Die Ablässe - ihr Wesen und Gebrauch


Erster Theil.

Dogmatische und allgemeine Begriffe.

I. Begriffserklärung des Ablasses.(1) - Grundsätze

Das Wort indulgentia, womit die Kirchensprache den Begriff Ablaß(2) bezeichnet, kommt her von dem lateinischen Zeitwort indulgere, welchem kirchliche und profane Schriftsteller verschiedene, im Grunde jedoch sehr ähnliche Bedeutungen beilegen. Im gewöhnlichsten Sinne heißt es: mit Güte und Nachsicht behandeln, entgegenkommend und milde sein, verzeihen.(3)

Ein Fürst, der seinen aufrührerischen Unterthan aus der Haft freigibt, ein Gläubiger, der seinem Schuldner einen Theil der Schuld erläßt oder nachsieht, ein Hirt, der sein verirrtes Schaf beim Wiederfinden nicht schlägt, sondern auf die Schulter nimmt und zum Schafstalle zurückträgt, alle diese üben milde Nachsicht (Indulgenz). - In der Kirchensprache bedeutet Ablaß ebenfalls einen Akt milder Nachsicht und Barmherzikeit, eine von der Kirche bewilligte Nachlassung, Begnadigung, Vergebung. Die ältern Kirchenversammlungen und die Väter der ersten Jahrhunderte brauchen oft für Ablaß: pax, remissio, donatio oder condonatio, Friede, Nachlaß, Schenkung, Vergebung. Die Väter des Kirchenrathes von Trient gebrauchen (Sess. XXV. Decr. de Indulg.) den Ausdruck: "insigne hoc indulgentiarum nomen", einen ausgezeichneten Namen, d.h. eine hochehrwürdige Sache.

Worin besteht nun diese milde Nachsicht? Welche ist das eigentliche Wesen dieses gnädigen Nachlasses? Das muß erörtert wreden; und es wird leicht zu begreifen sein, wofern man sich einige Grundsätze vergegenwärtigt, welche in der katholischen Kirche als Glaubenswahrheiten gelten.

Erste Wahrheit. In jeder Sünde, die läßlichen sowohl als der Todsünde, unterscheidet die katholische Lehre zweierlei: die Schuld und die Strafe. Die Schuld oder die Beleidigung ist die durch die Sünde Gott zugefügte Unbild, in Folge deren der Mensch ein Gegenstand des göttlichen Mißfallens wird; die Strafe ist die Züchtigung, welche Gott auch bei Vergebung der Schuld über den Sünder zu verhängen das Recht hat. - Die Todsünde ist eine schwere Beleidigung Gottes; sie zerreißt die Bande, welche uns mit Gott, unserm Schöpfer, unserm letzten Ziele und höchsten Gute in der innigsten Weise vereinigten, und raubt uns mit der heiligmachenden Gnade, die das Leben und die Schönheit unserer Seele ausmacht, seine Freundschaft; die Strafe, welche sie nach sich zieht, ist eine ewige, in der Hölle zu erleidende, ohne Linderung und ohne Hoffnung auf Erlaß. - Die läßliche Sünde hebt die Freundschaft Gottes zwar nicht auf, stört aber doch das vollkommene Freundschaftsverhältniß zwischen Gott und dem Menschen, und verdunkelt den übernatürlichen Glanz der Seele; sie verdient keine ewige, wohl aber eine zeitliche Strafe. "Obwohl, sagt der Kirchenrath von Trient (6. Sitz. 2. Kap.), die Heiligen und Gerechten während dieses Lebens zuweilen in läßliche Sünden fallen, so hören sie doch deßhalb nicht auf, gerecht zu sein."

Die würdig empfangene sakramentale Lossprechung läßt, indem sie mit Gott versöhnt, die in der Todsünde liegende Schuld oder Beleidigung Gottes nach, und wandelt die verdiente Strafe in eine andere, gelindere um.(4) Dieser gnadenvollen Wirkungen kann sich der Sünder überall und zu jeder Zeit auch durch einen Akt der vollkommenen Reue oder der vollkommenen Liebe, der indeß wenigstens einschlußweise das Verlangen oder den Wunsch nach dem Bußsakramente in sich faßt, theilhaftig machen. (Kirchenrath von Trient 14. Sitz. 4. Kap.) Ewiger Dank sei dafür unserm Herrn, dessen Barmherzigkeit unendlich ist, und der den Stoff wohl kannte, aus dem er uns gebildet hat; nur vergessen wir nicht, daß die durch einen Akt der vollkommenen Reue schon erlassenen Sünden doch noch müssen gebeichtet werden. Die in der läßlichen Sünde liegende Schuld oder Beleidigung Gottes wird zwar in gleicher Weise auch durch die priesterliche Lossprechung vergeben, wenn die Reue sich auf dieselb erstreckt (5), kann aber auch außerhalb des Bußsakramentes durch einen Akt der Reue und durch andere Werke der Frömmigkeit und Liebe, welche entweder einen Akt der Reue in sich begreifen, oder aber uns einen solchen von Gott erlangen, getilgt werden, z.B. durch andächtiges Anhören der h. Messe, oder Abbeten des Vater unser, durch den frommen Gebrauch der Sakramentalien (6) u.s.w., welche uns die zur Nachlassung der Schuld erforderliche Liebe und Reue erlangen, oder in uns erwecken.

Zweite Wahrheit. Der Sünder kann beim Empfange der Lossprechung, oder indem er einen Akt der vollkommenen Liebe erweckt, vermittelst der göttlichen Gnade eine so innige Reue über seine Sünden, oder einen so vollkommenen Grad der Liebe haben, daß Gott ihm die Schuld und alle Strafen, die er verdient hat, die ewige und die zeitliche, gänzlich nachläßt (7), ähnlich wie bei der h. Taufe und dem Martertode; gewöhnlich aber ist die Rechtfertigung des Sünders nicht mit dem gänzlichen Nachlaß der seitens der göttlichen Gerechtigkeit geforderten Strafe verbunden. Es ist wahr, indem Gott dem Sünder seine Freundschaft wiedergibt, läßt er ihm zugleich die ewige Höllenstrafe nach, d.h. er steht ab von dem Rechte, das er hatte, ihn ewig zu verdammen; indeß unterwirft er ihn dafür zeitlichen Strafen, wodurch er, wie P. Bourdaloue bemerkt, seine Weisheit zugleich mit seiner Barmherzigkeit offenbart. Der Kirchenrath von Trient gibt im 8. Kapitel der 14. Sitzung, nachdem er gelehrt, daß Gott mit der Sünde nicht immer alle Strafen nachlasse, hiefür folgenden Grund an: "Und wahrlich scheint es auch die göttliche Gerechtigkeit zu fordern, daß Diejenigen, welche vor der Taufe aus Unwissenheit gesündigt haben, von ihm anders zu Gnaden aufgenommen werden, als Diejenigen, welche, einmal von der Knechtschaft der Sünde und des Teufels befreit, nach erhaltener Gabe des h. Geistes sich nicht scheuten, wissentlich den Tempel Gottes zu schänden und den h. Geist zu betrüben. Auch der göttlichen Güte geziemt es, daß unsere Sünde nicht so ohne alle Genugthuung nachgelassen werden, auf daß wir nicht, davon Anlaß nehmend, die Sünden gering zu achten, in noch schwerere fallen, und aufs Neue dem h. Geiste Schmach zufügend, Gottes Zorn für den Tag der Rache auf uns häufen."

"Auch die Sünden Derjenigen", sagt der h. Augustin, "denen du, o Herr, verzeihest, ließest du nicht ungestraft."(8) Mehrere Beispiele der h. Schrift beweisen diese Wahrheit, die übrigens durch den Kirchenrath von Trient auch an andern Stellen (9) klar ausgesprochen worden ist. Nachdem der König David sich durch Ehebruch und Mord schwer versündigt hatte, kam der Prophet Nathan, und hielt ihm seine Verbrechen vor, indem er ihm zugleich die vielen und großen Gnaden und Wohlthaten, welche der Herr ihm erwiesen hatte, lebhaft vor Augen stellte. David erkannte und bekannte in Demuth und Reue die Größe seiner Schuld. Der Prophet erwiderte: "Gott hat deine Sünde von dir genommen", kündigte ihm aber zugleich die zeitlichen Strafen an, welche Gott um dieser Sünde willen über ihn verhängt habe, nämlich daß der im Ehebruch erzeugte Sohn ihm sterben und anderes Unheil über seine Familie hereinbrechen werde; wie denn Dieses Alles auch wirklich geschehen ist. (Vgl. II. Kön. 12. 13. 14.)

Dritte Wahrheit. Die nach Vergebung der Schuld noch zurückbleibende zeitliche Strafe (10), welche auf die Sünde gesetzt ist, muß entweder in diesem Leben durch Werke der Genugthuung (poenis sponte a nobis pro vindicando peccato susceptis, wie der Kirchenrath von Trient im 9. Kapitel der 14. Sitzung sagt), oder in dem andern durch die Leiden des Fegfeuers getilgt werden. So lehrt es der Kirchenrath von Trient.(11).

Die Werke der Genugthuung, durch welche wir in diesem Leben die unseren Sünden gebührenden Strafen abbüßen können, sind nach demselben Kirchenrath (14. Sitz. 8. und 9. Kap.) folgende: 1. die freiwllig von uns übernommenen Bußwerke; 2. die vom Beichtvater im heiligen^Richterstuhle uns auferlegten Bußwerke; 3. alle von der Vorsehung über uns verhängten Züchtigungen, als da sind Krankheiten, zeitliche Unglücksfälle u.s.w., wofern wir sie mit Geduld und Ergebung ertragen. Durch diese beschwerlichen Werke "vermögen wir bei Gott dem Vater genugzuthun durch Jesus Christus", "in welchem wir leben, in welchem wir verdienen, in welchem wir genugthun, würdige Früchte der Buße wirkend". Durch die letzern Worte gibt der heilige Kirchenrath uns zu verstehen, daß unsere Werke, um genugthuend zu sein, in der Liebe vollbracht werden müssen, welche uns des Lebens Jesu Christi theilhaftig macht. Wären wir nämlich nicht im Stande der Gnade, so würden unsere Werke der Genugthuung aller genugthuenden Wirkung bei Gott entbehren, weil Gott, wie der englische Lehrer (Suppl. 3. q. 14. a. 2.) sagt, sie dann nicht annehmen würde. Indessen dürfen wir nicht denken, daß die im Stande der Todsünde verrichteten Werke, weil vor Gott weder genugthuend, noch verdienstlich für den Himmel, deßhalb für uns ganz ohne Nutzen seien; sie sind uns im Gegentheil sehr nützlich, ja, beziehungsweise (wenn nämlich Gott die Gnade der Bekehrung an die Ausübung solcher Werke der Barmherzigkeit u.s.w. geknüpft hat), sogar nothwendig, um das Auge der göttlichen Barmherzigkeit auf uns zu ziehen, um unsern beleidigten Gott zum Erbarmen zu bewegen, zu entwaffnen, und die Gnade der Bekehrung von ihm zu erlangen. - Der h. Thomas führt (Suppl. 3. part. q. 15. a. 3.) die Werke, wodurch wir Gott für unsere Sünden Genugthuung leisten können, auf drei zurück, auf Gebet, Fasten und Almosengeben. Nun aber können wir unter Gebet auch die Betrachtung, die geistlichen Uebungen, die geistliche Lesung, die Besuchung des hh. Altarssakramentes, die Anhörung der h. Messe u.s.w. verstehen; unter Fasten alle äußerlichen und innerlichen Abtödtungen; unter Almosengeben nicht allein alle leiblichen Werke der Barmherzigkeit, wie Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Kranke und Gefangene besuchen, Verwundete pflegen, Todte zum Grabe begleiten, sondern auch alle geistlichen Werke der Barmherzigkeit, als da sind Unwissende unterrichten, Sünder ermahnen, Betrübte trösten, des Rathes Bedürftigen guten Rath ertheilen, ungerecht Verfolgte beschützen, die Fehler Anderer ertragen, Unbilden verzeihen, für seine Feinde beten. Hiernach ist klar, daß jedes gute Werk, welches man im Stande der Gnade verrichtet, eine genugthuende Kraft besitzt.

Seien wir daher recht darauf bedacht, unsere Seele beständig durch das Band der Liebe mit unserm Herrn vereinigt d.h. in der Gnade Gottes zu erhalten, und möglichst viele gute Werke zu verrichten, damit wir auf diese Weise in reichlichem Maße Strafen tilgen können, die nach unserm Tode sehr empfindlich und vielleicht sehr langwierig sein werden.

Mit Hülfe der bisher dargelegten Wahrheiten gelangen wir nun ohne Schwierigkeit zum wahren Begriffe des Ablasses. Nehmen wir einmal an, jemand habe das Unglück gehabt, Gott zu beleidigen. War die Sünde eine Todsünde, die Schuld oder die der göttlichen Majestät zugefügte Beleidigung schwer, so hat dieser Mensch die heiligmachende Gnade verloren, und verdient, ewig gestraft zu werden; war die Sünde eine läßliche, so ist die Freundschaft Gottes nicht verloren und die verwirkte Strafe bloß eine zeitliche. Im ersten Falle läßt das Sakrament der Buße, oder ein Akt vollkommener Reue dem Sünder die Beleidigung, welche er Gott zugefügt hat, nach, söhnt ihn mit demselben wieder aus, und erlangt ihm zugleich Nachlaß der ewigen Strafe. Da nun aber an die Stelle der verdienten ewigen Strafe eine zeitliche tritt, so muß der Sünder, obschon er bereits mit Gott ausgesöhnt ist, diese zeitliche Strafe, wie soeben gesagt wurde, durch Werke der Genugthuung in diesem Leben, oder durch das Fegfeuer im andern Leben abtragen. (Kirchenr. v. Trient 6. Sitz. 30. Canon und 14. Sitz. 8. Can.) Nun, eben diese zeitliche Strafe ist es, die Gott - durch eine Wohlthat, deren Werth und Größe ich nicht auszusprechen vermag, und welche, wie P. Bourdaloue sagt, im Stande ist, den ganzen Neid der Hölle gegen die Menschheit zu erregen, - uns kraft der Ablässe nachläßt; der Ablaß ist nämlich nichts Anderes, als der Nachlaß dieser zeitlichen Strafe. In dem Augenblick, wo der Christ durch die Sünde sich von Gott trennt, könnte Gott auch ihn verlassen, und ihn der ganzen Strenge einer unerbittlichen Gerechtigkeit anheimgeben. Doch nein, statt dessen spricht er zu ihm: "Bekehre dich, und du wirst so die Schläge meiner Rache von dir abwenden!" Nicht genug; auch bezüglich der Buße, die an und für sich der sündigen Seele lange und schwere Genugthuungen auflegen würde, will der Herr sich seiner Rechte begeben; durch die Hand seiner Kirche (12) bietet er ihr Ablässe an, um das, was ihrer Genugthuung abgeht (13), zu ersetzen, um ihr die gänzliche Abbüßung der Sünde zu erleichtern, und so, ja ich darf es sagen, ihre Rechtfertigung vollkommen zu machen., (Siehe Bourdaloue, Predigt auf das Portiuncula-Fest, 3. Theil.)

Der Ablaß ist also nicht die Nachlassung der Sünde, er läßt weder Todsünden, noch läßliche Sünden, noch auch die ewigen Stafen nach; er bewirkt nicht die Rechtfertigung, im Gegentheil, er setzt sie voraus, und folgt erst auf sie. (14) Der Ablaß ist die Nachlassung zeitlicher Strafen, welche der Sünder bei der göttlichen Gerechtigkeit für jene Sünden noch abzutragen hat, die, was Schuld und ewige Strafe betrifft, ihm schon vergeben sind. Diese Nachlassung geschieht, indem uns die im giestlichen Schatze der Kirche niedertgelegten Genugthuungen Christi und der Heiligen zugewendet werden, und zwar außerhalb des Bußsakramentes, doch immer in Kraft der Schlüsselgewealt, d.h. durch Diejenigen, welche die Gewalt haben, diesen Schatz zu eröffnen und daraus zu schöpfen.

Um dieses letztere in sein volles Licht zu stellen, betrachten wir vorerst die Grundlage des Ablasses, oder mit andern Worten, die Quelle, aus welcher seine Wirksamkeit fließt.

(Fortsetzung folgt)


Die Ablässe, ihr Wesen und Gebrauch - Ein Handbuch für Geistliche und Laien, welche über die Ablässe und die mit Ablässen bereicherten Gebete, Andachtsübungen, Andachtsgegenstände, Bruderschaften und frommen Vereine Belehrung wünschen. - Nach dem Französischen des P. Antonin Maurel, Priesters der Gesellschaft Jesu, bearbeitet von P. Joseph Schneider, Priester derselben Gesellschaft und Consultor der hl. Congregation der Ablässe. Achte, von der h. Ablaßcongregation approbirte und als authentisch anerkannte Auflage. Paderborn. Druck und Verlag von Ferdinand Schöningh. 1884.


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell