liebe zum katholischen Glauben feststehe. Und in der Tat, wenn irgend eine Neuerung auftaucht, ersieht man sogleich die Schwere der Fruchtkörner und die Leichtigkeit der Spreu; dann wird ohne große Anstrengung aus der Tenne hinausgeweht, was ohne Gewicht zu haben innerhalb der Tenne sich befand. Denn die einen fliegen sogleich ganz davon, andere aber, die nur fortgetrieben worden, fürchten sich zu Grunde zu gehen und schämen sich zurückzukehren, wund, halbtot und halblebendig, da sie nämlich eine solche Menge Gift getrunken haben, daß es weder tötet noch sich verdauen läßt, weder zu sterben zwingt, noch auch zu leben gestattet. O erbarmungswürdiger Zustand! Von welch heftig beängstigenden Sorgen, von welch argen Stürmen werden sie umhergetrieben! Denn bald werden sie, wohin der Wind sie treibt, vom Triebe des Irrtums fortgerissen; bald zu sich selber gekommen werden sie wie abprallende Wogen zurückgeschlagen; bald geben sie in frevelhafter Anmaßung ihre Beistimmung auch zu dem, was sich als ungewiß zeigt; bald schrecken sie in unsinniger Furcht auch vor dem zurück, was gewiß ist, unentschlossen, wohin sie gehen, wohin sie sich wenden, was sie anstreben, was fliehen, was sie festhalten, was preisgeben sollen. Diese Bedrängnis des zweifelhaften und schwankenden Herzens ist indessen für sie eine Arznei der göttlichen Erbarmnis, wenn sie vernünftig sind. Denn deshalb werden sie außerhalb des sicheren Hafens des katholischen Glaubens von verschiedenen Stürmen der Gedanken umhergetrieben und gepeitscht und fast zu Tode gehetzt, damit sie die hochgespannten Segel ihres übermütigen Sinnes einziehen, welche sie zu ihrem Unheil von den Winden der Neuerung hatten anschwellen lassen, und sich in den so ganz zuverlässigen Ankerplatz der sanften und guten Mutter zurückziehen und darin liegen bleiben und jene bitteren und stürmischen Fluten der Irrtümer vorerst wieder von sich geben, um nachher von Strome lebendigen und sprudelnden Wassers trinken zu können. Verlernen sollen sie zu ihrem Heile, was sie zu ihrem Unheile gelernt hatten und sollen von der ganzen Glaubenslehre der Kirche, was mit dem Verstande erfaßt werden kann, erfassen, was nicht erfaßt werden kann, glauben.

26.

Daß alle Neuerung im Glauben unstatthaft ist, erhellt außer anderen Schriftstellen namentlich aus I. Tim. 6,10: "O Timotheus, die Hinterlage bewahre etc."

Da dem sich also verhält, kann ich, wieder und wiederum diese Dinge bei mir überlegend und erwägend, mich nicht genugsam wundern über den so großen Wahnsinn einiger Menschen, die so große Gottlosigkeit ihres verblendeten Sinnes und endlich über ihre so große Lüsternheit nach dem Irrtum, daß sie nicht zufrieden sind mit der einmal überlieferten und von Alters her überkommenen Glaubensregel, sondern tagtäglich immer wieder nach Neuem haschen und allzeit ihr Dichten und Trachten darauf richten, zu der Religion etwas hinzuzutun, daran etwas zu ändern, davon etwas hinwegzunehmen, als wäre diese nicht himmlische Lehre, wovon es genügt, daß sie einmal geoffenbart worden, sondern irdische Einrichtung, welche nicht anders als durch beständige Verbesserung oder vielmehr beständigen Tadel zur Vollkommenheit erhoben werden könnte, da doch die göttlichen Aussprüche uns zurufen (Sprüche 22,28): "Verrücke nicht die Grenzen, welche deine Väter gesteckt haben." Und (Sir. 8,17): "Über den Richter richte nicht." Und (Pred. 10,8): "Wer einen Zaun durchbricht, den wird die Schlange stechen." Und jenes apostolische Wort, wodurch all den verruchten Neuerungen aller Häresien gleich wie mit einem geistigen Schwerte schon oft der Kopf abgeschlagen worden und allzeit abgeschlagen werden muß (I. Tim 6,20): "O Timotheus, die Hinterlage bewahre, vermeidend die heillosen Wortneuerungen und die Lehrgegensätze einer fälschlich so genannten Wissenschaft, zu welcher sich bekennend einige vom Glauben abgefallen sind." Und darnach finden sich noch einige von so harter vorurteilsvoller Stirne, von so eiserner Frechheit, von so diamantharter Starrsinnigkeit, daß sie auch so großer Masse göttlicher Aussprüche nicht unterliegen, unter so schwerer Wucht nicht zusammenbrechen, durch so gewaltige Hämmer nicht zermalmt, durch so schreckliche Blitze nicht zerschmettert werden? "Vermeide", heißt es, "die heillosen Wortneuerungen". Er hat nicht gesagt "die alten Lehren", nicht "die Meinungen der Altvordern"; vielmehr ist aus seiner Erklärung das gerade Gegenteil zu folgern. Denn wenn man die Neuerung meiden muß, so muß man am Altertum festhalten; und wenn die Neuerung heillos ist, so sind die Lehren der Altvordern geheiligt. "Und die Lehrgegensätze", heißt es, "einer fälschlich so genannten Wissenschaft". In Wahrheit ein falscher Name für die Lehren der Häretiker, daß die Unwissenheit mit der Benennung "Wissenschaftlichkeit", der Blödsinn mit der Benennung "Aufklärung", die Finsternis mit der Benennung "Licht" aufgeputzt wird. "Zu welcher sich bekennend", heißt es, "einige vom Glauben abgefallen sind". Was anderes bekennend sind sie vom Glauben abgefallen, als ich weiß nicht was für eine unbekannte Lehre? Denn man höre nur einige von ihnen reden: Kommet, o ihr Unverständigen und Armseligen, die ihr gemeiniglich Katholiken geheißen werdet, und lernet den wahren Glauben, welchen außer uns niemand erkennt, welche vorher viele Jahrhunderte lang verborgen, neulich aber geoffenbart und ans Licht gezogen worden ist. Aber lernet ihn verstohlen und in der Stille. Denn er wird euch Freude machen. Und ebenso: Wenn ihr ihn gelernt habt, so lehret ihn heimlich, damit es die Welt nicht höre, und die Kirche nicht wisse. Denn es ist nur wenigen gestattet, das Verborgene eines so großen Mysteriums zu fassen. Sind das nicht die Worte jener Hure, welche in den Sprichwörtern Salomons die am Wege Vorübergehenden, welche ihre Straße wandeln, zu sich ruft? "Wer unter euch", sagt sie (Sprüche 9,15-18), "recht unwissend ist, kehre ein bei mir". Die Armen aber am Verstande fordert sie auf, indem sie sagt: "Nach den geheimen Broten greifet mit Wohlbehagen und süßes Wasser trinket verstohlen". Was dann? "Aber jener", heißt es, "weiß nicht, daß die Erdenkinder bei ihr zu Grunde gehen". Wer sind jene Erdenkinder? Der Apostel mag darauf antworten: "Die vom Glauben", sagt er, "abgefallen sind".

27.

Genauere Auseinandersetzung der Stelle: O Timotheus etc.

Doch es ist der Mühe wert, jenen ganzen Ausspruch des Apostels noch genauer zu untersuchen. "O Timotheus", sagt er, "die Hinterlage bewahre, vermeidend die heillosen Wortneuerungen". "O!" dieser Ausruf zeigt zugleich von seinem Vorherwissen und seiner Liebe. Denn er sah voraus, daß es Irrtümer geben werde, und fühlte auch schon im voraus Schmerz darüber. Wer ist heutzutage dieser Timotheus, als entweder schlechthin die gesamte Kirche oder im besonderen der ganze Stand der Vorgesetzten, welche die reine Wissenschaft der Gottesverehrung teils selbst besitzen, teils den übrigen mitteilen müssen. Was heißt: "Die Hinterlage bewahre"? Bewahre sie, sagt er, wegen der Diebe, wegen der Feinde, damit sie nicht, während die Leute schlafen, Unkraut säen unter jenen guten Weizensamen, den der Sohn des Menschen auf seinem Acker ausgestreut hatte. "Die Hinterlage", sagt er, "bewahre". Was will dies sagen: Die Hinterlage? Das heißt, was dir anvertraut worden, nicht was du erfunden hast; was du erhalten, nicht was du ausgesonnen hast; was Sache nicht des Verstandes, sondern der Lehre, nicht selbsteigenen Gutdünkens, sondern der allgemeinen Überlieferung ist; was dir übermittelt, nicht von dir ausgemittelt worden ist; wovon du nicht der Urheber, sondern nur der Wächter sein darfst; nicht der Stifter, sondern der Schüler; nicht der Führer, sondern der Nachfolger. "Die Hinterlage", heißt es, "bewahre". Das Talent des katholischen Glaubens bewahre unverletzt und unversehrt. Was dir anvertraut worden, das bleibe bei dir, das werde von dir wieder überliefert. Gold hast du empfangen, Gold gib wieder her. Ich will nicht, daß du an die Stelle des einen etwas anderes setzest. Ich will nicht, daß du statt Gold entweder törichterweise Blei, oder betrügerischerweise Kupfer unterschiebst. Ich will nicht den Schein des Goldes, sondern das wahre Wesen desselben. O Timotheus, o Priester, o Schriftausleger, o Lehrer, wenn dich die Gnade Gottes hiezu geeignet gemacht hat durch Verstand, durch Geistesübung, durch Gelehrsamkeit, so sei ein Beseleel (II. Mos. 31, 2-11) der geistigen Stiftshütte, schleife die kostbaren Edelsteine der göttlichen Glaubenslehre, passe sie treu zusammen, richte sie weise her, verschaffe ihnen Glanz, Lieblichkeit, Schönheit. Deutlicher verstanden soll durch deine Erklärung werden, was vorher dunkler geglaubt wurde. Durch dich soll die Nachkommenschaft sich Glück wünschen zu verstehen, was vorher die Altvordern unverstanden verehrten. Jedoch dasselbe lehre, was du gelernt hast, so daß du, wenn du etwas neu sagst, doch nichts Neues sagest.

28.

Inwieferne es in der Kirche einen Fortschritt des Glaubens gibt.

Aber vielleicht sagt einer: Also gibt es in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion? Wohl gibt es einen und zwar einen sehr großen. Denn wer ist jenes den Menschen so neidische, Gott so verhaßte Wesen, welches dies zu verhindern wagen wollte? Jedoch so, daß es in Wahrheit ein Fortschritt des Glaubens ist, nicht eine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, daß eine Sache in sich selbst vertieft werde; zur Veränderung aber, daß etwas aus einem in anderes verwandelt werde. Darum soll wachsen und viel und gewaltig zunehmen die Kenntnis, die Wissenschaft, die Weisheit sowohl der einzelnen als aller, sowohl des einen Menschen als der ganzen Kirche nach den Stufen des Alters und der Zeiten, aber lediglich in seiner Art, nämlich in derselben Lehre, demselben Sinne und demselben Verständnis.

29.

Der Fortschritt der kirchlichen Lehre ist ein organischer, ähnlich der Entwicklung des menschlichen Leibes.

Die Religion der Seelen soll die Art und Weise des Leibes nachahmen, welcher, wenn er auch im Verlauf der Jahre keine Glieder entwickelt und entfaltet, dennoch derselbe verbleibt, der er war. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Blüte der Kindheit und der Reife des Greisenalters; aber dennoch sind die Greise dieselben, die sie als Jünglinge gewesen, so daß, obwohl die Größe und das Aussehen eines und desselben Menschen sich ändert, doch nichtsdestoweniger die Natur eine und dieselbe, und die Person eine und dieselbe ist. Klein sind die Glieder der Säuglinge, große die der Jünglinge; doch sind sie die nämlichen. So viele Gliedmaßen der Knabe hatte, so viele hat auch der Mann, und wenn es welche gibt, die erst bei reiferem Alter hervorkommen, so waren sie doch schon keimartig vorhanden, so daß nachher bei dem Greise nichts Neues zum Vorschein kommt, was nicht schon vorher bei dem Knaben verborgen gewesen wäre. Daher ist kein Zweifel, daß dies die gesetzliche und rechtmäßige Regel des Fortschritts, dies die bestimmte und schönste Ordnung des Wachstums ist, wenn die Zahl der Jahre bei den älter Werdenden nur immer diejenigen Teile und Formen entwickelt, welche die Weisheit des Schöpfers schon in den Kleinen vorhergebildet hatte. Solle die menschliche Gestalt in der Folge in irgend ein ihr fremdartiges Gebilde verwandelt, oder doch wenigsten etwas der Zahl der Glieder hinzugefügt oder davon hinweggenommen werden, so muß der ganze Körper entweder zu Grunde gehen oder verunstaltet oder wenigstens geschwächt werden. Diesen Gesetzen des Fortschritts soll auch die Glaubenslehre der christlichen Religion folgen, daß sie nämlich mit den Jahren befestigt, mit der Zeit erweitert, mit dem Alter feiner ausgebildet werde, jedoch unverdorben und unversehrt bleibe und durch den gesamten Umfang ihrer Teile und sozusagen mit allen ihr eigentümlichen Gliedern und Sinnen vollständig und vollkommen werde, außerdem aber keine Veränderung zulasse, keine Beeinträchtigung ihre Eigentümlichkeit, keine Verschiedenheit der Auffassung erleide.

30.

Wie die Entwicklung des Glaubensinhaltes vor sich gehen soll, zeigt auch das Beispiel des Samenskorns.

Zum Beispiel: Es haben unsere Vorfahren vor Zeiten auf dem Saatfelde der Kirche den Samen des Glaubensweizens gesät. Es wäre nun sehr unrecht und unpassend, daß wir ihre Nachkommen statt echter Wahrheit der Frucht untergeschobenen Irrtum des Unkrauts einsammelten. Vielmehr ist dies das Richtige und Entsprechende, daß wir, da der Anfang und das Ende miteinander nicht im Widerspruch stehen dürfen, von dem, was an der Weizenlehre zuwächst, auch die Frucht der Weizenglaubenslehre einernten; so daß, wenn sich etwas von jenem uranfänglichen Samen im Verlaufe der Zeit entwickelt, dasselbe nun grünen und zur Reife gelangen soll; an der Eigentümlichkeit des Keimes jedoch darf sich nichts ändern.

Obwohl Gestalt, Form, Unterscheidung hinzukommt, muß doch die Beschaffenheit der Art dieselbe bleiben. Denn ferne sei es, daß sich jene Rosenschößlinge des katholischen Sinnes in Disteln und Dornen verwandeln. Ferne sei es, sage ich, daß in jenem geistigen Paradiese aus den Zimmet- und Balsamreisern plötzlich Lolch und Wolfswurz hervorwachsen. Was also in dieser Anpflanzung der Kirche Gottes durch den Glauben der Väter ausgesät worden ist, eben das soll durch den Fleiß der Kinder gepflegt und besorgt werden; eben das soll blühen und reifen; eben das soll wachsen und zur Vollendung kommen. Denn es gehört sich, daß jene alten Glaubenssätze der himmlischen Philosophie im Verlaufe der Zeit wieder ausgebildet, gefeilt, geglättet werden; aber es ist unzulässig, daß sie verändert werden; unzulässig, daß sie entstellt, daß sie verstümmelt werden. Sie mögen wohl Deutlichkeit, Licht, Unterscheidung empfangen; aber sie müssen ihre Vollständigkeit, Reinheit, Eigentümlichkeit beibehalten.

31.

Mit dem Aufgeben eines Glaubenssatzes fiele bald auch das Ganze dahin; mit der Annahme einer Neuerung wäre bald nichts mehr unversehrt.

Denn wenn einmal eine solche Frechheit gottlosen Betruges zugelassen würde, mich schaudert es zu sagen, welche große Gefahr der Zerstörung und Vernichtung der Religion daraus erfolgen würde. Denn wird einmal auch nur irgend ein Teil der katholischen Glaubenslehre aufgegeben, so wird auch ein anderer und wieder ein anderer und zuletzt bald dieser bald jener, gleichsam als wäre dazu nunmehr Fug und Recht vorhanden, weggeworfen werden. Nun aber, wenn im Einzelnen Teile verworfen worden, was wird da zuletzt anderes erfolgen, als daß zugleich auch das Ganze verworfen wird? Auf der anderen Seite aber, wenn einmal Neues mit dem Alten, Fremdes mit dem Heimischen und Unheiliges mit dem Heiligen vermischt wird, so muß diese Unsitte auf das Ganze sich ausdehnen, so daß nachher in der Kirche nichts mehr unbefleckt, nichts mehr unverletzt, nichts mehr unversehrt, nichts mehr makellos gelassen würde, sondern in der Folge dortselbst ein Tummelplatz gottloser und schändlicher Irrtümer wäre, wo vorher das Heiligtum keuscher und unversehrter Wahrheit war. Doch es möge diesen Frevel von den Herzen der Ihrigen die göttliche Barmherzigkeit abhalten, und diese Raserei nur Sache der Gottlosen sein.

32.

Die Kirche verändert nichts an der ihr anvertrauten Heilslehre, einzig nur darauf bedacht, dieselbe immer vollkommener zu entwickeln und zu definieren.

Die Kirche Christi aber, die eifrige und sorgsame Wächterin der bei ihr niedergelegten Glaubenslehren, ändert an diesen niemals etwas, tut nichts hinweg, fügt nichts hinzu, löst nicht Notwendiges ab, setzt nicht Überflüssiges bei, läßt nicht das Ihrige fahren, eignet sich nicht Fremdes an, sondern ist mit allem Fleiße auf dieses eine bedacht, daß sie das Alte, wozu schon vor Zeiten der Keim gelegt und der Anfang gemacht worden, durch treue und weise Auseinandersetzung genauer bestimme und feiner unterscheide; was schon gehörig ausgedrückt und entwickelt ist, sichere und kräftige; was schon befestigt und festgestellt ist, bewahre. Was hat sie denn auch je anderes durch die Beschlüsse der Konzilien zu erreichen gesucht, als daß dasselbe, was man vorher schlechtweg glaubte, nachher bestimmter geglaubt wurde; dasselbe, was man vorher lässig predigte, nachher eindringlicher gepredigt wurde; dasselbe, was man vorher ganz in Ruhe pflegte, nachher umso sorgfältiger ausgebildet wurde? Das, sage ich, hat die katholische Kirche immer, durch die Neuerungen der Häretiker dazu getrieben, mit ihren Konzilsbeschlüssen erzielt, und sonst nichts anderes, als daß sie darüber, was sie früher von den Vorfahren allein durch Überlieferung erhalten hatte, nachher für die Nachkommen auch eine schriftliche Urkunde ausstellte, indem sie in wenige Worte vieles zusammenfaßte und meistens um des klareren Verständnisses willen einen nicht neuen Glaubenssinn mit einem eigentümlichen neuen Worte bezeichnete.

33.

Fortsetzung der Erklärung des Paulinischen Ausspruches: "O Timotheus..."

Doch kehren wir zum Apostel zurück. "O Timotheus", sagt er, "die Hinterlage bewahre, meidend die heillosen Wortneuerungen". Vermeide sie, sagt er, wie eine Viper, wie einen Skorpion, wie einen Basilisken, damit sie dich ebensowenig durch ihren Anblick und Hauch als durch ihre Berührung verwunden. Was will das sagen: Vermeiden? "Mit Derartigen nicht einmal speisen". (1. Cor. 5,11) Was will das sagen: Vermeide sie? "Wenn einer", heißt es (II. Joh. 10.), "zu euch kommt und diese Lehre nicht mitbringt". Was für eine Lehre, als die katholische und allgemeine, welche kraft der unverfälschten Überlieferung der Wahrheit durch alle aufeinanderfolgenden Geschlechter ein und dieselbe bleibt und ohne Ende bis in Ewigkeit bleiben wird. Was dann? "So nehmet ihn nicht", heißt es (II. Joh. 10.11.), "in das Haus auf und grüßet ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt Teil an seinen bösen Werken". "Die heillosen Wortneuerungen", sagt er. Was will das sagen: "die heillosen"? Was nichts Heiliges, nichts Frommes an sich hat, was dem Innern der Kirche, die ein Tempel Gottes ist, durchaus fremd ist. "Die heillosen Wortneuerungen", sagt er. Wortneuerungen, das heißt Neuerungen in den Glaubenssätzen, in der Sache, in den Lehrbestimmungen, welche dem Altertum und der Vorzeit entgegen sind; wenn diese angenommen würden, so müßte notwendig der Glaube der seligen Väter entweder ganz oder doch wenigstens teilweise verletzt werden, müßte notwendig ausgesprochen werden, es seien alle Gläubigen aller Zeiten, alle Heiligen, alle Reinen, Enthaltsamen, Jungfräulichen, alle Kleriker, Leviten und Priester, so viele Tausende Bekenner, so große Heere der Martyrer, so zahlreiche Volksmengen und Massen der Städte und der Landbevölkerung, so viele Inseln, Provinzen, Könige, Völker, Reiche, Nationen, endlich fast der ganze durch den katholischen Glauben Christo als dem Haupte einverleibte Erdkreis von Unwissenheit befangen gewesen, hätten geirrt, gelästert, nicht gewußt, was sie zu glauben hatten.

34.

Die Häretiker finden an Neuerungen Freude, die Katholiken bewahren treulich das von den Vätern Überlieferte.

"Die heillosen Wortneuerungen", sagt er, "meide"; diese anzunehmen und ihnen zu folgen, war niemals Sache der Katholiken, sondern immer der Häretiker. Und in der Tat, welche Häresie tauchte je anders auf, als unter einem bestimmten Namen, an einem bestimmten Orte, zu einer bestimmten Zeit? Wer stiftete je eine Häresie, ohne daß er sich vorher von der Übereinstimmung der Allgemeinheit und des Altertums in der katholischen Kirche losgetrennt hätte? Daß dem also sich verhalte, zeigen Beispiele sonnenklar. Denn wer hat je vor jenem unseligen Pelagius für die Wahlfreiheit eine so große Kraft in Anspruch genommen, daß er nicht geglaubt hätte, die Gnade Gottes sei zu deren Unterstützung im Guten durch alle einzelnen Akte hindurch notwendig? Wer hat vor dessen mißgestaltetem Schüler Cölestius geläugnet, daß sich die Schuld der Übertretung Adams auf das ganze menschliche Geschlecht erstrecke? Wer hat vor dem gotteslästerlichen Arius die Einheit der Dreiheit zu zerreißen, wer vor dem verruchten Sabellius die Dreiheit der Einheit zu vermischen gewagt? Wer hat vor dem so überaus grausamen Novatian gesagt, daß Gott grausam sei, darum, weil er lieber den Tod des Sterbenden wolle, als daß er zurückkehre und lebe? Wer hat vor dem Magier Simon, der von dem Strafgerichte des Apostels getroffen wurde, und von dem jener alte Pfuhl der Schändlichkeiten bis neuestens auf Priscillian herab in ununterbrochenem und geheimem Laufe sich ergossen hat, zu sagen gewagt, der Urheber des Bösen, das heißt unserer Frevel, Gottlosigkeiten, Schandtaten sei Gott der Schöpfer? Er behauptet nämlich von ihm, daß er selber mit seinen eigenen Händen die Natur des Menschen derartig erschaffen habe, daß sie vermöge eigenen Triebes und durch den Zwang eines gewissen notgedrungenen Willens nichts anderes kann und nichts anderes will als sündigen, weil sie durch die Furien aller Laster aufgeregt und entflammt in jeglichen Abgrund der Schändlichkeiten fortgerissen werde. Unzählig sind die Beispiele dieser Art, die wir der Kürze halber übergehen; doch erhellt aus allem diesen deutlich und klar genug, daß dieses bei allen Häresien das Gewöhnliche und Gesetzmäßige sei, daß sie immerdar an ruchlosen Neuerungen ihre Freude haben, die Beschlüsse des Altertums verschmähen und durch gegenteilige Behauptungen einer fälschlich so genannten Wissenschaft am Glauben Schiffbruch leiden. Hingegen ist dieses den Katholiken wahrhaft eigentümlich, das von den heiligen Vätern Hinterlegte und Anvertraute zu bewahren, die ruchlosen Neuerungen zu verdammen und wie es der Apostel zu wiederholten Malen vorhersagte (Gal. 1,9.): "Wenn jemand etwas verkündet wider das, was empfangen worden, so sei er Anathema."

35.

Wie sehr man sich in Acht zu nehmen hat, wenn die Häretiker für ihre Behauptungen der Heiligen Schrift sich bedienen.

Hier möchte vielleicht jemand fragen, ob sich auch die Häretiker der Zeugnisse der göttlichen Schrift bedienen? Ja freilich bedienen sie sich derselben und zwar sehr viel. Denn man kann sie alle Schriften des heiligen Gesetzes insgesamt durchfliegen sehen, die Bücher Mosis, der Könige, die Psalmen, die Apostel, die Evangelien, die Propheten. Denn bei den Ihrigen oder bei Fremden, privatim oder öffentlich, in Predigten oder in Büchern, bei Gastmählern oder auf den Straßen bringen sie fast niemals etwas von dem Ihrigen vor, ohne daß sie es nicht auch mit den Worten der Schrift zu belegen versuchten. Lies die Werke des Paulus von Samosata, Priscillianus, Eunomius, Jovinianus und der übrigen Verpester (des Glaubens); da kannst du eine endlose Masse von Beispielen finden, daß fast keine Seite ausgelassen ist, welche nicht mit Aussprüchen des neuen oder alten Testamentes geschmückt und aufgeputzt ist. Indessen muß man sich vor ihnen nur um so mehr in Acht nehmen und sie fürchten, je geheimer sie sich unter den Schatten des göttlichen Gesetzes verstecken. Denn sie wissen, daß ihr Gestank so schnell keinem gefallen würde, wenn sie denselben bloß und unverhüllt ausdufteten; und darum besprengen sie denselben gleichsam mit dem Aroma der himmlischen Offenbarung, damit jener, welcher den menschlichen Irrtum ohne Umstände zurückweisen würde, die göttlichen Aussprüche nicht so leicht mißachte. Und so machen sie es wie diejenigen, welche, wenn sie Kindern einen Becher mit einem bitteren Tranke reichen wollen, zuvor den Rand mit Honig bestreichen, damit das arglose Alter, wenn es zuerst die Süßigkeit schmeckt, vor der Bitterkeit nicht zurückschrecke. Das lassen sich auch jene angelegen sein, welche schädliche Kräuter und verderbliche Tränke mit dem Namen "Arznei" beschönigen, damit niemand, wenn er die Aufschrift "Heilmittel" liest, Gift vermute.

36.

Indem die Häretiker für ihre Neuerungen die Heilige Schrift anführen, gleichen sie den Wölfen, die in Schafskleider sich hüllen.

Daher rief auch der Heiland (Matth. 7,15.): "Habet Acht vor den falschen Propheten, welche in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind." Was sind die Schafskleider als die Aussprüche der Propheten und Apostel, welche diese, gleichsam mit der Aufrichtigkeit des Schafes, für jenes unbefleckte Lamm, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt, wie eine Art von Vlies gewebt hat? Wer sind die reißenden Wölfe als die wilden und tollen Behauptungen der Häretiker, welche allzeit die Hürden der Kirche anfallen und die Herde Christi, wo sie nur können, zerreißen? Um sich aber an die nichts ahnenden Schafe recht hinterlistig heranzuschleichen, legen sie, obwohl die Wildheit der Wölfe bleibt, das Wolfsaussehen ab und hüllen sich in Aussprüche des göttlichen Gesetzes wie in eine Art von Schaffelle ein, damit einer, wenn er zuerst die weiche Wolle fühlt, nicht von Furcht vor den spitzen Zähnen befallen werde. Aber was sagt der Heiland? (Matth. 7,16.) "Aus ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." Das heißt: Wenn sie anfangen, jene göttlichen Worte nicht bloß mehr anzuführen, sondern auch auseinanderzusetzen, nicht bloß mehr damit herumzuwerfen, sondern auch sie zu erklären; dann wird man jene Bitterkeit, dann das Herbe, dann die Wut erkennen; dann wird das Gift der Neuerung ausströmen; dann werden die heillosen Neuerungen zu Tag kommen; dann kann man sehen, wie die Umzäunung eingerissen, wie die Grenzmarken der Väter übersprungen, wie der katholische Glaube gemordet, wie die kirchliche Lehre zerrissen wird.

37.

Indem die Häretiker für ihre Behauptungen der Heiligen Schrift sich bedienen, ahmen sie ihren Herrn und Meister, den Satan, nach.

Solche waren diejenigen, auf welche der Apostel Paulus zielt im zweiten Briefe an die Corinther, wenn er sagt (II. Cor. 11,13.): "Denn derartige falsche Apostel sind betrügerische Arbeiter, sich umgestaltend zu Aposteln Christi." Was will das sagen: "sich umgestaltend zu Aposteln Christi"? Es beriefen sich die Apostel auf Stellen aus dem göttlichen Gesetz; es beriefen sich darauf auch jene. Es beriefen sich die Apostel auf die Autorität der Psalmen; es beriefen sich darauf auch jene. Es beriefen sich die Apostel auf die Aussprüche der Propheten; auch jene beriefen sich darauf um nichts weniger. Aber als sie anfingen, das, worauf sie sich gleicherweise berufen hatten, nicht gleicherweise zu erklären; da unterschieden sich die Geraden von den Heimtückischen, da die Echten von den Schlechten, da die Rechten von den Verkehrten, da endlich die wahren Apostel von den falschen Aposteln. "Und kein Wunder", heißt es (II. Cor. 11,14.15.), "denn der Satan selber gestaltet sich um in einen Engel des Lichtes. Es ist also nichts Großes, wenn seine Diener sich umgestalten wie Diener der Gerechtigkeit." So oft also Pseudoapostel, oder Pseudopropheten oder Pseudolehrer auf Aussprüche des göttlichen Gesetztes sich berufen, durch deren falsche Erklärung sie ihre Irrtümer zu stützen versuchen; so ist es nach der Lehre des Apostels Paulus nicht zweifelhaft, daß sie den schlauen Kunstgriffen ihres Lehrmeisters folgen, welche dieser wahrlich niemals aussinnen würde, wenn er nicht wüßte, es gebe, um zu täuschen, gar keinen leichteren Weg, als dort, wo der Betrug eines gottlosen Irrtums eingeführt wird, das Ansehen der göttlichen Worte vorzuschützen. Aber es wird einer sagen: Wie läßt es sich beweisen, daß der Teufel auf Stellen des heiligen Gesetzes sich zu berufen pflegt? Er lese die Evangelien, in denen geschrieben ist (Matth. 4,5.6. u. Luk. 4.9-11.): "Dann nahm der Teufel ihn", das heißt den Herrn und Heiland, "und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Wenn du der Sohn Gottes bist, so stürze dich hinunter. Denn es steht geschrieben, er habe seinen Engeln deinethalben geboten, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen; auf den Händen werden sie dich tragen, damit du nicht etwa an einen Stein deinen Fuß anstoßest." Was wird derjenige mit den armseligen Menschen anfangen, welcher an den Herrn der Herrlichkeit selber mit Schriftzeugnissen herantrat? "Wenn du", sagt er, "der Sohn Gottes bist, so stürze dich hinunter". Warum? "Denn es steht geschrieben", sagt er. Gar sehr müssen wir die aus dieser Stelle sich ergebende Lehre beachten und uns einprägen, damit wir im Hinblicke auf ein so wichtiges Beispiel evangelischer Autorität, wenn wir sehen, daß einige die Worte der Apostel oder der Propheten wider den katholischen Glauben vorbringen, nicht im mindesten zweifeln, durch sie spreche der Teufel. Denn wie damals das Haupt zum Haupte, so sprechen auch jetzt die Glieder zu den Gliedern; die Glieder nämlich des Teufels zu den Gliedern Christi; die Glaubensuntreuen zu den Glaubenstreuen, die Gotteslästerer zu den Gottesfürchtigen, die Häretiker endlich zu den Katholischen. Aber was sagen sie denn? "Wenn du der Sohn Gottes bist", heißt es, "stürze dich hinunter". Das will sagen: Wenn du Sohn Gottes sein und die Erbschaft des himmlischen Reiches in Empfang nahmen willst, so stürze dich hinunter, nämlich von der Lehre und Überlieferung jener erhabenen Kirche, welche auch für den Tempel Gottes gilt, stürze dich hinunter. Und wenn nun jemand irgend einen Häretiker, der ihn zu solchem zu überreden sucht, fragt: Womit beweisest, womit zeigst du, daß ich den allgemeinen und alten Glauben der katholischen Kirche verlassen soll? so erwidert er sogleich: "Denn es steht geschrieben". Und auf der Stelle hat er tausend Zeugnisse, tausend Belegstellen, tausend Aussprüche aus dem Gesetze, aus den Psalmen, aus den Aposteln, aus den Propheten in Bereitschaft, durch welche, indem sie auf neue und falsche Art ausgelegt werden, die unglückliche Seele von der katholischen Burg herab in den Abgrund der Häresie gestürzt wird. Ferner pflegen die Häretiker auf erstaunliche Weise durch solche Versprechungen, wie die nachfolgenden, unvorsichtige Menschen zu hintergehen. Sie getrauen sich nämlich zu versprechen und zu lehren, daß es in ihrer Kirche, das heißt, in dem Conventikel ihrer Gemeinschaft, eine große und spezielle und ganz persönliche Gnade Gottes gäbe, in der Art, daß alle jene, welche zu ihrer Zahl gehören, ohne irgend eine Anstrengung, ohne irgend eine Mühe, ohne irgend eine Selbsttätigkeit, auch wenn sie nicht bitten, nicht suchen, nicht anklopfen, doch so von Gott (mit Gnade) versehen werden, daß sie von Engelshänden getragen, das heißt durch Engelsschutz bewahrt, niemals ihren Fuß an einen Stein anstoßen, das heißt, niemals zum Bösen verführt werden können.

38.

Wie der Katholik, da auch die Häretiker auf die Hl. Schrift sich berufen, den wahren Sinn derselben erkennen kann.

Aber es sagt einer: "Wenn sich der Teufel und seine Jünger, von welchen die einen Pseudoapostel, die anderen Pseudopropheten und Pseudolehrer und alle ganz und gar Häretiker sind, der göttlichen Kundgebungen, Aussprüche, Verheißungen bedienen; was werden da die Katholiken und die Kinder der Mutter Kirche tun? Auf welche Weise werden sie in den heiligen Schriften das Wahre von dem Falschen unterscheiden?" Sie werden sich besonders angelegen sein lassen, das zu tun, was, wie wir schon am Anfange dieses Gedenkbüchleins geschrieben, die heiligen und gelehrten Männer uns überliefert haben, daß sie nämlich den Kanon der göttlichen Schriften nach den Regeln der katholischen Glaubenslehre erklären; und ebenso müssen sie innerhalb der katholischen Kirche der Allgemeinheit, dem Altertum, der Übereinstimmung folgen. Und wenn je einmal ein Teil gegen die Allgemeinheit, eine Neuerung gegen das Altertum, die abweichende Ansicht eines oder weniger Irrenden gegen die Übereinstimmung aller oder doch wenigstens der meisten Katholiken steht; so sollen sie der verkehrten Lehre des Teiles den reinen Glauben der Allgemeinheit vorziehen; und inmitten dieser selben Allgemeinheit sollen sie vor der Ruchlosigkeit einer Neuerung dem frommen Sinn des Altertums und ebenso innerhalb des Altertums selber vor der Vermessenheit eines oder sehr weniger zuerst den allgemeinen Beschlüssen aller auf einem Gesamtkonzil, wenn solche vorhanden sind, den Vorzug geben; sodann, wenn dieses nicht der Fall ist, sollen sie dem, was das Nächste ist, folgen, nämlich den unter sich übereinstimmenden Ansichten vieler und großer Lehrer. Wird dieses mit Hilfe des Herrn treulich, besonnen, sorgfältig beachtet, so werden wir ohne große Schwierigkeit alle schädlichen Irrtümer der auftretenden Häretiker zu entdecken vermögen.

39.

Unter welchen Bedingungen man sich der Aussprüche der heiligen Väter bedienen kann, um eine eben erst entstandene Häresie zu bekämpfen.

Hier halte ich es nun für angemessen, an Beispielen darzutun, wie die ruchlosen Neuerungen der Häretiker durch Anführung und Vergleichung der unter sich übereinstimmenden Aussprüche der alten Lehrer entdeckt und verworfen werden sollen. Doch müssen wir diese Übereinstimmung der alten heiligen Väter nicht bei jeder unbedeutenden Frage in betreff des göttlichen Gesetzes, sondern allein, wenigstens hauptsächlich nur bei der Glaubensregel mit großem Eifer aufsuchen und befolgen. Indessen kann man weder immerdar, noch alle Häresien auf diese Weise bekämpfen, sondern nur die neuen und frisch entstandenen, wenn sie nämlich eben erst auftauchen, noch ehe sie Zeit gewinnen, die Regeln des alten Glaubens zu fälschen, und bevor sie bei weiterer Verbreitung des Giftes die Schriften der Vorfahren fälschen können. Bereits verbreitete und eingewurzelte Häresien aber muß man keineswegs auf diesem Wege angreifen, deshalb, weil ihnen im langen Laufe der Zeit genug Gelegenheit zu Gebote stand, den Mißbrauch der Wahrheit zu haben. Und darum sollen wir alle jene älteren Ruchlosigkeiten der Schismen oder Häresien auf keine andere Weise als, wenn es tunlich ist, allein nur durch das Ansehen der Schriften zu überführen suchen, oder wir müssen sie, wenn sie schon vor Alters durch allgemeine Konzilien der katholischen Priester überführt und verdammt worden sind, meiden. Wenn daher die Fäulnis des Übels irgend eines Irrtums eben erst angefangen hat auszubrechen und zu seiner Verteidigung Worte des heiligen Gesetzes sich anzueignen und diese falsch und trügerisch auszulegen, alsdann sind sogleich zur Erklärung der Schrift die Aussprüche der Vorfahren zu sammeln, wonach das, was als neu und darum als ruchlos auftritt, ohne alle Umschweife aufgedeckt und ohne irgend welche Umstände verdammt werden soll. Aber nur die Aussprüche derjenigen Väter sind zusammenzustellen, welche im Glauben und in der katholischen Gemeinschaft heilig, weise, standhaft lebend, lehrend und verharrend das Glück hatten, entweder in Christus treu zu sterben oder für Christus selig getötet zu werden. Doch darf man auch ihnen nur unter der Bedingung Glauben schenken, daß nur das, was entweder alle, oder die meisten in einem und demselben Sinne klar, öfters, beharrlich, gleichsam wie wenn ein Lehrerkonzil unter sich übereinstimmte, angenommen, festgehalten, überliefert und so bekräftigt haben, für unzweifelhaft, gewiß und entschiedne erachtet werde.

Was dagegen jemand, sei es auch ein heiliger und gelehrter Mann, sei es auch ein Bischof, sei es auch ein Bekenner und Martyrer, ausschließlich aller anderen oder gar im Widerspruche mit allen aufgestellt hat, das soll unter die eigentümlichen, geheimen und Privatansichten gerechnet und von dem Ansehen eines allgemeinen, öffentlichen und von allen anerkennten Lehrsatzes ausgeschieden werden, damit wir nicht mit höchster Gefahr des ewigen Heils nach der gottlosen Gewohnheit der Häretiker und Schismatiker die alte Wahrheit der allgemeinen Glaubenslehre preisgeben und dem neuen Irrtume eines Menschen uns anschließen.

40.

Aussprüche des hl. Paulus, welche zeigen, daß man sich mit der einstimmigen Lehre der hl. Väter nicht in Widerspruch setzen darf.

Damit aber nicht etwa jemand glaube, die heilige und katholische Übereinstimmung dieser seligen Väter vermessen mißachten zu dürfen, so sagt der Apostel im ersten Briefe an die Corinther (I. Cor. 12,28.): "Und zwar hat Gott einige in der Kirche gesetzt zuerst als Apostel" (wovon er selbst einer war), "zweitens als Propheten" (wie wir in der Apostelgeschichte von Agabus lesen, daß er ein solcher gewesen), "drittens als Lehrer", welche jetzt Traktatoren genannt werden, und welche dieser nämliche Apostel bisweilen auch als Propheten bezeichnete, deshalb, weil durch sie den Völkern das Verständnis der geheimnisvollen Aussprüche der Propheten eröffnet wird. Wer also diese in der Kirche Gottes durch göttliche Anordnung nach Zeit und Ort verteilten Männer, wenn sie in betreff der katholischen Glaubenslehre über irgend etwas in Christus die gleiche Ansicht hegen, verachtet, der verachtet nicht einen Menschen, sondern Gott; und damit nun niemand mit ihrer die Wahrheit verbürgenden Einheit sich in Widerspruch setze, so ermahnt uns derselbe Apostel aufs nachdrücklichste, indem er sagt (I. Cor. 1,10.): "Ich ermahne euch aber, Brüder, daß ihr alle ein und dasselbe saget, und unter euch keine Spaltungen seien, ihr vielmehr vollkommen seid in derselben Gesinnung und in derselben Meinung." Sollte aber jemand von der Gemeinschaft ihrer Meinung abweichen, so höre er jenes Wort desselben Apostels (I. Cor. 14,33.): "Denn Gott ist nicht ein Gott der Zwistigkeit, sondern des Friedens" (das heißt, nicht ein Gott dessen, der von der Einheit der Übereinstimmung sich lossagt, sondern derer, welche im Frieden der Übereinstimmung verbleiben), "wie ich in allen Kirchen der Heiligen lehre", das heißt der Katholischen; diese (Kirchen) sind aber deshalb heilig, weil sie in der Gemeinschaft des Glaubens verharren. Und damit sich nicht etwa einer anmaße, man solle mit Ausschluß der Übrigen nur ihn allein hören, nur ihm allein Glauben schenken, so sagt er kurz darauf (I. Cor. 14,36.): "Oder ist von euch das Wort Gottes ausgegangen, oder ist's zu euch allein gelangt?" Und damit dieses nicht als nur so obenhin gesprochen verstanden würde, fügte er hinzu (I. Cor. 14,37.): "Wenn einer vermeint, Prophet zu sein oder Geistesbegabter, so erkenne er, daß, was ich euch schreibe, des Herrn Gebote sind." Was sind das wohl für Gebote, als daß, wenn einer ein Prophet oder Geistesbegabter, das heißt, ein Lehrer der geistigen Dinge ist, er mit dem größten Eifer als Pfleger der Gleichheit und Einheit sich erweise; daß er nämlich weder seine Meinungen denen der Übrigen vorziehe, noch von den Ansichten aller sich entferne. "Wer in dieser Sache", sagt er (I. Cor. 14,38.), "die Gebote nicht weiß, der wird nicht gewußt werden"; das heißt wer entweder diese Gebote, wenn er sie nicht weiß, nicht kennen lernt, oder, wenn er sie weiß, mißachtet, der wird nicht gewußt werden, das heißt, er wird für unwürdig gelten zu den im Glauben Geeinigten und durch die Demut Gleichgewordenen von Gott gerechnete zu werden. Ob sich aber etwas Härteres als dieses Übel denken läßt, weiß ich nicht. Und doch sehen wir, daß dieses nach der Drohung des Apostels jenem Pelagianer Julian zugestoßen ist, welcher der Lehre seiner Amtsgenossen entweder nicht beitreten wollte oder sich anmaßte, aus deren Gemeinschaft auszutreten. Doch es ist nunmehr Zeit, das versprochene Beispiel anzuführen, wo und wie die Aussprüche der hl. Väter gesammelt worden, um ihnen gemäß nach dem Beschlusse und der Autorität eines Konziliums die Regel des kirchlichen Glaubens festzustellen. Damit dieses umso bequemer geschehe, so sei hiermit dieser Teil des Commonitoriums geschlossen, um das Übrige, was nachfolgt, in einem anderen Buche zu behandeln.

 

DAS ZWEITE COMMONITORIUM

ist verloren gegangen, und davon ist nichts weiteres als der letzte Teil übrig geblieben, das heißt, eine bloße Rekapitulation, welche hier nachfolgt.

41.

Summarische Wiederholung des ersten Commonitoriums.

Da sich dem also verhält, so ist es nun an der Zeit, dasjenige, was in diesen beiden Commonitorien gesagt worden ist, am Schlusse dieses zweiten in den Hauptpunkten zu wiederholen. Wir haben im Obigen gesagt, daß es stets die Gewohnheit der Katholischen gewesen und noch heutzutage ist, den wahren Glauben auf diese zwei Arten zu erhärten, zuerst durch das Ansehen der göttlichen Schrift, sodann durch die Überlieferung der katholischen Kirche, nicht als ob die Heilige Schrift nicht für sich allein zu allem hinreichte, sondern weil sehr viele dadurch, daß sie die göttlichen Aussprüche nach ihrem selbsteigenen Belieben erklären, mannigfachen Meinungen und Irrtümern Raum geben, und es darum notwendig ist, daß das Verständnis der himmlischen Schrift nach der einen Regel des kirchlichen Sinnes sich richte, besonders in denjenigen Fragen, auf welchen die Grundlagen der ganzen katholischen Glaubenslehre beruhen. Ebenso haben wir gesagt, daß man in der Kirche selber wiederum auf die Übereinstimmung der Allgemeinheit und des Altertums schauen müsse, damit wir nicht entweder von dem Ganzen der Einheit losgerissen dem Bruchstücke des Schismas verfallen, oder hinweg von der Religion des Altertums in die Neuerungen der Häresien gestürzt werden. Ebenso haben wir gesagt, man müsse innerhalb der alten Kirche selber besonders und eifrig auf zwei Dinge bedacht sein, wonach sich mit aller Sorgfalt diejenigen richten müßten, welche keine Häretiker sein wollten: zuerst, ob etwas schon vor Zeiten von allen Priestern der katholischen Kirche durch die Autorität eines allgemeinen Konziliums beschlossen worden sei; sodann, daß man, wenn sich irgend eine neue Frage erhebt, bei welcher sich ein solcher Beschluß nicht ausfindig machen läßt, auf die Aussprüche der heiligen Väter zurückgehen müsse, derjenigen nämlich, welche sich zu ihrer Zeit und an ihrem Orte in der Einheit der Gemeinschaft und des Glaubens verharrend als glaubwürdige Lehrer bewährt haben, und das nun, wovon sich findet, daß sie es in ein und demselben Sinne und übereinstimmend festgehalten haben, solle ohne alles Bedenken als wahre und katholische Lehre der Kirche erklärt werden.

42.

Aus dem zweiten Commonitorium wird rekapituliert, wie die Väter auf dem Konzil zu Ephesus bei Festsetzung der Glaubensregel vorgegangen sind.

Damit es aber nicht den Anschein habe, als behaupteten wir dieses mehr nach unserer eigenen vorgefaßten Meinung als auf Grund der kirchlichen Autorität, so haben wir das Beispiel des heiligen Konziliums gebraucht, welches vor etwa drei Jahren in Asien zu Ephesus abgehalten worden ist unter dem Konsulate der vortrefflichen Männer Bassus und Antiochus. Als bei demselben über Feststellung der Glaubensregeln verhandelt wurde, so schien, damit sich nicht etwas dort eine ruchlose Neuerung nach Art des Glaubensbruches von Rimini einschleiche, allen Priestern, welche dortselbst ungefähr zweihundert an der Zahl zusammengekommen waren, dies das am meisten Katholische, Zuverlässigste und Geratenste, es sollten die Aussprüche der heiligen Väter zur allgemeinen Kenntnisnahme vorgelegt werden, von denen man wisse, daß die einen Martyrer, die andern Bekenner, alle aber katholische Priester gewesen und verblieben seien, damit nämlich nach ihrer Übereinstimmung und ihrem Beschlusse die Religion der alten Glaubenslehre bestätigt und die Gotteslästerung der ruchlosen Neuerung in förmlicher und feierlicher Weise verdammt würde. Nachdem also geschehen war, wurde mit Fug und Recht jener gottlose Nestorius als Gegner des Altertums, der selige Cyrillus aber als mit der hochheiligen Vorzeit übereinstimmend erklärt. Und damit zur Beglaubigung der Vorgänge nichts fehlte, haben wir auch sowohl die Namen als die Zahl jener Väter angeführt (obwohl wir die Ordnung vergessen haben), nach deren einhelliger und unter sich übereinstimmender Lehre dort die Aussprüche des hl. Gesetzes erklärt, und die Regel der göttlichen Glaubenslehre festgestellt wurde. Diese zur Auffrischung des Gedächtnisses auch hier namhaft zu machen ist keineswegs überflüssig. Folgende sind also die Männer, deren Schriften auf jenem Konzilium teils als die von Richtern teils als die von Zeugen vorgelesen wurden: Der heilige Petrus von Alexandrien, Bischof, ein ganz vorzüglicher Lehrer und höchst seliger Martyrer; der heilige Athanasius, Oberpriester derselben Stadt, ein ganz zuverlässiger Lehrer und ausgezeichneter Bekenner; der heilige Theophilus, ebenfalls Bischof derselben Stadt, ein Mann berühmt genug durch Glauben, Lebenswandel, Wissenschaft; ihm folgte der ehrwürdige Cyrillus, welcher gegenwärtig der Kirche von Alexandria Glanz verleiht. Und damit dies nicht etwa für die Lehre nur einer Stadt und Provinz gehalten würde, so wurden auch jene großen Leuchten Kappadoziens beigezogen, der heilige Gregor, Bischof und Bekenner von Nazians; der heilige Basilius von Cäsarea in Kappadozien, Bischof und Bekenner; ebenso der andere hl. Gregor, Bischof von Nyssa, durch Verdienst des Glaubens, des Wandels, der Reinheit und Weisheit seines Bruders Basilius ganz würdig. Um aber darzutun, daß nicht allein Griechenland oder der Orient nur, sondern auch der Okzident und die lateinische Welt immerdar so gesinnt gewesen sei, so wurden dort auch einige Briefe des heiligen Martyrers Felix und des heiligen Julius, Bischöfe der Stadt Rom, verlesen. Und damit nicht bloß das Haupt des Erdkreises, sondern auch die Seitenteile für jenes Gericht ihr Zeugnis ablegten, so wurde von Süden der höchst selige Cyprian beigezogen, Bischof von Carthago und Martyrer; von Norden her der heilige Ambrosius, Bischof von Mailand. Diese also sind alle zu Ephesus nach der geheiligten Zahl des Dekalogs als Lehrer, Ratgeber, Zeugen und Richter angeführt worden; ihre Lehre festhaltend, ihrem Rate gehorchend hat jene heilige Synode ohne Abneigung, Voreingenommenheit und Gunst über die Glaubensregeln sich ausgesprochen. Es hätte noch eine viel größere Anzahl von Vorfahren beigezogen werden können, aber es war nicht notwendig; denn es durfte weder durch die Menge der Zeugen die für die Verhandlung nötige Zeit weggenommen werden, noch zweifelte jemand, daß diese zehn in Wahrheit nicht anders gesinnt gewesen als alle ihre übrigen Amtsgenossen.

Nach diesem allen haben wir auch den Ausspruch des seligen Cyrillus beigefügt, welcher in den kirchlichen Akten selber enthalten ist. Denn als der Brief des heiligen Capreolus, Bischof von Carthago, welcher nichts anderes beabsichtigte und wollte, als daß die Neuerung bekämpft, das Altertum in Schutz genommen würde, verlesen worden war, da äußerte und erklärte sich Cyrillus in folgender Weise. Dies auch hier einzuschalten scheint mir der Sache nicht fremd zu sein. Es heißt nämlich am Schlusse der Verhandlungen: "Und dieser Brief des ehrwürdigen und in hohem Grade gottesfürchtigen Bischofs von Carthago, Capreolus, welcher vorgelesen worden ist, soll den Akten der Verhandlungen beigelegt werden; sein Ausspruch ist klar. Denn er will, daß die alten Glaubenslehren bestätigt, die neuen aber und unnütz ersonnenen und gottloserweise unter das Volk gebrachten verworfen und verdammt werden. Alle Bischöfe riefen laut: Das ist die Stimme aller, das sagen wir alle, das ist das Verlangen aller." Was war denn das für eine Stimme aller oder für ein Verlangen aller, als daß, was von Alters her überliefert worden war, festgehalten, was vor Kurzem erst ersonnen worden war, verworfen werden sollte? Darnach haben wir bewundert und gerühmt, wie groß die Demut und Heiligkeit jenes Konziliums gewesen, daß so zahlreiche Priester, fast zum größten Teile Metropoliten, von so vielen Kenntnissen und so großer Gelehrsamkeit, daß sie fast alle über Glaubenssätze disputieren konnten, und denen noch überdies ihre Zusammenkunft an einem Orte selber das Vertrauen, daß von ihnen etwas gewagt und festgesetzt werden dürfe, einzuflößen schien, dennoch keine Neuerung aufbrachten, nichts beanspruchten, ganz und gar nichts sich anmaßten, sondern sich auf alle Weise in Acht nahmen, den Nachkommen etwas zu überliefern, was sie nicht selber von den Vätern empfangen hatten, und nicht bloß für den gegenwärtigen Zeitpunkt die Sache in die rechte Ordnung brachten, sondern auch für die Folge den Nachkommen ein Beispiel gaben, daß nämlich auch sie selber die Glaubenssätze des geheiligten Altertums verehren, die Erfindungen gottloser Neuerung aber verdammen sollten. Wir haben uns auch gegen die verruchte Anmaßung des Nestorius ausgelassen, weil er sich groß machte, als verstehe er zuerst und allein die Heilige Schrift, und alle diejenigen hätten sie nicht verstanden, welche vor ihm mit dem Lehramte betraut die göttlichen Aussprüche erklärt hätten, nämlich alle Priester, alle Bekenner und Martyrer, von welchen die einen das Gesetz Gottes ausgelegt, die anderen aber ihrer Auslegung beigestimmt oder Glauben geschenkt hatten; weil er endlich behauptete, die ganze Kirche irre auch jetzt noch und habe immerdar geirrt, da sie, wie ihm schien, unwissenden und im Irrtume befangenen Lehrern gefolgt wäre und noch folgte.

43.

Rekapitulation aus dem zweiten Commonitorium mit Bezug auf die ephesinische Synode. Schluß des Ganzen.

Obgleich dieses alles reichlich und zur vollen Genüge ausgereicht hätte, um alle ruchlosen Neuerungen zu vernichten und auszutilgen, so haben wir doch, damit zur Vollständigkeit nicht etwas zu fehlen scheine, zuletzt noch eine doppelte Autorität des apostolischen Stuhles beigefügt, nämlich einmal die des heiligen Papstes Sixtus, welcher gegenwärtig hochverehrt die römische Kirche erleuchtet, sodann die seines Vorgängers seligen Angedenkens, des Papstes Cölestin, welche wir auch hier noch einzuschalten uns entschlossen haben. Es sagt also der heilige Papst Sixtus in dem Briefe, welchen er in Sachen des Nestorius an den Bischof von Antiochien schickte: "Darum also, weil, wie der Apostel sagt, ein Glaube ist, welcher klar zur Geltung gekommen, so lasse uns das, was zu sagen ist, glauben, und das, was fest zu halten ist, sagen." Was ist nun das, was zu glauben und zu sagen ist? Er fährt fort und sagt: "Nichts soll der Neuerung weiterhin gestattet sein, weil man nichts dem Altertum beifügen darf. Der klare Glaube der Vorfahren und deren Religion soll durch keine Vermischung mit Unrat entstellt werden." Ganz apostolisch, daß er den Glauben der Vorfahren mit dem Ausdruck "Licht der Klarheit" beehrte, die neuen Ruchlosigkeiten aber als Vermischung mit Unrat bezeichnete. Aber auch der heilige Papst Cölestin läßt sich in derselben Weise und in gleicher Sprache vernehmen. Er sagt nämlich in dem Briefe, welchen der an die gallische Geistlichkeit schickte, indem er ihre Nachsicht tadelt, womit sie den alten Glauben durch ihr Stillschweigen preisgebend ruchlosen Neuerungen sich zu erheben gestatteten: "Mit Recht fällt die Sache uns zur Last, wenn wir durch Stillschweigen den Irrtum begünstigen. Darum sollen solche zurechtgewiesen werden; es darf ihnen nicht frei gelassen werden, nach Belieben zu sprechen." Hier möchte vielleicht einer zweifeln, wer denn jene sind, die nicht nach ihrem Belieben sprechen dürfen sollen, ob die Prediger des Altertums oder die Erfinder der Neuerung. Er mag es selber sagen, mag selber den Zweifel der Leser lösen. Es folgt nämlich: "Es höre, wenn sich die Sache so verhält", (das heißt, wenn es sich so verhält, wie einige eure Städte und Provinzen bei mir anschuldigen, daß ihr dieselben gewissen Neuerungen durch eure verderbliche Fahrlässigkeit beistimmen macht) "es höre also", sagt er, "wenn sich die Sache so verhält, die Neuerung auf, das Altertum anzugreifen." Dies also war des seligen Cölestins glücklicher Ausspruch, nicht daß das Altertum aufhören solle, die Neuerung zu unterdrücken, sondern vielmehr, daß die Neuerung davon abstehen solle, das Altertum anzugreifen.

Wer nun immer diesen apostolischen und katholischen Beschlüssen widerstrebt, der tut notwendig zu allererst dem Andenken des heiligen Cölestin Schmach an, welcher entschied, daß die Neuerung aufhören solle, das Altertum anzugreifen; sodann verhöhnt er die Bestimmungen des heiligen Sixtus, welcher erklärte, es solle weiterhin der Neuerung nichts gestattet werden, weil man dem Altertum nichts beifügen darf; aber auch die Satzungen des seligen Cyrill muß er hintansetzen, welcher den Eifer des ehrwürdigen Capreolus mit großem Lobpreise erhob, weil dieser wollte, die alten Glaubenssätze sollten bestätigt, die neuerfundenen aber verdammt werden; auch die ephesinische Synode, das heißt, das Urteil der heilige Bischöfe fast des ganzen Orients muß er mit Füßen treten, welchen es kraft göttlicher Eingebung gefiel, nichts anderes für die Nachkommen als Glaubenssache festzusetzen, als was das geheiligte und mit sich selber in Christus übereinstimmende Altertum der heiligen Väter festgehalten hätte, und welche auch laut schreiend und rufend mit einem Munde bezeugten, das sei die Stimme aller, das wünschen alle, das meinten alle, so daß, wie fast alle Häretiker vor Nestorius, welche das Alte verachteten und Neues behaupteten, verdammt worden waren, so auch Nestorius selber, als Urheber der Neuerung und Bekämpfer des Altertums, verdammt wurde. Wenn nun ihre durch die Gabe hochheiliger und himmlischer Gnade eingeflößte Übereinstimmung jemandem mißfällt, was folgt daraus anderes, als daß er behauptet, die Ruchlosigkeit des Nestorius sei nicht mit Recht verdammt worden? Zuletzt muß er auch die gesamte Kirche Christi und deren Lehrer, die Apostel und Propheten, besonders aber den seligen Apostel Paulus, gleichsam als Abfuhr (Kehricht) mißachten; jene (die Kirche), weil sie von der Gewissenhaftigkeit in der Pflege und Ausbildung des ihr einmal überlieferten Glaubens niemals abgewichen ist; diesen aber, weil er schrieb: "O Timotheus, bewahre die Hinterlage, meidend die ruchlosen Wortneuerungen." Und ebenso: "Wenn jemand euch etwas anderes verkündigt, als was ihr empfangen habt, so sei er Anathema." Wenn nun weder die apostolische Lehre noch die kirchlichen Beschlüsse verletzt werden dürfen, durch welche nach der hochheiligen Übereinstimmung de Gesamtheit und des Altertums immerdar alle Häretiker und zuletzt Pelagius, Cölestius und Nestorius mit Fug und Recht verdammt worden sind, so ist es in der Tat für die Folge notwendig, daß alle Katholiken, welche sich als rechtmäßige Söhne der Kirche, ihrer Mutter, erweisen wollen, dem heiligen Glauben der heiligen Väter anhangen, sich anschließen und in ihm sterben, die ruchlosen Neuerungen ruchloser Menschen dagegen verwünschen, verabscheuen, bekämpfen und verfolgen.

Das ist es ungefähr, was in den beiden Commonitorien ausführlicher auseinandergesetzt, gegenwärtig aber als Wiederholung etwas kürzer zusammengezogen wurde, damit mein Gedächtnis, zu dessen Unterstützung wir jene Zusammenstellung gemacht haben, durch beständige Erinnerung aufgefrischt und doch nicht durch anekelnde Weitschweifigkeit erdrückt würde.

Hiermit endigt die Abhandlung Peregrin's gegen die Häretiker.


Einleitung von 1870:

Der hl. Vincenz von Lerin
und
sein Commonitorium.

Von den Lebensverhältnissen des hl. Vinzenz, zum Unterschiede von Andern gleichen Namens nach seinem spätern Aufenthaltsorte, der Insel Lerin (1), Lerinensis zubenannt, sind nur sehr dürftige Nachrichten auf uns gekommen. Nach dem Berichte des Gennadius (2) seines etwas jüngeren Zeitgenossen und Landsmannes, welchem allein wir das Wenige verdanken, was wir Sicheres von Vincenz wissen, war dieser von Geburt ein Gallier. Die Zeit seiner Geburt muß in den Ausgang des 4. oder Anfang des 5. Jahrhunderts fallen. Über seine Familie, sowie über den Ort oder auch nur die Provinz, wo er geboren worden, läßt sich etwas Bestimmtes nicht sagen. Ebenso sind seine Kindheit und frühere Jugendzeit für uns in Dunkel gehüllt; wir vermögen nur aus dem Styl und Inhalt seines Commonitoriums zu urtheilen, daß er eine gute Erziehung und wissenschaftliche Bildung genossen habe. Von seinen späteren Schicksalen, bevor er Mönch geworden, sagt er selber in der Vorrede zum Commonitorium, daß er eine Zeit lang von mannigfachen und schweren Stürmen des weltlichen Kriegsdienstes hin und her geworfen wurde. Daraus wollten Einige schließen, Vincentius habe früher dem Kriegerstande angehört. Dieß wäre zwar sehr leicht möglich; indessen ist doch der Ausdruck "weltlicher Kriegsdienst (secularis militia)" viel zu unbestimmt, als daß sich darauf ein Schluß auch nur mit einiger Sicherheit gründen ließe. Denn dieses Wort bezeichnet nach dem Sprachgebrauche jener Zeit nicht bloß den Felddienst, sondern auch jede andere weltliche Beschäftigung, überhaupt das Leben in der Welt und für die Welt im Gegensatze zu dem gottgeweihten Leben eines Religiosen. Mit Gewißheit können wir also jener Angabe nur entnehmen, daß Vincentius ein bewegtes und durch mancherlei Mißgeschicke getrübtes Leben geführt habe, bis er sich, dessen müde, entschloß, sein Lebensschifflein in dem Hafen des Klosterlebens zu landen, um da fern von der Eitelkeit und dem Gewühle der Welt in ruhiger Beschaulichkeit Gott zu dienen und für sein Seelenheil Sorge zu tragen. Der gelehrte Kardinal Noris meint nun, Vincentius habe sich zuerst in ein Kloster bei Marseille zurückgezogen und sei erst nach der Abfassung seines Commonitoriums von hier nach Lerin gekommen. Doch wird ihm hierin wohl mit Recht von den meisten Anderen widersprochen, welche sagen, Vincenz habe sich gleich anfänglich in das Kloster auf Lerin begeben. Daß er hier, wie Einige wollen, die Stelle eines Abtes bekleidet habe, ist unrichtig. Denn nicht nur nennt ihn Gennadius einfach Presbyter, sondern wir haben auch noch das Verzeichniß der Aebte jenes Klosters, worin für Vincentius kein Platz vorhanden ist (3). Ungewiß ist, ob er schon als Presbyter in das Kloster eintrat oder erst in demselben die Ordination erhielt. Von da an fehlen über ihn alle weiteren Nachrichten, und wir können nur vermuthen, daß er sich in der stillen Klosterzelle bis zum Ende seines Lebens ausschließlich den Übungen der Frömmigkeit und wissenschaftlichen Studien hingegeben habe. Sein Tod fällt nach dem Berichte des Gennadius in die Regierungszeit der Kaiser Theodosius II. und Valentinian III., also in die Mitte des 5. Jahrhunderts. Vincentius wurde bald nach seinem Tode nicht bloß in Lerin als Heiliger verehrt, sondern auch das römische Martyrologium führt ihn als solchen auf und feiert sein Andenken am 24. Mai. Seinen Ruhm als Schriftsteller verdankt Vincentius dem Commonitorium, welches er unter dem Namen "Peregrinus" verfaßte. Den Grund dieser Pseudonymität vermögen wir nicht zu erkennen, wenn es nicht etwa wegen der polemischen Zwecke geschah, welche das Commonitorium in mehr versteckter Weise den Anhängern der augustinischen Gnadenlehre gegenüber verfolgte. Die Zeit der Abfassung ist in Kap. 42 angegeben, wo von dem allgemeinen Concile von Ephesus gesagt wird, es sei vor ungefähr 3 Jahren abgehalten worden, so daß also die Vollendung des Commonitoriums etwa in das Jahr 434 zu setzen ist. Als Veranlassung gibt Vincentius zu wiederholten Malen an, er habe diese Arbeit unternommen, um durch Aufzeichnung der von den Vätern überlieferten Glaubenslehre der Schwäche seines Gedächtnisses zu Hilfe zu kommen, weßhalb er auch seine Schrift "Commonitorium, das heißt Gedenk- oder Erinnerungsbüchlein" nennt. Der eigentliche Grund war aber wohl der, in jenen Zeiten dogmatischer Erregtheit, wo die Häresien des 4. Jahrhunderts noch nicht vollständig überwunden waren, während das 5. schon wieder neue hervorgebracht hatte, eine sichere Regel an die Hand zu geben, um beim Widerstreite der Meinungen von der kirchlichen Wahrheit nicht abzuirren. Als obersten Grundsatz stellt er dabei auf: "In der kirchlichen Lehre darf keine Neuerung eingeführt werden; katholisch ist nur, was überall, was immer, was von Allen geglaubt worden." Ursprünglich bestand das Commonitorium aus zwei Theilen, von welchen aber der letztere dem Verfasser noch vor der Veröffentlichung entwendet wurde. Wie Gennadius berichtet, hätte nun Vincentius den Inhalt des verloren gegangenen Buches kurz zusammengefaßt und mit dem 1. Theile zu Einem Buche verbunden. Indessen bemerkte man doch bald, daß die drei Schlußkapitel des vorhandenen Ganzen allerdings eine Zusammenfassung sind, aber nicht bloß des verlorenen 2., sondern auch des ersten Theiles, und daß Vincentius dieselben schon nach dem Wortlaute bei Beginn des Kap. 41 (4) nicht erst nach der Entwendung des zweiten Theiles geschrieben haben kann. Wir dürfen also füglich annehmen, daß uns in diesen drei letzten Kapiteln der Schluß des entwendeten zweiten Theiles in der ursprünglichen Fassung erhalten ist. Der Werth des Commonitoriums ist in der Kirche zu allen Zeiten als ein sehr hoher anerkannt und mit großen Lobsprüchen gefeiert worden. So nennt schon Gennadius dasselbe "eine sehr kräftige Streitschrift wider die Häretiker". Trithemius spricht davon als von einem ausgezeichneten Werke. Baronius sagt von Vincentius, er habe in der katholischen Kirche einen großen Ruf seines Namens zurückgelassen, und nennt seine Schrift "ein wahrhaft goldenes Werk". Bellarmin rühmt das Commonitorium als "klein an Umfang, aber sehr groß an Gehalt". Selbst die Protestanten konnten nicht umhin, demselben die ehrendste Anerkennung zu Theil werden zu lassen, wie es z.B. die Magdeburger Centurien ein gelehrtes und scharfsinniges Werk nennen. Es ist denn auch in der That ein klassisches Werk sowohl dem Inhalte als der Form nach. Wie es die Kriterien der ächten katholischen Glaubenslehre aufstellt und nachweist, inwieferne es auch in Glaubenssachen einen Fortschritt gibt, steht es einzig da in der alten Literatur. In der gelungensten Weise wird der Beweis für die aufgestellten Grundsätze sowohl aus der hl. Schrift als aus der ganzen bisherigen Kirchengeschichte geführt. Die Anordnung des Ganzen ist so klar durchdacht und logisch durchgeführt, daß sich in schönster Weise das Eine aus dem Andern entwickelt. Trotz einiger überflüssiger Wiederholungen ist die Darstellung im Ganzen doch sehr gedrängt, die Sprache nicht bloß rein und fließend, sondern auch warm und beredt und von einer Allen zugänglichen Verständlichkeit, so daß dieses Büchlein in jeder Beziehung zu den kostbarsten Überbleibseln der patristischen Literatur zu rechnen ist. Hier dürfen wir aber auch den Vorwurf nicht übergehen, der dem Vincentius und seinem Commonitorium gemacht wird, daß er nämlich dem Semipelagianismus gehuldigt habe, und daß in seinem Buche die deutlichen Spuren davon zu finden seien. Der Calvinist Johann Gerhard Boß (Voß?) war der Erste, welcher diese Beschuldigung erhob, und Kardinal Noris stimmte ihm hierin mit Anführung neuer Gründe bei. Diese Gründe waren so gewichtig, daß ihnen auch Natalis Alexander, Thomassin, die Mauriner, die Gebrüder Ballerini, Lorenz Berti und noch manche andere Autoritäten ersten Ranges folgten, obwohl Baronius und Bellarmin sich auf's günstigste für die Orthodoxie des hl. Vincenz ausgesprochen hatten. In neuerer Zeit sind auch Engelbert Klüpfel und namentlich Hefele nach einer gründlichen Untersuchung dieser Frage zu demselben Schlusse gekommen. In der That müssen auch die beigebrachten Beweismomente als entscheidend anerkannt werden. Diese sind in Kürze folgende: I. Die ganze Umgebung des Vincentius war eine semipelagianische, indem diese Richtung nicht bloß vom benachbarten Marseille ausgegangen, sondern auch in Lerin selber eingedrungen war. Faustus von Riez, ein Hauptverfechter des Semipelagianismus, war ein langjähriger Mitbruder des Vincentius und dessen Abt gerade zu der Zeit, als dieser sein Commonitorium schrieb. II. Der Hauptbeweis für den Semipelagianismus des Vincentius ist aber dem Commonitorium selber entnommen und zwar Kap. 37 und 43. 1) Am Schlusse des Kap. 37 heißt es nämlich wörtlich: "Die Häretiker pflegen in ganz eigener Weise durch Versprechungen, wie die nachfolgenden, unvorsichtige Menschen zu hintergehen. Sie getrauen sich nämlich zu versprechen und zu lehren, daß es in ihrer Kirche, das heißt, in dem Conventikel ihrer Gemeinschaft, eine große und spezielle und ganz persönliche Gnade Gottes gebe, in der Art, daß ohne irgend eine Anstrengung, ohne irgend eine Mühe, ohne irgend eine Selbstthätigkeit, auch wenn sie nicht bitten, nicht suchen, nicht anklopfen, alle die, welche zu ihrer Zahl gehören, dennoch so von Gott (mit Gnade) versehen werden, daß sie von Engelshänden getragen, das heißt, durch Engelsschutz bewahrt, niemals ihren Fuß an einen Stein anstoßen, das heißt, niemals zum Bösen verführt werden können". Damit stellt sich Vincentius der orthodoxen Gnadenlehre, wie sie gerade damals von den Anhängern des hl. Augustin freilich in den allerstärksten Ausdrücken vorgetragen wurde, in 3 Punkten gegenüber: a) will er keine spezielle, persönliche Gnade anerkennen, so daß Gott jedem Einzelnen nach freiem Belieben das Maß seiner Gnade zumißt, deren höchsten Erweis die Gabe der Beharrlichkeit bis an's Ende bildet; b) bekämpft er die Lehre, daß das Heil durch die Gnade Gottes gewirkt werde, welche der Mensch nicht verdienen kann, da sie frei verliehen wird (5); c) verwirft er die Lehre, daß, wer einmal von Gott prädestinirt ist, auch unfehlbar selig werde (6). Dadurch huldigt aber Vincentius, wenn auch nicht direkte, so doch deutlich genug indirekte, dem semipelagianischen Standpunkt, wonach a) die Gnade nur eine allgemeine (7) ist, b) der Anfang des Heils von dem Menschen ausgeht, indem sich dieser durch Bitten und Anklopfen die Gnade erwerben kann, und c) die Prädestination in gleicher Weise wie die Reprobation als ein bloßes Vorherwissen der menschlichen Handlungen von Seiten Gottes erscheint. 2) Auch Kap. 43 wird zum Beweise dafür, daß Vincentius Semipelagianer gewesen, angeführt. Hier citirt derselbe nämlich einen Brief, welchen Papst Coelestin an die gallischen Bischöfe gerichtet hatte, um sie an ihre Pflicht zu mahnen, Glaubensneuerungen entgegenzutreten. Dieser Brief war eine Antwort auf die Klage, welche Prosper und Hilarius, zwei entschiedene Verfechter der augustinischen Gnadenlehre, beim päpstlichen Stuhle angebracht hatte, daß mehrere Priester und Mönche zu Marseille, ohne von den Bischöfen zurechtgewiesen zu werden, irrige Lehren verbreiteten. Offenbar war der Brief gegen die Semipelagianer gerichtet. Vincentius aber klammert sich an den Satz: "Die Neuerung soll aufhören das Alterthum anzugreifen", verschweigt das Lob, welches der Papst dem Prosper und Hilarius ertheilt, und läßt durch seine Darstellung nicht im Mindesten durchschimmern, daß Coelestin unter der Neuerung die semipelagianische Lehre verstanden habe. Dieß hätte er aber nach der ganzen Anlage seines Buches sicherlich gethan, wenn er nicht selber dieser Anschauung zugethan gewesen wäre. Darnach kann es wohl kaum in Abrede gestellt werden, daß die Rechtgläubigkeit des hl. Vincentius wirklich mit einer Makel behaftet erscheint, und daß durch die beiden Stellen auch auf das Commonitorium theilweise ein Schatten geworfen wird. Zur Entschuldigung muß aber gesagt werden, daß sich der hl. Augustin im Verlaufe des Streites mit den Pelagianern wirklich zu schroffen, auf die Spitze getriebenen Äußerungen über die Nothwendigkeit zu sündigen und die unwiderstehlichen Wirkungen der Gnade hatte hinreissen lassen. Vom Standpunkte des kirchlichen Alterthums aus konnte man mit Recht dagegen Bedenken erheben. Nur begingen die Semipelagianer den doppelten Fehler, daß sie, statt jene Ausdrücke im Zusammenhange und im Geiste des ganzen Systems zu verstehen, dieselben vielmehr im späteren Sinne Calvins auffaßten, und andererseits Schrift und Väter in ihrer rationalistischen, die Heilsgnade nicht in ihrer vollen Bedeutung erfassenden Weise sich zurecht legten. Übrigens standen sich in jener Zeit die Ansichten noch gegenüber, ohne daß bereits von der Kirche eine befinitive Entscheidung getroffen worden wäre. Dies geschah erst etwa 100 Jahre später auf dem Concilium zu Orange (529), wo die gallischen Bischöfe unter dem Vorsitze des hl. Cäsarius von Arles in 25 Kanonen, welche nachher auch die Bestätigung des Papstes Bonifaz II. und die Zustimmung der gesammten Kirche erhielten, den Semipelagianismus verwarfen und ihm gegenüber die ächte, katholische Lehre zu klarer, bestimmter Aussprache brachten. Wenn daher auch Vincentius in der Lehre von der Gnade irrthümlichen Ansichten huldigte (8) so geschah dieses, ohne daß er sich dadurch eigentlicher Häresie schuldig machte, und ohne daß dadurch die Heiligkeit seiner Gesinnung und seines Charakters eine Einbuße erlitte. Außer dem Commonitorium werden unserem Vincenz auch die sogenannten "Vincentianischen Einwürfe" -- objectiones Vincentianae -- zugeschrieben. Dieselben erschienen kurz vor dem Commonitorium und waren gegen den heil. Prosper von Aquitanien, einen Anhänger des hl. Augustin, gerichtet, welchen sie des absoluten Prädestinationismus beschuldigten, da sie ihm Lehren zur Last legten wie: Christus sei nicht für alle Menschen gestorben, Gott wolle nicht, daß alle Menschen selig werden, Gott sei der Urheber unserer Sünden etc. Baronius schreibt zwar diese Schrift einem anderen Vincentius zu, und Klüpfel und Elpelt geben sich alle Mühe, die Autorschaft dieses Buches unserem Vincentius abzusprechen; doch ist, wie Hefele bemerkt, nachdem einmal der Semipelagianismus desselben feststeht, und die Semipelagianer in der That so, wie es in diesem Buche geschieht, die augustinische Lehre zu entstellen pflegten, kein triftiger Grund mehr vorhanden, ihn nicht auch als Verfasser dieser Schrift anzuerkennen. Dagegen ist wohl der Apostat Oudin im Unrecht, wenn er unserem Vincenz auch den "Prädestinatus" zueignet, ein Buch, welches zuerst ein Verzeichniß der Häresien von Simon Magus an bis auf den Prädestinatianismus herab gibt, sodann eine Anzahl prädestinatianischer, angeblich von dem hl. Augustin herrührender Behauptungen anführt und zuletzt deren Widerlegung unternimmt. Antelmius, Canonikus zu Frejus (am Ende des 17. Jahrhunderts), versuchte darzuthun, daß auch das sogenannte athanasianische Symolum "Quicumque" von Vicentius herrühre. Doch sind die beigebrachten Beweise viel zu ungenügend, als daß sie auch nur einigermaßen zu überzeugen vermöchten. Entsprechend seinem hohen Werthe hat das Commonitorium bis in die neueste Zeit herab ungemein zahlreiche Ausgaben erfahren. Den Vorzug darunter verdienen wohl die drei von Stephan Baluzius besorgten, Paris 1663, 1669 und 1684. In der Ausgabe von Engelbert Klüpfel (Viennae 1809) findet sich eine sehr ausführliche Einleitung nebst zahlreichen Anmerkungen. Die neueste sehr bequeme Handausgabe von einem Kleriker der Würzburger Diözese datiert aus dem Jahre 1867 (Augsburg, Schmid'sche Buchhandlung). Auch in neuere Sprachen ist das Commonitorium vielfach übersetzt worden, so in's Französische, Italienische, Englische, Böhmische, Schottische. In's Deutsche wurde es schon i. J. 1563 zu Ingolstadt von Sebastian Faber übertragen, sodann von Michael Feder, Bamberg 1785. Eine neuere deutsche Übersetzung, gleichfalls mit ausführlicher Einleitung und zahlreichen Noten versehen, haben wir von Fr. Xav. Elpelt, Breslau 1840. Eine ausgezeichnete Arbeit über Vincentius Lirinensis und sein Commonitorium, welche bei gegenwärtiger Übersetzung vielfach zu Rathe gezogen wurde, besitzen wir außerdem noch von Dr. Hefele in der Tübg. theol. Quartalschrift, Jahrg. 1854. Dieselbe findet sich auch in den Beiträgen der Kirchengeschichte, Archäologie und Liturgik von Dr. Karl Jos. Hefele (Tübingen 1864).

Inhaltsübersicht. In der Vorrede erklärt Vincenz, daß er sich entschlossen habe, dasjenige, was er von den Vätern in Glaubenssachen Zuverlässiges erfahren, aufzuzeichnen, um damit der Schwäche seines Gedächtnisses zu Hilfe zu kommen. Dazu fühle er sich getrieben, weil wir der Zeit, die uns Alles entreißt, auch Etwas für das ewige Leben Förderliches abringen sollen, und weil gerade die Gegenwart, wo das Weltgericht in naher Aussicht stehe, und so zahlreiche neue Häresien auftauchen, zu besonders eifriger Beschäftigung in religiösen Dingen auffordere. Außerdem sei auch die Stille seines Klosters für eine solche Arbeit sehr günstig, sowie nicht minder der Zweck, den er sich für sein ferneres Leben gesteckt, indem er nun, dem Strudel der Welt entrissen, nur mehr dem Dienste Gottes leben wolle. Doch wolle er nur das Nothwendigste aufzeichnen, und auch dieses nicht in kunstgerechter, sondern in gemein verständlicher Schreibweise. Dabei werde er sich aber angelegen sein lassen, sein Büchlein durch beständige Prüfung und Sichtung des von ihm Gelernten tagtäglich zu verbessern und zu ergänzen. Nach dieser Vorrede erzählt nun Vincentius, wie er bei seinen Nachforschungen über eine sichere Glaubensregel von den ausgezeichnetsten Männern immer auf die hl. Schrift und auf die Tradition der katholischen Kirche hingewiesen worden sei (Kap. 1). Die heil. Schrift wäre zwar für sich allein als Glaubensquelle schon vollkommen ausreichend, weil sie aber von Verschiedenen verschieden ausgelegt wird, so ist, um uns deren richtiges Verständniß zu verbürgen, noch die Autorität der Kirche nothwendig (Kap. 2). In dieser selber aber muß als Regel gelten, daß nur das wahrhaft katholisch ist, was überall, was immer, was von Allen geglaubt worden ist (Kap. 3). Daher muß man dem Glauben eines Bruchtheils der Kirche gegenüber am Glauben der Gesammtkirche und gegenüber einer die ganze Kirche ergreifenden Neuerung am Glauben des Alterthums festhalten. Sollten aber auch im Alterthume einige Städte oder gar Provinzen dem Irrthume gehuldigt haben, so muß man sich an die Beschlüsse eines allgemeinen Conciliums und, wenn solche nicht vorhanden sind, an die übereinstimmenden Aussprüche orthodoxer kirchlicher Lehrer halten (Kap. 4). Zur Beleuchtung dieser Grundsätze dient das donatistische Schisma, die arianische Häresie, sowie die Streitfrage über die Giltigkeit der Ketzertaufe (Kap. 5-11). Auch durch zahlreiche Aussprüche des hl. Paulus wird die Richtigkeit der angegebenen Glaubensregel dargethan (Kap. 12-14). Auf die Frage, worum es Gott oftmals geschehen lasse, daß ganz ausgezeichnete Männer innerhalb der Kirche selber mit irrigen Lehren hervortreten, antwortet nun Vincentius mit Berufung auf V. Mos. 13, 1-3, daß dieses zur Prüfung der Gläubigen geschehe (Kap. 15) und erhärtet dieß sofort durch den kirchengeschichtlichen Hinweis auf Männer wie Nestorius, Photinus und Apollinaris, welche mit ihren neuen und darum irrigen Lehren gerade wegen des Ansehens, welches sie bis dorthin in der Kirche genossen hatten, für die Gläubigen so höchst gefährlich wurden (Kap. 16). Die Irrthümer dieser Häretiker werden nun ausführlich dargestellt, und wird im Gegensatze zu denselben auch die katholische Lehre entwickelt (Kap. 17-22). Sodann werden als weitere Beispiele solcher Prüfungen noch Origenes und Tertullian angeführt, von welchen jener bei den Griechen, dieser bei den Lateinern an Ansehen Alle überragte (Kap. 23. 24). Der wahre Katholik muß also mit unerschütterlicher Standhaftigkeit an dem festhalten, was die Kirche im Alterhtums lehrte, und den Mahnungen der hl. Schrift folgend die Neuerungen auch der angesehendsten Männer von sich weisen (Kap. 25 - 27). In meisterhafter Weise zeigt nun Vincentius, daß es auch auf dem Gebiete der Glaubenslehre einen Fortschritt gebe, nur dürfe dieser keine Veränderung des Glaubensinhaltes sein, sondern eine Entwicklung desselben (Kap. 28). Wie der menschliche Leib und das Samenkorn von innen heraus sich entfalten, so sei auch die kirchliche Glaubenslehre nur eines organischen Wachsthums fähig (Kap. 29. 30). Weder dürfe etwas Wissentliches von der Glaubenslehre aufgegeben, noch etwas Neues derselben hinzugefügt werden; sonst würde bald Nichts mehr rein und unbefleckt sein, und müßte das Ganze zerfallen (Kap. 31). Darum bezweckten auch die Concilien immer nur, die alte Lehre durch ihre Entscheidungen in helleres Licht zu setzen und durch neue Formeln den alten Glaubenssinn dem Verständniß näher zu bringen (Kap. 32). Neues einzuführen, womit eigentlich die ganze alte Kirche der Unwissenheit oder des Irrthums beschuldigt wird, war von jeder Sache der Häretiker, während der wahre Katholik an den Überlieferungen der heil. Väter festhält (Kap. 33. 34). Eine große Gefahr liegt für die Gläubigen darin, daß die Häretiker nie in Verlegenheit sind ihre Neuerungen mit dem Ansehen der hl. Schrift zu vertheidigen, indem sie die Aussprüche derselben nach ihrem eigenen Belieben deuten (Kap. 35). Sie sind die falschen Propheten, die in Schafskleidern kommen und inwendig reißende Wölfe sind (Kap. 36). Diesen Kunstgriff haben sie von ihrem Meister, dem Satan, gelernt, welcher bei der Versuchung des Heilandes sich gleichfalls auf die heil. Schrift berief (Kap. 37). Darum muß man der häretischen Auslegung gegenüber die heil. Schrift nach der Überlieferung der hl. Väter erklären (Kap. 38. 39). Doch darf nur jenen Aussprüchen der Väter allgemeine Giltigkeit zeurkannt werden, worin sie Alle übereinstimmen; denn Behauptungen, die nur bei Einzelnen sich finden, können nur als Privatmeinung gelten. Wie doch die Übereinstimmung der Väter zu schätzen sei, wird schließlich noch durch mehrfache Aussprüche des hl. Paulus dargethan (Kap. 40). Von dem II. Theile des Commonitoriums sind nur die drei Schlußkapitel auf uns gekommen. Das erste derselben (Kap. 41) wiederholt die im I. Theile aufgestellte Glaubensregel, während die beiden andern eine Rekapitulation des II. Theiles enthalten. Kap. 42 gibt nämlich ein Bild der Verhandlungen auf der allgemeinen Synode zu Ephesus, wo als oberster Grundsatz galt, daß man den Neuerungen gegenüber am Alterthume festhalten müsse. Zur weiteren Bestätigung dieses Grundsatzes werden dann in Kap. 43 zwei päpstliche Schreiben erwähnt, wovon das eine durch Papst Sixtus an den Bischof von Antiochien in Sachen des Nestorius, das andere durch Papst Cölestin an die gallischen Bischöfe gerichtet war, um sie zu mahnen, den auftauchenden Neuerungen entgegenzutreten.


(1) Die kleine Insel Lerinum oder Lirinum, gegenwärtig St. Honorat genannt, liegt hart an der südöstlichen Küste Frankreichs, nicht weit von Nizza. Bis zum Anfange des 5. Jahrhunderts war sie wegen des giftigen Schlangengezüchts, welches sich auf der Insel aufhielt, unbewohnt. Da gründete der hl. Honorat ein Kloster dortselbst, welches bald einen ungemeinen Aufschwung nahm und für Frankreich lange Zeit hindurch eine Pflanzschule gelehrter und heiliger Männer war. Seit der Verwüstung durch die Araber war diese Insel trotz ihres herrlichen Klimas nur noch von Fischern bewohnt. In der allerneuesten Zeit jedoch sollen die Cisterzienser die Insel übernommen haben, um daselbst eine Abtei mit Schule, Noviziat und Waisenhaus zu gründen und dieselbe wieder fruchtbar zu machen.

(2) Gennadius, de vir. illustribus c. 64.

(3) Nachdem der hl. Honorat i. J. 426 Bischof von Arles geworden war, folgte ihm Maximus als Abt von Lerin, dessen Nachfolger (von 434 bis 462) Faustus, der spätere Bischof von Riez, war.

(4) "Da dem also sich verhält, ist es nunmehr Zeit, dasjenige, was in diesen beiden Commonitorien gesagt worden, am Schlusse dieses zweiten Theiles kurz zusammenzufassen."

(5) Wenn Vincentius sagt, daß nach der von ihm bekämpften Richtung von Seiten des Menschen zur Erlangung des Heiles gar keine eigene Thätigkeit erfordert werde, so ist das Mißverständniß oder Entstellung der augustinischen (und kirchlichen) Lehre. Denn nach dieser wird zwar der Gnade in allweg sowohl zur Erlangung der Rechtfertigung als auch zu jedem einzelnen guten Akte des Gerechtfertigten die Initiative zuerkannt, aber zu diesem primären Wirken der göttlichen Gnade auch das freie Mitwirken des Menschen verlangt, so daß also der Mensch nicht ohne alle Selbstthätigkeit das Heil gewinnen kann.

(6) Auch hier mißversteht oder entstellt Vincentius die richtige Lehre, wenn er sagen will, daß nach derselben der Prädestinierte in gar keinem einzelnen Falle mehr sündigen könne, indem aus ihr nur folgt, daß er nicht dauernd von der Sünde gefesselt werden kann.

(7) Nach den Semipelagianern ist die göttliche Gnade wie ein großer, Allen in gleicher Weise zugänglicher Brunnen zu denken, aus dem sich Jeder nach dem Grade seines Suchens und Bittens die Gnade holen kann.

(8) Vincentius hat seine eigene Glaubensregel unrichtig angewendet und dadurch selber gezeigt, daß die von ihm aufgestellten Kriterien, so richtig sie an sich sind, doch beim Widerstreite der Meinungen dem Einzelnen noch keine vollkommen sichere Bürgschaft der Wahrheit bieten, indem es noch einer äußeren Autorität bedarf, um im gegebenen Falle unfehlbar auszusprechen, was denn in der Kirche überall, immer und von Allen geglaubt worden. Vgl. Tübg. theol. Quartalschrift 1833, S. 579-600.