IMMACULATA-ARCHIV: Dokument aus dem Jahre 1901


Das Heilige Haus zu Loreto

und die deutsche Kapelle

Von Hermann Joseph Delabar

Daß Loreto das hl. Haus besitzt, d.i. jenes Haus, worin der Sohn Gottes aus Maria, der reinsten Jungfrau, Fleisch annahm, das ist die gläubige Annahme des christlichen Volkes. Diese Annahme stützt sich auf die ununterbrochene Tradition, die durch das Zeugnis der Päpste Ausdruck gefunden. Ja, Gott selbst hat Zeugnis gegeben durch die vielen Wunder, die hier geschehen sind und auf die wir uns berufen können, wie auch Christus der Herr sich auf seine Wunder berief. Ein Wunder ist auch die Übertragung des hl. Hauses. Denn von den Engeln ist es, wie Papst Clemens VIII. in einer Inschrift am hl. Hause bezeugt, übertragen worden. Die Frangipani, die in Tersatto wohnten zur Zeit, als das hl. Haus hierher kam, hießen nie ab Angelis (von den Engln); ihnen gehörte auch nicht der Ort, wo das hl. Haus sich befindet. Gott der Herr, der Bilder der hl. Jungfrau nach Genazzano und Ravenna tragen ließ, hat zu Ehren der hl. Gottesgebärerin und zum Heile des christl. Volkes auch das Wunder der Übertragung des hl. Hauses gewirkt. Und daß das Wunder noch mehr außer Zweifel stehe, veränderte das hl. Haus mehrmals seinen Ort. Besonders ist Tersatto bei Fiume zu nennen, wo es 3 1/2 Jahre gestanden. Jahrhunderte lang kam das Volk von jener Gegend hierher, um weinend die hl. Jungfrau anzuflehen, zu ihnen zurückzukehren. Papst Urban V. suchte sie zu trösten, indem er 1367 ein sehr verehrtes Mutter-Gottesbild ihnen sandte. Auch befand sich in der Franziskanerbibliothek zu Tersatto eine Beschreibung der Reise des Pfarrers Alexander nach Nazareth, die er machte, um zu sehen, ob das hl. Haus, das nach Tersatto plötzlich gekommen, dort nicht mehr vorhanden sei. Das Dokument ist 1629 bei einem Brande zu Grunde gegangen; aber damit ist doch die Reise des Pfarrers nicht zu einer Legende geworden. Das Verschwinden eines Dokumentes macht eine Tatsache nicht ungeschehen.

Danken wir Gott, der sich gewürdigt hat, den Christen diesen Schatz des hl. Hauses zur Belohnung ihres Eifers bei den Kreuzzügen zukommen zu lassen und freuen wir Deutsche uns, daß es uns gegeben ist, eine deutsche Kapelle nächst dem hl. Hause errichten zu können. Diese Kapelle wird die Chorkapelle werden, wo stets das Lob Gottes ertönen soll. Der bekannte Maler Seitz arbeitet hier schon mehr als 8 Jahre mit großem Fleiße und Hingabe, um der Himmelskönigin sein Bestes zu widmen. Seine Fresken erregen allgemeine Bewunderung. Doch bedarf es einer kundigen Feder, sie zu beschreiben. Herr Delabar, der längere Zeit hier war und mit Seitz verkehrte, hat uns in seinem Büchlein über das hl. Haus eine solche Beschreibung, die auch den Beifall von Seitz fand, geboten. Ich empfehle bestens diese Beschreibung, sowie das ganze Büchlein. Es ist mit Liebe und Gewissenhaftigkeit geschrieben. Möge es viel beitragen zur Förderung der Verehrung der unbefleckten Jungfrau, welcher die deutsche Kapelle gewidmet sein wird.

Loreto, am Feste des hl. Ignatius von Loyola 1901.

Fr. Franz Vogel, deutscher apostol. Beichtvater


Wer hätte nicht schon erzählen gehört von jenem altehrwürdigen Wallfahrtsorte in der Nähe von Ancona in Italien? Wer weiß nicht, daß seit mehr denn sechs Jahrhunderten unabsehbare Pilgerscharen dorthin ziehen, und wer kennt nicht den Grund, weshalb sie alle voll Ehrfurcht im Dome zu Loreto knieen?

Die Santa Casa ist's, das hl. Haus, jenes wunderbar von Engelshänden übertragene Haus von Nazareth, aus dem einst die "Morgenröte des Heiles", die "neue himmlische Eva" hervorgegangen, Maria, die hochgebenedeite Jungfrau aus Jesses Stamme, welche der Engel allda einst begrüßte als die "Gnadenvolle", als die "Gesegnete" ihres Geschlechtes; jenes hl. Haus, in dem der Eingeborene vom Vater durch den hl. Geist in Marias reinstem Schoße Fleisch angenommen hat. Dieses hl. Haus ist der Magnet, der sie alle angezogen, der Millionen und Millionen von Pilgern dahin geführt und sie alle in hl. Schauer erbeben läßt, wenn sie sich der Santa Casa nähern, in hl. Andacht sich der Mutter Gottes anempfehlen oder sie um ihren Schutz und Schirm bitten im Leben und im Tode.

Von diesem hocherhabenen Heiligtume möchte ich etwas Näheres erzählen und so jenen, die selbst dahin wallfahren, ein willkommener Führer sein, jenen aber, denen Zeit und Umstände so etwas nicht erlauben, ein Mittel an die Hand geben, diese Wallfahrt im Geiste zu machen.

Vorerst will ich einiges vom hl. Hause, der Wohnstätte der hl. Familie im Nazareth selbst erzählen.

I. Das hl. Haus in Nazareth

In Süd-Galiläa liegt hoch über der Ebene Esdralon überaus malerisch in einer Bergmulde Nazareth, das En Nasirah der Araber. Dieses kleine und freundliche Bergstädtchen ist rings von weißen Kalkfelsen umgeben, von grünenden Höhen umschlungen, inmitten von Kaktushecken, Olivenbäumen und Palmen. In der Ferne zeigen sich die hohen Gipfel des Libanon und die Abhänge des Hermon, die ihren Schnee und ihre Cedern in den Wolken verbergen. Der Glutwind der Wüste kühlt sich da ab und wird zum wohlthätig wärmenden Luftstrom, der den Purpur der Granate früher weckt und die Fülle der Orange, des Weinstockes und des Olivenbaumes zeitigt. Lieblich und heiter, wie eine Spielstunde der frohen, unschuldigen Kindheit scheint es so recht für die Stätte des wunderbarsten aller Geheimnisse geschaffen zu sein. Die kleinen aus Kalksteinen erbauten und zum Teil in Felsen gehauenen Häuser und Häuschen des Städtchens stehen am Rande des Hügels, der es westlich überragt, und beherbergen ungefähr 6000 Einwohner, von denen je ein Drittel Katholiken, Griechen, Muhamedaner und etwa 100 Protestanten sind.

So mild und freundlich wie die Umgebung, sind auch die Erinnerungen, die sich an den Namen "Nazareth" knüpfen. Der hl. Hieronymus nennt es "Die weiße Stadt", "Die Blume von Galiläa". (Quaresimus II. Bd. S. 218).

Im alten Bunde war es eine unbekannte Stadt, nirgends wird sie erwähnt. Selbst im Munde des Volkes wird sie kaum genannt, auch Josephus Flavius, der berühmte jüdische Geschichtschreiber kennt sie nicht. Erst im neuen Testamente finden wir sie. Auf den ersten Blättern desselben ist davon klar und deutlich gesprochen. (Lucas 1. 26 ff.; 56. 2. 4. 39. 51; 4. 16; Marc. 1. 24.61; Math. 2. 3; 13. 54; Joh. 1. 46; 19. 19.)

Ja, so unbedeutend war dieses Städtchen, daß man verächtlich fragen konnte: "A Nazareth potest aliquid boni esse?" "Kann denn von Nazareth etwas Gutes kommen?" (Joh. 1,46.) Und doch keimte hier in stiller Abgeschiedenheit das kostbarste Reis aus der Wurzel Jesse, dem die schönste und lieblichste Blume entsprossen, die je auf Erden blühte, an deren Wohlgeruch sich alle Völker der Erde erfreuen. Und doch lebte hier in stiller Zurückgezogenheit als ein armes hülfloses Kind, sanftmütig und demütig von Herzen, unterthan seinen hl. Eltern, Derjenige, dessen Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht, dessen Name genannt wird: "Wunderbarer, Ratgeber, Gott, starker Held, Vater der Zukunft, Friedensfürst"; (Isaias 9, 6), derjenige, dem der himmlische Vater den Thron Davids gegeben, damit er herrsche von einem Meere zum andern, in alle Ewigkeit, dem alle Völker dienen, den alle Könige anbeten.

Die denkwürdigste Stätte von Nazareth ist wohl unstreitig die Stätte "Maria Verkündigung". Sie ist der prächtigste Bau des Städtchens und wohl eines der schönsten Heiligtümer des hl. Landes. Sie gehört den Katholiken. Die Kirche ist nicht groß und im Verhältnis zur Höhe und Breite vielleicht etwas zu kurz. Nicht die Patres, nicht die Baumeister sind schuld daran, sondern die Habsucht und Geldgier der Türken, welche nur gegen große und unerschwingliche Geldsummen eine größere Länge zugestehen wollten. Im Barockstil gar schön und solid gebaut, ist sie reich mit Marmor geziert und doch nicht mit Schmuck überladen. Auf mächtigen Säulen, neben welchen rechts und links ein Seitengang hinführt, ruht das Gewölbe. Der Hochaltar, der über dem ehemaligen Hause Mariens steht, ist ein herrliches, von Gold und Marmor strotzendes Weihegeschenk des Kaisers Franz Joseph von Oesterreich. Zwei marmorne Treppen von je 12 Stufen führen hinauf, eine andere breitere von 15 Stufen aber führt in die Grottenkapelle, das Nazareths größtes Heiligtum in sich birgt. Die orientalischen Christen wagen nur mit bloßen Füßen dasselbe zu betreten. Diese Grotte heißt "Engelskapelle" und bezeichnet genau die Stelle, welche heute noch von den Grundmauern des hl. Hauses umfaßt wird. Sie ist an den Wänden mit weißem Marmor bekleidet, hat zwei Altäre von weißem und Säulen von buntfarbigem Marmor, während oben die natürlichen Felsen sichtbar sind. Der Altar links ist dem hl. Erzengel Gabriel, jener zur Rechten dem hl. Joachim und der hl. Anna geweiht. Eine Granitsäule, halb in die Wand eingelassen, bezeichnet den Ort, an dem der Erzengel Gabriel gestanden. Eine andere aus Porphyr, 50 cm im Durchmesser, aber die Stelle, an der die hochgebenedeite Jungfrau betete, als sie die frohe Botschaft empfing. Die Sarazenen, welche in derselben verborgene Schätze zu finden hofften, haben sie in der Mitte entzwei geschlagen. Der obere Teil samt dem Kapitäle ist durch Klammern mit dem Gewölbe dauerhaft befestigt und hängt noch von der Decke herunter in die Luft. Nach der Überlieferung soll sie von der hl. Helena herrühren. In der Mitte der Rückwand gelangt man zwei Staffeln tiefer in den vordern Teil der Felsengrotte, in der der Altar der Verkündigung steht. (Auf diesem Altare wird immer die Missa de Annuntiatione B.M.V., von der Verkündigung Marias gelesen.) Unter und über dem Altare brennen zahlreiche goldene und silberne Lampen zwischen mit frischen Blumen geschmückten Urnen. Ein schönes Oelgemälde stellt die Scene der Verkündigung dar. Auf dem Marmorboden sind in Goldschrift die Worte zu lesen:

"Verbum hic caro factum est".
"Das Wort ist hier Fleisch geworden."

Die hintere ganz dunkle Kapelle hat einen Altar mit der Inschrift:

"Hic erat subditus illis."
"Hier war er ihnen unterthan."

(Das Altargemälde stellt die Flucht nach Aegypten dar.)

Ein enger Gang führt 12 Stufen aufwärts in eine zweite dunkle Felsenhöhle, welche als Küche der hl. Jungfrau bezeichnet wird. Ein uralter Kamin, den man dort heute noch sieht, scheint diesen Namen zu rechtfertigen.

Diese hervorragende Stätte war die Wohnung des hl. Joachim und der hl. Anna, dann der Aufenthalt des hl. Joseph, oder besser gesagt, der durch eine lange Reihe von Jahren ärmste und heiligste Palast Jesu, Mariä und Josephs.

Nicht mit Unrecht wird daher das hl. Haus sowohl vor als nach der Himmelfahrt Christi ehrwürdig genannt. Man kann es gewissermaßen als das Buch von der Nachfolge Christi bezeichnen, in dem Gelehrte und Ungelehrte, Arm und Reich, Hohe und Niedere lesen können.

Daß dies hl. Haus zuerst in der Stadt Nazareth gestanden, geht hervor aus Lucas Kap. 1, in dem es heißt: "In jener Zeit war der Erzengel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt Galiläas, mit Namen Nazareth zu einer Jungfrau, welche mit einem Manne vom Hause Davids verlobt war, welcher Joseph hieß, und der Name der Jungfrau war Maria" u.s.w.

Die Überlieferung, die Apostel hätten dies hl. Haus wegen der hohen zum Heile des menschlichen Geschlechtes darin vollbrachten Geheimnisse in ein Bethaus verwandelt, indem sie es mit großer Feierlichkeit einweihten, kann vernünftigerweise nicht angezweifelt werden, im Gegenteil bezeugt schon Flavius Lucius Dexter in seiner Chronik vom Jahre 42 nach Christus folgendes: "Der hl. Jakobus (der ältere nämlich) war in diesem Jahre zugleich mit den andern Aposteln bei der Einweihung des hl. Hauses von Nazareth zugegen, worin die Jungfrau Gott empfing."

Als der Kirche nach 300 jährger Schmach und Verfolgung der Friede wieder gegeben und die Lehre Christi als Staatsreligion erklärt worden war, besuchte die hl. Helena, die Mutter des Kaisers Constantin, im Jahre 336 Nazareth und die andern Orte des hl. Landes. Sie umgab das hl. Haus mit einem prachtvollen Tempel, der folgende Inschrift hatte: "Dieses ist das Heiligtum, in welchem der erste Grund zum Heile der Menschheit gelegt worden ist." (Die Fundamente sind, da das hl. Haus bekanntlich ohne dieselben übertragen wurde, heute noch an der Stätte Mariä Verkündigung zu sehen.)

Um das Jahr 386 kamen der hl. Hieronymus und die hl. Paula nach Nazareth und besuchten mit andächtigem Herzen das in besagter Basilika gelegene Haus. Der hl. Hieronymus sagt ausdrücklich: "Nazareth ist ein kleiner Ort in Galiläa und hat eine Kirche an der Stätte, wo der Engel zur hl. Maria kam, um ihr die Botschaft zu bringen, und eine andere, wo der Herr auferzogen wurde." (Hieronymus, de locis Hebr., cap. 16.) Das Gleiche bestätigen uns der hl. Antonius der Martyrer, Arculf und Willibald. Von jetzt an mehren sich die Besuche aus dem Abendlande. Doch waren die Pilger vor den Überfällen wilder Araber oder der Sarazenen nie sicher. Mit der Herrschaft der Türken, welche um das Jahr 1050 Jerusalem und das hl. Land eroberten, wurden diese Bedrückungen noch ärger.

Als in den ruhmvollen Tagen des ersten Kreuzzuges der kühne und fromme Tankred Fürst von Galiläa wurde, bekam Nazareth einen Erzbischof, und die Reihenfolge seiner Nachfolger wurde selbst nach der für die Herrschaft der Christen im Morgenlande verhängnisvollen Schlacht bei Hittin (5. Juli 1187) nicht unterbrochen.

Hierher pilgerte 1219 der hl. Franz von Assisi. Wir lesen in der Ordenschronik des Minoritenordens: "Endlich kam er nach Nazareth, um das Haus zu verehren, in welchem das Wort ist Fleisch geworden. Hier fiel er auf seine Kniee und begann mit häufigen Thränen den kostbaren Boden zu benetzen, den Jesus und Maria so oft betreten haben." Als König Ludwig IX., nach seinem unglücklichen Kreuzzuge aus der Gefangenschaft des ägyptischen Sultans befreit war, besuchte er vor seiner Heimreise noch den geheiligten Boden. Am 25. März 1252 kniete er voll Andacht im heil. Hause und empfing unter Thränen die hl. Kommunion am Verkündigungsaltare. (Siehe Storia die San Luigi IX., del Pietre Mattei, pag. 171, lib. III. Venetia 1628, sowie Sauren, Loreto, pg. 17/18, 2. Aufl. und Northcote Spencer, Gnadenorte pag. 85.) Zum Andenken an diesen Besuch ließ König Ludwig ein Wandgemälde an der innern Wand des hl. Hauses anbringen, das ihn selbst im Gebete vor dem Bilde der hl. Jungfrau darstellt. Im Jahre 1626 war dies noch im heil. Hause zu Loreto sichtbar, ja selbst heute noch soll ein scharfes Auge Spuren davon entdecken können.

 

Als im Jahre 1263 Nazareth und das hl. Land in die Hand des wilden, rohen Sultans Bibras kam, wurden die Christen in Palästina wieder hart bedrängt. Er zerstörte unter andern Denkwürdigkeiten auch den von der hl. Helena erbauten Dom in Nazareth. Doch das hl. Haus blieb unversehrt. Ein erneuter Versuch der Kreuzfahrern, das hl. Land zu erobern, war 1271 mißlungen, und als 1291 das letzte Bollwerk der Christen, die herrliche Meeresstadt Ptolomais, in den Besitz des Halbmondes gekommen, da mußten Jahrhunderte vergehen, ehe das Kreuz wieder auf dem geweihten Boden des hl. Landes sich zeigen konnte als leuchtendes und siegreiches Zeichen der Christenheit. Das hl. Haus aber, das Throngemach des einst auf Erden wandelnden Gottmenschen, floh gleichsam von den durch so große Verwüstung und Gottlosigkeit entweihten Gegenden und wurde durch den Dienst der Engel unter dem Pontifikate Nicolaus IV. über Länder und Meere zuerst nach Dalmatien, später nach Italien getragen.

 

II. Die Übertragung des hl. Hauses nach Dalmatien

Am 10. Mai 1291 gerieten arme Landleute zwischen den Städten Fiume und Tersato in Dalmatien, welche ihr Vieh, wie immer, auf die dort befindlichen Anhöhen trieben, in nicht geringes Erstaunen, als sie auf einer derselben, an einer Stelle, wo noch nie ein Gebäude gestanden hatte, ja, wo noch am Abende vorher nicht die geringste Spur eines solchen gewesen war, ein unscheinbares Häuschen mit einem Fensterchen, und einem Glockentürmchen gewahrten. Sie wagten nicht in das Gebäude einzutreten, versammelten aber bald eine ansehnliche Menschenmenge um sich, welche ebenso erstaunt und in Aufregung war. Das Häuschen war ungefähr 32 Fuß lang, 10 Fuß breit und 18 Fuß hoch. Es war aus einem Gestein gebaut, wie er sich in Dalmatien nicht fand. Ohne Grundmauern stand es auf einer grünenden Wiese. Endlich getrauten sich einige, voll heiliger Ehrfurcht, in das Haus einzutreten und fanden, daß an den Wänden noch Spuren führerer Malereien waren, die Decke aber einen himmelblauen Grund mit goldenen Sternen hatte. Da war ein steinerner Altar mit einem Kreuze, zur Seite in der Wand eine Nische mit einer lieblichen, aus Holz geschnitzten Madonna, gegenüber stand ein sonderbarer Schrank zur Aufbewahrung von einigem irdenen Geschirr. Während alle voll heiliger Scheu sich das merkwürdige Haus betrachteten und allerlei Vermutungen über dasselbe ausprachen, erschien zu ihrem größten Ertstaunen der fromme, greise Seelenhirte Alexander di Giorgio zu Tersato. Derselbe war schon seit drei Jahren an das Bett gefesselt und verkündete ihnen mit verklärtem Gesichte, er sei plötzlich geheilt. In der letzten Nacht sei ihm in einer Vision die Mutter Gottes erschienen und habe ihm gesagt, daß dieses wunderbare Haus ihr einstiges, irdisches Wohngemach sei, in dem sie des Engels Botschaft empfing. Engelshände hätten es von Nazareth über das Meer getragen. Der Altar in demselben sei vom hl. Petrus selbst errichtet und geweiht, das Kreuzbild und die Madonna seien vom hl. Evangelisten Lucas gemalt. Voll heiliger Rührung drängte sich nun das Volk in die Hütte und bald hatte sich die Kunde von diesem wunderbaren Ereignis überallhin verbreitet. Wie im hl. Lande, so strömten auch dahin Scharen von Pilgern, ja noch viel größere. Auch zu Ohren des deutschen Kaisers Rudolf von Habsburg drang die Kunde. Eine eigene Kommission von gelehrten und besonnenen Männern wurde nun nach dem heiligen Lande geschickt, welche sich an Ort und Stelle über die Wahrheit erkundigen sollten. Und siehe, in Nazareth fanden sie die Christen untröstlich über den Verlust des hl. Hauses, welches von ihnen auf unerklärlicheWeise verschwunden war. Das Maß, welches die Männer von dem Häuschen in Dalmatien genommen hatten, stimmte ganz genau mit den in Nazareth noch vorhandenen Grundmauern und ebenso stimmte die Zeit des Erscheinens des Hauses in Dalmatien mit dessen Verschwinden in Nazareth. Jetzt konnte kein Zweifel mehr sein und die Pilgerfahrt nach dem neuen Heiligtume nahm immer mehr zu. Graf Nikolaus Frangipani, Statthalter von Dalmatien, ließ das hl. Haus mit einem starken, hölzernen Bau umgeben, um es gegen den Einfluß der Witterung zu schützen, ja er hatte schon den Vorsatz gefaßt, eine Kirche zu bauen, um den kostbaren Schatz zu ehren.

Aber die hl. Jungfrau hatte es anders beschlossen und die Freude der Bewohner zu Tersato und Umgebung sollte nicht von langer Dauer sein.

III. Übertragung nach Loreto in Italien

In der Nacht des 10. Dezember 1294 verschwand das hl. Haus von Tersato und ward an die Küste des adriatischen Meeres versetzt, in die Picenische Landschaft. Die ersten Zeugen, die es sahen, waren abermals arme Hirten, welche auf einer Anhöhe, unweit der Stadt Recanati, bei ihren Herden Nachtwache hielten. Sie sahen hoch in den Lüften über dem Meere ein Haus, von Lichtglanz umflossen, heranschweben, das in einem Walde, unweit der Meeresküste, niedergelassen wurde. Sie beeilten sich, die erleuchtete Stelle aufzusuchen und fanden ein Häuschen von fremder Bauart und einer bis dahin unbewohnten Stelle. Sie traten ein und alles, was sie sahen, erfüllte sie mit heiliger Andacht und Wonne, aber auch mit Erstaunen. Bis Tagesanbruch verweilten sie betend in dem Heiligtum und betrachteten es mit heiliger Scheu. Voll Freude eilten sie nach Recanati und erzählten ihren Herren alles, was sie in der vergangenen Nacht gesehen und erlebt hatten. Groß war das Erstaunen der Bewohner von Recanati bei dieser Erzählung.Wenn auch anfangs diese nicht recht geglaubt werden wollte, so gaben sie doch dem Drängen der Hirten nach, sich selbst an Ort und Stelle von der Wahrheit der Thatsache zu überzeugen. Und was erblickten sie? Ein Häuschen, von fremdartigem Aussehen, nicht erst neu gebaut, ohne Grundmauern auf dem Boden stehend, nirgends von der Seite gestützt, im Innern aber einen Altar, eine Statue der allerseligsten Jungfrau mit dem Jesuskinde auf dem Arme u.s.w. kehrten sie nach Hause zurück und verkündeten eilends laut das frohe Ereignis. Augenblicklich war die ganze Stadt auf den Beinen. Alles wollte Zeuge sein und beten vor dem wunderbaren Bilde Mariens. Kranke und Sieche fanden plötzlich Heilung in diesem unscheinbaren Häuschen. Sünder bekehrten sich und fingen ein bußfertiges Leben an. Was war wohl natürlicher, als daß dieses Ereignis sich überallhin verbreitete und immer mehr Pilgerscharen an sich zog? Zufällig kamen auch einige Kaufleute aus der Gegend von Fiume und Tersato nach Recanati und zogen, als sie von dem neuen Gnadenorte hörten, dahin. Aufs höchste waren sie erstaunt, als sie in demselben das hl. Haus von Nazareth erkannten, das zum großen Schmerze der Dalmatiner von ihnen verschwunden war. Als die Recanater dies erfuhren, war natürlich ihre Freude unbeschreiblich. Eine nach Dalmatien und Nazareth reisende Gesandtschaft fand alles bestätigt. Von da an strömten wieder Scharen von Pilgern zu dem Heiligtum, das den Namen "Domus lauretana", "Haus von Loreto", erhielt. (Entweder weil es in einem Gebiete lag, das der vielen Lorbeerbäume wegen, die sich bei seiner Ankunft geneigt haben sollen, den Namen "Lauretum" erhielt oder weil die Stelle einer reichen Bewohnerin von Recanati, Namens "Laureta" gehörte.) Infolge der vielen Pilger zog sich aber auch schlechtes Gesindel in der Umgegend zusammen, das die Pilger überfiel und beraubte, so daß man fast nicht mehr dem Heiligtum sich zu nahen wagte. Doch siehe, das hl. Haus rückte nun den menschlichen Wohnungen um etwa 1000 Schritte näher, an eine Stelle, die zwei Brüdern von Recanati gehörte. Allein auch hier blieb es nicht. Die beiden Brüder gerieten wegen der vielen Opfergaben miteinander in Streit und zeigten sich so durch ihre Habgier der Gnadenstätte als unwürdig. Gleichsam zur Bestrafung des Unfriedens entfernte sich das hl. Haus und ward am 7. September 1295 mitten auf die Landstraße gestellt und zwar genau an den heutigen Standort, der nur 200 Schritte vom Gebiete der feindlichen Brüder entfernt war und zu Recanati gehörte.

IV. Einige Beweise für die Echtheit des hl. Hauses

Das ist die Geschichte der wunderbaren Übertragung des hl. Hauses von Nazareth nach Tersato und Loreto. Was nun diesen frommen Glauben selbst betrifft, so ist zu bemerken, daß dies zwar kein Glaubensartikel ist, aber ebenso muß auch betont werden, daß diese fromme Legende - wenn wir uns so ausdrücken dürfen - wohl begründet und vernünftigerweise nicht zu bezweifeln ist. Die ganze Erzählung stützt sich eben auf die unzweifelhaftesten, geschichtlichen Zeugnisse. Aus der großen Zahl derselben wollen wir nur einige wenige anführen.

Eine Gesandtschaft von 16 angesehenen Bürgern der Provinz Picenum, die im Jahre 1296 nach Dalmatien und nachher nach Palästina ging, stimmte genau mit dem Zeugnis der ersten Gesandtschaft aus Dalmatien überein. Auch die kirchliche Obrigkeit untersuchte alles aufs genaueste und strengste. Papst Clemens VII. sandte eine fachkundige Gesandtschaft nach Tersato und Nazareth. Diese prüfte dort alle Einzelheiten und fand dabei die Übertragung und die Echtheit des hl. Hauses außer allem Zweifel.

Der edle und fromme Statthalter von Dalmatien, Nikolaus von Frangipani, ließ auf dem Platze, auf dem das hl. Haus 3 1/2 Jahre gestanden, eine Gedenkkapelle errichten. Ein Nachkomme desselben, Martin mit Namen, erbaute im Jahre 1453 darüber eine geräumige Kirche sammt einem Franziskanerkloster. Beide stehen heute noch in hohen Ehren. Eine Gedenktafel aus Stein, auf der kurz die Geschichte der Ankunft des hl. Hauses eingegraben ist, findet sich ebenfalls heute noch bei einer Kapelle an der Stiege. Die Inschrift jenes Steines, den Nikolaus Frangipani aufstellen ließ, lautet: "Venne la Casa della Beata Vergina Maria da Nazaret a Tersato l'anno 1291 alli 10 di maggio e si partì alli 10 di dicembre 1294." - "Das hl. Haus der gebenedeiten Jungfrau Maria kam den 10. Mai 1291 von Nazareth nach Tersato und entfernte sich den 10. Dezember 1294 von da wieder."

Die Dalmatiner konnten den Verlust des hl. Hauses nur schwer ertragen. Noch lange zogen sie über das Meer nach Loreto und beweinten ihn schmerzlich. Mehr als 200 Jahre nach dem Verschwinden des hl. Hauses hörte man sie unter Seufzen und Thränen in Loreto rufen: "Komm, o komm zurück, Maria, o heiligste Maria, komm zurück, nach Fiume kehre zurück."

Im Laufe der Jahrhunderte hat das hl. Haus von Loreto den geschichtlichen Nachweis wie die kritisch-wissenschaftlichen Untersuchungen gänzlich ausgehalten. Mit menschlicher Gewißheit konnten daher die Päpste die Echtheit des hl. Hauses in Loreto verkünden. Wir erwähnen aus der großen Zahl derselben - es sind deren 47 - nur einige wenige Repräsentanten.

Julius II. (1503-13) besuchte 1508 das Heiligtum und sagt von ihm in seiner Bulle vom 23. Oktober 1507: "Daß dort in Loreto das Zimmer ist, in dem die gebenedeite Jungfrau empfangen, in dem sie unter Mitwirkung des heil. Geistes den Weltheiland empfing, wo sie ihren Sohn ernährte und erzog."

Clemens IX. (1667-69) schrieb zum 10. Dezember jene denkwürdigen Worte ins römische Martyrologium: "Laureti in Piceno Translatio sacrae Domus Dei Genitricis Mariae, in qua Verbum Caro factum est." - "Zu Loreto in Picenum die Übertragung des heiligen Hauses der Gottesgebärerin Maria, in dem das Wort ist Fleisch geworden."

Innocenz XII. (1691-1700) befahl in der sechsten Lektion den Tagzeiten zum 10. Dezember folgendes beizufügen: "Das Geburtshaus der allerseligsten Jungfrau selbst, durch göttliche Geheimnisse geweiht, ist durch die Engel aus der Gewalt der Ungläubigen zuerst nach Dalmatien, darauf unter der Regierung des heil. Coelestin V. auf das Lauretanische Gebiet in der Provinz Picenum übertragen worden; und daß dies eben jenes Haus sei, in welchem das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, wird sowohl durch päpstliche Urkunden und die größte Verehrung des ganzen Erdkreises, als auch durch fortwährende Wunderwirkung und Verleihung himmlischer Gaben bestätigt. Hierdurch bewogen, hat Innocenz XII., damit die Gläubigen desto eifriger der Verehrung der liebreichsten Mutter gedächten, befohlen, daß die Übertragung dieses heil. Hauses, welches in der ganzen Provinz Picenum durch ein alljährliches Fest gefeiert wird, auch durch eine eigene Messe und ein eigenes Officium verherrlicht werde." (Römisches Brevier, Fest der Übertragung des hl. Hauses)

Von Benedikt XIV. (1740-1758) haben wir eine Abhandlung über die Santa Casa. Dieser große gelehrte Papst erinnert zuerst daran, daß das Wunder der Übertragung des hl. Hauses kein Glaubensartikel sei. Nachdem er aber den Gegenstand ernst behandelt und alle Beweise in Erwägung gezogen, drückt er schließlich seine innerste Überzeugung in folgender Weise aus: "Das hl. Zimmer, in dem das Wort Fleisch geworden, ist in Wahrheit durch die Hülfe der Engel hierher getragen worden. Alle Urkunden beweisen es, die sich gleich bleibende Überlieferung, die Zeugnisse der Päpste sowie die noch immer auftretenden Wunder bestätigen es." (Benedikt XIV. Abhandlung über die Heiligsprechung und die Feste der hl. Jungfrau)

Pius IX. (1846-78) schreibt in seinem Breve vom 26. Aug. 1852: "Unter allen der Mutter Gottes und der unbefleckten Jungfrau geweihten Tempeln giebt es einen, der die erste Stelle einnimmt, und in einem unvergleichlichen Glanze leuchtet. Das ehrwürdige und erhabene Haus von Loreto, durch die göttlichen Geheimnisse geweiht, durch unzählige Wunder verherrlicht, durch den Zufluß und die Andacht der Völker geehrt, erfüllt den ganzen katholischen Erdkreis mit dem Ruhme seines Namens und ist mit Recht der Gegenstand der Verehrung aller Völker und aller Geschlechter. In Loreto verehrt man dieses, Gott selbst in so mannigfacher Weise teure Haus, das zuerst in Galiläa gebaut, dann von seinen Fundamenten losgelöst und durch göttliche Kraft jenseits des Meeres zuerst nach Dalmatien und dann nach Italien gebracht wurde. Glückliches Haus, in dem die von Ewigkeit her zur Mutter Gottes bestimmte und von aller Makel der Erbsünde frei bewahrte heilige Jungfrau empfangen, geboren und erzogen war, wo der himmlische Bote sie "als voll der Gnaden und gesegnet unter den Weibern" bezeichnete, wo sie von Gott erfüllt und vom hl. Geiste beschattet, ohne eine Spur ihrer Jungfräulichkeit zu verlieren, die Mutter des eingeborenen Sohnes Gottes wurde, dessen, der da ist der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters und das Ebenbild seines Wesens, der sich herabließ, von dieser reinen Jungfrau geboren zu werden, um das Menschengeschlecht zu erretten und zu erkaufen zu einer Zeit, als es durch die Sünde unserer ersten Eltern in die Knechtschaft Satans geraten war. Daher darf man auch nicht überrascht sein, daß seit den ersten Zeiten der christlichen Religion dieses selige in eine schöne Kirche verwandelte Haus der Gegenstand der Ehrfurcht, der Andacht und der Huldigung aller Gläubigen war, daß alle Jahrhunderte seitdem nicht aufgehört haben, dasselbe zu verherrlichen, daß die Fürsten von den entferntesten Gegenden kamen, ihre Huldigung ihm darzubrigen und um die Wette mit den kostbarsten Geschenken es schmückten, daß unsere Vorgänger, die Päpste, besonders seit Bonifaz VIII., seligen Andenkens, sich eine Ehre daraus machten, die hehre Wiege der heil. Jungfrau in einen durch den Titel "Basilika" ausgezeichneten, reichen und herrlichen Tempel einzuschließen und demselben alle Rechte einer Basilika zu verleihen. Um demnach von einem Ende der Erde bis zum andern die Verehrung U.L. Frau von Loreto zur Blüte zu bringen... billigen und bestätigen wir alle Ablässe"...

Leo XIII., unser glorreich regierende Vater endlich sagt in seinem Schreiben anläßlich des 600 jährigen Jubiläums der Übertragung des hl. Hauses unterm 23. Januar 1894: "Das glückselige Haus von Nazareth, worin der Engel die auserwählte Gottesmutter begrüßte, und worin "das Wort Fleisch geworden ist", wird mit Recht als eines der heiligsten Denkmäler des christlichen Glaubens betrachtet und geehrt. Zeugnis dafür geben die Verleihungen und Privilegien, die unsere Vorgänger gewährten. Und wie die kirchlichen Aufzeichnungen bestätigen, lenkte dieses Haus, sobald es nach Gottes gütigem Ratschluß in wunderbarer Weise nach Italien in das Gebiet von Picenum übertragen und auf dem loretanischen Hügel zur Verehrung hingestellt worden war, die frommen Wünsche und Bestrebungen aller stets auf sich und hielt sie rege im Laufe der Jahrhunderte. Erwähnenswert ist, wie viele und großartige Pilgerfahrten allenthalben dorthin sind unternommen worden, wie prächtig man eine Basilika erbaute, die durch ihre Kunstwerke und die Würde ihres Gottesdienstes sehr berühmt ist, und wie ringsherum in gleicher Weise gleich einem zweiten Nazareth, eine neue Stadt unter dem Schutze der hl. Jungfrau sich erhob. Die Verehrung des Ortes wurde noch erhöht und das Vertrauen der Besucher gestärkt durch die zahlreichen und bedeutenden, öffentlich wie im Geheimen gespendeten Wohlthaten, die hier wie aus einer beständig fließenden Quelle sich ergossen und durch die Gott den Namen Maria, den man anrief, also zu verherrlichen pflegte, daß die Weissagung: "Selig werden mich preisen alle Geschlechter" hier aufs herrlichste an ihr sich erfüllte. Und wir betrachten mit Freuden, wie in der Erinnerung an diese Wohlthaten der Dank, der von den Höchsten wie von den Gerinstgen in mannigfachen Kundgebungen der Liebe zum Ausdruck kam, die schönste Ruhmeskrone für ihr Haupt tagtäglich flocht."

Einen weitern schlagenden Beweis geben uns die wissenschaftlichen Untersuchungen. In neuerer Zeit sind als beredte Zeugen für die Echtheit des heil. Hauses Mineralogie und Chemie eingestanden.

Papst Pius IX. erlaubte im Jahre 1860 dem römischen Prälaten und Gelehrten Bartolini an verschiedenen Stellen der Mauer des hl. Hauses Steine herauszunehmen. Er that es, hüllte dieselben sorgfälig ein und brachte sie nach Rom in Gewahrsam. Er erkannte, diese Steinsorte finde sich in ganz Italien nirgends vor. Um ja ganz unparteiisch zu verfahren, machte er eine Reise nach Nazareth, verschaffte sich von dem noch vorhandenen Fundamente des hl. Hauses einige Steine und etwas Mörtel und kehrte nach Rom zurück.

Dort angekommen, übergab er diese Steine und den Mörtel dem fachkundigen Universitätsprofessor Dr. Ratti, auf daß er sie chemisch untersuche, ohne ihm übrigens zu sagen, um was es sich handle, oder woher sie stammten. Die Untersuchung ergab, daß die Steine beider Orte in ihrer Zusammensetzung und ihren Eigenschaften, überhaupt nach jeder Richtung ganz die gleichen seien. Alle bestehen aus kohlensaurem Kalk, kohlensaurer Magnesia und aus eisenhaltigem Thon. Nun aber ist das Gestein in den Felsen von Nazareth Kalkstein, während in der Umgegend von Loreto sich ein solches Gestein nicht vorfindet. Und der Mörtel bestand ebenfalls aus Kalk, der mit einigen Stückchen vegetabilischer Kohle versetzt war. Es ist dies genau die natürliche Beschaffenheit des Mörtels der alten Gebäulichkeiten Palästinas und namentlich desjenigen, den man heute noch in Nazareth anwendet. In seiner Schrift "Sopra la Santa Casa di Loreto" (Über das hl. Haus in Loreto) Roma 1861 hat Bartolini die Gutachten des Professors Dr. Ratti veröffentlicht.

Man kann also angesichts dieser Untersuchung mit Recht von Loretos Heiligtume sagen: "Wenn die Menschen schwiegen, so würden die Steine reden."

Noch eines andern Beweises müssen wir aber gedenken, wie hoch diese vier armseligen Mauern von Gott selbst geschätzt wurden, und das ist eine außerordentliche Lufterscheinung und die vielen Wunder.

Ein Einsiedler, Paul della Sylva, der auf einem benachbarten Hügel sich niedergelassen hatte, sah am 8. September 1297 zuerst ein Licht. Es schien ihm 4 m lang und 2 m breit zu sein. Es kam vom Himmel und schwebte in der Morgendämmerung des genannten Tages, wie einst der Stern über dem Stalle zu Bethlehem, unbeweglich über der Wohnung der heiligen Familie. Diese Lichterscheinung wiederholte sich in dem kommenden Jahre öfters.

Im Jahre 1555 war Riera Augenzeuge hiervon. "Er warf sich", so sagt er in seiner "Geschichte des erhabenen Hauses von Loreto", "auf den Boden der Kirche nieder und fühlte sich von einer himmlischen Freude überflutet. Er las auf dem Gesichte der ihn umgebenden Gläubigen, in ihren Blicken und ihren Gebärden den gleichen Ausdruck der Gefühle, die ihn selbst erfüllten." Zwei Jahre später predigte ein Jesuit, mehrere hörten Beicht und einige beteten im heil. Hause, als man plötzlich eine himmlische Flamme gleich einem Kometen am Firmamente leuchten und auf das heil. Haus herabschweben sah. Hier blieb sie kurze Zeit, dann umgab sie die im Schiffe versammelte Gemeinde und ruhte nachher auf jedem der Beichtstühle; endlich zog sie nach dem Bilde des Gekreuzigten, das im hl. Hause aufbewahrt wird, und nachdem sie daselbst eine Weile geblieben war, verschwand sie. (Tursellinus, Hist. lauret. lib. I. cap. 15,17.)

"Wer", sagt Pater Renzoli, "wer sieht nicht in dieser wunderbaren Erscheinung, daß der hl. Geist durch den Glanz seiner Flammen die jungfräuliche Mutter an jener geheiligten Stätte verherrlichte, in der er sie überschattet hat? Wer sieht nicht, daß diese selbe Gnade, welche der hl. Jungfrau selbst und den hl. Aposteln im Abendmahlsaale gewährt worden war, damals im Tempel der Jungfrau erneuert wurde? Wer sieht nicht ein, wie wohlgefällig ihr der hl. Dienst dessen ist, der ihr in ihrem hl. Hause dient, in dem er in dem Sakramente der Buße den großen Schatz der Verdienste ihres Sohnes ausspendet? Und was für ein großes Unterpfand ist dieses, daß diejenigen Verzeihung, Gnade und Rettung erlangen werden, welche zu den Füßen der Jungfrau kommen, um daselbst, wie die Schlange, die alte Haut ihrer Sünden abzulegen? Und endlich, wer sieht nicht in dieser wunderbaren Gunst die Fülle der Gaben, welche der hl. Geist immer bereit ist, in diesem hl. Hause mitzuteilen?" (La Santa Casa illustrata e difesa. Impressa a Macerata 1697.)

Lauter und beredter aber als diese Lufterscheinung, ja als selbst die unumstößlichsten Beweise der Wissenschaft reden die Wunder und Gnaden. "Diese Wunder und Gnaden, die sich im Hause ereignen und vor sich gehen, sind", wie Papst Benedikt XIV. in seinem Werke "über die Heiligsprechung" und in dem "über die Feste" sich ausdrückt, "nahezu unzählig und folgen sich so fortgesetzt der Reihe nach und sind so weltbekannt, daß es die Zeit mißbrauchen hieße, darüber noch ausführlicher zu sprechen."

Es ist unmöglich, alle Beispiele von wunderbaren Heilungen an Leib und Seele im Einzelnen anzuführen. Zuerst pflegte man sie aufzuzeichnen, später aber, da sie täglich, ja sozusagen ununterbrochen vorkamen, wurde das regelmäßige Aufzeichnen unterlassen. Bei Tursellinus zählte ich eine Auswahl von 60 der auffallendsten Wunder, die auf das Genaueste und Umständlichste von ihm beschrieben sind. Um wenigstens eine Vorstellung der zu Loreto gewirkten Wunder zu ermöglichen, sollen zum mindesten drei kurz erwähnt werden.

Im Jahre 1552 lag ein türkischer Pascha zu Konstantinopel an einem Brustgeschwür tödlich krank darnieder. Jeden Augenblick erwartete man dessen Ende. Da trat ein frommer Christ, einer seiner Sklaven, an das Krankenlager und gab ihm den Rat, er solle die Mutter Gottes von Loreto voll Vertrauen anrufen und ihr versprechen, ihm die Freiheit zu schenken, wenn er gesund würde. Alsdann fiel der Sklave auf die Kniee, rief mit großer Inbrunst die Hilfe Mariens an und veranlaßte seinen Herrn die Worte auszusprechen: "Ich bitte die Mutter Gottes von Loreto um Hilfe." In diesem Augenblick bricht das Geschwür auf und der Pascha ist gerettet. Sogleich schenkt er dem Sklaven die Freiheit und sendet ihn mit einem eigenhändigen Schreiben und Geschenken nach Loreto. (Tursellinus, Hist. lauret., lib. III, cap. 18.)

Im Jahre 1561 erhielt Bischof Johannes von Coimbra einen Stein aus dem hl. Hause, mußte ihn aber wieder zurücksenden, um von einer schweren Krankheit, die über ihn kam, befreit zu werden. Das Original des Briefes, den derselbe mit dem Steine nach Loreto sandte, befindet sich im Schrank des hl. Hauses in Loreto.

Wer weiß endlich nicht, daß der unvergeßliche hochselige Papst Pius IX. im Jahre 1816 hier von der Fallsucht befreit wurde und den Beruf zum Priesterstande erhielt? (Siehe Rütjes, Papstkönig Pius IX.)

Wir schließen diese Bewesie für die Echtheit des heil. Hauses mit dem Urteil des Horatius Tursellinus: "An einer so sehr bezeugten und erforschten Sache kann nur der zweifeln, welcher entweder an der Macht und Vorsehung Gottes zweifeln oder den menschlichen Glauben selbst aus der Welt verbannen will."

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell