Aus dem Immaculata-Archiv:


Pfarrer Robert Mäder

Gedanken eines Reaktionärs

Imprimatur, Moguntiae, 6. Dezembris 1921, Dr. Jos. Berker, Can. Cap. Eccl. Cathedr. Mog.

 

Vorwort

Das Selbstverständliche wird unverständlich, ausgemachte Wahrheit unsicher, Notwendigkeit überflüssig. Der Tag scheint zu nahen, wo alle, die sich noch von der gesunden katholischen Vernunft leiten lassen, als staatsgefährliche Narren in die Irrenhäuser gesperrt werden.

Unter diesen Umständen erscheint dieses Büchlein als Wagnis. Es geht mit der Axt durch die Gassen, zerschlägt die Götzenbilder, verbrennt, was der Haufe angebetet und betet an, was er verbrannt. Es betont dem Modernen gegenüber das Alte, appelliert vom Heute an das Gestern und Morgen, ist also reaktionär in jeder Zeile.

Donoso Cortes sagt von solchen Ideen, daß sie erst nach der kommenden Sintflut triumphieren können. Beim dichten Nebel, der heut auf dem Erdkreis lastet, leuchten die ewigen Sterne umsonst. Die Stimmen der Wächter auf der vatikanischen Warte verhallen im Lärm des Schiffbruchs.

Wir wenden uns deswegen nicht an die Vielen, sondern an die Wenigen, die Einsamen. Ihre Sache ist es, die Feuerzeichen weiter zu tragen. Es ist einer, der die Glut auf die Erde gebracht und will, daß sie flamme. Katholisches Recht und katholische Pflicht ist es, sie zu hüten.

Haben wir dabei Fehler gemacht, so bitten wir den Hl. Geist um Verzeihung. Im übrigen ist es wohl kleinere Sünde, einmal zu viel Holz ins Feuer zu legen, als mit Löschhorn und Wassereimer überall dreinzufahren, wo unbequeme Wahrheit lodert.

Basel, im Advent 1921.

Robert Mäder, Pfr.


Inhalt


 

Der Zersetzungsprozeß

Die Welt geht über das Bibelwort: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, zur Tagesordnung über. Die Zeiten haben sich nach ihrer Überzeugung unterdessen radikal geändert.

Vor 1900 Jahren waren die Könige auf der Szene, das Volk im Zuschauerraum. Heute spielen die Nationen auf der Weltbühne Theater und die Fürsten haben nur noch das Recht, in der Loge Beifall zu klatschen. Der Obrigkeitsstaat macht dem Volksstaat Platz. Das Erbe der großen Revolution von 1789 kommt, nachdem die Regierungen es 130 Jahre unterschlagen, endlich zur Auszahlung! Die Menschen und die Nationen werden frei, gleich und darum Brüder! Das Paradies ist nahe!

Nein, nicht das Paradies, sondern die Hölle! Die Gesellschaftsordnung liegt in den letzten Zügen. Der Fäulnisprozeß ist unaufhaltbar. Die schwärzesten Pessimisten bekommen heute Recht. Es ist undankbar, in einem Irrenhause die Gesetze der gesunden Vernunft zu verkünden. Trotzdem besteht die Aufgabe der katholischen Presse in nichts anderem. Der Mut zur Unpopularität ist heute ihre erste Standestugend.

Wir sind gegen die moderne Demokratie, weil sie in Familie, Gesellschaft, Staat, Kirche und Völkerleben Friedhofarbeit ist. Wir sind gegen die Gleichmacherei der Familie. Was ist die Familie? In einem gewissen Sinne ein Abbild Gottes. Was ist Gott? Die Ungleichheit in der Gleichheit. Ein göttliches Wesen, eine unteilbare einzige, ewige, unendlich vollkommene göttliche Natur. Die Idee der Gleichheit! Aber drei göttliche Personen in Gott. Der Vater ist der Vater, nicht der Sohn und nicht der Hl. Geist. Der Sohn ist der Sohn, nicht der Vater und nicht der Hl. Geist. Der Hl. Geist ist der Hl. Geist, nicht der Sohn, und nicht der Vater. Die Idee der Ungleichheit! Was ist also Gott? Die Ungleichheit in der Gleichheit.

Was ist die Familie? Die Ungleichheit in Gleichheit! Der Vater ist ein Mensch. Die Mutter ist ein Mensch. Das Kind ist ein Mensch. Die Idee der Gleichheit! Aber der Vater ist allein Vater. Die Mutter ist Mutter, nur Mutter, nicht Vater, nicht Kind. Das Kind ist Kind, nur Kind, nicht Vater, nicht Mutter. Die Idee der Ungleichheit! Die Familie ist somit die Ungleichheit der Persönlichkeit in der Gleichheit der Natur. Göttliches und darum unzerstörbares und heiliges Gesetz!

Wer die Gleichheit der Natur leugnet, d.h. wer bestreitet, daß die Mutter und das Kind ein Mensch ist wie der Vater, wer also der Frau und dem Kinde ihre angeborenen Menschenrechte raubt und sie zu Sklaven erniedrigt, der ist Tyrann. Er ist Rovolutionär. Er ist Anarchist. Er leugnet ein Fundamentalgesetz der Familie.

Die moderne Frauenrechtlerei, die Gleichstellung des Mannes mit der Frau, welche der Evangelist von Washington als Grundlage einer neuen Weltordnung fordert, und welche seine Apostel in allen Sprachen der Welt verkünden, ist Abfall vom Christentum. Das Christentum baut die häusliche Ordnung auf dem Prinzip der Ungleichheit in der Gleichheit. Der Mann ist Haupt, die Frau Gehilfin, und das Kind untertan, somit der Mann der erste, die Frau die zweite, das Kind das dritte.

Die Demokratisierung der Familie, wo der König Vater nur noch durch die Stimmenmehrheit der Frau, der Söhne und der Töchter existiert, wo die Befehle des Oberhauptes dem gesetzlichen Referendum der Familienglieder unterworfen und wo das Selbstbestimmungsrecht der Kinder erstes Verfassungsrecht ist, führt zum Ruin der Familie. Die Familie ist Monarchie, nicht Demokratie.

Wir sind gegen die Demokratisierung der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist die erweiterte Familie und unterliegt deswegen den gleichen Gesetzen. Die Ungleichheit in der Gleichheit! Die Gleichheit besteht darin, daß alle Menschen sind, von Gott erschaffen, seine Ebenbilder, von Christus erlöst, zur ewigen Seligkeit berufen. Aber Gott ist ein Gott der Ordnung. Die Ordnung verlangt, daß nicht alles am gleichen Ort, sondern jedes an seiner Stelle ist.

Darum liefert Gott als Schöpfer keine Fabrikware nach einheitlichen Schablonen und Modellen. Nie macht er dasselbe zweimal. Nie kopiert er. Jeder Mensch ist eine Welt für sich, ein Original, einzig in seiner Art, eine Individualität. Unendliche Abstufung und Mannigfaltigkeit in den körperlichen und geistigen Fähigkeiten! Wir sehen: Gott will die Ungleichheit der Anlagen und damit die Ungleichheit der Berufe und der gesellschaftlichen Stellung. Gott will eine gegliederte Gesellschaft. Der eine inspiriert, leitet, befiehlt, geht voran, ist oben, der andere führt aus, arbeitet mit, gehorcht, folgt, ist unten.

Man will eine Gesellschafts- und Arbeitsordnung, in der alle Unterschiede verwischt sind. Es gibt keine Herren mehr. Alle sind Herren! Keine Proletarier. Alle sind Arbeiter! Keine Meister mehr. Alle sind Meister, auch Geselle und Lehrling! Alle sozialen Berge werden abgetragen. Alle Täler ausgefüllt. Das Gesetz der Fabrik ist das Gesetz der Selbstbestimmung! Die Werkstatt wird demokratisiert!

Es ist klar, daß unter diesen Umständen das vierte Gebot, insofern es auf den Gehorsam, die Ehrfurcht und die Liebe gegenüber den gesellschaftlichen Vorgesetzten sicht bezieht, abgeschafft ist. Das vierte Gebot beruht auf der Voraussetzung, daß es Vorgesetzte und Untergebene gibt. Sobald die Gesellschaft demokratisiert ist, wird es Unsinn, von Gehorsam und Ehrfurcht zu sprechen. Die Gesellschaftsreform ruft nach einer Katechismusreform, einer neuen Religion. Sie ist also anarchistisch in ihren letzten Zielen.

Wir sind gegen die Demokratisierung des Staates. Worauf beruht der christliche Staat? Auf der Ungleichheit in der Gleichheit, also auf zwei Wahrheiten und zwei Gesetzen. Die eine Wahrheit ist diese: Alle Bürger sind Brüder, die Reichen und die Armen, die Aristokraten und die Proletarier, die Gelehrten und die Schwachsinnigen, die Gesunden und die Kranken. Es ist klar, daß Brüder an und für sich gleiche Rechte und gleiche Pflichten haben. Es ist klar, daß, wenn wir nur diese Wahrheit von der allgemeinen Brüderlichkeit kennen würden, ein Staat und eine Regierung unmöglich wären. Denn die Regierungen beruhen auf der Tatsache, daß der eine Teil vorschreibt und der andere sich unterwirft. Vorschrift und Unterwerfung sind mit Gleichheit unvereinbar. Unter Brüdern befiehlt und gehorcht man nicht.

Eine andere religiöse und politische Wahrheit ist notwenig. Gott, der uns allein zu befehlen hat, muß im Interesse der Ordnung und Wohlfahrt einen Teil seiner Regierungsgewalt andern übertragen. Er, der König, muß aus den Menschen, die Brüder sind, einen oder mehrere über die anderen erheben, indem er sie zu seinen Stellvertretern macht. So entstehen die Regierungen.

Ob es sich um monarchische oder aristokratische und repuliblikanische Regierungen handelt, ihre Gewalt kommt von Gott und damit auch die Ungleichheit, die darin besteht, daß die Einen regieren, weil Gott es will und die Anderen gehorchen, weil Gott es will. Es gibt keine Gewalt außer von Gott und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. (Röm. 13,1.)

Heute erleben wir, daß diese Grundlagen des Staates ins Wanken kommen, indem eine anarchistische Demokratie, die man Selbstbestimmungsrecht der Völker zu nennen beliebt, die göttliche Ungleichheit zwischen Regierung und Volk immer mehr vermindert, um sie schließlich vollständig abzuschaffen. Die Regierungen regieren nicht mehr und die Nationen werden unregierbar. Alle fühlen sich als Könige. Alle wollen regieren. Die Autorität wird ein Schatten, eine Fabel, das Gesetz und der Gehorsam ein Gegenstand des Spottes.

Um das handelt es sich in dieser Stunde. Es handelt sich nicht darum, die Monarchien durch Republiken zu ersetzen. Es handelt sich auch im Grunde genommen nicht darum, fürstlichem Absolutismus in den Parlamenten ein Gegengewicht zu geben. Es handelt sich um einen politischen Massenirrsinn, um eine geistige Weltrevolution, das allgemeine Königtum.

Wir sind gegen die Demokratisierung der Menschheitsfamilie. Was ist Tatsache? Die Tatsache ist diese: Wie es keine absolute Gleichheit der Persönlichkeit, des Standes und des Berufes gibt, so auch keine Gleichheit der Völker. Es gibt Völker, die an Intelligenz und Tatkraft weit über andere hinausragen, wie es Familien und Persönlichkeiten gibt, die an Geist und Wille andere überflügeln.

Die Folge davon ist naturnotwendig eine Vorherrschaft des einen über den anderen, bei den Nationen wie bei den Familien und den Individuen. Diese Vorherrschaft kann eine geistige, eine religiöse, eine sittliche, industrielle oder militärische sein, aber es ist keiner Macht der Erde gegeben, diese Vorherrschaft auf die Dauer zurückzuhalten.

Man spricht vom Völkerbund. Wenn man 100 Mal vom Völkerbund spricht, ist es 95 Mal eine Freimaurerphrase, vor der die Menschheit nicht eindringlich genug gewarnt werden kann, weil sie der Tod der Religion, der Gerechtigkeit und der Freiheit ist. Will man das Wort Völkerbund trotz seiner heutigen Verdächtigkeit und Gefährlichkeit dennoch gebrauchen, indem man ihm einen christlichen Inhalt gibt, dann kann er nur den Sinn haben, daß allgemeine völkerrechtliche Grundsätze garantiert werden und kein Volk, keine Rasse von der andern unterdrückt und vernichtet werden darf.

Sobald man aber unter Völkerbund eine absolute Gleichstellung aller Nationen versteht, religiöse, wissenschaftliche, industrielle, militärische Gleichstellung, so sagen wir: Der Völkerbund ist eine Unmöglichkeit. Wenn er heute geschlossen wird, werden morgen die intelligenteren und tüchtigeren Nationen wieder die anderen überragen und mit Recht. Es soll Gleichheit der Völkerrechte sein aber nicht Gleichheit der Völkerstellung. Das Gesetz der Familie, der Gesellschaft und des Staates ist auch das Gesetz der Menschheit, Ungleichheit in der Gleichheit.

Die Ideen, die wir hier auseinandergesetzt, haben einen schweren Stand. Die Welt ist jetzt blind. Das Selbstverständliche ist unverständlich geworden. Man weiß nicht mehr, wo Boden und wo Abgrund, wo Tag und wo Nacht. Das Predigen hat zur Stunde wenig Erfolg. Die Masse hört nur noch mit verstopften Ohren und schaut nur noch mit geschlossenen Augen. Wie kann man mit verstopften Ohren hören und mit geschlossenen Augen schauen?

Das Wort der Schlange ist, nachdem es wissenschaftliches Evangelium gewesen, nun auch politische und soziale Botschaft geworden. Die Völker wollen vom verbotenen Baume der Selbstbestimmung essen. Sie werden davon sterben, sie werden, nachdem sie die Erde demokratisiert haben, hinaufsteigen in die Himmel der Himmel, um auch dort zu demokratisieren. Sie wollen sein wie Götter! Ein unfehlbares Mittel, um die Menschen zu Teufeln und die Erde zur Hölle zu machen! ±

 

Auf dem Golgatha der Freiheit

Wir kennen die Geschichte des Samaritans. Sie ist nicht nur die Parabel eines Einzelnen. Es ist die Geschichte der Menschheit. Es ist die geistige Geschichte des letzten Jahrhunderts. Es ist die Geschichte des Weltkrieges und der Weltrevolution. Es ist die Geschichte von dem, was noch kommt.

Wir sind auf dem Wege von Jerusalem nach Jericho. Wir wurden überfallen, ausgeplündert und halbtot geschlagen und warten nun auf den barmherzigen Samariter. Wo sind die Räuber? Es sind ihrer viele. Ich nenne heute nur einen. Es ist der moderne Staat, der Feind der Freiheit der Völker. Ich weiß es. Ich sage etwas Unglaubliches. Ich stürze damit einen politischen Glaubenssatz, der seit hundert Jahren von allen angenommen werden mußte, die als gebildet und fortschrittlich gelten wollten. Der Glaubenssatz ist der, daß wir seit 1789 im goldenen Zeitalter der Freiheit leben. Ich sage im Gegenteil: Die Freiheit liegt seit 120 Jahren halbtot auf dem Wege von Jerusalem nach Jericho.

Am 4. Januar 1849 hielt Donoso Cortes in der spanischen Deputiertenkammer eine Rede, welche die allgemeine Aufmerksamkeit Europas auf sich zog. Es war eine Todesanzeige an die Völker Europas. Ihr Inhalt ist folgender:

"Die Freiheit! Meine Herren! Kennen jene, welche dieses geheiligte Wort aussprechen, den Grundsatz, welchen sie verkünden, den Namen, welchen sie ausssprechen? Kennen sie die Zeiten, in welchen sie leben? Wie, meine Herren, sind Sie nicht, wie ich, in ihrem schreckensvollen Kreuzweg gestanden? Wie, haben Sie nicht geschaut, wie sie, von allen Demagogen der Welt verhöhnt, verfolgt, in schändlicher Weise gegeißelt worden? Haben Sie nicht gesehen, wie sie in ihrem Todeskampfe auf den Bergen der Schweiz, an den Ufern der Seine, des Rheins, der Donau, an den Wässern der Tiber herumgeschleppt worden? Haben sie endlich nicht gesehen, wie sie zum Quirinal aufgestiegen als auf ihren Kalvarienberg?"

"Es ist ein furchtbares Wort. Es ist um die Freiheit geschehen. Ja, die Freiheit ist gestorben und wird nicht auferstehen, weder nach drei Tagen noch nach drei Jahren."

Das ist die Todesanzeige der Freiheit.

Sie ist auch heute noch wahr. Sie ist wahrer als 1849. Die Freiheit der Einzelnen, der Familien und der Kirche, die Freiheit der Völker liegt immer noch auf dem Wege von Jerusalem nach Jericho. Sie ist noch nicht auferstanden. Und wir wären ihre Feinde gleich wie ihre Mörder, wenn wir nach Pharisäerart an ihr vorübergingen und sie in ihrem Blut und ihren Fesseln liegen ließen.

Das Bild von der ausgeplünderten und gefesselten Freiheit zeigt sich ganz besonders in der Vergewaltigung der Elternrechte. Das erste Königreich die Familie! Der Vater geborener Herrscher darin, nach der Vernunft und nach der Bibel! Das wichtigste Departement in dieser von Gott selbst eingesetzten Regierung das der Erziehung und des Unterrichtes! Die Ehe das erste Lehrer- und Lehrerinnenseminar! Jeder Vater von Amtswegen ein Lehrer! Jede Mutter von Beruf eine Lehrerin! Als Gott die erste Familie schuf, gründete er die erste Primarschule. Das sind naturrechtliche ABC-Wahrheiten, das erste Schulgesetz.

Daraus folgt ein Zweites. Kann der Vater seinen Lehrberuf aus irgend einem Grunde nicht oder nicht genügend selber ausüben, so hat er für einen Stellvertreter zu sorgen. Jede außerhalb der Familie stehende staatliche Lehrperson hat naturrechtlich nur insofern und insoweit das Recht der Erziehung und des Unterrichtes, als es ihr von Seite des Vaters übertragen worden ist. Patent und Siegel zum Lehramt kommt vom Vater. Die Lehrer und Lehrerinnen haben nur als seine Vikare und Stellvertreter Gewalt über die Kinder. Sie sind die Angestellten der Familie.

Daraus ergibt sich ein Drittes. Das Lehrerwahlrecht ist ein unantastbares Familienrecht. Der Vater wählt. Der Lehrer muß der Mann seines Vertrauens sein, der alle Sicherheit bietet, daß die Erziehung im Geiste der Familie weitergeführt wird. Der Vater deswegen auch der geborene erste Schulinspektor. Das sind die Grundzüge allen Schulrechts. Seine Grundlage: das heiligste aller Elternrechte, die erhabenste aller Freiheiten neben der religiösen Freiheit, die Freiheit der Erziehung und des Unterrichtes.

Und nun, wo ist die Freiheit des Vaters? Wo sind die modernen Schulgesetze, welche ihre Vollmachten herleiten aus der Familie? Wo ist das Lehrerwahlrecht, die freie Wahl der Schule, die Bestimmung ihres Geistes und ihrer Erziehung ein unbestrittenes Elternrecht? Wo gilt das Aufsichtsrecht der Familie? Das erste, älteste und ehrwürdigste Königreich der Welt, die Familie, ist durch die liberale und sozialistische Staatsallmacht ausgeplündert worden.

Der Vater hat noch das Recht, vom Morgen bis am Abend zu verdienen, seine Kinder zu ernähren und zu kleiden, Steuern zu bezahlen und hundert Gesetze, Reglemete und Verordnungen zu befolgen. Aber er ist in Beziehung auf sein Kind vom 6. bis zum 14. Jahre so gut wie macht- und rechtlos. Er ist ein König ohne Regierung und eine Regierung ohne das allerwichtigste aller Departemente, das der Erziehung und des Unterrichtes. Das Kind ist Staatseigentum geworden, der Lehrer aus einem Angestellten der Familie ein solcher der Regierung. Die Familie fiel unter die Räuber. Man zog sie aus, schlug sie wund und ließ sie halbtot liegen.

Es ist noch schlimmer gekommen. Nachdem der Staat wie ein Gott geworden war, wollte er auch wie ein Gott Religionsgründer werden. Er war nicht zufrieden, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lehren. Er wollte auch Professor der Theologie sein. Er dozierte Dogmatik, Moral, Kirchengeschichte, Kirchenrecht. Er zwang die Kinder mit allen ihm zu Gebote stehenden Machtmitteln, Bücher zu lesen und Lehrer zu hören, die das Gewissen und den Glauben verletzten und unterdrückten. Er wurde Herodes und sein glaubensloser Schulbetrieb zum neuen bethlehemitischen Kindermorde, vor dem es wenigen Eltern vergönnt war, ihre Kleinen nach Aegypten zu flüchten.

So weit stieg die Tyrannei in vielen Staaten, daß das Gesetz jeden vor die Gerichte zitiert, der ohne Erlaubnis der Obrigkeit es wagen würde, einige Kinder Lesen, Schreiben, Rechnen und ein bißchen Katechismus zu lehren. Das Ziel der europäischen Schulpolitik, die religionslose Zwangs- und Monopolschule! Acht Jahre Sklaverei!

Ich gebe es zu: Auch die moderne Staatsschule hat Lehrer, deren guten Willen und Edelsinn wir anerkennen. Aber es handelt sich hier nicht darum, ob ehrenwerte Persönlichkeiten auch in schwierigsten Umständen Gutes wirken können. Es handelt sich um das ganze innerste Wesen der modernen Schule. Sie ist Tyrannei des Staates gegenüber den Eltern, dem Kinde und der Kirche. Sie ist der Überfall auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho. Sie ist der Beweis, daß die Freiheit der Erziehung und des Gewissens, wenn nicht tot, so doch schwerverwundet und beraubt ist.

Es kommt noch schlimmer. Nicht Tyrannei und Sklaverei sind das Menschenunwürdigste, sondern jene allgemeine Teilnahmslosigkeit, wo ein Volk, an Händen und Füßen gebunden, seine Fesseln und Ketten nicht mehr spürt. Das ist der geistige Zustand, in dem sich zur Zeit die Völker Europas befinden. Sie sind die Kerkerluft so gewöhnt, daß sie nicht mehr nach Licht und Luft schreien.

Sie lassen sich durch die Phrase täuschen. Sie haben irgendwo einmal auf einem Fetzen Papier, den man Verfassung nennt, das Wort Freiheit gelesen. Sie haben es in großen Buchstaben auf den Plakatsäulen zu Zeiten der Wahlagitation wiedergefunden. Sie haben es mit Donnerstimme von den Rednertribünen herunterschreien gehört. Sie haben die Lieder von der Freiheit auf allen Bergen singen gehört. Diese guten Leute haben nicht gewußt, daß man trotz Verfassungen, Phrasen, Zeitungen und Liedern keine zwei Schritte machen kann, ohne durch zehn Paragraphen aufgehalten zu werden.

Die schlechtesten Regierungen und die unfreiheitlichsten Völker sind in jenen Ländern, wo die meisten Gesetzesparagraphen und Reglemente und Verordnungen sind. Das ist es, woran die Freiheit gestorben ist. Sie konnte nicht mehr atmen. Sie wurde erwürgt durch die Bürokratie des Polizeistaates, den der Liberalismus geschaffen hat. Sie hat an ihrem Hals die Spuren der Erdrosselung.

Man sagt uns, die Familienväter hätten wenigstens die Freiheit der Presse und der Wahl der Regierungen und Abgeordneten. Das ist nur zu einem sehr geringen Teile wahr. Die Pressefreiheit war nie ein Volksrecht und wird nie eines sein. Das Volk kann nicht in die Zeitung schreiben und so seine Überzeugung zur Herrschaft bringen. Das Zeitungsschreiben ist immer nur die Macht und die Fähigkeit von einigen wenigen.

Und dort, wo das Volk den Geist und die Zukunft eines Landes bestimmen könnte, bei der freien Wahl der Schule, der Lehrer und der Lehrmittel, dort wo es reden könnte, hat man ihm immer mehr den Mund verbunden. Da gibts gewöhnlich keine Demokratie und keine Volksrechte. Es hat die Freiheit des Unterrichtes, der Erziehung und des Gewissens, die wichtigsten aller Freiheiten nicht.

Auch das Recht, Regierungen zu wählen, ändert daran für uns Katholiken nicht viel. Die Regierungen, auch in den Republiken, suchen, einmal ernannt, ihre Macht zu vermehren und nicht die der Familien und des Volkes. Mögen die Politiker sagen, was sie wollen, einige Große in jedem Staate können machen, was sie wünschen. Das Volk ist gebunden. Die Familie hat ihre Herrschaft verloren. Muß das gesagt werden? Ja! Auf der Kanzel? Auf der Tribüne, in der Presse? Ja! Jetzt? Ja!

Alle Wetterzeichen deuten auf Sturm. Der Weltkulturkampf naht, wenn er noch nicht da ist. Es mag sein, daß diese neue Kirchenverfolgung nicht so sehr mit den Waffen der Grausamkeit dreinfährt. Wir wissen es nicht. Aber das wissen wir: Der Hauptkriegsschauplatz ist die Schule in allen Ländern. Die große Geisterschlacht der Zukunft wird vom 6. bis zum 14. Altersjahr entschieden im Kampf um das Kind. Das neue Losungswort: staasbürgerlicher Unterricht.

Des Unterrichtes und der Erziehung letztes Ziel der Staat! Das Kind wird Staatseigentum. Die Eltern verlieren die letzten Brosamen ihrer Rechte. Die Freiheit, schon längst halbtot geschlagen, wird es vollends. Wir werden Sklaven. Der Einzelne ist nichts mehr. Der Staat ist Alles.

Was ist zu tun? Alle, welche noch einen Funken Liebe zu Kind und Familie, zu Volk und Kirche haben, müssen Samariterdienste leisten. Wir müssen die erschlagene Freiheit wieder zum Leben erwecken. Wir müssen das Kind, das der Staat geraubt hat, wieder zurückerobern dem, dem es gehört, dem Vater, dem Gewissen, der Religion des Gekreuzigten.

Wir wollen nicht nur katholische Kirchen. Wir wollen für die katholischen Kinder auch katholische Schulen, katholische Bücher und katholische Lehrer. Nicht die Politiker sollen den Geist der Schule bestimmen, nicht die Bureaukraten, sondern die Eltern. Bis wir das haben, ist alle Demokratie leere Phrase. Die Seele der Volksrechte ist das Recht auf die Schule. Katholische Männer, befreit die Freiheit. Das ist die höchste Samaritertat zwischen Jerusalem und Jericho. ±

 

Bis hieher - nicht weiter

Die Wahrheit hängt in dieser Ordnung der Dinge gekreuzigt zwischen zwei Schächern. Die beiden Schächer heißen diesmal Liberalismus und Sozialismus. Wir haben den christlichen Vaterlandsbegriff nach beiden Seiten zu verteidigen. Die katholische Wahrheit über Volk und Staat muß ebensosehr gegenüber der freisinnigen Staatsanbeterei betont werden, wie gegenüber der revolutionären Anarchie, die im Grund beide gleich staats- und volksfeindlich sind. Denn revolutionär ist jede Lüge, auch die liberale.

Die Füße derer, die den modernen Staat begraben, stehen vor der Türe. Man soll uns beim Totengericht nicht als Mitschuldige, wenigstens als Mitschuldige des Stillschweigens, anklagen. Wir sind antirevolutionär mit jeder Faser, aber wir betonen auch Grenzen der Staatsgewalt. Wir kennen Fälle, wo auch der Gehorsamste ungehorsam sein muß. Ich weiß nicht, von welcher Seite einmal gesagt worden ist, man müsse den Ungehorsam predigen.

Das kann eine revolutionäre Phrase sein. Aber es kann auch, richtig verstanden, eine Wahrheit sein, deren Verkündigung Zeitnotwendigkeit geworden ist. Die politische und militärische Gewalt ist zur Stunde überspannt. Es ist der Augenblick gekommen, wo man sie daran erinnern muß, daß sie Grenzen hat, wo der Gehorsam Sünde und der Ungehorsam Pflicht wird.

Die Grundlage des christlichen Staatsrechts zeichnet der Völkerlehrer Paulus im 13. Kapitel seines Römerbriefes:

"Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt. Denn es gibt keine Gewalt außer von Gott und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer demnach sich der Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes. Und die sich widersetzen, ziehen sich selbst die Verdammnis zu."

Die Regierungen, seien sie monarchische oder republikanische, werden sich für alle Zeiten auf diese göttliche Urkunde berufen können. Das Evangelium enthält nichts, auf das sich der Umsturz und Ungehorsamkeit gegenüber der rechtmäßigen politischen Gewalt berufen könnte. Das Christentum steht immer auf Seite der Regierungen, vorausgesetzt, daß diese in ihrer Gesetzgebung und Verwaltung auf der Seite Gottes stehen.

Aber gerade, wenn die staatliche Gewalt von Gott kommt, ist sie nicht absolut, sondern bedingt, nicht unumschränkt, sondern abhängig. Sie existiert so lange, als sie stellvertretende göttliche Gewalt ist. Sie hört auf, sobald Gott nicht mehr hinter ihr steht. Keine Gewalt außer Gott und ohne Gott!

Christus war gehorsam bis zum Tode am Kreuze. Der Gehorsam war seine Speise, seine Lebensaufgabe. Und trotzdem der dreijährige Konflikt mit den Behörden! Es gibt Grenzen der staatlichen Autorität! Es gibt Fälle, wo auch der Gehorsamste ungehorsam sein muß! Wir kennen den Gerichtsfall Petrus. Die Regierung von Jerusalem fand, daß die Predigttätigkeit des ersten Papstes den konfessionellen Frieden der Hauptstadt störe. Das Urteil aller Kanzelspione war übereinstimmend: Man muß im Interesse der öffentlichen Ordnung und des Burgfriedens einschreiten! Das Urteil des Gerichtes ging dahin, daß die Predigt im Namen Jesu zu unterbleiben habe. Petrus appellierte: Ich kann nicht - nicht reden! Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. Es gibt Grenzen der staatlichen Autorität! Es gibt Fälle, wo auch der Gehorsamste ungehorsam sein muß.

Niemals hatte ein Staat treuere Untertanen als das Rom der Neros, der Domitiane und der Diokletiane. Es gab kein antirevolutionäreres Geschlecht als dieses Märtyrervolk der ersten drei Jahrhunderte, das sich zu Hunderttausenden hinschlachten ließ wie Schafherden und trotzdem weder antirömisch noch antinational noch antimonarchisch wurde - in diesem dreihundertjährigen Kulturkampf. Aber dieses kaiser- und reichstreue Volk der ersten Christen kämpfte auch mit der Sanftmut und der Geduld der Heiligen für den Grundsatz: Staatsrecht hat Grenzen! Es gibt nicht nur eine Pflicht des Gehorsams, es gibt auch eine Pflicht des Ungehorsams!

Das erste wissen wir, das zweite vergessen wir oft. Im allgemeinen kann man von den Katholiken sagen: Sie sind regierungsfromm. Zu regierungsfromm! Sie folgen nicht nur, wo gefolgt sein muß, sondern - der Krieg bewies es - auch sehr oft dort, wo Ungehorsam Pflicht wäre. Die moderne Verfassung und Gesetzgebung ist im allgemeinen eher kirchenfeindlich. Es gibt in allen Gesetzbüchern und Verfassungen Paragraphen und Artikel, die mit dem Gewissen in Widerspruch stehen.

Ich erinnere an den Geschichtsunterricht in der Volksschule. In zahlreichen Fällen steht das Kind vor der Alternative: Entweder Ungehorsam oder Glaubensverrat. Das offizielle Lehrmittel oder der Lehrer verlangt das Auswendiglernen und Aufsagen von einem Text, der im Munde eines katholischen Kindes eine Verleumdung oder gar eine Veleugnung der Kirche in sich schließt.

Was ist zu tun? Wir wollen nicht das Wort Obstruktion brauchen. Das Wort klingt revolutionär und wir sind keine Revolutionäre. Aber hier haben wir den Fall, wo beispielsweise das Kind von seinen Eltern zum grundsätzlichen Ungehorsam erzogen werden muß. Hier wird nicht gefolgt! Hier wird nicht gelernt. Hier wird nicht aufgesagt! Hier wird gestreikt! Hier tritt der Fall ein, wo der Vater, wenn alle Beschwerden nutzlos sind, Recht und Pflicht hat, sein Kind von dem betreffenden Unterricht fernzuhalten, folge daraus was immer. Hier hätten die Märtyrerkinder aus den Heldenzeitaltern des Urchristentums eher sich totschlagen lassen. Solange der kirchenfeindliche Geist in so vielen Schulen regiert, ist systematischer passiver Widerstand nicht nur Menschenrecht, sondern auch Christenpflicht.

Es gibt auch Grenzen der militärischen Gewalt. Das Soldatenleben, besonders im Ernstfall, steht im Zeichen des unbedingten Gehorsams.

"Wenn ich zu dem einen sage: geh', so geht er, und zu dem andern: komm' her, so kommt er, und zu meinem Knecht: Tue das, so tut er's."

Aber auch der Soldat ist nicht seelen- und willenloser Sklave. Auch der Soldat behält Gewissen und Verantwortlichkeit! Kein Maschinengehorsam: Kein Kadavergehorsam!

Wir lesen in den Märtyrerakten von St. Mauritius! Im Heer Maximinians war ein Armeekrops, die aus Christen bestehende thebäische Legion, eine Heldenlegion. Sie wurde zum Kulturkampf mobilisiert. Die ganze Legion verweigerte den Gehorsam und wurde deswegen hingerichtet. Ein Teil desertierte. Die moderne Kriegsführung ist troz unserer vielgerühmten Kultur barbarisch. Der Gehorsam geht nicht so weit, daß der katholische Soldat jeden Krieg, auch den offenbar ungerechten und jede Kriegsmethode, auch die offenbar unmenschliche, mitmachen muß. Wo offenbarer Religions- und Priesterhaß, Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Bestialität das Kommando führt, hat der christliche Soldat die Aufgabe, unter Umständen Märtyrer seines Gewissens zu werden.

Wenn wir in diesem Kriege trotz der vielen Scheußlichkeiten so selten von Gehorsamsverweigerungen durch den Soldaten lesen, so ist das ein Beweis, wie weit wir in der Versklavung fortgeschritten sind. Man hört in solchen Fällen den Soldaten jammern. Was wollten wir? Wir mußten unsere Pflicht tun, sonst wären wir selber von unsern Offizieren erschossen worden. Jawohl! Wir mußten unsere Pflicht tun! Wir mußten Gott mehr gehorchen als den Menschen. Wir durften nicht offenbar roh, grausam, unsittlich, religionslos handeln. Wir mußten uns eher erschießen lassen, eher Märtyrer unseres Gewissens werden. Der Militarismus ist kein Gott, dem man sich unbedingt und in jedem Fall unterwerfen muß. Es gibt Grenzen.

Es ist von außerordentlicher Wichtigkeit, daß wir den Staat auch in der Fürsorgetätigkeit an naturrechtlich unverrückbare Marksteine erinnern. Die staatliche Fürsorgetätigkeit nimmt immer mehr den Charakter des Monopols an. Die private und kirchliche Fürsorgetätigkeit, die letzte Provinz, die man uns ließ, wird uns in einem vorsichtigen, aber zielbewußten internationalen Kampf der Freimaurerei, des Liberalismus und Sozialismus entrissen. Wir werden bald ohne öffentlichen Einfluß sein selbst auf dem ureigensten Gebiete der Wohltätigkeit. Der Staat soll, nachdem er Schutzmann und Schreiber gewesen, nun auch Schulmeister und Brotvater werden.

Sorget nicht ängstlich und saget: Was werden wir essen, was werden wir trinken, oder womit werden wir uns bekleiden? Der Staat weiß, daß ihr alles dessen bedürfet! Suchet zuerst den Staat und seine Machtentfaltung, so wird euch alles dieses zugegeben werden! Hier haben wir das liberal-sozialistische Evangelium.

Leo XIII. hat in seiner unsterblichen Arbeiterenzyklika den Staatsschutz und die Staatshilfe für die unvermögende Masse gefordert. Aber jedem aufmerksamen Leser des Rundschreibens wird es auffallen, wie der Papst mit einer geradezu bedeutungsvollen Eindringlichkeit immer und immer wieder den Staat an die naturrechtlich gesetzten Marksteine erinnert. Er wendet sich gegen eine allgemeine sozialistische Staatsfürsorge. Er will, daß die staatliche Hilfeleistung eintrete, wenn sich die Familie in äußerster Not befindet und in so verzweifelter Lage, daß sie sich in keiner Weise helfen kann. Er ist dagegen, daß der Staat übermäßig hohe Steuern erhebe, die tatsächlich einer Konfiszierung des Eigentums gleichkommen.

Der Staat hat dafür zu sorgen, daß allen ihre Rechte gesichert und alle ihre Pflichten erfüllen. Er hat zu sorgen, daß alles getan werde, was die allgemeine Wohlfahrt verlangt, aber der Staat hat nicht alles selber zu machen. Die staatliche Allesselbermacherei ist gegen das Naturrecht und endigt schließlich mit der allgemeinen Sklaverei. Die katholische Sozialpolitik ist grundsätzlich dagegen, daß die Liebe Staatsmagd werde, religionslos wie ihr Herr. Die übertriebene Staatsfürsorge hat auch in katholischen Kreisen gutmeinende Befürworter. Ein erneutes Studium der Rerum Novarum speziell unter diesem Gesichtspunkte ist dringend vonnöten.

Die moderne Pädagogik spricht von antisozialer Erziehung als Gegengewicht gegen das Herdenmenschentum. Sie versteht unter antisozialer Erziehung die Erziehung zum Nichtüberallmitmachenwollen, zum freiwilligen Alleinstehenkönnen, zum freien persönlichen Handeln nach eigenem Gewissen.

Es gibt, wie wir gesehen, auch ein Stück moderner Volkserziehung, das man Erziehung zum Ungehorsam nennen könnte, wenn nicht zu fürchten wäre, daß man dabei mißverstanden wird. Nachdem wir soviel und so nachdrücklich von der Autorität gesprochen, glauben wir das Recht, nicht mißverstanden zu werden, zu besitzen, wenn wir einmal ein Wort von den Grenzen sprachen. Kein Gehorsam gegen das Gewissen! Keiner gegen die Vernunft! Keiner gegen die Religion! ±

 

Staatssozialistische Steuerpolitik

Die Steuer ist das Blut, das den Organismus des Staates befruchtet. Der Staat, dem die notwendigen Existenzmittel durch die Vorenthaltung der Steuern entzogen werden, ist zum langsamen Hungertod verurteilt. Die Steuerfrage ist deswegen von jeher eine Lebensfrage der Völker gewesen.

Das Steuerproblem spielt auch im Evangelium eine gewisse Rolle. Einer der Anklagepunkte, der in den Gerichtsakten des Gekreuzigten erwähnt wird, ist, daß er angeblich einer sei, der verbiete, dem Kaiser Steuern zu geben. Das Evangelium vom Zinsgroschen löst die Frage grundsätzlich mit der Entscheidung: Gebet dem Kaiser, was des Kaiser ist, und Gott, was Gottes ist. Darin liegt ein Doppeltes: Einmal die Steuerpflicht, sodann die Beschränkung der Steuerpflicht durch das Naturgesetz.

Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist. Der Staat ist eine Notwendigkeit, wie die Familie und die Kirche eine Notwendigkeit ist. Der Staat muß sein, wenn nicht die Anarchie und die Barbarei herrschen soll.

Das bedarf keines Beweises. Wer Glied eines Staatswesens ist, wer die allgemeinen Wohltaten einer geordneten Regierung und Verwaltung genießt, der hat die Pflicht, das Seine zum Unterhalt des Ganzen beizutragen, wie im Leib jedes Organ die Pflicht hat, seine Funktionen im Interesse der anderen Organe zu verrichten. Steuerstreik, Verweigerung der notwendigen Staatseinnahmen wäre gerade so unmoralisch und gerade so verhängnisvoll, wie ein Streik der Hände, Füße, des Magens, der Zunge, des Herzens, des Gehirns.

Die Steuerpflicht ist somit eine Gewissenssache. Nicht steuern wollen, nicht das Seine zum notwendigen Lebensunterhalt des Staates beitragen wollen, muß als Sünde gebrandmarkt werden. Die hl. Schrift und mit ihr das Christentum hat darüber nie einen Zweifel offen gelassen. Der hl. Paulus schreibt mit aller Energie an die Gläubigen in Rom: Leistet eure Abgaben. Gebet allen, was ihr schuldig seid, Abgabe, wem Abgabe, Zoll, wem Zoll, Ehrfurcht, wem Ehrfurcht, Ehre, wem Ehre gebührt (Röm. 3.)

Andererseits ist die Steuerpflicht an gewisse Voraussetzungen gebunden. Nicht jede Steuer ist Gewissenspflicht. Nicht jede Steuerentziehung eine Sünde. Die Steuer muß gerecht sein und zwar in dreifacher Hinsicht. Erstens gerecht in Beziehung auf den Zweck. Der Grund der Steuer muß nach dem hl. Alphons die necessitas boni communis sein. (theol. moral. III, 615.) Die Notwendigkeit des allgemeinen Wohles! Was gegen das Gemeinwohl oder was über die Notwendigkeit des Gemeinwohles hinaus geht, kann nicht im Namen der Gerechtigkeit gefordert und muß nicht im Namen des Gewissens bezahlt werden. Im Gegenteil. Zwangsmäßige, nicht in der Staatsnotwendigkeit begründete Steuererhebung ist Raub. Injustitia rapinar. P. Biederlack, S. J. bemerkt zur Sache:

"Läßt sich eine Steuerforderung der Regierung nicht mit dem wirklichen Gemeinwohl, sondern nur mit dem Nutzen einer einzelnen Klasse oder Bevölkerung oder etwa jener Partei, die zu der Zeit maßgebend ist, begründen; werden Steuern verlangt für ganz unnötige Unternehmungen oder Veranstaltungen, dann müssen sie als ungerechte Steuern verurteilt werden, ebenso, wenn sie nur zu Liebhabereien einzelner Minister oder zu Unternehmen, mit denen sich diese wichtig machen wollen, gefordert werden."

Zweitens muß die Steuer gerecht sein in Beziehung auf das Maß. Der Staat darf nicht größere Steuern einfordern, als die öffentlichen Notwendigkeiten verlangen. Er darf das Volk nicht über Gebühr belasten. Er darf kein Ausbeuter in seinen Einnahmen und kein Verschwender in seinen Ausgaben sein. Er darf die Familien nicht so weit in Anspruch nehmen, daß sie ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen können.

Wenn es wahr ist, daß der Staat leben können muß, so ist es noch viel mehr wahr, daß die Familie leben können muß. Also Maß! Maßlose Steuern sind ungerechte Steuern. Drittens muß die Steuer gerecht sein in Beziehung auf die Verteilung. Es ist das die sogenannte justitia distributiva, die verteilende Gerechtigkeit. Die Steuern sollen sich nach den Schultern richten. Je größer das Vermögen und die Einnahmen, desto größer die Abgaben. Verteilende Gerechtigkeit auch hinsichtlich der einzelnen Stände und Volksklassen! Es wäre ungerecht, wenn man die Steuerlasten einseitig auf bestimmte Bevölkerungskreise abladen und andere geradezu privilegieren wollte. Alle sollen tragen helfen - die Armen allein ausgenommen. Denn wo nichts ist, hat der Kaiser kein Recht verloren. Also die Steuerfrage ist eine Frage der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit von unten und der Gerechtigkeit von oben.

Aber gebt auch Gott, was Gottes ist. Das staatliche Recht ist nicht das einzige und oberste Recht. Das Steuerrecht darf das göttliche Naturrecht nicht brechen. Auch von den Steuergesetzen gilt, was Leo der Dreizehnte von den Gesetzen überhaupt schreibt: Sie besitzen nur insofern Anspruch auf Gehorsam, als sie der richtigen Vernunft und eben deshalb den ewigen Gesetzen Gottes entsprechen. (Rer. nov.) Parteibeschlüsse und Parlamentsentscheidungen allein schaffen noch keine Gewissenspflichten. Was insbesondere das Steuerrecht angeht, gilt der Grundsatz von de Bonald: Es handelt sich weniger darum, zu wissen, was der Staat von der Familie verlangen darf, als was er nicht verlangen darf.

Das Steuerrecht hat seine Schranken am Familienrecht. Leo der Dreizehnte sagt:

"Wie der Staat, so ist auch die Familie im eigentlichen Sinne eine Gesellschaft. Es regiert selbständige Gewalt in ihr, nämlich die väterliche. Innerhalb der von ihrem nächsten Zweck bestimmten Grenzen besitzt demgemäß die Familie zum wenigsten die gleichen Rechte wie der Staat zur Wahl und Anwendung jener Mittel, die zu ihrer Erhaltung und zu ihrer freien Bewegung unerläßlich sind. Wir sagen, zum wenigsten die gleichen Rechte. Denn da das häusliche Zusammenleben sowohl der Idee als der Sache nach früher ist als die bürgerliche Gemeinschaft, so haben auch seine Rechte und seine Pflichten den Vortritt, weil sie der Natur näher stehen. Wenn darum die Bürger und Familien, nachdem sie im Verbande der staatlichen Gesellschaft sind, seitens der letzteren Schädigung finden statt Nutzen, Verletzung des ureigenen Rechtes statt Schutzes, so würde der Staat eher als Gegenstand der Abneigung und des Hasses erscheinen denn als ein begehrenswertes Gut." (Rer. nov.)

Aus dem christlich-natürlichen Familienrecht, insbesondere der väterlichen Verwaltungs- und Regierungsgewalt, ergibt sich, daß die Beschaffung des Lebensunterhaltes nicht Sache des Staates, sondern des Vater ist.

"Das sozialistische System, welches die elterliche Fürsorge beiseite setzt, um eine allgemeine Staatsfürsorge einzuführen, versündigt sich an der natürlichen Gerechtigkeit und zerreißt gewaltsam die Bande der Familiie." (Rer. nov.) "Ein großer und gefährlicher Irrtum liegt also in dem Ansinnen an den Staat, als müsse er nach seinem Gutdünken in das Innere der Familie, des Hauses, eindringen. Allerdings wenn sich eine Familie in äußerster Not und in verzweifelter Lage befindet, daß sie sich in keiner Weise helfen kann, so ist es der Ordnung entsprechend, daß öffentliche Hilfeleistung für die äußerste Not eintrete. Die Familien sind eben gewissermaßen Teile des Staates. Ebenso hat die öffentliche Gewalt jedem sein Recht zu sichern, wenn innerhalb der häuslichen Mauern erhebliche Verletzungen des gegenseitigen Rechts geschehen. Übergriffe in Schranken weisen und die Ordnung herstellen, heißt dann offenbar nicht Befugnisse der Familien und der Individuen an sich reißen. Der Staat befestigt in diesem Falle die Befugnisse der Einzelnen. Er zerstört sie nicht. Allein an diesem Punkte müssen die Staatsbehörden Halt machen. Über diese Grenzen dürfen sie nicht hinaus. Sonst handeln sie dem natürlichen Recht entgegen. Die väterliche Gewalt ist von Natur so beschaffen, daß sie nicht zerstört, auch nicht vom Staat an sich gezogen werden kann." (Rer. nov.)

Die moderne Sozialpolitik, zum großen Teil auch jene, die sich christlich nennt, ist somit nach der Rerum novarum auf dem Holzweg. Sie macht den Staat zur reinsten Kostgeberei und allgemeinen Suppenanstalt. Sie denkt und handelt staatssozialistisch. Sie verwechselt die wirtschaftliche und politische Ordnung, von denen die erstere dem Vater, die letztere der Regierung untersteht. Wenn man einmal von dem in der Rerum novarum gebrandmakten sozialen Grundirrtum kuriert ist, daß der Staat der Familie die Existenzmittel zu suchen hat, wenn die Sozialpolitik einmal nicht nur in Worten, sondern auch in der Tat auf dem Boden der Rerum novarum steht, welche Einmischung in das Wirtschaftliche der Familie nur im äußersten Notfall und nur bei offenbaren Rechtsverletzungen gestattet, dann werden die meisten Steuern überflüssig werden. Steuern dieser Art können nicht mit der vom hl. Alphons verlangten necessitas boni communis begründet werden und verpflichten deswegen kaum im Gewissen. Das moderne Steuerrecht bricht das Familienrecht. Es ist unter diesem Gesichtspunkte und in dieser Richtung im Gewissen unverbindlich. Das gleiche gilt von den meisten Schulausgaben. Weil die Schule in erster Linie Elternrecht und Elternpflicht, kann es sich hier nur in untergeordnetem Maße um Staatsnotwendigkeiten handeln, welche die Steuerpflicht nach sich ziehen. ±

Staatssozialistische Steuerpolitik II

Das moderne Steuerrecht steht zum großen Teil im Widerspruch mit dem Eigentumsrecht. Es ist kein Zweifel, daß das siebente Gebot auch nach 1918 gilt und zwar für den Staat gerade so gut wie für die Privaten. Leo der Dreizehnte hat hier ebenfalls klar gesprochen:

"Bei allen Versuchen zur Abhilfe gegenüber den gegenwärtigen sozialen Notständen ist durchaus als Grundsatz festzuhalten, daß das Privateigentum unantastbar und heilig sei" (Rer. nov.) Die Enzyklika bezeichnet es als "gegen Recht und Billigkeit, wenn der Staat sich vom Vermögen der Untertanen einen übergroßen Teil als Steuer aneignet".

Man spricht heute viel vom sozialen Ausgleich. Man versteht darunter das Verfahren, auf dem Steuerweg den Vermögenden zu nehmen, um das Genommene in Form von staatlicher Fürsorge den Unbemittelten zu geben. Um den gleichen Gedanken in biblischer Sprache einzukleiden. Die Berge großen Reichtums sollen abgetragen, die Hügel der Armut sollen ausgefüllt werden.

Wenn man unter sozialem Ausgleich versteht, daß die nachweisbar durch Wucher und Betrug und Raub entstandenen Vermögen vom Staate zugunsten des öffentlichen Wohles konfisziert werden sollen, so betonen wir, daß es sich nicht nur um offenbares Recht von Seite des Staates handelt, sondern um eine gesetzgeberische und richterliche Pflicht.

Wenn man unter sozialem Ausgleich versteht, daß der Staat übergroße Vermögensanhäufung zu erschweren und die Bildung von selbständigen Existenzen zu fördern sucht, so ist es wiederum klar, daß es sich um eine soziale Selbstverständlichkeit handelt. Das muß sein. Das hätte schon lange sein sollen.

Wenn man unter sozialem Ausgleich versteht, daß man im Falle äußerster Not öffentliche Hilfe mit Steuermitteln leiste, so haben wir den von Leo dem Dreizehnten erwähnten Fall der staatlichen Fürsorge, über den nie ein Zweifel bestanden hat und keiner je bestehen kann. Allein das ist es nicht, was gewöhnlich heute, im Zeitalter des Staatssozialismus, unter sozialem Ausgleich verstanden wird. Es ist die Frage, ob es vom Standpunkt der Gerechtigkeit als erlaubt bezeichnet werden kann, daß man dem einen von seinem rechtmäßig erworbenen Vermögen nimmt, um damit demjenigen, der nicht in äußerster Not sich befindet, seine wirtschaftliche Lage zu verbessern. Die Frage ist, ob zu derartigem Zweck erhobene Steuern gerecht seien und insfolgedessen im Gewissen verpflichten. Der große soziale Papst läßt hier ebenfalls keiner Unsicherheit Raum. Er betont:

"Ist der Besitz größer, als für das standesmäßige Auftreten nötig ist, dann tritt die Pflicht ein, vom Überflusse den notleidenden Mitbrüdern mitzuteilen. Was ihr an Überfluß habet, gebet den Armen, heißt es im Evangelium. Diese Pflicht ist jedoch nicht eine Pflicht der Gerechtigkeit - den Fall der äußersten Not ausgenommen - sondern der christlichen Liebe, welche sicherlich nicht durch Gesetzgebung erzwungen werden darf."

Soweit der Papst. Die Frage ist erledigt. Der Staat hat kein Recht, auf dem Wege der Steuern den einen Geld zu nehmen, um es den anderen in Form von Wohltaten wieder zukommen zu lassen.

Windthorst hat im Jahre 1883 diese von Bismarck im Interesse der Staatsallmacht und des protestantischen Kaisertums vertretene soziale Steuerpolitik entschieden verurteilt.

"Das ist, meine Herren, eine ganz neue Aufgabe der Steuerpolitik. Daß jeder nach seinen Leistungsfähigkeiten zu den Aufgaben des Staates beiträgt, daß jeder nach seinem Vermögen herangezogen wird, um dem Staate die Erfüllug seiner allgemeinen Aufgaben zu ermöglichen, das ist von der Wissenschaft anerkannt und wird in der Praxis befolgt. Aber daß durch die Steuern ein Ausgleich der Vermögen stattfinden soll, das ist nicht anerkannt und wird hoffentlich niemals anerkannt werden. Das ist keine Sozialreform, sondern einfach Revolution von oben".

Als man im Parlament die Alters- und Invalidenversicherung mit Staatsunterstützung diskutierte, bemerkte der große Führer des katholischen Volkes: "Ich warne vor diesem Vorgehen. Es ist ein voller Schritt - nicht in das Dunkle, nein - sondern auf dem hellerleuchteten Wege der Sozialdemokratie, und jeder, der für dieses Gesetz stimmt, ist, er mag es bekennen oder nicht, wissend oder unwissend - ein vollendeter Sozialdemokrat.

Das moderne schrankenlose Steuerrecht in der Hand einer allmächtigen Regierung ist der Tod der Freiheit. Aus den maßlosen Mitteln, die dem Staat zur Verfügung gestellt werden, wird ein ungezähltes Heer von Beamten besoldet. Der Absolutismus und damit die Tyrannei wird immer unerträglicher. Die Abhängigkeit von der Staaskrippe immer vollständiger.

Der Arbeiter verliert das Bewußtsein, daß er mit eigener Hände Fleiß das Brot verdient, das er ißt. Er empfängt vom Staat Almosen, wenn auch in etwas anderer Form als im Armenhaus. Die Manneswürde wird geschwächt und zugleich auch die Verantwortlichkeit, das Pflichtgefühl. Das ist nicht alles. Auch der kirchliche Einfluß ist in Frage gestellt. Was Deutschland angeht, hat die offiziöse "Post" zu Beginn der staatssozialistischen Aera offen herausgesagt:

"Die römische Hierarchie ist auf ihrem eigensten Gebiet bedroht. Treten an die Stelle der kirchlich-sozialen Institutionen, welche ein Hauptstück des Katholizismus ausmachen, die entsprechenden weltlichen Einrichtungen, so ist der Kirche ein höchst wirksames Mittel zur Leitung der Massen aus der Hand gewunden".

Der Staatssozialismus wird - die Geschichte hat es dargetan - zum sozialen Kulturkampf, verhängnisvoller und unfehlbarer als der politische. Die Waffen dazu liefert katholische Gutmütigkeit und Vertrauensseligkeit. Folgen einer falschen Steuerpolitik, die dem Kaiser nicht nur gibt, was des Kaisers ist, sondern auch solches, das Gottes ist.

Es hat nicht an Leuten gefehlt und fehlt heute nicht an solchen, die in der staatssozialistischen Steuerpolitik geradezu die Verwirklichung des praktischen Christentums erblicken wollen, die Politik des Hauptgebotes. Leo der Dreizehnte ist auch diesem Trugschluß entgegengetreten.

"Man vernimmt in der Gegenwart Stimmen, welche, wie die Heiden es schon getan, die Kirche in ihrer Liebestätigkeit tadeln. Statt dessen sucht man staatliches Wohltun durch Gesetze einzuführen. Aber es gibt keine menschlichen Einrichtungen, die die christliche Liebe, welche sich gänzlich dem Nutzen anderer widmet, ersetzen können. Die Kirche allein besitzt jene Kraft, weil sie nirgends zu finden ist, wenn sie nicht quillt aus dem heiligsten Herzen Jesu Christi. Es irrt aber weit weg von Christus, wer sich von der Kiche trennt." (Rer. nov.)

Hertling hat in einer markanten Rede dem gleichen Gedanken schon früher Ausdruck verliehen:

"Ich halte es für eine verhängnisvolle Verschiebung, wenn eine Aera anbrechen sollte, in der man ohne jeden Rückhalt die sittlichen Liebespflichten in Gesetzesparagraphen umsetzen wollte. Auf dem Boden der Bruderliebe läßt sich keine Gesetzgebung statuieren, denn sie nimmt der Bruderliebe das, was sie auszeichnet, die Freiheit, die eigene sittliche Tat. Eine Gesetzgebung, die auf dem Boden der Bruderliebe ausgeführt werden wollte, würde auf allen Gebieten zur Vernichtung berechtigter Freiheit hinführen. Ich widerstrebe dieser Gesetzgebung, weil sie die Verpflichtung von denen, welchen sie zukommt, abwälzt auf die breiten Schultern des Staates, und weil sie, diktiert von der besten Absicht, aufbauend zu wirken, doch auflösend wirken muß."

Die Liebe, die freigeborene Tochter des Himmels, erträgt keine Polizeifesseln. In dem Augenblicke, wo sie im Namen der politischen Gewalt kommandiert wird, hört sie auf, Liebe zu sein. Das ist unter den Menschen eine so ausgemachte Sache, daß es niemanden in den Sinn kommt, von einem Werk der Liebe zu reden, wenn etwas unter Strafe durch das bürgerliche Gesetz geboten wurde. Die Liebe wird auch in Zukunft eine Angelegenheit des Herzens, des freien Willens und des Gewissens sein, oder sie wird nicht sein. Sie wird eine religöse und keine politische Tugend sein. Die Tugend in Steuerfragen heißt Gerechtigkeit, nicht Liebe, das was sein muß, nicht das, was sein soll.

Die Steuer ist das Blut des Staates, aber nicht die Seele. Blut ohne Seele nützt nichts. Die Seele des Staates ist die Religion. Daß man mit Steuern die Gesellschaft nicht vor der Auflösung bewahren kann, beweist die Zeit von 1914-1920. Auch die soziale Frage wird umso verwickelter, je mehr Mittel man den Regierungen zur Verfügung stellt. Es ist eitel Wahn, hat einmal Bebel gesagt, den Sozialismus mit Waffen, die man seinem Arsenal entlehnt, glaubt bekämpfen und besiegen zu können. - Hier hilft keine Homöopathie. Nur die Allopathie kann Gesundung bringen.

Die Allopathie, d.h. die Hilfe durch das dem Staatssozialismus entgegengesetzte Heilmittel, liegt in der freien Betätigung der christlichen Liebe. Sie allein wird den sozialen Ausgleich, die Überbrückung der übergroßen wirtschaftlichen Gegensätze, zu Stande bringen. Um das Ganze noch einmal in zwei Worten zu wiederholen: Viel, viel weniger Steuern und viel, viel mehr Liebe! Das ist unsere Sozialpolitik. ±

Mann und Frau

Die Phrase ist nach dem Ausdruck eines Philosophen eine hohle Nuß. Es gibt viel bunte Wörtergehäuse, viel schöne Nester ausgeflogener Gedanken, viel Wohnungen weggestorbener Wahrheiten. Wenn man anklopft, tönt's hohl von innen heraus. Es ist niemand mehr daheim! Kein lebendiger Geist drinnen, der mit Zuversicht antworten könnte: Herein! Das ist aber nicht das Schlimmste, daß der Hauseigentümer, der Geist der Wahrheit, aus dem Worte ausgezogen ist. Das Schlimmste ist, wenn sich in der leergelassenen Wohnung der Phrase die Revolution und Irrlehre eingenistet. So ist es mit den meisten Schlagworten: die Wahrheit ist fort. In der verlassenen Wohnung haust der Irrtum.

So ist es dem Worte Frau ergangen. Es war ein großes Wort, so lange der alte christliche Geist drin wohnte. Der alte christliche Geist zieht immer mehr von dannen. Ein neuer zieht ein. In allen Kulturländern vollführt sich eine tiefe Umwandlung in der Auffassung der Frau. Die Frau soll etwas ganz anderes werden, als was sie durch 6000 Jahre gewesen ist. Eine Amerikanerin meinte geradezu auf einem Frauenkongreß in Chicago, das 19. Jahrhundert erst habe die Frau entdeckt. Es gibt auch viele Katholiken, welche an diese amerikanische Erfindung glauben. In einer Zeit, wo Irrlehre und Revolution an der Arbeit sind, aus der Frau etwas ganz anderes zu machen, als was Gott aus ihr gemacht hat, ist es unsere Aufgabe, dem Worte Frau, dieser Wohnung einer weggestorbenen Wahrheit, wieder den alten katholischen Geist zurückzugeben.

Wenn man wissen will, was der Mann und die Frau ist, muß man nicht allein den Arzt, den Professor, den Staatsmann und den Arbeitersekretär fragen. Was der Mann und die Frau ist, das ist im tiefsten Grund eine theologische, eine religiöse Angelegenheit. Der Arzt, der Gelehrte, der Politiker, der Volkswirtschaftler erhält das Wort erst, wenn der Theologe gesprochen hat. Die Frauenrechtsfrage gehört auf die Kanzel, bevor sie auf die Rednerbühne, auf das Redaktionsbüro und ins Parlament gehört. Darin liegt ein Fehler hier wie auf anderen Gebieten: Man hört kaum mehr auf den Priester, sondern nur noch auf den Redner und Schriftsteller.

Was sagt die Theologie des Alten Bundes über den Mann und die Frau? Gott sagt:

"Lasset uns den Menschen machen nach unserem Ebenbilde und Gleichnis, der da herrsche über die Fische des Meeres und das Geflügel des Himmels und über die ganze Erde. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn ins Paradies, auf daß er es bebaue und bewahre."

Nach dem Sündenfall sprach Gott:

"Weil du Gehör gegeben der Stimme deines Weibes und von dem Baume gegessen, von dem ich dir geboten, daß du nicht essest, so sei dir die Erde verflucht in deinem Werke. Mit vieler Arbeit sollst du essen von ihr alle Tage deines Lebens. Dörner und Disteln soll sie dir tragen und du sollst das Kraut der Erde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du zur Erde wiederkehrest, von der du genommen bist. Denn du bist Staub und sollst zum Staube wiederkehren. 1. Mos. 1,2.

Damit ist der Beruf und die Aufgabe des Mannes durch allmächtiges Schöpferwort für alle Zeiten bestimmt. Durch einen souveränen Akt des obersten Gesetzgebers und Richters erhält der Mann als ihm eigenen Tätigkeitsbereich die Erde. Er ist Bauer und Bebauer im weitesten Sinne des Wortes. Er kann mit dem Propheten Zacharias sagen: Ein Ackermann bin ich! Denn Adam ist mein Vorbild von meiner Jugend an. Zach. 13,5. Er ist technisch, wirtschaftlich, materiell, geistig der Herr der Schöpfung. Er hat aus der Hand Gottes das Ministerium des Äußern, der Landwirtschaft, der Industrie, des Handels und Verkehrs.

"Wir Männer schieben die Weltkugel. Euch Frauen ist sie zu schwer. Wir holen die Steinkohle aus tiefem Schacht und das Eisen. Von uns hängt die gesamte Industrie und der Weltverkehr ab. Wir roden Wälder und rotten Sümpfe aus. Wir pflügen und säen und ernten. Wir kolonisieren die Länder. Wir holen weither den Weizen, die Kartoffel und den Reis. Wir bauen die Häuser und holen die Quadern dazu aus den Felsen, die Stämme aus dem Walde. Wir entdecken mit tausend Gefahren und Schiffbrüchen neue Länder.

Wir überbrücken reißende Ströme, bohren Tunnels, machen Straßen, Kanäle und Eisenbahnen. Wir legen die Grundmauern des irdischen Lebens." Alle kleinen Ausnahmen ändern an diesem göttlichen Weltgesetz nichts: Der Mann ist Arbeiter und Bauer und Minister des Äußern.

Was sagt die Schöpfungsgeschichte von der Frau? Gott der Herr sprach:

"Es ist nicht gut für den Menschen, daß er allein sei. Lasset uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm ähnlich sei. Und Gott baute aus der Rippe, die er von Adam genommen, ein Weib. 1. Mos. 2. Der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne. Auch ist der Mann nicht des Weibes wegen geschaffen, sondern das Weib des Mannes wegen. 1. Cor. 11.

Nach dem Falle sprach Gott zum Weibe:

"Ich will vervielfältigen die Beschwerden deiner Mutterschaft. Du sollst unter der Gewalt des Mannes sein und er wird über dich herrschen." 1. Mos. 3.

Wenn man wissen will, was die Frau ist, muß man den fragen, der sie geschaffen hat. Wer je über die Frauenfrage reden und schreiben will, muß die drei Kapitel der Schöpfungsgeschichte studieren. Sonst ist er in Gefahr, ein Schwätzer, ein Irrlehrer oder ein Revolutionär zu werden. Die Frauenfrage ist mit Moses definitiv und autoritativ gelöst für alle Zeiten, alle Länder, alle Stände, alle Kulturstufen.

Man sagt, die Zeiten hätten sich geändert. Die geistige und wirtschaftliche Entwicklung habe die Frau hineingerissen in das öffentliche Leben. Die modernen Verhältnisse haben die Tätigkeit der Frau tatsächlich zum ungeheuren Schaden der Frau und der Familie geändert. Aber die modernen Verhältnisse haben das Wesen und den gottgeschaffenen Zweck der Frau nicht geändert. Gottes Wort ist ewig. Fels bleibt Fels! Gesetz bleibt Gesetz! Natur bleibt Natur!

Die Frau ist dem Mann ähnliche Gehilfin des Mannes! Ist's, war's und wird's sein. Das Weib das ist die Helfende. Sie ist's als Mutter. Sie ist's als erste Erzieherin und geborene Lehrerin. Sie ist's als Krankenschwester. Sie ist's als Haushälterin. Sie ist's als Verwalterin. Sie ist's als Ordensfrau. Sie ist es überall, wo der Mann ihrer Mitarbeit bedarf. Man spricht von der Gleichheit aller. Wir wissen, daß die Frau dem Manne vor Gott gleichwertig ist. Sie hat denselben Schöpfer, denselben Erlöser, dieselbe unsterbliche Seele, dasselbe Ziel. Sie untersteht den gleichen Glaubensartikeln, Geboten und Gnadenmitteln wie der Mann. Das ist nicht in Frage. Auch das ist nicht in Frage, daß die Frau vom Manne niemals und in keiner Beziehung als Sklavin behandelt werden darf.

Um was es sich hier aber handelt, das ist die soziale Gleichstellung. Weil in der Welt, in der Familie, in der Gesellschaft und im Staat Ordnung sein muß - denn Gott ist ein Gott der Ordnung - so folgt daraus, daß nicht alle am gleichen Orte stehen können. Das ist ein Gesetz der Physik und der Moral. Der Mann, nicht durch sein Verdienst, sondern durch den Willen Gottes in der sozialen Ordnung der Erste! Die Frau, nicht infolge der Minderwertigkeit, sondern durch den Willen Gottes, die Gehilfin des Mannes, somit in der sozialen Ordnung die Zweite!

Was sagt die Theologie des neuen Bundes über den Mann und die Frau? Sie betont einmal die Gleichheit der christlichen Menschenwürde:

"Ihr alle, die ihr in Christo getauft seid, habt Christum angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche. Da ist weder Sklave noch Freier. Da ist weder Mann noch Weib. Denn ihr alle seid eins in Christo Jesu." (Gal. 3, 27.28.)

So Paulus der Völkerlehrer. Aber der gleiche Apostel betont auch die Hierarchie der Ordnung:

"Das Haupt des Weibes ist der Mann, das Haupt des Mannes ist Christus, Christi Haupt ist Gott." 1. Kor. 11,3. "Zu lehren gestatte ich dem Weibe nicht, noch sich zu erheben über den Mann, sondern sie soll sich stille halten. Denn Adam wurde zuerst geschaffen, darnach Eva." 1. Tim. 2,12.

Fassen wir das zusammen: Der Mann ist nach der hl. Schrift der zuerst Geschaffene, Gottes Bild und Ehre, das Haupt des Weibes, derjenige, der in der Öffentlichkeit das Wort hat. Er ist somit die von Gott selber über die Erde gesetzte Regierung. Er ist der eigentliche Vertreter der göttlichen Autorität in der menschlichen Gesellschaft. Er ist also auch der Gesetzgeber, der Politiker. Er muß in den Ratssaal und an die Urne. Der Kopf regiert!

Ist der Mann der Repräsentant der göttlichen Majestät, dann ist er es auch im Staatsleben. Ist der Mann als Mann das Haupt der Familie, dann ist er auch das Haupt in der erweiterten Familie, in der Gemeinde und im Rate der Völker. Ist der Mann geborener Gesetzgeber im kleinen Königreich des Hauses, so muß er konsequenterweise auch der Gesetzgeber der Nation sein.

Soll nach dem hl. Paulus die Frau zuhause ihren Mann fragen, so muß das Verhältnis auch in der Gesellschaft das gleiche sein: Der Mann ist der offizielle Lehrer. Das Lehramt ist in der Kirche und im Staate ein Männeramt. Selbstverständlich betätigt sich dieses Regieren und Lehren nicht bei allen Männern in gleichem Maße, sondern je nach ihrer von Gott verliehenen Befähigung, Berufung und gesellschaftlichen Stellung. Selbstverständlich kann und soll die Frau, die vernünftiges, willensfreies Wesen ist wie der Mann, ebenfalls ihre Talente im Dienste der Menschheit, zumal in der Familie, verwenden.

Selbstverständlich kann der Fall eintreten, wo der Mann ein Haupt ohne Kopf ist und wo die Frau stellvertretend wirken muß. Aber die Betätigung der Frau darf niemals in der menschlichen Gesellschaft grundsätzlich eine andere sein als die der Gehilfin. So steht's geschrieben am Anfang des Alten und des Neuen Bundes. Was geschrieben ist, ist geschrieben! Jede Frauenbewegung, die gegen diese Lehre der hl. Schrift ankämpft, ist revolutionär und anarchistisch, unchristlich und unkatholisch.

Die moderne unchristliche Frauenemanzipation ist ein Stück im großen Weltkulturkampf. Ihre beiden Bannerträger sind Freimaurerei und Sozialismus. Da gibt's nun gutmütige katholische Frauen, welche glauben, in dieser Zeit des allgemeinen Zusammenbruches, wo die Männer den Boden unter den Füßen verlieren, den Herd verlassen und auch mitkämpfend auf die Straße stürzen zu müssen. Weil der politisierende Mann Bankrott gemacht, tritt das politisierende Weib auf den Plan. Das ist eine falsche Rechnung. Die Revolution wird nur durch die Ordnung und nie durch die Revolution überwunden. Jeder ist nur stark, wo ihn Gottes Wille hinstellt, an allen andern Orten ist er schwach und klein. Die Frau ist nur stark in ihrer Festung daheim und in ihrem Beruf als die Helferin des Menschengeschlechtes.

Das ist nicht die Sprache des Herrentums, geistigen und geistlichen Herrenmenschentums! Das ist nicht die Sprache des männlichen Übermenschen, der mit der Peitsche vor der Frau steht. Es ist die Sprache dessen, der beide schuf, Mann und Weib, die Sprache des Gottes der Ordnung. Es ist die Sprache Moses' und die Sprache Pauli, der beiden großen und für alle Zeiten maßgebenden Klassiker in der Frauenfrage. ±

Zum Frauenstimmrecht

Um Einheit und Kraft in die katholische Bewegung zu bringen, ist nach Bischof Ketteler nichts so notwendig als Klarheit, Klarheit über unsere Lage, Klarheit über die Gefahren, die uns drohen, Klarheit über die Forderungen, die wir an den Zeitgeist stellen müssen, Klarheit über das, was wahr oder unwahr, Recht oder Unrecht ist. Um einmütig mit unserer ganzen geistigen Macht in das öffentliche Leben einzutreten, müssen wir vor allem wissen, was wir wollen.

Darin sind unsere Gegner unendlich überlegen. Wir stehen am Ende einer Zeit, wo man alle unsere alten Wohnungen, in denen sich unsere katholischen Voreltern eingerichtet hatten, zusammengerissen hat, und wo wir Katholiken nicht ganz mit uns im Reinen sind, wie wir unsere Wohnpläzte in der neuen Ordnung der Dinge aufschlagen müssen.

Das spüren wir vor allem auch in der Frauenfrage. Wir bieten ein trauriges Bild der Zerfahrenheit - in allen Ländern. Der Grund ist, weil wir in allen diesen Fragen mehr modern als katholisch denken wollen, mehr politisch als theologisch.

Das Frauenstimmrecht ist eine Revolution. Daß diese Revolution nicht durch Revolver und Bomben, sondern durch Stimmzettel bewerkstelligt wird, ändert an dieser Tatsache nichts. Die Revolution ist eine Umwälzung, ein Umsturz von dem, was bisher Fudament war. Ob diese Umwälzung gesetzlich oder ungesetzlich vor sich geht, ob sie sich Evolution oder Revolution nennt, kommt schließlich aufs Gleiche heraus. Es ist nur ein Unterschied der Waffen und der Wege, aber kein Unterschied der Ziele und der Zwecke.

Die Einführung des Frauenstimmrechts ist eine Revolution, weil sie göttliches Fundament der Familie, des Staates und der Gesellschaft zerstört, indem sie den sechtausendjährigen sozialen Primat des Mannes stürzt.

Der soziale Vorrang des Mannes ist göttlichen Ursprungs. Ein Königtum von Gottesgnaden! Gott sprach: Lasset uns schaffen einen Menschen nach unserem Bilde zu unserem Gleichnis, der da Herr sei über die Vögel des Himmels und über die Fische des Meeres und die ganze Erde. Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Also Königtum, Primat über die ganze Erde! Weiter! Gott der Herr sprach: Es ist nich gut, daß der Mensch allein sei. Lasset uns ihm eine Hilfe machen, die ihm ähnlich sei. Und Gott der Herr sandte einen tiefen Schlaf auf Adam und als er entschlummert war, nahm er eine aus dessen Rippen. Und er baute die Rippe um zu einem Weibe. Und Adam sprach: Virago wird sie heißen, die vom Manne Genommene!

Das ganze Menschengeschlecht stammt von Einem ab, vom Manne. Der Mann ist der Erste! Also Primat, Vorrang! Von Gottes Gnaden! Das Verhältnis der Frau zum Manne ist das des Zweiten zum Ersten, das des Helfenden zum Herrschenden.

Nach dem Sündenfall wurde der soziale Primat des Mannes gegenüber der Frau feierlich von neuem verkündet. Der Satan, der große Menschenkenner, hatte das Frauenstimmrecht benützt, um die größte Katastrophe der Menschheit, den Sündenfall, herbeizuführen. Die Schlange, welche listiger war als alle Tiere der Erde, wandte sich hinter dem Rücken des Mannes an die Frau, um durch sie eine Entscheidung zu veranlassen.

Wir wissen, daß die Frau eigenmächtig, vor dem Mann und ohne den Mann, ihre Stimme abgegeben hat, das erste Nein der ersten Frauenrechtlerin. Wir wissen auch, daß mit dieser unglücklichen, durch den Feind des Menschengeschlechtes provozierten ersten Ausübung des Frauenstimmrechtes unsere Leidensgeschichte ihren Anfang genommen.

Indem sodann die Frau im Schatten des verbotenen Baumes in einer Frage von unendlicher Wichtigkeit ihr selbständiges Nein in die Urne warf, handelte sie als Herrscherin und nicht als Helferin. Sie stürzte den Primat, den Vorrang des Mannes; der nun in schwächlicher Rücksichtnahme der Vorrednerin sich anschließend das Frauenstimmrecht sozusagen anerkannte zum - Unglück der Menschheit.

Was tat Gott? Er sprach ein Strafurteil über die Schuldigen, das dreifache Urteil über die Schlange, die Frau und den Mann, unwiderruflich bis zum Weltende. Dem dreifachen Ungehorsam entspricht von nun an eine dreifache Unterwerfung: Die Schlange kommt unter die Herrschaft des Weibes (Maria). Das Weib kommt unter die Herrschaft des Mannes. Der Mann kommt unter das Gesetz des Schweißes und der Arbeit, weil er "gehorcht hat der Stimme des Weibes." Das durch die Schlange proklamierte Frauenstimmrecht wird feierlich verurteilt. "Der Mann herrsche über dich!"

So steht's in der Schrift für alle Zeiten. Es ist mir unverständlich, wie man nach diesem Gesetz, das zur Grundlage der Gesellschaftsverfassung geworden ist, sagen kann, die Offenbarung nehme keine Stellung zum Frauenstimmrecht. Die von Gott ausgesprochene Herrschaft des Mannes über die Frau ist mit dem Frauenstimmrecht unvereinbar, wie das Frauenstimmrecht unvereinbar ist mit der Herrschaft des Mannes. Das eine schließt das andere aus.

Das Christentum hat die in der Schöpfungsgeschichte niedegelegte Lehre vom Primat, von der sozialen Vorrechtststellung des Mannes, immer gepredigt. Im Epheserbrief schreibt der heilige Paulus: "Die Frauen seien ihren Männern untergeben wie dem Herrn, weil der Mann das Haupt der Frau ist, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Wie die Kirche Christus untergeben ist, so auch die Frauen ihren Männern in allem." (Eph. 5.)

Der Grund ist die Einheit. Christus und Kirche sind ein unzertrennliches Eins, der eine als Haupt, die andere als Leib. So in der Familie. Die Idee der christlichen Ehe ist die Idee eines unzertrennlichen Eins, von dem der Mann Haupt, die Frau Leib ist. Neben dieser christlichen Auffassung von der Ehe ist das Frauenstimmrecht nicht mehr möglich. Die christliche Ehe eine Einheit, in deren Namen das Haupt handelt. Die christliche Ehe kann nur eine Stimme abgeben und wenn nur eine Stimme, dann ist klar, daß der Kopf sie abgibt.

Wenn das Frauenstimmrecht eingführt wird, dann ist das Pauluswort vom Manne als Haupt der Frau außer Kraft. Das Frauenstimmrecht ist eine eigentliche moralische Enthauptung des Mannes und damit auch der Famiie. Die Familienmonarchie ist abgeschafft. Eine Art Ehescheidung! Ich aber sage: Was Gott verbunden, das soll der Mensch nicht trennen. Was Gott zum Haupt gemacht, das soll Haupt sein und als Haupt herrschen, und was Gott zum Leibe gemacht, das soll Leib sein und als Leib helfen.

Man sagt, daß das Frauenstimmrecht eine rein politische Angelegenheit sei und die Familienrechte des Mannes nicht antaste. Darauf ist folgendes zu erwidern. Der Staat ist die erweiterte Familie. Der Staat ist die aus der Gesamtheit der Familien eines Landes notwendig herauswachsende Gesellschaft. Hauptstaatszweck ist Schutz der Familie und der Rechte der Familienmitglieder in und außerhalb der Familie. Wenn der Mann das Haupt der Familie ist, dann sind die Männer eines Landes naturgemäß die Häupter der Familien eines Landes.

Wenn die Männer die Häupter der Familien eines Landes sind, dann sind sie auch, in der Monarchie wie in der Republik, Haupt im Staate. Sie stellen den Fürsten, die Regierung, die Gesetzgeber, die Verwalter, die Richter. Es bleibt kein Platz für das Frauenstimmrecht. Das christliche Familienrecht führt konsequent zur Leugnung des politischen Frauenstimmrechtes, das politische Frauenstimmrecht konsequent zur Leugnung des christlichen Familienrechtes. Die Frauen, die morgen im Staate regieren, werden übermorgen in den Familien die Männerherrschaft stürzen. Die Einführung des Frauenstimmrechts ist eine Revolution, radikaler und verhängnisvoller als alle übrigen Revolutionen.

Verteidiger des Frauenstimmrechts fordern gleiche Rechte und gleiche Pflichten für Männer und Frauen. Das können nur Blinde und Betrüger. Donoso Cortes hat einmal geschrieben: Es ist ein Geheimnis für mich, wie das Wort Gleichheit je aufkommen konnte, das etwas bezeichnet, das nicht existieren kann. Es gibt keine Gleichheit. Es hat nie eine gegeben und wird nie eine geben. Die Wahrheit ist, daß die Menschen verschieden sind in ihren Anlagen und Fähigkeiten und darum auch in ihren Aufgaben und Bedürfnissen. Die Wahrheit ist, daß die Männer Männer und die Frauen Frauen sind.

Die Gerechtigkeit verlangt, daß dem Mann die Männerrechte und der Frau die Frauenrecht anerkannt werden. Die Gerechtigkeit verlangt, daß Jeder das sein kann, was er nach Gottes Willen sein soll. Die Gerechtigkeit verlangt nicht, daß man im Namen einer unsinnigen Gleichheitsphrase die Jedem eigentümlichen Rechte nehme, um sie dem zu geben, dem sie nicht gehören. Die Frauen sollen auch Rechte haben - gewiß! - aber die ihrigen.

Es ist sehr bequem von den Herren der Schöpfung, den Frauen einen Stimmzettel in die Hand zu legen und sie im übrigen als Sklavinnen zu behandeln. Die Männer sollen ihren Frauen ihre Christenwürde und Christenrechte lassen und sie als Ebenbilder Gottes behandeln, und die Frauen werden, mit ihrem kleinen Königreich der Familien zufrieden, den Männern gern die Urne überlassen.

Jedem das Seine!

Im übrigen fort mit allem politischen Aberglauben! Nicht neue Rechte retten Familie und Staat, sondern die alten Pflichten. Was nützt es uns, zu wissen, was wir von andern fordern dürfen, wenn wir nicht wissen, was wir zu leisten haben! Das Frauenstimmrecht wird uns gerade so wenig helfen als uns seit 100 Jahren das Männerstimmrecht geholfen hat. Was uns hilft, ist, daß die Männer und Frauen einen Verein zur Beobachtung der Gebote Gottes gründen. Wir halten es also statt mit Eva mit Maria. Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn! ±

Demokratie

Auf der Kanzel soll keine Alltagspolitik getrieben werden. Wir haben der Ewigkeit und nicht dem Tage zu dienen. Die politisierenden Pfarrer, die ihre Rolle mit der des Straßenredners und Zeitungsschreibers verwechseln, sind, wie die letzten sieben Jahre beweisen, ein Unglück für die Kirche. Diese Diener des lebendigen Gottes erniedrigen sich zu Hofkaplänen und Kammerdienern der Regierungen.

Wir haben auf der Kanzel nie etwas anderes als Religion zu treiben, Theologie, die Wissenschaft Gottes. Aber gerade weil wir Religion treiben müssen, haben wir auch im staatlichen Leben die Tatsache festzustellen, daß auf dem tiefsten Grunde aller Politik Theologie ist. Jede politische Wahrheit geht zurück auf eine religiöse Wahrheit. Jede politische Irrlehre entspringt aus einer religiösen Irrlehre.

Die politische Frage, die heute bei allen Völkern im Vordergrund steht, ist die demokratische Frage. Die Nationen sehen in der Demokratie das große Heilmittel gegen alle Sünden der Regierungen. Die Völker, sechstausend Jahre unter der Vormundschaft einer bevorzugten Kaste, fühlen sich mündig! Die Souveränität, bisher ein Kronrecht, wird ein Volksrecht. Es ist die Geburtsstunde der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Jeder Bürger ein König! Die Folge davon: das Paradies auf Erden! Die soziale Frage ist gelöst! Der Krieg ist in Zukunft unmöglich. Die ganze Menschheit eine Familie - die Weltrepublik! Alle Nationen, die kleinen und die großen, gleichberechtigte Schwestern!

Die demokratische Frage ist im tiefsten Grunde eine sittliche und religiöse Frage und gehört deswegen auf die Kanzel. Wenn der demokratische Rausch nicht mit aller Entschiedenheit bekämpft wird, so ist bald die ganze Welt verrückt. Ich mache eine Feststellung: Ich rede nicht von der Regierungsform. Der Schweizer ist von Geburt Republikaner, ist's mit aller Glut der Seele.

Die moderne Demokratie hat mit der Regierungsform an und für sich nichts zu schaffen. Sie besteht ebenso bei überzeugten Monarchisten wie Republikanern. Sie ist die allgemeine Auffassung, daß die Regierung auf den Schultern des Volkes zu ruhen habe, daß das Volk regieren müsse und daß alle Regierungsvollmachten vom Volke gegeben und darum auch wieder genommen werden können. Das ist eine Häresie. Noch mehr: Es ist Revolution, die Umwälzung aller Fundamente der staatlichen Ordnung.

Die Demokratie, die moderne Demokratie, die Lehre von der Volkssouveränität und Volksherrschaft ist ein Widerspruch gegen das christliche Dogma. Es gibt nach der heiligen Schrift keine Gewalt außer von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer sich der Gewalt widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes. Und die sich widersetzen, ziehen sich die Verdammnis zu. (Röm. 13,1.2.) In der Republik und zum Teil auch in der konstitutionellen Monarchie werden die Regierenden durch die Mehrheit des Volkes gewählt. Durch eine solche Wahl wird nun allerdings der Inhaber der Regierungsgewalt bezeichnet, aber wie Leo XIII. sehr entschieden betont, wird hierdurch keine Herrschaft und kein Recht der Gewalt übertragen. (Rundschreiben über den Ursprung der bürgerlichen Gewalt.)

Niemand gibt, was er nicht hat. Von Natur aus ist jeder Mensch ebenbürtig in der Menschenwürde und hat deswegen keine Gewalt über den andern. Seine Macht über den andern ist mathematisch ausgedrückt gleich Null. Auch bei 500.000 Stimmen. Denn 500.000 mal Null ist gleich Null. Und 50 Millionen mal Null ist wieder Null. Ob die Rechnung in einer kleinen Alpenrepublik, in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Rußland gemacht wird, das Resultat ist immer das gleiche. Wir können Regierungsräte bestimmen, aber wir können aus ihnen keine Regierung machen. Wir können den Regierungsräten nicht die Seele der obrigkeitlichen Autorität einhauchen. Dieses Recht hat sich Gott vorbehalten. Jede Gewalt kommt von oben. Die Theorie von der Volksherrschaft, die moderne Demokratie ist daher eine Irrlehre.

Die moderne Demokratie führt zum praktischen Atheismus. Wenn die Gewalt und das Recht im Volk ruht, so folgt, daß Gott in den öffentlichen Angelegenheiten der Nationen nichts zu sagen hat. Die Religion hat keine Rechte auf die Regierung. Die Kirche ist vogelfrei. Die Gebote Gottes gelten höchstens für die Sakristei und das Kämmerlein der privaten Frömmigkeit. Man geht vielleicht nicht soweit, das Dasein Gottes zu leugnen, aber Gott im Himmel ist recht- und machtlos. Er ist Gott ohne Thron und Krone. Er ist eine lächerliche Figur, mit der man machen kann, was man will. Wir haben in der Politik den praktischen Atheismus. Gott ist nichts, die Masse ist allmächtiger, allgegenwärtiger, allwissender Gott!

Die moderne Demokratie mit ihrem Endziel, der Weltrepublik, diesem Ideal der gegenwärtig herrschenden internationalen Freimaurerei, ist ein Werk des Gotteshasses und des Antichristentums. Die immer harmlosen Katholiken ahnen das nicht. Desto schlimmer für sie. Die Prophezeiung von Donoso Cortes in seinem Schreiben an Kardinal Fornari wird in Erfüllung gehen:

Das große antichristliche Reich der letzten Zeiten, das die Geheime Offenbarung voraussagt, wird ein kolossales, demagogisches Weltreich sein, regiert von einem Volksmann von satanischer Größe.

Die moderne Demokratie - ich wiederhole es, die moderne Demokratie, nicht die altehrwürdige, christliche Republik der Vergangenheit - ist das Werk der Hölle. Die Volkssouveränität an der Stelle der Souveränität des Allerhöchsten!

Die moderne Demokratie ein Widerspruch mit der Vernunft, ein Wahnsinn. Das Volk soll regieren, in den Republiken, in den Monarchien? Ich sage: Entweder - oder! Entweder befiehlt das Volk und dann gehorcht es nicht. Oder das Volk gehorcht und dann befiehlt es nicht. Man kann nicht zugleich regieren und gehorchen. Man kann nicht zugleich der Vorgesetzte und der Untergebene sein. Man ist entweder das eine oder das andere. Man regiert oder man ist regiert. Die Ehrlichkeit verlangt also, daß man sich für das Regiertwerden ausspricht und somit gegen die Volksherrschaft und Volkssouveränität. Oder man ist für das Massenregiment - alle Bürger sind Könige, Regierungsräte, Gesetzgeber und Richter - und das ist die Anarchie. Soll die Volkssouveränität nicht leere Phrase sein, so muß man Anarchist werden.

Die moderne Demokratie widerspricht aller Erfahrung und Geschichte. Es hat niemals ein Volk gegeben, das sich selbst regiert hat. Es gibt heute keines und wird nie eines geben. Das Volk ist immer regiert worden, vielleicht durch einen allein in der Monarchie, vielleicht durch mehrere miteinander in der Republik, vielleicht durch eine Familie, in der die Herrschaft sich durch die Jahrhunderte vererbt, vielleicht durch vom Volk bestimmte Männer. Aber mag auch die Form der Regierung in den einzelnen Nationen und Zeiten sich ändern, das Volk wird immer regiert, weil es da ist, um regiert zu werden.

Auch die Republik macht davon keine Ausnahme. Vor hundert Jahren sind Könige und Aristokraten gestürzt worden. Was geschah? Es kamen neue Namen, neue Männer, neue Familien, neue Aristokraten, Aristokraten des Geldes oder Geistes, die sich auf die leeren grünen Sessel schwangen. Das Volk ist da, um regiert zu werden!

Wir können an die Urne gehen, aber es ist in der Regel eine Selbsttäuschung, wenn wir glauben, daß das "Volk" an der Urne den Ausschlag gibt. Das Volk wird geführt von einem kleinen Häuflein, von einigen Schriftstellern, Redaktören, Rednern, Kapitalisten, Agitatoren, von einem Komitee, einem offenen oder geheimen Klub.

Die Volksherrschaft ist in der Regel Phrase oder Volksbetrug. Sie ist fast immer die Stiege, auf die neue Machthaber hinaufsteigen zur Macht. Sind sie droben, so verachten sie die Stiege, das Volk. Darin beruht die Taktik der modernen internationalen Freimaurerei. Sie spricht von Volksherrschaft, um die Könige und Regierungen zu stürzen und sich an deren Stelle zu setzen. Ihr letztes Ziel ist nicht die Souveränität des Volkes, sondern die Souveränität der Loge! Das Volk wird regiert werden auch in Zukunft.

Die moderne Demokratie ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Volk, das heißt alle. Nun gut, das "Volk" ist kein einheitliches Ganzes. Es ist zumal heute zusammengesetzt aus den größten Gegensätzen. Wenn es eine Zeit gäbe, wo das ganze Volk regieren könnte, dann wäre es die Zeit, wo alle eines Sinnes und eines Herzens, das ganze Volk gleichsam eine Person. Wenn es eine Zeit gibt, wo die allgemeine Übereinstimmung nicht vorhanden und deswegen die Demokratie unmöglich ist, dann ist es die heutige.

Die Herrschaft muß nach gewissen Grundsätzen geschehen. Diese Grundsätze sind entweder katholisch oder protestantisch, liberal oder sozialistisch. Die Regierung ist also immer Regierung im Sinn und Geiste eines Volksteiles, einer gewissen Partei, Klasse oder Religion. Sie ist Mehrheitsherrschaft, Parteiherrschaft, Klassenherrschaft, aber sie ist nie Volksherrschaft. Es gibt im demokratischen Staatswesen immer Minderheiten, die nicht regieren, sondern regiert werden. Also gibt es keine Demokratie, d.h. Herrschaft Aller.

Das Ideal der Demokratie sei die Demokratie mit Proporz, nach dem Grundsatz der Gleichberichtigung Aller. Der Proporz ist die Politik der Verzweiflung und der Verwirrung. Ich verstehe eine Regierung, die katholisch ist. Ich verstehe eine Regierung, die antiklerikal ist. Ich verstehe eine Regierung, die sozialistisch ist.

Aber offen gestanden, ich begreife nicht, wie eine Regierung zugleich katholisch und antiklerikal, liberal und sozialistisch sein kann. Ich begreife nicht, wie eine Partei in der Regierung der Kopf, die andere der Mund, die dritte der Arm, die vierte der Magen sein kann. Eine solche Regierung, falls sie existieren kann, ist ein Monstrum. Die Regierung muß Kopf, Zunge, Arm, Magen von einer homogenen Art besitzen. Demokratie im Vollsinn des Wortes existiert nicht.

Die moderne Demokratie ist gerade, wo sie gerecht sein will, ungerecht und gefährlich. Die Demokratie überläßt alles dem Schickal der Urne. Die Urne, das ist der Zufall, und doch wieder die "Unfehlbarkeit". Alle ihre Urteile haben Gesetzeskraft! Eine einzige Stimme kann den Ausschlag geben über die wichtigsten Fragen der Religion und des Rechtes. Atheisten können an der Urne das Entscheidungsrecht haben über die Kirche, Diebe über Eigentum, Wucherer über Lohn und Arbeit, Ehebrecher und Verführer über das Strafgesetzbuch, Ungebildete über die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft.

Die Wahrheit und Gerechtigkeit, die ewig, unwandelbar und unabhängig, sind der Willkür der Mehrheit ausgesetzt. Die moderne Demokratie anerkennt im Gegensatz zur christlichen Staatsordnung keine Souveränität der Wahrheit und der göttlichen Gebote, an welche auch die Urne gebunden ist.

Die moderne Demokratie ist die größte Lüge des Jahrhunderts. Sie ist nicht die Rettung aus der Sündflut, sondern ihre Fortsetzung und Steigerung. Der das sagt, ist ein Republikaner, Sohn des ältesten und schönsten aller Freistaaten, aber zugleich überzeugter Gegner der modernen Demokratie. Unser Kampf geht nicht um die Regierungsform, sondern gegen eine überall grassierende, gottlose und folgenschwere Irrlehre über den Ursprung der bürgerlichen Gewalt.

Aber auch dann, wenn man unter Demokratie etwas anderes als wir verstehen wollte, nämlich die allgemeine Errichtung von Freistaaten, können wir darin nicht die Arche in der Sündflut sehen. Die Regierungsform spielt eine untergeordnete Rolle. Wie viele auf grünen Sesseln sitzen, einer oder sieben, ist von nebensächlicher Bedeutung. Es hat Staaten gegeben, wo einer an der Spitze war und das Volk war frei und glücklich. Es gibt Regierungen wo sieben befehlen, und ihre Politik ist Tyrannei und Sklaventum.

Zweck aller Regierungen ist Volksdienst, Schutz der Menschenrechte und der höchsten Menschheitsgüter: Religion, Gewissen, Familie, Leben, Eigentum, Ehre, Wohlfahrt. Die beste Regierung, Monarchie oder Republik, ist diejenige, wo die Güter im ungestörten Besitze der Allgemeinheit sich befinden. Ein Schrei geht durch die Menschheit aller Sprachen. Mehr Rechte! Mehr Freiheit! Die Regierungen sollen um der Völker willen und für die Völker da sein und nicht die Völker für die Intrigen der Höfe und der Regierungen! Dieser Ruf ist der Verzweiflungsschrei der zermarterten Völker: Ich rufe mit. Aber ich füge gleich bei: Die Regierungsform ist Nebensache. Die Form nützt nichts. Der Geist rettet.

Was die Völker brauchen, ist nicht Demokratie, sondern Schutz vor allen Feinden der heiligen Menschenrechte, Schutz vor den Tyrannen allen, den republikanischen und den monarchistischen, vor den Tyrannen am Gewissen und Glauben, am Leben und Eigentum und jeglichem Gute. Aber der Garantien von Freiheit und Recht gibs nur eine, nur eine einzige: Das Verantwortlichkeitsgefühl der Regierungen, das Gewissen der Gewaltigen der Erde, die Religion. Die Arche heißt nicht Demokratie, sie heißt katholische Kirche. Der Retter ist nicht Wilson, sondern der Papst. ±

Wir - die Jünger der Autorität

"Führet einen guten Wandel unter den Heiden, damit die, welche Arges von euch als von Übeltätern reden, eure guten Werke sehen und Gott preisen am Tage der Heimsuchung."

Ein Abschnitt aus der ersten Enzyklika des ersten Papstes! Petrus appelliert an das Apostolat des guten Beispiels, die populärste und wirksamste Verteidigung des Christentums. Die Unwissenheit törichter Menschen soll durch das Leben der Christen zum Schweigen gebracht werden. Was Kanzel und Presse nicht zustande bringt, das vermag die Predigt der Tatsachen. Wenn wir besser sind als die andern, dann werden wir ihre Bedenken gegen den Glauben niederschlagen. Ich sage: wenn wir besser sind, d.h. wenn wir Katholiken frömmer, gerechter, barmherziger, wahrhafter, pflichttreuer, nüchterner, keuscher, geduldiger sind.

Der Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Religionen ist ein Wettkampf der Tugenden. Die Entscheidung aber wird nach der Überzeugung des hl. Petrus vor allem auf dem Felde der Autorität ausgetragen. Nachdem der Apostel die allgemeine Mahnung gegeben: Führet einen guten Wandel unter den Heiden, präzisiert er sofort: Seid daher untertan jeder menschlichen Gewalt um Gottes willen.

Das Charakteristische, wodurch sich die katholische Religion von jeder andern unterschied, unterscheidet und unterscheiden wird, ist besonders ihre Stellung zur gottgesetzten Autorität. Wir sind katholisch, weil wir Jünger der Autorität sind und wir sind Jünger der Autorität, weil wir katholisch sind. Wenn man uns nach unserem Programm fragt, hier ist es: Wir sind für die gottgesetzte Autorität immer und überall und unter allen Umständen.

Wir sind darum in erster Linie für die Betonung des Autoritätsprinzips in der Kirche. Wir sehen im Glauben, welcher der Gehorsam des Verstandes ist, und in der Disziplin, welche der Gehorsam des Willens ist, die beiden ausgesprochen kirchlichen Tugenden. Und zwar beugen wir unsern Verstand im Glauben unter die kirchliche Lehre, nicht weil wir denken, sondern weil wir das einzig vernünftige darin sehen, zu glauben, weil das Evangelium Jesu als bestbeglaubigte Tatsache in der Welt steht; weil aus dem Evangelium die Gründung einer lehrenden, vom Hl. Geist unfehlbar geleiteten Kirche klar hervorgeht; weil hinter dem Papste Petrus hinter Petrus dem Fels Jesus von Nazareth, hinter Jesus von Nazareth die ewige Wahrheit steht; weil somit eine Autorität durch die andere gedeckt wird.

Desgleichen beugen wir unsern Willen im Gehorsam unter die kirchlichen Erlasse, nicht weil wir eine besondere Freude haben, uns vor jedem zu beugen, sondern weil wir uns nur vor Einem beugen wollen und dieser Eine von der kirchlichen Autorität gesagt hat: Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Nun gut, die beiden kirchlichen Tugenden, der Glaube und der Gehorsam, müssen heute ganz besonders verkündet werden. Die Welt ist leider liberal geworden, klagte einst Leo XIII. Wir Alle, Regierung, Geistlichkeit und Volk, sprach ein Bischof nach 1870, sind, ohne es zu merken und zu wollen, dem Liberlismus anheimgefallen. Wir haben keinen Begriff mehr von den geheiligten Rechten der Kirche.

Und der Liberalismus, das ist, wie sein Vater, der Protestantismus, und sein Sohn, der Modernismus, die Opposition gegen die Autorität, der Ungehorsam als Grundsatz und Menschenrecht unter dem Deckmantel der freien Forschung, der Denkfreiheit, der Gewissensfreiheit, der Glaubensfreiheit, der Demokratie.

Daß dieser liberale Geist das gesamte Denken und Handeln außerhalb der Kirche beherrscht, ist nicht das größte Unglück. Das größte Unglück besteht darin, daß innerhalb der Kirche weite Kreise von dieser pestilenzialischen Seuche, wie sie Benedikt XV. einmal nennt, angegriffen sind.

"Daher tausend Tüfteleien, um die Lebensader der Kirche zu unterbinden; daher die Verachtung der Gesetze; daher die Frechheit, alles zu mißbilligen, was angeordnet wird."

Ja wir sind, ohne es zu merken und zu wollen, dem liberalen Geiste anheimgefallen. Ob es sich um pfarramtliche Anordnungen, um bischöfliche Erlasse oder um päpstliche Dekrete handelt, man schweigt und ignoriert aus Liberalismus, man nörgelt aus Liberalismus und man schimpft und protestiert aus Liberalismus. Aber immer ist es derselbe autoritätsfeindliche liberale Geist. Auch unter Benedikt XV.

Die Sache ist soweit gekommen, daß in den letzten zehn Jahren sogar Führer des katholischen Volkes, der katholischen Arbeiterschaft und der katholischen Presse, einer katholischen Aktion, ohne und sogar gegen den Willen des Pfarrers, des Bischofs und des Papstes das Wort gesprochen haben. Es ist die sogenannte Entklerikalisierung des katholischen Volkes, die Befreiung seiner Jugend, seiner Zeitungen und seiner Literatur, seiner politischen und sozialen Arbeit vom sogenannten klerikalen d.h. geistlichen Einfluß. So zwar, daß nicht nur ein Papst, sondern auch mancher Bischof oder Pfarrer, in deren Bistum oder Pfarrei blühende katholische Vereine, mächtige katholische Tagesblätter und berühmte katholische Parlamentarier leben, sagen konnte: Es ist niemand mit mir! Ich bin allein!

Es gehört zu den erfreulichsten Erscheinungen des 19. Jahrhunderts, daß die Laien in so hervorragender Weise in die katholische Bewegung eingegriffen haben. Aber diese Freiwilligenkorps von Laienaposteln dürfen zwei Sachen niemals außer Acht lassen. Das erste ist, daß die Hilfstruppen nie die reguläre Armee ersetzen. Wenn man sagt: Die Presse ist wichtiger als die Kanzel; ein guter Redakteur nützt mehr als ein guter Priester; die politische Schulung ist dringender als die religiöse, - so sind das alles gutgemeinte Übertreibungen, die viel Wahres betonen, aber auch sehr viel Falsches enthalten.

Das Außerordentliche mag außerordentlich wichtig sein, aber es ist nie wichtiger als das Ordentliche, von Christus selber Angeordnete. Das zweite! Das Freiwilligenkorps muß immer in Kontakt mit der regulären Armee arbeiten, also in beständiger Fühlung mit der Geistlichkeit, dem Episkopat, dem Papst. Ohne das gilt das Augustinische: Große Schritte, aber außerhalb des Weges.

Wo sind die größten Erfolge? Etwa wo die meisten Leute mitmachen? Nein! Nicht einmal dort, wo am meisten gearbeitet wird, sondern dort, wo am besten gearbeitet wird. Eine mittelmäßige Führung mit mittelmäßigen Truppen aber guter Disziplin bringt es weiter als geniale Führung mit besten Truppen aber schlechter Disziplin. Die Disziplin siegt und die Disziplin ist der Gehorsam des Soldaten. Der Franktireur, der Freischütz, mag mehr dem menschlichen Stolze schmeicheln, mag auch persönlich tüchtiger sein. Der Liniensoldat nützt mehr! Und darum ruft Benedikt XV. wie einst Pius X.: Ein Mann, der gehorsam ist, wird von Siegen reden.

Wir sind für die gottgesetzte Autorität, immer überall und unter allen Umständen. Wir sind deswegen ebenfalls für die Betonung des Autoritätsprinzips außerhalb der Kirche. In der wiederholt erwähnten Antrittsenzyklika bemerkt der Papst: Die Autorität derjenigen, die die Gewalt in den Händen haben, ist nicht mehr heilig. Maßloser Drang nach Freiheit, verbunden mit dem Geist der Widersetzlichkeit, hat nach und nach alles durchdrungen.

Die Welt ist unregierbar geworden. Die Autorität gilt als Feindin der modernen Menschheit. Sie wird gehaßt, verspottet, verfolgt. Früher glaubte man auf den Füßen gehen zu müssen. Der feste Boden, auf dem alles gebaut wurde, war die Autorität, das Fundament, das Gott gelegt. Jetzt ist es umgekehrt. Die Untergebenen kommandieren. Die Vorgesetzten müssen folgen. Alles ist durcheinander.

Die Schuld trägt auch hier der Liberalismus und der falsche Demokratismus, der sich als Schöpfer der obrigkeitlichen Gewalt betrachtet. Weil das Volk Könige stürzte, Regierungen absetzte und einsetzte, Stimmzettel in die Urne warf, glaubte es, die Gewalt komme von unten, aus der Masse, durch die Majorität der Wähler. Die Regierungen, die Richter, die Beamten wurden Angestellte des Volkes. Das Volk wurde der Herr! Die Obrigkeit sein Knecht! Die Füße sind oben, der Kopf unten! Die Welt ist unregierbar geworden.

Man mag überzeugter Demokrat sein, aber man darf dabei nicht mit der Vernunft und der göttlichen Offenbarung in Widerspruch stehen. Man mag für die Wahl der Regierungen durch das Volk sein, aber man darf dabei nie außer Acht lassen, daß die Wahl weiter nichts ist als die Bezeichnung einer gewissen Person, die ein gewisses Amt versehen soll. Die Übertragung der obrigkeitlichen Gewalt an den Gewählten aber geschieht unmittelbar durch Gott. Die Gewalt kommt von oben. Jede Amtsperson ist Stellvertretung des Allerhöchsten. Stellvertreter Gottes aber wird man nur durch Gott. Das ist Dogma, wie einst Paulus nach Rom schrieb: Es gibt keine Gewalt außer von Gott.

Es ist populärer von Freiheit und Demokratie zu reden. Wir sind es nun einmal gewohnt, den Gehorsam als etwas Drückendes zu betrachten. Das ist nur möglich, weil wir den tiefsten Grund des christlichen Gehorsams nicht kennen. Christlicher Gehorsam ist Unterwerfung unter Einen und unter alle Andern nur um dieses Einen willen. Wir gehorchen Gott allein und in Allem nur Gott, weil wir zu stolz sind, irgend einem Menschen zu gehorchen, wenn nicht Gott hinter ihm stehen würde.

Also vor allem, überall und immer die Autorität, auch im goldenen Zeitalter der Demokratie.

 

Die soziale Frage im Lichte der Bergpredigt

Soziales Manifest Jesu, des Sohnes Gottes: Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden als Erbteil das Land besitzen. Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig sind die Barmherzigen. Selig sind, die reinen Herzens sind. Selig sind die Friedensstifter. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden. Ihrer ist das Himmelreich. Aber wehe euch, ihr Reichen; ihr habt euren Trost. Wehe euch, ihr Satten; denn ihr werdet hungern. Wehe euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet trauern und weinen.

Das schönste Blatt für die Weltliteratur, ruft Einer! Ein Hohn auf praktische Kulturarbeit, höhnt ein Anderer, weltfremde Klostermoral, Spitalkost für Sterbende! Ein Evangelium für Bettler, Bankrotte, für Lungensanatorien und Armenhäuser, aber nicht für klassenbewußtes Zukunftsvolk, meint ein Sozialist. Sie sehen also, daß es nicht wahr ist, wenn behauptet wird, die Bergpredigt sei das Gemeingut aller Religionen, das hohe Lied der Reinheit und Freiheit der Religion von allem starren Dogma, von Kirchentum und Kirchenpolitik.

Sie sehen aber auch, daß die Bergpredigt keine Spruchsammlung ist für Goldschnittbücher. Sie ist etwas vom Radikalsten, was Christus gesprochen. De Maistre schrieb einmal: Ich wünschte, und wenn es mich auch vieles kosten sollte, die Wahrheit aufzufinden, die geeignet wäre, alle Menschen zu entrüsten: ich würde sie ihnen dennoch ins Angesicht sagen. In der Bergpredigt haben sie eine ganze Menge solcher Wahrheiten. Sobald Sie dieselben in ihrem vollen Gehalte erfassen, als geistige Weltgesetze vom neuen Sinai, als Weltgesetze, die zugleich das Weltgericht in sich bergen, dann erscheint den Gästen, die am Belschazarmahl der materialistischen modernen Kultur sitzen, eine Hand an der Wand und schreibt darauf ihre Mane, Thekel, Phares - gezählt, gewogen, geteilt! Die Bergpredigt mit ihren acht Seligkeiten enthält nicht nur einen Himmel voll Sterne, sondern auch einen Himmel voll Blitze - Sterne und Blitze, die auch ihr Licht werfen auf jene Frage, die wir die soziale nennen.

Hat Christus auf dem Berge Sozialpolitik getrieben? War überhaupt Christus sozial? Die Frage anders gestellt: Was hat die Bergpredigt mit Brotpreis und Wohnungsfrage, mit Fabrikgesetz und Versicherung zu schaffen? Scheinbar nichts, in Wirklichkeit alles. Man sagt, Christus habe sich nicht um soziale Probleme bekümmert. Nicht Zivilisation, sondern den Himmel habe er den Menschen bringen wollen. Was dem Kulturmenschen als das Höchste gelte, als höchste Pflicht und Aufgabe: Förderung von Bildung und Wohlstand, Rechtsordnung und Völkerverkehr, alles das werde in der Bergpredigt entweder stillschweigend oder ausdrücklich entwertet und zum Gegenstand gleichgiltiger Vernachlässigung herabgesetzt!

Der Christus der Bibel ist derjenige, durch den alles gemacht worden, das Leben und das Licht der Welt! Die Erde nach Johannes, Kap. 1, sein Privateigentum! Also Christus der Bergprediger der größte und einzige Großgrundbesitzer, der Inhaber aller Bergwerke und Wasserrechte, der König und Lehrer aller Architekten und Techniker, der Fürst aller Politiker und Diplomaten, trotzdem und gerade deswegen, weil sein Reich nicht bloß von dieser Welt!

Also sind die Worte vom Berge Worte eines mitten drin Stehenden, nicht eines Weltfremden. Sie müssen nicht nur fromm sein, sondern auch modern, nicht nur Predigt, sondern wirtschaftliches Gesetz, nicht nur seelenrettend, sondern auch soziale Notwendigkeit, wie alle Gesetze des Herrn. Die Bergpredigt ist ein soziales Manifest!

Selig die Armen im Geiste! Ohne diesen Satz gibt es keine gesunde Sozialpolitik! Er ist ihr Fundament. Das Wohl der Gesellschaft beruht nach Adam Smith, dem Vater des wirtschaftlichen Liberalismus, auf dem Nationalreichtum, nach Christus auf der Armut im Geiste, d.h. auf der Überwindung der irdischen Güter durch die Seele. Geist oder Geld? Das ist die Frage. Geld! antwortet der Kapitalismus, Geld auf dem Haufen. Geld antwortet der Sozialismus, Geld für Alle! Geist! antwortet das Christentum. Das Gleiche anders gesagt: Die Daseinsfrage lautet: Sein oder Haben? Der kürzeste Ausdruck der Wirtschaftspolitik unserer Gegner ist "Haben". Unser Programm heißt "Sein".

Unser Gott heißt Jehowa - Jahwe, d.h. derjenige, der da ist. Also der erhabenste Name - der Seiende, nicht der Habende! Das Ideal der Menschheit - der, der da ist, nicht - der, der da hat! So schreibt auch Schopenhauer: Immer kommt es darauf an, was Einer sei und demnach an sich selber habe.Wie das Land am glücklichsten ist, welches weniger oder keiner Einfuhr bedarf, so auch der Mensch, der an seinem inneren Reichtum genug hat. Also nicht Nationalreichtum, wie Smith gesagt hat, sondern Armut im Geiste, Herrschaft über die Erdengüter, wie Christus gesagt hat. Das ist so wahr, daß im Himmelreich der Mensch nur noch etwas gilt, insofern er ist, und nichts mehr, insofern er hat.

Verurteilt also der Bergprediger das Haben? Keineswegs! Verdammt das Christentum das Geld? Nein! Ist es ein Feind des Gewerbes und des Verkehrs? Durchaus nicht. Wir müssen arbeiten, auch um des Lohnes, des Geldes willen. Ohne Arbeit kein Geld. Wir brauchen Geld, um des Brotes willen. Ohne Geld kein Brot. Wir brauchen Brot, um des Lebens willen. Ohne Brot kein Leben. Wir leben um des Geistes willen. Ohne leibliches Leben hier auf Erden kein geistiges Leben. Also wäre die Stufenleiter diese: Arbeit, Geld, Brot, Leben, Geist. Durchs Haben zum Sein.

Alle Erfindungen, Entdeckungen, Maschinen, können vernünftigerweise nur den Endzweck haben, daß Menschengeist und Menschenseele besser, schneller, leichter, vollständiger wirken und herrschen. Bei der Arbeit stehen bleiben, Fanatismus für die Arbeit, wie er in allen Berufsständen vertreten ist, unaufhörliches Scharren und Schaffen, ist menschenunwürdige Sklaverei. Bei dem Geld stehen bleiben, fieberhaftes Haschen nach Reichtum und Festhalten desselben, steht auf gleicher Kulturstufe wie afrikanischer Fetischismus und wird in der hl. Schrift als ordinärer Götzendienst eingeschätzt. Beim Brote stehen bleiben, vom Vaterunser nur "der vierten Bitte Schrei" als Losung rufen durch das Land, in Modealbum und Speisekarte das Evangelium der letzten Tage erblicken, nur Wirtschafts- und Sozialpolitik treiben, um besser zu essen, zu trinken und zu schlafen, ist ein Standpuntkt für Unvernünftige, - ist Barbarei bei elektrischer Beleuchtung.

Neben der goldenen Wiege des wirtschaftlichen Liberalismus taucht auf das Gespenst der sozialen Not. Adam Smith reichte der Menschheit den goldenen Apfel des unchristlichen Kapitalismus und die Menschheit sah den Apfel. Und er Apfel war sehr schön zum anschauen. Und eine Stimme sprach: Selig die Reichen, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Inhaber von Aktien und Obligationen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die, die aus den Zinsen leben können, denn sie müssen nicht arbeiten. Selig, wer hat! Und die Menschheit aß vom goldenen Apfel. Und in dem Apfel saß der Tod.

Wir dürfen nämlich für das Erwerbsleben der Menschen folgendes Gesetz aufstellen: Je höher das Barometer des Geldes steht, desto tiefer steht das Barometer der Menschenwürde und der Menschenrechte. Im apostolischen Zeitalter, das noch ganz unter dem gewaltigen Eindruck der Bergpredigt lebte, stand das Barometer des Geldes am tiefsten. Es herrschte eine wahre Leidenschaft, zu geben. Äcker und Häuser wurden verkauft und der Erlös wanderte in die Armenkasse der Kirche. Damals, und nicht im Revolutionsjahr 1789 war es, wo das Barometer der Menschenrechte und der Menschenwürde am höchsten stand. Die Christen waren Brüder.

Im Mittelalter, unter dem Einfluß des christlich-germanischen Rechtes, hatten die Einzelnen und die verschiedenen Berufsstände eine Summe von Freiheiten und Rechten, wo wir froh sein müssen mit Brosamen. Es waren vielfach goldene Tage für den Handwerker und den gewerblichen Lohnarbeiter. Außerordentlicher Reichtum war selten. Das Eigentum galt als Gotteslehen, Gott als der einzige ausschließliche Eigentümer.

Sobald aber das Barometer des Geldes stieg, Judenwucher und kapitalistische Ausbeutung durch Handelsherren stärker wurden, die Wertschätzung des Besitzes zunahm, begann sofort das Barometer der allgemeinen Volkswohlfahrt zu fallen. Lebenshaltung und Lohn der Arbeiter sinken. Man lese nur einmal nach in Janssens Geschichte des deutschen Volkes.

Es kommt das 18. Jahrhundert und mit ihm der wirtschaftliche Liberalismus. Die Geldmacherei wird als höchstes Volksideal gepriesen. Das Barometer des Reichtums schnellt mächtig ermpor. Jenes der Menschenwürde erleidet einen gewaltigen Sturz, den größten seit 33. Denn das Evangelium des wirtschaftlichen Liberalismus lautete: Zuerst der Gewinn, dann erst der Mensch, dann erst die Persönlichkeit! Später trat die sogenannte Wirtschaft auf und sprach: Der Mensch ist nur ein höher entwickeltes Tier. Die Folge war: Das Barometer des Geldes erreichte seinen Höhepunkt. Der Geldmacher wurde gewissenloser Tyrann. Und die andere Folge war: das Barometer der Menschenwürde sank auf Null. Denn wer wissenschaftlich nur ein Tier ist, muß wirtschaftlich auch als das behandelt werden.

Ich sage nicht, daß diese Barometerschwankungen überall gleich plötzliche und gleich himmelschreiende waren. Ich konstatiere nur das Gesetz: je radikaler der Abfall von der Bergpredigt, je größer die Wertschätzung der materiellen Güter, desto kleiner der Mensch in seiner Gesamtheit, desto unfreier und rechtloser der Arbeiter, seine Frau und sein Kind.

Nun tritt der Sozialismus als Arzt auf. Der Sozialismus wird nie die Menschheit heilen, aus dem einfachen Grunde, weil er nicht Arzt ist, sondern Patient. Die soziale Frage ist entstanden, weil der ungläubige Kapitalismus nicht an die Seele glaubte, weder an die eigene noch an die der Arbeiter. Der Sozialismus, mag er im einzelnen noch so viele schöne Vorschläge machen, ist ein schlechter Pathologe. Er kennt den Menschen nicht und den Sitz der Krankheit nicht. Die soziale Frage muß vor allem innerlich gelöst werden und unter innerlich verstehe ich nicht - durch mehr Brot, Fleisch, Milch und Bier - sondern durch Pflege des ewigen Göttlichen im Menschen.

Alle sozialpolitische Weisheit muß also wieder anknüpfen an die Bergpredigt, d.h. an den Glauben von der Erhabenheit des Geistes über das Tote. Der neue Moses muß herabsteigen vom Berge, der das goldene Kalb zertrümmert. Der eigentliche Daseinskampf des modernen Menschen, hat einst der Rembrandtdeutsche geschrieben, ist der nicht materielle, sondern sittliche Kampf gegen das Geld. Er soll sich aber nicht ihm unterjochen. Für ihn handelt es sich hier um einen heiligen Krieg und zugleich um das höchste aller sozialen Probleme. In diesen hl. Krieg müssen wir ziehen und zwar muß die Sozialpolitik an drei Punkten angreifen, bei den Besitzenden, bei den Besitzlosen und bei den Arbeiterführern selber.

Die christliche Sozialpolitik muß eine Pädagogik, eine Erziehung der Reichen sein. Es gibt unter ihnen sehr empfindsame Naturen. Sie wittern hinter jeder Kritik der Besitzenden das Gespenst des Neides. Das ist einfältig. Wahrheitsdienst ist Liebesdienst. Und die Wahrheit kennt keine privilegierten Irrlehren und keine privilegierten Sünden. Sie darf auch kein Vorrecht der Armen sein. Ins Credo des Reichen gehören also folgende Glaubenssätze: Ich glaube, gestützt auf Matth. 19,23, daß es schwer ist für einen Reichen, in das Himmelreich einzugehen. Der Reichtum eine Gefahr! Ich glaube, daß derjenige, der 100.000 Franken sein eigen nennt, 100.000 Mal mehr Verantwortung und 100.000 Mal mehr Pflichten hat, als derjenige, der nur 1 Franken hat. Ich glaube, daß es dem Menschen nichts nützt, wenn er die ganze Welt besitzt, aber an seinem Geiste Schaden leidet. Ich glaube, daß die Seele meines Laufburschen, unserer Küchenmagd und Waschfrau mehr wert ist als alle meine Kapitalien. Ich glaube, daß jeder, der lebt, das Recht hat, zu leben; daß ferner jeder, der das Recht hat, zu leben, das Recht hat, menschenwürdig zu leben und somit das Recht auf menschenwürdige Nahrung, Kleidung und Wohnung. Ich glaube, daß das gesamte moderne Wirtschaftsleben vom Gedanken getragen sein muß, daß Geist über Geld und somit die erste der acht Seligkeiten die Grundlage des Völkerglückes ist!

Die christliche Sozialpolitik muß sodann auch die Arbeiterwelt einführen in das Verständnis der Bergpredigt. Armut der Hände und Armut des Geldbeutels, Armut, die aus zerbrochenen Scheiben und zerrissenen Schuhen herschaut, ist noch lange nicht das Ideal der Bergpredigt. Auch unter den Fetzen des Bettlers kann ein Herz schlagen voll wahnsinniger Liebe und Sehnsucht nach dem Reichtum. Auch ein Proletarier kann als Knecht vor dem goldenen Kalbe knien. Selig die Armen im Geiste! Selig, die mit christlichem Stolze von der Höhe ihrer Menschenwürde herabschauen können auf das Kapital! Armut im Geiste ist christlicher Stolz, Glauben an den inneren Reichtum, der keine weiße Krawatte und keine goldenen Manschettenknöpfe braucht, um etwas zu sein.

Das ist's, was wir unserm Arbeitervolk wünschen: Kopf hoch! Mehr Stolz! Du bist grad so viel als die Großen der Erde. Du bist mehr als das kalte Silber, das bleiche Gold und die schmutzige Banknote. Wirf Dich und Deine Menschenrechte nicht weg! Glaube an dich! Reich ist derjenige, der genug hat und das kann auch ein Taglöhner! Arm ist derjenige, der noch viel braucht und das kann auch ein Millionär. Reich ist derjenige, der ist! Mehr katholischer Stolz!

Es ist oft Brauch der Gegner und Andersdenkender, Geldsäcke als apologetisches Beweismaterial herbeizuschleppen, statistisch nachzuweisen, daß die Katholiken durchschnittlich ärmer seien und infolgedessen ihre Religion falsch. Die guten Herren täuschen sich. Sie haben keinen Hochschein von der Bergpredigt und ihrer Seligpreisung der Seienden und ihrem Wehruf an die Habenden.

Das Zurück zur Bergpredigt gilt schließlich auch allen denen, die als Führer in der sozialen Bewegung stehen. Es wird großes in der materiellen Fürsorge getan. Aber hüten müssen wir uns, daß wir nicht in den Fehler des Sozialismus fallen und wähnen, mit Organisationen, Unterstützungskassen und ein paar Gesetzen auf die soziale Frage die volle große soziale Antwort zu geben. Mit unseren Versuchen, den Menschen vor allem von außen her zu beglücken und zu bessern und ihn besonders durch materielle Wohlfahrt für die Wahrheit empfänglich zu machen, werden wir nie ans Ziel gelangen. Wir dürfen nie vergessen, daß die soziale Frage heute nicht anders gelöst wird als vor 1900 Jahren im römischen Weltreich, also in allererster Linie durch den Opferaltar, die Kommunionbank, den Beichtstuhl, die Kanzel.

Die Wiege der sozialen Gerechtigkeit und der sozialen Liebe steht nicht in den Parlamenten und nicht auf den Rednertribünen, sondern in der Kirche. Auf den Volksversammlungen wird die soziale Gerechtigkeit als Königin ausgerufen, in den Räten der Nationen wird sie gekrönt, aber im Schatten der Altäre wird sie geboren. Geist hat die Welt geschaffen und alle ihre Kräfte. Geist hat den Leib gebildet. Geist war der Schöpfer des ersten Paradieses. Abfall des Menschengeistes, Sündenfall des Geistes, brachte das materielle Elend in die Welt - Schmerz, Armut, Krankheit, Tod, Geist, gefallener Geist, riß die Menschheit in die soziale Not.

Geist, christlicher Geist wird sie erlösen. Geist, katholischer Geist, wird das Angesicht der Erde erneuern. Geist ist es, der lebendig macht. Das Fleisch nützt nichts. Das ist nicht nur religiöses, sondern auch wirtschaftliches Weltgesetz. Wenn wir, oben und unten, bis ins Mark der Seele katholisch sind, katholisches Bewußtsein in uns lebt, dann wird dieser katholische Geist auch wieder stark genug sein, sich den Leib eines neuen gesunden Erwerbslebens zu schaffen.

Das ist die soziale Frage im Lichte der Bergpredigt - das ist das soziale Manifest unseres Herrn. Sterne und Blitze, vom Berge niederleuchtend in Nacht und Tal. Mitternacht ist vorbei. Noch finster und viele schlafen. Aber bald tönt der Hahnenruf des neuen Tages. Der Morgen graut. Frührot glänzt im Osten über dem Berg der Seligkeiten. Hört! Der Herr betet das Morgengebet der neuen Zeit:

Selig, die durch den Geist das Geld überwunden, ihrer ist das Himmelreich.
Selig, die durch den Geist die Gewalt überwunden, sie werden als Erbteil das Land besitzen.
Selig, die durch den Geist den Pessimismus überwunden, sie werden getröstet werden.
Selig, die durch den Geist das Fleisch überwunden, sie werden Gott anschauen.

Und siehe! Eine neue Sonne geht auf - die Doppelsonne der sozialen Gerechtigkeit und Liebe. Frühglocken läuten. Die Bergpredigt hat die soziale Frage gelöst.

 

Der Wucher, der Vater der sozialen Not

Die Wurzel aller Übel ist nach Paulus die Habsucht. Die kapitalistische Habsucht und die proletarische Habsucht, die Habsucht der Besitzenden wie der Armen! Die Judaskrankheit, die Krankheit fast aller Ungläubigen und Abgefallenen und derer, die auf dem Wege sind, es zu werden! Das goldene Kalb, der Gott der Mehrheit! Selig der Mann, der dem Geld nicht nachläuft! Wer rein ist von allem Geiz. Der ist ein Heiliger! Kampf gegen die Habsucht ist eine Erstforderung des Christentums! Eine der heiligsten und brennendsten Pflichten des Tages! Alle Reformvorschläge Flickwerk, wenn nicht der Feind des menschlichen Geschlechtes, der Vater des Krieges und der sozialen Not, die Habsucht von oben und unten, überwunden wird!

Die Kinder der Habsucht - der Dieb, der Räuber, der Betrüger, der Wucherer! Der Schlimmste aber von allen vieren der Wucherer - Dieb, Betrüger und Räuber zugleich! Wer ist der Wucherer, der Erstgeborene der modernen Habsucht? Es ist derjenige, der die Notlage des Mitmenschen ausbeutet, der im Darlehens-, Kauf-, und Arbeitsvertrag als der Stärkere den Schwächeren vergewaltigt, um ihn auszuplündern.

Wer ist der Wucherer? Es ist derjenige, der die heiligsten Werte und Worte, Gott, Seele, Eigentum, Gerechtigkeit, Liebe, Menschlichkeit mit dem harten Gelde zudeckt. Wer ist der Wucherer? Es ist in der Regel der Räuber mit Zylinder und Glacé, der mit seiner geistigen und materiellen Überlegenheit denjenigen, der ihn notwendig hat, aus Gewinnsucht ausnützt.

Wer ist der Wucherer? Der häufigste und grausamste, der schändlichste und gefährlichste Verbrecher gegen das Eigentum. Wer ist der Wucherer? Nach mittelalterlicher und christlicher Auffassung ein Feind des Menschengeschlechtes, ein Ehrloser, einer, der nicht zu den Sakramenten zugelassen und kirchlich beerdigt weden darf. Nun gut, der Wucherer ist heute System und beherrscht die Produktion!

Wo sind die Wucherer? Zuerst im Darlehensverkehr. Man beutet diejenigen aus, die, ob arm oder vermögend, aus irgend einem Grunde gerade Geld nötig haben. Im alten Bunde war es Gesetz: Du sollst deinem Bruder weder Geld noch Früchte noch irgend ein Ding auf Zinsen leihen. 5 Mos. 23. 19. Wenn du Geld leihest meinem armen Volke, das bei dir wohnt, so sollst du es nicht drängen, wie ein Bedränger und nicht mit Wucher drücken. 2 Mos. 22. 25. Wer auf Wucher gibt und darüber nimmt, soll der leben? Nein! Er soll nicht leben! Da er all diese Greuel getan, soll er des Todes sterben. Ez. 18, 13. Für den neuen Bund betont Christus, der Vollender des Gesetzes: Leihet, ohne etwas dafür zu hoffen, so wird euer Lohn groß sein im Himmel. Luk. 6. 35.

So ist es also ausdrückliche Lehre der hl. Schrift, daß für das Darlehen als solches d.h. sowohl für den dargeliehenen Gegenstand als auch für den Akt des Darleihens bloß um des Leihens willen kein Zusatz gefordert werden dürfe. Weiß (Soziale Frage und soziale Ordnung. S. 756) glaubt mit aller Sicherheit betonen zu dürfen, daß die ganze Vergangenheit diese Lehre vom Zins als einen Glaubenssatz sowohl der Offenbarung wie des Naturrechtes betrachtet habe.

Benedikt XIV. sagt unumwunden, daß nach jedem Recht, nach dem Naturrecht, dem göttlichen und kirchlichen, nach der beharrlichen, einstimmigen und entschiedenen Lehre aller Kirchenversammlungen, Väter und Theologen darüber jeder Zweifel ausgeschlossen sei und daß jeder, der hierin widerspreche, nicht bloß der göttlichen Offenbarung, sondern auch dem gemeinsamen Glauben der Menschheit und der natürlichen Vernunft widerspreche. Die kirchliche Gesetzgebung ist in dieser Frage immer gleich geblieben und hat sich durch keine Unbeliebtheit und durch keinerlei Scheingründe je irre machen lassen. (Weiß a.a.O. 757). Die Zinslehre der Kirche fand erst im 16. Jahrhundert konsequenten Widerspruch. Der Vater des modernen Wuchertums ist Calvin. Auch hier ist der Protestantismus der Anfang vom Elend.

Was die Kirche beim Gelddarlehen immer zugelassen hat, ist nicht die Berechtigung eines eigentlichen, aus dem Darlehen selbst sich ergebenden Zinses, sondern die Berechtigung, für den aus der Bewilligung des Darlehens entstandenen Schaden eine entsprechende Vergütung zu verlangen.

Im Jahre 1838 erklärte Pius VIII, man brauche Beichtkindern, die allein gestützt auf die gesetzliche Erlaubnis einen mäßigen Gewinn für das dargeliehene Geld verlangen, absolvieren, ohne ihnen die Pflicht der Rückerstattung aufzuerlegen. Immerhin sei vorausgesetzt, daß die Betreffenden allfälligen späteren Entscheidungen der Kirche sich zu unterwerfen versprechen.

Daraus ergibt sich, daß heutzutage in der Regel der Darleihende für Risiko und entstehenden Schaden eine gewisse Entschädigung fordern darf. Dieselbe ist aber nicht Zins, nicht Frucht aus dem geliehenen Gelde, sondern nur sogenannte Interesse, Schadloshaltung.

Das geliehene Geld selber ist auch heute noch unfruchtar, weil es Geld ist und weil es geliehen wurde. Man kann nicht die Kuh weggeben und sie noch melken. Wer den Garten ausleiht, darf nicht mehr grasen.

Geld ist weder Kuh noch Garten. Es ist nicht lebendig, sondern tot. Es ist ein Tauschmittel und Wertmesser. Sodann ist geliehenes Geld im Besitz und Genuß des Leihenden. Die Mißachtung dieses innersten Wesens von Geld und Darlehen ist Wucher. Wucher ist jeder Zins, der um des geliehenen Geldes willen gefordert wird und nicht für erlittenen Schaden und Risiko.

Wucher ist jeder Zins, der nicht als mäßig bezeichnet werden kann. Wucher ist jeder Zins, der aus der persönlichen oder wirtschaftlichen Notlage des Mitmenschen herausgepreßt wird. Wucher ist jeder Zins, durch welchen die meisten modernen Riesenvermögen entstehen. Der Sozialist Proudhon hat alle Gerechtigkeit und Vernmunft über Bord geworfen, wo er das Eigentum als Diebstahl erklärte. Auch große Vermögen können gerecht und berechtigt sein. Aber das ist wohl richtig: Die meisten modernen Großvermögen sind Wuchervermögen und darum Raub und Diebstahl. Ihr Vater ist der unerlaubte Zins. Das ist kein sozialdemokratischer Gedanke. Das ist katholisch.

Wo sind die Wucherer? Zweitens im Handelsverkehr, bei den Kaufleuten. Der Preis einer Ware muß gerecht sein. Der Preis ist nicht eine rein kaufmännische, sondern auch eine Gewissensfrage, eine Frage des Hauptgebotes und des siebenten Gebotes. Der Preis muß sich richten nach dem wirklichen inneren und äußeren Wert einer Sache. Der Preis kann gewissen Schwankungen unterliegen. Er wird bestimmt durch Angebot und Nachfrage. Er mag auch etwas über die mittlere Marktlage hinauf- oder hinuntergehen. Sobald aber der Preis künstlich aus Gewinnsucht hinaufgetrieben wird, wird er zur öffentlichen Ausbeutung, zum Warenwucher. Die Monopolisierung der Waren, die sogenannten Trustbildungen, das Aufkaufen und Zusammenstapeln der Lebensbedürfnisse, um dann die Preise willkürlich zu diktieren, sind Wucherunternehmungen.

Eine der bedenklichsten Erscheinungen während des Weltkrieges ist das unheimliche Anwachsen der Neumillionäre. Es ist begreiflich, daß, wenn die Waren selten werden, die Preise steigen. es ist begreiflich, daß ein tüchtiger Kaufmann rascher zu Vermögen kommt. Aber es ist himmelschreiend, die Notlage eines Volkes oder Landes, der Menschheit überhaupt, auszunützen, um übermäßige Preise zu verlangen.

Die meisten Neumillionäre haben allen Grund, ihr Gewissen zu erforschen. An den meisten Millionen kleben Blut und Tränen des armen ausgebeuteten Volkes. Die meisten Neumillionäre sind Verbrecher. Sie gehören ins Zuchthaus. Ihr übermäßiger Gwinn gehört in Form von höchstgesteigerten Kriegssteuern zurück an die Gesellschaft. Es ist nicht recht, wenn man zur Zeit der allgemeinen Not und Teuerung reich wird. Das ist nicht sozialdemokratisch gedacht. Das ist katholisch.

Wo sind die Wucherer? Die dritte Klasse von Wucherern sind die Lohnwucherer. Die meisten Werte im modernen Arbeitsleben werden erzeugt durch das Zusammenwirken von Kapital und Arbeit. Das Kapital bedarf der Arbeit. Ohne das kein Gewinn. Der Arbeiter bedarf des Kapitals. Ohne das kein Lohn. Daraus ergibt sich, daß der Geschäftsgewinn je nach dem Maße ihrer Beteiligung beim Produktionsprozeß zwischen Kapital und Arbeit in angemessener Weise geteilt werden muß.

Steht der Lohn in gar keinem Verhältnis zum Ertrag des Geschäftes, so ist der übertriebene Gewinn des Unternehmens als Wucher zu brandmarken. Ein Betrieb, wo die Dividenden hoch und die Löhne tief stehen, ist ein Wucherbetrieb. Bereicherung aus solchen Aktiengesellschaften ist Bereicherung durch Raub. Der Verwaltungsrat gehört ins Zuchthaus. Das ist nicht sozialdemokratisch gedacht und gesprochen. Das ist katholisch! Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, daß alle Arbeitgeber Ausbeuter sind und darum morgen an den Galgen müssen! Aber wir anerkennen, daß Lohnwucher ein weitverbreitetes wirtschaftliches Laster ist und mit den schwersten Kerkerstrafen geahndet zu werden verdient.

Auch hier rettet uns allein der Katechismus! Der durch den wirtschaftlichen Liberalismus verschuldete öffentliche Abfall von der Moral des siebenten Gebotes hat die Menschheit an den Abgrund geführt. Der Liberalismus, die Wirtschaftspolitik des Räubers mit Zylinder und Glacé! Der Sozialismus hat die beiden Abzeichen des liberalen Herrentums abgelegt, aber dessen Natur beibehalten. Auch er ist in seinen letzten Zielen Sozialpolitik des Raubes. Wir besitzen den Mut, die Wahrheit nach oben und nach unten zu sagen und kümmern uns weder um Volksgunst noch Herrengunst. Die Wahrheit über alles und vor allem!

Das internationale Wettrennen nach wirtschaftlichen Reformen

Nichts ist zur Stunde schwieriger als die Zeiger an der Weltenuhr zu lesen. Die Gelehrten streiten, ob es Morgen, Abend oder Mitternacht sei. Wir halten es mit dem Sohne Amos: Es kommt der Morgen, aber auch die Nacht. Zuerst wird sozialistische Nacht sein, dann katholischer Tag.

Wie spät es aber auch immer sein mag, es ist die Stunde, wo wir vom Schlafe erwachen sollen. Der Hahnenschrei einer neuen Weltepoche dringt durch die verschlossenen Läden. Nach langer, stürmischer Fahrt rufen die Zukunftsschauer vom Mast: Land! Land! Die Feigenbäume schlagen aus. Der Sommer naht. Auf hohen Bergen künden die ersten Strahlenboten die Sonne. Gott spricht: Es werde Tag!

Sind wir bereit, das Nachtkleid der Finsternis abzulegen und die Waffen des Lichts anzuziehen? Sind wir entschlossen, die Sprache von morgen zu lernen und auf allen Gassen zu sprechen, die Sprache entschlossenen Willens zu geistiger Weltherrschaft katholischer Wahrheit? Wollen wir, die Mitläufer und Nachtraber von heute und gestern, die Wegmacher und Vorläufer der neuen Zeit sein?

Die Ehrlichkeit verlangt das Geständnis, daß wir noch immer in den Schlafkammern der Gemütlichkeit liegen. Wir verstehen das große, religiös-sittliche Reformprogramm, das die Kirche an die Spitze des Advents gestellt, noch nicht. Die Politik vermaterialisiert immer mehr. Ein Blick auf die Gegenwart zeigt als Wahrzeichen ein internationales Wettrennen nach wirtschaftlichen Reformen., wobei die Katholiken mit den Freimaurern und Sozialisten um die Palme streiten. An Stelle der großen Bußprediger wie sonst in den Zeiten der Völkerkatastrophen ziehen jetzt die Politiker und Demagogen durch die katholischen Länder. Unsere Zeit ist ein Advent, aber es fehlen die Johannes- und Eliasnaturen.

Das einseitige und übertriebene Betonen der wirtschaftlichen Reformen ist ein Zeichen kulturellen Zerfalls. Die katholische Kirche hat nicht nur nie die zeitliche Wohlfahrt der Völker gehemmt, sie hat dieselbe im Gegenteil mit allen Kräften gefördert. Sie will, daß die Menschen menschenwürdig leben auf Erden. Sie fordert, daß die Gerechtigkeit jedem das Seine gibt und macht mit dem Evangelium den Eintritt in das Himmelreich geradezu abhängig von den leiblichen Werken der Barmherzigkeit. Nach ihrer Moral weren alle Arbeitgeber verdammt, die den gerechten Lohn vorenthalten. Wer das soziale Rundschreiben Leos XIII. gelesen hat, weiß, daß die Fürsorge für das Arbeitervolk heilige Gegenwartspflicht ist.

Gegen was wir uns aber mit allem Nachdruck wenden, das ist die soziale Phrase, welche die wirtschaftlichen Reformen zur Erstpflicht, beinahe zum Einen Notwendigen stempelt. Das ist Haeresie! Das ist Irrlehre. Heute wie immer. Auch in den Zeiten gewaltsamer Umwälzungen und da erst recht muß jedes Ding an seinem Platze bleiben, das Gehirn oben, das Herz in der Mitte, der Magen unten. Ein Mensch, bei dem der Magen dort ist, wo bei Normalen der Verstand und das Gewissen, geht auf dem Wege der Vertierung.

Wenn man heute Mensch bleiben will, Gottes Ebenbild, dann muß der Kopf, die Regierung von Gottes Gnaden im Königreiche Mensch, seine unbedingte Vollmachtstellung bewahren, auch in Zeiten der Hungersnot. Zuerst menschenwürdig denken, dann erst menschenwürdig leben: Wehe, wenn der Magen nicht warten will, bis Vernunft, Gewissen, Religion gesprochen haben! Wehe der praktischen Arbeit, die der Theorie spottet. Sie verfällt mit der Zeit dem Fluch der Unvernunft und Unfruchtbarkeit.

Weil der Kopf an erster Stelle sein muß und Christus das Haupt der Welt ist, lautet die Grundforderung: Zurück zu Christus! Weil der sichtbare Stellvertreter Jesu Christi der Hl. Vater ist, lautet der Anfang aller sozialen Weisheit: Zurück zum Papst! Niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist. Wenn jemand behauptet, daß die wirtschaftliche Frage vor der religiösen Frage komme, der gehört in den Bann. Wenn Jemand sagt, daß außer der Kirche Heil ist, der lügt und die Wahrheit ist nicht in ihm.

Und nun, was sehen wir? Wenn man die aus der Not der Zeit geborenen sozialen Programme liest, wenn man die Reden hört, welche die Weltrevolution beschwören sollen, dann ist es auffallend, wie selten wir, auch wenn diese Programme Katholiken zu Urhebern haben, darin das Wort Christus, Kirche und Papst finden, die drei Worte, ohne die alle soziale Baumeisterei umsonst ist. Wir zählen 1922 nach Christus und wir denken, reden und schreiben, als ob Christus nicht geboren, die Kirche, die göttliche Gesellschaft zur Rettung der Menschheit, nicht gegründet und das Papsttum nicht gestiftet. Wir tun, als ob derjenige noch nicht gekommen, der da kommen muß, und als ob wir auf einen anderen warteten. Man sagt: Zuerst essen, dann philosophieren! Ich sage nein! Bevor die Völker essen, sollen sie beten! Ich glaube an Gott, Christus, Kirche. Zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit! Zuerst die katholische Wahrheit!

Man spricht so oft von Luftschloßbauerei. Aber wie einmal ein Amerikaner schrieb, muß zuerst immer ein Luftschloß vorhanden sein, ehe wir ein Schloß auf dem Erdboden haben, in dem wir leben können. Bei dem, der sich nur mit dem Bauen von Luftschlössern abgibt, ist wohl etwas nicht in Ordnung. Aber nicht das ist der Fehler, daß er zuerst aus Wahrheiten sich das Haus zusammenkonstruiert, sondern, daß er dann nicht weiter geht und es auf dem Boden verwirklicht. Er tut einen Teil der Arbeit und zwar den ersten und notwendigsten.

Es ist unkatholisch und unvernünftig, über die unpraktischen Ideologen herzufallen. Die Architekten sind wichtiger als alle Maurer, Handlanger und Pflasterbuben miteinander. Wenn man heute das Gebäude der sozialen Gerechtigkeit und Liebe aufrichten will, ohne die gottbestellten Archtekten des kirchlichen Lehr- und Hirtenamtes, wird sich Matth. 7, 27 erfüllen.

Die Winde blasen, die Wassergüsse kommen und stoßen an jenes Haus und sein Fall wird groß sein.

Pius X. hat es mit allem Nachdruck betont: In diesen Zeiten sozialer und geistiger Anarchie, wo sich Jeder zum Lehrer und Gesetzgeber aufwirft, muß man energisch daran erinnern: Man wird die Gesellschaft nicht anders bauen, als sie Gott gebaut. Man wird sie nicht aufrichten, wenn nicht die Kirche ihre Fundamente legt und ihre Arbeiten leitet.

Wie wir den Vorrang der religiösen Reform vor der wirtschaftlichen Reform betonen, so fordern wir auch den Vorrang der sittlichen Reform. Das Herz vor dem Magen! Wir machen den gleichen Fehler wie 1517 und 1789. Der Grundfehler des Protestantismus und der Revolution bestand darin, daß man das Übel in den bestehenden kirchlichen und staatlichen Einrichtungen gesucht hat und deswegen glaubte, mit der Zertrümmerung der kirchlichen und staatlichen Ordnung die Menschheit zu retten.

Der katholische Glaube sucht im Gegensatz zum Liberalismus, seinem Vater, dem Protestantismus, und seinem Sohn, dem Sozialismus, das Übel nicht außen, sondern innen, nicht in der gesellschaftlichen Ordnung, sondern im menschlichen Herzen. Die katholische Kirche, welche allein den Menschen kennt, sagt, daß alle Krankheiten von innen kommen, auch die sozialen und politischen Krankheiten der Völker. Weil alle Krankheiten von innen nach außen kommen, so muß auch jeder Heilungsprozeß den gleichen Weg einschlagen. Er muß von einer inneren sittlichen Bluterneuerung ausgehen, oder wie das Evangelium sagt, von der Buße, von der Bekehrung.

Die sogenannte Reformation war ein Unsinn, ein Unglück und eine Unmöglichkeit, weil sie diese Grundwahrheit nicht begriffen und statt mit inneren Mitteln der Selbstreform mit Schwert und Hammer die arme Menschheit kurieren wollte. Die französische Revolution und nach ihr alle andern Revolutionen, einschließlich die von 1918, ist ein Unsinn, ein Unglück und ein Verbrechen, weil das Übel im Blut der Menschheit liegt und es lächerlich und wahnsinnig zugleich ist, durch Zertrümmerung der Throne eine bessere Welt zu zimmern.

Weil die katholische Gesellschaftslehre überzeugt ist, daß die protestantische, liberale und soziale Diagnose falsch ist, verwirft sie jeden politischen und sozialen Umsturz als unvernünftig und zwecklos. Macht das Herz christlich, pflanzt ihm den Geist des Glaubens, der Liebe, der Geduld, der Gerechtigkeit, der Demut ein und es wird kein Magen sein auf Erden, der nicht auf seine Rechnung kommt.

Unter dem Eindruck der Umwälzungen von 1848 hielt Donoso Cortes jene Reden, welche das Staunen der Welt erregten. In einer dieser Reden bemerkte der geniale Staatsmann: Ich glaube mit der tiefsten Überzeugung, daß wir in eine Periode von Drangsalen eintreten. Alle Symptome weisen darauf hin, die Verblendung der Intelligenzen, die Aufgeregtheit der Geister, die gegenstandslosen Debatten, aber vor allem die Sucht nach ökonomischen Reformen. Wenn diese Sucht, wie sie alle erfaßt hat, die Geister mit sich fortreißt, wie sie es gegenwärtig tut, so ist das das sichere Anzeichen großer Katastrophen.

Keiner der Männer, welche die Unsterblichhkeit errungen, hat seinen Ruhm auf die wirtschaftliche Idee gegründet. Alle haben den Nationen die poilitische Wahrheit, die soziale Wahrheit, die religiöse Wahrheit zur Basis gegeben. Ich will nicht sagen, daß die Regierungen die ökonomischen Fragen vernachlässigen sollen. Ich bin nicht so leer an Vernunft und Herz, um mich zu einer solchen Übertreibung hinreißen zu lassen. Aber ich sage, daß jede Frage ihren bestimmten Rang einnehmen muß und daß diesen Fragen der dritte und vierte und nicht der erste Rang gebührt.

Man hat vorgegeben, daß in der Behandlung dieser Fragen das Mittel liege, den Sozialismus zu besiegen. Geben sie nur den ökomonischen Fragen den ersten Rang und ich prophezeie Ihnen, daß die sozialistischen Fragen auf den Straßen verhandelt werden. Man will den Sozialismus bekämpfen? Den Sozialismus bekämpft man nicht und diese Ansicht worüber noch vor kurzem die starken Geister gelacht hätten, ist für Europa und die übrige Welt nicht mehr lächerlich. Wenn man den Sozialismus bekämpfen will, muß man zu jener Religion seine Zuflucht nehmen, welche die Reichen in der Liebe, die Armen in der Geduld unterrichtet.

Gegen die Revolution und den Sozialismus gibt es nur ein radikales Heilmittel, der Katholizismus, der absolute Gegensatz der revolutionären und sozialistischen Theorie.

Was ist der Katholizismus? Weisheit und Demut. Was ist der Sozialismus? Hochmut und Barbarei.

Von katholischer Seite wurde dieser Tage erklärt: Wir sind nicht so töricht, daß wir das Reich Christi herbeizuführen trachten. Offen gesagt: Ich habe dieses Wort nich verstanden. Wir haben keine größere Aufgabe als das, was Benedikt XV. das soziale Reich Christi nennt, herbeizubeten und herbeizuführen. Es ist die Pflicht aller Regierungen und aller Völker. Der Weg zum Völkerglück aber geht vom Kopf zum Herzen, vom Herzen zum Magen, nicht umgekehrt. Ziehet an den Herrn Jesus Christus! Selbstreform! Reform der Geister und der Herzen! Die wirtschaftliche Reform ist die notwendige Folge der sozialen, die soziale der sittlichen, die sittliche der religiösen Reform.

Rerum novarum

Am 15. Mai des Jahres 1891 erschien die berühmte Enzyklika Leos des Dreizehnten über die "Arbeiterfrage". Es war, wie wenn uns Gott vor der Sündflut noch einen Propheten hätte schicken wollen, um die Menschheit zu retten. Diesmal lachte man nicht über die erbaute Arche. Man bewunderte sie als ein wissenschaftliches Meisterwerk. Sie lag in allen sozialen Bibliotheken. Aber die Ansätze zur praktischen Besserung waren nur vereinzelte und schüchterne.

Und nun sind wir, wenn nicht alle Zeichen trügen, am Vorabend der sozialen Sündflut angekommen. Wir werden sie nicht mehr aufhalten. Es ist zu spät. Auch alle Jubiläumsfeiern werden die Katastrophe nicht mehr abwenden. Vor 30 Jahren hätte man die Weichen noch anders stellen können. Jetzt, wo die Lokomotive der Revolution schon unter Volldampf steht und mit Eilzugsgeschwindigkeit daher rast, jetzt, "fünf Minuten" vor dem Abgrund, zieht man die Alarmsignale umsonst. Alle Bremsen versagen.

Wir reden trotzdem. Jetzt im Abendrot der untergehenden modernen Kultur erhält Rerum novarum die tiefste Bestätigung. Leo der Dreizehnte war der große Theoretiker. Es ist eine der Aufgaben des Papsttums, in den großen Augenblicken der Geschichte Wegweiser und Signale aufzustellen. Das war vorab die providentielle Mission des Lumen de Coelo, wie Leo der Dreizehnte in den Papstprophezeiungen heißt. Leo hat die katholische Theorie über die soziale Frage und ihre Lösung zusammengestellt.

Es ist zur Modesache geworden, auch in unseren katholischen Kreisen, über die Theoretiker und Systematiker zu lächeln. Daß wir aber in der katholischen Sozialpolitik nich trecht vorwärts kamen, hat seinen Grund nicht darin, daß wir unfruchtbare Luftschiffer waren, sondern vielmehr vor allem darin, daß wir zu wenig hoch geflogen sind, zu wenig allem Opportunismus zum Trotz vom allerhöchsten Standpunkt nach Frage 1 des Katechismus Sozialpolitik getrieben haben.

Das war die verfehlte Taktik, daß wir es nicht zuerst wie ein soziales Pfingsten von Feuer und Sturmesbrausen über uns herabkommen ließen. Wir kleine Depeschenfresser und Augenblickskrämer haben zu wenig Sinn und Begeisterung für das Große und Unsterbliche. Wir haben Rerum novarum, die wie ein Blitz vom Sonnenaufgang leuchtete bis zum Sonnenuntergang nicht gelesen, nicht studiert.

Der Rückblick mußte mit einer Beichte beginnen, mit einer Generalbeicht der Geistlichen, der Redatöre, der Staatsmänner, der Arbeitgeber wie der Arbeiter.

Was hatte der Papst mit dem Wirtschaftsleben sich zu beschäftigen? Die Frage bringt uns auf den Lebensnerv. Der Papst hat gesprochen und der Papst hat kraft seines Apostolischen Amtes gesprochen als Völkerlehrer. Die soziale Frage ist in ihrem innersten Wesen religiöser Natur. Sie kann nur im Lichte des ersten Glaubensartikels richtig gewürdigt werden.

Der moderne Gottesbegriff ist die Quelle aller sozialen Übel, wie er die Quelle aller religiösen und politischen Übel ist. Der moderne Gott ist vom Liberalismus pensioniert worden. Man hat ihm zuerst ein Departement nach dem andern und zuletzt die ganze Regierung abgenommen. Jetzt lebt er altersmüd als Gott a.D. im Ausdingstübchen irgendwo weit droben über den Sternen und überläßt die Theologie den Professoren, die Politik den Diplomaten, die Arbeiterfragen den Gewerkschaftssekretären und das Wetter den Meteorologen.

Der Gott der Bibel aber und der Gott der Vernunft ist derjenige, durch den Alles gemacht worden, das Leben und das Licht der Welt. Die ganze Erde sein Eigentum. Nach dem Dogma von der Erhaltung und Regierung der Welt gibt es niemand, der mehr am wirtschaftlichen Leben beteiligt ist, als unser allgegenwärtiger, allwissender, allmächtiger Gott. In ihm leben wir und bewegen wir uns und sind wir. Gott ist nicht weltfremd. Gott steht mitten drin, das Leben alles Lebendigen, der Motor aller Motoren. Die erste wirtschaftliche und soziale Tatsache ist die erste religiöse Tatsache!

Es ging ein Mensch von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber. Sie schlugen ihn wund, plünderten ihn aus und ließen ihn liegen. Hier haben wir die Entstehungsgeschichte der sozialen Frage. Wie ist die soziale Frage möglich geworden? Wie kam es, daß, um mit Leo zu sprechen, das Kapital in den Händen weniger angehäuft, während die große Menge verarmt? Wie kam es, daß wenige übermäßig Reiche dem arbeitenden Stande nahezu ein sklavisches Joch auferlegen konnten?

Nicht, weil der Menschen zu viele auf Erden lebten und zu wenig Weizen wächst. Nicht weil die Maschinen aufkamen und Hundertausende überflüssig machten. Nicht weil zu wenig Platz ist auf Erden. Die Erde ist groß und reich genug für alle. Und was die Maschine angeht, ist sie eigentlich dafür da, die Arbeit des Menschen zu verringern, zu erleichtern und zu verschönern.

Nicht das Eigentum ist schuld an allem. Der Papst weist mit überzeugenden Gründen darauf hin, daß die Abschaffung des Eigentums eine Welt von Bettlern, von Sklaven, von Anarchisten schaffen würde, alle Schaffensfreude, allen Fortschritt, alle Ordnung vernichtet. Der Sozialismus ist die Philosophie der Oberflächlichkeit. Er mag ein guter Agitator sein, aber er ist ein schlechter Denker und ein noch schlechterer Menschenkenner.

Warum haben wir trotz der reichen irdischen Güter eine Lohn-, Brot-, Milch-, Wohnungs-, Frauen-, Kinder- und hundert andere Fragen als traurige Nachkommenschaft der sozialen Frage? Weil die Nationalökonomen, die Staatsmänner, die Gesetzgeber, die Industrie und der Handel einen neuen Mittelpunkt für das Wirtschaftsleben suchten, das Geld an Stelle Gottes und der Seele setzen.

Nicht das Eigentum ist die Wurzel des Übels, sondern der schrankenlose, nach Niederreißung aller Dämme uferlos dahersichwälzende Geiz, der das Geld zum Mittelpunkt macht, vor ihm niederkniet und betet. Die Wurzel allen Übels ist der Geiz.

Der Sozialismus wirft der Kirche vor, sie sei der Hauskaplan des Kapitalismus, der gemeinsam mit dem Landjäger die Kassenschränke der Reichen zu hüten habe. Wenn einzelne Glieder des Klerus sich unverhältnismäßig mehr mit den Reichen als wie mit den Unbemittelten beschäftigen, so ist die Kirche dafür nicht verantwortlich. Wenn der Sozialismus aber gerecht sein will, dann muß er die Grundsätze der Kirche nach ihren offiziellen Kundgebungen beurteilen. Die Enzyklika Rerum novarum ist eine schlagende Widerlegung der sozialdemokratischen Phrase. Ich zitiere den einzigen Satz:

"Ein gieriger Wucher vergrößerte das Übel. Wenn auch die Kirche wiederholt dem Wucher das Urteil gesprochen, fährt ein unersättlicher Kapitalismus fort, denselben unter einer anderen Maske auszuüben. Produktion und Handel sind fast zum Monopol von Wenigen geworden."

Man kann nicht radikaler sprechen, ohne zugleich bei der Wahrheit zu bleiben, als der ehemalige Graf Joachim Pecci, Papst Leo der Dreizehnte. Die Kirche verteidigt das Eigentum. Sie verteidigt auch noch als sozial berechtigt einen gewissen rechtmäßig erworbenen und sittlich verwalteten Reichtum. Sie ist nicht gegen das Kapital schlechthin, aber sie ist gegen den modernen Kapitalismus. Und was ihr Ideal anbetrifft, ist es nicht wealth of nations (Nationalreichtum) wie Adam Smith gesagt hat, sondern Armut im Geiste, d.h. Herrschaft des Geistes über die Erdengüter, wie Christus gesagt hat.

Wer löst die soziale Frage? Der Sozialismus nicht. Der Sozialismus deswegen nicht, weil er kein Baumeister, sondern Zerstörer ist. Ich gebe es zu. Es gibt Sozialdemokraten, die Positives leisten. Es gibt auch im Sozialismus wie in jeder anderen Irrlehre Wahrheitskörner, Herübergenommenes, Geerbtes aus dem Wahrheitsschatze der Kirche. Aber der Sozialismus als solcher, als Ganzes ist destruktiv, anarchistisch, niederreißend.

Es kann eine Zeit kommen, wo Gott, um das Maß der Strafe über die empörerische Welt voll zu machen, den Sozialismus als Scharfrichter des modernen Kapitalismus, als Macht der Zerstörung sich ausleben lassen wird. Aber damit wird der Sozialismus seine Rolle ausgespielt haben. Der grundsätzliche Sozialismus kann nur in der Opposition und nie in der Regierung sein.

Wir haben es schon gesagt: Der Sozialismus ist die Philosophie der Oberflächlichkeit. Er ist ein schlechter Psychologe. Er kennt den Menschen nicht. Er kennt keine Seele. Er kennt die sieben tiefen Quellen des Bösen, die Hauptsünden nicht, die aus der kranken Seele strömend, alles soziale Elend geschaffen haben, den Hochmut, den Geiz, die Unkeuschheit, den Neid, die Unmäßigkeit, den Zorn, die Trägheit. Er verstopft diese Quellen nicht, kann es nicht und will es nicht, und ist naiv genug zu glauben, daß diese Quellen auf einmal im Zukunftsstaat versiegen und Paradieseströme werden.

Was nützt das Sozialistenparadies, solange der Mensch in seinem Innern diese sieben Schlangen nährt, die nicht ruhen werden, bis sie den Menschen wiederum aus dem Paradies verjagt haben! Will man ein Paradies auf Erden schaffen, dann muß man vor allem die Schlangen töten. Der Sozialismus täuscht sich, wenn er vielleicht in der sozialen Not nur eine Art chronischer Magenerkrankung oder epidemischen Hungertyphus sieht. Das Gift sitzt tiefer. Der Sozialismus, der das nicht weiß, kann nach dem Rundschreiben über die Arbeiterfrage nicht der Retter sein.

Wer löst die soziale Frage? Der Papst behandelt ausführlich die Aufgaben des Staates. Nicht als ob Leo der Dreizehnte viel vom modernen, liberalen Staate erwarten würde. Der liefert nur "Spengler- und Lackierarbeit". Ein Kind des Liberalismus, kann er nicht das Werk des Liberalismus von Grund auf zerstören.

Wir erwarten vielmehr unsere Hilfe, wie der Papst sich ausspricht, von jenem Staat, wie er durch die Natur und Vernunft und die Grundsätze der Offenbarung verlangt wird. Wir wollen keinen reinen Nachtwächterstaat. Der Staat soll arbeiten. Aber wir wollen auch keinen Polizeistaat, der mit seiner Bürokratie und Allerweltsregiererei alle persönliche Tatkraft tötet. Wir wollen einen Staat, der um der Menschen willen da ist, ritterlich das Schwache stützt, das Unrecht ahndet, das Gute fördert.

Der Papst und der Staat sollen den gleichen Ehrentitel führen: Servus servorum Dei! Der Diener der Diener Gottes! Diesen Staat zu schaffen ist unserer Männer Pflicht! Das unsere Nationalpädagogik! Wer über den Staat immer schimpft, aber nicht seine Pflicht tut und nicht Männer mit Enzyklikageist wählt, dem sollte man nach dem Rezept des alten Dessauers den staatsbürgerlichen Unterricht mit ungebrannter Asche auf die hintere Hosenpartie applizieren.

Wer löst die soziale Frage? Keiner allein. Alle miteinander. Es ist lächerlich, die Arbeiterfrage als eine Spezialfrage der Arbeiterschaft zu betrachten. Sie ist so gut wie die Handwerkerfrage, die Bauernfrage, die Mittelstandsfrage überhaupt, eine Lebensfrage der Gesamtheit. Es ist nicht wahr, daß die wirklichen Interessen des einen Standes den Interessen des andern Standes widerstreiten. Es ist nicht richtig, daß die Gesundheit eines Gliedes den andern Gliedern schädlich ist. Das ist nicht katholisch. Das ist nicht vernünftig. Das ist liberal. Das ist sozialistisch und antisozial.

Das Volk ist ein Organismus. Glieder sind keine Gegner und keine Konkurrenten. Darum müssen auch die Arbeitgeber an der Lösung der Arbeiterfrage arbeiten. Müssen! Nicht sollen, müssen! Die Menschen sind zu schlecht für eine solche Sozialpolitik, soll Bismarck einmal von den Raiffeisenkassen gesagt haben. Gut! Dann machen wir sie zuerst besser.

Predigen wir ihnen vor allem, daß Menschenseele, Menschenwürde und Menschenrechte höher stehen im Werte als alle Aktien und Obligationen. Erinnern wir sie an das, was der Papst und vor dem Papst im Auftrage des Hl. Geistes der Apostel Jakobus gesagt hat: "Der Lohn der Arbeiter, den ihr unterschlagen, schreit zu Gott, und ihre Stimmen dringen zum Herrn der Heerscharen (Jak. 5,4).

Das Rundschreiben behandelt schließlich die Selbsthilfe der Arbeiter. Ein Hauptmittel derselben die Organisation. Die Grundlage der Organisation ist die Religion. Eine Organisation ohne Religion wird bald eine Organisation gegen die Religion. Es hat seit 1891 nicht an Bestrebungen gefehlt, die von Leo dem Dreizehnten gehißte Fahne, die katholische Flagge, aus Opportunitätsgründen herunterzuholen und die verwaschene Fahne eines charakterlosen Interkonfessionalismus an ihre Stelle zu setzen. Die Geschichte hat bewiesen, wie scharf Leo auch hier geschaut hat.

"Der Verein verliert sein ursprüngliches Gepräge und kommt auf gleiche Linie mit jenen Bünden, welche die Religion aus ihren Kreisen ausschließen."

Wir klnnen und wollen in Einzelfragen gelegentlich mit den andern mitarbeiten. Aber wir wollen wir bleiben. Wir wollen auf eigenen Füßen gehen. Die Sozialpolitik ist uns ein Stück vom Glauben und von der Moral. Wir haben die Überzeugung, daß allein die von der Kirche verkündeten Grundsätze die Welt auch in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehung retten können.

Wir donnern gerne gegen das mühelose Einkommen. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Zuerst schwitzen, dann erst essen! Gut! So stehts in der Schrift. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, daß dieses Gesetz nicht bloß den Kapitalisten gesagt ist, sondern auch uns, daß es nicht nur im Geschäftsleben gilt, sondern auch in allen großen religiösen, politischen und sozialen Bewegungen. Wir denken da in Beziehung auf unsere Ideale oft ganz kapitalistisch. Wir wollen nicht begreifen, daß das Brot des Erfolges auch im Schweiße des Angesichtes verdient werden muß.

Es wird sehr oft behauptet, die Geduld sei keine Proletariertugend. Das ist wahr und nicht wahr. Ich gebe es zu, wenn man unter Geduld Stumpfsinn, faules Lazzaronitum versteht, Teilnahmslosigkeit gegenüber dem wahren Fortschritt. Diese Geduld hat mit dem Christentum nichts zu tun. Aber es gibt noch eine andere Geduld und diese ist geradezu eine Fundamentaltugend des katholischen Volkes: Es ist die Kunst des Warten-Könnens. Wer nicht warten kann, muß verrückt oder Anarchist werden.

Die Arbeiterenzyklika erschien im Mai. Damit ist ausgesprochen, daß die katholische Arbeiterbewegung ein Kind des Frühlings ist und nicht des Herbstes. Frühling aber ist Aussaat, Wachstum, Arbeit, Hoffnung, Abwarten. Der Herbst kommt auch noch einmal. Vorher noch ein heißer Sommer, wo wir im Schweiße unseres Angesichtes wirken müssen. Das Saaatkorn der Enzyklika wird allen Stürmen und aller Gleichgiltigkeit zum Trotz heranwachsen zur Reife.

Jetzt aber ist noch immer Frühling, Zeit der Pflugschar, Zeit des Furchenziehens durch die Erde. Das Oktoberfest des Erfolges mag schöner sein. Mitmachen und mitjubeln, wenn wir einmal siegreich heimkehren aus der Schlacht, ist leichter. Wir aber sind der Meinung, daß es verdienstvoller ist und ehrenvoller, schon am Tag bei der Arbeit zu sein und die Mühe und Last zu tragen, als erst eine Stunde vor Feierabend anzutreten.

Letztes Wort: Katholiken, die Fahne heraus aus dem Archiv! Die Enzyklika ist Fahne! Laßt sie flattern! Katholischer Geist, ihr Fahnenträger! Nach wieder 30 Jahren soll sie wehen auf allen Rathäusern, über allen Stätten der Arbeit, die Fahne der Gerechtigkeit und der Liebe! Im übrigen ahnen wir mit jedem Tage mehr, daß Gott sich die Lösung der sozialen Frage selbst vorbehalten - nach seiner Art. Das soll uns aber nicht hindern, als Knechte Gottes unsere Pflicht zu tun. Noe hat vor und nach der Sündflut gearbeitet.

Eine soziale Repetitionsstunde

Ein Fundamentstein, und das ist der erste Gedanke, mit dem die katholische Sozialbewegung steht und fällt, ist der katholische Gedanke der Charitas und Wohlfahrtspflege. Man spricht wohl viel von Liebe und es ist wohl niemals mehr von Liebe gesprochen worden als heute, und doch kann man sagen, vielleicht gibt es kein Zeitalter, wo es weniger Liebe gegeben hat als heute. An Stelle der Liebe herrscht der Rassenhaß und Klassenneid. Ja man kann sagen: die Sonne der Liebe ist untergegangen und wir stehen an ihrem Untergang; es wird Nacht. Man friert. Ich verweise Sie nur auf die heutige internationale Lage.

Die christliche Liebe hat Sonnenuntergang! Es ist immer Aufgabe der Kirche gewesen, den Menschen vergessene Aufgaben ins Gedächtnis zurückzurufen. Daß man den Nächsten lieben muß wie sich selbst, haben wir im Katechismus gelernt. Wir wissen es alle. Aber wir haben es alle ein bißchen vergessen, vor allem die Großen, die die Geschicke der Völker leiten.

Die Hauptaufgabe der Kirche, vorab die Aufgabe der Päpste ist es, in großen Zeiten der Weltgeschichte mit den Völkern der Erde die Katechismusfragen zu repetieren. Wir waren Zeuge der herrlichen Enzykliken Leos XIII. Wir waren Zeuge der sozialen Kundgebungen Pius X. Wir vernahmen die erste Enzyklika Benedikt XV.: Es sind die Repetitionsstunden, welche die göttliche Vorsehung über die Grundfragen der Menschheit mit den Völkern der Erde abhält.

Fortsetzung folgt

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Transkription: P. O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell